Umkehr zum wahren Leben

Umstrittene Botschaft Jesu und die Krise der Kirche.

Treblin-Heinrich-1992

Pfarrer Heinrich Treblin

Umstritten war von Anfang an die Botschaft des Juden Jesus von Nazareth, den seine Anhänger bis heute als den Christus und Heilbringer verehren, nach dem sich weltweit die „christlichen“ Kirchen nennen, der aber gleichzeitig von den Oberen der Juden als Gotteslästerer ausgestoßen und ans Kreuz geschlagen und samt seinen Anhängern abgelehnt wurde und noch wird. Wir fragen: Woran lag es, dass die Botschaft Jesu zu solcher Polarisierung führte? Lag es an der Botschaft, dass aus den verfolgten Christen schließlich Verfolger und Mörder der Juden wurden? War vielleicht nicht die Botschaft Jesu, sondern der Abfall von ihr die Ursache von Shoa und Holokaust, aber auch innerkirchlichem Zwiespalt und Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchen? Fragen wir neu nach der authentischen Botschaft des Mannes von Nazareth!

1. Nach dem einhelligem Zeugnis der Apostel und Evangelisten mutete Jesus seinen Zeitgenossen die radikale und totale Umkehr von ihrem bisherigen Leben und Verhalten gegenüber Gott und den Mitmenschen zu; statt auf die eigene Kraft und Frömmigkeit sollten sie ihr Vertrauen auf den lebendigen Gott und sein Reich setzen, um so das wahre Leben zu gewinnen. So lautet Jesu erste Predigt (Mk. 1 15), so mahnt Paulus: „Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes und prüfet, welches der gute, vollkommene Gotteswille sei!“ (Röm. 12), so bekannten die Hörer des Petrus: „Nun hat Gott auch den Heiden Umkehr zum Leben gegeben“ (Apg. 11) und der johanneische Jesus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14).

2. Diese Umkehr umfasst das ganze Leben des Menschen, seine Religion wie sein alltägliches soziales Handeln. Jesus stiftet keine neue Religion, er ist aber auch kein bloßer Sozialreformer. Wer auf Jesus hört, wird gleichsam „von neuem geboren“ (Joh. 2), ist „aus dem Tode ins Leben gekommen“ (1. Joh. 3), „samt Christus lebendig gemacht und auferweckt“ (Eph. 2). Die Bibel spricht hier in Metaphern, um zu zeigen, dass es Jesus nicht um eine neue religiöse oder soziale Idee, sondern um die Umwandlung der ganzen Existenz ging, um das Widerfahrnis neuen Geschaffenwerdens durch den Schöpfer, der sich dem abtrünnigen Geschöpf aufs neue zuwendet, um so die von diesem zerstörte Schöpfung zu erneuern und zu vollenden. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, sagt Paulus (2. Kor. 5), und der Epheserbrief mahnt, „den alten Menschen“ abzulegen und „den neuen Menschen anzuziehen“ (Eph. 3).

3. Die Bibel lässt leinen Zweifel darüber aufkommen, dass diese Umkehr kein Werk, des Menschen, sondern ein Werk des Geistes Gottes ist, der des Menschen Geist und Vernunft erleuchtet. Wie Jesus selbst durch den Geist Gottes bei seiner Taufe durch Johannes die Berufung zum „Sohn Gottes“ empfing (Mk. 1), so verhieß er seiner Gemeinde vor seinen Weggang „zum Vater“ den „Beistand des Heiligen Geistes“ (Joh. 14-17). Den verängstigten Jüngern erschien er als der „Auferstandene“ und sprach: „Empfanget den heiligen Geist“ (Joh. 20). Und für den Völkerapostel Paulus ist das Wirken des Geistes Gottes eine Realität: „Alle, die vom Geiste Gottes getrieben werden, sind Söhne Gottes“ (Röm. 8). Er weiß wohl, dass „wir diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ haben (2. Kor. 4, 7); wir verfügen nicht über Gottes Geist, als wäre er unser Besitz, der Geist „weht, wo er will“, wie der Wind (Joh. 3), aber obwohl wir während unseres Erdendaseins noch unter unseren „fleischlichen“ Wesen seufzen und uns danach sehnen, einmal ganz „von dem Leibe des Todes“ erlöst zu werden, so dürfen wir doch gewiss sein, dass Gottes Geist immer wieder „unserer Schwachheit aufhilft“ (Röm. 8). Auch Christen sind beides: Gerecht und Sünder zugleich (Luther). Die christliche Kirche ist eine ambivalente Größe. Darum gilt es stets zu prüfen, wieweit wir es mit der „fleischlichen“ oder der „geistlichen“ Seite der Kirche zu tun haben, mit Christen, die auf Jesu authentische Botschaft hören oder die sie verfälschen.

4. Worin besteht nun konkret die Umkehr zum wahren Leben, was unterscheidet den „neuen Menschen“ vom „alten Menschen“, den „geistlichen“ vom „fleischlichen“? Der johanneische Jesus sagt ausdrücklich, was das Kennzeichen der Gemeinde Jesu (nota ecclesiae) ist: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt“ (Joh. 13). Es ist die vergebende, erneuernde, tröstende Liebe Gottes, von der erfüllt Jesus sich berufen wusste, als des Vaters treuer „Sohn“ und „Ebenbild“ Menschen diese Liebe nahezubringen und sie aus ihrer Selbstsucht und Lieblosigkeit zu erlösen: „Wie mich der Vater geliebt hat, habe auch ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe!“ (Joh. 15). Nicht eine fromme religiöse oder erotische Gefühlsregung meint Jesus, sondern die radikale ganzheitliche Umkehr von der bisherigen egoistischen Sorge ums eigene Seelenheil (Heilsegoismus) und der eigenmächtigem Lebenssicherung gegenüber den Mitmenschen durch Gewalt zu einem „Leben für andere“ in versöhnungsbereiter helfend-dienender gewaltfreier Liebe. Solche Liebe hat Jesus in seiner Zuwendung zu den ungeliebten und ausgegrenzten Armen, Schwachen, Kranken geübt, durch sein tröstend-heilendes Wort und sein solidarisches Eintreten für die Opfer der Gewalt, bis er selber ein Opfer der Machthaber und Gewalttäter wurde. Zu solcher Liebe in seiner Nachfolge lud Jesus seine Jünger ein. Eben in solcher Liebe zum Mitmenschen, auch zum „Feind“ (Mt. 5) realisiert sich die Liebe zu Gott: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe!“ (1. Joh. 4). „Seht, wie haben sie einander so lieb“, staunte denn auch der heidnische Philosoph im Blick auf die frühe Christenheit. Diese lehnten ja nicht nur den Kaiserkult ab, sondern, ehe die Gemeinde Jesu zur römischen Staatskirche entartete, auch die Beteiligung an gewaltsamer persönlicher und kollektiver Selbstverteidigung.

5. Der Apostel verschweigt nicht, dass die Einladung Jesu zur Nachfolge auf der via crucis für den normalen „natürlichen“ Menschen eine ungeheure Zumutung ist. Was in Gottes Augen wahre „Weisheit“ und „Kraft“ bedeutet, erscheint dem „alten“ Menschen als „Torheit“ und als „Ärgernis“. Selbst Jesu eifrigster Jünger Simon Petrus musste sich, als er sich gegen Jesu Leidensweg wehrte, sagen lassen: „Hinweg von mir, Satan, du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“ (Mt. 16). Und als die Jünger später erkannt hatten, dass der Kreuzestod ihres Meisters in Wahrheit der Sieg seiner Liebe gewesen war, merkten sie bald, dass diese Botschaft allenthalben auf Widerspruch stieß, und es musste ihnen gesagt werden: „Verwundert euch nicht, wenn euch die Welt hasst!“ (1. Joh. 3) „Sie stammen von der Welt, …wir stammen von Gott“ (1. Joh. 4). „Uns hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist“ (1. Kor. 2). In solcher Gewissheit ruft darum der Verfasser des Hebräerbriefes der Gemeinde zu: „Wie Jesus gelitten hat draußen vor dem Tor, lasset uns zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen!“ (Hebr. 13).

6. Umstritten war die Botschaft Jesu und seiner Gemeinde bis heute aber nicht allein, weil sie als Gottes Weisheit der selbstherrlichen Weisheit des „natürlichen“, Gottes Willen widerstrebenden Menschen widerspricht. Neben dem echtem Ärgernis, das sich aus der Sache der Kirche ergab, stand zu aller Zeit noch ein unnötiges selbstverschuldetes Ärgernis. Das Bild, das die Geschichte der christlichen Kirchen bietet, ist oft genug, teils bitter beklagt, teils hämisch verspottet worden. Statt Liebe und Friedfertigkeit Herrschsucht, Gewalt, Hass und Verfolgung Andersgläubiger bis zum Mord und blutigen Kriegen, kein Ebenbild des Gottes der Liebe! Wie konnte es dazu kommen? Es hängt dies offensichtlich damit zusammen, dass die authentische Botschaft Jesu nicht „rein“, wie sie aus Jesu Munde kam, sondern durch die Vermittlung vieler zeitgenössischer und späterer Christen auf uns gekommen ist. Erst in neuerer Zeit hat die Forschung die Bedeutung dieser „geschichtlichen“ Einkleidung des Wortes Gottes in der Tradition des biblischen und kirchengeschichtlichen Zeugnisses erkannt. Die Verkündigung des Evangeliums vollzog sich schon immer zwischen zwei Polen: zwischen dem gehörten Wort Gottes und den Erwartungen der Hörer, auf deren Sprache, Denkweise und Heilsvorstellung Rücksicht genommen worden musste, wollte man verstanden werden. Wenn diese Erwartungen, Ängste und Träume auch durch den Ruf zur totalen Umkehr einen Wandel erfuhren, so unterschied sich doch die Form der Verkündigung je nachdem, ob der Apostel Paulus zu „Juden“ oder zu „Griechen“ sprach. „Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, dien Juden ein Ärgernis, den Griechen aber eine Torheit“ (1. Kor. 1), zugleich aber auch: „den Juden bin ich geworden wie ein Jude, auf dass ich die Juden gewinne, denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie ohne Gesetz geworden“ (1. Kor. 9). Ebenso haben die Verfasser der Evangelien sich an sehr unterschiedliche Adressaten gewandt, haben deren Erwartungen berücksichtigt und in ihre Schilderung der Geschichte Jesu Vorstellungen ihrer eigenen späteren Zeit einfließen lassen. So scheuten sie sich nicht, die Bezeichnung Jesu als „Sohn Gottes“, wie sie im Volk Israel für fromme Gottesboten üblich war, den heidenchristlichen Hörern, denen diese Bezeichnung als Würdetitel der als Gottheit verehrten Kaiser vertraut war, gleichermaßen als Titel Jesu anzubieten samt den sonstigen Auszeichnungen, mit denen man die Kaiser bedachte, um ihre besondere Bedeutung hervorzuheben (übernatürliche Geburtslegenden usw.). Nicht anders haben spätere Generationen die Botschaft in den Denkweisen und Erwartungen ihrer Zeit die Botschaft Jesu weitergegeben, umgeformt, aktualisiert. Jesus ward so der hellenistisch-byzantinische Pantokrator, der germanische Heliand, der bürgerliche Moralprediger des 19. Jahrhunderts. Fatal war dabei nur, dass sich diese Verständnishilfen allzuoft verselbständigten, nicht mehr „geistlich“ als Zeugnis der Jesusbotschaft, sondern „fleischlich“ im Sinne der heidnischen Erwartungen verstanden und in unendlichen konfessionellen Streitigkeiten gegen einander ausgespielt wurden. Das echte Ärgernis vermischte sich unheilvoll mit diesem selbstverschuldeten Ärgernis. Oft war gar nicht mehr festzustellen, in wessen Namen die Kirchen jetzt redeten und stritten.

7. Wir haben gesehen: Die Krise der Kirche hängt unmittelbar mit der umstrittenen Botschaft Jesu zusammen, für die Glieder der Kirche ist die Botschaft vom Kreuz zunächst eben ein Ärgernis wie für die Welt der Nichtchristen. Der Ruf zur radikalen Umkehr vom bisherigen Leben wird als Zumutung empfunden, gegen die man sich wehrt, so lange nicht der Geist Gottes darin die Weisheit Gottes erkennen lässt.

Gleichzeitig findet man es ärgerlich, wenn die Kirche dem hohen Anspruch, den Weg zum wahren Leben anzubieten, nicht gerecht wird. Ob dies bei Christen zu einem Schuldbekenntnis führt oder ob sich andere nach einen anderen Heilsbringer umsehen, allenthalben wird der Ruf nach einer Reform der Kirche laut. Eine wirkliche Erneuerung der Kirche aber kann nach den oben Dargelegten nur erfolgen, wenn wir uns erneut dem Ursprung der „christlichen“ Kirche zuwenden, der authentischen Botschaft Jesu, dabei aber, um sie zu verstehen, unsere eigenen Heilserwartungen und Glaubenserfahrungen mit dieser Botschaft im Auge behalten. Bloße Strukturveränderungen, sei es der volkskirchlichen Institution, sei es der frommen Kerngemeinde reichen da nicht aus, weder die Pflege der modischen Zivilreligion noch konservative Perpetuierung überkommener heute unverständlicher Glaubensformeln helfen hier weiter.

Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass die Umkehr zum wahren Leben keine rein „religiöse“ Sache ist, sie umfasst alle Bereiche unseres Lebens. Wir müssen uns verabschieden von dem Missverständnis, als habe es die Kirche speziell mit „Religion“ zu tun und überlasse das alltägliche soziale Leben anderen Instanzen. Die „religiöse“ Dimension, die Liebe zu Gott, ist nur ein Teilbereich kirchlichen Tätigkeit. „Wort und Sakrament“ als nota ecclesiae zu bestimmen, wie es die Confessio Augustana (VII) tut, ist eine Verengung, Jesus sieht in der Liebe zu Gott und den Menschen das Kennzeichen der Kirche.

Die Gemeinschaft derer, die Jesus zum neuen Leben erweckt, beschränkt sich auch nicht auf „christliche“ Kirchen. Jesus ruft alle Menschen zur Umkehr, und Gottes Geist sind keine Grenzen gesetzt. Der Geist Gottes „weht, wo er will“, er kann Menschen aus allen Völkern und Religionen Leben schenken. Die Gemeinde Gottes ist nicht identisch mit den Mitgliedern einer Religionsanstalt, nicht mit denen, „die Herr, Herr sagen“, sondern die „den Willen Gottes tun“, das ist unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit. Ein heidnischer Inder, der ehrfürchtig mit der Schöpfung umgeht, handelt „christlicher“ als ein Christ, der die Umwelt zerstört. Zwar weiß allein Gott, wer ihn von Herzen liebt, aber Jesus sagt auch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt. 7). Die „die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden“ (Mt. 25), die Traurigen trösten und sich für die Entrechteten einsetzen, nennt Jesus „seine Brüder“, bei denen ist der Ort der Kirche (Albert Schweitzer, Mutter Teresa!), dort erneuert sie sich! Ob Juden, Christen, Moslems oder Heiden, entscheidend ist, dass „Gottes Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, zwar hier noch ambivalent und fragmentarisch, dereinst, wenn Gott sein Werk vollendet, aber in Herrlichkeit.

Heinrich Treblin

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