Österlicher Trost für Verzweifelte

Trauerfeier für eine Frau, die es nicht einfach hatte in ihrem Leben und kurz nach Ostern gestorben ist. Kann die Botschaft von Ostern ein Trost sein im Blick auf ihr Leben und für die, die um sie trauern?

Österlicher Trost: Die Sonne geht auf hinter den Kreuzen von Golgatha

Die Sonne geht auf hinter den Kreuzen von Golgatha (Bild: geralt – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau K., die im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Ein Leben ist zu Ende gegangen, in dem es viel Einsamkeit, Krankheit und Leid gegeben hat. Manchmal ist es schwer, in Worte zu fassen, was wir empfinden. Worte der Bibel, Worte aus alten Gebeten können uns dabei helfen.

So beten wir mit Worten aus Psalm 102 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

1 Gebet eines Unglücklichen, wenn er in Verzweiflung ist und vor dem Herrn seine Sorge ausschüttet.

2 Herr, höre mein Gebet! Mein Schreien dringe zu dir.

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald!

4 Meine Tage sind wie Rauch geschwunden, meine Glieder wie von Feuer verbrannt.

5 Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz, so dass ich vergessen habe, mein Brot zu essen.

6 Vor lauter Stöhnen und Schreien bin ich nur noch Haut und Knochen.

7 Ich bin wie eine Dohle in der Wüste, wie eine Eule in öden Ruinen.

8 Ich liege wach, und ich klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.

12 Meine Tage schwinden dahin wie Schatten, ich verdorre wie Gras.

20 Der Herr schaut herab aus heiliger Höhe, vom Himmel blickt er auf die Erde nieder;

21 er willst auf das Seufzen der Gefangenen hören und alle befreien, die dem Tod geweiht sind.

18 Er wendet sich dem Gebet der Verlassenen zu, ihre Bitten verschmäht er nicht.

Liebe Trauergemeinde!

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Ihr Leben war lange Zeit geprägt von der Sorge und Pflege für ihre Eltern, die früh erkrankten und beide auch früh starben. Dann wurde auch Frau K. so schwer krank, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Ihr wirklich zu helfen vermochte niemand; sie schien einfach zu viel Angst zu haben, um irgendjemanden an sich heranzulassen.

Doch sie blieb ein selbstloser Mensch, der sich immer mehr um andere kümmerte, als an sich selber zu denken. Auch wenn sie selber nur wenig hatte, stand sie finanziell für andere ein. Sie schien sich das Leben unnötig schwer zu machen.

Ihr Vertrauen schenkte sie, soweit sie dazu überhaupt in der Lage war, nur ihrer Familie; auf ihre Weise fühlte sie sich auch verantwortlich für alle ihre Verwandten.

Nun hat ihr schweres Leiden zu ihrem Tod geführt. In der Woche nach Ostern ist sie gestorben, kurz nach dem Fest, an dem wir den christlichen Glauben an die Auferstehung der Toten feiern. Können wir von diesem Glauben her etwas über ihr Leben sagen – können wir Hoffnung schöpfen und Trost gewinnen angesichts ihres Todes?

Im Nachdenken über das, was Sie mir über das Leben der Verstorbenen erzählt haben, fielen mir Strophen aus einem Osterlied ein. Es steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 111. Da ist in der 2. Strophe von einer Ostererfahrung mitten im Leben die Rede:

2. Wenn ich des Nachts oft lieg in Not verschlossen, gleich als wär ich tot, lässt du mir früh die Gnadensonn aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn.

Ostern heißt nicht nur Auferstehen nach dem Tod im Himmel. Ostern heißt auch: Sich hier und jetzt für das Leben öffnen können, Liebe an sich heranlassen, im Vertrauen leben, ein gewisses Maß an Glück genießen können – und manchmal auch Freude mitten im Leid.

Wieviel Erfüllung Frau K. in ihrem Leben erlebt hat, können wir nur schwer sagen, denn sie ließ ja kaum jemanden wirklich dicht an sich heran. Wir können nur ahnen, wie sich Frau K. gefühlt hat, wenn sie sich zurückzog von den Menschen. Doch ich denke, es war sehr wertvoll für sie, eine Familie zu haben, die zu ihr stand und sie so sein ließ, wie sie eben war.

In zwei weiteren Strophen zieht der Dichter unseres Osterliedes, Johann Heermann, eine Parallele zwischen dem Sterben und Auferstehen Jesu Christi und seinem eigenen Leben:

4. Jetzt ist der Tag, da mich die Welt mit Schmach am Kreuz gefangen hält; drauf folgt der Sabbat in dem Grab, darin ich Ruh und Frieden hab.

5. In kurzem wach ich fröhlich auf, mein Ostertag ist schon im Lauf; ich wach auf durch des Herren Stimm, veracht den Tod mit seinem Grimm.

Man kann zuweilen dieses Leben mit seinen Zwängen und Ängsten als eine Gefangenschaft erleben, als ein ständig uns auferlegtes Kreuz. Frau K. scheint es so ergangen zu sein; sie hat in großen Qualen leben müssen. Manchmal tröstet man sich beim Tode eines so gequälten Menschen ja dann auch damit, dass er endlich Ruhe gefunden hat. Der Liederdichter scheut sich nicht davor, diesen Gedanken zu denken und auszusprechen; er singt im Blick auf Jesus und auf sich selbst vom Feiertag „in dem Grab, darin ich Ruh und Frieden hab.“

Aber die Ruhe im Grab ist nicht der letzte Trost, den der christliche Glaube uns verspricht. Da gibt es noch mehr, denn Gott ist stärker als der Tod, auch stärker als unsere Lebenszwänge und Ängste. „In kurzem wach ich fröhlich auf“, das ist auch eine Hoffnung, die wir im Blick auf die Verstorbene haben dürfen: In Gott, im Himmel darf sie, die hier so wenig Freude erlebt hat, fröhlich aufwachen. Sie darf die Stimme eines Herrn hören, der ruhig und liebevoll zu ihr spricht und allen Qualen und bösen Stimmen ein Ende bereitet. „Ich wach auf durch des Herren Stimm“, ja, zum wirklich erfüllten, glücklichen Leben erwachen wir erst, wenn eine liebevolle Stimme Kraft genug besitzt, um den Schall des Lärms von Bedrohung und Angst unhörbar zu machen.

Von einem so verstandenen Ostern her bleibt all das, was Frau K. in ihrem Leben an Liebe erlebt und verschenkt hat, unendlich kostbar, es geht nicht verloren. Ihr Leben bleibt aufbewahrt in der Liebe des Gottes, der in Jesus Christus selbst am Kreuz gestorben ist und den Tod überwunden hat.

Wenn wir uns fragen, wo Gott denn war, als sie in ihrem Leben leiden musste, dann ist eine mögliche Antwort: Er hat mit ihr mitgelitten, er war bei ihr, er ist ein Gott, der unsere Ängste teilt und uns im Leiden nicht verlässt. Eine andere Antwort wäre: Er hat ihr Menschen zur Seite gestellt, die für sie da waren, so gut sie konnten, und mit denen sie sich verbunden fühlte.

Wenn wir fragen, warum Gott denn nichts geändert hat an ihrer Krankheit und ihren Belastungen, finden wir keine wirkliche Antwort. Diese Frage können wir nur an Gott selber richten; die Bibel enthält Beispiele von Gebeten, die das in durchaus heftiger Form tun, zum Beispiel im Buch Hiob 30:

20 Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich.

21 Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand.

Es ist besser, sich so mit verzweifelter Hoffnung an Gott zu wenden, als mit unheilbarer Verzweiflung einsam zu bleiben. Der verzweifelte Beter Hiob erfuhr später, dass Gott ihm antwortete – und ihm sogar Recht gab mit seinen Anklagen an Gott. Gott ist größer als unsere Vorstellungen von ihm. Wir begreifen Gottes Allmacht der Liebe nicht; dennoch umgibt sie uns alle Tage. So schließe ich diese Ansprache mit einem Gebet zu Gott, in dem das Vertrauen zu ihm in wunderschöner Weise ausgesprochen wird, mit Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

In dieser Zuversicht lassen wir heute Frau K. los und vertrauen sie getrost dem Gott an, der schon in ihrem Leben ihr unsichtbarer Begleiter war und der sie in ihrem Tode barmherzig und liebevoll in seine Arme schließt. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Gott, wir danken dir für das Leben von Frau K. Wir denken an das Gute, das sie in ihrem Leben erfahren und anderen erwiesen hat, und auch an die schweren Belastungen, die sie zu tragen hatte. Wir sind dankbar für Liebe, und wir vertrauen dir Wunden an, die nicht verheilt sind, Ängste, Zwänge, Krankheiten, die nicht überwunden werden konnten.

Steh allen bei, die um die Verstorbene trauern, die sich fragen, ob sie ihr noch besser hätten helfen können, die ihr heute und bei der Beisetzung die letzte Ehre erweisen wollen. Gib ihnen die Kraft zu trauern und die Kraft, wieder froh zu werden.

Gib uns den Glauben, der dir neues Leben zutraut, hier in unserem irdischen Leben und dort in der Ewigkeit. Lass uns jeden Tag aus deiner Hand empfangen und der Verantwortung gerecht werden, die du uns mit dem Geschenk deiner Liebe auferlegst. Lass niemanden von uns allein, wenn er Hilfe braucht. Amen.

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