„Werft euer Vertrauen nicht weg!“

Durch Angst verfange ich mich in einem Teufelskreis. Würde nämlich ganz langsam echtes Vertrauen zu einem Menschen wachsen, und würde dieses Vertrauen dann aus heiterem Himmel enttäuscht, das täte sehr weh. Davor kann sich niemand schützen – es sei denn, man wirft von vornherein sein Vertrauen weg! Man verhält sich unbewusst so, dass es gar nicht erst entstehen kann.

Ein weißer Kieselstein mit der Aufschrift "Vertrauen" vor vier flachen schwarzen Kieselsteinen, die aufeinanderliegen

„Werft euer Vertrauen nicht weg!“ (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am 16. Sonntag nach Trinitatis, den 15. September 2002, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie im Taufgottesdienst mit dem Wort zur kommenden Woche aus 2. Timotheus 1, 10:

Christus Jesus [hat] dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Der kleine … wird heute getauft; wir heißen ihn herzlich willkommen mit allen, die ihn begleiten!

Unsere Orgel bleibt heute einmal stumm, denn die Lieder in diesem Gottesdienst lassen sich besser zur Musik von Klavier und Gitarre singen.

Lied 334: Danke für diesen guten Morgen
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Gott, wir dürfen dir danken: für ein neugeborenes Kind, das du uns anvertraust. Für jedes kleine Glück und für große Freundschaft. Für unser Herz, das fühlen darf und mitfühlende Menschen findet. Für dein aufmerksames Hören auf unsere Sorgen. Für deine Liebe, die keine Grenzen kennt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir dürfen auch vor dir klagen: Was uns belastet, was uns auf der Seele liegt. Dass wir Verantwortung übernehmen möchten und es nicht schaffen. Dass wir uns nach Liebe sehnen und enttäuscht werden. Dass wir glücklich leben wollen und immer wieder Angst vor der Zukunft haben. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, wo wir am Ende sind, zeigst du uns neue Wege. Wo das Leben uns eine Tür zuschlägt, öffnest du uns eine neue. Wo wir uns alleingelassen fühlen, bist du der, der bei uns bleibt.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, du bist der Gott in der Höhe, nicht weil du fern von uns sein willst, sondern weil du uns aus der Tiefe aufrichtest. Gott, du bist der Gott des Friedens, nicht nur im Himmel, sondern auf Erden. Gott, du bist der Gott in der Nähe – durch die Stimme der Propheten und Apostel und in Jesus Christus, unserem Herrn. „Amen.“

Lied 638: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Christen glauben, dass die Taufe auf den Willen Jesu zurückgeht. Im Taufevangelium nach Matthäus 28, 16-20, hören wir Jesu Einladung, uns auf ein Leben als Kinder Gottes einzulassen:

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes

20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liebe Taufgemeinde! Vor vier Monaten wurde … geboren; heute wird er getauft. Er soll im evangelischen Glauben erzogen werden, den auch seine Mutter hat.

Mit seiner Taufe gehört … dann zur Gemeinde der Christen. Er wächst in sie hinein, je mehr er von denen, die ihn lieben, über Gott und die Welt erfährt. Sein Weg als Christ kann weitergehen im Spielkreis und im Kindergarten, im Kindergottesdienst und in Jugendgruppen, im Religions- und Konfirmandenunterricht.

Begleitet wird … auf seinem Weg von religiös unterschiedlich geprägten Menschen: evangelischen, katholischen und auch jüdischen Glaubens.

Sie haben für … einen Taufspruch aus der hebräischen Bibel ausgesucht. Er steht im 5. Buch Mose – Deuteronomium 31, 8 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Der Herr … ist mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.

Wir können es nicht deutlicher sagen, was die Taufe bedeutet: Dieses Kind wird nie allein sein. Niemals lässt Gott dieses Kind fallen. Dieses Kind ist für immer ein geliebtes Kind Gottes.

Gott sagt also Ja zu uns, bevor wir zu ihm Ja sagen können. In einer guten christlichen Erziehung lässt man ein Kind genau dies erfahren: dass man es lieb hat, so wie es ist, und dass es liebevoll und zuverlässig betreut und begleitet wird. Das Ziel einer solchen Erziehung ist, dass das Kind sich zu einem liebevollen Menschen entwickelt.

Es kommen auch Zeiten, in denen sich der herangewachsene Mensch über den eigenen Glauben Gedanken macht und Stellung nimmt – auf seine eigene Weise. Wer irgendwann in seinem Leben bewusst auf Jesus zu vertrauen lernt, der weiß, dass dieser Glaube keine Leistung ist, sondern ein Geschenk – eine Antwort auf Gottes Liebe.

Selbstverständlich ist es nicht – sich geliebt zu fühlen und zur Liebe fähig zu sein. Viele Erwachsene klagen über einen Mangel an Liebe, fühlen sich haltlos, haben das Vertrauen zu Gott verloren. Menschen enttäuschen einander, lassen einander fallen, wenn das Gefühl der Liebe nachlässt oder wenn man zu wenig Kraft in sich spürt. Auch Kinder leiden unter dem, woran es ihren Eltern fehlt; um so wichtiger ist es, dass die Erwachsenen bewusst nach Lösungen suchen, damit jedes Kind familiäre Geborgenheit erfährt.

Denn wir Menschen sind von Gott beauftragt, die Liebe weiterzugeben, mit der er uns beschenkt hat. Jedes Kind, das er uns anvertraut, soll durch uns erfahren, dass sein Wort wahr ist:

Der Herr … ist mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.“

Lied 619:

1) Er hält die ganze Welt in seiner Hand, er hält die ganze Welt in seiner Hand, er hält die ganze Welt in seiner Hand, Gott hält die Welt in seiner Hand.

2) Er hält das winzigkleine Baby in seiner Hand, er hält das winzigkleine Baby in seiner Hand, er hält das winzigkleine Baby in seiner Hand, Gott hält die Welt in seiner Hand.

3) Er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, Gott hält die Welt in seiner Hand.

4) Er hält auch dich und mich in seiner Hand, er hält auch dich und mich in seiner Hand, er hält auch dich und mich in seiner Hand, Gott hält die Welt in seiner Hand.

Wir wollen nun … im Namen des Einen Gottes taufen, der sich uns Christen in dreifacher Weise offenbart hat – als Gott über uns, als Gott mit uns und als Gott in uns.

Als christliche Gemeinde bekennen wir mit den Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, dass Gott unsere Welt als einen guten Raum zum Leben geschaffen hat; dass Gott in Jesus ein Gott zum Anfassen geworden ist; dass Gott mit seiner Liebe in uns selber wohnen will.

Wer dieses Bekenntnis mitvollziehen kann, spreche es mit mir gemeinsam, stellvertretend auch für das Kind, das wir taufen wollen:

Glaubensbekenntnis und Taufe
Lied 574: Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde! Kürzlich war mein Scanner kaputt, ein teures Gerät, das ich vor vier Jahren für meinen Computer gekauft hatte. Im Computerladen sagte man mir: Eine Reparatur lohnt nicht – ein neues und sogar besseres Gerät ist billiger.

Auch im Kleinen ist der Aufwand, etwas auszubessern, oft zu groß: Kaum jemand stopft noch seine Socken. Und wechselnde Modetrends verwandeln neuwertige Kleidung sehr schnell in Altkleider. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Und die ärgert uns am meisten vielleicht dort, wo sie uns am deutlichsten ins Auge fällt: wenn der Müll der Schüler auf der Straße landet statt im Abfalleimer oder wenn wir einen alten Kühlschrank in der Hecke des eigenen Grundstücks finden.

Am schlimmsten an der Wegwerfgesellschaft ist etwas anderes: nicht nur Sachen verlieren ihren dauerhaften Wert, sondern auch Menschen drohen unterzugehen, wenn das Althergebrachte in Frage gestellt ist und niemand mehr weiß, welche Werte denn heute noch für alle gelten sollen.

In der Bibel finde ich im heutigen Predigttext eine Ermahnung gegen die Wegwerfgesellschaft. Sie steht im Brief an die Hebräer 10:

35 Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.

36 Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.

39 Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

Zur Zeit des Hebräerbriefs gab es also Menschen, die ihren Glauben wegwerfen wollten. Weg damit, Vertrauen hat sowieso keinen Wert. Vielleicht wurden sie wegen ihres Glaubens verfolgt. Vielleicht hatten sie große Enttäuschungen erlitten. Vielleicht fühlten sie sich innerlich leer und hatten keine Kraft mehr, um durchzuhalten. Warum auch immer, sie waren am Ende mit ihrem Vertrauen. Sie sagten: Ich kann nicht mehr glauben.

Ihnen wird im Hebräerbrief gesagt: „Werft euer Vertrauen nicht weg!“

Aber was soll das? Wenn das Vertrauen eines Menschen erschüttert ist, was nützt dann eine solche Ermahnung?

Wenn man etwas wegwirft, dann hält man es für wertlos. Meinen alten Scanner muss ich in der Tat wegwerfen – er ist nicht mehr zu verwenden, also wertlos. Allerdings, wenn ich ihn in die Lahnstraße bringe und ordnungsgemäß entsorge, schade ich beim Wegwerfen wenigstens nicht der Umwelt, und vielleicht kann irgendetwas von dem Gerät sogar noch für andere Produkte „recycled“ werden.

Wie ist es mit Vertrauen? Kann Vertrauen so wertlos werden, dass man es nur noch wegwerfen kann?

Vertrauen kann sehr klein geworden sein. Sehr erschüttert. Man spürt es kaum noch. So sehr wurde es enttäuscht. So sehr sind Menschen darauf herumgetrampelt. Auch solche, von denen man das bestimmt nicht erwartet hätte.

Trotzdem sagt die Bibel: Werft euer Vertrauen nicht weg! Es ist nicht wertlos, auch wenn andere es beschädigen. Es bringt sogar großen Lohn mit sich! Dieser Lohn besteht darin, dass mein Vertrauen am Ende doch nicht enttäuscht wird. Es ist Lohn genug, wenn ich Menschen kenne, auf die ich mich verlassen kann. Es ist Lohn genug, wenn ich meine Zuversicht auf einen Gott setzen kann, der mir Mut macht und neue Kraft gibt.

Das ändert nichts daran, dass es auch Menschen gibt, die unser Vertrauen nicht verdienen. Leider ziehen viele daraus den Schluss, dass man sich auf niemanden verlassen kann. Wenn ich das tue, gerate ich in einen Teufelskreis. Unbewusst liefere ich mich immer wieder an die gleiche Sorte Menschen aus, vertrauensselig, wie man sagt. Ich programmiere die nächste Enttäuschung vor und werde es schon vorher gewusst haben: Ich habe es ja gleich gesagt! Die Bibel macht nicht mit bei diesem Teufelskreis. Sie will ihn durchbrechen. Werft euer Vertrauen nicht weg! Bringt euch nicht aus Angst in Teufelskreise des Misstrauens hinein!

Es ist nämlich nichts anderes als Angst, durch die ich mich in einem Teufelskreis verfange. Wenn nämlich ganz langsam echtes Vertrauen zu einem Menschen wachsen würde, und wenn dieses Vertrauen dann aus heiterem Himmel enttäuscht würde, das täte sehr weh. Und davor kann sich niemand schützen – es sei denn, man wirft von vornherein sein Vertrauen weg! Man will sich nicht auf etwas einlassen, was schön ist, aber auch zerbrechlich, und verhält sich unbewusst so, dass es gar nicht erst entstehen kann.

Wie kann es gelingen, dass wir unser Vertrauen nicht wegwerfen? Wie können wir einsehen, dass Vertrauen Behutsamkeit braucht und Zeit zum Wachsen? Vielleicht indem wir uns daran erinnern, was Gottes Wille ist. Gott will, dass kein Mensch verloren geht. Er hat uns lieb! Er selbst ruft uns zur Ausdauer auf. Gebt nicht auf!

Im Taufspruch von … haben wir die Zusage gehört (5. Buch Mose – Deuteronomium 31, 8):

Der Herr … ist mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.

Da ist einer, auf den wir uns verlassen können, was auch immer geschieht. Dieser eine, der größer ist als wir alle, steht dafür ein, dass es sich auch unter uns Menschen immer wieder lohnt einander zu vertrauen – wachsam zunächst und mit viel Behutsamkeit.

Selbst wenn hier und da unser Vertrauen enttäuscht wird – wertlos ist es nicht. Vielleicht lässt sich auch enttäuschtes Vertrauen „recyceln“ wie Wertstoffe im scheinbar wertlosen Müll. Zum Beispiel kann die soundsovielte Enttäuschung ein Anlass sein, sich einmal gut beraten zu lassen, was man vielleicht selber dazu beigetragen hat (Hebräer 10, 35):

Werft euer Vertrauen nicht weg – welches eine große Belohnung hat.

Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 631 – da es nur eine Strophe ist, singen wir sie dreimal hintereinander:

In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

Gott, wir bitten dich um Liebe für alle, die verlassen sind, um Vergebung für alle, die versagt haben, um Erlösung für alle, die sich verdammt fühlen. Schenke Hoffnung den Verzweifelten, die keinen Ausweg aus ihrer Lage sehen. Gib denen Mut, die in Ängsten leben. Wir bitten für andere und wir bitten für uns.

Barmherziger Gott, gib uns Kraft, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind. Für Kinder, die Halt und Liebe brauchen, die sich anlehnen und an uns reiben wollen, die unsere Nerven und unsere Kraft manchmal bis auf Äußerste beanspruchen.

Barmherziger Gott, lass uns auch barmherzig mit uns selber sein. Dass wir uns nicht überfordern. Dass wir Vergebung annehmen, wo wir versagt haben. Dass wir Zeit finden zum Aufatmen und zum Durchatmen. Dass wir nicht das Allerwichtigste vergessen über dem, was uns an Terminen aufgedrängt wird. Dass wir Nein sagen können, wenn es sein muss, damit man sich dort auf uns verlassen kann, wo wir Ja sagen.

Besonders beten wir heute für …, den wir getauft haben. Behüte ihn wie deinen Augapfel durch die Menschen, denen du ihn anvertraut hast. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 171: Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott
Abkündigungen

Und nun geht mit Gottes Segen. Vielleicht bleiben Sie auch noch ein wenig zusammen im Gemeindesaal bei Kaffee oder Tee.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.