Verlassen

Verlassen sein, andere verlassen, uns nicht verlassen können auf Gott – dieser Teufelskreis wird durchbrochen, wo wir’s machen wie Jesus. Alles können wir Gott anvertrauen. Auf Gott können wir uns verlassen. Er versteht, was wir fühlen. Er hält es sogar aus, wenn wir wütend auf ihn sind. Verlassen wir uns auf ihn, selbst wenn wir uns von Gott verlassen fühlen.

Ein Kreuz aus fünf Feldern, in der Mitte steht das Wort "verlassen", das mit den anderen Feldern zusammen jeweils einen Satz bildet: 1. Mein Gott, warum hast du mich verlassen, 2. Menschen fühlen sich von der Kirche verlassen, 3. verlassen darum so viele Menschen die Kirche? 4. verlassen will ich mich auf Gott

Abendmahl am Tisch am Gründonnerstag, 20. April 2000, um 19.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen mit anschließendem Grüne-Soße-Essen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Wir feiern heute das Abendmahl, was wir auch sonst in der Kirche tun, aber anders. Wir essen hier auch zu Abend, was wir sonst nicht in der Kirche tun. Es gibt grüne Soße, weil Gründonnerstag ist. Unsere Feier hat ein Thema, es lautet: „Verlassen“. Sie werden sehen, was es damit auf sich hat.

Wir sind hier zusammen im Namen Jesu. Im Namen des Menschen, der sich selber „Menschensohn“ nennt. Ein Mensch wie du und ich und doch anders als wir alle. Ein Mensch nach dem Ebenbild Gottes, erfüllt von der Liebe des Vaters im Himmel. Einer, der gerne isst und trinkt und feiert – mit Freund und Feind, mit Arm und Reich. Einer, der auch uns heute einlädt, mit ihm zu feiern. Selbst am Abend vor seinem Tod.

Wir singen das Lied 225, Strophe 1 und 2:
Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein!

Wie oft hat Jesus mit seinen Jüngern zusammengesessen und zusammen gegessen! Und diese Essen waren nicht exklusiv nur für den Jüngerkreis bestimmt. Er setzte sich zu Tisch mit Zolleintreibern und leichten Mädchen. Mit Synagogenvorstehern und Theologen. Mit einer Hochzeitsgesellschaft und mit der Familie eines vom Tod zurückgeholten Kindes. Er trinkt mit, wo Menschen Durst haben, er isst mit, wo Menschen hungrig sind, er teilt Liebe mit Menschen, die wie er selbst liebebedürftig sind.

Und er sagt allen diesen Menschen, die Vertrauen zu ihm fassen: Ich bin immer bei euch, wenn ihr so zusammen seid, wenn ihr zusammen esst und trinkt in meinem Namen, wenn ihr nicht vergesst, worauf ihr alle miteinander angewiesen seid: tägliches Brot, tägliche Liebe, tägliche Hoffnung.

Hören wir vom Chor den Kanon 563:
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind

Die Jünger sitzen zusammen mit Jesus, wie so oft. Aber heute sagt Jesus so merkwürdige Dinge: Einer von euch wird mich verraten. Einer von euch wird mich verleugnen. Ihr alle werdet mich verlassen.

Die Jünger sind schockiert. Was unterstellt uns Jesus? Wir haben doch für ihn alles verlassen, und er kann sich auf uns verlassen!

Doch wenn es wahr wäre? Wenn wir ihn wirklich verlassen würden? Dann müsste er uns verachten. Dann wären wir seiner Liebe nicht mehr würdig.

Jesus spricht weiter, in dieser Nacht, in der tatsächlich einer der Seinen ihn verrät.

Er nimmt das Brot. Er dankt dem Vater im Himmel für das Brot. Er bricht es in Stücke. Er gibt es uns, seinen Jüngerinnen und Jüngern, indem er spricht: Nehmt dieses Brot. Esst es auf, damit ihr satt werdet. Stärkt euch, damit ihr nicht umfallt. Nehmt in Anspruch, was ich euch gebe, damit auch ihr für mich da sein könnt, wenn ich euch brauche.

Begreift ihr, was ich euch gebe? Nicht nur Brot, wie ihr es jeden Tag esst, sondern mich selbst, meine Liebe. Nehmt und esst, das ist mein Leib. Ich gebe ihn hin für euch alle. Vergesst das nicht!

Dann nimmt Jesus den Becher. Er dankt dem Vater im Himmel für das Getränk des Weinstocks. Auch den Becher gibt er uns, seinen Jüngerinnen und Jüngern, indem er spricht: Nehmt den gesegneten Becher. Trinkt, damit euer Durst gelöscht wird.

Begreift ihr, was ich euch gebe? Nicht nur Saft oder Wein, wie ihr ihn sonst auch trinkt, sondern mich selbst, meine Liebe. Liebe sogar für den, der mich verrät, verleugnet und verlässt. Liebe sogar für den, der mein Blut vergießt.

Nehmt und trinkt aus dem Becher – trinkt Liebe, trinkt Vergebung. Meine Liebe, die vom Vater im Himmel kommt, ist stärker als die Sünde derer, die mein Blut vergießen. Liebe ist stärker als der Tod. Nehmt und trinkt das Wasser des Lebens, den Kelch der Vergebung. Ich gebe ihn hin für euch alle. Vergesst das nicht!

So spricht Jesus uns an. So setzt er sein Mahl für uns ein. Esst! Trinkt! Ihr seid würdig, wenn ihr Gott nichts bieten könnt. Ihr seid würdig, wenn ihr Liebe und Vergebung braucht. Ihr seid würdig, wenn ihr die gleiche Liebe auch dem Menschen neben euch gönnt.

Reicht nun die Körbe herum. Jeder darf nehmen, jeder der braucht, jeder der will. Nehmt und esst. Denn Gott ist freundlich zu uns.

Herumreichen der Körbe

Reicht nun die Becher herum. Jeder darf nehmen, jeder der braucht, jeder der will. Nehmt und trinkt. Denn Gott ist freundlich zu uns.

Herumreichen der Becher

Der Chor singt den Kanon 336 als Danklied:

Danket, danket dem Herrn, denn er ist sehr freundlich

Jesus und die Jünger sind gestärkt. Wie wir jetzt eben haben sie das Abendmahl empfangen. Müssten sie nicht gefeit sein gegen alles Böse, gegen all das, was Jesus vorausgesagt hatte? Einer von euch wird mich verraten. Einer von euch wird mich verleugnen. Ihr alle werdet mich verlassen.

Sie gehen hinaus in die Nacht. Jesus weiß, was ihm bevorsteht. Er muss eine Entscheidung treffen: Fliehen oder Gefesseltwerden, Kampf oder Kreuz, Selbsterhaltung oder Liebe. Er hat Angst. Er braucht die Nähe seiner Freunde. Doch was geschieht? Im Evangelium nach Markus 14 lesen wir:

32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er [Jesus] sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe.

33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen

34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!

35 Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge,

36 und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!

37 Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine Stunde zu wachen?

39 Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte

40 und kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

Wir singen aus Lied 95 die 1. Strophe (wir singen zweimal die Melodie II):

Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht

Die Jünger schlafen, sind müde, erschöpft. Sie lassen Jesus im Stich. Sie wissen ihm nichts zu antworten. Nichts haben sie verstanden. Stark wollen sie sein im Kampf, mit Waffen, im Einsatz für ihren Herrn. Nicht begreifen können sie, dass Jesus einfach ihre Nähe, ihren Trost braucht.

Hier beginnt ein Teufelskreis, der bis heute anhält. Bis heute merken wir oft gar nicht, wo wir Jesus im Stich lassen. Er begegnet uns in den geringsten seiner Brüder und Schwestern – und wir gehen an ihm vorbei, sind kraftlos, müde, kreisen um unsere eigenen Probleme. Bis heute merken wir oft auch nicht, dass Jesus nichts Übermenschliches von uns verlangt. Wir müssen nicht stark sein, wir müssten nur zugeben, dass wir auch Liebe brauchen. Gehören nicht auch wir selbst zu den kleinen Brüdern und Schwestern von Jesus? Wir lassen Jesus im Stich, weil wir selber müde sind. Und indem wir ihn verlassen, bleiben wir auch selbst allein.

Auch als Kirche leben wir in diesem Teufelskreis. Die vielen einsamen, ungetrösteten, verzweifelten Menschen – sie wenden sich kaum an unsere Adresse. Warum?

Viele Menschen halten Gottesdienste für Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit, selber kommt man nicht drin vor. Gemeindekreise wirken oft wie eine geschlossene Gesellschaft. Müsste man nicht mehr über die Bibel wissen, um im Bibelkreis mitzureden? denken einige.

Auch enttäuschende Erfahrungen mit Gottes Bodenpersonal wirken lange nach.

Da spricht zum Beispiel ein Pfarrer bei der Beerdigung nur schlecht über den verstorbenen Vater. Ein anderer predigt Höllenangst statt Sündenvergebung. Und ein weiterer überprüft, ob Taufeltern an Jesus glauben.

Eine Kirche, die die Menschen mit ihren Problemen allein lässt, sie enttäuscht oder gar Druck ausübt, wird mit Recht von den Mitgliedern verlassen. Sie erweckt den Eindruck, dass es gar keinen Gott gibt, oder jedenfalls keinen menschenfreundlichen. Sie bringt die Botschaft von Jesus den Menschen nicht glaubwürdig „rüber“. Sie zeichnet von Gott ein furchtbar verzerrtes Bild, als ob er nur fordert und nicht schenkt.

Wann sind wir eine Kirche, die sich auf Jesus berufen kann? Wenn wir Jesus nicht allein lassen. Wenn wir einander brauchen und füreinander da sind – mit offenem Ohr auch für die, die noch draußen stehen.

Wir singen gemeinsam das Lied 235:
O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten

Von Teufelskreisen habe ich gesprochen. Wir verlassen Jesus und fühlen uns verlassen. Menschen fühlen sich von der Kirche verlassen und verlassen eine Kirche, die ihnen keine Hilfe ist.

Wer rettet uns aus Teufelskreisen? Teufelskreise entstehen, wo das Vertrauen zu Gott zum Teufel gegangen ist. Teufelskreise werden durchbrochen, wo man sich wieder an Gott wendet, selbst wenn man sich von ihm verlassen fühlt. So hat es in der Bibel der verzweifelte Hiob getan. Oder auch König David im Psalm 22:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Nicht nur David, auch Jesus betet so, am Karfreitag, am Kreuz. In der Gründonnerstag-Nacht, im Garten Gethsemane nimmt er den Teufelskreis der Verlassenheit auf sich. Die, für die er da ist, lassen ihn im Stich. Und der Vater im Himmel, zu dem er betet, lässt den Kelch des Leidens nicht an ihm vorübergehen.

Doch Jesus hört nicht auf zu beten. Von Menschen und von Gott verlassen, schreit er zu Gott.

Der Chor singt seine Klage mit dem Lied 381 von Friedemann Gottschick:
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

War Jesus wirklich von Gott verlassen? Er fühlte sich so und sprach es aus (Markus 15, 34). Und ausgerechnet indem er das tat, konnte er auch (Lukas 23, 46) voll Vertrauen den anderen Satz aus Psalm 31, 6 beten:

„In deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Verlassen sein, andere verlassen, uns nicht verlassen können auf Gott – dieser Teufelskreis wird durchbrochen, wo wir es machen wie Jesus. Alles können wir Gott anvertrauen. Auf Gott können wir uns verlassen. Er versteht, was wir fühlen. Er hält es sogar aus, wenn wir wütend auf ihn sind. Verlassen können wir uns auf ihn, selbst wenn wir uns von Gott verlassen fühlen.

Dietrich Bonhoeffer hat darüber ein Gedicht gemacht:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not

Indem wir zu Gott gehen, indem wir Jesus im anderen wahrnehmen mit dem, was er braucht, macht er auch uns satt in dem, was wir brauchen. Darum ist es gut, wenn wir uns einmal im Jahr auch so richtig satt essen hier in der Kirche. Heute, am Gründonnerstag, mit grüner Soße, Fladenbrot, Wasser zum Trinken und reichlich Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Vor dem Essen singen wir noch das Lied 410:
Christus, das Licht der Welt. Welch ein Grund zur Freude!
Grüne-Soße-Essen

Guter Gott, verlass uns nicht, wenn wir uns verlassen fühlen. Hilf, dass wir uns auf dich verlassen, und dass sich andere Menschen auf uns verlassen können.

Wenn das Leben schwer wird, wenn unsere Tage kurz und die Nächte endlos erscheinen, weil Sorgen uns halten, weil Trauer uns umfängt, weil Angst uns hat, dann: Lass uns von uns selbst wegsehen – auf dich. Und öffne unsere Augen, wo wir uns gefangennehmen lassen von Trauer und Angst und Verlassenheit, dass wir loslassen, was uns lähmt. Dass wir lernen, die dunklen Stunden zu empfangen wie einen Gast und wieder gehen zu lassen, wenn es dafür Zeit ist. Dies bitten wir dich, weil du uns begleitest. Weil du uns nicht vor dem Leid, sondern im Leiden bewahrst. Amen.

Vater unser

Zum Schluss unserer Feier singt der Chor den Kanon 483 – vielleicht schaffen wir ihn sogar gemeinsam:

Herr, bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.

Geht nun hin in die Nacht mit Gottes Segen:

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.
Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.
Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott.

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