Nicht fehlerlos, aber verantwortungsbewusst

Weiße Weste unter schwarzem Anzug

Weiße Weste? (Foto: pixabay.com)

Welche Führungskräfte wünschen wir uns in Politik und Kirche? Profilierte Köpfe wie Willy Brandt und Franz-Josef Strauß, Otto Dibelius und Martin Niemöller forderten einst zum Widerspruch heraus, regten Bürger und Christen aber auch dazu an, Verantwortung zu übernehmen.

Heutzutage treten Bischöfinnen zurück, weil sie nicht ständig mit einem Fehlverhalten in Verbindung gebracht werden möchten. Männer mit unterschiedlichem Beliebtheitsgrad in Kirche und Politik scheinen an öffentlichen Ämtern zu kleben, indem sie sich gegen moralische Vorwürfe mit oft unzulänglichen Rechtfertigungen zur Wehr setzen. Wie weiß muss die Weste sein, um ein Amt glaubwürdig mit der notwendigen Autorität ausüben zu können?

Ein Blick in die Bibel, ins 2. Buch Mose, Exodus 3, macht mich nachdenklich. Als Mose das Volk Israel in die Freiheit führen soll, lehnt er diesen Auftrag von ganz oben zunächst ab: „Wer bin ich?“ In jungen Jahren hat er sich mit jähzornigem Eintreten für Gerechtigkeit weder beim Adoptivvater im Pharaonenpalast noch bei seinen Volksgenossen Freunde gemacht, außerdem kann er nicht gut reden, und er beschwört Gott: „Schicke doch einen anderen!“

Doch Gott besteht darauf, gerade diesem mit Fehlern behafteten Menschen eine der größten Aufgaben mit religiöser und politischer Tragweite zu übertragen. Die Zehn Gebote, die das befreite Volk Israel durch Mose erhält, bilden bis heute eine Grundlage, um im Zusammenleben der Menschen Freiheit und Gerechtigkeit aufzubauen und zu bewahren.

Wer Verantwortung trägt, muss auch heute nicht fehlerlos sein. Aber er sollte sich an Wertmaßstäben wie den Zehn Geboten messen und zur Verantwortung ziehen lassen. Wie wäre es, wenn wir als Wähler den wirklich für das Gemeinwohl Engagierten größere Aufmerksamkeit schenken würden als den „schwarzen Schafen“, etwa durch eine hohe Beteiligung an der Kommunalwahl?

Gedanken zum Sonntag am Samstag, 26. Februar 2011, im Gießener Anzeiger von Pfarrer Helmut Schütz, Pfarrer der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen.

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