„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Matthäus erzählt das Evangelium vom Karfreitag mit den Augen seines Glaubens.

Die Jesus verspotten, sind kaputter als er, offenbaren ihre Erbärmlichkeit, die Gottes Erbarmen herausfordert. Was andere im Bild des Jüngsten Tages ausmalen, sieht Matthäus schon jetzt geschehen: die Toten wachen auf aus dem Todesschlaf und leben bei Gott, weil Jesus mit seiner Liebe den Himmel aufgeschlossen hat.

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Ikone einer Kreuzigungsszene an der Schädelstätte (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 13. April 2001, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich grüße Sie mit einem Wort zum Karfreitag aus dem Evangelium nach Johannes 3, 16:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Wir werden heute die Geschichte vom Karfreitag nach dem Evangelisten Matthäus hören. Ein Evangelist verbreitet keine Geschichte des Schreckens und der Verzweiflung, sondern eine Frohe Botschaft. So unglaublich es klingt, der Karfreitag ist nicht nur ein trauriger Tag wegen dem, was Jesus angetan wurde. Er ist ein guter Tag wegen dem, was Jesus für uns tat. Lassen Sie uns in diesem Sinne den Karfreitag feiern!

Wir singen aus dem Lied 87 die Strophen 1-3:

Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten gemeinsam das Gebet, das Jesus am Kreuz gesprochen hat, Worte aus dem Psalm 22. Wir schlagen dazu das Gesangbuch unter Nr. 709 auf. Da stehen aber nicht alle Verse aus dem Psalm. Deshalb lesen Sie bitte alle Verse aus dem Abschnitt 709 im Gesangbuch, Satz für Satz. Ich ergänze nach jedem Ihrer Sätze weitere Verse aus Psalm 22.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

7 Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

17 Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

18 Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

25 Denn Gott hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Karfreitag – einer kommt im Tempo unserer Zeit nicht mit – ein anderer belächelt ihn müde. Karfreitag – einer gilt als Störfaktor im Betrieb – andere spinnen Intrigen. Karfreitag – einer ist am Boden zerstört – andere lachen ihn aus. Karfreitag – keiner ist ohne Verletzungen. Wer von uns ist verletzt und tut selber niemandem weh?

Du, Herr Jesus, wurdest verletzt, gequält, getötet. Du klagtest dein Leid dem Vater. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Karfreitag – trotz allem Guter Freitag. Denn dein Leid, Herr Jesus Christus, trennte dich nicht vom Vater. Dein Leid zerstörte deine Liebe nicht. In deinem Leid finden wir deine Liebe.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, lehre uns schauen mit Augen des Herzens. Rühre uns an mit den Bildern des Karfreitags – aber nicht so, dass wir geschockt und wie gelähmt uns abwenden müssen. Lass uns in deinem Tod das Leben spüren – deine Liebe, die ohne Ende ist, Jesus Christus, unser Herr. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 27, 33-54:

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte,

34 gaben sie ihm [Jesus] Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.

35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.

36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe

40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!

41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:

42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.

43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia.

48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.

49 Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

50 Aber Jesus schrie abermals laut und hauchte seinen Geist aus.

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf

53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 77 die Strophen 3 bis 5 und 8:

Um Drei hat der Gottessohn Geißeln fühlen müssen; sein Haupt ward mit einer Kron von Dornen zerrissen; gekleidet zu Hohn und Spott ward er sehr geschlagen, und das Kreuz zu seinem Tod musst er selber tragen.

Um Sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen, an dem er sein Blut vergoss, betet mit Wehklagen; die Zuschauer spott’ten sein, auch die bei ihm hingen, bis die Sonne ihren Schein entzog solchen Dingen.

Jesus schrie zur neunten Stund, großer Qual verfallen, ihm ward dargereicht zum Mund Essigtrank mit Gallen; da gab er auf seinen Geist, und die Erd erzittert, des Tempels Vorhang zerreißt, und manch Fels zersplittert.

O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden, dass wir dir stets untertan Sünd und Unrecht meiden, deinen Tod und sein Ursach fruchtbar nun bedenken, dafür, wiewohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, die Geschichte vom Karfreitag ist keine historische Reportage und keine Horrorgeschichte. Matthäus erzählt eine Glaubensgeschichte. Er erzählt, weil er an Jesus glaubt, die Frohe Botschaft des Karfreitags. Und das, obwohl Jesus einen grässlichen Tod stirbt, an einem Ort mit grauenvollem Namen:

33 [Sie kamen] an die Stätte … mit Namen Golgatha, das heißt Schädelstätte…

Wie kann Matthäus vom Ort der Totenköpfe ein Evangelium erzählen, eine Frohe Botschaft? Golgatha, Schädelstätte, es ist, als ob das der Name unserer Erde wäre – die Erde, ein riesiger Friedhof, für Opfer von Kriegen, Krankheiten und Gewalt, ein Ort, an dem alle sterben müssen, Menschen und Tiere, und manche viel zu früh. Aber Matthäus verlangt nicht von uns, dass wir alles Leid der Welt betrachten und auf uns laden. Seine Frohe Botschaft vom Karfreitag beginnt damit, dass er uns an einem ganz bestimmten Ort unserer Erde führt, der Schädelstätte heißt, und genau hinschauen lässt, was da für uns geschieht.

34 [Sie gaben Jesus] Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.

Matthäus erzählt als einziger von diesem Wein mit Galle. Sie quälen den Erschöpften mit seinem ohnehin schon quälenden Durst, indem sie ihm scheinbar etwas Gutes tun. Und Jesus? Er ist ganz Mensch in dieser kleinen Szene, schwebt nicht als Halbgott über den Dingen, fühlt, was man ihm antut. Er weiß nicht vorher, was man ihm an seine Lippen hält, und als er es schmeckt, trinkt er nicht heldenhaft den galligen Wein. Galle im Wein – das ist auch ein Symbol für das, was folgt. Erfrischender belebender Wein wird vergiftet durch die bittere Galle der Missgunst gegen diesen Menschen, der zu gut ist für diese Welt.

Von der Kreuzigung selbst teilt Matthäus keine einzige grausame Einzelheit mit. „Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten…“ – so knapp, nur im Nebensatz sagt Matthäus, was man Jesus antut. Den Erfindungsreichtum, mit dem die Römer ihre Feinde zu quälen verstanden, würdigt er keines Wortes. Dies ist kein Drehbuch für einen Horrorfilm.

35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.

Die kleinen Dinge erwähnt Matthäus, hier das Würfeln um die Kleider Jesu. „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand“, so hatte es schon im Psalm 22 gestanden, und Matthäus will sagen: Wie im Psalm wird auch Jesu Klage mit dem Lobpreis für Gottes Hilfe enden – obwohl jetzt nur Schreckliches zu sehen ist. Unser Paulusfenster zeigt die Würfel, mit denen die Soldaten um die Kleider Jesu spielen. Er ist noch nicht tot, aber seine Habseligkeiten werden schon verteilt. Man kann mit ihm umspringen, wie man will. Da hängt der Allmächtige, verkörpert in seinem Sohn, scheinbar ohne jede Macht.

36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

Das erstaunt mich. Warum bewachen sie einen Menschen ohne Macht? Sicher nicht, um ihn zu beschützen. Haben sie trotz allem Angst vor der Macht dieses Machtlosen?

37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

Vieldeutig ist die berühmte Abkürzung aus dem Kreuzworträtsel: INRI. Jesus von Nazareth – Judenkönig. Sie meinen es als Spott – und als Schuldvorwurf. Hier hängt Jesus, der erfolglose Revolutionär, der Möchte-gern-König. Für Matthäus ist es wahr: Jesus ist König der Juden. In ihm werden die Hoffnungen dieses kleinen, verachteten Volkes wahr, und zwar wahr für alle Welt.

Allerdings nur mit Augen des Glaubens sieht man das – denn Jesus sieht nicht aus wie ein Herrscher:

38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

Der soll uns etwas zu sagen haben, der zwischen zwei hergelaufenen Räubern gekreuzigt wird? Ein sterblicher Mensch wie wir, den man in einen Topf mit Kriminellen wirft, soll Gottes Sohn sein? Ihm zur Seite hat man den menschlichen Abschaum an zwei andere Kreuze gehängt, wie die Minister seiner königlichen Hoheit!

Die Reaktion der Dabeistehenden ist daher auch kein Wunder:

39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe

40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!

41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:

42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.

43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

Man kann Jesu Leib zerstören. Trotzdem sind diese Menschen, die Jesus verspotten, kaputter als er, kaputt in ihrer Seele. Indem sie an dem Wehrlosen etwas auslassen, was sie vielleicht selbst erlitten haben, offenbaren sie ihre ganze Erbärmlichkeit – Erbärmlichkeit, die Gottes Erbarmen herausfordert.

Ich denke, ich würde niemanden so beschimpfen. Aber die Angst davor, selber so machtlos zu sein, kann ich schon begreifen. Werde ich vielleicht selber zum Opfer, wenn ich für ein Opfer eintrete, wenn ich nicht mit den Wölfen heule? Auch der Zweifel an Gottes Macht liegt so nahe: Warum kann Gott Jesus denn nicht retten? Warum kann Jesus denn nicht vom Kreuz herabsteigen?

Für Matthäus spitzt sich hier eine Entscheidung zu. Entweder wir lernen es, Gott in Jesus zu erkennen, der nicht vom Kreuz steigt, der wirklich und wahrhaftig Mensch ist, der nicht mit Zauberkräften die Gesetze der Natur außer Kraft setzt, auch nicht die Gesetze der menschlichen Natur. Oder wir sind Gaffer unter dem Kreuz und schütteln den Kopf – wie, das soll Gottes Sohn sein? Der soll uns helfen? Für Matthäus steht oder fällt mit dieser Entscheidung unser Leben und die ganze Welt.

Wäre Jesus wirklich nicht Gottes Sohn, dann hätten die Römer nur einen weiteren selbsternannten Messias ums Leben gebracht, man hätte ihn längst vergessen. Aber ist Jesus wahrhaftig Gottes Sohn, dann hängt Gott selbst am Kreuz, wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. Damit spricht sich unsere Menschenwelt selbst das Todesurteil. Wir töten Gott – wir töten den Sinn unseres Lebens. Wir räumen die Liebe aus dem Weg. Was das bedeutet, erzählt Matthäus im Bild der Sonnenfinsternis:

45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

Bis zur Todesstunde Jesu wird es dunkel im ganzen Land. Wo das Licht der Welt getötet wird, herrscht Finsternis. Es war wahrscheinlich keine astronomisch nachweisbare Sonnenfinsternis – das wäre ja fast so ein Wunder gewesen, wie es die Hohenpriester gefordert haben, ja, dann werden wir an ihn glauben. Nein, äußere Beweise gibt es nicht dafür, dass Jesus Gottes Sohn ist. Die Finsternis ist in den Menschen, sie herrscht in unserem Zusammenleben, wo man mit einem Menschen so umspringt wie mit Jesus. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen: die Finsternis beginnt nicht mit dem Tod Jesu, sondern der Tod Jesu steht am Ende der Finsternis, die in den Köpfen und im Verhalten der Menschen herrscht.

Die neunte Stunde kommt, drei Uhr nachmittags:

46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ist das der Tiefpunkt der Finsternis? Ist es nun auch in Jesu Herz dunkel geworden, ist sein Vertrauen am Ende, ist er verzweifelt? Er ist am Ende, er weiß menschlich nicht weiter. Doch es ist nicht ganz finster in ihm, sein Vertrauen trägt ihn trotz allem – er wendet sich mit seiner Klage an den Gott, der ihn verlassen hat. Er betet Worte, die er als Jude auswendig kann: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Man kann am Ende sein und muss sich nichts vormachen, man kann genau das Gott entgegenschreien – ein ehrliches, tiefes Gebet. Auch das nimmt nur das Auge und Ohr des Glaubens wahr. Die Menschen unter dem Kreuz spekulieren, was ein Sterbender da wohl Merkwürdiges zusammenfaselt:

47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia.

48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.

49 Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

„Eli“, hat Jesus gerufen, auf hebräisch „mein Gott“. Er wird wohl den großen Propheten Elia um Hilfe anrufen, denken die Soldaten. Einer hält ihm auf einem Stock einen Schwamm mit Essig hin, mit einem Anflug von Mitleid, auch diesen Essigschwammstock sehen wir auf unserem Paulusbild. Nach drei Stunden der Finsternis geht einer ein wenig in sich, und der Sterbende tut ihm leid. Doch Mitleid allein vertreibt nicht die Finsternis in den Herzen aller Menschenquäler. Sie halten ihn zurück und machen weiter mit ihrem Spott. Warte doch ab, lass Elia kommen und ihm helfen!

50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

Jesus schreit vor Schmerz, klagt ein letztes Mal, ganz Mensch, ganz Fleisch und Blut. Dann haucht er den Geist aus, den Atem, den Gott uns Menschen eingehaucht hat. Dieses Bild des Todes Jesu erinnert an eins der ersten Bilder der Bibel, an Adam. Adam heißt Erdling, Adam ist der aus Erde Gemachte, der wieder zu Erde werden muss, nur Gottes Atem, den er uns leiht, erweckt uns zum Leben. Menschlich gesehen, biologisch, ist hier der Lebensweg Jesu am Ende. Wenn hier noch Hoffnung sein soll, neues Leben, kann nur Gott selbst Hoffnung und Leben neu erwecken.

Mit dieser Hoffnung auf Gott endet die Finsternis auf der Erde. Der Augenblick, in dem Jesus stirbt, verändert alles:

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

Das können wieder nur die Augen den Glaubens sehen. Hinter dem Vorhang im Tempel war das Allerheiligste verborgen – nur der Hohepriester durfte da hin, nur er durfte in direkten Kontakt mit Gott selbst treten. Dieser Vorhang muss zerreißen, wenn der Hohepriester selbst Beihilfe zum Mord an Gott geleistet hat. Gott bleibt nicht hinter Tempelvorhängen oder Kirchenmauern eingeschlossen, sondern hier, auf der Schädelstätte, ist Gott zu finden – und überall da, wo man Menschenkinder tötet.

Dann malt Matthäus aus, was kein anderer erzählt:

52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf

53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

Als Reportage von historischen Tatsachen gäbe das keinen Sinn: da wachen Tote in ihren Gräbern auf und kommen erst drei Tage später, nach der Auferstehung Jesu, in die Stadt Jerusalem. Davon hört man aber in den Osterberichten kein Wort. Schauen wir also auch diese Bilder mit anderen Augen an. Matthäus benutzt die Phantasie seines Glaubens, um uns diese Karfreitagsbotschaft mitzuteilen: Wenn man mit Jesus tatsächlich Gott töten will und wenn Gott sich das antun lässt, dann kehrt Gott das Böse ins Gute um. Der Mordversuch an der Liebe Gottes kann nicht gelingen. Gerade am Kreuz bewährt sich Jesu Gottvertrauen und seine Liebe zu den Menschen. Er hat Erbarmen mit den Erbärmlichen und stirbt mit einem Schrei zu Gott auf den Lippen. Paul Gerhardt, in seinem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“, singt von einem solchen Sterben: „Wer so stirbt, der stirbt wohl“. Im Vertrauen auf ihn, der so gestorben ist, kann jeder Mensch sinnvoll leben und selig sterben.

Das ist es, was Matthäus so gewaltig beschreibt: Da bebt die Erde in ihren Grundfesten, die Erde ist nicht mehr nur Symbol für den Tod, Erde zu Erde, sondern sie bringt neues Leben hervor – Felsen spalten sich, Gräber öffnen sich. Matthäus sieht das, was andere erst im Bild des Jüngsten Tages ausmalen, schon jetzt geschehen: die Toten wachen auf aus dem Todesschlaf und leben bei Gott, weil Jesus mit seiner Liebe den Himmel aufgeschlossen hat. Ich bin sicher, es sind keine lebenden Leichname durch Jerusalem gewandelt, sondern nach der Auferstehung Jesu wächst die Zuversicht, dass der Tod für niemanden das endgültige Aus bedeutet. Wer nach Ostern in der Heiligen Stadt Jerusalem auf die Auferstehung Jesu vertrauen lernt, dem werden offenbar nicht nur Erscheinungen des auferstandenen Jesus geschenkt, sondern einige sehen auch vor dem inneren Auge ihres Glaubens ihre verstorbenen Angehörigen – wie sie durch Christi Liebe auferweckt sind und bei Gott das ewige Leben haben. So blickt Matthäus in der Erzählung von der Kreuzigung schon auf Ostern voraus – im Sterben Jesu aus Liebe ist der Tod schon überwunden.

Einige sehen das sogar schon jetzt, sagt Matthäus, und zwar ausgerechnet die, die Jesus ans Kreuz genagelt haben.

54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Das sind die gleichen Männer, die vorher ihren Spott mit Jesus getrieben hatten. Das Erdbeben, das sie bemerken, spielt sich auch in ihrem Innern ab. Ihnen wird schlagartig bewusst, wen sie gequält und getötet haben. Sie sind zu Tode erschrocken, wie wir sagen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder das ist das Letzte – sie haben den Sohn Gottes getötet, sie haben die Chance verscherzt, ihn zu retten, an ihm Liebe zu üben, sie sind verloren und bleiben verloren. Oder das Gegenteil ist wahr: sie sind die ersten, die die Liebe dieses Toten erfahren, der den Tod überwunden hat. Vielleicht sind sie nicht zum Tode erschrocken, vielleicht erschrecken sie zum Leben. Sie lassen sich anrühren von der Liebe dessen, den sie umgebracht haben, lassen sich herausreißen aus ihrer Erbärmlichkeit durch das Erbarmen des Gekreuzigten, sie beginnen damit, die Finsternis aus ihrem Leben zu vertreiben. So verkünden die Soldaten die Frohe Botschaft des Karfreitag: „Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 85 die Strophen 1 und 9 und 10:

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Gott, lass uns den Karfreitag zu Herzen gehen, nicht als Tag der ausweglosen Trauer, sondern als Tag der Überwindung des Todes. Öffne uns die Augen, überall, wo wir mit Leid und Angst und Tod konfrontiert sind, dass wir erkennen: du leidest mit und stirbst mit. Hilf uns auch unser eigenes Kreuz tragen. Hilf uns beim Klagen, dass wir unser Vertrauen nicht verlieren, und hilf uns zum Danken, wenn wir glückliche Stunden erfahren und Bewahrung.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Zum Schluss singen wir aus dem Lied 91 die Strophen 5 bis 6 und 8 bis 9, ein Dankgebet an Jesus für das, was er am Karfreitag für uns getan hat:

Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden: so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, die Weisheit Gottes.

Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde.

Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten, wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten, du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder, schaltst auch nicht wieder.

Unendlich Glück! Du littest uns zugute. Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute. Du hast mein Heil, da du für mich gestorben, am Kreuz erworben.

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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