Wie kann Sterben ein Gewinn sein?

Wenn das Sterben nur Verlust wäre, absolut und endgültig, müsste man für das ganze Leben eine Verlustbilanz aufmachen. Schließlich endet jedes Leben mit dem Tod. Wäre mit dem Tod alles aus, streicht der Tod dann nicht auch alles durch, was vorher war? Empfinden darum vielleicht viele Menschen ihr ganzes Leben als sinnlos, weil sie den Tod als absolutes Ende fürchten?

Die Silhouette einer Frau vor der Sonne an einem Himmel mit hellen Wolken

Ist die Sehnsucht nach dem Himmel eine überholte Vorstellung? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Ewigkeitssonntag, den 26. November 2006, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche mit einem Wort des Paulus aus seinem Brief an die Philipper 1, 21:

„Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

Welche Wahrheit und welcher Trost in diesem Satz für unsere Verstorbenen und auch für uns steckt, darüber können wir im Hören auf die Predigt nachdenken.

Besonders heiße ich diejenigen willkommen, die im vergangenen Kirchenjahr von einem Verstorbenen Abschied nehmen mussten. Wir denken über Tod und Trauer nach und zünden Kerzen an für Menschen, die uns nahe standen.

Wir singen das Lied 521:

1. O Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen ins ewig Vaterland. Mein‘ Geist will ich aufgeben, dazu mein‘ Leib und Leben legen in Gottes gnädig Hand.

2. Mein Zeit ist nun vollendet, der Tod das Leben endet, Sterben ist mein Gewinn; kein Bleiben ist auf Erden; das Ewge muss mir werden, mit Fried und Freud ich fahr dahin.

3. Auf Gott steht mein Vertrauen, sein Antlitz will ich schauen wahrhaft durch Jesus Christ, der für mich ist gestorben, des Vaters Huld erworben und so mein Mittler worden ist.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind Menschen des 21. Jahrhunderts. Das Lied, das wir gesungen haben, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Es ist 450 Jahre alt. Kein Wunder, dass Gedanken dieses Liedes uns modernen Menschen fremd anmuten: Der Tod als Reise ins ewige Vaterland, die man mit Freude und im Frieden antritt.

„Sterben ist mein Gewinn“, dieser Satz ist sogar noch älter; er stammt aus dem 1. Jahrhundert nach Christi Geburt – nämlich von dem Paulus, nach dem unsere Kirche benannt ist. Wie kann das sein? Ist dieser Satz nicht eine Verharmlosung des Todes? Ist Sterben nicht immer Verlust? Äußert sich in der Ansicht des Paulus und in dem Lied von 1555 nicht eine Weltflucht, die wir gar nicht teilen möchten?

Ich lade Sie ein, heute über diese Fragen nachzudenken. Aber nicht nur das. Nicht nur zu denken. Auch sich einzulassen auf etwas, was größer ist als unser Denken, was unser Leben und Sterben umfasst und trägt. Hier im Gotteshaus begegnen wir dem Schöpfer, dem Erlöser, dem Vollender unseres Lebens.

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Das Lied, das wir gesungen haben, so vertrauensvoll es in die Zukunft blickt, es beginnt doch mit einem harten „Muss“: „O Welt, ich muss dich lassen“. Hier geht es nicht um eine Verherrlichung der Todessehnsucht, sondern um die Bewältigung des Sterbenmüssens. Wer sein Leben loswerden will, ist ähnlich blind dafür, dass das Leben ein Geschenk ist, wie der, der sein Leben um jeden Preis festhalten will und, wenn es sein muss, nicht loslassen kann.

Barmherziger Gott, öffne uns die Augen dafür, wie kostbar unser Leben hier auf Erden ist, und schenke uns eine getroste Zuversicht, dass du es in deiner Ewigkeit wunderbar vollenden wirst. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Dass Sterben unser Gewinn ist, können wir nur zu sagen wagen, wenn wir zuerst den anderen Satz des Paulus nachbuchstabieren: „Christus ist mein Leben“. Dieser Satz klingt schwer, fast esoterisch, als ob man sich einem Guru ausliefert, als ob man in einer merkwürdigen und vielleicht krampfhaften Weise fromm sein müsste. Paulus meinte es absolut nicht so; er lernte von Jesus ein Gottvertrauen, das ihn von religiösem Zwang und Krampf befreite. Auch wir dürfen schlicht auf Christus vertrauen und unser Leben in Gottes Hand legen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Christus, du bist unser Leben, nicht erst in der Ewigkeit, sondern jeden Tag auf Erden, der uns geschenkt ist. Denn du bist das Wort der Liebe, mit dem Gott Ja zu uns sagt, stellst uns aufrecht vor Gott hin und forderst uns heraus zu einem Leben in Verantwortung.

Christus, du bist und bleibst unser Leben, auch wenn wir sterben und dir als dem barmherzigen Richter gegenübertreten, der uns am Ende mit Ehren annimmt. Dank sei dir, dem wir vertrauen dürfen im Leben und im Sterben, Jesus Christus, unser Herr! „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Brief des Paulus an die Philipper 1, 21-26:

21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.

23 Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre;

24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen.

25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben,

26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Liebe Gemeinde! Nun wenden wir uns bewusst jedem einzelnen Menschen zu, von dem wir in den vergangenen zwölf Monaten Abschied nehmen mussten. Wenn Christus unser Leben ist und Jesus als das Licht der Welt ewig leuchtet, dann sitzen unsere Toten nicht in einem dunklen Totenreich, dann sind sie auch nicht im Abgrund des Nichts für immer verloren, sondern sie leben im Licht. Um uns diese Zuversicht vor Augen zu stellen, zünden wir eine Kerze für die verstorbenen Menschen an, die uns nahe standen und mit denen wir auch nach ihrem Tod in Liebe verbunden bleiben.

Wir beten für die Verstorbenen, um die wir trauern, und zünden eine Kerze an – für:

Abschied von 25 Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres

Auch für andere Menschen, die nicht hier oder nicht in diesem Jahr bestattet worden sind, können Sie, wenn Sie möchten, jetzt hier vorn eine Kerze anzünden.

Orgelmusik

Wir singen das Lied 516:

1. Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn; ihm will ich mich ergeben, mit Fried fahr ich dahin.

2. Mit Freud fahr ich von dannen zu Christ, dem Bruder mein, auf dass ich zu ihm komme und ewig bei ihm sei.

3. Ich hab nun überwunden Kreuz, Leiden, Angst und Not; durch seine heilgen Wunden bin ich versöhnt mit Gott.

4. Wenn meine Kräfte brechen, mein Atem geht schwer aus und kann kein Wort mehr sprechen: Herr, nimm mein Seufzen auf.

5. Wenn mein Herz und Gedanken zergehen wie ein Licht, das hin und her tut wanken, wenn ihm die Flamm gebricht:

6. alsdann lass sanft und stille, o Herr, mich schlafen ein nach deinem Rat und Willen, wenn kommt mein Stündelein.

7. In dir, Herr, lass mich leben und bleiben allezeit, so wirst du mir einst geben des Himmels Wonn und Freud.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, noch einmal haben wir ein Lied gesungen, in dem der Satz des Paulus aufgegriffen wird: „Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.“

Dieses Lied ist etwas jünger als das erste, nur knapp 400 Jahre alt. Im Jahr 1609, also neun Jahre vor dem 30jährigen Krieg, ist es zum ersten Mal gesungen worden. Es stammt aus der Zeit etwa 100 Jahre nach Martin Luther, als man in der evangelischen Kirche recht zuversichtlich sein Vertrauen auf Jesus Christus setzte. Man konnte den schweren Atem eines Sterbenden und die Zerrissenheit seiner Gedanken sehr einfühlsam nachempfinden und zugleich seinen kindlichen Glauben ausdrücken, dass man im Himmel mit dem Bruder Jesus in Frieden und Freude leben werde. Man wusste, wie bedroht das Leben ist, und war zugleich voller Zuversicht, dass alle Angst, alles Leid und alle Sünde durch den Tod Jesu am Kreuz längst überwunden sind. Man sah sogar realistisch, dass man manchmal nicht einmal mehr beten kann, sondern nur noch seufzen, und vertraute schlicht darauf, dass der barmherzige Gott auch dieses Seufzen als ein Gebet des Herzens hören und erhören würde.

Indem ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst: ganz so weit von unserem Erleben ist das alles auch nicht entfernt. Auch wir modernen Menschen sind immer noch von Krankheit und Leid bedroht, leiden unter den Zerrissenheiten unseres Lebens, haben Schwierigkeiten mit dem Beten. Noch schwerer als den Menschen vergangener Jahrhunderte scheint uns aber das Gottvertrauen zu fallen. Das liegt, glaube ich, nicht daran, dass in unserer Zeit die Menschen mehr leiden müssten als damals. Grausam waren Menschen immer, grausam zu leiden hatten sie auch immer, nur die Formen dieser Grausamkeiten ändern sich. Im Mittelalter fürchtete man die Pest, aber auch einfache Infektionen oder das Kindbettfieber, in unseren Tagen haben uns andere Krankheiten im Griff: vom Herzinfarkt über den Krebs bis hin zu Suchterkrankungen und neuen Infektionen wie HIV. Vielleicht haben die Menschen der Neuzeit den Glauben an Gott zuerst deshalb verloren, weil sie meinten, selber wie Gott sein zu können. OK, wir wissen viel, wir schaffen den Fortschritt, wir kriegen alles Leid in den Griff! Das war ein Irrglaube, das haben wir schon längst gemerkt. Aber besinnen wir uns neu auf Gott? Empfangen wir Glück und Unglück aus seiner Hand? Nein, wir machen ihm Vorwürfe. Wir sind unfähig, eine Welt ohne Krankheit und Leid zu schaffen. Gott soll sie uns zur Verfügung stellen. Aber wer mit einer solchen Anspruchshaltung Gott gegenüber tritt, der übersieht leicht, was Gott uns tatsächlich schenkt. Darauf komme ich noch zurück.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ins Mittelalter oder in die Zeit vor 400 Jahren können wir nicht zurückkehren. Wir sind Kinder der Neuzeit und leben damit, dass die Menschen wirklich viel Gutes mit ihrem Wissen und ihrer Technik, mit medizinischem und sozialem Fortschritt erreicht haben und hoffentlich noch erreichen werden. Wir leben allerdings auch damit, dass die Zusammenhänge der Schöpfung viel komplizierter sind, als wir Menschen zunächst dachten, und dass viele Eingriffe in die Natur auch katastrophale Nebenwirkungen haben. Die Welt in den Griff zu bekommen, kann schon deshalb nicht gelingen, weil unsere Sterblichkeit noch immer 100 Prozent beträgt: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, wir alle müssen einmal sterben.

Außerdem leben wir als Menschen der Neuzeit auch damit, dass es das unmittelbare Vertrauen zu Gott, das alle Welt selbstverständlich teilt, spätestens seit dem 30jährigen Glaubenskrieg nicht mehr gibt. Damals haben sich katholisch und evangelisch Glaubende gegenseitig umgebracht, weil beide dachten, den richtigen Glauben zu haben. Heute befürchten manche den Krieg der Kulturen und Religionen. Klar ist jedenfalls, dass niemand mehr einem anderen seinen Glauben vorschreiben kann. Wer heute auf Gott vertrauen will, der muss eine eigene Entscheidung treffen, die ihm keiner abnehmen kann, nicht der Staat, nicht die Eltern, auch nicht der Gemeindepfarrer. Meine Aufgabe hier auf der Kanzel ist nicht, Ihnen den Glauben vorzuschreiben, sondern zum Glauben zu ermutigen und zum Nachdenken über den Glauben anzuregen. Im Singen und Beten sind außerdem alle, die hier sitzen und stehen dazu eingeladen, sich auf einen Gott einzulassen, der tröstet und aufrichtet, herausfordert und befreit.

Nach diesem langen Anlauf schaue ich mit Ihnen den Paulustext an, den vorhin Herr Klimas in der Lutherübersetzung vorgelesen hat. Ein knapp 2000 Jahre alter Text in einer knapp 500 Jahre alten Übersetzung. Hören wir, was Paulus in Philipper 1 schreibt, noch einmal in der so genannten Übersetzung in gerechter Sprache (1. Auflage 2006 Gütersloher Verlaghaus), die sowohl dem damaligen Sinn als auch unserem heutigen Empfinden gerecht werden möchte:

21 Für mich bedeutet Christus das Leben und Sterben bedeutet Gewinn.

22 Wenn mir aber das Weiterleben auf Erden bestimmt ist, kann ich fruchtbare Arbeit leisten. Was ich aber wählen soll, weiß ich nicht.

23 Beides setzt mir zu: Ich habe Lust, von hier aufzubrechen und ganz bei Christus zu sein, das wäre das Allerbeste.

24 Zugleich aber ist es um euretwillen nötiger, hier auf Erden zu bleiben.

25 Daher bin ich zuversichtlich und weiß, dass ich bleiben und mit euch ausharren werde, um euch im Glauben voranzubringen und mit Freude zu erfüllen,

26 damit ihr, wenn ich wieder zu euch komme, um meinetwillen ein umso lauteres Loblied anstimmen könnt von dem, was Jesus Christus tut.

Die zentrale Frage dieses Textes ist, sie hat uns den ganzen Gottesdienst hindurch begleitet: Wie kann Sterben Gewinn sein?

Um zu verstehen, was Paulus meint, sollten wir erst einmal begreifen, was er nicht meint. Er sagt zwar deutlich, dass er eigentlich die Nase voll hat von diesem Leben hier auf Erden. Aus anderen Stellen seiner Briefe wissen wir, was er alles durchzumachen gehabt hat, er wurde wegen seines Glaubens verprügelt und fast gesteinigt, gefangen genommen und gedemütigt, außerdem litt er unter einer unheilbaren Krankheit, die er seinen „Pfahl im Fleisch“ nannte. Am liebsten wollte er tot sein und zu Jesus in den Himmel kommen. Aber diese Sehnsucht nach dem Himmel lebt Paulus bewusst nicht aus. Er weiß, dass es nur Gott zusteht, über Leben und Tod zu bestimmen. Und er weiß, dass er, so lange ihm dieses Leben auf Erden geschenkt ist, Verantwortung trägt: Gott hat noch etwas mit ihm vor, er hat konkret die Aufgabe, Menschen im Glauben zu stärken und mit Freude zu erfüllen, wie er sagt. Also: Paulus will sich keinesfalls selber umbringen. Seine Sehnsucht nach dem Himmel ist keine Weltflucht.

Vielleicht verstehen wir besser, was Paulus meint, wenn wir uns klarmachen, was denn wäre, wenn sein Satz: „Sterben ist Gewinn“, völlig falsch wäre. Wenn das Sterben nur Verlust wäre, und zwar absolut und endgültig, dann müsste man für das ganze Leben eine Verlustbilanz aufmachen. Schließlich endet jedes Leben mit dem Tod. Wäre mit dem Tod alles aus, wie viele sagen, streicht der Tod dann nicht auch alles durch, was vorher war? Empfinden darum vielleicht auch viele Menschen ihr ganzes Leben als sinnlos, weil sie den Tod als absolutes Ende fürchten?

Dieser Auffassung widerspricht Paulus radikal. Er hat ganz fest zu hoffen gelernt, und zwar von Jesus Christus. Diesen Jesus hatte er ursprünglich als seinen schlimmsten Feind betrachtet. Er fand, es sei eine Gotteslästerung, ihn, ausgerechnet ihn als Sohn Gottes zu verehren, der von den Römern am Kreuz hingerichtet worden war.

»Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«

– so zitierte Paulus in Galater 3, 13 das Bibelwort aus dem 5. Buch Mose – Deuteronomium 21, 23:

Ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott.

Aber Paulus lernte um. Ja, Jesus trug den Fluch Gottes über die Sünde der Welt. Aber er trug diesen Fluch als ein Unschuldiger. Und er trug ihn, damit kein anderer Mensch verflucht und verdammt sein muss. Das ist für Paulus in Kurzform die Frohe Botschaft von Jesus: Christus ist mein Leben, weil niemand mich für immer verurteilen darf. Er, Jesus, der Sohn Gottes, der Weltenrichter, er dürfte das, aber er tut es nicht, er vergibt uns.

Paulus lernte das alles, wie er selbst berichtet, von Jesus selbst. Er hörte die Stimme Jesu wie eine Stimme in seinem Innern und doch ganz real (Apostelgeschichte 9, 4):

Saul, Saul, was verfolgst du mich?

Diese Stimme kam vom Himmel, das wusste Paulus einfach. Jesus ist lebendig, er ist von den Toten auferstanden, er ist mit dem Vater im Himmel eins. Und dort mit ihm in einem wunderbaren Himmel ewig leben zu dürfen, das gehört zu einem Leben dazu, das nicht unter einem Fluch steht, sondern gesegnet ist. Glück und Freude, die niemand zerstören kann, das meint Paulus also mit seinem Wort: „Christus ist mein Leben“. Ewigkeit ist so, dass man da wirklich nie mehr weg will, Ewigkeit ist – frei nach der Gruppe Juli – mehr als „geile Zeit“.

Vergangene Jahrhunderte malten sich das Jenseits in bunten Farben aus. Das liegt uns nicht so. Obwohl, als unsere Konfis sich jetzt vorgestellt haben, wie es wohl hinter der letzten Tür im Leben aussieht, da haben einige das ewige Leben schon sehr bunt gestaltet. Besonders schön fand ich, wie eine Gruppe sich den Himmel als Ort der Geborgenheit vorgestellt hat: wo es kuschelig ist wie in einer Couchecke im Wohnzimmer und man friedlich mit den Menschen zusammen ist, die man mag.

In der Regel liegt es uns modernen Menschen nicht so, uns den Himmel auszumalen. Das ist auch gar nicht nötig. Der Theologe Helmut Gollwitzer meinte einmal: es genügt, wenn für uns im Jenseits gut gesorgt ist. Dann müssen wir uns darum keine Sorgen machen. Wir können uns zuversichtlich auf das Leben im Diesseits konzentrieren, denn dafür sind wir vor Gott verantwortlich.

Auch von dieser Hoffnung redet Paulus, und das nicht zu knapp. Christus ist unser Leben, weil er uns bereits hier und jetzt zeigt, wie Gott ist, was Gott für uns übrig hat, was Gott von uns will. Gott geht lieber selber für die Menschen zugrunde, als auch nur einen Menschen zu vernichten. Gott behandelt uns als Geschöpfe mit unserer eigenen Würde. Er hat uns als Lebewesen mit Freiheit erschaffen. Diese Freiheit und Verantwortung nimmt er uns nicht, selbst wenn wir damit ins Unglück rennen. Allein lässt er uns aber auch nicht, nicht mit dem Leid, für das wir nichts können, und nicht einmal mit dem Elend, an dem wir selbst schuld sind. Gott leidet mit uns mit. Er ist unser Trost in uns. Er redet uns, wenn nötig, ins Gewissen. Er spricht uns Mut zu und schenkt uns Gottvertrauen. Er hilft uns, unser Leben mit Sinn zu erfüllen. So ist Christus unser Leben sowohl im Himmel als auch auf Erden. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied 345:

1. Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not; der kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten, mein Unglück kann er wenden, steht alls in seinen Händen.

2. Ob mich mein Sünd anficht, will ich verzagen nicht; auf Christus will ich bauen und ihm allein vertrauen, ihm tu ich mich ergeben im Tod und auch im Leben.

3. Ob mich der Tod nimmt hin, ist Sterben mein Gewinn, und Christus ist mein Leben; dem tu ich mich ergeben; ich sterb heut oder morgen, mein Seel wird er versorgen.

4. O mein Herr Jesu Christ, der du geduldig bist für mich am Kreuz gestorben: hast mir das Heil erworben, auch uns allen zugleiche das ewig Himmelreiche.

5. Amen zu aller Stund sprech ich aus Herzensgrund; du wollest selbst uns leiten, Herr Christ, zu allen Zeiten, auf dass wir deinen Namen ewiglich preisen. Amen.

Lasst uns nun beten in der Ruhe, in der wir offen werden für Gott und seinen Sohn Jesus Christus durch den Heiligen Geist Gottes selbst. Wer Schwierigkeiten hat, sich auf das Gebet zu Gott zu konzentrieren und dabei ruhig zu bleiben, dem hilft es, die Hände ineinander zu legen oder zu falten.

Gott, Vater, von dir haben wir unser Leben. Kostbares Leben sind wir, von der Erde genommen, durch deinen eigenen Atem beseelt, beschenkt mit Freiheit, mit Begabungen, mit unserem ganz persönlichen Schicksal.

Wir bitten dich, Gott, Vater, um die Einsicht, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Wenn wir Leben loslassen müssen, in der Trauer das Leben von Menschen, die uns nahe stehen, im eigenen Sterben auch einmal das eigene Leben, dann lass uns das im Bewusstsein tun, dir etwas Kostbares zurückzugeben und dankbar sein zu können für erfülltes Leben.

Jesus Christus, du bist unser Leben. Du zeigst uns ein Gesicht von Gott, der sonst unsichtbar bliebe, ein Gesicht, das uns liebevoll anblickt und Liebe von uns erwartet. Du nimmst den Fluch von uns, der auf uns lastet, wenn wir sein wollen wie Gott und dabei unser Leben und unsere Erde zugrunderichten.

Herr Jesus Christus, vergib uns, was wir einander und der Erde schuldig bleiben. Gib uns Orientierung für unser Leben. Mach uns offen für den Himmel, den du längst für uns geöffnet hast.

Gott, Heiliger Geist, verwandle uns von innen her. Bete in uns, wenn wir nur noch seufzen können. Lass in uns das kleine Licht der Hoffnung nicht erlöschen. Sei unser Trost, wenn in uns alles leer ist vor lauter Trauer. Lass uns Worte finden und ein offenes Ohr, das sie hören will, wenn wir mit all dem nicht mehr fertig werden, was uns belastet. Heiliger Geist, sei du selbst in uns die zarte Pflanze des Gottvertrauens und lass sie wachsen. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 533:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand
Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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