„Burn out“ oder „Born again“?

Niemand von uns kann sich seinen Glauben selber machen. Sondern es ist wirklich wie bei einer Geburt. Gott selbst, sein Geist führt mich hinein in ein neues Leben. Und wenn unsere Kräfte am Ende sind, können wir uns bewusst machen: Es hängt nicht immer alles an uns, es sind auch noch andere da, denen etwas zugemutet werden kann.

Born again: Ein Wassertropfen an einer Knospe, in dem sich die Umgebung spiegelt - als Bild für das Wiedergeborenwerden aus Wasser und Geist

Neu geboren werden aus Wasser und Geist – wie geht das? (Bild: jodylehigh – pixabay.com)

#predigtFestgottesdienst aus Anlass des Volksmusiktages des Gesangvereins und des Musikvereins Reichelsheim am Sonntag Trinitatis, 2. Juni 1985, um 9.30 Uhr an der Mehrzweckhalle Reichelsheim

Liebe Festbesucher, zum zweiten Mal sind wir heute hier draußen zu einem Gottesdienst an der Mehrzweckhalle versammelt, nachdem die erste Veranstaltung dieser Art am Pfingstmontag des letzten Jahres guten Anklang gefunden hatte. Ich begrüße Sie alle herzlich und danke insbesondere den Aktiven des Gesangvereins Liederkranz und des Musikvereins Reichelsheim, dass sie den Gottesdienst wieder musikalisch begleiten. Zu Beginn singen wir gemeinsam mit dem Musikverein das wohl allen bekannte Lied „Lobe den Herren“; der Text steht oben auf dem Liedblatt.

Lied EKG 234 (EG 317), 1-3:

1. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Gott ist unser Vater. Ohne ihn wäre die Welt nicht da; und auch uns Menschen gäbe es nicht ohne ihn. Gott ist unser Bruder in Jesus Christus. Ohne ihn wären wir in unserer Sünde verloren. Gott ist uns nahe im Heiligen Geist. Ohne ihn würde kein Mensch Gott kennen, wären wir allein in einer sinnlosen Welt. Aber Gott gibt sich uns zu erkennen in diesem Geheimnis, in seiner Dreieinigkeit: als Vater im Sohn durch den Heiligen Geist.

Gott, mit dem Verstand können wir dein Geheimnis nicht begreifen. Deshalb bitten wir dich um Demut, die nicht grübelt, sondern deinem Wort vertraut. Wir bitten um Glauben, der uns über deine Zusagen und über deine Nähe fröhlich macht. Dann können wir heute im Gottesdienst fröhlich und getrost singen und beten, dann können wir schönes Fest feiern, und morgen gestärkt in unsren Alltag zurückgehen. Amen.

Lied des Gesangvereins: „Es tagt der Sonne Morgenstrahl“

Lasst uns nun die Worte der Heiligen Schrift zum heutigen Sonntag Trinitatis, zum Fest der heiligen Dreieinigkeit, hören. Sie stehen im Evangelium nach Johannes 3, 1-8 (GNB); es ist zugleich der heutige Predigttext:

Einer der führenden jüdischen Männer war Nikodemus; er gehörte zu den Pharisäern. Eines Nachts kam er zu Jesus und sagte zu ihm: „Wir wissen, dass Gott dich gesandt und dich als Lehrer bestätigt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Taten vollbringen, wie du sie tust.“ Jesus antwortete: „Ich versichere dir: nur wer von neuem geboren ist, wird Gottes neue Welt zu sehen bekommen.“ „Wie kann ein erwachsener Mensch noch einmal geboren werden?“ fragte Nikodemus. „Er kann doch nicht in den Leib seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal auf die Welt kommen!“ Jesus sagte: „Ich versichere dir: nur wer von Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes neue Welt hineinkommen. Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt menschlich. Geistliches kann aber nur vom Geist Gottes geboren werden. Wundere dich nicht, wenn ich dir sage: Ihr müsst alle von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo es ihm gefällt. Du hörst ihn nur rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es auch bei denen, die vom Geist geboren werden.“

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja!

Lied EKG 298 (EG 369), 1+2+7:

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

2. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Gottes Liebe, die wir nicht verdient haben, Gottes Geist, den wir nicht in der Hand haben, Gottes Frieden, den wir kaum zu erhoffen wagen, ja, der lebendige Gott selber komme zu uns. Amen.

Liebe Gemeinde!

Sie haben sich heute morgen hierher auf den Weg gemacht, um Gottesdienst zu feiern, um einen Festtag mit Gottes Wort, mit Liedern und Gebet zu beginnen. Ich weiß nicht, was Sie alle erwarten im Gottesdienst heute morgen, vielleicht ein Stück Gemeinschaft, vielleicht eine gute Predigt, vielleicht gar nichts Spezielles. Aber ich weiß, wer uns erwartet in einem christlichen Gottesdienst: Gott! Er ist Mensch geworden in Jesus; er hilft uns glauben durch den heiligen Geist.

Im Gottesdienst kommen wir also da zusammen, wo Gott sich uns zeigen will. Das muss nicht die Kirche sein, das kann auch hier draußen an der Mehrzweckhalle sein. Hier sind wir im Namen Jesu beieinander, und hier will Jesus mitten unter uns sein.

Wie das ist, wenn man zu Jesus geht, das hatte der alte Nikodemus erfahren. Wir hörten vorhin von ihm. Nikodemus war ein alter, gottesfürchtiger Jude; er gehörte zur Vereinigung der Pharisäer, die sehr darauf achteten, alle Gesetze des Mose genau einzuhalten. Wir haben heute häufig Vorurteile gegen die Pharisäer und empfinden sie als Heuchler und selbstgerechte Menschen. Dieser Pharisäer wird im Johannesevangelium jedenfalls nicht so abfällig beschrieben. Nikodemus scheint auf der Suche zu sein, vielleicht fragt er sich, was aus seinem Leben wird, wenn es schließlich, vielleicht sehr bald, zu Ende geht. Und er sucht eine Antwort, mitten in der Stille und in der scheinbaren Zeitlosigkeit der Nacht, sucht eine Antwort bei Jesus, den er als von Gott beauftragten Lehrer, als jüdischen Rabbi, voll anerkennt.

Wäre Nikodemus nicht alt und weise, sondern jung und unbefangen gewesen, dann hätte er einfach gesagt: Herr, ich habe Hunger nach Leben! Aber alles um mich herum stirbt, ist faul, vergiftet, überall Zerstörung – und mein eigenes Leben ist nicht viel anders. Und ein junger Nikodemus von heute, der vielleicht gern mit Jesus reden möchte, ganz persönlich, unmittelbar, offen und direkt, der wird sich vielleicht am kommenden Mittwoch auf den Weg nach Düsseldorf machen; wenn dort der Kirchentag beginnt. Da geht es auch um die Frage: Hunger nach Leben! Und die Kirchentags-Losung „Die Erde ist des Herrn“ – sie beruhigt ihn ganz und gar nicht, sie bestürzt ihn, denn von diesem Herrn ist auf diesem von Krieg und Zerstörung überzogenen Planeten so wenig wiederzufinden. Wenige können das noch aus vollem Herzen mitsingen: dass Gott „alles so herrlich regieret“. Und Zweifel am „lieben Gott“, von dem wir im zweiten Lied gesungen haben, dass er uns „wunderbar erhalten“ wird, sind heute schon selbstverständlich geworden, durch alle Generationen hindurch.

Nikodemus wird die Frage aller religiösen Menschen auf dem Herzen haben: Was muss ich tun, um von Gott anerkannt zu werden, um in Gottes Reich aufgenommen zu werden? Und ein junger Kirchentagsbesucher von heute wird ganz anders, aber auch ganz ähnlich die Frage mit sich herumschleppen: Was muss ich tun, damit unsere Erde nicht zugrundegeht, damit unser Leben auf der Erde noch eine Zukunft hat?

Jesus gibt eine merkwürdige und ärgerliche Antwort: Nur wer von neuem geboren wird, bekommt Gottes neue Welt zu sehen. Von neuem geboren werden? Nikodemus gibt zurück, was wohl auch uns auf der Zunge liegt: Wie kann ein erwachsener Mensch von neuem geboren werden? Er kann doch nicht in den Leib seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal auf die Welt kommen!

Dann erklärt sich Jesus näher: Er spricht von der Wiedergeburt durch Wasser und Geist. Wenn Menschen geboren werden, sind sie zwiespältige Wesen, begabt mit der Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, nicht ideale, sondern sehr unvollkommene Wesen. Und selbst wenn Menschen das Gute, den Fortschritt z. B., anstreben, kommt oft genug das Gegenteil unserer Bemühungen dabei heraus. Darum sagt Jesus: wenn ihr wirklich neues Leben wollt, wenn ihr wirklich das Beste wollt für euer Leben, für eure geschundene Erde, dann müsst ihr neu geboren werden – also euch ändern nicht aus eigenen Kräften, sondern aus der Kraft der Taufe und des Heiligen Geistes. Das meint Jesus mit dem Wiedergeborenwerden durch Wasser und Geist.

Nikodemus wird wohl auch verstanden haben, dass Jesus keine Wiederholung der leiblichen Geburt meinte. Er, der jüdische Professor für Theologie, konnte aber wohl nicht gleich akzeptieren, dass vor Gott keine menschliche Leistung zählt, dass vor Gott jeder, auch der frömmste und beste Mensch, neu geboren werden muss.

Wiedergeburt – das ist ein weibliches Bild. Und in unserer seit Jahrtausenden männlich geprägten Verkündigung tun wir uns damit schwer. Ich ertappe mich dabei, während ich diese Predigt schreibe, wie ich mich unheimlich anstrenge, genau zu erklären, was Jesus wohl meint. Aber nein, nicht deswegen wird jemand von Ihnen im Glauben gestärkt, weil ich mich so angestrengt habe, sondern nur durch Gottes Geist.

Niemand von uns kann sich seinen Glauben selber machen. Sondern es ist wirklich wie bei einer Geburt. Ich werde geboren – ich mache meine Geburt nicht selber. Ich gehe in der Geburt hindurch zu einem neuen Leben, trete in eine neue Welt ein. So ist auch meine Wiedergeburt zum Glauben nicht ein Willensakt von mir, sondern Gott selbst, sein Geist führt mich hinein in ein neues Leben. Das Taufwasser ist ein äußeres Zeichen dafür; den Geist selbst sieht man ja nicht. Aber er zieht Wirkungen nach sich, da wo er weht, und er weht, wo er will.

Solche Wirkungen können sein: dass jemand sich gehalten fühlt von Gott, dass jemand Trost spürt im Traurigsein, dass jemand Mut bekommt, sich einzusetzen, dass wir uns Zeit füreinander nehmen, oder auch dass wir neu nach Gott fragen. Als gestern ziemlich viel Arbeit über mir zusammenzuschlagen drohte, die mit der Predigt, mit der Festwoche und mit dem Kirchenblättchen zusammenhing, habe ich spontan auch viel Hilfe gefunden. Auch das ist eine Wirkung des heiligen Geistes.

Ich tue mich schwer mit dieser Predigt, habe den Eindruck – wie sollen die Leute mich nur verstehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch immer in etwas gedrückter Stimmung bin. In dieser Woche ist ein lieber Freund von mir, er war Pfarrer im Odenwald, begraben worden. Erst 38-jährig war er in der Nacht zum Pfingstsonntag gestorben. In den Worten am Grabe wurde eines immer wieder hervorgehoben: wie viel er für seine Gemeinde getan und wie sehr er sich für sie eingesetzt habe. Aber selber blieb er oft allein, fand er nicht recht den Weg, sich von anderen wirklich helfen zu lassen. Das hat mich sehr betroffen gemacht.

Und ich denke, dass wir lernen müssen, uns gegenseitig zu tragen und zu ertragen, um Hilfe zu bitten und Hilfe zu geben, hier Ja zu sagen, wenn Not am Mann ist, und dort Nein zu sagen, wenn unsere Kräfte am Ende sind. Es hängt nicht immer alles an uns, es sind auch noch andere da, denen etwas zugemutet werden kann.

Am meisten hat mich bei der Beerdigung meines Freundes ein Gebet angerührt, das er selber noch am Nachmittag vor seinem Tod für den Pfingstgottesdienst herausgesucht hatte. Ich weiß nicht mehr genau die Worte, aber es ging ungefähr so:

„Gott, ich will schweigen vor dir. In mir ist es leer, ich weiß nichts von dir, ich bin kraft- und mutlos. Ich will schweigen vor dir, Gott. Schenk mir deinen Geist. Sag du mir, was ich reden, was ich tun kann. Ich schweige – und möchte spüren, was du mit mir vorhast.“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied des Gesangvereins: Danke

Herr, unser Gott, manchmal können wir vor dir nur schweigen. Wir finden keine Worte, wenn ein junger Mensch stirbt. Wir verstummen entsetzt, wenn wir an die Katastrophen des vergangenen Wochenendes denken. Uns verschlägt es die Sprache, wenn wir uns an die entsetzlichen Szenen im Brüsseler Fußballstadion vom Mittwoch erinnern. Herr, lass uns vom Schweigen zur leisen Bitte finden: Schenk uns deinen Geist, deinen Trost, deine Nähe, neuen Mut zum Leben! Lass schließlich bei uns auch immer wieder den Dank laut werden, den Dank für deine Güte, den Dank, dass du uns hältst „in aller Not und Traurigkeit“. Wenn wir von dieser Erde Abschied nehmen, bleiben wir doch in deiner Liebe geborgen. Und schon hier in unserem irdischen Leben bauen wir nicht auf Sand, wenn wir uns auf dich verlassen. So lass uns in dieser Dankbarkeit getrost unser Leben führen, offen für die Freuden und Sorgen anderer Menschen, aber auch offen für das, was in uns selber vorgeht. Hilf uns, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser
Abkündigungen und Segen
Lied EKG 208 (EG 347), 1-6:

1. Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2. Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3. Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4. Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

5. Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

6. Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

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