Wie kommt man in den Himmel?

Trauerfeier für eine alte Frau, die in Wolgadeutschland geboren und aufgewachsen war und nach einem erwachsenen Leben in Sibirien und Kasachstan im hohen Alter nach Deutschland kam und dort starb. Wo kommt sie jetzt hin – wie kommen wir alle in den Himmel?

Wie kommt man in den Himmel? Jesus zeigt mit der rechten Hand nach oben, in der linken hält er die Bibel mit dem Vers: "Ego sum via et veritas et vita" = "Ich bin der Weg und die Wahrheit"

Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben (Bild: 3dman_eu – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau K. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir denken an ihr langes Leben in Wolgadeutschland und Sibirien, in Kasachstan und zuletzt in der Bundesrepublik Deutschland.

Wir denken daran, dass wir Gäste auf Erden sind, wie alt wir auch werden. Von Gott her kommt unser Leben, zu Gott hin kehren wir zurück, wenn wir sterben (Hebräer 13, 14):

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Wir beten mit Worten aus einem alten Lied der Bibel, aus dem Psalm 90 (Vers 10 nach der Lutherbibel 1912):

1 Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.

2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,

6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

10 Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Liebe Trauergemeinde!

Ein mehr als biblisches Alter hat Frau K. erreicht, wenn wir an die Altersangaben im 90. Psalm denken – weit über die Siebzig oder Achtzig hinaus hat sie ihr Leben geführt, und das bis fast zuletzt in guter Gesundheit.

Als sie in Wolgadeutschland geboren wurde, regierte in Russland noch der Zar. Sie hat mehr politische Umstürze und Kriege miterlebt als die meisten anderen Menschen – Weltkriege und Revolution, Bürgerkrieg und Enteignung, Deportation und Umsiedlung. Von ihrer Kindheit weiß man nicht viel; ihre Familie war nicht reich und nicht arm; es gab immer Arbeit. Hat sie eine Stiefmutter gehabt? – hat sie beim Bruder gewohnt? – genau wissen wir es nicht.

Erinnerungen an die Gründung der Familie

Dann begann Hitlers Krieg gegen Stalin, und die sowjetische Führung reagierte mit der Vertreibung der Deutschen aus den westlichen Gebieten Russlands. Frau K. wurde von der Arbeit in der Kolchose geholt, als sie gerade beim Kühemelken war, die Kinder und anderen Familienmitglieder waren von zu Hause weggebracht worden, alle wurden in Eisenbahnwaggons in Richtung Osten gefahren, nach Sibirien. Der Vater musste zur Zwangsarbeit in der Trud-Armee; harte Arbeit wartete auch auf die anderen in der Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte die Familie K. nach Kasachstan um.

Weitere Erinnerungen an das Familienleben in Kasachstan

Schließlich ist Frau K. nach Deutschland übergesiedelt. Seitdem hat sie – mit über 90 Jahren immer noch recht rüstig – bei ihrer Tochter gewohnt. Nach kurzer Krankheit ist sie nun gestorben.

Ein so langes Leben – und doch ist es kurz angesichts der Ewigkeit. 30 Jahre lebte sie an der Wolga, diese Heimat ging unwiederbringlich verloren; über 50 Jahre lang blieb sie in Kasachstan sesshaft, von dort wagte sie es mit über 90 Jahren noch, nach Deutschland auszusiedeln. Wir sind nur Gast auf Erden, für alle Orte, die wir hier bewohnen, gilt, was im Brief an die Hebräer 13, 14 steht:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Was ist das für eine Stadt, die wir suchen? Menschen sehnen sich wohl immer nach etwas, das bleibt, in den Zufälligkeiten und in der Vergänglichkeit des Lebens. Eine bleibende Stadt, das wäre ein Ort, aus dem einen niemand mehr rausschmeißen kann, an dem man für immer gerne wohnt, wo man sich rundherum wohlfühlt.

Die Menschen der Bibel haben sich nach einem solchen Ort gesehnt; zeitweise dachten sie, dieser Ort sei auf der Erde zu finden, da wo der Tempel des Volkes Israel stand, auf dem heiligen Berg Zion in der heiligen Stadt Jerusalem. Aber später wurde ihnen klar, einen Ort, an dem man für immer bleiben kann, den gibt es nur im Himmel.

Aber wie kommt man in den Himmel? Jesus redete oft vom Himmel, und für ihn war klar, dass man sich den Himmel nicht verdienen kann. Nein, der Himmel ist geschenkt, buchstäblich ein Geschenk des Himmels. Zu seinen Jüngern sagte er (Lukas 10, 20):

Freut euch…, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Habt doch Vertrauen, rief Jesus den Menschen zu, Gott hat euch lieb, werft eure Sorgen auf ihn, er sorgt für euch, und am Ende nimmt er euch mit Ehren an. Noch als Jesus am Kreuz starb, tröstete er einen anderen armen Sünder, der neben ihm am Kreuz hing, mit den Worten (Lukas 23, 43):

Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Die Freunde Jesu, seine Jünger, konnten nicht begreifen, dass Jesus sterben musste. Sie wurden mit dem Gedanken an den Tod überhaupt nicht fertig. Auch sie versuchte er zu trösten, indem er zu ihnen die folgenden Worte sagte (Johannes 14, 1-6):

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn‘s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.

4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.

5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Thomas, der Zweifler, fragt Jesus nach dem Weg in den Himmel, und Jesus gibt eine rätselhafte Antwort: Er selbst ist der Weg, er selbst ist die Wahrheit, er selbst ist das Leben.

Das Rätsel löst sich auf, wenn wir Vertrauen zu Jesus fassen und erkennen: Dieser Mensch ist Gott auf Erden.

In ihm finden wir die Wahrheit, dass Gott Liebe ist und dass Liebe stärker ist als alles auf der Welt.

In ihm finden wir Leben, das nicht zerstört werden kann, ewiges Leben.

In ihm liegt der Weg zum Himmel offen zutage, denn er lehrt den Weg des Gottvertrauens – der Himmel ist nicht für besonders Fromme reserviert, sondern er steht allen offen, die mit leeren Händen vor Gott stehen.

So wie Jesus gelebt, geliebt und gelitten hat, so sorgt sich Gott um uns, so wichtig nimmt uns Gott, so sehr liebt uns Gott. Auf keine andere Weise können wir zu Gott kommen als durch das schlichte Vertrauen auf seine Liebe.

In diesem Gottvertrauen legen wir heute den Leib von Frau K. in Gottes Acker. Einem gnädigen Richter vertrauen wir sie an – dem Gott, der das menschliche Gesicht Jesu trägt, der uns mit barmherzigem Blick anschaut, der uns am Ende mit Ehren annimmt. Amen.

Gott, unsere Zuversicht! Du hast versprochen, dass du uns tragen willst, bis wir alt und grau werden. Wir danken dir, dass du diese Verheißung an Frau K. erfüllt hast. Du hast ihr ein langes Leben geschenkt und ihr viel Gutes erwiesen.

Wir denken zurück an Tage der Freude, aber auch an schwere Zeiten. Du hast die Verstorbene geführt durch Freude und Leid bis zu ihrem Tod. Nun bitten wir dich: hilf uns, dass wir sie mit der wir so lange verbunden waren, loslassen können. Wir wissen, wie kostbar die uns geschenkte Zeit ist. Richte unseren Sinn auf das, was bleibt, und lass uns deine liebevolle Nähe spüren. Amen.

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