Wozu lebe ich?

Für Christen weitet sich der Horizont. Unser Nächster, der uns braucht, lebt auch außerhalb unserer Lebenskreise, die uns selbstverständlich sind. Deshalb ist es gar nicht so einfach, die Frage zu beantworten, die ich in dieser Predigt stelle: Was ist mir eigentlich wichtig? Wozu lebe ich? Denn diese Frage muss praktisch beantwortet worden, mit unserem Reden und Tun.

Ein Mensch auf einer Planetenkugel, auf der Verschaltungen wie auf einer Platine sichtbar sind und die im Universum schwebt

Worin ruht das Universum, dessen winzig kleiner Teil wir sind? (Grafik: pixabay.com)

Predigt am 1., 4. und 11.1.81 in Staden, Weckesheim, Reichelsheim, Dorn-Assenheim, Beienheim und Heuchelheim
Predigttext: Prediger Salomo 3, 9 (GNB):

Was hat ein Mensch von seiner Mühe und Arbeit?

Liebe Gemeinde!

Das sind nicht die schlechtesten Augenblicke, wenn das Leben uns die Sprache verschlägt und wir dastehen und nicht ein noch aus wissen. Oder wenn wir, durch irgendetwas, vielleicht einen Blick in den Spiegel oder einen plötzlichen Gedanken „Was wäre, wenn…“, veranlasst werden, uns gleichsam von außen zu sehen, uns selbst und unserem Leben wie Unbeteiligte zu begegnen. Ich meine Augenblicke, in denen wir alles in Frage stellen, was unser Leben ausmacht: alles, was wir haben, und alles, was wir sind. „Menschenskind, wozu mache ich das eigentlich alles, wozu diese Plackerei von früh bis spät? Was habe ich eigentlich davon, wenn ich’s schließlich geschafft habe? Irgendwann ist’s aus und vorbei, dann kräht kein Hahn mehr danach, dass ich’s zu etwas gebracht habe, dass ich jemand gewesen bin!“

Das sind nicht die schlechtesten Augenblicke, in denen uns solche Gedanken durch den Kopf gehen. Vielleicht gerade zum Jahresbeginn, wenn das neue Jahr schon angebraucht ist, wenn man merkt, dass die guten Vorsätze für das neue Jahr vielleicht auch nicht viel weiter reichen als die für das vergangene. „Was haben wir von unserer Mühe und Arbeit?“ Auch wenn sie uns niederdrücken, wir brauchen solche Gedanken von Zeit zu Zeit, so notwendig wie Luft, Sonne und Nahrung. Denn wir leben davon, dass wir uns immer wieder vergewissern, welchen Sinn das hat, was wir tun, und was das für uns bedeutet, was wir haben. „Himmel noch mal, was soll das alles? Einer solchen Frage braucht sich keiner zu schämen, darüber braucht auch niemand zu erschrecken, es ist keine gottlose Frage, kein Aufbegehren gegen die Schöpfung Gottes. Es ist eine Frage, die wir stellen müssen, so lange wir leben. Denn Leben heißt unter anderen: fragen und noch einmal fragen…

Wir sind Eltern, wir haben Kinder, und wir fragen, ob der Weg, auf den wir unsere Kinder schicken, der richtige, der rechte Weg ist…

Wir sind Jugendliche, wir fragen, ob wir das so ohne weiteres annehmen können und wollen, was unsere Eltern mit uns im Sinn haben; wir fragen, ob uns das wichtig ist, was den Älteren und den Alten wichtig ist…

Wir sind Kinder und fragen ohnehin schrecklich viel, vor allem aber fragen wir, oft wortlos durch unser Verhalten, manchmal geradeheraus und wörtlich: „Hast du mich lieb?“ Wir fragen, wenn wir etwas angestellt haben: „Ist alles wieder gut?“ Wir fragen und vergewissern uns, ob unser Leben lebenswert ist, ob es liebenswert ist…

Wozu tun wir, was wir tun? Wozu haben wir, was wir haben? Fragen, die einen nicht loslassen, weil es in ihnen ums Ganze geht, nicht nur um irgendetwas in unserem Leben, sondern um unser Leben selbst, um den Sinn. Wer bin ich? Warum bin ich? Warum bin ich nicht – nichts?

Ich weiß nicht, ob Sie dieses Gefühl kennen, das mich bedrängt, wenn ich mich manchmal solchen Fragen stelle. Wenn ich daran denke, was vor der Zeit war oder außerhalb des Universums, ob es sein kann, dass einmal gar nichts da war, oder dass einmal gar nichts mehr sein wird. Mich bedrängt dann oft eine unbeschreibliche Angst, so dass ich diese Gedanken schnell wieder von mir abschütteln möchte. Und ich weiß nicht, wie ich da heraus kommen würde, wenn ich mich nicht im Letzten durch den Glauben gehalten wüsste, wenn ich nicht mich daran klammern würde, dass alles, was ist, ob ich es wahrnehmen kann oder nicht, in Gott seinen Ursprung und Grund hat. Vor dem Abgrund dieser Angst kommt wir zum Bewusstsein, was es bedeutet, dass sich uns Gott bekanntgemacht hat, dass er nicht nur der Motor oder das Uhrwerk der Schöpfung ist, sondern dass er fühlen kann, dass ihm an uns Menschen liegt. In Jesus zeigt er uns, historisch greifbar, wie viel ihm an uns liegt. In Jesus zeigt er uns auch, wie er sich uns vorgestellt hat.

Wozu leben wir? Was hat ein Mensch von seiner Mühe und Arbeit? Von Jesus her können wir zwei Antworten geben: Die eine ist: Wir schaffen uns unseren Lebenssinn nicht selbst. Viele versuchen es, versuchen in ihrer Arbeit und Leistung, in ihren Kindern, in ihrem Einsatz für eine Idee ihrem Leben einen Sinn zu geben. Das alles sind wichtige Dinge für unser Leben, aber wenn wir darin den Sinn unseres Lebens im Letzten suchen, stoßen wir an Grenzen: den Tod, und auch unser Versagen, das was die Bibel Sünde nennt. Den Tod können wir von uns aus nicht überwinden. Und angesichts unserer Schuld können wir auch nicht davon ausgehen, dass wir uns den Sinn unseres Lebens irgendwie verdienen könnten – es sei denn, wir verdrängen unsere Verantwortung für unsere Fehler, unsere Versäumnisse, unser schuldhaftes Versagen. Wir schaffen uns unseren Lebenssinn also nicht selbst. Sondern er ist uns vorgegeben. So einfach ist das. So einfach könnte das für uns sein. Jesus sagt: dir ist deine Schuld vergeben. Du kannst zu Gott gehören im Leben und im Sterben. Im Vertrauen darauf kannst du dein Leben führen. Du darfst dir ruhig auch etwas mehr Verantwortung für deinen Nächsten zumuten. So einfach könnte es für uns sein, ein menschliches, sinnvolles Leben zu führen. Gott hat es allerdings einiges gekostet, dass das für uns so einfach ist. Es hat ihn das Leben seines Sohnes gekostet. Jesus trug die Folgen unserer Sünde ans Kreuz. Er erlitt den Tod, dem wir alle ausgeliefert sind. Und das Entscheidende war: er war nicht verloren; Gott, sein Vater, sagte Ja zu ihm. Seitdem gilt auch für uns, dass Gott Ja zu uns sagt, dass unsere Schuld vergeben wird, dass der Tod nicht den Sinn unseres Lebens durchstreicht, dass wir neu anfangen können, ein verantwortliches, liebevolles Leben zu führen.

Wozu leben wir? Die zweite Antwort ist: Wir sind nicht dazu da, um irgendwelchen Menschen zu Gefallen zu leben. Irgendwelchen Normen und Verhaltensregeln zu folgen, nur weil sie schon immer so waren oder von anderen für sinnvoll gehalten werden. Wir leben nicht zu dem Zweck, irgendwelche Gebote zu erfüllen, sondern Gebote und Regeln können uns helfen, glücklicher zu leben und daran zu denken, dass wir nicht nur unser Glück für uns allein beanspruchen sollten. Was behält die Oberhand? Der Grundsatz: Lebe den anderen zu Gefallen! – dem Ehemann, der Ehefrau, den Kindern, den Verwandten, den Nachbarn, den Lehrern, den Vorgesetzten (auch wenn ich ihre Wünsche und Ansprüche gar nicht immer erfüllen will)? Oder die hilfreiche Lebensregel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Frage immer danach, was dir selbst und den anderen wirklich gut tut, was wirklich notwendig ist, und was man ruhig einmal schleifen lassen kann.

Wie oft wird gesagt: ich würde ja gern mal etwas anderes machen, in einer Gruppe mitarbeiten, eine Kindergruppe mitbetreuen. Aber das getraue ich mich doch nicht, ich könnte mich ja vor den anderen blamieren. Oder das kann ich meinem Mann nicht zumuten, der würde dem nie zustimmen. Oder: ich kann mich doch nicht regelmäßig auf einen bestimmten Termin festlegen, vielleicht werde ich anderweitig beansprucht oder einfach von der Familie verplant.

Es heißt doch: Was einem wirklich wichtig ist, dafür nimmt man sich Zeit. Man sieht es an denen, die irgendwo Verantwortung übernehmen, die es sich nicht nehmen lassen, an bestimmten Veranstaltungen teilzunehmen, wann es irgend geht – und die in der Regel nicht weniger ausgelastet oder belastet sind als die meisten anderen auch. Was einem wichtig ist, dafür nimmt man sich Zeit. Das ist auch ein Grund dafür, sich wirklich von Zeit zu Zeit ernsthaft zu fragen: was ist mir denn eigentlich wichtig? Wozu lebe ich? Was habe ich von meiner Mühe und Arbeit? Was haben andere Menschen davon, was ich tue? Wir sollten uns wirklich ab und zu fragen, warum wir das nicht einfach einmal in die Tat umsetzen, was wir uns schon immer vorgenommen hatten. Haben wir Angst vor Stimmen wie den folgenden: „Seitdem Frau X. diese Sache da angefangen hat, geht’s in ihrem Haushalt aber manchmal drunter und drüber!“ oder „Wie oft ist das nun schon passiert, dass ich nach Hause komme von der Arbeit und meine Frau ist nicht da und kein Essen auf dem Tisch!“ Oder bleiben wir lieber dabei, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, in der Freizeit lieber für uns zu bleiben, statt auch einmal zu überlegen, was wir für andere tun könnten? Für sich etwas zu tun, auszugehen, mit den Kindern zu spielen, im Verein aktiv zu sein, mit Freunden zusammen zu sein, das ist sehr wichtig. Für Christen weitet sich aber der Horizont. Unser Nächster, der uns braucht, lebt auch außerhalb unserer Lebenskreise, die uns selbstverständlich sind. Deshalb ist es gar nicht so einfach, die Frage zu beantworten, die ich in dieser Predigt gestellt habe: Was ist mir eigentlich wichtig? Wozu lebe ich? Denn diese Frage muss praktisch beantwortet worden, mit unserem Reden und Tun. Amen.

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