Israel Finkelstein und das vergessene Königreich Israel

Wie kam es historisch zur Entstehung Israels? Es ging nicht, wie es die Bibel beschreibt, aus Nachkommen Abrahams hervor, die in Ägypten zu einem Volk heranwuchsen und nach Exodus und Wüstenwanderung das Land Kanaan gewaltsam einnahmen. Israel Finkelstein beschreibt als biblischer Archäologe die Entwicklung verschiedener Staatsgebilde im Norden Palästinas, die bereits lange vor dem südlichen Königreich Juda erhebliche Macht entfalteten.

Darstellung der Schlacht am Gilboa-Gebirge mit dem Selbstmord Sauls durch Pieter Bruegel den Älteren

Darstellung der Schlacht am Gilboa-Gebirge, mit der Israel Finkelstein zufolge das Reich Sauls unterging (Bild: Pieter Bruegel der Ältere / Public domain)

Inhaltsverzeichnis

1 Zur Geschichte Palästinas in der Spätbronzezeit

2 Entstehung Israels im Bergland und „Neues Kanaan“ in der Ebene

3 Stammesfürstentum Gibeon/Gibea der Sauliden

4 Profiteure von Gibeas Untergang: Juda und Tirza

5 Großes Territorialkönigreich der Omriden in Samaria

6 Israel, Moab und Juda unter aramäischer Vorherrschaft

7 Letzter Wiederaufschwung Israels unter den Assyrern

8 Gründungsmythen des Nordreichs Israel

8.1 Der Jakobszyklus und sein historischer Hintergrund

8.2 Die Überlieferung von Exodus und Wanderung

9 Die gesamt-israelitische Ideologie im Königreich Juda

1 Zur Geschichte Palästinas in der Spätbronzezeit

Gemeinsam mit Neil Asher Silberman hatte Israel Finkelstein in den beiden Büchern „Keine Posaunen vor Jericho“ und „David und Salomo“ bereits in den Jahren 2001 und 2006 ein breites Publikum populärwissenschaftlich angesprochen. In dem von ihm allein veröffentlichten Buch „Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel“ (München 2014) wirft er einen faszinierenden und differenzierten Blick auf das historische Nordreich Israel, das bereits in der Bibel immer im Schatten des von Jerusalem aus regierten Südreichs Juda stand.

Das Buch ist ausgesprochen hilfreich, um sich historische Hintergründe der Bibel klarzumachen und auch zu begreifen, warum so viele biblische Überlieferungen die Ereignisse anders darstellen, als sie tatsächlich geschehen sind (alle Seitenzahlen dieses Beitrags beziehen sich auf die jeweils folgenden Zitate aus dem von mir besprochenen Buch; längere Zitate sind blau hinterlegt).

In der Einleitung macht Israel Finkelstein klar, worum es ihm in erster Linie geht, nämlich (S. 14)

vor allem … um die Territorialgeschichte Israels und um das, was in der kulturanthropologischen Literatur als „Staatenbildung“ bezeichnet wird, also die Entstehung von territorialen Gemeinwesen mit einem Beamtenapparat und Verwaltungseinrichtungen.

Lange vor der Zeit Israels (S. 25) scheint das Gebiet „im zentralen Bergland“ von Palästina „zwischen zwei großen Gemeinwesen aufgeteilt“ gewesen zu sein, „einem nördlichen in Sichem und einem südlichen in Jerusalem“, da „in den ägyptischen Ächtungstexten des 19./18. Jahrhunderts v. Chr.“ nur diese beiden Städte erwähnt werden. In der Spätbronzezeit (1350-1050 v. Chr.) (S. 21)

war Kanaan in Stadtstaaten aufgeteilt, die von einem ägyptischen Verwaltungs- und Militärapparat beherrscht wurden. Jeder Stadtstaat bestand aus einer Hauptstadt, in der der Herrscher residierte, und den umliegenden Dörfern. Die Größe dieser Städte, die Ausdehnung des von ihnen kontrollierten Territoriums, die Zahl der Dörfer im Hinterland, die Größe der Bevölkerung und ihre Lebensform (sesshaft oder nomadisch zum Beispiel) waren sehr unterschiedlich.

Durch die Amarna-Briefe (S. 26-29) sind Auseinandersetzungen zwischen dem Herrscher von Sichem, Labaja, und verbündeten Stadtstaaten mit einer Koalition von anderen Stadtstaaten im 14. Jahrhundert bekannt. Dazu merkt Finkelstein an (S. 29), dass zu dieser Zeit Sichems Absicht fehlschlug, „die Jesreel-Ebene und die nördlich angrenzenden Gebiete zu erobern“, also „genau jene Gebiete unter seine Kontrolle“ zu bringen, „die ein paar Jahrhunderte später im Herrschaftsbereich des Nordreichs“ (mit der Hauptstadt Tirza) lagen. Schon damals wurden „die Geschicke des mächtigen Stadtstaates Labajas und seiner Söhne von einer kleinen, unbefestigten Siedlung aus gelenkt“, und im Gegensatz zur dichter besiedelten Jesreel-Ebene „war das Bergland des nördlichen Samaria relativ dünn besiedelt“, besaß aber (S. 29f.), „weil Sichem über eine heterogene Bevölkerung aus sesshaften Gruppen und Hirtennomaden herrschte, … eine besondere Stärke.“

2 Entstehung Israels im Bergland und „Neues Kanaan“ in der Ebene

Dann (S. 30) endete das „System der kanaanäischen Stadtstaaten unter ägyptischer Verwaltung in den Ebenen des Nordens … im späten 12. Jahrhundert mit zahlreichen Zerstörungen“, wobei aber „das Siedlungssystem keineswegs vollständig“ zusammenbrach. Als Ursachen für die „Zerstörungen in der Ebene“ erwägt Finkelstein Angriffe „verschiedener Seevölker“ oder „von Rebellenbanden (die Apiru der ägyptischen Quellen)“, evtl. auch „Expansionsversuche sesshafter Bevölkerungsgruppen aus dem Bergland“.

Dieses (S. 31) „Ende der spätbronzezeitlichen Stadtstaaten und der Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft in Kanaan“ hatten nun erstens „eine Siedlungswelle“ im Bergland zur Folge, „die vermutlich bereits im späten 13. Jahrhundert begonnen hatte“ und sich „im 12. und 11. Jahrhundert“ verstärkte:

So stieg die Zahl der Siedlungen dramatisch an: von rund 30 auf einer bebauten Gesamtfläche von rund 50 Hektar in der Spätbronzezeit II (13. Jahrhundert v. Chr.) auf etwa 250 auf einer bebauten Gesamtfläche von rund 220 Hektar zweieinhalb Jahrhunderte später in der späten Eisenzeit I (Anfang des 10. Jahrhunderts). Damit wuchs die sesshafte Bevölkerung um mindestens das Vierfache. Das Wiederaufblühen der Sesshaftigkeit muss von einer Ausbreitung der Landwirtschaft begleitet gewesen sein, weshalb sich der Anteil der nomadischen Gruppen wahrscheinlich erheblich verringerte. Die meisten dieser Siedlungen bestanden ununterbrochen bis zur Eisenzeit IIA-B, der Zeit des Nordreichs, fort und können daher bereits in der Eisenzeit I als „israelitisch“ bezeichnet werden. Mit anderen Worten: Diese Siedlungswelle führte zur Entstehung Israels.

Ob es hier bereits in dieser Zeit (S. 32) einen „Verband von Stämmen mit einem zentralen Heiligtum“ gegeben hat, wie es der Alttestamentler Martin Noth 1966 vermutete, überprüft Finkelstein an den archäologischen Daten des Grabungsortes Schilo, der in der Bibel vor allem mit der Tätigkeit Samuels als Richter verbunden wird, und er stellt fest (S. 35), dass hier schon in der Spätbronzezeit „Kulthandlungen stattfanden“ und dass es in der darauf folgenden Eisenzeit I Hinweise darauf gibt, dass „Schilo ein Verwaltungszentrum war.“

Dass (S. 60) in den biblischen Büchern „Josua, Richter und 1. Samuel“ alte Erinnerungen an „Schilo als Zentralheiligtum der frühen Israeliten und als den Ort, an dem die Bundeslade aufbewahrt wird“, aufbewahrt sind, begründet Finkelstein (S. 61) mit archäologischen Forschungsergebnissen, die nach der Zerstörung Schilos im 11. Jahrhundert „weder einen Anhaltspunkt für eine Kultstätte noch für eine Zerstörung durch Feuer“ liefern. Somit muss es „im spätmonarchischen Juda noch eine lebendige Erinnerung an die weit zurückliegende Zerstörung einer Kultstätte in Schilo“ gegeben haben,

vielleicht eine mündlich tradierte, nordisraelitische authentische Überlieferung, die nach der Eroberung Israels durch die Assyrer mit Flüchtlingen aus dem Norden nach Juda kam, oder eine ätiologische Überlieferung aus dem Norden, die auf der Kenntnis einer großen Ruine an diesem Ort in der Königszeit basierte.

Im Fall Schilos haben wir also den Beleg dafür, dass in der Bibel Erinnerungen, so vage sie auch sein mögen, an Ereignisse weiterleben, die sich vermutlich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts abspielten.

Eine Erinnerung daran, dass (S. 30) „im nördlichen Teil des zentralen Berglands auch noch zwischen dem 13. und dem 11. Jahrhundert ein starkes Gemeinwesen“ existierte (S. 36), „das in vormonarchischer Zeit von einem starken Anführer regiert wurde“, ist möglicherweise im biblischen Buch der Richter, Kapitel 9 (S. 37), „als Teil des von Wolfgang Richter so bezeichneten ‚Retterbuchs‘, einer Sammlung von Erzählungen über lokale, charismatische militärische Rettergestalten“ in der Geschichte Abimelechs aufbewahrt:

Von besonderer Bedeutung ist Richter 9,26-41, das von den Machenschaften einer Gruppe von Apiru erzählt, Rebellenbanden, die im Bergland ihr Unwesen trieben. Man kann sich kaum vorstellen, dass Umtriebe solcher Banden nach der Konsolidierung der Monarchie noch möglich waren. Autoren der späten Königszeit und danach konnten von diesen alten Geschichten keine Kenntnis mehr haben. Offenbar wurde hier eine Überlieferung aus vormonarchischer Zeit im Norden bewahrt.

Die (S. 38) „Geschichte der Ebenen im Norden“ betrachtet Finkelstein jedoch völlig anders. Hier erholten sich die „wichtigsten urbanen Zentren der Spätbronzezeit“ in der Eisenzeit I „allmählich von den Zerstörungen am Ende des 12. Jahrhunderts“; sie „waren sowohl in der Spätbronzezeit als auch in der Eisenzeit I dicht besiedelt und weisen keine Anzeichen einer größeren Krise auf.“ Diese „Wiederbelebung des Siedlungssystems in den Ebenen des Nordens“, die „in der späten Eisenzeit I, also im späten 11. und frühen 10. Jahrhundert, allen größeren Orten bedeutenden Wohlstand“ brachte, bezeichnet Finkelstein als „Neues Kanaan“.

Erst (S. 44) im Laufe des 10. Jahrhunderts brach in einer „Zeit der Wirren…, die mehrere Jahrzehnte andauern“, das (S. 43) „urbane System des Neuen Kanaan … zusammen, als die Hauptstädte den Flammen zum Opfer fielen“ (S. 44f.):

Historisch plausibel wäre es, sie mit Überfällen von Gruppen aus dem zentralen Bergland auf Festungen in der Ebene in Verbindung zu bringen: mit Angriffen einzelner Banden oder den Versuchen eines frühen israelitischen territorialen Gemeinwesens im Bergland, in angrenzende Ebenen des Nordens zu expandieren.

Sowohl (S. 46) das „Debora-Lied im Buch der Richter“ als auch die „Geschichte von König Sauls Tod in einer Schlacht gegen die Philister im Gilboa-Gebirge (1 Sam 31)“ könnte Finkelstein zufolge „eine authentische Erinnerung an die Expansion eines frühen nord­israelitischen Gemeinwesens in die nördlichen Ebenen im 10. Jahrhundert“ enthalten:

Meiner Ansicht nach hat eine Zeit der Unruhen und Wirren im 10. Jahrhundert bei der Bevölkerung im Norden einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass mündliche Überlieferungen wie das Debora-Lied und der Saul-Zyklus entstanden, die in der Blütezeit des Nordreichs in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts schriftlich fixiert wurden.

Das heißt für Finkelstein (S. 46f.):

Die Zerstörung der urbanen Zentren in den nördlichen Ebenen am Ende der Eisenzeit I war in der Geschichte des Landes der eigentliche Einschnitt. Sie markiert den Übergang von der materiellen Kultur der Kanaanäer und der Organisation der Stadtstaaten im 2. Jahrtausend v. Chr. zur materiellen Kultur der Israeliten und zu einem System von Territorialkönigtümern zwischen dem späten 10. und dem späten 8. Jahrhundert v. Chr.

3 Stammesfürstentum Gibeon/Gibea der Sauliden

Das erste nachweisbare Königreich oder Stammesfürstentum Israel (S. 48, Anm. 2) mit einem „Territorium, das größer war als das eines typischen bronzezeitlichen Stadtstaats und von einer zentralen Siedlung aus regiert wurde“, verbindet Finkelstein auf Grund archäologischer, biblischer und ägyptologischer Befunde mit König Saul. Ihm zufolge bewahrt (S. 59)

der Saul-Zyklus im ersten Buch Samuel Erinnerungen an ein Gemeinwesen im Bergland von Benjamin und Efraim…, das in Gibeon/Gibea sein Kerngebiet hatte, mit der Region des Flusses Jabbok verbunden war und sich im Norden möglicherweise bis an den Rand der Jesreel-Ebene erstreckte.

Auf Grund (S. 48) archäologischer Surveys ist für das „Ende der Eisenzeit I (spätes 11. und erste Hälfte des 10. Jahrhunderts)“ nachgewiesen, dass „es im zentralen Bergland rund 250 Siedlungen (gegenüber etwa 30 in der Spätbronzezeit) auf einer bebauten Gesamtfläche von rund 220 Hektar (gegenüber etwa 50 Hektar in der Spätbronzezeit)“ gab. Daraufhin (S. 49) schätzt Finkelstein die Bevölkerung „auf rund 45 000 Menschen“, die „aus sesshaften und ehemals nomadischen Gruppen“ bestand und „die autochthone Bevölkerung der südlichen Levante“ bildete. Da sich diese „Siedlungswelle … ungestört bis zur Eisenzeit IIA“ fortsetzte, „als das Bergland Teil des Königreichs Israel beziehungsweise Juda wurde“, kann man bereits „die Bevölkerung der Eisenzeit I im Bergland als ‚israelitisch‘ bezeichnen.“

Auf das Kerngebiet dieses Herrschaftsbereichs, in dem sich auch der Herrschaftssitz befunden haben muss, ist Finkelstein bei Grabungen „auf dem Gibeon-Bet-El-Plateau nördlich von Jerusalem“ gestoßen, die nicht nur (S. 50) „den Bau von Befestigungsanlagen in der späten Eisenzeit I und der frühen Eisenzeit IIA“ belegen, sondern auch (S. 51) „die Plötzlichkeit“, mit der diese Siedlungen „aufgegeben wurden“:

Wie oben erwähnt, haben Ausgrabungen und Surveys gezeigt, dass die meisten aus der Eisenzeit I stammenden Siedlungen im zentralen Bergland bis in die Eisenzeit II ununterbrochen bewohnt waren. Die einzige Ausnahme bildet eine genau definierbare Gruppe von Siedlungen der Eisenzeit I in diesem relativ kleinen Gebiet. Sie wurden in der frühen Eisenzeit IIA nicht zerstört, sondern aufgegeben oder schrumpften beträchtlich.

Diese Siedlungen (S. 52) geben „ein doppeltes Rätsel auf: Wie lassen sich ihre Befestigungen erklären, und warum wurden sie aufgegeben?“

Finkelstein bringt die Aufgabe dieser Siedlungen mit dem „Feldzug Pharao Schoschenqs I. (des biblischen Schischak) … nach Kanaan“ in Verbindung, der ihm zufolge nicht, wie es in 1. Könige 14 und 2. Chronik 12 heißt, zur Zeit des biblischen Königs Rehabeam, sondern in einem Zeitraum „zwischen Mitte und Ende des 10. Jahrhunderts“ zur Zeit des Königs Saul stattgefunden hat.

Der (S. 62) traditionellen „Datierung Sauls ins späte 11. Jahrhundert“ stimmt Finkelstein nicht zu, da sie u. a. die „jeweils vierzigjährige Regierungszeit Davids und Salomos“ für bare Münze nimmt, die aber „als eine symbolische Zahl betrachtet werden“ muss. Auch ist nicht sicher (S. 63), „ob David nach Saul regierte oder ob sich ihre Herrschaftszeit überschnitt“.

Interessant sind (S. 52) die „von Schoschenq I. erwähnten Ortsnamen“ auf der Liste der von ihm eroberten Städte. Dass in ihr (S. 53) „die Schefela und das Bergland von Juda“ fehlt, bestätigt Finkelstein zufolge, dass zu dieser Zeit

Juda noch ein unbedeutendes, dünn besiedeltes Gemeinwesen im südlichen Bergland mit einer gemischten Bevölkerung aus sesshaften Gruppen und Hirtennomaden [war], das von einer kleinen Siedlung aus regiert wurde. Damit wird die biblische Datierung der Ereignisse in ‚das fünfte Jahr des Königs Rehabeam‘ hochgradig unwahrscheinlich. …

Doch auch die reichen und wichtigen Städte Samaria und Sichem im Norden fehlen in Schoschenqs Aufzählung. Stattdessen spielen zwei Regionen eine Rolle, die „abseits der großen internationalen Handels- und Verkehrswege“ lagen und „für die ägyptischen Pharaonen nie sonderlich interessant“ waren, nämlich „das Bergland nördlich von Jerusalem und das Gebiet des Flusses Jabbok“ mit den Orten „Adama, Sukkot, Penuel und Mahanajim“. Eigentlich „hüteten sich die Pharaonen des Neuen Reichs, in das dünn besiedelte, bewaldete, zerklüftete und feindselige Bergland vorzudringen“, warum stieß Schoschenq trotzdem in diese Region vor?

Nach Finkelstein (S. 56) war

die Region um Gibeon und das Gebiet des Jabbok Kernland eines aufstrebenden territorialen Gemeinwesens…, das ägyptische Interessen in Kanaan bedrohte: Ähnlich wie in der Amarna-Zeit im 14. Jahrhundert v. Chr. bestand die Gefahr einer Expansion in die westliche und nördliche Tiefebene, das heißt in Richtung der fruchtbaren Täler und der internationalen Straße, die Ägypten mit dem Norden und den Häfen an der Küste verband.

Zwingend erscheint mir Finkelsteins Argumentation insofern (S. 59), als sich die

Liste Schoschenqs I. und die biblischen Quellen, die das saulidische territoriale Gemeinwesen beschreiben, … auf denselben geographischen Raum im Bergland nördlich von Jerusalem [beziehen], und beide verknüpfen diesen Raum mit der Region des Jabbok; die biblische Erzählung verbindet insbesondere die Region Gibeon mit Jabesch-Gilead (1 Sam 11; 2 Sam 2,4-7) und Mahanajim (2 Sam 2,12). Wie oben ausgeführt, ist diese Verknüpfung zweier geographisch relativ weit voneinander entfernt liegender, isolierter Regionen einzigartig. Dass dies bloßer Zufall war (umso mehr, da die beiden Quellen Ereignisse beschreiben, die zeitlich nicht allzu weit auseinanderliegen), erscheint mir höchst unwahrscheinlich.

Durch das von Finkelstein begründete Szenario wird auch erklärbar (S. 74),

  • warum erstens Saul ausgerechnet in einer „Schlacht im Gilboa-Gebirge weit entfernt vom Kerngebiet seiner Herrschaft, der Region Gibeon/Gibea im Bergland“, sein Leben verlor und „sein Leichnam an der Mauer der alten ägyptischen Festung Bet-Schean in der Ebene zur Schau gestellt wurde“,
  • und zweitens, warum die „Philister in der Schlacht von Gilboa“ erwähnt werden (S. 74f.):

    Das Buch Samuel könnte eine alte Erinnerung an eine ägyptische Armee bewahrt haben, die von philistäischen Stadtstaaten unterstützt wurde. Als der Stoff schriftlich fixiert wurde, hatte sich Ägypten zwar längst aus der Region zurückgezogen, aber die Philister waren konkrete Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Die Philister übernahmen in der biblischen Geschichte die Rolle der Ägypter.

Aber gehörte das Stammesgebiet von Benjamin zu dieser Zeit überhaupt zu Israel und nicht vielmehr zu Juda, wie es die spätere rückblickende Geschichtsschreibung in Juda behauptete?

Finkelstein verweist darauf (S. 57f.), dass der Archäologie zufolge „das Territorium des Stammes Benjamin bis zum Untergang der Omriden-Dynastie 842 v. Chr. vom Nordreich beherrscht“ und erst unter „König Joahas… von Juda annektiert“ wurde. Auch (S. 57) „prädeuteronomistische Texte…, insbesondere … solche, die nicht aus Jerusalem stammen“, bestätigen (S. 59),

  • dass der Stamm Benjamin „(wörtlich ‚der Sohn des Südens‘)“ im „Süden des Territoriums von Israel“ zu lokalisieren ist;
  • in (S. 58) „der Geschichte von der Geburt der Söhne Jakobs“ wird „Benjamin als der südlichste Stamm des Hauses Josef bezeichnet“,
  • die „Ehud-Geschichte in Richter 3 – Teil des nördlichen Zyklus im Retterbuch – verknüpft Benjamin, Jericho und das Bergland von Efraim“,
  • nach „Richter 4, 5 – gleichfalls Teil des Retterbuchs – hatte Debora, die Prophetin aus dem Norden, ‚ihren Sitz zwischen Rama und Bet-El‘,
  • ferner zählt das „Debora-Lied (Ri 5), das im Allgemeinen früher als Richter 4 datiert wird, … Benjamin zu den Stämmen des Nordens“,
  • außerdem wird Benjamin „in der Thronfolgegeschichte – in den Episoden, die von Schimi, dem Sohn von Gera, und Scheba, dem Sohn von Bichri, handeln – … auf die Seite Israels und gegen David“ gestellt,
  • und schließlich sprechen die prophetischen Stellen „Hosea 9,9 und 10,9 … von den Sünden Gibeas in offenkundig vormonarchischer Zeit im Zusammenhang mit Israel.“

Dass (S. 61f.) „Erinnerungen an ein nordisraelitisches Gemeinwesen des 10. Jahrhunderts bewahrt und weitergegeben wurden, zuerst in mündlicher und später in schriftlicher Form, bis sie schließlich in die spätmonarchischen judäischen Texte Eingang fanden“, ist nach Finkelstein um so wahrscheinlicher, als ja sogar die oben erwähnten noch älteren Schilo-Überlieferungen nachweislich historische Erinnerungen aufbewahrt haben.

Solche (S. 60) „Überlieferungen zu Saul“ können

im späten 8. Jahrhundert nach dem Untergang des Nordreichs mit israelitischen Flüchtlingen nach Juda“ gelangt sein, „möglicherweise in mündlicher Form. Archäologische Oberflächenuntersuchungen auf dem Territorium des Nordreichs im Bergland belegen einen dramatischen Siedlungsrückgang südlich von Sichem nach dem 8. Jahrhundert. Das deutet darauf hin, dass viele Israeliten, die sich in Juda ansiedelten, aus dieser Region stammten, die das Kernland des alten saulidischen Reichs einschließt.

Somit kann man zumindest den „Kern der Geschichte über das saulidische Reich als eine authentische, wenngleich vage Reminiszenz an den Norden betrachten.“

4 Profiteure von Gibeas Untergang: Juda und Tirza

Es mag nach Finkelstein zwei politische Akteure gegeben haben, die damals von der Niederlage Sauls profitierten, als erstes möglicherweise Jerusalem (S. 74, Anm. 68):

Als Vasallen unter einer kurzlebigen ägyptischen Oberhoheit oder nach dem ägyptischen Rückzug aus dem Bergland konnten sich die Machthaber in Jerusalem der ehemals saulidischen Territorien im Bergland (und des westlichen Gilead?) bemächtigen. Dies könnte der historische Kern hinter der Erinnerung an eine große ‚vereinigte Monarchie‘ sein – ein Konzept, das im spätmonarchischen Juda zur Zeit der frühen Davididen entstand.

Der andere Akteur war (S. 76) das „Gemeinwesen Tirza“, das „in der Frühzeit des Nordreichs Israel an die Stelle von Gibeon/Gibea trat und von der Stadt Tirza im nördlichen Samaria aus regiert wurde“. Die Notiz in 1. Könige 11,40 (S. 96), die „König Jerobeam I. mit dem ägyptischen Pharao Schischak“ verknüpft, basiert vielleicht

auf alten Überlieferungen des Nordens, die Juda nach 720 v. Chr. erreichten. Wenn das der Fall ist, könnte dieses Material ein Hinweis darauf sein, dass das aufstrebende Nordreich mit seinem Gründer Jerobeam I. infolge der Intervention des Pharaos, wenn nicht sogar auf seine Initiative hin, die Nachfolge von Gibeon/Gibea antrat.

Zum Herrschaftsgebiet von Tirza gehörten (S. 91) in der Jesreel-Ebene die „Städte, die Pharao Schoschenq im Verlauf seines Feldzugs in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eroberte, aber nicht zerstörte“, nämlich „Megiddo, Taanach, Rehob, Bet-Schean und Schunem“. Vermutlich (S. 92) wollte der Pharao durch seine Unterstützung Tirzas „die ägyptische Herrschaft“ über diese „fruchtbare Ebene…, die die Kornkammer des gesamten Landes war“, neu etablieren. Da „Schoschenq I. nicht weiter in den Norden vordrang“, war vermutlich „das zu jener Zeit von den Israeliten des Berglands beherrschte Territorium im Tiefland auf die Jesreel-Ebene beschränkt“. Auch „bis zur Küste“ im Westen reichte Tirza nicht; im Osten allerdings muss „das westliche Gilead … von Gibeon/Gibea … auf das Gemeinwesen Tirza übergegangen sein.“

Interessant ist, dass Finkelstein das „israelitische Gebiet im Gilead … anhand der Lage der wichtigsten Städte“ abgrenzen will,

die im biblischen Text erwähnt werden, in den Samuelbüchern ebenso wie im Kern des Jakobszyklus in der Genesis, dessen schriftliche Fixierung wahrscheinlich früher als 720 v. Chr. datiert werden muss. Mahanajim, Penuel, Jabesch-Gilead und ein paar andere, weniger bedeutsame Siedlungen liegen an den Westflanken des Gilead-Gebirges, fünf bis fünfzehn Kilometer vom Jordantal entfernt. …

All dies deutet darauf hin, dass von Tirza aus das Bergland nördlich von Jerusalem, die Jesreel-Ebene und das westliche Gilead beherrscht wurden, nicht jedoch das gebirgige Galiläa und das obere Jordantal nördlich des Sees Gennesaret, Gebiete, die unter der Kontrolle von Damaskus und den phönizischen Städten standen…

Chronologisch datiert Finkelstein das Königreich Tirza auf Grund keramiktypologischer Argumente (S. 76f.) „in die Zeit zwischen 920 und 880 v. Chr.“ Die biblische Liste der Könige Nordisraels von Jerobeam I. bis Omri (931-873) hält er für einigermaßen zuverlässig, da mehrere Könige (S. 77) „in außerbiblischen Texten erwähnt sind“, keine (S. 78) „typologischen Zahlen wie bei den jeweils ‚vierzig Jahren‘ für die Regierungszeit Davids und Salomos“ vorkommen und er annimmt, dass der

frühe deuteronomistische Geschichtsschreiber des späten 7. Jahrhunderts … also Zugang zu einem detaillierten Verzeichnis der israelitischen und judäischen Könige gehabt haben [muss]. Da die Informationen sehr präzise sind, muss es sich um eine schriftliche Quelle gehandelt haben. Was die Könige des Nordreichs angeht, könnte ein solches Dokument im frühen 8. Jahrhundert, nur hundert Jahre nach den ersten israelitischen Königen, in Samaria (der Hauptstadt) oder in Bet-El (dem Ort eines bedeutenden Heiligtums) schriftlich fixiert worden sein. Die Information könnte von Israeliten nach dem Zusammenbruch des Nordreichs im späten 8. Jahrhundert nach Juda gebracht worden sein.

Das bedeutet für ihn aber nicht, dass auch die Ereignisse, die im Zusammenhang mit diesen Königen berichtet werden,

für bare Münze zu nehmen sind. Jede einzelne dieser Geschichten muss im Licht der archäologischen Befunde und der Textexegese untersucht werden, umso mehr angesichts der starken ideologischen Prägung der judäischen Verfasser und ihrer Tendenz, Israel und seine Könige zu delegitimieren.

5 Großes Territorialkönigreich der Omriden in Samaria

Mit der (S. 98) „Omriden-Dynastie“ wird Israel zu einem der voll entwickelten „Territorialkönigreiche mit Monumentalarchitekturr und einer schlagkräftigen Streitmacht“, die „in der südlichen Levante um 900 v. Chr.“ entstanden. Am „mächtigsten und wohlhabendsten“ waren in „jener Zeit … Israel und Damaskus“, die im „9. und 8. Jahrhundert … unter dem Einfluss eines dritten Akteurs, des assyrischen Reiches, um die Hegemonie in der Region“ kämpften. Mit den vier Königen dieser Dynastie, „Omri, Ahab, Ahasja und Joram“, die „fast vierzig Jahre lang, zwischen 884 und 842“ regierten, (S. 99)

begann in Israel eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität und der territorialen Machtentfaltung, worauf auch die ersten Monumentalbauten hinweisen. Die militärischen Leistungen dieser Dynastie sind in drei außerbiblischen Texten festgehalten. So beschreibt die Monolith-Inschrift Salmanassars III. aus Kurkh „den Israeliten Ahab“ als einen Hauptakteur der antiassyrischen Koalition, die ihm in der Schlacht von Qarqar 853 v. Chr. gegenübertrat. Ahab führte das größte Streitwagenbataillon dieser Koalition. In den ersten erhaltenen Zeilen der Tel-Dan-Stele aus dem späten 9. Jahrhundert erklärt Hasaël, der König von Aram-Damaskus, der „König von Israel“ sei „zuvor in das Land meines Vaters“ eingedrungen… Die Mescha-Stele, die Ende des 9. Jahrhunderts vom König von Moab in Dibon errichtet wurde, schildert die israelitische Expansion in das Ostjordanland östlich des Toten Meeres ein paar Jahrzehnte zuvor: „Omri, der König von Israel, unterdrückte Moab viele Tage. […] Omri hatte Besitz ergriffen vom Land Madeba, und er wohnte darin.

Wie vorsichtig man bei der Benutzung der Bibel als historische Quelle für die Omridenzeit sein muss, belegt Finkelstein (S. 100) im Zusammenhang mit der

Beschreibung der Ermordung König Jorams von Israel und König Ahasjas von Juda. In 2. Könige 9 lesen wir, die beiden Könige seien im Zuge von Jehus Aufstand getötet worden; in der Tel-Dan-Stele dagegen schreibt sich Hasaël die Morde zu. Man könnte natürlich sagen, Jehu habe als Vasall Hasaëls gehandelt oder die widersprüchlichen Beschreibungen hätten ihren Grund in dem zeitlichen Abstand zwischen dem Ereignis und der Entstehung des Textes, wobei der Abstand im Falle des biblischen Textes größer ist.

Archäologisch ist (S. 101) die „omridische Zeit“ dagegen nach Finkelstein

stratigraphisch und durch ihre Keramik leicht zu identifizieren, da die vielen Zerstörungsschichten aus der Eisenzeit IIA im Norden durch Radiokarbonanalysen zuverlässig datiert sind und historisch dem Angriff Hasaëls von Damaskus auf Israel gegen Ende der Omriden-Herrschaft zugeordnet werden können. Außerdem ist diese Epoche aufgrund der sie kennzeichnenden umfangreichen Bautätigkeit gut dokumentiert.

Neben der Bautätigkeit (S. 101ff.) in der neuen Hauptstadt Samaria und den beiden Städten Jesreel und Hazor geht Finkelstein (S. 113) auf die „zwei Festungen“ ein, die nach der Mescha-Stele „in Moab östlich des Toten Meeres von den Omriden erbaut wurden, Jahaz und Atarot“. Jahaz identifiziert er unter Berufung auf John A. Dearman „mit dem befestigten Khirbet el-Mudeyine eth-Themed im Wadi el-Wale nordöstlich von Dibon“, und er geht davon aus (S. 116), dass die Gründung von Jahaz „und der Bau seiner Befestigungsanlage … in der Eisenzeit IIA, also im Verlauf des 9. Jahrhunderts, stattgefunden haben“ muss. Die Stadt Atarot wird mit der heutigen Grabungsstätte Khirbet Atarus identifiziert.

Um (S. 123) das „Territorium der Omriden“ zu bestimmen, greift Finkelstein einerseits auf den biblischen „Zyklus zu den Propheten Elia und Elischa in den Königsbüchern“ zurück, der „authentisches Material über Israel zur Zeit der Omriden“ enthält:

über Jesreel ebenso wie über das Ende der Dynastie und den Angriff Hasaëls, des Königs von Damaskus, auf Israel. Die Geschichten sind geographisch relativ präzise angesiedelt, vor allem in der Jesreel-Ebene und deren Umgebung; israelitische Ortschaften weiter nördlich werden nicht erwähnt. Zu den in der Bibel genannten Orten zählen Jesreel, Schunem, der Berg Karmel, Megiddo, Bet-Gan (Dschenin?) und Jibleam (an der Straße zwischen der Jesreel- und der Dotan-Ebene). Städte wie Hazor, Dan, Ijon und Abel-Bet-Maacha – oder Orte im gebirgigen Galiläa, die in der (sehr viel späteren) Liste der Städte Naftalis in Josua 19 auftauchen – werden nicht angeführt. Keine der in der Bibel erwähnten Schlachten zwischen Israel und Aram-Damaskus im 9. Jahrhundert fand nördlich des Sees Gennesaret und im Gilead statt, ungeachtet der zeitlichen Abfolge. Ausgehend vom biblischen Text gibt es daher keinen Grund anzunehmen, dass das omridische Territorium bis in die Gebiete nördlich der Jesreel-Ebene und des Gilead reichte.

Das auf der anderen Seite von der „Tel-Dan-Stele“ gezeichnete Bild setzt allerdings voraus, dass ein „König von Israel“ in das Land des Vaters von „König Hasaël von Damaskus“ eingedrungen ist, was nach Finkelstein erst in der „Periode nach Ahab“ geschehen sein kann, vielleicht in der „Regierungszeit Jorams kurz vor dem Aufstieg Hasaëls zur Macht“. Dabei kann es entweder um „das Jordantal nördlich des Sees Gennesaret um Hazor“ oder (S. 124) „sogar noch weiter nördlich“ gegangen sein oder um „das nordöstliche Gilead… Damit wäre Ramot-Gilead der Schauplatz der entscheidenden Schlacht zwischen Aram und Israel, die wahrscheinlich während der Regierungszeit Jorams 843 v. Chr. stattfand“. Hier (S. 126)

in Ramot-Gilead…, an der Straße vom südlichen Ostjordanland nach Damaskus, eine Festung zu vermuten, steht im Einklang mit zwei omridischen Festungen in Moab nördlich des Flusses Amon. Die Kontrolle der Königsstraße konnte wirtschaftlichen Zwecken dienen…

Archäologische Befunde sprechen dafür, dass sowohl Hazor als auch das „gebirgige Obergaliläa“ (S. 125), „das vis-à-vis des westlichen Territoriums von Tyrus lag“, zum Omridenreich gehörte. Außerdem bringt Finkelstein „im Gebiet des Sees Gennesaret“ die Festung „En Gev … mit dem Nordreich in Verbindung… Vielleicht lag hier das Afek aus 1. Könige 20,26-30, wo die Schlacht zwischen Israel und Aram stattfand.“ Jedoch reichte (S. 127) die „Omriden-Herrschaft … nicht bis in die noch nördlicher gelegene Region um Dan; in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts war Dan nicht besiedelt.“

Zur (S. 126) „Westgrenze des Omriden-Reichs“ nimmt Finkelstein an, dass sie sich bis zur Küste erstreckte, und zwar im Norden bis zur Stadt Dor:

Durch den Seehandel war Dor eng mit Phönizien verbunden und muss als die bedeutendste Hafenstadt des Nordreichs betrachtet werden. Die Tatsache, dass Ahab eine phönizische Prinzessin heiratete (1 Kön 16,31), belegt die engen Handelsbeziehungen des Nordreichs mit der Küste und mit Phönizien.

Archäologische Belege bestätigen auch die Südwestgrenze Israels zu dieser Zeit in

Geser an der Grenze zwischen Israel und Philistäa. Die Stadt muss das logistische Zentrum der Israeliten für die beiden Belagerungen des nahegelegenen Gibbeton in der Frühzeit des Nordreichs gewesen sein (1 Kön 15,27; 16,15-17). Dass ausgerechnet Gibbeton erwähnt wird, das nicht zu den großen Städten in der Küstenebene zählte, verleiht diesen Schilderungen historische Glaubwürdigkeit.

Schließlich reichte das Nordreich im Süden ziemlich nahe an Jerusalem heran (S. 127), umfasste die „Kultstätte Bet-El“ und Mizpa und im Südosten Jericho,

was durch die Erwähnung des Wiederaufbaus der Stadt unter Ahab (1 Kön 16,34) und einige prophetische Geschichten (2 Kön 2,4 f. und 18-22) nahegelegt wird. Jericho diente dem Schutz der wichtigen Straße, die Bet-El mit dem nördlichen Moab verband. Mit anderen Worten: Ohne eine Verankerung in Jericho gab es für die Omriden kaum eine Möglichkeit, in Moab die Herrschaft auszuüben.

Zu dieser Zeit wurde Juda von Israel dominiert,

und die Omriden versuchten wahrscheinlich, das Südreich dadurch zu gewinnen, dass die omridische Prinzessin Atalja einen Erben der davidischen Familie heiratete (2 Kön 8,18 und 26).

Die Bevölkerungszahl des Nordreichs Israel schätzt Finkelstein (S. 128) anhand

eines Siedlungskoeffizienten (der Anzahl der Menschen auf einem bebauten Hektar in vormodernen, traditionellen Städten und Dörfern) … beiderseits des Jordans in seiner wirtschaftlichen Blütezeit Mitte des 8. Jahrhunderts auf 350 000 Menschen…, das ist dreimal so viel wie die Bevölkerung Judas zur selben Zeit.

Spannend ist nun (S. 129), dass Israel unter den Omriden eine außerordentlich hohe „demographische und kulturelle Heterogenität“ aufwies (S. 128):

Israel war ein vielgestaltiges Königreich mit unterschiedlichen Ökosystemen und einer heterogenen Bevölkerung, deren Gruppen gleichwohl alle aus Kanaan stammten. Das samarische Bergland – Kerngebiet und Sitz der Hauptstadt des Nordreichs – war durch ein Siedlungssystem charakterisiert, das mit der Sesshaftwerdung von Hirtennomadengruppen in der Eisenzeit I entstanden war. Die Bevölkerung der Jesreel-Ebene und des Jordantals setzte sich aus Nachkommen lokaler Gruppen des späten 2. Jahrtausends und ehemaligen Berglandbewohnern zusammen.

Dort (S. 129), wo Israel im „Nordosten … an eine weitere aufstrebende Macht“ angrenzte, nämlich Aram-Damaskus, war die Bevölkerung in „der gesamten Eisenzeit II … zumindest teilweise aramäisch“, was ebenso für „das nordöstliche Gilead“ gilt:

Dies zeigt sich zum Beispiel in der Überlieferung in Genesis 31,45-48 zur Setzung des Grenzsteins zwischen Israel und Aram in diesem Gebiet.

Wieder anders sieht es etwas weiter im Süden aus:

Was das südliche Ostjordanland betrifft, scheint die Erwähnung Gads auf der Mescha-Stele als der lokalen moabitischen Bevölkerung zugeordnet zu belegen, dass zumindest damals die ethnischen Grenzen zwischen „Israeliten“ und „Moabitern“ in der Region Madeba fließend waren.

Im Westen schließlich

muss das galiläische Bergland und das an die nördliche Küstenebene angrenzende Territorium zumindest teilweise von Gruppen bewohnt gewesen sein, die mit den phönizischen Küstenstädten verbunden waren.

Finkelstein schließt daraus, dass „die omridische Monumentalarchitektur neben ihrer administrativen und militärischen Funktion“ auch dazu diente, „die Bevölkerung zu befrieden und sich deren Loyalität zu sichern.“ Die (S. 130) „Festungen in der Jesreel-Ebene, an der Grenze zu Aram-Damaskus, in Moab und im gebirgigen Galiläa … erfüllten“ also erstens „Verwaltungsaufgaben und dienten der Sicherung der Grenzen des Omriden-Reiches“, zweitens „erleichterten sie die Kontrolle über die ‚nichtisraelitische‘ (die nicht aus dem Bergland stammende) Bevölkerung des Reiches“, und „drittens schließlich erfüllten sie die Propaganda- und Legitimitätsbedürfnisse einer Dynastie, die vom Bergland aus regierte.“

Im Gegensatz dazu (S. 131) war das südliche Königreich Juda

nie gezwungen, seine monarchische Macht in dieser Weise zu demonstrieren, da seine Bevölkerung im Bergland (und in der Schefela) homogen war. Doch selbst wenn es gewollt hätte, hätte Juda weder über die wirtschaftlichen noch über die personellen Ressourcen verfügt, um solche monumentalen Bauprojekte zu realisieren. Dasselbe gilt für die Königreiche am Rand der transjordanischen Hochebene. Auch ihnen fehlten die Voraussetzungen des Königreichs Israel: ausreichende wirtschaftliche und personelle Ressourcen und die Notwendigkeit, ihre Herrschaft über Territorien zu konsolidieren, die von sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bewohnt wurden. Lediglich Aram-Damaskus, das in Konkurrenz zu Israel um die Loyalität der Bevölkerung in den Grenzgebieten und um die Hegemonie in der Region kämpfte, verfolgte eine vergleichbare Strategie.

Wie stand es um (S. 134) die „Schriftkultur und Schreibtätigkeit zur Zeit der Omriden“? Sie waren nach Finkelstein „nur schwach entwickelt“. Und zur religiösen Situation schreibt er (S. 134f.):

Welche Götter in den Heiligtümern des Nordens auch immer verehrt wurden, der Kult war im 9. Jahrhundert nicht an einem bestimmten Ort zentralisiert.

6 Israel, Moab und Juda unter aramäischer Vorherrschaft

Als (S. 137) König Hasaël im Jahr 843 v. Chr. „den Thron von Damaskus“ errang, kamen der „wirtschaftliche Wohlstand und die militärische Macht des Nordreichs“ schon nach kurzer Zeit an ihr Ende. Begünstigt wurden die aramäischen Absichten durch das „schwindende Interesse Assyriens an den Regionen im Westen“.

Archäologische Befunde (S. 140) über „Zerstörungshorizonte“, die „einen Zeitraum von rund hundert Jahren, also fast das gesamte 9. Jahrhundert“ umfassen, belegen „Auseinandersetzungen zwischen Israel und Aram-Damaskus“, die zum Teil schon in der Omriden-Zeit, aber vor allem danach stattgefunden haben. So wurden „in Hasaëls Regierungszeit … (etwa 842-800)“ im Norden Städte wie Hazor, Megiddo, Jokneam und Taanach zerstört, ebenso „Tell es-Safi im Süden“, das biblische Gat:

In 2. Könige 12,18 wird von seiner Eroberung Gats berichtet, und auch der Prophet Amos (6,2) spielt darauf an – zwei Quellen, die als historisch zuverlässig gelten.

Über (S. 142) „Hasaëls Angriff“ berichten sowohl „die Tel-Dan-Inschrift“ als auch mehrere „Texte der Hebräischen Bibel (zum Beispiel 2 Kön 10,32f.; 2 Kön 13,3 und 22)“:

Die bedeutsame Geschichte von der gleichzeitigen Ermordung Jorams, des Königs von Israel, und Ahasjas, des Königs von Juda, findet in beiden Quellen Erwähnung. Der Hebräischen Bibel zufolge wurden sie im Zuge von Jehus Aufstand getötet (2 Kön 9), während auf der Tel-Dan-Stele von Hasaël als Täter die Rede ist: „[Ich tötete Jo]ram, den Sohn von [Ahab], König von Israel, und [ich] tötete [Ahas]ja, den Sohn von [Joram, Köni]g aus dem Hause David.“

Indem Finkelstein die (S. 142f.) „detaillierten Beschreibungen der Schlachten zwischen Israel und Aram-Damaskus in den Königsbüchern“ kritisch liest (S. 143) und dabei „die geopolitische Situation, außerbiblische Texte und die Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen einbezieht“, kann in ihnen von folgenden historischen Ereignissen die Rede sein (S. 144):

der Schlacht von Ramot-Gilead im nördlichen Ostjordanland im Jahr 842, in deren Verlauf Israel besiegt und der israelitische König Joram getötet wurde; der Verkleinerung des israelitischen Territoriums und der Belagerung Samarias zur Zeit von König Joahas (817-800); sowie schließlich dem Wiederaufschwung Israels nach dem Sieg König Joaschs (800-784) über Ben-Hadad, den König von Damaskus, in Afek, das wohl als En Gev am Ostufer des Sees Gennesaret identifiziert werden kann.

Zum „Schicksal Israels in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts“ schreibt Finkelstein, dass nach „der Niederlage des Nordreichs in der Schlacht von Ramot-Gilead … Hasaël Israel offenbar Galiläa, das Gilead und die nördlichen Ebenen“ wegnahm. Mit „der biblischen Geschichte in 2. Könige 18 in Verbindung“ steht seine „Eroberung Gats“, durch die „Hasaël offenkundig die Kontrolle über die gesamte südliche Küstenebene“ gewann (die ihm nach „vierzig Jahren der Vorherrschaft von Aram-Damaskus … Ende des 9. Jahrhunderts“ durch den „assyrischen König Adad-nirari III.“ wieder entrissen wurde).

Von Hasaëls Sieg konnten (S. 145) die „beiden kleinen Königreiche Moab und Juda in der südlichen Levante“ profitieren, „die unter den Omriden von Israel bedrängt worden waren“:

Wie in der Hebräischen Bibel (2. Kön 3,5) und in der Mescha-Inschrift erwähnt, warf Moab das Joch der Omriden-Herrschaft ab. Die Moabiter eroberten Jahaz und Atarot, die beiden israelitischen Festungen vis-à-vis von Dibon, und erweiterten ihre Herrschaft bis in die Ebene von Madeba. Damit war die Nordgrenze Moabs für die restliche Eisenzeit festgelegt. Selbst nach dem Wiedererstarken Israels im frühen 8. Jahrhundert unter Jerobeam II. und seiner neuerlichen Expansion blieb die Grenze zwischen Israel und Moab nördlich von Madeba unverändert.

Die Niederlage der Omriden ließ auch Juda erstarken. Archäologisch belegt ist eine Expansion Judas in der späten Eisenzeit IIA mit dem Bau befestigter Siedlungen im Norden, Westen und Süden. … Geschichtswissenschaftliche Überlegungen deuten darauf hin, dass der Aufstieg Judas in der späteren Phase der späten Eisenzeit IIA (in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts) erfolgte, und 2. Könige 12,19 spielt darauf an, dass infolge Hasaëls Expansion das Südreich die omridische Einflusssphäre verließ und zum Vasallen von Damaskus wurde. Damit jedoch änderte sich die Situation. Während die Omriden Juda bedrängt und beherrscht hatten, benutzte Damaskus das Südreich lediglich als Werkzeug zur Durchsetzung seiner Interessen in der Region.

7 Letzter Wiederaufschwung Israels unter den Assyrern

Als gegen Ende des 9. Jahrhunderts (S. 149) Assyrien unter Adad-nirari III. erneut in der Region auftauchte und Druck „auf Damaskus ausübte“, konnte das Königreich Israel einen „Wiederaufschwung“ erleben, „wahrscheinlich unter assyrischer Oberherrschaft, denn Joasch wird auf der Tell-el-Rimah-Stele als Tributpflichtiger Adad-niraris erwähnt“:

In den Königsbüchern heißt es, König Joasch „gewann die Städte zurück aus der Hand Ben-Hadads, des Sohnes Hasaëls, die er im Kampf seinem Vater Joahas genommen hatte“ (2 Kön 13,25). Es ist unklar, wo diese Städte lagen, aber man kann sich vorstellen, dass der Autor die Jesreel-Ebene und/oder das Gilead im Blick hatte. Folgt man der Interpretation der biblischen Quellen zu den Schlachten zwischen Israel und Aram, so war Joasch der König, der Ben-Hadad in Afek am Ostufer des Sees Gennesaret besiegte. Nach 2. Könige 14,8-14 unterwarf Joasch Juda und machte es zu seinem Vasallen.

Unter „Joaschs Sohn Jerobeam II.“, der „vierzig Jahre lang (788-747 v. Chr.)“ herrschte, „konnte Israel sein Gebiet noch einmal erweitern und … eine zweite und letzte Phase der Prosperität“ erreichen. Nach Finkelstein bezieht sich die in 1. Könige 12,29 erwähnte „Errichtung einer israelitischen Kultstätte in Tel Dan“ wahrscheinlich nicht auf den ersten, sondern den zweiten Jerobeam „im 8. Jahrhundert“, so dass jetzt offenbar zum ersten Mal die von Hasaël erbaute Stadt Dan zu Israel gehörte (S. 149ff.):

Die immer wiederkehrende biblische Formel „von Dan bis Beerscheba“ (zum Beispiel 2 Sam 3,10; 1 Kön 5,5) spiegelt vermutlich spätmonarchische Vorstellungen (nach dem Ende Israels) über die beiden hebräischen Städte im 8. Jahrhundert: das israelitische Dan im äußersten Norden und das judäische Beerscheba weit im Süden.

Bestätigt wird (S. 151) die Herrschaft Israels über „das obere Jordantal … durch die biblische Beschreibung von Tiglat-Pilesers Feldzug (732 v.Chr.)…: Der assyrische König, heißt es, habe ‚Ijon, Abel-Bet-Maacha, Janoach, Kedesch, Hazor, Gilead und von Galiläa das ganze Land Naftali‘ erobert (2 Kön 15,29).“ Außerdem scheint

Jerobeam II. … die ehemals omridischen Territorien im nördlichen Ostjordanland zurückerobert zu haben: nicht nur die von Israeliten bewohnten Gebiete an den Westflanken des Gilead, sondern auch die Hochebene von Ramot-Gilead weiter nordöstlich. … Die Erwähnung der Region Ramot-Gilead – Havvoth-ja‘ir (Zeltdörfer Jairs) – Argob in 1. Könige 4,13 auf der Liste derjenigen Distrikte, die von salomonischen Beamten verwaltet wurden, könnte gleichfalls eine Erinnerung an reale Sachverhalte in der Eisenzeit II unter Jerobeam II. sein.

Nach Finkelstein könnte auch „die biblische Überlieferung“ in 4. Mose 32,33.41, 5. Mose 3,3f.13f. und 4,47 sowie Josua 12,4 und 13,12.30f. „zur Eroberung des Landes Og und der Ansiedlung von Israeliten in den Zeltdörfern Jairs und in dem Argob genannten Landstrich eine alte Erinnerung“ an die Zeit Jerobeams II. spiegeln.

Im Süden (S. 158) kontrollierte das Nordreich Israel als Vasall Assyriens „wahrscheinlich seit König Joasch Gebiete, die zuvor von Gat und später von Hasaël beherrscht worden waren. Hierzu zählte auch die Route für den Handel mit Arabien…“

Der religiöse Kult (S. 160)

scheint in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts … im Königreich Israel vollkommen neu organisiert worden zu sein. In Samaria muss schon im 9. Jahrhundert ein königliches Heiligtum vorhanden gewesen sein, auch wenn es dafür keine archäologischen Belege gibt. Die Bibel zeichnet ein negatives Bild von dieser Kultstätte als Tempel Baals (1 Kön 16,32), doch einer Inschrift aus Kuntillet ‘Ajrud zufolge, in der von „JHWH von Samaria“ die Rede ist, könnte sie JHWH geweiht gewesen sein. …

[Auch] in der biblischen Überlieferung zu den Kultstätten in Dan und Bet-El (1 Kön 12,28 f.), beide in den Grenzgebieten des Nordreichs gelegen, [werden] Realitäten des frühen 8. Jahrhunderts geschildert. Zu jener Zeit wurde Dan erstmals eine israelitische Stadt, und Bet-El erlebte eine Blüte wie nie zuvor. … Dem biblischen Text gemäß (Kapitel 6) muss es auch in Penuel ein Hauptheiligtum des Nordreichs gegeben haben, wahrscheinlich sogar das Wichtigste auf dem israelitischen Territorium im Gilead.

Die spätere (S. 160f.) „Zentralisierung des Kults in Juda“, die „gleichfalls eng mit der Entwicklung einer besser organisierten und ausdifferenzierten Gesellschaft verknüpft“ war und „effizienter vonstatten ging“, indem allein „der Tempel von Jerusalem die offizielle Kultstätte des Königreichs wurde“, könnten „die Veränderungen der Kultpraxis in Israel ein paar Jahrzehnte zuvor“ als Vorbild übernommen haben:

Auch in diesem Fall könnte die Idee mit israelitischen Flüchtlingen nach Jerusalem gelangt sein. Außerdem scheint in Israel wie in Juda die Neuordnung des Kultes mit der Kompilation sakraler Texte an zentralen, vom König kontrollierten Kultplätzen wie Bet-El verbunden gewesen zu sein.

8 Gründungsmythen des Nordreichs Israel

Die (S. 161) „intensive wirtschaftliche Aktivität“ dieser Zeit führt auch zur Entstehung einer Schriftkultur, mit deren Ausbreitung auch „die ersten Texte Israels“ verfasst wurden (S. 161f.), „die später ihren Weg nach Juda und in die Hebräische Bibel fanden. Diese frühen Texte sind lokaler Art.“ Dazu gehören:

  • der „Kern des Jakobszyklus“, der „von der Grenze zwischen Israeliten und Aramäern im Gilead und von der Errichtung von Tempeln in Penuel am Fluss Jabbok, in Bet-El und möglicherweise auch in Sichem und in Mizpa im Gilead“ handelt,
  • der (S. 161f.) „Saul-Zyklus im ersten Buch Samuel, der ein positives Bild des Königs zeichnet“ und (S. 162) „hauptsächlich in Gibeon/Gibea, im unmittelbar nördlich davon gelegenen Gebiet sowie in der Region des Jabbok und der Stadt Jabesch im Gilead“ spielt,
  • die „Geschichten über Retterfiguren im Buch der Richter“, deren Schauplätze das „zentrale Bergland zwischen Bet-El und Sichem, die Jesreel-Ebene und das Gilead sind“,
  • die „Prophetengeschichten über Elia und Elischa“, die mit „der Jesreel-Ebene, dem nördlichen Gilead und Samaria“ verknüpft sind.

Interessanterweise nennt Finkelstein in seinem Kapitel (S. 163) über die „Gründungsmythen“ des Nordreichs Israel nicht nur „die Jakobsgeschichte“, sondern auch „die Überlieferung von Exodus und Wüstenwanderung“:

Beide tauchen in israelitischen prophetischen Texten des 8. Jahrhunderts v. Chr. auf. Nach dem Zusammenbruch des Königreichs Israel gelangten sie mit Israeliten nach Juda. Später wurden sie dann in die Ideologie Judas und deren Identitätsnarrative „übernommen“, weiterentwickelt und in die biblischen Texte eingegliedert und bearbeitet. In ihrer aktuellen Form bestehen sie daher aus mehreren Überlieferungsschichten, die Realitäten und Anliegen des spätmonarchischen Juda und des nachexilischen Jehud/Judäa beschreiben.

Mit „der historischen Wirklichkeit hinter dem Kern des Jakobszyklus im Buch Genesis und den Wurzeln der Überlieferung vom Auszug aus Ägypten und der Wüstenwanderung in den Büchern Exodus, Numeri und Deuteronomium“ will sich Finkelstein noch eingehender beschäftigen.

8.1 Der Jakobszyklus und sein historischer Hintergrund

Die Grundzüge der Jakobsgeschichte finden sich (S. 163) „bereits in einer Prophezeiung des Nordreichs in Hosea 12 aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.“ Für Finkelstein umfasst (S. 164) der „ursprüngliche eisenzeitliche Jakobsmythos … zwei eng miteinander verflochtene Hauptmotive“, erstens „die Festlegung der nordöstlichen Grenze der israelitischen Siedlung im Gilead (Gen 31,44-49)“ und (S. 164f.) zweitens „die Gründung (und die Etymologie) der Kultstätten des Nordreichs in Bet-El (Gen 28,11-22), in Penuel im tief eingeschnittenen Tal des Jabbok im Ostjordanland (Gen 32,23-32) und wahrscheinlich in Sichem (Gen 33,20…)“.

Mit dem ersten Motiv (S. 165) ist Finkelstein zufolge „die Geschichte von Jakobs Aufenthalt im Hause Labans in dem ‚Land, das im Osten liegt‘ (Eretz benei qedem)“ verknüpft, wobei die „einzige Verbindung Labans zu Haran (Gen 29,4) … wahrscheinlich eine spätere Einfügung“ darstellt und der „ursprüngliche Text … von dem aramäisch besiedelten Weideland östlich der israelitischen Territorien im Gilead“ handelt.

Der „Bet-El-Mythos im Buch Genesis“ wiederum muss „in eine der beiden Phasen wirtschaftlichen Wohlstands“ datiert werden.

Die „Markierung der Grenze zwischen den Israeliten und den Aramäern (Gen 31,45-49)“ durch „die Errichtung eines Steins (hebräisch galed)“ bei „einem Ort namens Mizpa … (Gen 31,49)“, den Finkelstein mit „dem Dorf Suf nordwestlich von Jerasch“ in Verbindung bringt, das „unweit der Grenze zwischen den hügeligen westlichen Flanken des israelitischen Gilead und der Hochebene von Ramot-Gilead“ liegt, muss in eine Zeit vor den Omriden verweisen, als Israel noch keine „Ansprüche auf die Hochebene geltend machte“. Für eine frühere Datierung spricht auch (S. 166), dass die „nördlichen Territorien Israels“ nicht erwähnt werden, sondern nur „das zentrale Bergland zwischen Bet-El und Sichem sowie das Ostjordanland entlang des Flusses Jabbok“.

Da andererseits die „Jakobserzählungen … in keiner Weise mit Schilo und seiner Kultstätte verbunden“ sind, Schilo aber „in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts v. Chr. zerstört“ wurde, „ist es folgerichtig, die Entwicklung des Jakobszyklus – mit Bet-El als Kern – vor dem Hintergrund einer späteren Phase der Geschichte Israels, nach der Zerstörung Schilos, zu sehen.“

Als wahrscheinlichste Zeit (S. 167) für den „Ursprung des Zykluskerns“ nimmt Finkelstein „die späte Eisenzeit I (das 10. Jahrhundert v. Chr.)“ an,

als sich im späteren Kernland des Nordreichs die Identitäten herausbildeten, Siedlungsgrenzen festgelegt und Kultstätten errichtet wurden. Ob diese Vermutung richtig ist, hängt in hohem Maße von den Funden der Ausgrabungsstätte Penuel ab (Tell edh-Dhahab esh-Sharqi in der Schlucht des Flusses Jabbok). Verlässliche Informationen zu diesem Ort gibt es bisher leider nicht.

Zum Verhältnis der Patriarchenerzählungen merkt Finkelstein außerdem an (S. 164):

dass Abraham (der Held des südlichen Berglands) an erster und Jakob an letzter Stelle der Patriarchenreihenfolge (Abraham, Isaak und Jakob) erscheint, ist ein spätes Konstrukt, das die Unterordnung der Jakobsgeschichten unter die Abrahamsgeschichten und damit Israels unter Juda zum Ziel hat.

8.2 Die Überlieferung von Exodus und Wanderung

Zur (S. 168) „Überlieferung von Exodus und Wanderung, wie wir sie heute kennen“, führt Finkelstein zunächst aus, dass sie „das Ergebnis eines langen – zuerst mündlichen und später schriftlichen – Entwicklungs- und Wachstumsprozesses und eine komplexe Geschichte von Bearbeitungen im Zuge sich verändernder politischer und historischer Verhältnisse“ darstellt. Sie war allerdings bereits „in der Spätzeit des Nordreichs sehr gut bekannt“, was sich ganz klar aus „den Prophezeiungen der Propheten Hosea (2,14f.; 9,10; 11,1 und 5; 12,9 und 13; 13,4 f.) und Amos (2,10; 3,1; 9,7) sowie möglicherweise auch aus einer Inschrift in Kuntillet ‘Ajrud, die sich auf den Exodus beziehen könnte“, ergibt.

Aber „Versuche, einen ‚bestimmten Zeitpunkt in Ägypten‘ im 13. Jahrhundert v. Chr. festzulegen, der zum Exodus-Erzählstoff passt“, sind nach Finkelstein „zum Scheitern verurteilt“, da es keine klaren „Belege in den biblischen Texten, in ägyptischen Quellen oder in der Archäologie“ gibt. Vor allem kann niemand erklären, warum eine Erinnerung an Ereignisse, die sich vor langer Zeit in Äypten abgespielt haben sollen, ausgerechnet (S. 169) „im Nordreich fortlebte“; dafür wäre etwa die „Schefela und die südliche Küstenebene … ein sehr viel plausiblerer Ort“:

Mit anderen Worten: Man muss nach einer Erinnerung suchen, die den Propheten Hosea und Amos zeitlich näher liegt und die mit dem nördlichen Teil des zentralen Berglands und nicht mit der südlichen Tiefebene verknüpft werden kann.

Eine solche Beziehung von Ägypten zum Nordreich Israel hatte Finkelstein ja im Zusammenhang mit dem „Niedergang des ersten nordisraelitischen territorialen Gemeinwesens“ auf Grund „des Feldzugs von Pharao Schoschenq I.“ erörtert. Eine (S. 170)

mögliche Involvierung Ägyptens in die Geschichte Jerobeams I., des Gründers des Nordreichs, wird in der Septuaginta-Fassung von 1. Könige 12 angedeutet, die über den hebräischen Text hinausgehend noch weitere Verse enthält, in denen die Trennung von Nord- und Südreich thematisiert wird… Karel van der Toorn und Rainer Albertz haben darauf verwiesen, dass die Exodus-Erzählung möglicherweise als Gründungsmythos oder Danksagungsgeschichte zur Zeit Jerobeams I. gedient haben könnte. …Wenn … es zu diesem frühen Zeitpunkt eine Mose-Geschichte gab, könnten die motivischen Ähnlichkeiten zwischen den Biographien von Mose und Jerobeam I., dem Gründer des Nordreichs, ein weiterer Grund für die Übernahme der Überlieferungen gewesen sein.

Diese Datierung der Überlieferung führt „ins späte 10. und frühe 9. Jahrhundert v. Chr.“ In diesem Zusammenhang erwähnt Finkelstein auch die „Geschichte über die Reise des Propheten Elia zum Berg Horeb in 1. Könige 19“, deren Ursprung „ins 9. Jahrhundert zurückreichen“ könnte.

Sehr eingehend befasst sich Finkelstein in diesem Zusammenhang mit dem Ort „Kuntillet ‘Ajrud…, der nur in einer einzigen Periode besiedelt war … und auf einem isolierten Hügel mitten in der flachen, ariden Zone des nordöstlichen Sinai … etwa fünfzig Kilometer südlich von Ein el-Qudeirat (Kadesch-Barnea)“ liegt, da er eine „Schlüsselstellung für das Verständnis der Überlieferung zur Zeit der Propheten Hosea und Amos im 8. Jahrhundert“ einnimmt. Hier lag ein (S. 171) „Handelsposten…, der mit einem Kult verknüpft war, einem Heiligtum zu Ehren von JHWH und Aschera“, in dem „eine ungewöhnlich große Zahl von hebräischen Inschriften und Zeichnungen auf Keramikgefäßen und Wandverputz entdeckt“ wurde, von denen einige „für die Geschichte der Überlieferung von Exodus und Wanderung bedeutsam“ sind. „Datiert wird der Fundplatz in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts“, das heißt, „dass der Ort unter Jerobeam II. (788-747 v. Chr.) besiedelt war“. In den Inschriften kommen die Angaben „JHWH von Samaria“ sowie „JHWH von Teman“ und „ein König von Israel“ vor; eine „Verputzinschrift“ wird „als frühe Anspielung auf die Exodus-Geschichte interpretiert“. Schließlich hat man „weitere Zeichnungen aus Kuntillet ‘Ajrud als königliche Szenen interpretiert und den Ort folglich als königlich israelitischen Handelsposten gedeutet“. Die Samaria-Inschrift (S. 172) könnte sich tatsächlich „auf einen JHWH-Tempel in Samaria beziehen, der für die Wahrung und Weitergabe der Überlieferung von Exodus und Wanderung von zentraler Bedeutung gewesen sein mag.“

Ob die biblische „Route der Wüstenwanderung“, insbesondere das „Verzeichnis der Lagerplätze in Numeri 33,1-49“, deren Namen zum Teil „in keinem anderen biblischen Text erwähnt“ werden „ursprünglich zum Itinerar eines Wallfahrtswegs“ gehörte,

ob eine solche Route mit der Geschichte der Reise des Elia zum Horeb in 1. Könige 19 verknüpft war … oder mit Kuntillet ‘Ajrud zu tun hatte, lässt sich unmöglich sagen. Eines jedoch ist klar: Da diese Ortsnamen für judäische Schreiber im 7. Jahrhundert keine Bedeutung mehr hatten, könnten sie in Überlieferungen des Nordreichs aus dem 8. Jahrhundert ihren Ursprung haben.

Sowohl (S. 174) der „Kern des Jakobszyklus“ als auch „die Geschichte vom Auszug aus Ägypten“ können also quellenmäßig

mindestens bis in die Anfangszeit des Königreichs zurückverfolgt werden, und beide Geschichten nehmen Bezug auf eine historische Wirklichkeit: auf die Festlegung einer Siedlungsgrenze zwischen Israeliten und Aramäern im Gilead (in der Jakobsgeschichte) und auf die ägyptische Intervention im Bergland im 10. Jahrhundert (in der Exodus-Geschichte).

Nach Finkelstein entwickelten sich die „ursprünglichen Erzählungen … im Laufe der Zeit zu einer langfristigen kulturellen Gedächtnisgeschichte; sie sind keine Darstellungen konkreter Ereignisse.“ Da sie „mit den Zentralheiligtümern des Nordens verbunden gewesen zu sein“ scheinen, „die Jakobsgeschichte mit Bet-El und Penuel und die Exodus-Geschichte mit Samaria“, stammten sie

ursprünglich wohl aus unterschiedlichen Regionen des zentralen Berglands: aus Efraim und dem Gilead beziehungsweise dem nördlichen Samaria. Van der Toorn zufolge war die Jakobsgeschichte mit El/Elohim verknüpft, die Exodus-Geschichte dagegen mit JHWH.

9 Die gesamt-israelitische Ideologie im Königreich Juda

Als (S. 175) „nach dem Ende der Regierungszeit Jerobeams II.“ das „Königreich Israel“ schon im Jahr 722 v. Chr. für immer verschwand, „seine Elite … nach Mesopotamien deportiert“ wurde und „auf dem Boden des untergegangenen Reiches fremde Gruppen“ angesiedelt wurden, war in „einer überraschenden Wendung der Geschichte“ dennoch „Israel kurze Zeit später wieder da, allerdings nicht als Königreich, sondern als ideelles Konzept“:

Tatsächlich bahnte der Untergang des einen Israel den Weg zum Aufstieg eines anderen, ideellen Israel, das nun aus zwölf Stämmen bestand und die beiden Reiche Israel und Juda umfasste. Im Zuge dieser Entwicklung wurden Texte, die im Nordreich ihren Ursprung hatten, in die Bibel aufgenommen und damit Teil des großen hebräischen Epos.

Durch (S. 177) den „Niedergang des Nordreichs und die Ansiedlung israelitischer Gruppen aus dem südlichen Samaria einschließlich Bet-El in Jerusalem und Juda“, also „eine größere Bevölkerungsverschiebung im Bergland, die in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts innerhalb kurzer Zeit stattfand“,

wandelte sich Juda von einer isolierten, von Stämmen dominierten homogenen Gesellschaft zu einem gemischten judäisch-israelitischen Reich unter assyrischer Oberherrschaft. Dies wiederum führte zur Entstehung panisraelitischen Gedankenguts in Juda. Das Konzept des biblischen Israel war somit eine Folge des Untergangs des Königreichs Israel.

In dieser Zeit (S. 179) lässt sich erklären, warum „die negativen Überlieferungen zu David aus dem Norden in der endgültigen judäischen Textfassung“ der Bibel bewahrt blieben. Im späten „8. Jahrhundert…, als die Bevölkerung Judas nach dem Ende des Nordreichs durch die große Zahl israelitischer Flüchtlinge dramatisch wuchs“, brachten „die Israeliten … aus dem südlichen Bergland Israels … positive Überlieferungen zu der ihr Land einst regierenden saulidischen Dynastie und negative Überlieferungen zum Gründer der Jerusalemer Dynastie“ mit. Diese (S. 180) wurden

in die judäische Geschichte aufgenommen, gleichzeitig aber so umgestaltet, dass David von fast allen schweren Missetaten freigesprochen wurde. Der Autor griff nördliche und südliche Überlieferungen auf, ordnete sie jedoch seinem wichtigsten ideologischen Ziel unter: für die Anerkennung der davidischen Könige als einzig legitime Herrscher über ganz Israel und des Jerusalemer Tempels als einzig legitimer Kultstätte für alle Bene Israel zu werben.

Erst „zur Zeit Josias im späten 7. Jahrhundert, nach dem Rückzug Assyriens aus der Region“ entstand die „voll ausgeprägte panisraelitische Ideologie – ein Appell an die Bewohner der ehemals israelitischen Territorien im Norden, sich der Nation anzuschließen“.

Die negative Folge dieser Ideologie (S. 180f.) war angesichts „der Siedlungskontinuität und des demographischen Aufschwungs in der Region um Sichem und im nördlichen Samaria in der Spätzeit Judas, aber auch im Jehud der Perserzeit und im hellenistischen Judäa“, dass

man die Bedeutung des Nordreichs herunterspielen, ja es verunglimpfen [musste], um sich den Namen Israel anzueignen, denn auf dem Territorium des ehemaligen Nordreichs existierte noch jahrhundertelang ein konkurrierendes Israel: die Nachkommen des Königreichs Israel, die wir als Samaritaner kennen und deren Tempel auf dem Berg Garizim stand.

Damit ist zwar das historische Nordreich Israel an sein Ende gelangt, aber seine Überlieferungen blieben lebendig. Auf welche Weise das geschah, hatte Israel Finkelstein gemeinsam mit Neil Asher Silberman in seinem Buch über „David und Salomo“ dargestellt, auf das ich ebenfalls gerne empfehlend hinweise.

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