Tod eines geradlinigen Menschen

In der Trauerfeier für eine alte Frau gehe ich auf die Geradlinigkeit ihrer Lebenshaltung ein, die sie in ihrem ganzen Leben und auch in ihrem Sterben bewiesen hat.

Tod eines geradlinigen Menschen: Ein Weg voller Laub führt geradeaus zwischen zwei festen Holzzäunen hindurch

Wohin führt der Weg eines geradlinigen Menschen? (Bild: malginid – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau A., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben und begleiten einander in der Trauer. Wir besinnen uns dabei auf Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir besinnen uns auf diesen Gott mit Worten aus dem Psalm 37 (Zürcher Bibel, 2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich AG):

3 Vertraue dem HERRN und tue das Gute, bleibe im Land und bewahre die Treue.

4 Freue dich des HERRN, und er wird dir geben, was dein Herz begehrt.

5 Befiehl dem HERRN deinen Weg und vertraue auf ihn, er wird es vollbringen.

6 Er wird deine Gerechtigkeit aufgehen lassen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

7 Sei still vor dem HERRN und harre auf ihn. Erhitze dich nicht über den, dessen Weg gelingt, und nicht über den, der Ränke schmiedet.

11 Die Gebeugten aber werden das Land besitzen und sich freuen an der Fülle des Friedens.

16 Besser das wenige, das der eine Gerechte hat, als der Überfluss der vielen Frevler.

18 Der HERR kennt die Tage der Getreuen, und ihr Erbe wird ewig bestehen.

19 Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, in den Tagen des Hungers werden sie satt.

23 Der HERR festigt dem die Schritte, dessen Weg ihm gefällt.

24 Kommt er zu Fall, so stürzt er doch nicht, denn der HERR stützt seine Hand.

25 Ich bin jung gewesen und bin alt geworden, und nie sah ich den Gerechten verlassen, nie seine Nachkommen betteln um Brot.

26 Allezeit ist er freigebig und zu leihen bereit, und seine Nachkommen werden zum Segen.

27 Meide das Böse und tue das Gute, und du wirst auf ewig bleiben.

30 Der Mund des Gerechten spricht Weisheit, und seine Zunge lehrt das Recht.

31 Die Weisung seines Gottes trägt er im Herzen, und seine Schritte wanken nicht.

34 Hoffe auf den HERRN und halte dich an seinen Weg.

37 Halte dich an den Getreuen, und sieh auf den Aufrichtigen, denn der Friedfertige hat Zukunft.

Liebe Trauergemeinde!

Scheinbar einfach ist die Botschaft des Psalms, den wir gehört haben: die Gerechten, die Aufrechten, die Vertrauenswürdigen, sie bleiben im Land, ihnen wird Frieden versprochen. „Meide das Böse, tue das Gute, und du wirst auf ewig bleiben.“ Es klingt wie das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten.“

Und doch wusste schon der Psalmbeter: Oft scheint das Unglück gerade die Guten zu treffen, während diejenigen, die es mit dem Recht nicht so genau nehmen, überall leicht durchkommen. Er hält trotzdem fest am Vertrauen auf Gott, der am Ende seine Gerechtigkeit durchsetzen wird.

Am Ende wird alles gut, dafür stehen in der Bibel die verschiedensten Bilder, hier die Bilder einer ausgleichenden Gerechtigkeit auf Erden, dort die Bilder des Himmels, die eine Hoffnung ausmalen, die an der Grenze des Todes nicht haltmacht.

Diese Sicht der Welt mag naiv erscheinen; wir mögen skeptisch sein, ob wirklich alles am Ende gut ausgeht. Trotzdem wünschen wir es uns, dass es so sein möge, und wer mit Gottvertrauen gesegnet ist, darf dessen gewiss sein.

Vom Gottvertrauen ist im Psalm die Rede, aber sehr wenig von Gott selbst, viel mehr von den Wegen, die wir gehen in unserem Leben. Wer seine Wege in der Verantwortung vor Gott geht, geradlinig und unbeirrt, wer das Gute tut selbst in böser Zeit, der bestätigt, dass in dieser Welt nicht alles nur böse ist und dass die Zyniker nicht das letzte Wort behalten müssen.

Dieser Psalm fiel mir ein, diese Gedanken kamen mir, als ich über das nachdachte, was Sie mir über Ihre Mutter erzählten: sie sei vielleicht in gewisser Hinsicht „hart“ erschienen, sich selbst und auch anderen gegenüber, hart im Sinne von diszipliniert. Sie wusste, was sie wollte, sie hielt fest an dem, worauf es ihr ankam. Wenn ich zu viel hinein interpretiere in das, was Sie mir gesagt haben, sehen Sie es mir bitte nach und nehmen Sie es als Anregung, sich eigene, stimmigere Gedanken über die Verstorbene zu machen.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Ihr Leben lang gab sie sich niemals auf. Sie blieb eine Kämpfernatur, bis fast ganz zuletzt. Zuletzt ließen ihre Kräfte nach; sie konnte nicht mehr allein ihren Haushalt bewältigen; wenige Wochen lebte sie noch in einem Pflegeheim, wo sie sich nicht unwohl fühlte. Dann ging es unerwartet rasch ganz zu Ende. Jetzt gab sie es auf zu kämpfen; sie fand offenbar, sie habe genug gelebt. Sie wollte nicht mehr essen und trinken, und auch das war eine Entscheidung, die sie selber traf. Sie behielt auch darin ihren festen Willen, und es war gut, dass Sie Ihre Mutter auch darin respektiert haben und sie loslassen und gehen lassen konnten.

Es gibt sicher viele Begegnungen, die Ihnen heute in den Sinn kommen; wenn die Mutter stirbt, werden einem die Prägungen bewusst, die sie in uns hinterlassen hat. Am Anfang sagte ich ja schon, welchen Eindruck ich von Frau A. auf Grund Ihrer Schilderung gewonnen habe: dass sie wusste, was sie wollte, und ein geradliniger Mensch war, vielleicht ganz in dem Sinn des Bibelworts, das wir am Anfang gehört haben (Psalm 37, 27):

Meide das Böse und tue das Gute, und du wirst auf ewig bleiben.

Damit ist keine Selbsterlösung gemeint, als ob wir uns ein langes Leben auf Erden oder gar den Himmel verdienen könnten. Sie wissen ja aus eigener schmerzlicher Erfahrung, dass nicht jedes Leben so lange währt. Ewigkeit im Sinne der Bibel ist offenbar keine Kategorie unendlich langer zeitlicher Ausdehnung, sondern damit muss etwas anderes gemeint sein: eine besondere Qualität des Lebens.

Wer sich treu geblieben ist in seinen Lebensmaßstäben, wer auf den Wegen des HERRN gegangen ist, die nach der Bibel mit Recht und Gerechtigkeit zu tun haben und mit einem liebevollen Blick auf die Menschen, die einem anvertraut sind, der führt ein erfülltes, ein ewiges Leben.

Der Apostel Paulus sagt einmal, dass – wenn alles andere vergeht – wenige Dinge bleiben werden (1. Korinther 13, 13):

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Damit deutet er an, was wirklich ewig ist: die Verbundenheit mit anderen Menschen, die wir Liebe nennen. In der Liebe erfahren wir auch Gott, denn der eigentlich unerfahrbare, verborgene Gott offenbart sich, indem er Mensch wird und scheinbar machtlos unter uns lebt und an unsere Fähigkeit appelliert, lieben zu können.

Was wir an Liebe von einem Menschen empfangen haben und vielleicht noch mehr, was wir ihm geben konnten, das bleibt in Ewigkeit, das geht nicht verloren, auch wenn wir sterben. Mit dieser Einstellung können wir in Dankbarkeit auf das Leben von Frau A. zurückblicken. Sicher meldet sich auch Traurigkeit, jetzt oder später, denn eine Frau, die immer da war, ist auf einmal gegangen, und außerdem lässt der Gedanke an den Tod auch alte Wunden schmerzhaft wieder aufbrechen. Das ist normal, und es ist auch unvermeidbar, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten wissen. Das Beste, was wir angesichts des Todes von Frau A. tun können, ist, uns bewusst zu machen, wie kostbar dieses Leben ist, das uns geschenkt ist, für kurze oder lange Zeit. Wir dürfen dankbar leben. Amen.

Großer Gott, wir bitten dich für Frau A.: Nimm sie gnädig an in deinem Frieden, vollende ihr Leben in einem Himmel, den wir uns nicht vorstellen können. Du hast ihr ein langes Leben geschenkt, in dem ihr viel geschenkt war, aber auch viel auferlegt wurde; sie hat alles durchgestanden, ohne aufzugeben. Was sie an Liebe erfahren hat und was sie an Liebe geben konnte, dafür sind wir dankbar; heute lassen wir sie los und legen sie getrost in deine ewige Liebe hinein.

Begleite und bewahre uns in allen Gedanken und Empfindungen, die uns heute heimsuchen. Höre auch auf unsere stummen Gebete, auch auf das, was wir dir dir vorhalten und nicht verzeihen mögen. Nicht mit allem kommen wir zurecht, was uns widerfährt, und wir würden uns lieber einen Gott wünschen, der das Leid beseitigt, statt es so oft untätig hinzunehmen. Wir begreifen dich nicht, Gott, dass du in Jesus einen merkwürdigen Weg beschritten hast, in die Welt einzugreifen: an der Seite von Opfern, hilflos ausgeliefert brutalen Tätern, denen du trotzdem ihre Taten nicht nachgetragen hast. Den Weg des Guten, der Liebe, bist du bis zuletzt gegangen, und es heißt, dass du damit den Tod und das Böse besiegt hast. Hilf uns zu begreifen, worin der Sinn unseres Lebens wirklich besteht – lass uns auf den Wegen deines Friedens gehen, das Böse meiden und das Gute tun, damit unser Leben Erfüllung findet. Amen.

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