Der leidende Gottesknecht

Jesus stirbt an der Seite aller Opfer und stellvertretend für Täter.

Wir müssen nicht Unerklärliches erklären, müssen nicht Schuld suchen, wo keine ist. Es genügt, für die eigene tatsächliche Verantwortung geradezustehen. Und es ist ein Trost zu wissen, wo Gott ist, wenn sinnloses Leid geschieht: Er ist mitten drin in dem Leid. Er ist nicht auf der Seite der Täter.

Passion Christi mit Menschen unter dem Kreuz

Menschen unter dem Kreuz – wer ist Täter, wer ist Opfer? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 21. März 2008, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen (unter Verwendung von Motiven einer Predigt von Monika Renninger am Karfreitag 2001 zu Jes 53,3-5: „… sind wir ihm wie aus dem Gesicht geschnitten“, Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt 1/2002, S. 29-31 – die roten Teile des Textes)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst am Karfreitag in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 3, 16:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Wir singen das Lied 96:

Du schöner Lebensbaum des Paradieses
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 22, den Jesus am Kreuz gebetet hat. Er steht im Gesangbuch unter der Nummer 709. Lesen Sie bitte die linksbündigen Verse, ich lese die nach rechts eingerückten Teile:

Herr, sei nicht ferne.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Allmächtiger Gott, barmherziger Vater! Ich armer, elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich erzürnt und deine Strafe zeitlich und ewiglich verdient habe. Sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr, und ich bitte dich um deiner grundlosen Barmherzigkeit und um des unschuldigen, bitteren Leidens und Sterbens deines lieben Sohnes Jesus Christus willen, du wollest mir armem sündhaftem Menschen gnädig und barmherzig sein, mir alle meine Sünden vergeben und zu meiner Besserung deines Geistes Kraft verleihen. (Evangelisches Gesangbuch 799)

Herr, im Lichte deiner Wahrheit erkenne ich, dass ich gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken. Dich soll ich über alles lieben, meinen Gott und Befreier; aber ich habe mich selber mehr geliebt als dich. Du hast mich in deinen Dienst gerufen; aber ich habe Zeit vertan, die du mir anvertraut hast. Du hast mir meinen Nächsten gegeben, ihn zu lieben wie mich selbst; aber ich erkenne, wie ich versagt habe in Selbstsucht und Trägheit des Herzens. Darum komme ich zu dir und bekenne meine Schuld. Richte mich, mein Gott, aber verwirf mich nicht. Ich weiß keine andere Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen. (Evangelisches Gesangbuch 800)

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, du richtest uns auf aus Sünde und Schuld, aus Demütigung und Resignation. Der Karfreitag ist das Ende unserer Illusionen von der menschlichen Güte, aber er kann auch der Anfang unseres Vertrauens auf deine unendliche Treue sein. Wir Menschen haben deinen Sohn getötet, aber wir können deine Liebe nicht töten. Menschen werden tausendfach sinnlos gequält und sterben sinnlos wie Jesus, und doch dürfen wir darauf bauen, dass das ewige Leben, das von dir kommt, in diesem Tod nicht untergeht. Darum lasst uns lobsingen!

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, lass uns das Geheimnis des Karfreitags begreifen, dass dein Sohn stirbt durch die Hand der Menschen, aber du lässt es zu, dass dein Sohn einen sinnlosen Tod stirbt, aber du lässt aus diesem Bösesten für uns Heil entstehen. Gott, lass uns begreifen, dass dein Sohn für uns gestorben ist, damit wir aus Übeltätern zu Wohltätern werden. Gott, lass uns die Zuversicht gewinnen, dass dein Sohn da, wo wir Qualen erleiden, dieses Leid mit uns trägt. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung zum Karfreitag aus dem Evangelium nach Markus 15, 15-37:

15 Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los und ließ Jesus geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.

16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen

17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf

18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König!

19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

21 Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.

22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.

23 Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.

24 Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.

25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen,

30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!

31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen.

32 Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.

33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia.

36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!

37 Aber Jesus schrie laut und verschied.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Jetzt singen wir aus dem Lied 85 die Strophen 1 bis 4:

1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

2. Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht‘?

3. Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht hat alles hingenommen, hat alles hingerafft, und daher bist du kommen von deines Leibes Kraft.

4. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Karfreitag ist ein Tag der Widersprüche. Für die einen ist es eine Zumutung, sich diesen Menschenkörper am Kreuz vorzustellen, entstellt, geschlagen, erniedrigt. Sie wünschen sich nicht, Jesus so sehen, hier in der Kirche, an dem Ort, an dem wir Gottes Liebe suchen.

Mel Gibsons Film über „Die Passion Christi“ hat gezeigt, dass es auf der anderen Seite Zeitgenossen gibt, die Jesu Leidensgeschichte in allen Einzelheiten wie einen Krimi oder Gruselschocker anschauen. Die Beschäftigung mit Tod und Grausamkeit kann als unterhaltsam empfunden werden, so lange es uns nicht selbst betrifft.

Wo Menschen abgestumpft genug sind, wird sogar das Quälen anderer Menschen selbst zum Genuss: diktatorische Regimes finden ihre Folterknechte, die an der Zerstörung von Menschenseelen arbeiten, im Römischen Reich mit Geißeln und Dornenkrone, im Mittelalter mit Daumenschrauben und Streckbank, heute mit Elektroschocks, Schlafentzug, Scheinertränkungen und immer ausgeklügelteren Methoden der Grausamkeit.

Insofern war eine Kreuzigung im Römischen Reich nichts Besonderes. So gingen die Besatzer mit aufrührerischen jüdischen Befreiungskämpfern um. Mit Männern wie Frauen übrigens. Durch öffentliche Kreuzigungen wollte man die Bevölkerung davon abschrecken, sich an Aufständen zu beteiligen, und die Anhängerschar zerstreuen. Wer heimlich die Leichname abnahm und sie beerdigte, riskierte sein eigenes Leben dabei. Der Tod am Kreuz war grausam und alltäglich zugleich. Jesus starb als einer von vielen.

Aber nun ist es Jesus, der da stirbt, Gottes Sohn. Von ihm erwarteten seine Jünger die Befreiung Israels, Gerechtigkeit für die Armen, Frieden für alle Menschen. Müsste er sich nicht anders als Gott erweisen? Kann der Spott derer, die ihn auffordern, vom Kreuz herabzusteigen, nicht auch Ausdruck einer Sehnsucht sein: Wenn er sich als mächtiger Gott erwiese, gerade jetzt, am Kreuz, und nicht als elender Mensch, dann könnte man glauben. Gottessohnschaft und Machtlosigkeit, das kann ja wohl nicht zusammengehen.

Um mit diesem irrsinnigen Widerspruch fertig zu werden, möchte ich mit Ihnen auf den heutigen Predigttext hören. Er steht im Prophetenbuch Jesaja 52, 13 bis 53, 12, und ist ein Lied über den Gottesknecht.

Um zu verstehen, was da gemeint ist, müssen wir nicht wissen, von welcher konkreten Person da die Rede ist. Ursprünglich spricht der Prophet so wohl von sich selbst. Später, in Zeiten des Leidens und der Verfolgung, hat sich das ganze Volk Israel in diesem Gottesknecht wiedergefunden. Wir können noch weiter gehen: Alles unschuldig erlittene Leid der Welt spiegelt sich in dieser Gestalt. Gerade darum macht es für uns Christen Sinn, in dem Gottesknecht beispielhaft auch eine Vorausschau auf das Leiden und Sterben Jesu zu erblicken, wie es die christliche Kirche von Anfang an getan hat:

13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.

14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,

15 so wird er viele Heiden in Staunen setzen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten.

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.

9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit.

11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.

12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Ein vielschichtiger Text ist das, niemals wird man ihn völlig ausloten können. Ich möchte heute nur auf eines aufmerksam machen: Hier wird uns eine Möglichkeit angeboten, Jesu Leiden zu betrachten, ohne es zu tun wie ein Zuschauer in einem Horrorfilm oder wie ein Menschenquäler. Hier wird uns nämlich ein Spiegel vorgehalten. Wir können, wenn wir das an uns heranlassen, erkennen, dass der Karfreitag sehr viel mit uns selber zu tun hat.

Eine Frau, von der ich letzte Woche eine Email bekam, drückte das so aus: „Gott hat Sie so krass dolle extrem hyperstark geliebt, dass er selbst auf die Erde kam, um Sie von jedem Fluch, jedem Schmerz, jeder Krankheit und nicht zuletzt vom Tod zu retten! Sie können ja einfach mal darüber nachdenken, wie groß das Geschenk ist, das Gott Ihnen mit Jesus gemacht hat, wie sehr Jesus Sie geliebt hat, dass er für Sie verreckt ist am Kreuz.“

Das ist nicht so ganz meine Sprache, aber die Frau hat Recht, wenn sie meint: Wir selber sind am Leiden und Sterben Jesu beteiligt. Und zwar auf zwei verschiedene Weisen; zum einen als Täter, zum andern als Opfer.

Warum als Täter? Überall, wo wir an Unrecht beteiligt sind in dem, was wir tun, und auch in dem, was wir unterlassen, tragen wir mit dazu bei, dass das Ebenbild Gottes, der von Gott geschaffene Mensch in seiner Würde beeinträchtigt wird; der geringste Bruder, die geringste Schwester Jesu, sie erfahren nicht die Hilfe und Zuwendung, die sie brauchen. Das Bild des geschundenen Jesus am Kreuz macht uns klar, worauf jede Sünde im letzten hinausläuft: darauf, dass wir Gott ins Gesicht schlagen, dass wir in der Missachtung eines Geschöpfes den Schöpfer selber treffen.

Der da am Kreuz hängt, der „sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist“, er macht uns nun deutlich: Es ist kein unausweichliches Schicksal, immer als Täter behandelt zu werden und immer neu als Täter zu handeln. Wir haben eine Wahl, weil Jesus am Kreuz sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jesaja sagt: Er hat „die Sünde der Vielen getragen und für die Übeltäter gebeten.“ Jesus trägt unsere Sünde, das heißt: er als der Sohn Gottes vergibt, was wir einander und damit letzten Endes ihm antun. Diese Vergebung kommt zu ihrem Ziel, wenn wir erkennen, was wir getan haben und wenn unser Handeln neu wird. Im Vertrauen auf Vergebung handeln heißt nicht: Es ist egal, was wir tun, es wird uns sowieso vergeben. Nein: im Vertrauen auf Vergebung bekommen wir die Kraft, Gutes zu tun, und die Zuversicht darauf, dass auch kleine Taten der Barmherzigkeit nicht vergeblich sind.

Nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer können sich Menschen im Leiden und Sterben Jesu wiederfinden. Gott selber stellt sich im gewaltsamen Tod Jesu an die Seite aller Menschen, die der Grausamkeit von Menschen ausgeliefert sind.

Aber können die Schmerzen Jesu wirklich Menschen trösten, die selber unvorstellbare Qualen durchzustehen haben? Warum, so fragen viele, hat Gott denn seinen Sohn verrecken lassen? Warum ist er nicht zur Stelle mit seiner Hilfe, wenn Kinder misshandelt und missbraucht werden?

Die Geschichte der Kreuzigung Jesu treibt diese Frage auf die Spitze, indem es letztlich unerheblich bleibt, wer konkret am Tod Jesu schuld ist: die Hohenpriester, die Schriftgelehrten, die Römer, das Volk, wir alle? Jesus schreit laut am Kreuz: nicht Menschen haben Schuld – „Gott, du hast mich verlassen! – warum?“ Dieser Schrei führt den Tod am Kreuz über das stumme oder wütende Entsetzen hinaus, was Menschen Menschen antun können. Jesus benennt es: Gott selbst lässt es so weit kommen! In unserem Predigttext heißt es ähnlich: „Gott wollte ihn zerschlagen.“

Der Gerechte, der ohne Schuld war, die Gestalt, die Gott aufrecht dient, diese stirbt den Tod in der Gottverlassenheit. Darin spiegelt sich und bündelt sich alles unschuldige Leiden und Sterben dieser Welt. Menschen tun Menschen Leid an. Aber was hilft es, einen Schuldigen zu finden, wenn die Opfer vergessen werden? Menschen erfahren Leid, das keine Ursache in ihrem eigenen Verhalten hat. Das aber ist ein ungeheuerlicher Gedanke: Wenn unerklärliches Leid geschieht und Menschen ohne Sinn in Gottverlassenheit leben und sterben, wer ist dann schuld an schuldlosem Leid? Gott selbst?

Die Juden erzählen sich dazu diese Geschichte:

Die gelehrtesten Schriftkundigen und Rabbinen kamen zusammen, um Gott vor Gericht zu stellen. In einem Tribunal wurde all das aufgezählt, was Menschen an unermesslichem Leid erfuhren, an Ungerechtigkeit und Verlassenheit. Die Anklagen gegen Gott häuften sich und wogen schwer, eine um die andere kam dazu. Sie saßen zu Gericht die ganze Nacht, in Anklage und Verteidigung hörten sie, wogen sie ab, und schließlich näherten sie sich dem Richtspruch. Alles deutete darauf hin: Gott war nicht von der Anklage freizusprechen. Schließlich dämmerte der Morgen. Da erhob sich der, der die Anklage führte und sagte: Es ist Zeit für das Morgengebet.

Die Kläger halten an Gott fest. Sie beten. Die Geschichte der Passion Jesu ist eine einzige Anklage Gottes, eine einzige Klage der Gottverlassenheit – und zugleich ein einziges Festhalten an der Treue, die Gott nicht entlässt, auch nicht in dieser Erfahrung.

Für die christlichen Gemeinden bedeutet dieses Festhalten an Gott: stellvertretend geht Jesus für uns den Weg durch diese Gottferne und Gottverlassenheit. Gott gibt sich selbst hin in die Gottverlassenheit, damit wir nicht bodenlos in sie fallen müssen, sondern auch dann, wenn wir sie erfahren, von Gott gehalten sind.

Wer unheilbare Krankheit und sinnloses Leid erfährt, muss sich nicht gestraft fühlen, nicht krampfhaft irgendwo einen Sinn in dem sinnlosen Geschehen suchen. Wer aufschreit und Gott anklagt wie Jesus am Kreuz, ist im Recht, und die falschen Tröster sind ins Unrecht gesetzt. Denn es gibt unverdientes, schuldloses Leid. Gott selbst leidet in Jesus am Kreuz nicht nur für uns, wo wir Täter sind, er leidet auch mit uns, wo wir Opfer sind. Wir müssen nicht Unerklärliches erklären, müssen nicht Schuld suchen, wo keine ist. Es genügt, für die eigene tatsächliche Verantwortung geradezustehen. Und es ist ein Trost zu wissen, wo Gott ist, wenn sinnloses Leid geschieht: Er ist mitten drin in dem Leid. Er hängt am Kreuz. Er ist nicht auf der Seite der Täter, sondern auf der Seite der Opfer.

Wie gesagt, Jesus stirbt auch für die Täter: aber nicht, um ihre Taten zu verharmlosen. Nein, damit aus Übeltätern Wohltäter werden. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 87:

1. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

4. O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen und unter unsrer Last des Kreuzes nicht verzagen; hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron, wenn’s kommen soll mit uns zum Blute, Schmach und Hohn.

Lasst uns beten!

Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, Gott der Gerechtigkeit, du wurdest „um unserer Missetat willen verwundet“. Du wirst verwundet, wo heute Menschen an Unterernährung sterben. Du wirst verwundet, wo heute Menschen gefoltert werden und Terroristen zum Opfer fallen. Du wirst verwundet, wo heute ein Kind seelische Qualen erleidet, weil seinen Eltern alles andere wichtiger ist als ihr eigenes Kind.

Und, Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, Gott der Barmherzigkeit, „du trugst unsere Krankheit und unsere Schmerzen“. Du trägst unser Leid, wo wir am Ende sind und keinen neuen Anfang sehen, wo wir an allem zweifeln, selbst an unserem Glauben, wo wir resignieren und keine Einsatzfreude mehr haben. Du trägst unser Leid, wo wir uns Sorgen machen um unsere Gesundheit und um das Leben nahestehender Menschen, wo wir Trauer tragen um geliebte Menschen und auf die Frage „Warum?“ keine Antwort erhalten. Du trägst unser Leid, wenn wir es nicht wagen, uns anzuvertrauen mit unseren Problemen, wenn wir unsere Tränen nicht weinen können, wenn wir den Kloß nicht loswerden, der uns im Halse festsitzt.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 98:

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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