Mit Engelsflügeln in den Himmel fliegen

Trauerfeier für eine junge Frau, die nach kurzer Krebserkrankung gestorben ist und sich viele Gedanken über die Bibel, den Tod und das Leben danach gemacht hat.

Mit Engelsflügeln in den Himmel fliegen: Wolken am Abendhimmel, die wie Engelsflügel geformt sind

Engelsflügel am Abendhimmel (Bild: miaikransen – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau M., die im Alter von [über 40] Jahren gestorben ist.

Wir blicken zurück auf ihr Leben. Wir begleiten einander in unserer Trauer. Wir halten eine Trauerfeier im Namen Gottes. Werden wir Trost bei Gott finden? Ist er es nicht, der uns dieses große Leid antut? Wir fragen: „Warum?“, und wir bekommen keine Antwort.

Dennoch hören wir nicht auf zu beten. Wir sprechen Worte aus dem Psalm 77 (bis Vers 11 nach der Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal):

2 Meine Stimme ruft zu Gott, und ich will schreien! Meine Stimme ruft zu Gott, dass er mir Gehör schenke.

3 Am Tag meiner Drangsal suchte ich den Herrn. Meine Hand war des Nachts ausgestreckt und ließ nicht ab. Meine Seele weigerte sich, getröstet zu werden.

4 Denke ich an Gott, so stöhne ich. Sinne ich nach, so verzagt mein Geist.

5 Du hieltest offen die Lider meiner Augen; ich war voll Unruhe und redete nicht.

7 Ich sann nach des Nachts; in meinem Herzen überlegte ich, und es forschte mein Geist.

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein?

11 Da sprach ich: Das ist mein Schmerz, dass sich die [Hand] des Höchsten geändert hat.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtes dein Volk wie eine Herde.

Liebe Trauerfamilie, liebe Gemeinde!

Es ist schwer, hier die letzten Worte für eine Frau zu sprechen, die allzu früh gestorben ist: Frau M.

Ihr ganzes Leben lang wohnte sie in derselben Straße. Vom ersten Schultag an bis zur Schulentlassung ging sie auf dieselbe Schule. Fast ihr ganzes Arbeitsleben lang hat sie für denselben Arbeitgeber gearbeitet.

Erinnerungen an das Familienleben der Verstorbenen

Freundinnen und Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn, gute Bekannte, Sie alle wissen, was für ein Mensch Frau M. war; ein guter Mensch, haben Sie mir gesagt, immer lustig; sie war beliebt und wurde geliebt; mehr muss ich nicht sagen.

Dass sie so schwer krank wurde, kam für alle, auch für sie selbst, völlig unerwartet und wie ein Schock. Sie wollte nicht, dass man ihr irgendetwas vormacht und fand sich ab mit dem, was nicht zu ändern war. Nur eins wünschte sie sich nun noch: im Frieden, in Würde und möglichst ohne Schmerzen sterben zu können, im Kreis ihrer Familie.

Sie hat so sehr gelitten, zuletzt wirkten Spritzen und Pflaster immer nur für kurze Zeit. Aber sie war nicht allein, war Tag und Nacht umsorgt. Ihrer Palliativärztin hat sie viel zu verdanken, auch den Kräften vom Pflegedienst und vor allem ihrer Familie; ihre Angehörigen sind praktisch wochenlang mit ihr gestorben. Sie war niemals allein.

An ihrem letzten Abend wurde sie unruhig, aber in Ihren Armen, liebe Frau Y., konnte sie Ruhe finden, und so war es ihr offenbar auch leichter, ihr Leben loszulassen und hinüberzugehen in die andere Welt.

Dass die Quälerei für sie ein Ende gefunden hat, ist für Sie nur ein kleiner schwacher Trost. Dass sie überhaupt so eine schwere Krankheit bekommen hat und so früh gestorben ist, ist unbegreiflich. Sie fehlt allen sehr, die sie geliebt haben, vor allem der ganzen Familie und ihren Freundinnen und Freunden.

Sie hat mit ihren Angehörigen offen über ihren Tod gesprochen, über ihre Hoffnungen und ihre Wünsche. „Ich will mit einem weißen Kleid und mit Engelsflügeln in den Himmel fliegen“, hat sie sich gewünscht.

Wenn man einmal ihre Wohnung gesehen hat, dann weiß man, wie sehr sie Engel geliebt hat. Überall hingen Bilder von Engeln, und noch in der letzten Zeit bekam sie Post von einer Freundin, die ihr zur Aufmunterung und zur Beruhigung ihrer Angst einen Engel mitschickte.

Als Jesus einmal von zweifelnden Zeitgenossen gefragt wird, wie er sich die Auferstehung der Menschen vorstellt, da antwortet er (Markus 12, 25):

Wenn sie von den Toten auferstehen werden, … [sind sie] wie die Engel im Himmel.

Ich weiß, Frau M. hat sich viele Gedanken über die Bibel gemacht; sie stolperte auch über manche Ungereimtheiten der Bibel, und ich hätte mich gern einmal mit ihr darüber unterhalten. Aber ich glaube, diesem Vers hätte sie wohl zugestimmt:

Wenn sie von den Toten auferstehen werden, … [sind sie] wie die Engel im Himmel.

Sie war sich ja auch sicher: „Da oben gibt‘s doch jemand, der auf uns wartet.“ Vielleicht hat sie inzwischen schon die Verwandten wiedergesehen, die vor Jahren oder erst kürzlich gestorben sind. Vielleicht findet sie dort oben auch jemanden, der ihr all das erklärt, was in der Bibel so schwer zu verstehen ist.

So wie Frau M. hier auf Erden war, müssen wir von ihr Abschied nehmen; ihren vergänglichen Körper geben wir dahin, dass er Staub und Asche werde. Von dem, was ihr zuletzt noch wichtig war, haben Sie ihr einiges mit in den Sarg gelegt, einen weichen Kolter, eine warme Strickjacke und einen kleinen Engel. Dort, wo ihre Urne im Grab liegen wird, haben Sie einen Ort, um an sie zu denken, aber sie selbst mit allem, was Sie an ihr geliebt haben, liegt nicht dort allein in der kalten Erde: Sie ist gut aufgehoben bei Gott im Himmel, mit allen Engeln, bei ihren Lieben, die dorthin ihr vorausgegangen sind.

Wir wissen nicht genau, wie wir uns das vorstellen sollen; nur in Bildern können wir uns das ausmalen. Manche denken an die Ruhe in Gott, an den Frieden, den wir finden in den liebevollen Armen von Jesus; andere stellen sich den Himmel lieber in Bewegung vor, mit Engelgesang und einem von Freude erfüllten Leben, das trotz seiner Ewigkeit niemals langweilig wird. Wie gesagt, wir wissen nicht, wie es wirklich aussieht im Himmel; begnügen wir uns daher mit dem schlichten Wort von Jesus:

Wenn sie von den Toten auferstehen werden, … [sind sie] wie die Engel im Himmel.

Wer weiß, vielleicht hat Frau M. ihren vergänglichen Körper längst verlassen und fliegt wirklich bereits als Engel zum Himmel. Mag sein, dass sie vorher auch noch ein paar Runden über uns dreht, um zu schauen, wie wir hier von ihr Abschied nehmen.

Wir müssen sie loslassen, mit großem Schmerz, mit großer Traurigkeit. Aber es ist auch Dankbarkeit dabei, wenn wir von ihr Abschied nehmen: Dankbarkeit dafür, dass dieser Mensch unter uns gelebt hat, dass Frau M. uns geschenkt war. Und wir können auch dankbar dafür sein, dass sie so viel Liebe und Unterstützung erfahren hat und dass Familie und Freunde erst in der Zeit des Hoffens und Bangens und jetzt auch in der großen Trauer fest zusammenhalten und in Liebe füreinander da sind.

Ich beschließe die Ansprache mit dem Psalm 91, in dem auch die Engel Gottes vorkommen. Wir hätten uns gewünscht, dass diese Engel Frau M. vor der Krankheit und dem Tod bewahren; warum sie das nicht getan haben, wissen wir nicht zu beantworten. Aber wir beten zu Gott, dass Frau M. es dort, wo sie jetzt ist, gut hat, vielleicht als Engel unter Engeln.

Und auch für uns selbst bitten wir, dass wir von Gott bewahrt bleiben in Zeiten des Glücks und auch der Trauer, im Leben und im Tod:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht.

9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

11 Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Wir beten mit den Worten des Liedes 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger und doch oft unbegreiflich fremder Gott, begleite uns in unserer Trauer. Sei bei uns in schlaflosen Nächten und verlass uns nicht, wenn unsere Seele sich nicht trösten lassen will. Höre unser Gebet, wenn wir zornig sind oder traurig, wenn wir voller Unruhe sind und voller gemischter Gefühle. Höre unser Gebet, ganz gleich, ob wir rufen oder schreien oder nur still im Herzen zu dir seufzen.

Großer Gott, wir danken dir für das Leben von Frau M. Wir denken an die Liebe, die sie in ihrem Leben bekommen und anderen geschenkt hat, und auch an die Belastungen, die sie zu tragen hatte. Erfülle du ihren Wunsch, als Engel in den Himmel zu fliegen und ihre Lieben wiederzusehen.

Starker Gott, steh allen bei, die um Frau M. trauern. Gib ihnen die Kraft, den Schmerz der Trauer auszuhalten, und lass sie auf dem Weg der Trauer auch wieder neuen Mut zum Leben finden. Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, und lass uns nicht müde werden, einander in Liebe beizustehen. Amen.

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