Die leibliche Auferstehung der Toten

Bei der Trauerfeier für eine Frau, die in hohem Alter gestorben ist, denke ich darüber nach, was mit der leiblichen Auferstehung der Toten gemeint sein kann.

Die leibliche Auferstehung der Toten: Ein Fresko an einer Basilika in Venedig zeigt, wie man sich die leibliche Auferstehung Jesu vorstellte

Auferstehung ist nur in Bildern des Glaubens darzustellen (Bild: Katrins_S – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau S. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Trauer ist Erinnerung. Wir rufen uns in Gedächtnis, was war, und bewahren in Liebe, was bleibt.

Trauer ist ein Weg. Wir gehen nachher gemeinsam den Weg zum Grab und helfen einander, das Schwere zu bewältigen, heute und in den Tagen, die kommen.

Trauer ist Trost. Wir hören Worte von Gott, dessen Liebe uns umschließt. Getragen sind wir, und niemals allein. Die Tränen, die wir weinen, sollen abgewischt werden.

Wir beten mit Psalm 139, einem alten Lied des Vertrauens aus der Bibel:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Liebe Trauergemeinde, wenn ein Mensch stirbt, dann blicken wir zurück auf sein Leben. Wir tun es nicht mit den Augen Gottes, der den großen Überblick hat und uns besser kennt, als wir uns selber kennen, sondern mit dem Blick von Menschen, die das Leben eines anderen auf gleicher Augenhöhe für einen gewissen Zeitraum geteilt haben. Da gibt es Begegnungen und Erfahrungen, die uns nicht unberührt lassen, da gibt es tiefgreifende Prägungen, ohne die unser Leben nicht so wäre, wie es geworden ist.

Sie nehmen Abschied von Frau S., als Kinder und Enkel- und Urenkelkinder, als Verwandte und Freunde, Nachbarn und Bekannte. Gemeinsam blicken wir zurück auf ihr Leben. Die letzte Bilanz ziehen nicht wir, sondern Gott, zu dem ihr Leben im Tode zurückkehrt, von dem der Psalm 139 sagt, dass er uns alle wunderbar geschaffen hat.

Führen wir uns also den Lauf des Lebens vor Augen, das Frau S. geführt hat. Was ich erzählen werde, kann nur andeuten, was für Sie mit Leben erfüllt war und mag weitaus mehr an Erinnerungen wachrufen, als ich ausdrücklich benennen kann.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Die katholische Kirche begeht heute den Feiertag „Aller Seelen“ und erinnert damit daran, dass wir zwar die sterblichen Überreste eines Menschen in der Erde bestatten, dass das, was uns Menschen unserem Wesen nach ausmacht, nicht in die Erde gelegt wird, nicht endgültig verloren ist. Was wir Seele oder Geist nennen, hat nach biblischem Glauben zwar nicht in sich selber eine unsterbliche Substanz, aber wenn wir Menschen sterben, kehrt der Geist der Liebe, mit dem Gott uns als sein Ebenbild belebt hat, zu ihm zurück. So bleibt in der Ewigkeit Gottes unsere Identität erhalten, unsere Lebensgeschichte, unser einmaliger, unverwechselbarer Charakter.

Das meint die Bibel mit der leiblichen Auferstehung der Toten: Leib, Soma, das ist in der Bibel das Besondere, das einen Menschen im Wechselspiel seiner Beziehungen während aller Tage seines Lebens ausmacht. Keiner unserer Tage, in denen wir von Gottes Liebe gelebt haben, ist bei Gott vergessen, und Gott will lieber der Liebe gedenken, die wir einander geschenkt und voneinander empfangen haben, als dass er uns nachträgt, was wir in unserem Leben versäumt und verschuldet haben.

Wer auf den barmherzigen Gott vertrauen kann, wer Gott in diesem Sinne seine Seele anvertrauen kann, der kann auch „selig sterben“, wie man früher gesagt hat, wenn man ausdrücken wollte, dass ein Mensch in Zufriedenheit leben und im Sterben sein Leben getrost loslassen konnte. Im Psalm 31, 6 betet ein Mensch voll Vertrauen zu Gott:

In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

In diesem Sinne dürfen auch wir Frau S. in ihrem Tode den barmherzigen Händen Gottes anvertrauen.

Wir beten mit dem Lied 163:

Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit sel‘gem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Hinweise zur Veröffentlichung anonymisierter Texte von Trauerfeiern auf dieser Homepage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.