Gott stellt uns auf den weiten Raum der Liebe

In der Trauerfeier für einen weit umher reisenden Mann, in dessen Familie sich Kulturen in tragfähiger Weise miteinander verbanden, gehe ich auf Psalmworte ein, die von der Weite handeln.

Gott stellt uns auf den weiten Raum der Liebe: In einer weiten hügeligen Landschaft führt eine Straße hin zu schön beleuchteten Bergen, im Vordergrund liegt ein Buch mit einer Feld- und Waldlandschaft

Gott will uns in die Weite hinausführen (Bild: Comfreak – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn H., der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist. Heute erinnern wir uns gemeinsam an ihn: wie er war, was sein Leben erfüllt hat, in welcher Weise er Ihnen begegnet ist.

Sie trauern um ihn, können es nicht fassen, dass er nicht mehr da ist. Allein wäre die Trauer nicht zu bewältigen. Darum sind wir gemeinsam hier, lassen uns in der Stunde des Abschieds nicht allein. Auch später ist Beistand bitter nötig, damit wir aushalten, was weh tut, was nicht zu ändern ist.

Auch Beten kann helfen, so wie es der Verstorbene getan hat. Beten ist der Draht zu Gott, der unsere Gedanken kennt, wir müssen sie nicht einmal aussprechen. Heute beten wir mit Worten aus dem Psalm 18, das ist ein Gebet von König David. Wir beten in unserer Trauer zu dem Gott, der mitten im Leben, aber auch in Todesgefahr und sogar im Tod selbst unser Begleiter, Retter und Befreier ist:

2 Herzlich lieb habe ich dich, HERR, meine Stärke!

3 HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz!

5 Es umfingen mich des Todes Bande, und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.

6 Des Totenreichs Bande umfingen mich, und des Todes Stricke überwältigten mich.

7 Als mir angst war, rief ich den HERRN an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme…, und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.

17 Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.

20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.

21 Der HERR tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit, er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände.

22 Denn ich halte die Wege des HERRN und bin nicht gottlos wider meinen Gott.

23 Denn alle seine Rechte hab ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir,

24 sondern ich bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Schuld.

27 Gegen die Reinen bist du rein, und gegen die Verkehrten bist du verkehrt.

28 Denn du hilfst dem elenden Volk, aber stolze Augen erniedrigst du.

29 Ja, du machst hell meine Leuchte, der HERR, mein Gott, macht meine Finsternis licht.

30 Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen.

31 Gottes Wege sind vollkommen, die Worte des HERRN sind durchläutert. Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen.

32 Denn wer ist Gott, wenn nicht der HERR, oder ein Fels, wenn nicht unser Gott?

33 Gott rüstet mich mit Kraft und macht meine Wege ohne Tadel.

37 Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken.

Liebe Trauergemeinde!

Wir haben einen Psalm gebetet, in dem zwei Mal die Weite vorkommt (Psalm 18, 20+37):

[Gott] führte mich hinaus ins Weite.

Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken.

In einem anderen Psalm kommt eine dritte Stelle vor (Psalm 31, 9):

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Gott ist nicht engstirnig, er engt uns nicht ein, er ist ein Gott, der befreit, der unser Herz weit macht, er stellt unsere Füße auf weiten Raum.

Dieser Gedanke soll uns leiten, wenn wir uns an Herrn H. erinnern.

Weit gespannt ist die Herkunft seiner Eltern und seiner Ehefrau; in Ihrer Familie sind sich die Kulturen ganzer Völker begegnet und haben eine gute, tragfähige Verbindung miteinander aufgebaut; Sie haben Wert darauf gelegt, nicht einfach nebeneinander her zu leben, sondern die Schichten der verschiedenen Familien und Kulturen sozusagen verschmelzen zu lassen.

Erinnerungen an die Herkunft des Verstorbenen

In die Weite gingen zeitlebens die Gedanken von Herrn H.; in die vier Wände einer normalen Wohnung hätte er sich niemals einsperren lassen wollen. Ganz Deutschland war sein Zuhause, und wo seine Familie zuletzt sesshaft geworden ist, da konnte er es aushalten, mit dem Blick in die Weite, über die Felder, außerhalb der Stadt mit ihrer engen Bebauung.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Ihm ging die Freiheit über alles: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Um seine Person wollte er nicht viel Aufhebens machen. Er war ein ganz einfacher Mensch. Lieber trug er Latzhose und Arbeitsschuhe als einen feinen Anzug. Obwohl er sich nicht in den Mittelpunkt stellen wollte, stand er im Mittelpunkt. Er war respektiert in der Großfamilie; zu ihm konnte man immer kommen, mit jedem Anliegen, er half gern, bis dahin, dass er sich sogar manchmal ausnutzen ließ.

Erinnerungen an die Krankheit des Verstorbenen

Was ist nun mit den Worten aus der Bibel, die wir gehört haben? „Gott führt mich hinaus ins Weite.“ „Du gibst meinen Schritten weiten Raum.“ „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Können wir noch von Weite sprechen, wenn wir einen Menschen in einen Sarg betten und in ein enges Grab auf dem Friedhof legen müssen?

Dort im Sarg liegt ja nur das, was an dem lebendigen Herrn H. sterblich war; wir Menschen sind von Erde genommen und kehren zurück zur Erde, von der wir genommen sind. Dieser Körper ist nicht einfach nur eine sterbliche Hülle, wir behandeln ihn mit Sorgfalt und bestatten ihn mit Würde; dort, wo er im Grab liegt, haben Sie sozusagen einen Anker der Erinnerung an ihn, dessen Leben im Tode nicht verloren geht.

Sein Leben ist mehr als das, was an ihm sterblich war; dazu gehört seine ganze Lebensgeschichte, alles, was ihn geprägt hat, und die Begegnungen und Beziehungen, in denen er gelebt hat. Wenn wir als Christen an die Auferstehung des Leibes glauben, dann meinen wir damit nicht die Wiederbelebung eines Toten, sondern dass ein Mensch, so einmalig und unverwechselbar er ist, als einer, der geliebt hat und geliebt wurde, bei Gott nicht verloren geht. Gott nimmt ihn am Ende mit Ehren an, Gott bringt, was hier auf Erden unvollkommen blieb, zur Vollendung im Himmel.

Wie schon am Anfang erwähnt, Herr H. war ein Mensch, dem das Beten wichtig war. Er ging wenig in den Gottesdienst mit vielen Menschen, aber er ging in viele Kirchen, allein. Allein mit seinem Gott – niemand außer Gott allein weiß, was er da mit ihm geredet hat.

Bei einem Kabarettprogramm in unserer Kirche, das nicht nur witzig war, sondern auch Tiefgang hatte, wurde die Geschichte vom Adler-Ei erzählt. Das Ei eines Adlers wurde von Hühnern auf einem Hühnerhof ausgebrütet. Die Hühner zogen das Adlerküken wie ein Huhn auf, der Adler lief wie ein Huhn auf dem Hühnerhof hin und her und pickte die Körner auf. Bis irgendwann einer auf den Hof kam und dem Adlerjungen Mut machte, seine Flügel zu gebrauchen: Du bist nicht an die Enge des Hühnerhofes gebunden, du weißt etwas vom Himmel: „Du bist ein Adler, du hast Flügel!“

So ist es mit uns Menschen, wir stehen mit den Füßen auf der Erde, aber unseren Kopf recken wir in den Himmel Gottes, und dieser Gott macht uns Mut, die Flügel unseres Gottvertrauens und der Hoffnung zu gebrauchen und Ängstlichkeit und Engstirnigkeit zu überwinden. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, das kann für uns alle gelten. Der weite Raum, auf den Gott unsere Füße stellt, ist der Raum der Liebe, der uns Menschen über Grenzen hinweg verbindet.

Und am Ende unseres Menschenlebens ist Gott mit seiner Hoffnung für uns Menschen noch lange nicht am Ende. Ich stelle mir vor, wie Herr H. hinübergeht in die andere Welt, und drüben empfängt ihn Jesus und schließt ihn liebevoll in seine Arme. Und dann führt er ihn in die Weite des Himmels. Er stellt seine Füße auf weiten Raum, so großartig, dass wir es uns hier gar nicht richtig ausmalen können.

In dieser Zuversicht lasst uns Herrn H. getrost loslassen, traurig zwar über den Verlust eines geliebten Menschen, aber vor allem dankbar dafür, dass uns dieser Mensch geschenkt war. Amen.

Gott, du bist Anfang und Ende. Du hast dieses Leben gegeben, jetzt kehrt es zurück in deine Hände. Trauer bewegt uns und Dankbarkeit. Du hast das Leben von Herrn H. begleitet und in die Weite eines Lebens mit anderen und für andere geführt.

Tröste uns, wenn wir in der Trauer versinken. Baue uns auf durch die Erinnerungen an den Verstorbenen, die wir dankbar bewahren. Lass uns nicht vergessen, dass wir nicht Hühner sind, die am Erdboden kleben müssen, sondern Adler, die etwas von der Hoffnung und der Weite des Himmels wissen.

Vergib uns, was wir irgendjemandem schuldig geblieben sind. Lass uns bewältigen, was uns belastet, und lass uns im Geist des Verstorbenen Grenzen überwinden, die uns voneinander trennen.

Treuer Gott, deiner Liebe vertrauen wir Herrn H. an, denn du nimmst ihn am Ende mit Ehren an und führst ihn in die Weite des Himmels. Amen.

Hinweise zur Veröffentlichung anonymisierter Texte von Trauerfeiern auf dieser Homepage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.