„Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder“

Gott lässt uns Schmerzen und Angst, Tod und Trauer erfahren. Aber schon im Alten Testament ist Gott auch der, der wieder lebendig macht, der Trauer überwindet und Trost schenkt.

Du tröstest uns wieder: Löwenzahnsamen als Zeichen der Hoffnung auf neues Leben

Löwenzahnsamen als Zeichen der Hoffnung auf neues Leben (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

So sind wir von Jesus, unserem Herrn, selbst eingeladen (Matthäus 11, 28), wenn wir zu dieser gottesdienstlichen Feier zusammenkommen, zum Trauergottesdienst anlässlich des Todes von Herrn Y., der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir müssen einen schweren Weg gehen und tun dies gemeinsam, und wissen, dass wir dabei von Gott, den Vater Jesu Christi, nicht allein gelassen sind.

Zu diesem Gott beten wir mit Worten aus Psalm 71 und 73 (Text von Psalm 73, 1-21.28 nach GNB):

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

1 Ich weiß es: Gott ist gut … zu allen, die ihm mit ganzen Herzen gehorchen.

2 Doch beinahe wäre ich irre geworden [an ihm], ich wäre um ein Haar zu Fall gekommen:

3 Ich war eifersüchtig auf die Menschen, die nicht nach dem Willen Gottes fragen; denn ich sah, wie gut es ihnen geht.

4 Sie kennen keine Krankheit bis zu ihrem Tod, gesund sind sie und wohlgenährt.

5 Sie führen ein sorgenfreies Leben und müssen sich nicht quälen wie andere Leute.

8 Ihre Reden sind voll von Spott und Verleumdung, mit großen Worten schüchtern sie die Leute ein.

11 »Gott merkt ja doch nichts!« sagen sie. »Was weiß der da oben von dem, was hier vorgeht?«

12 So sind sie alle, die Gott verachten; sie häufen Macht und Reichtum und haben immer Glück.

13 [Soll es denn] ganz umsonst [sein], Herr, dass ich mir ein reines Gewissen bewahrte?

14 Ich werde ja trotzdem täglich gepeinigt, ständig bin ich vom Unglück verfolgt.

15 Aber wenn ich so reden wollte wie sie, würde ich alle verraten, die zu dir gehören.

16 Ich mühte mich ab, das alles zu verstehen, aber es schien mir ganz unmöglich.

17 Doch dann kam ich in dein Heiligtum. Da erkannte ich, wie es mit ihnen ausgeht:

18 Du stellst sie auf schlüpfrigen Boden; du verblendest sie, damit sie stürzen.

19 Ganz plötzlich ist es aus mit ihnen, sie alle nehmen ein Ende mit Schrecken.

20 Herr, wenn du aufstehst, verschwinden sie wie die Bilder eines Traumes beim Erwachen.

21 Als ich verbittert war und innerlich zerrissen,

22 da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.

23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

28 Ich … setze mein Vertrauen auf dich, meinen Herrn; dir nahe zu sein, ist mein ganzes Glück. Ich will weitersagen, was du getan hast.

Amen.

Liebe Frau Y., liebe Angehörigen, liebe Trauergemeinde!

Es ist kein plötzlicher Abschied, den wir heute nehmen müssen. Schon seit Monaten hat er sich angekündigt; man musste damit rechnen. Nun kann man diesen Tod sogar als Erlösung ansehen, als des Ende eines schweren Leidens. Aber dennoch ist dieser Abschied schwer. Er, mit dem Sie zusammengelebt, den Sie geliebt haben, ist aus Ihrer Mitte fortgenommen. Er ist nicht mehr da, und es hätte doch noch so viel sein können; das will einfach nicht in unseren Kopf hinein, und unser Herz kann es schon gar nicht fassen.

Dass der Tod uns tiefe Wunden zufügt, darüber wollen wir nicht hinwegreden. Auch das biblische Wort will das nicht. Ganz offen, auch hart und ohne Beschönigung nennt zum Beispiel der Psalmbeter die Dinge beim Namen, von dem wir vorhin eine Reihe von Versen gehört haben. Die Bibel weiß, dass es oft gerade denen schlecht geht, die sich ein reines Gewissen bewahrt haben, und dass die Gottlosen viel glücklicher zu leben scheinen. Der biblische Beter hat die Erfahrung gemacht, von der Sie auch ein Lied singen können, täglich gepeinigt zu sein, viel und große Angst zu empfinden, das geht bis dahin, dass er sagt: Leib und Seele verschmachten mir.

Warum kann die Bibel das alles so klar und deutlich ansprechen? Weil sie zugleich von einer Hoffnung und einem Trost weiß, den wir Menschen uns nicht allein geben können. Trost besteht nicht darin, das Schreckliche wegzuschieben und sich etwas vorzumachen. Sondern Trost beginnt damit, dass einer sein Herz ausschüttet vor Gott, dass er alles vor Gott bringt, was ihn belastet und innerlich zerreißen will. An den Leuten der Bibel sehen wir, dass das keine sanften und ruhigen Gebete sein müssen, sondern dass wir vor Gott auch unseren Schmerz hinausschreien und heftige Anklagen laut werden lassen können. Viele Menschen der Bibel setzen sich mit dem Gedanken auseinander, womit sie das Unglück verdienen, das sie getroffen hat; und immer wieder wird es – gerade auch im Psalmgebet – deutlich ausgesprochen: gerade die Gerechten müssen oft mehr leiden als die Gottlosen, das heißt aber nicht, dass Gott die im Stich lässt, die ihn lieben. Wirklich glücklich sind nach der Bibel nämlich nicht die, die ein äußerlich ansprechendes Schicksal haben, die gesund und reich, schön und einflussreich sind. Glücklich sind vielmehr die, die Gott vertrauen können in Freude und Leid, die geliebt sind von Gott und ihren Nächsten lieben können. Dies ist ein sehr anderes Bild von Glück und Erfüllung im Leben als des gängige und weit verbreitete Bild von einem angenehmen Leben ohne Entbehrung und Schmerzen. Jesus konnte gerade die selig preisen (Matthäus 5, 4),

die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Wenn Sie heute von Ihrem Ehemann, von Ihrem Vater, von Ihrem Verwandten, Freund, Nachbarn und Bekannten Abschied nehmen, dann geht Ihnen sicher einiges durch den Sinn, was Sie mit Herrn Y. verbunden hat, was Sie in der Begegnung mit ihm geprägt hat und was Sie ihm verdanken. Zeiten der Freude und des Glücks wechselten mit schweren Zeiten ab; es gab Mühe und Arbeit ohne Ende, aber auch die Erfahrung guter Nachbarschaft und gegenseitiger Hilfe. Sie wissen selbst viel besser, wen Sie mit Herrn Y. verloren haben, und lassen in der Erinnerung heute vieles an sich vorüberziehen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Was seinen Glauben und was religiöse Dinge anging, so gehörte Herr Y. zu denen, die darüber nicht gern reden; es geht ja vielen so. Als aber zum Beispiel mein Vorgänger Kandidaten für den Kirchenvorstand suchte, da war Herr Y. bereit, diese Verantwortung für die Kirche mitzuübernehmen. Er gehörte dem Kirchenvorstand gerade in einer nicht einfachen Zeit an; die Kirchengemeinde ist für diesen Dienst von Herzen dankbar.

Wenn wir nun in der Erinnerung das Leben von Herrn Y. betrachten, dann werden wir kein Urteil fällen können über einen Menschen, sondern wir werden uns damit auseinandersetzen, was uns mit ihm verbindet, wo wir Grund zum Danken haben oder wo etwas offen geblieben ist, was uns belastet. Dankbarkeit und Bereitschaft zur Vergebung sind die beiden Stichworte, mit denen wir im Glauben der Tatsache begegnen können, dass dieser Abschied ein endgültiger Abschied ist. Liebe und Dankbarkeit bleiben uns nämlich über den Tod hinaus, sie tragen weiter und führen zu neuer Hoffnung. Aber leicht ist dieser Weg nicht, der mitten durch den Schmerz der Trauer hindurchführt.

Zwei Verse aus dem Psalm 71, 20-21, möchte ich Ihnen ans Herz legen und besonders auslegen für die Zeit der Trauer. Diese Verse sind von einem geschrieben worden, der viel durchgemacht hatte und der ein so großes Vertrauen zu Gott besaß, dass er alles aus seiner Hand nehmen konnte: sowohl das Gute, das er dankbar empfing, als auch das Böse, das er erleiden musste. Wir vermögen ja heute oft nicht mehr anders mit Schmerzen und Leiden umzugehen, als dass wie sie mit allen Mitteln wegbekommen wollen. Aber das geht nicht immer, jedenfalls nicht bei seelischen Schmerzen. Auch der Psalmbeter kann nicht seinen tiefsitzenden inneren Schmerz vertreiben, aber er kann ihn aushalten und durch den Schmerz hindurch einen Weg gehen, der auch wieder zu anderen Erfahrungen führen wird. Diese Verse lauten (Psalm 71, 20):

Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

Gott lässt zu, dass wir Angst erfahren, oft sehr begründete Angst. Gott lässt auch zu, dass Menschen krank werden, Unglücksfälle erleiden, sterben. Warum das so ist, warum Gott das so hinnimmt, darauf weiß ich keine letzte Antwort. Aber eins weiß ich, weil ich an Gott glaube: dass Gott uns in unserer Angst nicht allein lässt. Weder im Leben noch im Sterben lässt er uns in Stich. Ein sichtbares Zeichen dafür auf unserer Erde war das Leben seines Sohnes Jesus Christus. In Jesus hat Gott selbst unser Schicksal auf sich genommen und uns gezeigt, wie wir in dieser schönen und doch oft schrecklichen Welt ein menschliches und erfülltes Leben führen können. Jesus konnte Freude und Glück genießen, konnte feiern und dankbar sein, helfen und Hilfe annehmen, aber er konnte auch Feindschaft ertragen ohne Hass, konnte Leid auf sich nehmen, wenn es unvermeidlich war, ertrug in jungen Jahren den fürchterlichsten Tod und die tiefste Gottverlassenheit um der Liebe willen. Er ist für alle gestorben, für seine Freunde, die ihn verlassen hatten, für die Gottlosen und für die Frommen, sogar für seine Feinde, auch für mich und für jeden einzelnen unter Ihnen.

Wenn Gott uns also „viele und große Angst“ erfahren lässt, dann steht er nicht unberührt über dem allen, sondern weiß aus eigener Erfahrung am eigenen geschundenen Leib, was Angst und Schmerzen bedeuten. Und wenn wir wissen, dass Gott bei uns steht in der Angst und in der Trauer, dann können wir an seiner Hand auch mit ihm weiter gehen. Das letzte Wort über Jesus war ja nicht sein Tod am Kreuz; der, der am Kreuz die Sünde der Menschen besiegt hat, ist auferstanden und lebt mit seinem Vater im Himmel, für unsere Augen unsichtbar, aber für unseren Glauben erfahrbar und spürbar. Und so steht schon im Psalm nach dem Satz von der Angst ganz unvermittelt der hoffnungsvolle Satz:

… und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

Wir können dabei an zweierlei denken: einmal daran, dass das Grab, in das wir einen Toten betten, nur seine letzte irdische Ruhestätte ist, aber dass uns eine himmlische Ruhe verheißen ist, die weit über die Totenruhe geht. Gott macht uns wieder lebendig, holt uns – im Bild gesprochen – wieder herauf aus den Tiefen der Erde; er lässt unser Leben nicht verloren gehen, sondern es bleibt in seiner Liebe und in seinem ewigen Leben geborgen und aufgehoben. Zum zweiten gilt dieser Satz aber auch schon hier auf der Erde, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir wie abgestorben sind für das Leben und für die Freude. Dann sind wir tief unten in unserer Verzweiflung und seelischen Not. Aber Gott kann uns auch wieder neu öffnen für das Leben und uns herausholen aus den Tiefen, in die wir hineingeraten sind.

Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

So hört der Abschnitt auf, den ich Ihnen auslegen wollte. Vielleicht können Sie damit nicht viel anfangen. Gott will uns groß machen? Will uns wieder aufrichten, wo uns der Schmerz niedergedrückt hat? Das ist heute vielleicht gar nicht vorstellbar. Dieser Satz ist ein Satz der Hoffnung, der anzeigt, dass Gott mit uns mehr vorhat, als wir oft annehmen. Am gleichen Tage, an dem wir das Ende eines Lebensweges betrauern, sind wir ja auch gefragt, wie wir den Weg weitergehen werden, der noch vor uns liegt. Da können wir uns manchmal wohl nur daran festhalten, dass Gott das Ziel dieses Weges weiß, auch wenn für uns der Weg noch im Dunkeln liegt.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich

– so können wir mit einem anderen Psalm (23, 4) sprechen. Oder mit den Worten einer Liederdichterin (EG 618):

Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist‘s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei‘s spät, sei‘s früh.

Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.

Amen.

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