Jesu Opfer hebt die Sünde auf

Eine von vielen Deutungen des Todes Jesu.

Nach dem Hebräerbrief ist es unnötig, Sündenböcke mit Schuld zu beladen, weder andere Menschen noch sich selber. Jesus hat genug für uns getan. Selber büßen zu wollen, kann ein Zeichen von falschem Stolz sein, sich nichts schenken lassen zu wollen. Aber so verpasst man die Dinge, für die man wirklich verantwortlich ist.

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 6. April 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst am Karfreitag mit einem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 3, 16:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Ob der Karfreitag, wie in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, als stiller Feiertag ohne Sport- und Tanzveranstaltungen akzeptiert bleibt, das wird neuerdings von verschiedenen Seiten in Frage gestellt. Im Jahr 2012 macht unsere Landeskirche mit einer weithin sichtbaren Aktion darauf aufmerksam, wie wichtig es uns ist, den Charakter dieses Feiertages zu erhalten. Wir Christen besinnen uns heute auf die Frage, was Jesus am Kreuz für die Menschen getan hat. Und auch Nichtchristen tut es gut, Tage der Stille zu respektieren, damit in der Abfolge von Arbeitstagen und Zeit für Vergnügungen nicht der Gedanke an die Menschen zu kurz kommt, die in unserer menschlichen Gesellschaft zu Opfern werden.

Ob an einem stillen Feiertag wie Karfreitag die Glocken nicht einmal zum Gottesdienst rufen dürfen, darüber sind sich nicht einmal die evangelischen Christen einig. Seit letztem Jahr haben wir uns der Gepflogenheit im Dekanat Gießen angeschlossen und lassen am Karfreitag auch unsere Glocken schweigen.

Still ist der Karfreitag, aber nicht trostlos. Darum brennen die Kerzen und stehen auch Blumen auf dem Altar, die in ihrer rasch verwelkenden Schönheit an das Leben, die Liebe und den Tod erinnern.

Wir singen aus dem Lied 85 die Strophen 1, 5 und 6:

1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

5. Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an. Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan; dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost, dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.

6. Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht; von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht; wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 51, den König David angestimmt hat, als der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem er zu Bathseba eingegangen war:

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.

4 Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde;

5 denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.

6 An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf dass du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.

8 Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

10 Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.

11 Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.

12 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

14 Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Ich bete weitere Verse aus dem Psalm 51, die in unserem Gesangbuch ausgelassen wurden:

7 Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.

9 Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde.

15 Ich will die Übertreter deine Wege lehren, dass sich die Sünder zu dir bekehren.

16 Errette mich von Blutschuld, Gott, der du mein Gott und Heiland bist, dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.

Wir rufen zu dir, Gott: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Und weiter dürfen wir vertrauensvoll mit Psalm 51 beten:

17 Herr, tu meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.

18 Denn Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.

19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.

20 Tu wohl an Zion nach deiner Gnade, baue die Mauern zu Jerusalem.

21 Dann werden dir gefallen rechte Opfer, Brandopfer und Ganzopfer; dann wird man Stiere auf deinem Altar opfern.

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“
Eine durchbohrte Hand macht das Siegeszeichen vor einem bewölkten Himmel - darüber ist das Wort "opfer?" zu sehen

Ich danke dem Künstler Ralf Kopp für die Erlaubnis, seine Grafik zu veröffentlichen

Das Wort Opfer mit einem Fragezeichen steht auf den großen Plakaten mit der zum Sieges- oder Friedenszeichen erhobenen durchbohrten Hand.

Gott, unser Vater im Himmel, musstest du deinen Sohn opfern, um uns gnädig sein zu können?

Musste Jesus um deinetwillen so sterben wie die Opfertiere auf den Altären im Tempel zu Jerusalem, die dir das Volk Israel darbrachte?

Was meint wohl der Psalmbeter, wenn er sagt (Psalm 51, 19): „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten“?

Willst du uns ängstigen? Lässt du uns allein in unserer Angst, wie sich Jesus am Kreuz alleingelassen fühlte?

Oder hast du Trost für uns, wenn wir in Ängsten leben und wir uns wie zerschlagen fühlen?

Wir bitten dich um Einsicht und Klarheit, um Trost und Zuversicht im Vertrauen auf Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung am Karfreitag aus dem Evangelium nach Johannes 19, 16-30:

16 Da überantwortete [Pilatus] Jesus [den Hohepriestern], dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber,

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.

24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 2,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 78 die Strophen 1, 7 und 8::

1. Jesu Kreuz, Leiden und Pein, deins Heilands und Herren, betracht, christliche Gemein, ihm zu Lob und Ehren. Merk, was er gelitten hat, bis er ist gestorben, dich von deiner Missetat erlöst, Gnad erworben.

7. Jesus, verurteilt zum Tod, musst sein Kreuz selbst tragen in großer Ohnmacht und Not, ward daran geschlagen; hing mehr denn drei ganze Stund‘ in groß Pein und Schmerzen; bittre Galle schmeckt sein Mund. O Mensch, nimm’s zu Herzen!

8. Jesus rief am Kreuze laut: »Ach, ich bin verlassen! Hab dir doch, mein Gott, vertraut, wollst mich nicht verstoßen. Gnad dem, der mir Hohn beweist jetzt in meim Elende. Ich befehl nun meinen Geist dir in deine Hände.«

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Zur Predigt hören wir Worte aus dem Brief an die Hebräer 9, 15 und 26b:

15 [Jesus] ist … der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

26 Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

Liebe Gemeinde, als Jesus gefangengenommen wurde, verurteilt, hinausgeführt und gekreuzigt, da hatten seine Jünger vielleicht immer noch mit einem wunderbaren Eingreifens Gottes gerechnet. Würde Jesus nicht doch vom Kreuz herabsteigen, seine königliche Macht entfalten, von Gottes Engeln auf Händen getragen? Das erhoffte Wunder geschah nicht, Jesus starb, so elend, wie man an einem Kreuz eben stirbt. Und mit ihm schien die Hoffnung gestorben zu sein.

Als am dritten Tag danach das Unerklärliche beginnt, der Tote als der Lebendige begegnet, da gibt es zuerst keine Erklärung dafür. Nur immer wieder die Botschaft: Ich habe ihn gesehen, wir haben ihn gesehen, er lebt. Aber Hoffnung beginnt zu keimen, Ängste und Zweifel werden überwunden. Mehr und mehr erzählen die Jüngerinnen und Jünger von dem Gekreuzigten, der wieder lebendig ist und wiederkommen wird. Im Rückblick auf den Karfreitag beginnen sie, seinen Tod am Kreuz zu deuten.

Sie erinnern sich, wie Jesus sie gefragt hatte: Wer bin ich in euren Augen? Petrus hatte geantwortet: Du bist Christus, der Messias Gottes. Jesus hatte ihm verboten, das zu früh weiterzusagen, es wäre missverstanden worden, als ob Jesus sich gewaltsam gegen die Römer hätte erheben wollen. Jetzt begreifen sie: Gerade als der Gekreuzigte ist Jesus der Friedenskönig für Israel und alle Völker!

Andere deuten den Tod Jesu mit Bildern vom Weizenkorn und vom Guten Hirten. Das Weizenkorn stirbt, und wenn es stirbt, bringt es viel Frucht. Christus, der Hirte, lässt sein Leben für die Schafe. Und die Evangelisten erzählen Geschichten von Jesu Tod. Zum Beispiel von den Verbrechern, zwischen denen Jesus gekreuzigt wird. Der eine wendet sich von ihm ab, der andere bittet ihn: Vergiss mich nicht. Und er sagt ihm: Ich sage dir, du wirst heute mit mir im Paradies sein.

Warum gibt es so viele verschiedene Versuche, den Tod Jesu zu deuten? Weil menschliches Denken den Tod Jesu nicht vollständig erfassen kann. Er bleibt ein Geheimnis des Glaubens. Dieser Glaube prägt sich bei jedem Christen anders aus.

Was bedeutet für Sie der Tod Jesu? Was bedeutet für Sie der Karfreitag, der für uns evangelische Christen früher als das wichtigste Fest im ganzen Kirchenjahr galt?

Das Kruzifix an der Rückwand der evangelischen Kirche in Reichelsheim/Wetterau

Das Kruzifix an der Rückwand der evangelischen Kirche in Reichelsheim/Wetterau

In meiner ersten Gemeinde Reichelsheim in der Wetterau kannte ich eine Frau, die nicht gern in die dortige Kirche ging, weil sie es nicht ertragen konnte, dass ein riesengroßes Kruzifix hinten an der Wand hing. Der leidende, gefolterte Mensch in Lebensgröße. Der von seinem Vater geopferte Sohn.

Mir selbst war es dagegen immer tröstlich, durch das Kreuz daran erinnert zu werden, dass Gott sich nicht zu schade war, einer von uns zu werden und am eigenen Leib zu spüren, was wir Menschen einander antun. Mir war das tröstlich, weil ich das Bild des Kreuzes von der Auferstehung her sah, von der Hoffnung: Es ist ja Gott selbst, der dort stirbt, es ist ja der Allmächtige selbst, der dort, wo wir Menschen hoffnungslos verloren sind, nicht am Ende ist. Jesus als wahrer Mensch war am Ende. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“, hat er gebetet. Aber er hat sich trotzdem nicht von seinem Vater, von seiner Bestimmung, losgelöst. Er blieb der Sohn des Vaters, der heilige Geist blieb in ihm, bis er ihn in die Hände des Vaters zurücklegte. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Andere Christen machen sich gar nicht viele Gedanken um das Leiden und das Kreuz Jesu, für sie ist wichtiger, was Jesus gesagt und getan hat, dass er Arme und Ausgestoßene in die Gemeinschaft zurückgeholt hat, dass er von der Liebe gepredigt und sie gelebt hat. Das finde ich auch wichtig, und so ist es auch eine legitime Deutung des Todes Jesu, dass er einfach um seines Eintretens für die Ausgestoßenen willen selber zu einem Ausgestoßenen wurde.

Unser Predigttext, so kurz er ist, er besteht nur aus zwei Versen, steuert eine weitere Deutung bei. Satz für Satz gehe ich ihn durch (Hebräer 9, 15):

„[Jesus] ist der Mittler des neuen Bundes.“

Ein Mittler ist Jesus, ein Mittelsmann, einer, der Verbindungen aufbaut. Der alte Bund zwischen Gott und dem Volk Israel bleibt bestehen, eine neue Verbindung mit Gott ermöglicht Jesus für Menschen aller Völker. Die Trennung von Gott, die in der Sünde besteht, in mangelndem Gottvertrauen, die hebt Jesus auf, indem er uns zum Glauben ermutigt.

„[Jesu] Tod [ist] geschehen … zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund.“

Der erste Bund war die Vereinbarung zwischen Gott und dem Volk Israel: Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. Ich will euch leiten und bewahren, und ihr sollt die Gebote halten, die euch zu einem menschenwürdigen Leben helfen. Wir wissen alle, wir oft wir diesem menschenfreundlichen Gesetz Gottes untreu werden. Wir wissen auch, wie sehr uns Selbstvorwürfe quälen können. Und wir gehen eigentlich davon aus: Jede böse Tat muss gesühnt werden, verdient Strafe. Aber wie ist es nun, wenn der einzige, der die Strafe verhängen kann, wenn der oberste Richter selber die Strafe auf sich nimmt und für alle trägt? Das hat Gott in Christus getan. So deutet der Hebräerbrief den Tod Jesu. „Sein Tod ist geschehen zur Erlösung von den Übertretungen.“ Jesus nimmt alle Schuld, die uns belastet, auf sich. Nicht um uns das ständig vorzuhalten: Seht nur, was ich um euretwillen alles leiden muss! Nein, sondern um uns zu vergeben, damit wir unbelastet von Schuld in unserem Leben neu anfangen können.

Weiter im Text:

„Durch seinen Tod [empfangen] die Berufenen das verheißene ewige Erbe…“

Der neue Bund, den Jesus mit den Menschen schließt, ist wie ein Testament, in dem uns etwas vererbt wird. Als Kinder Gottes erben wir ewiges Leben. Wir erben es, wir erarbeiten es nicht, verdienen es nicht, bekommen es nicht als gerechten Lohn ausgezahlt. Wder sind wir lohnabhängige Arbeiter noch Geschäftspartner Gottes, sondern seine Kinder, die von ihm ein Erbe bekommen. Und zwar ein ewiges Erbe, es besteht in der Erfüllung unseres Lebens, die uns niemand nehmen kann. Wir dürfen wissen, wozu wir auf der Welt sind!

Aber enthält der Text nicht eine Einschränkung, wenn nur die Berufenen das ewige Erbe erhalten? Nein, berufen sind nicht besonders glaubens- oder leistungsstarke Menschen, sondern Berufung meint einfach das Gerufensein von Gott. Weil er uns lieb hat, nimmt Gott uns als seine Kinder an. Berufung ist eine Art Adoption, die wir uns bei einer Taufe bewusst machen: getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes bin ich dazu berufen, als Gottes Kind zu leben.

Weiter heißt es im Hebräerbrief 9, 26:

„Nun aber, am Ende der Welt, ist er [Jesus] ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“

Dass mit Jesus das Ende der Welt gekommen sein soll, klingt merkwürdig. Gemeint ist, dass mit Jesus eine Endgültigkeit in die Welt kommt, die ihr für immer einen Stempel aufdrückt: Nach Jesus kann niemand mehr kommen, der das ungültig oder rückgängig machen würde, was Jesus für die Menschen getan hat. Ich bin mir bewusst, dass Menschen anderer Religionen das anders sehen. Juden fragen uns Christen, wieso die Welt auch 2000 Jahre nach Christus nicht friedlicher, nicht erlöster aussieht. Muslime halten uns entgegen, dass Jesus noch einen weiteren, nämlich ihren letztgültigen Propheten Mohammed angekündigt habe. An diesem Punkt bleiben wir bei allem Respekt vor der Überzeugung des anderen im Glauben getrennt; für uns Christen ist Jesus das letzte Wort, das Gott über diese Welt zu sagen hat.

Was ist nun mit dem Opfer, durch das Jesus die Sünde ein für alle Mal aufhebt? Mit dieser Deutung des Todes Jesu erinnert der Hebräerbrief an die uns ziemlich fremde Vorstellung, wie der jüdische Hohepriester jedes Jahr am Großen Versöhnungstag das Sühneopfer darbringt, um das Volk von seinen Sünden zu reinigen.

Ein Stück von seiner Fremdheit verliert diese Vorstellung vielleicht, wenn ich an den Sündenbock erinnere, der am Versöhnungstag symbolisch mit den Sünden des Volkes beladen und in die Wüste gejagt wurde. Sind wir ganz frei davon, Sündenböcke zu brauchen, denen wir gern Schuld zuschieben, wenn wir vor unserer eigenen Verantwortung davonlaufen? Immer wenn wir mit dem Finger auf jemanden zeigen und Vorwürfe austeilen, sind wir in der Gefahr, einen Sündenbock zu suchen. Bürger schimpfen auf „die“ Politiker und Politiker auf „die“ an Politik uninteressierten Bürger. Wo Jugendliche sich irgendwie zu kurz gekommen fühlen, neigen sie dazu, die Schuld für ihren Stress auf „die“ Türken, „die“ Russen oder „die“ Deutschen abzuschieben. Im Hitlerdeutschland wurden „die“ Juden als Hauptsündenbock buchstäblich der Ausrottung und Vernichtung preisgegeben. Zur Zeit des Kalten Krieges machten sich „die“ Kapitalisten und „die“ Kommunisten gegenseitig zu Sündenböcken für alle Übel dieser Welt. Manche machen auch sich selbst zum Sündenbock für alles. Sie laufen ständig mit einem Schuldgefühl herum, obwohl sie gar keine Schuld auf sich geladen haben und niemandem wirklich etwas schuldig sind. Sie wagen es nicht, selbstbewusst aufzutreten, weil sie zu wenig Liebe erfahren haben, weil niemand von Herzen zu ihnen Ja gesagt hat.

Nach dem Hebräerbrief ist es unnötig, Sündenböcke mit Schuld zu beladen, weder andere Menschen noch sich selber. Der Sinn des Karfreitags besteht auch nicht darin, bei der Erinnerung an eigene oder fremde Schuld stehenzubleiben und in Sünden herumzuwühlen. „Jesus ist ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.“ Ein für alle Mal! Dieses Opfer muss nicht jedes Jahr wiederholt werden wie damals im Volk Israel durch den Hohenpriester. Wir müssen nicht ständig neue Sündenböcke für unser Versagen suchen. Wir brauchen auch nicht unser Leben lang unsere eigenen Sünden abzubüßen. Jesus hat schon genug für uns getan. Selber büßen zu wollen, kann auch ein Zeichen von falschem Stolz sein, weil man Angst hat, sich etwas schenken zu lassen. Und gerade so verpasst man das Leben und die Dinge, für die man wirklich verantwortlich ist.

Indem Jesus die Sünde aufhebt, verharmlost er sie nicht etwa, nach dem Motto: „Schwamm drüber, alles halb so schlimm!“ Nein, das gerade nicht. Gerade Jesu Tod am Kreuz zeigt, wie katastrophal sich unsere Verstrickung in Sünde auswirkt. Judas verrät seinen Freund, vielleicht weil er den in seinen Augen zögerlichen Jesus zu einem Befreiungsschlag gegen die Römer provozieren will. Gibt es vielleicht auch in unserem Leben Fehlentscheidungen mit guter Absicht, aber bösen Folgen? Petrus will Jesus plötzlich nicht mehr kennen, als ihn am Lagerfeuer der römischen Soldaten der Mut verlässt. Wie steht es mit unserer Zivilcourage, wenn zum Beispiel in unserer Gegenwart Vorurteile geäußert werden? Die Hohenpriester meinen um des ganzen Volkes willen einen Menschen opfern zu müssen. Der Machtpolitiker Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Welche politischen Machenschaften dulden wir als Wähler und als Zeitgenossen, die nicht hinnehmbar sind? Und der einzelne römische Soldat tut vielleicht nur seine Pflicht, als er Jesus zur Hinrichtungsstätte führt und die Nägel durch seine Hände und Füße treibt. Wo sind wir beteiligt an weltweitem Unrecht, vielleicht nur dadurch, dass wir bestimmte Produkte kaufen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden? Unter bestimmten Zwängen zu stehen und trotzdem persönliche Verantwortung zu tragen, diese Verantwortung aber nicht wahrhaben und tragen zu können oder zu wollen, das ist die Sünde, in die wir alle von Geburt an hineinverstrickt sind. Ihre Ursache ist schlicht ein Mangel an Gottvertrauen.

Jesus hebt die Sünde auf, damit ist gemeint, dass wir ihrer Macht nicht mehr hilflos und aussichtslos ausgeliefert sind. Dafür steht der Tod Jesu am Kreuz, obwohl er doch vordergründig die Ausgeliefertheit Jesu an die Mächte des Todes beweist. Aber dort oben am Kreuz spricht Jesu sein befreiendes Wort: „Vater, vergib ihnen!“ Dort oben stirbt er im Vertrauen zu dem Gott, von dem er sich verlassen fühlt. Dort oben siegt seine Liebe über alle Todesmächte und Verstrickungen in Bosheit und Sünde. Der von Menschen, wie wir es sind, am Kreuz zum Sündenbock gemacht wird, der übernimmt freiwillig diese Rolle, trägt unsere Sünde ein für allemal mit sich davon. Seine Liebe ist stärker als unsere Sünde. Er schenkt uns ein Vertrauen, das stärker ist als unsere Angst. Wir können neu anfangen, unser Leben zu leben, unbelastet und frei und mit Dankbarkeit gegenüber Gott, der uns so sehr lieb hat. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 86 die Strophen 1, 4, 5 und 8:

1. Jesu, meines Lebens Leben, Jesu, meines Todes Tod, der du dich für mich gegeben in die tiefste Seelennot, in das äußerste Verderben, nur dass ich nicht möchte sterben: tausend-, tausendmal sei dir, liebster Jesu, Dank dafür.

4. Man hat dich sehr hart verhöhnet, dich mit großem Schimpf belegt, gar mit Dornen dich gekrönet: was hat dich dazu bewegt? Dass du möchtest mich ergötzen, mir die Ehrenkron aufsetzen. Tausend-, tausendmal sei dir, liebster Jesu, Dank dafür.

5. Du hast wollen sein geschlagen, zu befreien mich von Pein, fälschlich lassen dich anklagen, dass ich könnte sicher sein; dass ich möge Trost erlangen, hast du ohne Trost gehangen. Tausend-, tausendmal sei dir, liebster Jesu, Dank dafür.

8. Nun, ich danke dir von Herzen, Herr, für alle deine Not: für die Wunden, für die Schmerzen, für den herben, bittern Tod; für dein Zittern, für dein Zagen, für dein tausendfaches Plagen, für dein Angst und tiefe Pein will ich ewig dankbar sein.

Lasst uns beten.

Gott, unser guter Vater, du hast uns lieb. Der Karfreitag hat es endgültig gezeigt: du gabst in deinem Sohn Jesus Christus dein Leben hin, damit wir nicht verloren sind.

Wir beten nun für diese von Katastrophen, Krisen und Kriegen gepeinigte Welt. Lass dort, wo Menschen zu Opfern werden, andere Menschen ihnen zur Seite stehen. Hilf uns, dazu beizutragen, dass unmenschliche Strukturen überwunden werden.

Wir beten für Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie kaum vertrauen können. Schenke ihnen die kleine Kraft, die sie brauchen, um ihr Leben Tag für Tag zu meistern. Lass uns den Glauben an dich nicht verlieren oder ihn neu lernen. Hilf uns Vorurteile zu überwinden und offen zu werden für ein getrostes, dankbares Leben. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 164:

Jesu, stärke deine Kinder und mach aus denen Überwinder, die du erkauft mit deinem Blut! Schaffe in uns neues Leben, dass wir uns stets zu dir erheben, wenn uns entfallen will der Mut! Gieß aus auf uns den Geist, dadurch die Liebe fließt in die Herzen: so halten wir getreu an dir im Tod und Leben für und für.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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