Vatertag

Die Beziehung zu irdischen Vätern und zum himmlischen Vater sind sicherlich irgendwie verknüpft. Ein spannungsreiches Verhältnis zum eigenen Vater kann mir den Weg zu Gott erschweren, vor allem dann, wenn ich mir Gott nur als starken Mann, fordernd, verurteilend, ohne Gefühle, vorstellen kann und nicht auch als tröstende Mutter oder selbstbewusste, starke Frau Weisheit, oder als sanften Mann.

Vater mit Kind an der Hand auf einem Steg, der zum Strand führt

Vatertag (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst mit Taufe an Christi Himmelfahrt, den 12. Mai 1988 um 10.30 Uhr in der Reichelsheimer Kirche

Ich begrüße Sie und Euch alle in der Reichelsheimer Kirche, besonders die beiden Familien … und …! Wir feiern hier Gottesdienst und taufen zwei Kinder, heute am Fest der Himmelfahrt Christi, während andere „Vatertag“ feiern. Wir sind, abgesehen von den Tauffamilien, heute nicht sehr zahlreich hier versammelt, und wir sind das gewohnt. Wir werden uns fragen: Was bedeutet es, wenn wir die beiden kleinen Mädchen, … und …, in diese Kirche hineintaufen, die kein eindrucksvolles Bild bietet, die eher wie ein fast verlorener Haufen aussieht, deren Mitglieder, wie wir wissen, ihren Glauben nicht gerade begeistert in der Öffentlichkeit vertreten?

Es ist in der heutigen Zeit nicht leicht, einen eigenständigen Glauben aufzubauen und zu leben, und vielleicht noch schwerer, Kindern den Zugang zum Glauben zu ermöglichen. Zu viele Fehler sind in der Vergangenheit auch von Verantwortlichen in der Kirche gemacht worden, so dass einfach viele Missverständnisse über den Glauben entstanden sind, die sich hartnäckig halten.

Ich will damit nicht sagen, dass schon allein die Ausräumung dieser Missverständnisse genügt, um jemanden zum Glauben zu führen. Aber wenn sie beiseite geschafft werden, dann kommen erst die eigentlichen, die wirklich entscheidenden Probleme in den Blick, die uns daran hindern, an Gott zu glauben oder uns stärker für die Kirche einzusetzen. Der Himmelfahrtstag bietet sich an, eine Reihe dieser Missverständnisse anzusprechen, weil er ein Musterbeispiel für einen kirchlichen Feiertag ist, dem die meisten Christen in unserem Land rein gar nichts mehr abgewinnen können. Ich bitte Sie und Euch also, gut zuzuhören, denn ich habe Dinge zu sagen, die aus dem Klischee von Himmelfahrt herausführen, dieser merkwürdigen Vorstellung von einem leiblichen Übergang vom Diesseits ins Jenseits, bei der wir kaum umhin können, an eine Fahrstuhlfahrt ins Weltall zu denken oder an ein von der Erde abgehobenes Schweben auf den Wolken.

Nun beginnen wir, zu singen und zu beten mit dem
Lied 92, 1-5
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wer bist du, Gott? Mit vielen Namen rufen wir dich an. Mit keinem Namen lässt du dich festnageln. Du bist Schöpfer und Erlöser, Allmächtiger und Gekreuzigter, König und Diener aller Menschen, du bist Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Freund und Freundin. Du bist Jesus von Nazareth; und seit Himmelfahrt wissen wir: Du trägst sein Gesicht für alle Ewigkeit.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Lasst uns beten mit einem afrikanischen Gebet:

Du-Freund-auf-den-wir-uns-stützen-und-nicht-fallen, wir rufen dich an! Mächtiger König, wir rufen dich an! Du-unergründlicher-Ursprung, wir rufen dich an! Du-Schöpfer-und-Spender-ewigquellender-Wasser, wir rufen dich an! Wir rufen dich an, du-Ende-der-Tage!

Du-Korb-der-nicht-leer-wird, du, den wir rufen in Zeiten der Not; du, Freund-der-uns-speist, du, den wir spüren zu Haus und in der Fremde, ohne dich, nichts, nichts könnten wir tun.

Du Heiliger – gib uns einen reichen Segen! Lass unsere Gemeinschaft gut für uns sein. Unser Flehen hat er schon gehört. Unser Bitten hat er schon erhört.

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 28, 16-20:

[Nach der Auferstehung Jesu Christi gingen] die elf Jünger … nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Vor der Taufe singen wir ein Lied, in dem wir auf kindgemäße Weise ausdrücken, dass unsere Welt Gott gehört und wir auf ihn vertrauen können:

Lied 408, 1-6
Taufen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören zur Predigt noch einmal einige Verse aus der Schriftlesung zum Himmelfahrtstag. Sie steht in Matthäus 28, 16-18:

[Nach der Auferstehung Jesu Christi gingen] die elf Jünger … nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“

Amen.

Liebe Gemeinde!

Was haben wir da eigentlich eben getan? Wir haben zwei Kinder getauft. Wir haben damit auch unserer Kirche eine Chance gegeben. Wir führen ihr neue Mitglieder zu, wir trauen der Gemeinde zu, dass sie mit diesen Kindern gut umgehen wird, wir verpflichten uns zugleich auch, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass diese Kinder sich in der Gemeinde Jesu geborgen fühlen. Allerdings tun wir das alles voller Zweifel, Zweifel an der Organisation der Kirche, die im Laufe ihrer Geschichte oft versagt hat, Zweifel an uns selbst, die wir keinen standfesten Glauben für uns gepachtet haben, Zweifel auch an Gott, der uns schon oft enttäuscht hat, wenn wir von ihm die Erfüllung bestimmter Wünsche und Sehnsüchte erwartet haben.

Auch in der Geschichte, die wir eben hörten, die vom auferstandenen Jesus erzählt wird, heißt es: „einige aber zweifelten“. Es gibt eine ganze Reihe von Versuchen, die Erfahrungen in Worte zu fassen, die die Jünger nach Jesu Tod am Kreuz mit ihm machen. Alle sehen verschieden aus; die Himmelfahrtsgeschichte des Lukas ist eine davon. Matthäus erzählt anders; er erwähnt zwar auch einen Berg, aber nicht Jesu Weggang und Aufstieg in den Himmel; er berichtet schlicht und einfach, was Jesus den Jüngern sagt. Und zuvor teilt er mit: „einige aber zweifelten.“

Was sagt darauf Jesus? „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Absolut unbegreiflich, dieser Satz! Man muss sich das einmal vorstellen: Soeben, vor wenigen Tagen, ist Jesus hingerichtet worden, als Terrorist zwischen übelsten Verbrechern. Der Kaiser, der König, die Hohepriester haben ihm ihre Macht gezeigt. Die Volksmenge hat seinen Tod herbeigeschrien, und selbst seine Freunde haben ihn verlassen, verleugnet, verraten, sind feige geflohen. Und jetzt hören die Jünger seine Stimme: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Das ist der entscheidende Punkt, an dem Glaube und Unglaube verschiedene Wege gehen. Der Unglaube sagt: „Die Jünger spinnen wohl. Sie hören einem Gespenst zu. Sie bilden sich wer weiß was ein. Es ist hirnverbrannt, diesem Jesus nach seinem Tod am Kreuz noch etwas zutrauen zu wollen. Wie könnte er die Macht über die ganze Welt haben?“ Der Unglaube hat viele Argumente für sich. Ich verstehe diesen Standpunkt gut. Deshalb kann man auch niemanden zum Glauben überreden. Ich kann auch kein Kind dazu nötigen: Der Glaube ist gut für dich, du musst in die Kirche gehen. Der Glaube ist keine selbstverständliche Sache, und auch keine Pflicht, die man andern auferlegen kann.

Wie kommen Menschen dann zum Glauben? Indem sie Menschen zuhören, die schon angefangen haben zu glauben und von ihren eigenen Glaubenserfahrungen erzählen. Indem sie Worte Jesu hören und spüren: „Was er sagt, ist wirklich wahr! Und er spricht mich direkt an, ja mich!“

Jesus ist wirklich der Mensch Gottes. Er war selbst im Tod nicht am Ende. Er ist der Mensch, in dem ganz und gar Gottes Geist, seine Kraft gewirkt hat. Aber Jesu Macht sah ganz anders aus als die Macht eines Herrschers, der die Gegner zu Boden zwingt. Wir müssen umlernen, umlernen über Gott. Das ist die Botschaft von Himmelfahrt: Jesus kehrt zum Vater zurück; Gott und Jesus werden wieder eins; Gott ist genau so, wie er sich in Jesus gezeigt hat; in keinem anderen Bild lässt er sich erkennen. D. h.: Gottes Allmacht ist sanft und scheinbar machtlos. Gott setzt sich durch auf dem Weg der Liebe; er liebt auch die Feinde, er liebt auch die Bösen, er schafft nicht alle Übel mit Gewalt oder Zauberei aus der Welt. Wegen seiner Liebe begrenzt Gott seine Allmacht; er will uns auf menschliche Weise nahe kommen. Er reißt uns nicht aus allen Problemen heraus, aber er trägt das Böse, das Leid mit uns.

Damals, auf dem Berg, haben die Jünger das gehört, die letzten Worte Jesu: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das verspricht er ihnen. Nicht mehr und nicht weniger. Er mutet uns zu, in unseren Lebenssituationen drinzubleiben, auszuhalten und durchzustehen, was uns Sorgen macht und was uns Schmerzen bereitet. Aber er verspricht uns, dass er uns dabei nicht allein lässt. Das kann er versprechen, seine Macht reicht so weit. Wenn wir aber mehr oder anderes von ihm erwarten, dann wollen wir im Grunde nicht anerkennen, wie groß die Gabe seiner Liebe ist. Wir wünschen uns äußere Hilfe, wollen aber von ihm unberührt bleiben. Jesu Hilfe sieht dagegen so aus, dass er sich uns selbst schenkt, dass wir ihm vertrauen dürfen, dass wir in der Beziehung zu ihm getröstet und getragen, ermutigt und angespornt werden. Im Psalm 23 hatte einer schon viel früher ganz ähnlich sein Vertrauen zu Gott ausgedrückt:

1 Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!

Er redet nicht von äußerem Mangel, sondern von seelischem Hunger. Den Hunger der Seele stillt allein Gott, und wenn der gestillt ist, dann ist auch diese Erfahrung möglich:

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.

„Ich bin bei euch“, sagt Jesus. „Du bist bei mir“, sagt der Psalmbeter. Der große Philosoph Immanuel Kant soll gesagt haben, dass er diesen kurzen Satz für den wichtigsten Satz in der ganzen Weltliteratur halte: „Du bist bei mir.“ In diesem jeweils vier Wörtern ist der ganze christliche Glaube zusammengefasst. Den Glauben kann man also nicht beweisen, er ist kein bloßes Wissen, keine bloße Vermutung, er ist eine Erfahrung. Und wenn wir Zweifel haben, ob der Glaube trägt? Wir können so tun, als ob Vertrauen möglich wäre. Wir können ausprobieren, ob dann das Vertrauen trägt. Anders geht es nicht.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

– (Markus 9, 24) so sprach schon in der Bibel ein Mann Jesus gegenüber seinen mit Zweifel vermischten Glauben aus. Nicht anders als mit dieser Haltung können wir selber als Christen leben und unsere Kinder christlich erziehen: mit einer Offenheit nach zwei Seiten. Offenheit im Sinne von Ehrlichkeit, was unsere Zweifel und Probleme mit Glauben, Gott und Kirche betrifft. Wir sollten den Kindern nicht mehr Glauben vorspielen, als in uns ist. Offenheit aber auch in der anderen Richtung – Offenheit gegenüber Gott – vielleicht kann er uns noch ganz anders begegnen als bisher, vielleicht wächst in uns ein Vertrauen, durch allen Zweifel hindurch, durch das unser Leben neu wird und durch das wir auch unseren Kindern anders begegnen.

Als ich ein anderes Mal über das Thema Glauben und Zweifeln predigte, sprach mich nachher jemand darauf an. Das hätte ich doch wohl nicht ernst gemeint, dass ich selber auch manchmal zweifeln würde. Ein Pfarrer, der am Glauben zweifelt, der kann ja wohl seinen Beruf nicht mehr ausüben. Ich sehe das anders. Wer meint, keinen Zweifel zu kennen, der kann gar nicht richtig glauben. Der muss sich fragen, ob er nicht einen völlig falschen Glauben zu besitzen meint. Denn wirklicher Glaube ist eine lebendige Beziehung zu Gott, ist nie fertig, ist kein festzuhaltender Besitz. Daher kann ich wohl meines Glaubens gewiss sein, weil ich mich gehalten und getragen fühlen darf durch Gottes Liebe. Aber ich kenne trotzdem Zweifel, und manchmal muss ich mir sagen, wie Martin Luther es getan hat, den auch oft große Zweifel befielen: „Ich bin getauft!“ – Gott hat Ja zu mir gesagt! Er bricht sein Wort nicht! Er lässt mich nicht allein! Er lässt mich nicht verloren gehen!

Von Zweifeln rede ich allerdings nicht, um einer allgemeinen Skepsis und einer abwartenden Haltung gegenüber Gott das Wort zu reden. Sondern gerade weil es mir darum geht, dass wir eine lebendige Beziehung zu Gott wirklich suchen und pflegen. Wenn der heutige Tag im Volksmund schon der „Vatertag“ heißt – warum sollten wir ihn nicht als Anlass nehmen, unsere Beziehung zu unserem himmlischen Vater zu klären? Der Vater, biblisch gesehen, ist ja ein Symbol für Gott, den Schöpfer, der das Weltall umschließt mit allem, was darin lebt. Und Himmelfahrt ist insofern ein Vatertag, als der Sohn Jesus, der auf der Erde getrennt von seinem Vater gelebt hat, sich nun wieder mit dem Vater vereinigt. Für die Jünger bedeutete Himmelfahrt: Jesus und Gott sind austauschbare Worte geworden, der Sohn und der Vater sind eins geworden, wenn ich zu Jesus bete, bete ich zugleich zum Schöpfer, und ich kann mir keinen allgewaltigen Gott im Himmel mehr vorstellen, der nicht die menschlichen Züge Jesu trägt. Natürlich wird kaum einer der vielen Männer, die heute „Vaddertag“ feiern, an eine solche Deutung überhaupt denken. Ich nehme mir die Freiheit, es zu tun. Das ganze drumherum, die Wolke, die Engel, das Unsichtbarwerden, überhaupt die Erscheinung eines Menschen, der schon tot und begraben war, das sind nicht die entscheidenden Dinge beim Thema Himmelfahrt. Entscheidend sind die Fragen: War Jesus wirklich der Beauftragte Gottes in der Welt, der ein für allemal das Wesen Gottes gezeigt hat? Und ist Jesus wirklich so eng mit Gott verbunden, dass ihm alle Macht im Himmel und auf Erden in die Hände gelegt ist? Verbunden damit ist natürlich die Frage, ob wir überhaupt an einen Gott glauben können – wie gesagt, es sind Fragen, auf die wir nur eine Antwort finden, wenn wir praktisch so leben, als sei es so: als sei Gott der Schöpfer der Welt, als sei Jesus sein Beauftragter, als sei uns sein Geist geschenkt, als seien wir unendlich wichtig für ihn, als seien uns von ihm bestimmte Aufgaben übertragen. Nur wenn wir uns darauf einlassen, erfahren wir, ob der Glaube trägt. Theoretisch kann ich die Wahrheit des Glaubens nicht beweisen, genauso wie ich nicht nur theoretisch meine Frau lieben oder meine Kinder erziehen kann.

Wenn nun allerdings jemand fragt: Wozu sollen wir denn eigentlich eine Beziehung zu Gott aufnehmen? Das ist doch eine Flucht aus der Welt in den Himmel. Viel wichtiger ist es doch, sich um die Menschen auf der Erde zu kümmern. – Dann muss ich sagen: Wenn jemand meint, er könne nur Gott lieben und den Menschen neben sich vergessen, der liebt auch Gott nicht wirklich. Wenn Gott das Gesicht Jesu trägt, dann ist er ja gerade der menschenfreundliche Gott, der nicht will, dass wir in den Himmel hinaufsteigen, um ihn dort zu suchen. Nein, er will, dass wir ihn hier auf der Erde suchen, in den Menschen, die uns brauchen oder die wir selber brauchen.

Also noch einmal: Wenn heute schon der „Vatertag“ ist, warum sollten wir ihn nicht zum Anlass nehmen, auch einmal über unsere Beziehung zum eigenen Vater hier auf der Erde nachzudenken? Dabei spielt es keine Rolle, ob er noch lebt oder verstorben ist, ob es der leibliche Vater, ein Stiefvater oder ein Pflegevater war, der uns am meisten geprägt hat. Die Erfahrungen mit dem Vater oder mit Vaterfiguren gehen ja mit uns unser Leben lang: Was wir uns von ihm gewünscht, was wir von ihm gebraucht, was wir von ihm bekommen oder nicht bekommen haben und wie wir damit umgehen können. Und umgekehrt: Warum sollten wir nicht auch einmal darüber nachdenken, wir Männer, wie wir selbst unsere Rolle als Väter ausfüllen? Unsere Kinder brauchen uns Väter – wir dürfen nicht alle Erziehungsaufgaben auf die Frauen abwälzen. Aber leider ist die Vaterrolle in unserer Gesellschaft nicht mit sehr hohem Prestige verbunden. Wenn zwischen Arbeit und Familie, zwischen Ehrenamt und Kindern entschieden werden muss, ziehen Familie und Kinder oft automatisch den Kürzeren. Dass es den „Vatertag“ in dieser problematischen Form gibt, ist ja bezeichnend für die Unsicherheit in dem Bild, das viele Väter von sich selbst haben. Vielleicht weil es den Muttertag gab, beanspruchten viele Väter auch einen Vatertag. Aber wie anders gestalten sich Muttertag und Vatertag! Es ist ja am Muttertag nicht so, dass die Mütter sich gemeinsam treffen, um an diesem Tag die Familie einmal vergessen zu können und die Männer und Kinder zu Hause sich selbst zu überlassen. Es ist am Vatertag nicht so, dass der Vater einmal lange ausschlafen kann, dass er ausnahmsweise einmal von vorn bis hinten bedient wird, und dass die Familie einmal dem Vater für seinen Einsatz in der Familie dankt. Für alle die, die von einer gemeinsamen Verantwortung der Eltern für Haushalt, Familie und Kinder träumen oder sie sogar schon praktizieren, sind sowohl Muttertag als auch Vatertag eher ein Ärgernis als eine reine Freude. Ob man diese Tage, wenn man sie überhaupt feiern will, nicht auch anders füllen kann, z.B. als „Familientage“, an denen man sich besonders viel Zeit für die Familie nimmt, etwa eine gemeinsame Radtour mit den Kindern macht. Aber im Grunde müsste dafür gar kein besonderer Anlass nötig sein. Dies nur als Anregung, um selber weiterzudenken.

Die Beziehung zu irdischen Vätern und zum himmlischen Vater sind sicherlich irgendwie verknüpft. Ein spannungsreiches Verhältnis zum eigenen Vater kann mir den Weg zu Gott erschweren, vor allem dann, wenn ich mir Gott nur als starken Mann, fordernd, verurteilend, ohne Gefühle, vorstellen kann und nicht auch als tröstende Mutter oder starke, selbstbewusste Frau Weisheit, oder als sanften Mann. Aber wenn ich mir klar mache, dass es viele Wege gibt, um Gott zu erkennen, und dass er in all unseren Vorstellungen, die wir von ihm haben, nicht aufgeht, dann kann die lebendige Beziehung zu Gott mir auch helfen, Bewegung in unsere menschlichen Beziehungen zu bringen. Wir können Verhärtungen abbauen, neue Schritte wagen, über den eigenen Schatten springen, Dinge tun und Aufgaben übernehmen, die wir uns bisher nicht zugetraut hatten. Wir können das wagen, denn wir sind in dem allen nicht allein. „Ich bin bei euch“, sagt Jesus. „Ihr könnt euch darauf verlassen. Mir ist die Macht gegeben, die unüberwindliche Macht der Liebe. Ihr halte euch fest und trage euch mit euren Freuden und mit euren Sorgen im Leben und im Sterben.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Blaurotes Liederbuch 771, 1-4:
Unser Vater in dem Himmel, sag, wo man dich finden kann
Fürbittengebet aus dem Heft zum Sonntag der Weltmission

Alle unsere Gebete schließen wir zusammen in dem Gebet Jesu:

Vater unser…
Lied 334, 1-6

Am Sonntag wird herzlich zum Familiengottesdienst um 10.30 Uhr eingeladen! Das Thema lautet: „Worauf du dich verlassen kannst!“ Kindertreffkinder werden mit selbstgebastelten Rhythmusinstrumenten zwei Lieder begleiten, und ich hoffe, dass viele Eltern und Kinder, Konfirmanden und Jugendliche und andere Erwachsene mit uns zusammen diesen Gottesdienst feiern werden. Am Dienstag um 20.15 Uhr ist im Reichelsheimer Sälchen wieder Bibelkreis, wo auch neue Gesichter herzlich willkommen sind.

Segen

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