Legende vom Vierten König

Müde und traurig ritt Coredan weiter. Sein Stern leuchtete nicht mehr. Jahrelang wanderte er. Zuletzt zu Fuß, da er auch sein Pferd verschenkt hatte. Schließlich bettelte er, half hier einem Schwachen, pflegte dort Kranke; keine Not blieb ihm fremd.

Drei rote Edelsteine in Herzform, die der Vierte König mit sich nimmt.

Drei Edelsteine nimmt der Vierte König mit auf seinen Weg zum Kind (Bildausschnitt: MR1313 – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Dienstag, 6. Januar 2009, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm.

Wir sind hier versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Heute ist zwar kein gesetzlicher Feiertag, aber doch ein Festtag der Kirche. Wir feiern Epiphanias, das heißt, die Erscheinung von Gottes Herrlichkeit im Stern von Bethlehem, landläufig das Fest der Heiligen Drei Könige genannt. Ich lese zum Anlass passend die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 2:

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

8 [König Herodes] schickte sie nach Bethlehem…

9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut

11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Wir singen aus dem Lied 71 die Strophen 1 und 2:

1. O König aller Ehren, Herr Jesu, Davids Sohn, dein Reich soll ewig währen, im Himmel ist dein Thron; hilf, dass allhier auf Erden den Menschen weit und breit dein Reich bekannt mög werden zur Seelen Seligkeit.

2. Von deinem Reich auch zeugen die Leut aus Morgenland; die Knie sie vor dir beugen, weil du ihn’ bist bekannt. Der neu Stern auf dich weiset, dazu das göttlich Wort. Drum man zu Recht dich preiset, dass du bist unser Hort.

Lasst uns nun unsere Klagen vor Gott bringen. Nach jeder Klage singen wir das Lied EG 178.11.

Ganz früh im Jahr kommen wir zu dir, Gott, und bringen vor dich, was uns belastet. Zum Beispiel unbewältigte Sorgen aus dem alten Jahr, unerledigte Geschäfte, die uns noch bedrücken.

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Wir bringen vor dich unsere guten Vorsätze für das neue Jahr, die wir vielleicht schon wieder fast vergessen haben.

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Wir bringen vor dich das Gefühl, dass sich ja doch nichts ändern kann und im neuen Jahr alles so weitergeht wie bisher.

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

In der Stille bringen wir vor dich, was uns noch bewegt.

Stille

Gemeinsam rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Wenn wir alles auf dich werfen, was uns Sorgen macht, bleibt in uns viel Grund zur Dankbarkeit. Wir erinnern uns in der Stille auch an das Gute, das uns begegnet.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103, 2)

Als Anstoß zum Nachdenken erzähle ich Ihnen heute

Die Legende vom Vierten König

Außer Caspar, Melchior und Balthasar war auch ein vierter König aus dem Morgenland aufgebrochen, um dem Stern zu folgen, der ihn zu dem göttlichen Kind führen sollte. Dieser vierte König hieß Coredan. Drei wertvolle rote Edelsteine hatte er eingesteckt und mit den drei anderen Königen einen Treffpunkt vereinbart. Doch sein Reittier lahmte. Er kam nur langsam voran, und als er bei der hohen Palme eintraf, war er allein. Nur eine kurze Botschaft, in den Stamm des Baumes eingeritzt, sagte ihm, dass die anderen drei ihn in Betlehem erwarten würden. Coredan ritt weiter, in seinen Wunschträumen versunken.

Plötzlich entdeckte er am Wegrand ein Kind, bitterlich weinend und aus mehreren Wunden blutend. Voll Mitleid nahm er das Kind auf sein Pferd und ritt in das Dorf zurück, durch das er zuletzt gekommen war. Er fand eine Frau, die das Kind in Pflege nahm. Aus seinem Gürtel nahm er einen Edelstein und vermachte ihn dem Kind, damit sein Leben gesichert sei.

Dann ritt er weiter, seinen Freunden nach. Er fragte die Menschen nach dem Weg, denn den Stern hatte er verloren.

Eines Tages erblickte er den Stern wieder, eilte ihm nach und wurde von ihm durch eine Stadt geführt. Ein Leichenzug begegnete ihm. Hinter dem Sarg schritt eine verzweifelte Frau mit ihren Kindern. Coredan sah sofort, dass nicht allein die Trauer um den Toten diesen Schmerz hervorrief. Der Mann und Vater wurde zu Grabe getragen. Die Familie war in Schulden geraten, und vom Grabe weg sollten die Frau und die Kinder als Sklaven verkauft werden. Coredan nahm den zweiten Edelstein aus seinem Gürtel, der eigentlich dem neugeborenen König zugedacht war. „Bezahlt, was ihr schuldig seid, kauft euch Haus und Hof und Land, damit ihr eine Heimat habt!“

Er wendete sein Pferd und wollte dem Stern entgegenreiten – doch dieser war erloschen. Sehnsucht nach dem göttlichen Kind und tiefe Traurigkeit überfielen ihn. War er seiner Berufung untreu geworden? Würde er sein Ziel nie erreichen?

Eines Tages leuchtete ihm sein Stern wieder auf und führte ihn durch ein fremdes Land, in dem Krieg wütete. In einem Dorf hatten Soldaten die Bauern zusammengetrieben, um sie grausam zu töten. Die Frauen schrieen und Kinder wimmerten. Grauen packte den König Coredan, Zweifel stiegen in ihm auf. Er besaß nur noch einen Edelstein – sollte er denn mit leeren Händen vor dem König der Menschen erscheinen? Doch dieses Elend war so groß, dass er nicht lange zögerte, mit zitternden Händen seinen letzten Edelstein hervorholte und damit die Männer vor dem Tode und das Dorf vor der Verwüstung loskaufte.

Müde und traurig ritt Coredan weiter. Sein Stern leuchtete nicht mehr. Jahrelang wanderte er. Zuletzt zu Fuß, da er auch sein Pferd verschenkt hatte. Schließlich bettelte er, half hier einem Schwachen, pflegte dort Kranke; keine Not blieb ihm fremd.

Und eines Tages kam er am Hafen einer großen Stadt gerade dazu, als ein Vater seiner Familie entrissen und auf ein Sträflingsschiff, eine Galeere, verschleppt werden sollte. Coredan flehte um den armen Menschen und bot sich dann selbst an, anstelle des Unglücklichen als Galeerensklave zu arbeiten. Sein Stolz bäumte sich auf, als er in Ketten gelegt wurde.

Jahre vergingen. Er vergaß, sie zu zählen. Grau war sein Haar, müde sein zerschundener Körper geworden.

Doch irgendwann leuchtete sein Stern wieder auf. Und was er nie zu hoffen gewagt hatte, geschah. Man schenkte ihm die Freiheit wieder; an der Küste eines fremden Landes wurde er an Land gelassen. In dieser Nacht träumte er von seinem Stern, träumte von seiner Jugend, als er aufgebrochen war, um den König aller Menschen zu finden. Eine Stimme rief ihn: „Eile, eile!“

Sofort brach er auf, er kam an die Tore einer großen Stadt. Aufgeregte Gruppen von Menschen zogen ihn mit, hinaus vor die Mauern. Angst schnürte ihm die Brust zusammen. Einen Hügel schritt er hinauf. Oben ragten drei Kreuze. Coredans Stern, der ihn einst zu dem Kind führen sollte, blieb über dem Kreuz in der Mitte stehen, leuchtete noch einmal auf und war dann erloschen.

Ein Blitzstrahl warf den müden Greis zu Boden. „So muss ich also sterben“, flüsterte er in jäher Todesangst, „sterben, ohne dich gesehen zu haben? So bin ich umsonst durch die Städte und Dörfer gewandert wie ein Pilger, um dich zu finden, Herr?“ Seine Augen schlossen sich. Die Sinne schwanden ihm.

Da aber traf ihn der Blick des Menschen am Kreuz, ein unsagbarer Blick der Liebe und Güte. Vom Kreuz herab sprach die Stimme: „Coredan, du hast mich getröstet, als ich jammerte, und gerettet, als ich in Lebensgefahr war; du hast mich gekleidet, als ich nackt war!“ Ein Schrei durchbebte die Luft – der Mann am Kreuz neigte das Haupt und starb. Coredan erkannte mit einem Mal: „Dieser Mensch ist der König der Welt. Ihn habe ich gesucht in all den Jahren.“ Er hatte ihn nicht vergebens gesucht, er hatte ihn doch gefunden.

Wir singen das Lied 71:

1. O König aller Ehren, Herr Jesu, Davids Sohn, dein Reich soll ewig währen, im Himmel ist dein Thron; hilf, dass allhier auf Erden den Menschen weit und breit dein Reich bekannt mög werden zur Seelen Seligkeit.

2. Von deinem Reich auch zeugen die Leut aus Morgenland; die Knie sie vor dir beugen, weil du ihn’ bist bekannt. Der neu Stern auf dich weiset, dazu das göttlich Wort. Drum man zu Recht dich preiset, dass du bist unser Hort.

Lasst uns beten!

Wir beten für Menschen, die auf dem Weg sind. Für Menschen, die auf guten Wegen gehen, dass sie nicht von ihnen abirren. Für Menschen, die auf Abwege geraten sind, dass sie sich wieder zurechtfinden. Für Menschen, die wandern im finsteren Tal, dass du bei ihnen bist, dass dein Stecken und Stab sie trösten. Für Menschen, die im Finstern wandeln, dass sie wieder Licht sehen.

Wir beten für Menschen, die schnell auf ihrem Weg voraneilen, dass sie die Einsicht finden, auch einmal innezuhalten, zu prüfen, ob sie auf dem richtigen Weg sind, ob die Richtung noch stimmt, ob auch die Begleiter das Tempo noch mithalten können. Denn auf dem Weg nach Bethlehem muss man nicht der Schnellste sein.

Wir beten für Menschen, die auf ihrem Weg in eine Sackgasse geraten sind, dass sie den Mut finden, innezuhalten und sich umzuschauen. Denn wer in die falsche Richtung gelaufen ist, braucht sich nicht dafür zu schämen, dass er noch rechtzeitig umkehrt.

Schließlich beten wir für Menschen, die müde geworden sind auf ihrem Weg, dass sie es sich gönnen, eine Rast einzulegen, dass sie nicht zu stolz sind, um sich ein Stück des Wegs mitnehmen zu lassen, dass sie einmal überprüfen, ob sie nicht längst am Ziel angelangt sind. Denn der Weg zu Jesus ist nicht weiter als der Weg zum Herzen eines anderen Menschen. Amen.

Vater unser

Wer möchte, kann noch Kerzen anzünden oder etwas in das Buch schreiben oder einen Stein auf dem Altar loswerden, der ihm auf der Seele lastet.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

Geht mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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