Die glühende Kohle der Vergebung

Wie mit einer glühenden Kohle fühlt Jesaja seine Lippen angerührt. Seine Sünden sind gesühnt. Das ist eine befreiende Erfahrung, und zugleich tut das auch weh. Denn der Prophet kann sich nun nicht mehr herausreden: Ich bin ja sowieso unrein und böse, ich kann auch nichts daran ändern, also bin ich im Grunde auch nicht verantwortlich für das, was ich tue.

Glühende Kohlen mit Funkenflug

Wie fühlt sich das an, wenn die Lippen mit einer glühenden Kohle berührt werden? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Trinitatis, den 6. Juni 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst, heute am Tag der Heiligen Dreifaltigkeit! Lateinisch heißt dieser Sonntag „Trinitatis“, das ist die Übersetzung des Festes der Dreieinigkeit. Dreifaltig – dreieinig – das klingt nach einem hochkomplizierten theologischen Begriff. Aber gemeint ist eigentlich nichts weiter, als dass unser Gott lebendig ist, dass er sich von uns Menschen auf verschiedene Weise erfahren lässt: als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Mehr davon werde ich Ihnen im Laufe des Gottesdienstes erzählen.

Das Trinitatisfest war immer ein Anlass, diesen unseren Gott einfach einmal kräftig zu loben und zu preisen. Das wollen wir mit Lobliedern heute im Gottesdienst tun, wir beginnen mit dem Lied 436, 1-3+1

Großer Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen stimmen dir ein Loblied an; alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh: Heilig, heilig, heilig! zu.

Heilig, Herr Gott Zebaoth! Heilig, Herr der Himmelsheere, starker Helfer in der Not! Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von deinem Ruhm; alles ist dein Eigentum.

Herr, erbarm, erbarme dich! Über uns, Herr, sei dein Segen! Deine Güte zeige sich, Herr, auf allen unsern Wegen. Auf dich hoffen wir allein, lass uns nicht verloren sein!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 145. Psalms:

1 Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.

2 Ich will dich täglich loben und deinen Namen rühmen immer und ewiglich.

3 Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.

4 Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen.

5 Sie sollen reden von deiner hohen, herrlichen Pracht und deinen Wundern nachsinnen;

6 sie sollen reden von deinen mächtigen Taten und erzählen von deiner Herrlichkeit;

7 sie sollen preisen deine große Güte und deine Gerechtigkeit rühmen.

8 Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9 Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke.

10 Es sollen dir danken, HERR, alle deine Werke und deine Heiligen dich loben

11 und die Ehre deines Königtums rühmen und von deiner Macht reden,

12 dass den Menschen deine gewaltigen Taten kundwerden und die herrliche Pracht deines Königtums.

13 Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für. Der HERR ist getreu in allen seinen Worten und gnädig in allen seinen Werken.

14 Der HERR hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.

15 Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

17 Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen, und gnädig in allen seinen Werken.

18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.

19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

20 Der HERR behütet alle, die ihn lieben, und wird vertilgen alle Gottlosen.

21 Mein Mund soll des HERRN Lob verkündigen, und alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen immer und ewiglich.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, Du bist unser himmlischer Vater, Du bist der Gott über uns.

Du hast uns wie ein Vater ins Leben gerufen, Du hast uns lieb und sorgst für uns, und Du setzt uns auch unsere Grenzen.

Doch Du bist nicht nur der Gott über uns, Du bist auch der Gott mit uns. Du bist in Jesus auch unser Bruder geworden, unser Mitmensch. In ihm hast Du uns vorgelebt, wie Du uns alle liebhast.

Und, Gott, Du bist sogar der Gott in uns. Du rührst uns an und bewegst uns und lässt gute Dinge in uns wachsen, wie z. B. Vertrauen und Liebe. Dann erfahren wir Dich als Heiligen Geist.

Sei uns nahe, der Du größer bist als das Weltall, der Du klein wurdest wie ein Kind, himmlische Kraft, die in uns Schwachen mächtig sein will!

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach 1, 1-10:

1 Alle Weisheit kommt von Gott dem Herrn und ist bei ihm in Ewigkeit.

2 Wer kann sagen, wieviel Sand das Meer, wieviel Tropfen der Regen und wieviel Tage die Welt hat?

3 Wer kann erforschen, wie hoch der Himmel, wie breit die Erde, wie tief das Meer ist? Wer kann Gottes Weisheit ergründen, die doch allem voraufgeht?

4 Denn seine Weisheit ist vor allem geschaffen; sein Verstand und seine Einsicht sind von Ewigkeit her.

5 Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit, und sie verzweigt sich in die ewigen Gebote.

6 Wem sonst wäre die Wurzel der Weisheit aufgedeckt, und wer könnte ihre geheimen Gedanken erkennen? –

7 Einer ist’s, der Allerhöchste, der Schöpfer, allmächtig, ein gewaltiger König und sehr schrecklich,

8 der auf seinem Thron sitzt als Herrscher und Gott.

9 Er hat die Weisheit geschaffen durch seinen heiligen Geist; er hat sie gesehen, gezählt und gemessen

10 und hat sie ausgeschüttet über alle seine Werke und über alle Menschen nach seinem Gefallen und gibt sie denen, die ihn lieben.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Aus dem Liederheft singen wir ein neues Lied von Gottes Güte und Wahrheit – Nr. 234:
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Unser Predigttext steht heute im Prophetenbuch Jesaja 6, 1-13. Wieder einmal ein Text aus dem Alten Testament, aus der Bibel des Volkes Israel.

Eigentlich merkwürdig am Tag der Heiligen Dreieinigkeit. Denn das Volk Israel hatte doch gar noch nicht an den drei-einigen Gott, Vater, Sohn und Geist, geglaubt. Und doch ist der Gott der Juden auch unser Gott, auch unser Vater. Und wir wollen einmal sehen, was wir über unseren Gott lernen können aus diesem alten Text im Prophetenbuch Jesaja.

Erzählt wird da von einer Vision des Jesaja. Er kann genau beschreiben, in welchem Jahr es war, als er ein inneres Erlebnis hatte, das sein ganzes Leben verändern sollte. Mit den Augen der Seele sieht er, was anderen Menschen verborgen blieb. Mit den Ohren des Herzens hört er, was niemand sonst hörte. Und was ist es, was er sieht und hört? Er sieht Gott selbst, er hört Gottes Stimme.

Kaum zu glauben, würden wir sagen. Ist das nicht so ähnlich wie eine Psychose? Er sieht, was nicht da ist, er hört, was andere nicht hören, wie soll man das anders begreifen als eine furchtbare seelische Krankheit?

Ich glaube, dieses Erlebnis selbst, das der Prophet hatte, ist in sich wirklich kaum zu unterscheiden von der Krankheit, die wir heute Psychose nennen. Es wird auch damals Menschen gegeben haben, die gesagt haben: Der Jesaja ist doch verrückt! Er sieht und hört Gott! Daran können wir nicht glauben!

Und doch gibt es einen Unterschied zwischen der Vision und der Psychose. Die Psychose führt dazu, dass der Mensch, der sie erlebt, von der Wirklichkeit abgeschnitten wird. Er ist innerlich zerrissen und bringt sich selbst oder andere Menschen in Gefahr. Wer eine Vision hat, behält die Wirklichkeit durchaus im Blick – er weiß, dass die Vision ein Bild ist, ein Symbol, und er lernt in diesem Bild eine tiefere Schicht der Wirklichkeit kennen. Eine Vision deutet die Wirklichkeit auf eine besondere Weise, während eine Psychose die Wirklichkeit leugnet oder umdeutet.

Was für ein Bild sieht Jesaja denn nun mit seinem inneren Auge?

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.

Jesaja sieht Gott, den Herrn, in einem königlichen, majestätischen Bild. Es ist das Bild, das sich bis heute wohl sehr viele Menschen als Vorstellung bewahrt haben, wenn sie an Gott denken: Der allmächtige Herrscher, der wie ein irdischer König auf seinem Thron sitzt. Und der Thron wird beschrieben als hoch und erhaben; weit über uns Menschen steht dieser Gott, unerreichbar an Größe und Macht und Vollkommenheit. Gott selbst wird jedoch überhaupt nicht beschrieben, nicht einmal seine Kleidung, nur ganz scheu scheint Jesaja hinzublicken, so dass er lediglich ein Fitzelchen seines Gewandes wahrnimmt, nämlich den Saum, und schon dieser kleine Teil der Umhüllung der Gestalt Gottes füllt den ganzen Tempel. Jesaja Bild von Gott vermittelt den Eindruck: Gott ist ungeheuer groß und mächtig.

Wie gesagt, Jesaja getraut sich nicht, Gott selber anzuschauen, das würde er nicht aushalten. Aber er sieht Engelwesen, die um Gott herumschweben:

2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie.

Merkwürdig, dass diese Engel sechs Flügel haben. Und merkwürdig, wozu diese Engel ihre Flügel gebrauchen: Nur zwei benötigen sie zum Fliegen. Mit zwei weiteren bedecken sie ihr Gesicht, als ob auch sie nicht Gott direkt anschauen dürften, so wie man nicht direkt in die helle Sonne schauen darf, sonst könnte man überhaupt nichts mehr sehen.

Und mit den letzten beiden bedecken sie ihre Füße, dass heißt den unteren Teil ihres Körpers. Was soll denn das bedeuten? Sie nähern sich Gott nicht nackt, wie es die Priester und Priesterinnen der Fruchtbarkeitskulte damals zur Zeit der Propheten durchaus taten. Dieser Gott ist kein Naturgott, kein Sonnen- oder Regengott, der durch die Orgien seiner Priesterschaft dazu angeregt werden muss, die Mutter Erde zu befruchten.

Nein, dieser Gott ist viel mächtiger, er steht über Sonne und Erde und allen Sternen, und zugleich wird angedeutet: dieser Gott, so mächtig er ist, wird seine Macht doch nicht missbrauchen. Er wird mit den Menschen so umgehen, wie es ein guter Vater mit seinen Kindern tut: es gibt nicht nur Grenzen, die der Vater den Kindern setzt, sondern es gibt Grenzen, die auch der Vater achten muss, da er sonst nicht Vater bleibt.

Ein guter Vater nutzt seine Kinder nicht aus, er missbraucht sie nicht, und er misshandelt sie nicht. Gottes Kinder haben von Gott selber ihre eigene Würde, die selbst Gott nicht antasten darf und will. So wie der Mensch Gott nicht ohne Schaden anschauen kann, so stellt umgekehrt unser Gott die Menschen nicht total bloß.

Und dann hört Jesaja auch die Stimmen dieser Engelwesen:

3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Dreimal wird das „Heilig“ gesungen. Dieses Wort bezeichnet für uns ein durch und durch gutes Wesen, in fast unwirklicher, unnahbarer Weise gut. In diesem Wort steckt auch das Wort „Heil“ drin, das erinnert uns an Gesundheit, an Heilung von Wunden, an eine heile Welt. Jesaja wird in dem, was er schaut und hört, dessen gewiss: Gott ist wirklich heilig, Gott ist der einzige, der diese Welt wieder heil machen kann, der durch seine Güte den Menschen noch eine Hoffnung geben kann. Und dieser Gott ist von vornherein kein einsamer Gott, Jesaja sieht ihn umgeben von Heerscharen von himmlischen Wesen, das ist die Bedeutung dieses nicht übersetzten Wortes „HERR Zebaoth“ = „HERR der Heerscharen“. Und er ist nicht der Gott nur eines einzigen Volkes, nein, er ist der Gott aller Völker, der Gott der ganzen Welt. Alle Lande sind seiner Ehre voll!

Während nun die Engelwesen singen, geschehen gewaltige Dinge:

4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch.

Es sind mächtige Stimmen, die von der Heiligkeit Gottes singen, sie rufen fast ein Erdbeben hervor. Und der Tempel wird von Rauch erfüllt, so wie sonst ein Tempel vom Rauch der dargebrachten Opfer durchzogen wird. Der Lobpreis der Engel erscheint hier offenbar als das angemessene Opfer, das man Gott darbringen kann: einfach ein gesungenes oder gebetetes „Danke“ an den himmlischen Vater. Vielleicht stellt sich Jesaja die Engel ja als Wesen aus Feuer vor, dann kämen ihre Gesänge als eine Art heiliger Rauch aus ihrem Mund.

Wir singen nun das Heilig-Lied aus dem Gesangbuch, das unserem Predigttext nachempfunden wurde – Nr. 135:

1) Jesaja dem Propheten das geschah, dass er im Geist den Herren sitzen sah auf einem hohen Thron in hellem Glanz, seines Kleides Saum den Chor füllet ganz. Es stunden zween Seraph bei ihm daran, sechs Flügel sah er einen jeden han, mit zween verbargen sie ihr Antlitz klar, mit zween bedeckten sie die Füße gar, und mit den andern zween sie flogen frei, gen ander riefen sie mit großem Gschrei: „Heilig ist Gott der Herre Zebaoth, Heilig ist Gott der Herre Zebaoth, Heilig ist Gott der Herre Zebaoth, sein Ehr die ganze Welt erfüllet hat.“ Von dem Gschrei zittert‘ Schwell und Balken gar, das Haus auch ganz voll Rauchs und Nebel war.

Wie geht es nun, liebe Gemeinde, dem Jesaja mit dem, was er da sieht und hört? Er bekommt zunächst einmal fürchterliche Angst:

5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

Was dem Jesaja sofort in den Sinn kommt, als er diese innere Schau Gottes empfängt, das ist ein schrecklicher Gedanke: Jetzt ist alles aus! Jetzt geht es mit mir zu Ende! Er empfindet seine Lippen als unrein, und er fühlt sich vor Gott wie ein Stück Dreck. Hätte Gott ihn doch in Ruhe gelassen, dann wäre ihm dieser Gedanke nie in den Sinn gekommen: Wie verträgt sich ein so guter Gott, ein so heiliges Wesen mit einem Menschen, der nicht immer gut ist, der alles andere als vollkommen ist, der immer wieder Fehler macht, der oft genug böse Gedanken denkt und manchmal auch in die Tat umsetzt. Ein Mensch mit unreinen Lippen inmitten eines ganzen Volkes von unreinen Lippen – so fühlt sich Jesaja eingesperrt in einem Teufelskreis von Angst und Schmutz und Bitterkeit; kein Ausweg führt aus diesem Kreislauf heraus, wie er ihn wahrnimmt: die Menschen sind voller Enttäuschungen, sie spotten über Gott und über das Gute in der Welt, sie ziehen alles Heilige in den Dreck, und sie trauen sich gar nicht mehr, sich noch nach Güte, nach Liebe, nach dem Heiligen zu sehnen. Aus eigener Kraft können sie nicht gut sein, nicht hoffen, nicht lieben, nicht vertrauen.

Nicht aus eigener Kraft. Aber von Gott selbst geht eine Kraft aus, die überwindet die Angst und die Unreinheit des Jesaja. In dem Bild, das Jesaja sieht, wird nun er selbst einbezogen in das himmlische Geschehen. Gott macht aus ihm einen anderen Menschen:

6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,

7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Das sieht nach einer Radikalkur aus, doch es ist keinesfalls wörtlich gemeint, es ist ein Bild für eine innere Erfahrung: Wie mit einer glühenden Kohle fühlt Jesaja seine Lippen angerührt. Gott macht sie einfach rein. Seine Schuld nimmt Gott weg, was er jemals falsch gemacht hat, hält Gott ihm nicht mehr vor. Seine Sünden sind gesühnt, nichts trennt ihn mehr von Gott.

Das ist eine befreiende Erfahrung, und zugleich tut das auch weh. Denn Jesaja kann sich nun nicht mehr herausreden: Ich bin ja sowieso unrein und böse, ich kann auch nichts daran ändern, also bin ich im Grunde auch nicht verantwortlich für das, was ich getan habe und was ich tue.

Nein, jetzt muss Jesaja erkennen: Wenn ich will, kann ich auch anders. Gott gibt mir eine neue Chance; er hat mich lieb; er will, dass ich anders mit meinem Leben umgehe; aber das ist gar nicht so einfach. Einfacher ist es manchmal, im Teufelskreis der Verbitterung zu verharren, da weiß man wenigstens, woran man ist, da ist alles einfach: Die Welt ist schlecht, und Gott kümmert sich eh nicht um die Menschen. Mit diesem Denken ist es aus, wenn man einmal die glühende Kohle der Vergebung wirklich an den eigenen Lippen gespürt hat, die man immer für unrein und böse hielt. Immer stärker drängt sich die Einsicht auf: Gott gibt auch mir noch Chancen, Gott hat auch mit mir etwas vor! Jesaja spricht von einer solchen Einsicht in folgenden Worten:

8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

In dem Augenblick, in dem Gott Jesaja ruft, ist er nun bereit, sich ihm zur Verfügung zu stellen. Er will sich senden lassen, er will tun, was Gott von ihm erwartet.

An dieser Stelle unterbrechen wir noch einmal die Predigt für ein modernes Loblied – im Liederheft Nr. 233:
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe

Und nun bekommt Jesaja einen sehr eigentümlichen Auftrag:

9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merkt’s nicht!

10 Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihren Herzen und sich nicht bekehren und genesen.

Wie ist das möglich? Jesaja soll reden – ohne Aussicht auf Erfolg? Er soll mit dem Bewusstsein predigen, dass die Leute es sowieso nicht verstehen, dass ihre Augen und Ohren verschlossen sein werden? Er soll sogar der Anlass dafür werden, dass sie sich erst recht für Gott total zumachen, dass sie sich nicht im Herzen anrühren lassen, dass sie nicht zu Gott umkehren und dass sie deshalb auch nicht heil werden an ihrer Seele?

Vielleicht spiegelt dieser Teil der Vision des Jesaja eine Angst wider, die mich an das Gleichnis vom Sämann erinnert, das Jesus Hunderte von Jahren später erzählen wird.

Wie soll man damit umgehen, dass die meisten Menschen nichts von Gott halten? Warum fällt der gute Samen, den man ausstreut, nicht nur auf gutes Land und geht auch und bringt viel Frucht? Warum geht so viel kaputt an guten Bemühungen, warum fällt Samen auch auf dorniges oder felsiges Land, warum wird der Same zertreten auf dem Weg oder erstickt von Dornen?

Aber kann man diese Erfahrung wie Jesaja damals so deuten: Gott selber hat das so gewollt? Gott selber fordert den Propheten dazu auf: Verstocke das Volk? Lass es ein Volk unreiner Lippen bleiben? Lass es versinken in Taubheit und Blindheit?

Oder spiegelt sich in diesen Worten, die Jesaja in seinem Innern von Gott hört, eine Erfahrung wider, die z. B. auch jeder gute Therapeut, jeder Seelenbegleiter kennt: Immer wenn ein Mensch sich eigentlich ändern möchte, wenn er alte Lebensmuster über Bord werfen möchte, dann gibt es auch den Widerstand gegen alles Neue, und gerade gegen das Gute, das ihm vom Therapeuten angeboten wird. Wer immer davon überzeugt war: Ich bin ein böser Mensch!, der wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, wenn man ihm sagt: Du darfst lernen, dich selber liebzuhaben! Wer eine Droge wie z. B. den Alkohol als Mittel zur Flucht vor Problemen zu nutzen gelernt hat, der wird nur unter äußersten Schmerzen und mit viel Hilfestellung die Entscheidung treffen: Ich lebe ohne das Suchtmittel, das mich kaputt macht. Immer wieder droht die Versuchung stärker zu sein: Es ist bequemer, wieder in altes Verhalten zurückzufallen, als den schweren neuen Weg zu gehen, trocken und sauber zu bleiben und dabei den eigenen Gefühlen und Problemen viel schutzloser ausgeliefert zu sein.

In unserer Erzählung von Jesajas Vision wagt es Jesaja, nun Gott direkt anzusprechen. Er will sich nicht damit abfinden, dass sein Volk verloren sein soll.

11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.

12 Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird.

Äußerlich gesehen bezieht sich das auf die damaligen Erfahrungen des Volkes Israel, auf den Krieg, der bevorstand, auf die Verbannung, in die die Einwohner des Landes geführt wurden.

Liest man diese Schilderung jedoch als eine Darstellung innerer Vorgänge im Menschen, dann könnte man so denken: Es muss uns vielleicht manchmal erst sehr dreckig gehen, bis wir wirklich einen neuen Anfang machen. Wie einsam ist jemand geworden, dem die Stadt seines Lebens ohne Einwohner ist, der sein Leben auf eine so verkorkste Weise eingerichtet hat, dass er es immer wieder schafft, dass Menschen sich von ihm abwenden.

Häuser ohne Menschen, wüste Felder, Menschen weit weg, verlassenes Land – ich lese das auch als die Landkarte eines verpfuschten Lebens, dem die Orientierung abhanden gekommen ist. Und so hart es klingt: manchmal gibt es erst jetzt die erste Chance, doch noch umzukehren, doch noch herauszubekommen, warum und auf welche Weise man sich in dieses Elend hineingebracht hat. Vielleicht geht es auch einigen von Ihnen so: Sie sind hierher gekommen, Ihr Leben, wie es bisher war, hat nicht mehr funktioniert, und dieser Zusammenbruch ist Ihnen vielleicht wie das Ende erschienen. Aber möglicherweise ist gerade dieses scheinbare Ende ein neuer Anfang.

Jesaja endet mit einem Ausblick auf eine solche Hoffnung:

13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Mag sein, dass sich jemand so fühlt wie ein gefällter Baum – ja, Jesaja wechselt vom Bild des Krieges zum Bild des Baumes, der abgehauen wird. Mag sein, dass auch Sie sich fühlen, als hätten Sie nur noch ein Zehntel Ihrer Kraft und könnten kaum noch etwas tun. Nur noch ein Stumpf bleibt übrig. Und was soll man tun mit solch einem bisschen übrig gebliebener Kraft?

Man könnte sagen: Der Baum ist abgehauen, er ist wertlos, damit ist alles aus, keine Hoffnung mehr. Man kann sich noch eine Weile mit dem Gedanken quälen: Wäre ich doch wieder so stark wie vorher, könnte ich mich doch wieder zusammenreißen. Aber damit würde man das bisschen Kraft, das man noch übrig hat, nur sinnlos vergeuden.

Jesaja deutet eine andere Möglichkeit an. Er sagt: Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein. Er denkt an einen Baumstumpf, aus dem neue Triebe sprießen, langsam, über Jahre hin. Und er denkt beim Menschen an neue Kräfte, die gerade dann wachsen, wenn man auch seine eigene Schwachheit annehmen kann. Wenn man es annimmt, dass man am Ende ist, dass man im Augenblick Hilfe braucht, dass man machtlos ist gegenüber einer Droge. Wenn man einsieht, dass man im Älterwerden nicht mehr alle Arbeiten wie früher machen kann – und dass man trotzdem ein wertvoller Mensch bleibt.

Wie so ein abgehauener Baum wurde später auch der Gottessohn Jesus von den Menschen scheinbar zerstört. Aber das neue Leben, das mit Jesus in die Welt kam, konnte vom Tod nicht wirklich zunichte gemacht werden. Im Leben Jesu hat der große, allmächtige Gott im Himmel seine Macht gerade darin bewiesen, dass er in einem schwachen, verletzbaren, jedoch gefühlsstarken Menschen mächtig gewesen ist.

Und auch in uns will Gottes Kraft wirken, sein Heiliger Geist will in uns ähnliches Vertrauen wachsen lassen wie in Jesaja. Gerade wenn wir meinen, am Ende zu sein, fängt Gott mit uns ein neues Leben an – so wie aus einem Baumstumpf neue Triebe wachsen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Nach der Predigt singen wir aus dem Gesangbuch das Lied 128, und zwar die Strophen 2, 4, 6 und 8:

2) Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket dienen. Heilig, heilig, heilig! Singen ihm zur Ehre aller Engel hohe Chöre. Herr, vernimm unsre Stimm, da auch wir Geringen unsre Opfer bringen.

4) Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen und im Geist dir Dienst erweisen! Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen und dich gegenwärtig sehen! Lass mich dir für und für trachten zu gefallen, liebster Gott, in allem.

6) Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

8) Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.

Und nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Herr Jesus Christus, du stößt keinen zurück, der zu dir zurückfinden will. Der majestätische Gott auf dem Thron im Himmel, dessen Gesicht niemand schauen konnte, ohne zu vergehen – er trägt dein Gesicht, er ist so barmherzig, wie du auf Erden barmherzig zu den Menschen warst. Mach uns gewiss, dass du uns wirklich veränderst durch deinen Geist, dass Vergebung und Trost, Hoffnung und Vertrauen deine kostbaren Gaben an uns sind. Lass uns diese Gaben in uns aufnehmen, genau so wirklich, wie wir essen vom Brot und trinken vom Saft. Lass die Gaben deines Geistes in uns wachsen und mach uns gewiss: Wir sind deine geliebten Kinder! Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir danken dir für alles, was du uns schenkst! Sende uns nun in den Tag, in die Woche, an den Platz, an den wir gestellt sind. Hilf uns, die Aufgabe zu bewältigen, die du im Augenblick für uns vorgesehen hast: eine kleine oder große Aufgabe, eine leichte oder schwere, unsere Arbeit zu tun oder von all unserer Arbeit auszuruhen, etwas in unserem Leben zu verändern oder zu lernen, das Unerträgliche zu ertragen. Wir beten heute insbesondere auch für die Opfer des Mordanschlags von Solingen und ihre Angehörigen, und wir bitten dich, Gott, für den Frieden zwischen einheimischen und fremden Menschen in unserem Land. Amen.

Alles, was uns heute außerdem bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir aus dem Liederheft das Lied 218:

Wir wünschen, Herr, dass jedes Kind auf der Welt lachen kann

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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