Jakob und die Engel Gottes

Gott kann auf krummen Linien gerade schreiben. Trotz Betrugs und Diebstahls, trotz schwerer Familienkonflikte und eines drohenden Stammeskrieges ist alles noch einmal friedlich ausgegangen. Im Rückblick wird Jakob bewusst, dass ein ganzes Heerlager von Gottes Engeln ihm beigestanden hat, damit es nicht zum Krieg mit seinem Onkel Laban kommt und er ihm die Früchte seiner Arbeit lässt.

Statue eines männlichen starken Engels

So stark stelle ich mir die Engel vor, die Jakob zur Seite standen (Bild der Statue: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, den 13. Oktober 2013, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel mit dem Einzug der Tauffamilien

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Taufgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur kommenden Woche aus dem Buch Micha 6, 8:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Besonders herzlich heißen wir heute zwei Tauffamilien mit ihren Patinnen und Paten in unserer Mitte willkommen: Wir wollen nämlich … und die beiden Schwestern … taufen.

Die Lieder und Texte im heutigen Gottesdienst haben alle mit Engeln zu tun. Das Thema der Predigt lautet: „Jakob und die Engel Gottes“. So können wir uns darauf besinnen, wie Gott mit unsichtbaren und sichtbaren Mächten unsere Welt beeinflusst und ob vielleicht auch wir und unsere Kinder von den Engeln Gottes umgeben, behütet und herausgefordert werden.

Wir singen aus dem Lied 331 die Strophen 1 bis 3 und 5, in denen die Himmelsheere der Engel, Cherubim und Seraphinen, vorkommen:

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

2. Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh: »Heilig, heilig, heilig!« zu.

3. Heilig, Herr Gott Zebaoth! Heilig, Herr der Himmelsheere! Starker Helfer in der Not! Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von deinem Ruhm; alles ist dein Eigentum.

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 148:

1 Halleluja! Lobet im Himmel den HERRN, lobet ihn in der Höhe!

2 Lobet ihn, alle seine Engel, lobet ihn, all sein Heer!

3 Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne!

4 Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel und ihr Wasser über dem Himmel!

5 Die sollen loben den Namen des HERRN; denn er gebot, da wurden sie geschaffen.

6 Er lässt sie bestehen für immer und ewig; er gab eine Ordnung, die dürfen sie nicht überschreiten.

7 Lobet den HERRN auf Erden, ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres,

8 Feuer, Hagel, Schnee und Nebel, Sturmwinde, die sein Wort ausrichten,

9 ihr Berge und alle Hügel, fruchttragende Bäume und alle Zedern,

10 ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel,

11 ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden,

12 Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!

13 Die sollen loben den Namen des HERRN; denn sein Name allein ist hoch, seine Herrlichkeit reicht, so weit Himmel und Erde ist.

14 Er erhöht die Macht seines Volkes. Alle seine Heiligen sollen loben, die Kinder Israel, das Volk, das ihm dient. Halleluja!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Großer Gott, im Psalm werden wir aufgefordert, dich zu loben mit allen Engeln und allen Geschöpfen. Doch wir sind oft nicht bereit zu diesem Lob. Geht es uns gut, erscheint uns unser Wohlergehen manchmal allzu selbstverständlich. Widerfährt uns Krankheit und Leid, Böses und Tod, dann neigen wir dazu, dich zu fragen: Warum hast du nicht eingegriffen, nicht geholfen? Aber alles steht in deiner Hand, Leben und Tod, unser Glück und unser Leid. Hilf uns, dass wir alles aus deiner Hand nehmen, dass wir dich loben in schönen Zeiten und auch an Tagen, die wir nur schwer ertragen. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Großer Gott, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Denn du hast deinen Engeln befohlen, dass sie mich behüten auf all meinen Wegen. Darum:

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott der Liebe und Barmherzigkeit, lass uns die Wege erkennen, auf denen du uns nahe sein willst. Lass uns die Engel spüren, die uns behüten, lass uns auf die Engel hören, die uns ermahnen und warnen, hilf uns, dass wir selber wie gute Engel für die Menschen da sind, die du uns anvertraut hast. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören Worte der Bibel aus dem 1. Buch Mose – Genesis 28:

11 [Jakob] kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Vielleicht haben einige sich bei der Schriftlesung gewundert. Richtig, die haben wir hier in der Kirche erst vor zwei Wochen gehört! Da ging es um Engel, die Jakob, dem Stammvater Israels, im Traum erscheinen. Mich hat dieser Gottesdienst dazu angeregt, noch einmal weiter zu forschen: Was wurde konkret aus dem Versprechen Gottes an Jakob? Und war es das letzte Mal, dass ihm Engel begegnet sind? Nachher in der Predigt hören wir mehr davon. Aber zunächst singen wir ein Lied von den Engeln, das unsere Kinder im Kindergarten sehr gerne gesungen haben. Es stellt eine interessante Frage: Wie sieht eigentlich ein Engel aus?

Wer findet es heraus, wie sieht, wie sieht ein Engel aus?

Liebe Familie …, liebe Familie …! Liebe Gemeinde!

Das Lied, das wir gesungen haben, macht Kindern sehr viel Spaß, ist aber durchaus auch ernst gemeint. Wir alle machen uns ja Vorstellungen von Engeln. Genau so wie von Gott. Aber keiner weiß genau, wie Engel aussehen. Und dass Gott unseren Vorstellungen nie ganz und gar entspricht, das ist sowieso klar, denn er ist größer als all die Bilder, die wir uns von ihm machen können. Auf Bildern sehen Engel oft wie Frauen aus, mit weißen Kleidern und Flügeln. In der Geschichte von Jakob eben scheinen die Engel keine Flügel zu haben, denn sie benutzen eine Leiter oder Treppe, um zwischen Himmel und Erde hinauf- und hinunterzusteigen. Überhaupt werden Engel in der Bibel meistens als junge Männer in weißen Gewändern beschrieben. Manchmal haben sie aber auch Flügel, sogar drei Paare davon, wie es hier oben auf unserem Altarfensterbild dargestellt ist.

Dass Engel wichtige Aufgaben haben, diese Überzeugung zieht sich durch die ganze Bibel hindurch. Eine dieser Aufgaben ist es, die Menschen zu behüten. Davon handelt der Taufspruch, für … . Er steht im Psalm 91, 11, und lautet:

[Gott] hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Dieser Vers sagt erstens, wie wichtig dieses Kind für Gott ist. Er sendet seine Engel aus, um für das Kind da zu sein. Manche dieser Engel sind sichtbar: es sind die Eltern, die Paten, all die Menschen, die sich für Viktoria verantwortlich wissen und sie mit ihrer Liebe und Fürsorge umgeben. Andere dieser Engel sind unsichtbar, sie sind immer bei …, auch wenn ihre Verwandten und Freunde nicht bei ihr sein können.

Zweitens sagt dieser Vers, dass … auf all ihren Wegen behütet wird. Sie wird nicht überbehütet, sondern sie wird ihre eigenen Wege gehen, auf denen all ihre guten Engel sie begleiten werden. Zum Teil wird es auch in ihrer eigenen Verantwortung liegen, ob sie auf ihre Engel hört, denn die guten Boten Gottes können und wollen uns nicht ihren Willen aufzwingen. Sie darf aber wissen, dass sie niemals allein sein wird und sich in all ihren eigenen Entscheidungen immer auf Gott uns seine guten Mächte verlassen kann.

Die Schwestern … erhalten beide denselben Taufspruch aus dem Psalm 139, 5:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

Dieser Vers spricht nicht von Gottes Engeln, sondern von Gottes Hand. Auch das ist ein großartiges Bild, um deutlich zu machen, wie wir von Gottes Liebe umschlossen sind. Allerdings nicht eingeschlossen, nicht gefangen, nicht eingeengt. Wo Gott uns umgibt, da können wir uns geborgen fühlen, da schenkt er uns Freiheit, da dürfen wir uns entfalten. Allerdings erwartet Gott von uns, dass wir seine Liebe und Freiheit auch anderen Menschen gönnen und weitergeben. Und dass er seine Hand über mir hält, meint genau dasselbe, was wir in dem anderen Taufspruch gehört haben: Gott weiß Mächte und Wege, durch die er uns behütet und leitet.

Am letzten Sonntag beim Erntedankfest hat uns ja Herr Abderrahim En-Nosse, der in Marokko aufgewachsen ist, erzählt, dass er als Kind seinen Koranlehrer gefragt hat, ob Gott Hände hat. Da hat er zur Antwort bekommen: Gott ist in deiner Hand. In arabischen Buchstaben wird das Wort Gott nämlich ALLH geschrieben, drei senkrechte Striche und ein Kreis, die man mit den Fingern darstellen kann. Und letzten Donnerstag meinte ein Kindergartenkind zu mir: Wie hat Gott eigentlich die ganze Welt geschaffen? Und er gab selber die Antwort: Vielleicht hat er sich eine Hand gekauft oder Roboter. Gott weiß seine Wege, wie er die Welt ins Leben ruft und bewahrt, wie er uns behütet und begleitet.

Von den guten Engelmächten Gottes singen wir nun aus dem Tauflied 203 die Strophen 4 bis 6:

4. Ich bitt, lass dir befohlen sein, ach lieber Herr, dies Kindelein, behüte es vor allem Leid und alle in der Christenheit.

5. Durch deine Engel es bewahr vor Unfall, Schaden und Gefahr; erbarm dich seiner gnädiglich, gib deinen Segen mildiglich.

6. Gib Gnad, dass es gerate wohl zu deinen Ehrn und Wohlgefalln, auf dass es hier gottseliglich, hernach auch lebe ewiglich.

Nun bekennen wir unseren christlichen Glauben, stellvertretend auch für die drei Mädchen, die wir taufen wollen:

Glaubensbekenntnis und Taufen

Wir singen nach der Taufe noch ein Lied von Gottes Engeln, den sichtbaren und den unsichtbaren:

1. Manche Engel können wir überhaupt nicht sehen. Aber trotzdem sind sie hier, wollen mit uns gehen. Trösten, kämpfen, machen Mut, haben lieb und tun uns gut. So stehn Gottes Engel uns zur Seite.

2. Und auch manche Menschen sind wie ein lieber Engel. Vielleicht war ein Engelkind vorher noch ein Bengel. Engelmenschen helfen gern und vertrauen Gott, dem Herrn. Gott ist lieb zu uns durch liebe Menschen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wir haben heute nicht nur drei Kinder getauft, wir erinnern uns auch an drei Menschen aus unserer Gemeinde, die gestorben sind und die wir kirchlich bestattet haben.

Unser Leben zwischen Geburt und Tod verläuft nicht immer ohne Umwege, oft sind auch schwere Zeiten zu bewältigen, und manchmal kann man in Zweifel geraten, ob Gottes Engel uns wirklich immer behüten. Manchmal mahlen Gottes Mühlen langsam, manchmal braucht man Geduld, um zu erkennen, wie Gott für uns da ist. Gut ist derjenige dran, der trotz allem ein dankbares Leben führen kann, der das Gute, das er empfängt, zum Anlass nimmt, auch anderen Liebe weiterzugeben. Und mancher schafft es auch, mehr zu geben, als er selber gekriegt hat.

In der Predigt möchte ich heute nichts anderes tun, als eine Geschichte von Israels Stammvater Jakob nachzuerzählen, die deutlich macht, dass auch die Wege von Menschen der Bibel nicht einfach waren. Und trotzdem blitzt hier und da die Erkenntnis auf: Es sind trotz allem Engel um uns, die uns beistehen.

Viele wissen, dass Jakob seinen älteren Bruder Esau um den Segen des Vaters Isaak betrogen hat und vor dem Bruder flieht. Auf der Flucht hat er den Traum von der Himmelsleiter, er sieht die Engel des Himmels an ihr rauf- und runtersteigen und hört ein wunderbares Versprechen von Gott. Seine Nachkommen sollen ein gesegnetes Volk werden, durch das alle Völker der Welt Segen erfahren. Und Gott will schon hier und jetzt in seinem Leben immer bei ihm sein.

Aber danach scheint es zunächst gar nicht auszusehen. Als Jakob bei seinem Onkel Laban, fast 1000 km weiter im Norden eine Zuflucht und Arbeit findet, erfährt er erst einmal, wie es sich anfühlt, betrogen zu werden. Als Lohn für sieben Jahre Arbeit gibt der Onkel ihm nämlich nicht die versprochene Tochter Rahel zur Frau, sondern deren ältere Schwester Lea. Weitere sieben Jahre muss er für seine geliebte Rahel arbeiten. Mit den beiden Frauen und ihren Sklavinnen bekommt Jakob zwölf Söhne und eine Tochter; vor der Rückkehr zu seinem Vater Isaak und seinem Bruder Esau muss er mit einem Engel Gottes kämpfen und er erhält seinen neuen Namen Israel. Dann wird sein Lieblingssohn Josef nach Ägypten verkauft, und der holt später als mächtig gewordener Mann während einer Hungersnot die Familie nach Ägypten. Zwischen dem Traum von der Himmelsleiter und Jakob Kampf mit dem Engel Gottes am Fluss Jabbok begegnet Jakob noch zwei weitere Male Gottes Engeln. Davon will ich nun erzählen.

Wir klinken uns in Jakobs Lebensgeschichte ein zur Zeit, als Rahel, seine Lieblingsfrau, gerade seinen Lieblingssohn geboren hat, den zweitjüngsten Sohn Josef. Da hat Jakob, auf Deutsch gesagt, die Faxen dicke mit seinem Onkel Laban, und er will endlich zurück zu seiner Familie in dem Land, das Gott ihm versprochen hat. Er kann aber nicht einfach weg, ohne seinen Onkel um Erlaubnis zu bitten. Wie sieht das nun aus, wenn diese zwei trickreichen Männer miteinander verhandeln? Jakob sagt (Genesis 30):

26 Gib mir meine Frauen und meine Kinder, um die ich dir gedient habe, dass ich ziehe; denn du weißt, wie ich dir gedient habe.

Und Laban antwortet:

27 Lass mich Gnade vor deinen Augen finden. Ich spüre, dass mich der HERR segnet um deinetwillen.

28 Bestimme den Lohn, den ich dir geben soll.

Das sieht nach einer klaren Sache aus. Laban erkennt an, wie sehr er von Jakobs Arbeitskraft profitiert hat. So ist es nur recht und billig, dass er ihm auch eine angemessene Entlohnung dafür anbietet. Jakob seinerseits ist selbstbewusst genug, um dem Onkel gegenüber seine eigene Leistung hervorzuheben. Zugleich ist er so demütig, um in demselben Atemzug Gott die Ehre zu geben, der es ihm ermöglicht hat, zum Vorteil seines Onkels so viel zu erreichen. Und drittens pocht er nun auch auf das Recht seiner eigenen Familie:

29 Er aber sprach zu ihm: Du weißt, wie ich dir gedient habe und was aus deinem Vieh geworden ist unter mir.

30 Du hattest wenig, ehe ich herkam; nun aber ist’s geworden zu einer großen Menge, und der HERR hat dich gesegnet auf jedem meiner Schritte. Und nun, wann soll ich auch für mein Haus sorgen?

Jetzt wird es konkret. Laban fragt seinen Neffen:

31 Was soll ich dir denn geben?

Jakob macht einen merkwürdigen Vorschlag. „Du sollst mir gar nichts geben“, sagt er. Stattdessen erklärt er sich bereit, weitere Jahre für Laban zu arbeiten. Das einzige, was er sich als Lohn erbittet, sind „alle gefleckten und bunten Schafe und alle schwarzen Schafe und die bunten und gefleckten Ziegen“ aus seiner Herde (Vers 32). Das klingt nach einem bescheidenen Wunsch. In Nutztierherden sind normalerweise die Schafe weiß und die Ziegen schwarz. Schwarze Schafe sind selten, und auch Ziegen mit weißen oder bunten Flecken und Sprenkeln sind die Ausnahme von der Regel. Darum ist dieser Vorschlag ganz im Sinne des geizigen Laban. Er rechnet damit, seinem Neffen nur einen geringen Lohn geben zu müssen und stimmt zu. Laban wäre allerdings nicht Laban, wenn er nicht noch am selben Tag alle bunten Böcke und Ziegen aus seiner Herde entfernen würde, so dass Jakob noch weniger Aussicht auf guten Lohn hat. Aber Jakob wäre seinerseits nicht Jakob, wenn er nicht einen Trick wissen würde.

37 Und Jakob nahm frische Stäbe von Pappeln, Mandelbäumen und Platanen und schälte weiße Streifen daran aus, so dass an den Stäben das Weiße bloß wurde,

38 und legte die Stäbe, die er geschält hatte, in die Tränkrinnen, wo die Herden hinkommen mussten zu trinken, dass sie da empfangen sollten, wenn sie zu trinken kämen.

39 So empfingen die Herden über den Stäben und brachten Sprenklige, Gefleckte und Bunte.

40 Da sonderte Jakob die Lämmer aus und machte sich eigene Herden; die tat er nicht zu den Herden Labans.

Was Jakob da tut, klingt verrückt. Warum sollten Schafe und Ziegen gefleckte Lämmer bekommen, nur weil die Muttertiere über gestreiften Stäben begattet werden? Der biblische Erzähler hat eine Mischung aus trickreicher Klugheit des Jakob und einem Wunder Gottes vor Augen, der ihm nicht verwehren will, was ihm gerechtermaßen zusteht. Heute würden wir annehmen, dass Jakob sich einfach besser als sein Onkel und Schwiegervater mit der Vererbung bestimmter Merkmale bei Schafen und Ziegen auskennt.

41 Wenn aber die Brunstzeit der kräftigen Tiere war, legte er die Stäbe in die Rinnen vor die Augen der Herde, dass sie über den Stäben empfingen.

42 Aber wenn die Tiere schwächlich waren, legte er sie nicht hinein. So wurden die schwächlichen Tiere dem Laban zuteil, aber die kräftigen dem Jakob.

43 Daher wurde der Mann über die Maßen reich, so dass er viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte.

Als Laban erfährt, wie Jakob ihn ausgetrickst hat, ist er verständlicherweise ärgerlich (Genesis 31):

2 Und Jakob sah an das Angesicht Labans, und siehe, er war gegen ihn nicht mehr wie zuvor.

Da hört Jakob auf einmal, wie Gott nach langer Zeit wieder einmal zu ihm spricht:

3 Und der HERR sprach zu Jakob: Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will mit dir sein.

Sofort ruft Jakob Rahel und Lea zu sich und sagt ihnen:

5 Ich sehe an eures Vaters Angesicht, dass er gegen mich nicht ist wie zuvor; aber der Gott meines Vaters ist mit mir gewesen.

Dann beklagt er sich lang und breit darüber, dass er immer wieder von Rahels und Leas Vater um seinen Lohn betrogen worden ist, und er betont:

7 … aber Gott hat ihm nicht gestattet, dass er mir Schaden täte.

Und Jakob erklärt seinen Frauen, wie es ihm gelungen ist, so reich zu werden:

10 Denn wenn die Brunstzeit kam, hob ich meine Augen auf und sah im Traum, und siehe, die Böcke, die auf die Herde sprangen, waren sprenklig, gefleckt und bunt.

11 Und der Engel Gottes sprach zu mir im Traum: Jakob! Und ich antwortete: Hier bin ich.

12 Er aber sprach: Hebe deine Augen auf und sieh! Alle Böcke, die auf die Herde springen, sind sprenklig, gefleckt und bunt; denn ich habe alles gesehen, was Laban dir antut.

13 Ich bin der Gott, der dir zu Bethel erschienen ist, wo du den Stein gesalbt hast, und du hast mir daselbst ein Gelübde getan. Nun mach dich auf und zieh aus diesem Lande und kehre zurück in das Land deiner Verwandtschaft.

Was auch immer Jakob selber getan hat, wie auch immer seine Herden mehrheitlich buntes Vieh hervorgebracht haben, er führt es auf einen Traum zurück, den Gott ihm schickt, in dem der Engel Gottes zu ihm spricht. Ausdrücklich ergreift der Engel Partei für Jakob, dem sein Onkel so viel Unrecht angetan hat. Und ausdrücklich hört Jakob dann sogar noch einmal Gott zu ihm sprechen, wie er es bereits bei Bethel im Traum von der Himmelsleiter getan hatte. Mitten in einer Geschichte, in der es um die Auseinandersetzung von Onkel und Neffe, Schwiegervater und Schwiegersohn um die korrekte Entlohnung für jahrzehntelange Arbeit geht, spielt der Engel Gottes als Sprachrohr von Gott selbst eine wichtige Rolle. Gott und seine Engel sind in der Bibel nicht nur am Feiertag wichtig, sondern auch mitten im Alltag, mitten in den Sorgen und Problemen einer Familie, in der es ganz normalen Streit gibt wie in vielen Familien.

Als Jakob das Ganze seinen Frauen vorgetragen hat, sagen die ihm beide ihre Unterstützung zu:

14 Da antworteten Rahel und Lea und sprachen zu ihm: Wir haben doch kein Teil noch Erbe mehr in unseres Vaters Hause.

15 Haben wir ihm doch gegolten wie die Fremden, denn er hat uns verkauft und unseren Kaufpreis verzehrt.

16 Fürwahr, der ganze Reichtum, den Gott unserm Vater entzogen hat, gehört uns und unsern Kindern. Alles nun, was Gott dir gesagt hat, das tu!

Handeln die Töchter Labans hier nicht gegen das Gebot Gottes, den Vater zu ehren? Anscheinend ist es nicht im Sinne der Bibel, sich vom eigenen Vater ausnutzen zu lassen.

17 Da machte sich Jakob auf und lud seine Kinder und Frauen auf die Kamele

18 und führte weg all sein Vieh und alle seine Habe, die er in Mesopotamien erworben hatte, dass er käme zu Isaak, seinem Vater, ins Land Kanaan.

Damit ist die Geschichte noch nicht zu einem glücklichen Ende gelangt. Die Spannung steigt, weil wir es mit einer heimlichen Flucht zu tun haben und weil Jakobs Lieblingsfrau Rahel ihrem Vater etwas stiehlt.

19 Laban aber war gegangen, seine Herde zu scheren. Und Rahel stahl ihres Vaters Hausgott.

Dies ist eine der wenigen Stellen in der Bibel, an denen deutlich wird, dass der Glaube an den einen Gott zur Zeit der Stammväter Israels noch nicht selbstverständlich ist. Jakobs Onkel hat ein Götterbild zu Hause, das er anbetet, und seine Tochter Rahel fühlt sich diesem Hausgott offenbar so verbunden, dass sie ihn einfach für sich mitnimmt. Um anzudeuten, dass hier innerhalb der Familie kulturelle und religiöse Unterschiede eine Rolle spielen, wird im nächsten Vers Jakobs Onkel als Aramäer, heute würden wir sagen als Syrer bezeichnet.

20 Und Jakob täuschte Laban, den Aramäer, damit, dass er ihm nicht ansagte, dass er ziehen wollte.

Als Laban drei Tage später die Flucht entdeckt, jagt er mit seinen Brüdern weitere sieben Tage lang hinter Jakob her, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Auf dem Gebirge Gilead holt er ihn ein. Und wieder schickt Gott einem Mann einen Traum. Dieses Mal träumt Laban von dem Gott Jakobs.

24 Aber Gott kam zu Laban, dem Aramäer, im Traum des Nachts und sprach zu ihm: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich.

Laban und Jakob fangen also wieder an zu verhandeln. Laban beklagt sich, dass Jakob seine Töchter entführt hat, als seien sie Kriegsgefangene gewesen. Hätte er offen gesagt, dass er wegziehen wolle, dann hätte er ihn feierlich verabschiedet. Besonders traurig ist er, dass er nicht einmal seine Enkel und Töchter zum Abschied küssen konnte. Schließlich sagt er:

28 … Nun, du hast töricht getan.

29 Ich hätte wohl so viel Macht, dass ich euch Böses antun könnte; aber eures Vaters Gott hat diese Nacht zu mir gesagt: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich.

Doch dann erhebt Laban den schweren Vorwurf, den man erwarten konnte:

30 Und wenn du schon weggezogen bist und sehntest dich so sehr nach deines Vaters Hause, warum hast du mir dann aber meinen Gott gestohlen?

Jakob rechtfertigt sich und spricht dann einen für seine Lieblingsfrau gefährlichen Schwur aus:

31 Jakob antwortete und sprach zu Laban: Ich fürchtete mich und dachte, du würdest deine Töchter von mir reißen.

32 Bei wem du aber deinen Gott findest, der sterbe! Hier vor unsern Brüdern suche das Deine bei mir und nimm’s hin. Jakob wusste aber nicht, dass Rahel ihn gestohlen hatte.

Würde Jakobs Glück, seine geliebte Frau gefunden zu haben und mit ihr in die Heimat zu ziehen, nun doch ein blutiges Ende finden?

33 Da ging Laban in die Zelte Jakobs und Leas und der beiden Mägde und fand nichts. Und ging aus dem Zelte Leas in das Zelt Rahels.

34 Rahel aber hatte den Hausgott genommen und unter den Kamelsattel gelegt und sich darauf gesetzt. Laban aber betastete das ganze Zelt und fand nichts.

35 Da sprach sie zu ihrem Vater: Mein Herr, zürne nicht, denn ich kann nicht aufstehen vor dir, denn es geht mir nach der Frauen Weise. Daher fand er den Hausgott nicht, wie sehr er auch suchte.

Dieses Mal ist es Rahel, die sich gegen den eigenen Vater auf schlaue Weise durchsetzt. Sie täuscht vor, dass sie ihre Regelblutung hat und Jakob sich daher unrein machen würde, wenn er sie oder irgendetwas berühren würde, worauf sie sitzt. Nicht ohne Humor erzählt die Bibel, wie ein heidnischer Gott dadurch vor der Entdeckung geschützt wird, dass sich eine Frau in ihrem nach damaligen Maßstäben unreinen Zustand einfach auf ihn draufsetzt.

So bleibt der Diebstahl, den Rahel begangen hat, unentdeckt und Jakob kann in gerechtem Zorn seinem Onkel und Schwiegervater eine Gardinenpredigt halten, die sich gewaschen hat. Nichts hat er ihm gestohlen. Zwanzig Jahre hat er zuverlässig für ihn gearbeitet, nicht ohne auch ein wenig seine Mühen zu übertreiben.

40 Des Tages kam ich um vor Hitze und des Nachts vor Frost, und kein Schlaf kam in meine Augen.

Am Ende beruft sich Jakob auf den Gott seines Vaters und Großvaters, den er den „Schrecken Isaaks“ nennt, wohl um zu betonen, dass dieser Gott stark genug ist, um einem Menschen, dem Unrecht geschieht, auch gegen Widerstände sein Recht zu verschaffen.

42 Wenn nicht der Gott meines Vaters, der Gott Abrahams und der Schrecken Isaaks, auf meiner Seite gewesen wäre, du hättest mich leer ziehen lassen. Aber Gott hat mein Elend und meine Mühe angesehen und hat diese Nacht rechtes Urteil gesprochen.

Daraufhin ist Laban bereit, sich mit Jakob endlich gütlich zu einigen. Er sagt:

44 So komm nun und lass uns einen Bund schließen, ich und du, der ein Zeuge sei zwischen mir und dir.

Beide halten zusammen ein Versöhnungsmahl und richten Steinhaufen auf zum Gedenken an den Bund, den sie miteinander schließen. Laban erwartet, …

50 dass du meine Töchter nicht bedrückst oder andere Frauen dazu nimmst zu meinen Töchtern. Es ist hier kein Mensch bei uns; siehe aber, Gott ist der Zeuge zwischen mir und dir.

Und Laban verpflichtet sich,

52 … dass ich nicht an diesem Steinhaufen vorüberziehe zu dir hin oder du vorüberziehest zu mir hin an diesem Haufen und diesem Mal in böser Absicht!

Nachdem beide, Laban und Jakob, bei Abrahams und Isaaks Gott geschworen haben, diesen Vertrag einzuhalten, lässt Laban am nächsten Morgen seine Enkel und Töchter im Frieden mit Jakob wegziehen. Und die Geschichte endet mit diesen Sätzen (Genesis 32):

2 Jakob aber zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes.

3 Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.

Noch einmal begegnet Jakob den Engeln Gottes. Es liegt eine schwierige Zeit hinter ihm. Gott hat bewiesen, dass er auf krummen Linien gerade schreiben kann. Trotz Betrugs und Diebstahls, trotz schwerer Familienkonflikte und eines drohenden Stammeskrieges ist alles noch einmal friedlich ausgegangen. Im Rückblick wird Jakob bewusst, dass ein ganzes Heerlager von Gottes Engeln ihm beigestanden hat, damit es nicht zum Krieg mit seinem Onkel kommt und er ihm die Früchte seiner Arbeit lässt.

Wir sehen auch, dass die Bibel keine starre Moral vertritt, die jeden Diebstahl ahndet, jeden Trick verurteilt und darauf pocht, dass jeder unbedacht geäußerte Schwur auch eingehalten wird. Versöhnung, Friede, Gerechtigkeit sind wichtiger, als in jedem Fall nach dem Buchstaben des Gesetzes zu handeln, wenn dadurch Unrecht und Tod herbeigeführt würde.

Wer weiß, wie oft auch auf unseren Wegen, in unseren Familien ganze Scharen von Engeln am Werk sind, um uns auf guten Wegen zu führen und dafür zu sorgen, dass wir füreinander da sind, alle zu unserem Recht kommen und im Frieden miteinander auskommen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 303 die Strophen 3, 5 und 7:

3. Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jakobs ist, welcher vom Glauben sich nicht lässt trennen und hofft getrost auf Jesus Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, findet am besten Rat und Tat. Halleluja, Halleluja.

5. Zeigen sich welche, die Unrecht leiden, er ist’s, der ihnen Recht verschafft; Hungrigen will er zur Speis bereiten, was ihnen dient zur Lebenskraft; die hart Gebundnen macht er frei, und seine Gnad ist mancherlei. Halleluja, Halleluja.

7. Aber der Gottesvergeßnen Tritte kehrt er mit starker Hand zurück, dass sie nur machen verkehrte Schritte und fallen selbst in ihren Strick. Der Herr ist König ewiglich; Zion, dein Gott sorgt stets für dich. Halleluja, Halleluja.

Großer barmherziger Gott, wir danken dir, dass wir durch Jesus Christus auch an den Gott Jakobs glauben dürfen. Wir danken dir für die Engel, die uns behüten und auf guten Wegen leiten. Wir vertrauen dir unsere Kinder an und wünschen uns, dass sie vor allen Gefahren bewahrt bleiben. Gib auch den Kindern, die wir getauft haben, den Beistand deiner Engel, die gute Fürsorge ihrer Familie und ihrer Paten und alles, was sie brauchen, um ein zufriedenes Leben zu führen und ein Segen für andere Menschen zu sein.

Entsetzt sind wir, wenn wir davon hören, dass Menschen das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen missbrauchen, um eigene Bedürfnisse in widerwärtiger Weise zu befriedigen. Warum hören sie nicht auf ihr Gewissen? Ziehe sie zur Rechenschaft und hilf denen, die zu Opfern geworden sind, dass sie mit dem Chaos ihrer Gefühle nicht allein bleiben, dass die seelischen Wunden, die ihnen geschlagen wurden, heilen können.

Drei Mitglieder unserer Paulusgemeinde, die gestorben sind, schließen wir heute besonders in unsere Fürbitte ein: … . Alle drei hatten ein nicht immer einfaches Leben; du nimmst sie in deiner ewigen Liebe so an, wie sie waren, wie sie ihr Leben geführt und bewältigt haben. Bewahre die Liebe ihres Lebens in deiner Liebe auf und schenke ihnen ewige Ruhe, Freude und Frieden in deinem Himmel. Denen, die sie geliebt haben, die ihnen nahestanden, schenke deine gute Begleitung, dass sie Trost und neue Freude in ihrem Leben finden.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen ein weiteres Engellied:

Geh mit Gottes Segen
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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