Brot des Lebens in schlechter Verpackung?

Wie haben wir in der Kirche das Lebensbrot Jesus Christus verpackt? In Gottesdienstformen, in denen sich viele nicht mehr zu Hause fühlen. In einer Gestalt der Gemeinde, wo fast alles vom Pfarrer erwartet wird. Ein liebender Gott mutet uns zu, unsere Zweifel, unsere Trägheit, unsere Mutlosigkeit zu überwinden. In jedem von uns steckt mehr, als er ahnt.

Verpackung: zerknülltes Papier in einem Umzugskarton

In welcher Verpackung bieten wir in der Kirche an, was den Lebenshunger stillt? (Bild: congerdesign – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag, 2. August 1981 (7. Sonntag nach Trinitatis), um 8.30 in Dorn Assenheim, 9.30 Weckesheim, 10.30 Reichelsheim
Orgelvorspiel

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst in einer Zeit, in der viele aus dem Urlaub zurückgekehrt sind und jetzt wieder einen neuen Anfang in ihrer Arbeit machen müssen. Besonders begrüße ich die Familien, deren Kinder wir heute im Gottesdienst taufen wollen. Noch ein Hinweis: zwei der heutigen Lieder sind neu, eins davon haben wir im letzten Jahr schon einmal gesungen (Brich mit dem Hungrigen dein Brot), das andere stammt vom Kirchentag in Hamburg und ist leicht mitzusingen, wenn man es zunächst einmal nur auf der Orgel vorgespielt bekommen hat. Ich wünsche Ihnen viel Freude oder Trost und Konzentration zum Nachdenken in diesem Gottesdienst!

Lied EKG 198 (EG 302), 1+5+8:

1. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

5. Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl; und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

8. Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm; der Herr allein ist König, ich eine welke Blum. Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist‘s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens. (Psalm 36, 8-10)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, du kennst unseren Hunger, du kennst unseren Durst. Du weißt, dass wir uns immer wieder fragen, was unserer Welt Sinn gibt, was unserem verletzlichen Leben dauerhafte Zukunft schenkt. In der Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit unserer Gesellschaft werden wir immer leerer. Wir sind wie ausgedörrt. Herr, wir bitten dich um das frische Wasser deines Wortes, um das kräftigende Brot deiner guten Botschaft. Amen.

Schriftlesung – Johannes 6, 5-15:

5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?

6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.

7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.

8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:

9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?

10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.

12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.

13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren.

14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

Lied: Brich mit dem Hungrigen dein Brot
Gottes Friede wachse und werde groß in unserer Mitte. Amen.

Wir hören zur Predigt einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Johannes 6, 30-35 – GNB). Er steht im gleichen Kapitel wie der Text von der Großen Speisung, den wir vorhin gehört haben. Menschen, die von Jesus zu essen bekommen hatten, suchen ihn und stellen ihm Fragen:

„Welches besondere Zeichen deiner Macht lässt du uns sehen, damit wir dir glauben? Was wirst du tun? Unsere Vorfahren aßen Manna in der Wüste, wie es auch in den heiligen Schriften steht: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘“ „Täuscht euch nicht“, entgegnete Jesus, „nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Das Brot, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt, das ist wirklich Gottes Brot.“ Sie sagten: „Gib uns immer von diesem Brot!“ „Ich bin das Brot, das Leben schenkt“, sagte Jesus zu ihnen. „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein. Wer mir vertraut, wird keinen Durst mehr haben.“

Herr, gib uns Ohren, die dein Wort hören, einen Verstand, der es begreift, und einen Willen, uns einzusetzen, wo es nötig ist. Amen.

Liebe Gemeinde!

Kürzlich saßen wir in geselliger Runde zusammen, und da wurde ich zu später Stunde gefragt: „Glaubst du eigentlich selber all das, was du da auf der Kanzel verkündigst?“ Und der Ehemann der Fragestellerin fiel ein: „Weißt du, ich verkaufe etwas, was ich sehen kann in meinem Beruf. Und du auf deiner Kanzel verkaufst etwas, was man nicht sehen kann. Das ist der Unterschied.“

Vielleicht kennen Sie ähnliche Situationen. Was hätten Sie in dieser Lage getan? Man ist ja nicht immer in der gleichen Verfassung.

Manchmal würde man vielleicht lieber solche Fragen und die dahinterstehenden Meinungen höflich übergehen und den Gesprächsgegenstand wechseln.

Manchmal würde man seinen Glauben mit heißem Engagement verteidigen.

Manchmal würde man sich vielleicht an seine eigenen, tief sitzenden Zweifel erinnern und sich fragen: ja, was macht denn nun eigentlich meinen Glauben aus?

Und manchmal könnte man davon erzählen, wie das denn nun war mit dem Auf und Ab des eigenen Glaubens, mit Ängstlichkeiten und Gewissheiten, mit Zweifel und Begeisterung, mit Niedergeschlagenheit und neuem Mut.

Ich möchte hier nicht wiederholen, was ich an jenem Abend erwiderte – wen es interessiert, der kann mich bei Gelegenheit ja mal persönlich danach fragen. Heute, bei unserem Predigttext, fällt mir jedoch auf, dass schon Jesus selbst so ähnlich gefragt wurde: „Welches besondere Zeichen deiner Macht lässt du uns sehen, damit wir dir glauben?“

Jesus überhört die Frage nicht, nimmt Zweifel ernst, lässt sich in einer fast durchweg ablehnenden Umwelt auf ein Gespräch ein. Aber wird seine Antwort die damaligen Zweifler zufriedenstellen? Oder gar die heutigen?

Wir wissen aus Umfragen, wie dünn selbst unter Kirchenmitgliedern diejenigen vertreten sind, die an entscheidenden Punkten christlichen Glaubens festhalten. Selbst Christen, die an Gott glauben, glauben nicht an die Gottessohnschaft Jesu. Jesus ist für sie ein Mensch wie jeder andere, vielleicht ein bisschen „besser“, „tugendhafter“ oder „revolutionärer“ als andere.

Und nun sagt Jesus nach dem Evangelisten Johannes 6, 35:

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein. Wer mir vertraut, wird keinen Durst mehr haben.“

Er sagt also nichts weiter, als dass sich alles in dieser Welt um Jesus dreht. Nichts von einem Beweis. Nichts von einem durchschlagenden Argument, warum denn ausgerechnet Jesus so ein besonderer Mensch sein soll. Die Leute damals waren alle satt geworden, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben, obwohl sie gedacht hatten, sie hätten nicht genug zu essen bei sich. Jetzt suchen sie ein Zeichen, an dem sie Jesu Macht eindeutig erkennen können. Das zeigt übrigens, dass man in der damaligen Zeit an Wundererzählungen wie der Speisung der Fünftausend wohl nicht so viel Anstößiges oder Besonderes fand wie wir heute – sie reicht den Leuten jedenfalls nicht aus, um an Jesus glauben zu können.

Jesus spricht die Leute auf ihren Hunger an, auf ihren Hunger nach Leben, den Hunger auf unverfälschtes, unverletztes, unendliches, erfülltes Leben. Den kann nur Gott stillen, weil uns unter unseren vergänglichen, schwachen, von Leid und Schuld und Tod bedrohten, leicht resignierenden Händen alles zerrinnt, was wir zu besitzen und zu können meinen. Und Jesus selbst nennt sich als das lebendige Zeichen, das Gott in die Welt gesetzt hat, das Zeichen, an dem man für alle Zeiten ablesen kann: der Hunger nach wirklichem Leben kann gestillt werden. Es gibt unzerstörbares Glück – Seligkeit, wie die Lutherbibel sagt, wir werden nachher noch davon ein neues Lied singen. Jesus ist das Brot des Lebens – da geht es um handgreifliche, wirkliche Erfahrungen, die das Leben des Glaubenden verändern und durch viele Glaubende auch die Welt verändern.

Lebenshunger heute: wie versucht man ihn zu stillen? Begnügen wir uns ängstlich mit einer schmalen Ration, der Ration des Üblichen, des Gewohnheitsmäßigen, des Normalen, weil wir Angst haben, weitergehende Wünsche könnten uns nur unzufrieden machen? Sind wir darauf angewiesen, immer mehr und immer härter zu arbeiten, niemals ruhen und rasten zu können, beruflich vorwärts kommen zu müssen, um unsere Anerkennung zu finden? Brauchen wir Drogen, um mit dem Leben fertig zu werden, um Hemmungen zu überwinden oder Problemen zu entfliehen, der Nervosität zu entgehen oder im Stress durchzuhalten? Alkohol, Nikotin, Tabletten – nur um nicht den eigenen Problemen einmal ganz ungeschützt gegenüberzustehen oder weil man meint, keine Zeit zum Nachdenken über sich selbst zu haben – ist uns das alles so fremd? Bleibt uns angesichts von Enttäuschungen, von Verlusten, von Krankheit, von Todesfällen nur der Weg in die Depression, in die Abstumpfung, in ein trauriges Sich-Abfinden?

Und nun dieser Jesus. Er – unser Brot! Kennen wir ihn nicht schon längst? Haben viele von uns ihn nicht schon seit langem satt?

Viele stört die Verpackung dieses Brotes. Wir kennen wohl den Unterschied zwischen frischem, unverpacktem, duftendem, noch warmem Brot – und diesem Brot aus der Plastikfolie aus dem Supermarkt. Wie haben wir in der Kirche das Lebensbrot Jesus Christus verpackt? In Gottesdienstformen, in denen sich viele, vor allem junge Menschen heute nicht mehr zu Hause fühlen. In einer Gestalt der Gemeinde, wo fast alles vom Pfarrer erwartet wird, während die Mehrheit der Gemeinde passiv bleibt oder vielleicht keine Möglichkeiten sieht, in sinnvoller Weise innerhalb der Gemeinde aktiv zu werden.

Mancher stört sich vielleicht an Teilen der Verpackung, die zu seiner eigenen Konfirmandenzeit einmal aktuell waren, oder an manchen schwer verständlichen Aussagen der Bibel. Vielleicht auch – und das mag das Entscheidende sein – sieht mancher genau auf das Verhalten derer, die zur Kirche gehen, und misst sie an den Ansprüchen der Zehn Gebote oder des Gebots der Nächstenliebe – die man ja kennt: kein falsches Zeugnis reden, sich nicht für besser halten als andere, Gutes über andere reden und anderen Gutes tun, anderen helfen statt ihnen zu schaden. Und tut sich da der kleinste Widerspruch auf, findet der Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Kirche – und dessen, was sie verkündigt! – neue Nahrung.

Was wir an anderen Schlimmes entdecken, ist allerdings deren Sache. Wenn es uns mit betrifft, sollten wir lieber hingehen und einen anderen auf Fehler aufmerksam machen, anstatt nun unsererseits giftig über einen Mitmenschen zu denken oder zu reden.

Wie groß die Heuchelei eines anderen auch sein mag, für uns ist das keine Ausrede, um nicht selbst hinter die Verpackung schauen zu müssen. Denn wir können das Lebensbrot „Jesus Christus“ hinter aller versperrenden Verpackung entdecken – wenn wir nur sozusagen mit „in Kauf nehmen“, dass sich dann unser Leben auch verändert.

Jesus ist der erste Auferstandene, der, der den Tod entmachtet hat: er mutet uns aber nun auch zu, dass wir dem Tod innerhalb unserer menschlichen Beziehungen entgegentreten, dem Tod, der uns in einer ungebändigten technischen Entwicklung und ungezügelten Aufrüstung bedroht.

Jesus sagt uns zu, dass jeder einzelne von uns wichtig ist für Gott: er mutet uns aber auch einen anderen Umgang miteinander zu, mit Behinderten, Kranken, Sterbenden, mit Andersdenkenden, mit Aussteigern und mit Feinden.

Nicht ein blindes Schicksal, nicht das Nichts, nicht das Böse, nicht ein unbeirrbar ablaufendes Weltgesetz steht uns in der Welt gegenüber, sondern ein liebender Gott: das sagt uns Jesus und mutet uns zu, unseren Zweifel, unsere Trägheit, unsere Mutlosigkeit, als ob doch alles keinen Sinn hätte, zu überwinden. Leben auf dieser Erde hat Sinn, jeder von uns ist akzeptabel, in jedem von uns steckt mehr, als er ahnt.

Alle sind wir dazu berufen, unser Glück in den einfachen und doch so schwer erscheinenden Aufforderungen des Liedes zu finden: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot. Sprich mit dem Sprachlosen ein Wort. Sing mit dem Traurigen ein Lied. Teil mit dem Einsamen dein Haus. Such mit dem Fertigen – dem, der alles schon weiß, aber vielleicht doch insgeheim unsicher ist – ein Ziel.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 300 (EG 352), 1-3:

1. Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.

2. Der mich bisher hat ernähret und mir manches Glück bescheret, ist und bleibet ewig mein. Der mich wunderbar geführet und noch leitet und regieret, wird forthin mein Helfer sein.

3. Sollt ich mich bemühn um Sachen, die nur Sorg und Unruh machen und ganz unbeständig sind? Nein, ich will nach Gütern ringen, die mir wahre Ruhe bringen, die man in der Welt nicht find‘t.

Taufe
Abkündigungen
Gebet und Vater unser und Segen
Lied EKG 140 (EG 157):

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

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