Der Mensch im Vor-Urteil unserer Sprache

Walther Brünger lernte ich in meiner Klinischen Seelsorgeausbildung (KSA) unter der Leitung von Professor Dietrich Stollberg im Sommersemester 1973 an der Kirchlichen Hochschule Bethel kennen. Er war damals Pfarrer, er war blind, er beeindruckte die Mitglieder des KSA-Kurses mit seiner menschlich zugewandten Art und seinen psychosomatischen Einsichten über die menschliche Sprache.

Am 4. Juli 1973 schenkte Walther Brünger uns mit dem „Mut zum Torso“ zum Abschied als „ein Zeichen bleibender Verbundenheit“ eine „Sammlung von Redensarten, die Körpergeschehen und geistig-seelisches Geschehen bezeichnen“ unter dem Titel: „Der Mensch im Vor-Urteil unserer Sprache“.

Als ich mich im Jahr 2008 in einem Gespräch mit einem blinden Gemeindemitglied an Herrn Brünger erinnerte, kramte ich seine Aufzeichnungen aus einem Ordner hervor. Ich finde sie so anregend zum Nachdenken, dass ich sie hier veröffentlichen möchte. Leider habe ich ihn aus den Augen verloren und ich kenne niemanden, der weiß, was aus ihm geworden ist und ob er überhaupt noch lebt.

Falls Sie, lieber Herr Brünger, oder jemand, der ihn kennt, dies lesen, bitte ich um Nachsicht, diesen Text hier ungefragt veröffentlicht zu haben. Ich bitte nachträglich um die Erlaubnis, es zu tun. Und über ein Lebenszeichen würde ich mich auch freuen…

Er selber schrieb dazu: „Einfälle sind aneinandergereiht. Alles ist unzulänglich, ein Torso. Eine kritische Durchsicht hat nicht stattgefunden.“

Helmut Schütz

In zwei Händen, in denen Worte wie "feel, hold, sense, attend, receive" stehen, wird das große Wort "BE" gehalten, das viele Emojis enthält

Was bedeutet es , zu leben, zu sein, mit allen Sinnen? (Grafik: pixabay.com)

Inhalt

  1. Ganzheit des Menschen
  2. Sprache und „Vor-Urteil“
  3. Körper-Seele-Beziehung
  4. Einfälle
  5. Das vegetative Nervensystem
  6. Der Nadelstich
  7. Die Atmung
  8. Durchblutung
  9. Hautreaktionen
  10. Haare
  11. Mensch und Tier
  12. Der Außenschlag
  13. Der Innenschlag
  14. Rhythmisierung des Lebens
  15. Bewegung
  16. Haltung
  17. Hand und Fuß
  18. Körperteile und Organe
  19. Aggression
  20. Realität des Psychischen

1. Ganzheit des Menschen

Wir sind dabei, die Ganzheit menschlicher Existenz wieder ernst zu nehmen. Die alte, auf Plato zurückgehende Zweiteilung in Leib und Seele und die biblisch begründete Dreiteilung in Leib, Seele und Geist haben uns jahrhundertelang gehindert, die Ganzheit des Menschen zu sehen und beim Nachdenken über den Menschen und seine Existenz neu zu realisieren. Die Medizin sieht sich mit einem psycho-somatischen Konzept der Ganzheitsschau des Menschen konfrontiert. Wird sie sich dafür gewinnen lassen? Die Theologie ist gefragt, ob sie mit der Leiblichkeit des Menschen wirklich ernst machen will. In ihrem Ansatz ist die Grundtendenz auf Verleiblichung hin voll enthalten.

2. Sprache und „Vor-Urteil“

In und neben dem geistigen Kampf um eine angemessene Sicht des Menschen und seiner Existenz läuft ein Vorverständnis mit, das unsere Sprache zum Ausdruck bringt. Ein teilweise uraltes „Vor-Urteil“ über den Menschen spricht sich darin aus. Aber auch Einfluss der Technik, eine Mechanisierung des Menschenverständnisses, schlägt sich darin nieder. Die vorliegende kleine Arbeit versucht, dieses mit der Sprache uns vermittelte „Vor-Urteil“ über den Menschen ein wenig zu erhellen. Vielleicht kann sie dem in der Seelsorge Tätigen die Aufmerksamkeit für solche sprachlichen Wendungen schärfen. Vielleicht gelingt es auch, das von der Sprache her gegebene Vorverständnis in die Deutungen menschlicher Situationen einzubringen und somit für eine Therapie nutzbar zu machen.

3. Körper-Seele-Beziehung

Die Arbeit wird zeigen, dass kaum ein Körperteil des Menschen in diesem Aspekt der Sprache ausgelassen wird. Die Haare, der Kopf als Ganzes, das Gesicht in Besonderen, die Stirn, die Augenbrauen, das Auge, die Nase, – wie Ohren, Mund, Zunge, Gaumen, Kehle, Hals und Nacken, Ellenbogen, Hand, Finger und Fingernägel, Brust und Rücken, Herz, Magen, Leber, Galle und Nieren, Leib, Schenkel, Knie, Beine und Füße – alles lässt sich in sprachlichen Wendungen belegen, die etwas vom ganzen Menschen aussagen. Die Sprache benennt nicht nur alle diese Teile und Organe des Körpers, sondern sie ordnet sie ein in ganzheitliche Zusammenhänge. Und zwar sind diese innermenschlich, so dass körperliche Erscheinungen in einen psychischen Zusammenhang eingegliedert erscheinen und umgekehrt Psychisches in seinen körperlichen Auswirkungen erkennbar wird. Aber darüber hinaus wird die Einordnung in den Raum und in die Zeit, in die Gemeinschaft mit den andern Lebewesen, der Pflanzenwelt und der Natur überhaupt an sprachlichen Wendungen ablesbar. Der Mensch erkennt, dass er in bestimmten Situationen nicht am Menschlichen, sondern am Tier und an der Pflanze das Modell seiner Reaktionen abgeschaut hat. Ich hoffe, dass es mir gelingt, diese Vielfalt menschlicher Beziehungssysteme aus der Sprache aufzuzeigen.

4. Einfälle

Es ist von mir keinerlei Literatur benutzt. Ich stelle lediglich zusammen, was mir bei Tag und Nacht einfiel und was ich während des CPT-Kurses in Bethel im Sommer-Semester 1973 sammelte.

5. Das vegetative Nervensystem

Die Ganzheit von Seele und Leib wird vom vegetativen Nervensystem vermittelt. Sein aktivierender Anteil ist der Sympathicus, sein bremsender, hemmender Anteil der Parasympathicus oder Vagus. So sind alle Reaktionen zwischen zwei Polen angesiedelt, bzw. es pendelt sich die Reaktion ein, die der Gesamtsituation der Person entspricht. Nach beiden Seiten gibt es graduelle Steigerungen. Es sei an der Wärmeempfindung verdeutlicht: lau liegt in der Mitte, auf der Kalt-Seite finden sich etwa die folgenden Empfindungen: kühl, kalt, eiskalt; ein Übermaß an Kälteeinwirkung führt durch Erfrieren zum Tod. – Auf der Warm-Seite: warm, heiß, kochendheiß. Verbrennen und Verbrühen bedeutet den Tod. Der Sympathicus steuert die Warm-Seite aus, der Parasympathicus die Kaltseite. Leben kann nur bestehen, wenn beide kooperieren. Die ausschließliche Steuerung durch einen Anteil des Vegetativums bedeutet Tod.

Das Vegetativum ist aber nicht nur für Körperempfindungen zuständig, sondern ist der entscheidende und ausschließliche Umschlagplatz des Erlebten und Wahrgenommenen. Es ist einem Hafenort vergleichbar, in dem die Güter aus dem Bereich des Meeres und der dort möglichen Transportmittel umgeschlagen werden auf das Festland mit den dort möglichen Transportmitteln. Grundsätzlich erscheinen alle Erlebnis- und Wahrnehmungsgüter umschlagbar. So will es mir jedenfalls scheinen. Wobei die Sprache manche Güter, die in dem einen Bereich benannt und etikettiert sind, durchaus primär in dem andern Bereich verkehren lassen kann und umgekehrt. Hinter dem Wort „verstehen“ ist unschwer das körperliche „stehen“ erkennbar, aber „Verstehen“ verkehrt ausschließlich im geistig-seelischen Bereich, kann sich aber auch im Körperlichen den ihm adäquaten Ausdruck schaffen durch eine Haltung der Nähe. Nehme ich einen „Standpunkt“ ein oder „beziehe Stellung“, so ist auch hier die Körpersphäre unverkennbar die primäre Vorstellung, der hauptsächliche Gebrauch spielt sich aber im sekundären Verwendungsbereich des Geistig-Seelischen ab. – Umgekehrtes Beispiel vielleicht: „er macht eine traurige Figur“; traurig fällt am meisten ins Ohr und geht von innerlichen Gefühlen aus. Gemeint ist aber der Gesamthabitus des Menschen mit allen Fehlleistungen und deren Rückwirkungen auf seine Körperlichkeit. Auch hier schafft sich der geistig-seelische Akt seinen adäquaten Ausdruck im Körperlichen. Umgekehrt bezeichnet der Ausdruck: „Ich war ganz Ohr“ eine gespannt-aufmerksame geistig-seelische Haltung mit einer rein körperlichen Bezeichnung. Vielleicht ist dies ein überzeugender Beweis, dass auch der andere Weg für die Sprache gangbar ist. Hier ist sogar die gesamte Körperlichkeit beschlossen in dem einen genannten Sinnesorgan: pars pro toto.

Dem vegetativen als dem unwillkürlichen Nervensystem steht das willentlich innervierte System gegenüber. Diesem gelingt es aber vielfach nicht, das Vegetativum ganz in seinen Dienst zu nehmen. Vielmehr wird der Wille durch das vegetative System zusätzlich gesteuert. Mein Entschluss zu verreisen kann so gegengesteuert werden, dass ich schließlich meinen Zug verpasse. Die unbewusste Steuerung hat die bewusste ausgeschaltet. In der hysterischen Lähmung etwa wird erkennbar, dass es zu einem Patt zwischen beiden Nervensystemen kommen kann. Sprachlich könnte man das in „Jain“ zum Ausdruck bringen.

6. Der Nadelstich

In einer Obertertia kommt einem Jungen der Einfall, seinem Vordermann mit seinem Vereinsabzeichen in das Hinterteil zu stechen. Die Nadel durchsticht die Haut, trifft auf Nervenenden, die ihrerseits dem Gehirn die Botschaft vom geschehenen Stich vermitteln, gleichzeitig für eine Versorgung der Wunde sorgen durch Impulse zur Absonderung von Blut, nachdem sie den Körper signalisiert haben, dass er sich nach vorn auf die Flucht zu begeben habe und durch Drehen des Kopfes den Gegner ins Auge zu fassen und zu identifizieren, u. U. durch einen bösen Blick zu strafen und nach Befragung des Bewusstseins die Hand zum Vergeltungsschlag ausholen zu lassen habe. Der kleine Stich löst also eine Unzahl von Reaktionen aus, die teils rein körperlich Art, dann aber auch geistig-seelischer Art sind. Viele von ihnen sind unwillkürlicher Natur, andere bedürfen einer Willensentscheidung und bewusster Aktivität. Es kommt zu Spontanreaktionen. U. U. aber verändert dieser Nadelstich die „Ein-Stellung“ des Vordermanns so tiefgehend, daß er sich „be-schwert“, den erlittenen Schmerz zur Dauerhaltung des Beleidigt-Seins, der Kränkung gerinnen lässt. Ja, es kann sein, dass dieser Nadelstich einen Abgrund zwischen den beiden Freunden erkennbar macht, dass er durch „Ent-Täuschung“ enthüllt, wie es wirklich zwischen ihnen beiden steht. Diese erlittene Kränkung kann im extremen Fall eine krank machende Wirkung haben, da der Betroffene die Krankheit braucht, um sich in seiner Welt neu zu orientieren.

Dieses übertrieben ausgemalte Beispiel soll die Komplexität der Ebenen deutlich machen: Körperliche, seelische, unbewusste und bewusste Ebene, Haltung, Verhalten. Mit Hilfe des Gedächtnisses und der Erinnerung wird diese Erfahrung konserviert und kann jederzeit abgerufen werden, wenn ein erneuter Nadelstich droht, – später auch nur verbale Nadelstiche und Sticheleien verkraftet werden wollen. Auch kann die ganze Eigenerfahrung nun bei dem Ersttäter ausgelöst werden, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Rache ist süß! Er weiß, wie das tut.

Wir wollen zunächst beobachten, wie dem „Vorurteil“, das uns die Sprache vermittelt, alle diese komplexen Erscheinungen auf verschiedenen Ebenen nicht entgangen sind. Wir versuchen zunächst, den körperlichen Bereich ins Auge zu fassen. So haben wir von der Atmung, der vom Kreislauf getragenen Durchblutung, von Hautreaktionen usw. zu sprechen. Die sprachlichen Wendungen sind mehr assoziativ aneinandergereiht als systematisch geordnet.

7. Die Atmung

Leben heißt atmen. „Alles, was Odem hat“ ist die Umschreibung alles Lebens. Wer sein Leben ausgehaucht hat, ist tot. Sterben wird umschrieben mit „den letzten Atemzug tun“, drastischer: den letzten Schnaufer tun.

Bedrängende und bedrohliche Situationen werden in der Atmung erlebt: „Mir blieb die Luft weg“; „ich dachte, ich kriegte keine Luft mehr“ ; „mir stockte der Atem“. – Erhöhte Leistung, gesteigerte Erregung „bringen außer Atem“. „Man ist „ganz aus der Puste“. Not „benimmt mir den Atem“, und Tröstung hat mich erreicht, wenn sie mich wieder „aufatmen“ lässt (so der Wortsinn des hebräischen „nicham“).

Am Grunderlebnis der Atmung erlebt der Mensch die Intensität des Lebens. Eine nur oberflächliche Atmung intensiviert sich im Erleben verdichteten Geschehens. Auf eine Nachricht hin, die einen mit einer völlig veränderten Lebenssituation konfrontiert, „holt man erst einmal tief Luft“. – Die Aufforderung des Arztes: „Einmal tief durchatmen!“ bringt uns zum Erlebnis eines gesammelten Gesamtgefühls unseres Körpers. Das Selbstgefühl weitet sich aus auf alle Bereiche. Man erlebt sich als Einheit vom Kopf bis zum Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle.

Dagegen verbietet uns die Scheu, voll durchzuatmen. In der Tendenz sich zu verkleinern, sich zurückzunehmen, wagt man es nicht, sich vollzupumpen mit Luft. Aber wenn man sich entschließt, die Scheu abzuwerfen, einen Aufbruch zu wagen, eine Tat zu tun, „holt man erst einmal tief Luft“. Denn man erlebt den eigenen Zusammenbruch oder doch den der begonnenen Aktion, wenn „einem der Atem ausgeht“. Durchhalten können heißt, „einen langen Atem zu haben“. Spannungsreiche Situationen lassen uns „die Luft anhalten“. Der angehaltene Atem mit dem im Spannungszustand festgehaltenen Zwerchfell gibt uns in der Mitte unseres Körpers Halt. So rüsten wir uns mit einem Atemvorgang auf das, was auf uns zukommt.

8. Durchblutung

Das gleiche vegetative Nervensystem, das unsere Atmung regelt, steuert auch die Versorgung des Körpers mit Blut. Unsere Sprache leitet uns an, auch die Blutversorgung als Lebensfunktion erster Ordnung anzusehen. Dabei ergeben sich gewisse Parallelen zum Atemgeschehen: wie der Atom stocken kann, so stockt auch das Blut

Die gleichen seelischen Vorgänge beeinträchtigen die Atmung und behindern die Durchblutung, abzulesen an der Veränderung der Hautfärbung: ich werde blass vor Neid, bleich vor Schrecken oder Entsetzen. Wenn ich „erbleiche“, sterbe ich. Auch „erblassen“ heißt sterben.

Gesteigertes Erleben, Betroffensein, Rage, Wut färben die Haut durch vermehrte Durchblutung rot, machen mich heiß. „Er verfärbte sich“; er wurde rot vor Scham, u. U. bis unter die Haare und über beide Ohren. Auch der Wütende kann rot anlaufen. Es tritt ein Zustand ein, der dem Abwehrkampf des Körpers im Fieber entspricht: Kinder ereifern sich, arbeiten fieberhaft, mit roten Wangen und heißen Gesichtern; sie interessieren sich „brennend“ und „glühend“. Sie sind puterrot im Gesicht. Mein Interesse macht, daß ich mich „erwärme“ für einen Gedanken, für einen Menschen. „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß / wie heimliche Liebe…“ Man liebt „heiß und innig“ und verehrt „glühend“.

Andererseits reagiere ich „kalt“ auf das, was mich schockiert und anwidert. Meine Zurückhaltung oder gar Ablehnung äußert sich darin, dass ich den andern „kühl“ empfange. Ja, die Kühle wirkt sogar auf die Atmosphäre, in der ich mit ihm verhandle. Sie kann sich „erwärmen“, sie kann freundlich, ja herzlich werden. Zum ersten Mal sehen wir an diesem Beispiel die Transzendierung des Körpergeschehens in die Umwelt, in das Sublimste, was zum Raum gehört, in die Atmosphäre.

Werde ich ich verdrießlich über einer Angelegenheit, so „bekomme ich kalte Füße“. Ich empfinde eine enttäuschende Antwort so leibhaftig, dass sie mir wie eine „kalte Dusche“ vorkommt. Ich meinerseits lasse meinen Gegner „kalt ablaufen“ und äußere mein Desinteresse oder meine Ablehnung, indem ich „eiskalt“ bleibe. Zustände, die noch unentschieden sind, aber das Schlimmste befürchten lassen, machen, dass es „mir heiß und kalt über den Rücken läuft“. Der Selbst-Unsichere verrät sich durch seine feucht-kalten Psychopathenhände.

Wer eine Denkhemmung hat, gibt einer Blutleere im Gehirn die Schuld. Umgekehrt äußert sich eine Mangeldurchblutung im Gehirn als Denkhemmung. Übertragen kann aber auch ein an den Realitäten vorbeigehendes Reden als „blutleeres Gerede“ bezeichnet werden. Der Grad der Durchblutung drückt die Dichte der Lebensvorgänge aus, zugleich ihre Realitätsbezogenheit. „Blut ist ein ganz besonderer Saft“. Es umfasst die ganze Lebenswirklichkeit. Wer sich dem Teufel verschreibt, tut das mit Blut. Wer ausgeblutet ist, hat alle Lebenschancen verloren. Das Blut kann aber auch sozusagen das „Innen“ unserer Existenz vertreten, wenn ich mich mit Leib und Blut für eine Sache einsetze.

Verwundungen und Verletzungen lassen den Körper bluten. Seelischen Verletztsein kann auch so ausgedrückt werden: „Mir blutet das Herz“, wenn ich Zeuge eines leidvollen Geschehens werde; aber auch, wenn mir Unrecht geschieht oder ich am Genuss anderer nicht partizipieren kann.

Blut zu sehen, löst bei vielen Menschen eine unmittelbare Betroffenheit aus. „Ich kann kein Blut sehen“, sagt die empfindsame Dame. Andererseits gibt es ein sadistisches Vergnügen daran bei dem, der blutrünstige Geschichten liest oder Filme sieht. Mancher will in seinem Rachedurst „Blut sehen“. Er ist „blutdürstig“, im Extremfall ein „Blutsäufer“. – Die Sprache bezeichnet den jungen Menschen als „junges Blut“. Dem Adligen sagt sie „blaues Blut“ nach, – wohl wegen der Sensibilität seiner Haut, durch die das venöse Blut stärker durchschimmert.

Auch die Reaktionsweise wird von der Sprache ins Blut verlegt. Und zwar ist es die Liquidität des Blutes, die den Leichtblütigen vom Schwerblütigen unterscheidet. Die traditionelle Typenlehre spricht vom „Sanguiniker“.

9. Hautreaktionen

Von den durch die Durchblutung veranlassten Hautreaktionon des Blass- bzw. des Heiß- und Kaltwerdens war im vorigen Abschnitt die Rede. Die Sprache gibt uns aber weitere Beobachtungen über die Hautreaktionen an die Hand.

Im Augenblick des Erschreckens „überläuft es uns kalt“, zugleich aber setzt sich eine Tendenz zur Verringerung der Hautoberfläche durch. Es entsteht die sogenannte „Gänsehaut“. Auch sie kann von oben nach unten den Rücken herunterlaufen. Sie bildet sonst bei Kälte eine Flucht einen Schutz gegen Wärmeverluste. Zugleich aber scheint eine Fluchtreaktion in der „Gänsehaut“ enthalten. Den Kopf einziehen, sich ducken, sich klein machen sind die der Hautreaktion entsprechenden Verhaltensweisen des gesamten Körpers.

Missfallen oder Ärger tut sich im Bereich der Stirn mit „Stirnrunzeln“ kund. Im Bereich der Augenbrauen verändert sich die Haut bei Kritischem oder bei Verwunderung. Man „zieht die Brauen zusammen“ oder zieht sie hoch.

Unter bestimmten Umständen verändert sich der Feuchtigkeitsgrad der Haut, man „schwitzt Angst“, – sogar „Blut“. Man kommt vor Aufregung oder Anstrengung ins Schwitzen. Dem Labilen sind, kommt er in Spannungssituationen, die Hände nicht nur leicht kalt, sondern auch vermehrt feucht. Auch andere, sonst trockene Hautstellen können vermehrt Schweiß absondern: „Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß…“; manchen tritt „der Angstschweiß auf die Stirn“, – so in der Todesangst.

Ist die erlebte Beanspruchung umfassend, spricht man bei der Reaktion vom Schweißausbruch. Ist der Schweiß normalerweise Begleiterscheinung einer angestrengten Tätigkeit, so ist er genau so beim Schwitzen als Angstreaktion zu verstehen. Hier spiegelt sich der innere Kampf und seine Anstrengung wider, der sich zwischen Fluchttendenzen und Widerstandswillen abspielt.

Sicher entspricht der Schweißgeruch den Abwehrmitteln, die manchen Tieren zur Verfügung stehen, um ihre Gegner durch eine Geruchswolke fernzuhalten. Die körperliche Reaktion entspricht also der inneren Abwehr. Man spricht von dem Geruchsphänomen massiver, wenn man es als „Ausdünstung der Haut“ bezeichnet. Bei Fieber ist es als Begleiterscheinung des Abwehrkampfes, den der Körper austrägt, bekannt. Es kann für den geschulten Arzt zum diagnostischen Mittel werden.

Harte Beanspruchung führt zur Bildung von Hornhaut an den Füßen und Schwielen an den Händen. Die Haut verliert einen Teil ihrer Sensibilität. Der Über-Sensible wünscht sich ein „dickes Fell“ oder eine Elefantenhaut. Man kann es sich zulegen, das „dicke Fell“.

Was mich betroffen gemacht hat, „ging unter die Haut“.

Auf der sensibilisierten Haut verspürt man einen Reiz, einen Juckreiz. Vielfach enthält dieser einen Impuls zur Aktivität. Es „kribbelt mir dann in den Fingern“, etwas zu tun. Ist man nervös, so äußert sich die inkoordinierte Aktivität und Unruhe darin, dass man „ganz kribbelig“ wird. Das Wort „kribbeln“ gibt in sich etwas von dieser inneren Situation wieder. Es hat keine Zeit, bei einer bestimmten Stellung der Sprechwerkzeuge zu verharren.

Stärker aggressive Tendenzen sprechen sich darin aus, dass „es mich juckt“, – etwa jemandem etwas anzutun. Der Juckreiz symbolisiert auf der Haut die angestaute aggressive Energie und Lust. Um Lustgewinn geht es auch da, wo einem „die Ohren nach etwas jücken“.

Man setzt diesen alarmierenden Reiz aber auch selbst, indem man sich bei Verlegenheit hinter dem Ohr, am Hinterkopf oder am Bart kratzt. Fühlt sich nicht betroffen, betont man sein Sicherheitsgefühl durch den Ausspruch: „Das kratzt mich nicht!“

Noch einmal sei der Wunsch nach dem „dicken Fell“ erwähnt. Hier macht die Sprache bewusst, wie stark der Mensch dem Außen ausgeliefert ist, viel stärker als das Tier. Der Beitrag von A. Portmann kommt mir in den Sinn. So hat Kleidung eine Schutzfunktion, dass man nicht „nackich mang de erbsen steht“. Man „hängt sich ein Mäntelchen um“, um sich einen gewissen Anschein zu geben, um das Maß von Ausgeliefertsein noch zusätzlich zu verringern. Oder man möchte das eigene Tun tarnen, darum „bemäntelt“ man es. Der Mensch liebt Verkleidungen aller Art, um seine Identität zu verwischen. Genesis 3 schon zeigt, dass das Sich-Verstecken eine Urtendenz des Menschen ist. Die Lage wird noch komplizierter, wo sich der Mensch sogar vor sich selbst versteckt.

Die Haut als Begrenzung seines Körpers macht dem Menschen sein „Für-sich-sein“ erlebbar. Andererseits wird von ihm im hautnahen Kontakt Gemeinsamkeit erfahren.

Berührung ist die Urform der Kommunikation zwischen Mutter und Kind, wenn das Kind außerhalb des Mutterleibes zu existieren beginnt. Wir werden dem weiter nachgehen müssen, wenn wir vom Fühlen als einem der Grundsinne sprechen. Unsere Sprache malt mit den Worten „streicheln“, „zärtlich“, „hätscheln“, „tätscheln“ „verzärteln“, „verhätscheln“ Lust und Übermaß dieses „Fühlens“.

Fühlt man sich nach einem Bad oder einer Erfrischung „wie neugeboren“, so ist das primär ein Haut- und Muskelgefühl. Eine Anregung zu verbesserter Durchblutung der Haut und zur Entspannung und ebenfalls besserer Durchblutung der Muskulatur gehört zu den Ansatzpunkten jeder Hydrotherapie. Das Bad ist ein Genuss. Das wird wieder bildlich gebraucht: Wer den Klang seiner Stimme genießt, „badet sich darin“; man kann sich auch in intensiven und breiten Schilderungen „baden“. Jedenfalls sagt es uns so unsere Sprache. Schon mit ein wenig kaltem Wasser kann man sich „frisch machen“; es bedarf nicht der Erfrischungen, die zum Kauf angeboten werden. Und wenn man an Älteren Menschen noch Jugendfrische entdecken kann, dann ist es vor allem die Haut, die diesen Eindruck vermittelt. Körperpflege ist also entscheidend Hautpflege.

Auch hier lässt sich der ganze Mensch in dem einen zusammenfassen: „Er ist eine ehrliche Haut!“

10. Haare

Haut ist mehr oder weniger behaart. Bestimmte Tiere können eine Imponierstellung einnehmen, indem sie ihre Haare aufrichten und hochstellen. Auch beim Menschen gibt es Reaktionen des Haares. Wir sagen: „Mir sträubten sich die Haare“, sie „standen mir zu Berge“. Frisuren spielen eine große Rolle, für das Aussehen und das Geltungsbedürfnis. Man kann mit hochgekämmtem Haar seine Gestalt größer wirken lassen, durch ein lockeres, offenes Haar, durch eine „Mähne“ den Anblick des vielleicht noch jungen Gesichts eindrucksvoller machen.

Wer einen Bart hatte, war früher alt. Heute haben die jungen Menschen Bärte, um ihre Männlichkeit zu unterstreichen. Schnurrbart, Backenbart, Vollbart, Spitzbart, – erlaubt ist, was gefällt. „Johann, dreh weiter!“ nannte sich ein besonderer Schnurrbart in der wilhelminischen Ära. „Beim Barte des Propheten“ schwört angeblich der Mohammedaner.

Ich kann es mir ersparen, all die Attribute aufzuzählen, mit denen Haar näher bezeichnet werden kann, seine differierende Farbe, seine Kräuselung oder Glätte. Erwähnt sei noch die Glatze und die Tonsur, der Kahlkopf, der den Schädel so unmittelbar erkennbar macht.

11. Mensch und Tier

Die Sprache bringt in vielen Wendungen die Nähe von Mensch und Tier zum Ausdruck. Einige Beispiele haben wir bereits gebracht; weitere sollen folgen.

Oft sind es Charakteristika der Tiere, die beim Menschen ihre Entsprechung finden in Gestalt oder Verhalten. Die „Mähne“ wurde eben genannt, ihr sind das „Pferdegebiss“ und das „Wiehern vor Vergnügen“ nahe. Ein Kind „schnurrt behaglich wie eine Katze“; einer „äfft“ den andern nach. Man kann sich anknurren und anbellen, wie es Hunde tun; kann wie Katze und Hund zu einander stehen oder auch „Katze und Maus“ mit dem andern spielen.

Eine Adlernase, ein Adlergesicht, Adleraugen finden sich bei manchen Menschen. Mancher hat ein „Vogelprofil“. Ein „bulliger Mann“ hat einen „Stiernacken“, vielleicht auch eine „Pranke“. Hat es etwas in der Schule gegeben, zieht man „auf leisen Pfoten und mit eingezogenem Schwanz“ wie ein „geprügelter Hund“ davon. Einer ist „bärbeißig“, der andere hat „einen Wolfshunger“.

Eine Sängerin wird zur „schwedischen Nachtigall“ erklärt. Ein Politiker zum „Tiger“. Der Mensch im Elend fühlt sich wie ein Wurm. Eine Liebende gurrt wie eine Taube. Ein Kind schaut aus „wie ein aus dem Nest gefallener Spatz“. „Spätzchen“ ist überhaupt als Kosewort für kleine Kinder recht beliebt.

Unerschöpflich ist die aus dem Tierreich genommene Schimpfwortsammlung: du Schaf, du Ochse, du Rindvieh, du Rhinoceros, du Kamel, du alte Kuh, du dumme Ziege, du Schwein, du Hund, du Esel, du Affe, alte Katze; du hast’n Bock, du Ferkel, du Wildsau, du Angsthase, du Schweinehund, – das sind neben den sonst üblichen noch immer vielfach verwendete Ausdrücke, um seine Aggressionen abzureagieren. Direkt angewandt sind sie eine Provokation oder schon Teil des sich abspielenden verbalen Kampfes. Indirekt verwandt sind sie geeignet, unterdrückte Aggressionen wenigstens nachträglich verbal zu entladen.

In gleicher Weise werden tierische Körperteile in das Schimpfen einbezogen: aus „Halt den Mund!“ wird: „Halt die Schnauze (das Maul)!“ Mechanistisch: „Halt die Klappe!“ Im Gedanken an Schnauzen und Mäuler von Tieren wurde das Wort „Fresse“ für das Arsenal der Schimpfworte erfunden. Die Drohung gegen die Nase lautet hier: „Du bekommst was auf den Rüssel!“ Mir wurde einmal von einer seriösen Pfarrfrau gedroht, sie wolle mir „die Hammelbeine langziehen“.

Wer etwas Unrechtes tat, hat „etwas ausgefressen“. – Man auch als Mensch „eingehen“, ja „abkratzen“. Dieser besonders saloppe Ausdruck rückt das Sterben des Menschen bewusst ins rein Animalische; es steckt eine Weltanschauung darin.

„Ich war völlig verbiestert“ – so kann man einen Zustand beschreiben, in dem man sich auf Primitiv-Reaktionen, wie sie bei Tieren üblich sind, zurückgeworfen sieht. Und die spezielle Fähigkeit das Menschen zum Humor vermisst man da, wo einem „tierischer Ernst“ und sonst nichts begegnet. Tierische Schläue repräsentiert der Fuchs, und es ist ein In-der-Schwebe-Lassen darin, wenn ein Politiker ein „Fuchs“ genannt wird. Wieviel Bitterkeit spricht sich in der Klage aus, „wie ein Hund fortgejagt“ zu sein. Wer sich verfolgt fühlt, spricht von einer „Jagd“, die man auf ihn macht. Wer angibt, gebärdet sich wie ein Pfau. Als „Hahn im Korbe“ fühlt sich ein Mann, der von vielen Frauen verwöhnt wird. Er mag dann „wie ein Gockel“ einherstolzieren: Imponiergehabe wie bei Tieren.

Wer ein „Angsthase“ ist, „verkriecht sich“, – im äußersten Fall „in ein Mauseloch“. Oder er „zieht sich in sein Schneckenhaus zurück“. Beim „Barras“ wurde man „zur Schnecke gemacht“. Das Kind „auf allen Vieren“ erinnert natürlich ans Tier.

Die Hera der Griechen war „kuhäugig“. Manchem Menschen werden „Rehaugen“ – oder weniger schmeichelhaft „Froschaugen“ nachgesagt. „Hühneraugen“ verdanken ihren Namen ihrem spezifischen Aussehen. Das männliche Glied wird vulgär „Schwanz“ genannt. In Bayern sind die Beine „Haxen“ (für meinen norddeutschen Verstand auch eine tierische Bezeichnung).

Die Reihe solcher vulgärer Ausdrücke läßt sich wohl noch lange fortsetzen. Menschliches Verhalten, wo es triebhaft ist oder wird, wird zu allen Zeiten von der Sprache mit entsprechenden Ausdrücken erfasst worden sein. Ebenso bei Vergröberungen menschlicher Art bietet sich der Vergleich mit dem Tier an. Wobei ein solcher Vergleich durchaus auch für den Menschen positiv sein kam. Wer „aufpasst wie ein Luchs“, ist damit durchaus im positiven Sinne bewertet.

Auf die Wendung „Alles was Odem hat“, habe ich schon hingewiesen. Sprachliche Wendungen, die in ähnlicher Weise Mensch und Tier zusammenfassen, sind mir nicht weiter eingefallen. Das „Haustier“, der Tierhalter, -züchter, -freund, -liebhaber oder gar Hundebesitzer lassen doch nur wenig von der engen, oft allzu engen Ver-Bindung zwischen Mensch und Tier erkennen. Die Sprache scheint hier nüchterner, als die menschliche Wirklichkeit heute ist.

12. Der Außenschlag

Über Hautempfindungen wird der andere nicht immer als zugewandt und liebevoll erlebt, sondern auch als der andere, das Außen, das uns trifft, misshandelt, schlägt. Menschliche Macht und Willkür, aber auch die Übermacht des Schicksals trifft uns als „Schlag“. Man „gerbt uns das Fell“. Wir erleben uns als „geprügelten Hund“. Da teilt einer Hiebe aus; dem andern wird „die Hose stramm gezogen“; er bekommt „Senge“. Immer geht es um Schläge, die den ganzen Menschen treffen oder angehen. Zunächst aber treffen sie die Haut. Man sagt: „die Haut heißt Haut, weil man darauf haut!“

Wo der Schlag trifft, macht noch einen Unterschied: „Ich war wie vor den Kopf geschlagen“; es war mir „wie ein Schlag ins Gesicht“; er gab mir einen „Nasenstüber“, einen Klaps auf den Mund, einen Schlag auf die Wange. Wenn einem etwas „um die Ohren geschlagen wird“, wenn mich einer „vor den Kopf stößt“, wenn einer „die Faust ballt“ und der andere „die Faust im Nacken spürt“, wenn der Erziehungshügel am unteren Ende des Rückens mit Schlägen bedacht wird, wenn man einen „Tiefschlag“ bekommt oder einen „Tritt in den Hintern“, einen Klaps auf den Po, – wenn einer einem in die Hacken tritt oder „mir Beine macht“, mir einen Fußtritt verpasst oder angeblich zur Erhöhung meines Denkvermögens mir leichte Schläge auf den Hinterkopf verpasst oder mit dem Lineal in die hingehaltene Hand schlägt, – immer trifft es zunächst die Haut.

So ist die Haut das Muster aller Betroffenheit. Was mich angeht, betrifft mich. Es kann mich etwas sehr angreifen und – wir denken in erster Linie an schwankende Gesundheit – lässt uns angegriffen aussehen oder wirken. Müdigkeit und Erschöpfung, – alles wird an einer wenig durchbluteten, großporigen, darum glanzlosen Haut abgelesen. Man sieht eben schlecht, elend, miserabel aus. Fühlt man sich wohl, sieht man gut erholt, blendend, ausgezeichnet, – eben einfach gut aus. Die Pigmente ermöglichen die Bräunung, die der Haut ihr Höchstmaß an gesunden Aussehen verleiht. Wer sich Wind und Wetter aussetzt, erlebt die gleiche anregende, belebende, erfrischende, gesundheitsfördernde Wirkung auf die Haut wie der Kurgast im Bad. Auch wenn der Regen ins Gesicht peitscht, die Kälte in die Wangen kneift, wird die Haut durchblutet.

Aber nicht nur Sturm und Regen können einem ins Gesicht fahren und als Außen erlebt werden, – auch das Schicksal. Als Schicksalsschlag trifft es uns im Zentrum unserer Existenz. „Das war ein schwerer Schlag für mich“ – alles kann sich dahinter verbergen: Tod von Angehörigen, berufliches Missgeschick, finanzielle Verluste usw. „Ich bin ein geschlagener Mann“; „ich bin ganz geschlagen“.

Jemandem „einen Schlag geben“ bringt den Tatbestand zum Ausdruck, dass auch im Schlag noch eine Gabe liegen kann (Bemerkung von Stollberg über die Boxersprache).

13. Der Innenschlag

Ist ein Schlag, der von außen kommt, eine Bedrohung, u. U. eine tödliche Gefahr, so ist der Schlag des Herzens im Körper das Zeichen des Lebens. So lange das Herz schlägt, klopft, pocht, ist auch Leben im Menschen. Allerdings ist das „Herzklopfen“ auch Symptom der Art und Weise, wie man auf Angst oder in Spannungsmomenten reagiert. Am Puls lässt sich der Herzschlag am leichtesten kontrollieren. Aber intensives Herzklopfen spürt man bis in den Hals oder die Schläfe. „Das Herz schlug mir bis zum Hals.“ In der Krankenpflege ist das „Pulsen“ tägliche Selbstverständlichkeit, aber vor allem die Liebe äußert sich in gesteigerter Herztätigkeit. Die Sprache bringt das in Poesie und Prosa tausendfach zum Ausdruck. Indem ich „mein Herz verschenke“, gebe ich mich selbst. Wieder einmal stellen wir fest, wie in einem Organ der Mensch in seiner körperlich-seelisch-geistigen Einheit gemeint sein kann. – Wer liebt, hat sein Herz an den anderen verloren (nicht immer in Heldelberg). „Mein liebes Herz“ nennt er jetzt den oder die Geliebte(n).

Während der Schwangerschaft trägt die Mutter ihr Kind „unter dem Herzen“. Sie drückt es ans Herz, wenn sein Eigenleben begann, das „Herzchen“. Sie zieht es wieder an ihr Herz, wenn Entfremdung drohte. Immer liegt persönliche Wärme darin, wenn „herzlich“ gedankt, gegrüßt, die Hände geschüttelt werden (Vertragsabschlüsse im Fernsehen!), obwohl hier die Formel oft den eigentlichen Sinn nicht mehr beinhaltet.

Ich bewähre Mut, wenn ich mir „ein Herz fasse“ und vorbringe, „was ich auf dem Herzen habe“. Der mutige Mann ist „beherzt“, hat „das Herz auf dem rechten Fleck“.

Geheimnisse vergräbt man „in der Tiefe seines Herzens“. Wer offen ist, will „aus seinem Herzen keine Mördergrube machen“. Vor Kummer kann einem „das Herz brechen“; man kann sterben „am gebrochenen Herzen“. – Der „Herzensbrecher“ ist ein Liebhaber, der viele Herzen betört, – aber sie nachher enttäuscht. – „Herzen“ ist zärtliches Umfangen und Küssen; das kleine Kind ist „herzig“.

Bin ich empört oder entsetzt, „dreht sich mir das Herz im Leibe herum“. Eine Enttäuschung wird wie „ein Stich ins Herz“ empfunden. Wer eine Sorge los wird, dem „fällt ein Stein vom Herzen“. Der Lieblose ist „herzlos“. Böse Überraschungen lassen „das Herz stocken“. „Das Herz krampft sich zusammen“.

Groll sitzt im Herzen. Aber auch ein gutes Wort fällt bis auf den Grund des Herzens. Ich danke „aus tiefstem Herzen“, – „aus meines Herzens Grunde“. Gemeinschaft ist da, wo „Herz und Herz vereint zusammen“ sind.

In Momenten des Erschreckens fühlt man sich an seinen Tod erinnert. „Ich dachte, mich rührt der Schlag!“ Der „Herzschlag“ ist hier der „Außenschlag“, der dem Schlagen des Herzens ein Ende macht.

14. Rhythmisierung des Lebens

Der Herzschlag rhythmisisert das menschliche Leben. Er ist die kleinste Einheit. An ihr wird sich der Mensch bewusst, dass er in der Zeit lebt. „Einen Herzschlag lang“ steht man vielleicht verdutzt oder betroffen still, ehe man die passende reaktive Antwort findet. Der Herzschlag ist die kürzeste Zeiteinheit neben dem „Augenblick“, bevor unser Leben in Minuten und Sekunden zerschnitten wurde.

Eine weitere, unser Leben rhythmisierende Körperfunktion ist der Atem. Der Atemzug enthält Einatmen und Ausatmen, Heben und Senken der Brust. Aus einem Moment der Ruhe entwickelt sich der Atemzug. Er ist weniger scharf konturiert als der Herzschlag. Das vegetative Nervensystem sichert allem, was geschieht, den Herzschlag und den Atem. Allerdings beschleunigen Erregung, Anstrengung, Angst, Erkrankung beide.

Neben diesen unwillkürlichen Rhythmisierungen gibt es den Schritt. Der Wille steuert hier das Zeitmaß. Aber immer ist der Schritt rhythmisch, gleichgültig, ob es ein ruhiger Schritt, ein Trippelschritt, ein Laufen, Eilen, Hasten, Rennen oder Jagen ist. Dabei bedingt der Bein-Rhythmus den Gegenrhythmus der Arme. Das Armschwingen verwandelt sich auf glitschigem Boden oder auf dem Eis zum „Rudern“.

Die Frau sieht sich einer zusätzlichen Rhythmusstruktur unterworfen. Ihr Leben ist durch die monatliche Regel noch einmal vom eigenen Körpergeschehen her periodisiert. Mir scheint in diesem Moment des Rhythmus, das hinzukommt, ein Grund für die größere Naturnähe der Frau zu liegen.

Tag, Monat, Jahreszeit, Jahr, – Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter, Generation, – ohne Rhythmisierung ist menschlichen Leben nicht zu denken.

Dabei ist Rhythmus keineswegs selbstverständlich. „Ich habe meinen Rhythmus noch nicht gefunden“ – wer so empfindet, vermisst noch das notwendige Gleichmaß, fühlt sich beeinträchtigt und unglücklich. Ich kann den Lebensrhythmus des anderen stören und bekomme dann zu hören: „Du bringst mich aus dem Tritt!“ Wer durch Krankheit oder Erlebnisse „aus seiner Ordnung“ geraten ist, hat es nicht leicht, „wieder Tritt zu fassen“.

Beim Tanz ist den Rhythmischen ein besonderer Akzent gegeben. Doch der Mensch neigt dazu, auch seine Arbeit und sonstige Tätigkeit in rhythmische Einheiten zu gliedern. Das Volkslied bietet viele Beispiele für das den Arbeitsrhythmus begleitende Lied. Der einfache Mensch ist dem Kind darin gleich, dass er seine Tätigkeiten durch ein – vielleicht improvisiertes – Singen rhythmisch gestaltet. Rhythmisches Klatschen und Stampfen übt auch heute noch seine Faszination aus auf jeden, der es miterlebt.

Auch die Sprache hat ihren Rhythmus. Im Gedicht macht sie sich frei, Gleichmaß und Freiheit miteinander zur Vollendung zu verbinden.

„Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule;
im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.“

Im Aufgreifen eines gemeinsamen Rhythmus wird Gemeinschaft erlebt. Im Tanz sind es zwei und um sie herum die Gruppe der andern, die sich im gleichen Takt bewegen. Das Wanderlied gibt der wandernden Gruppe den gleichen Schritt. Der dem Drill unterworfene Gleichschritt der Soldaten gibt ihrer Marschkolonne den Ausdruck von Gemeinschaft, Geschlossenheit, Disziplin.

Auch die im Koitus erlebte Gemeinsamkeit von Mann und Frau ist im Augenblick der stärksten Erregung vom accelerierenden Rhythmus begleitet.

Tag und Nacht als rhythmisierendes Moment des Lebens haben wir bisher beiseite gelassen. Hier repräsentiert die Sonne das Außen, das Rhythmus verleiht. Für den Blinden sind Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus kennzeichnend. Häufig kehren sie periodisch wieder. Die Sonne weckt den Menschen aus seinem Schlaf auf und lockt ihn heraus ins Weite zu seiner Tätigkeit. Mit dem Sinken des Sonnenballs kommt der Mensch der Ruhe der Nacht immer näher.

Neben der großen Ruhe und Muße der Nacht ist auch der Tag mit kürzeren oder längeren Momenten der Ruhe durchsetzt. „Ich muss mal verschnaufen!“ Es gibt kleine Einheiten der Muße. „Ich mache mal eben einen Augenblick Pause“. „lch ruhe mich ein Weilchen aus“. Die Siesta in der Mittagshitze, das Nickerchen, der Mittagsschlaf, die Mußestunde, der Feierabend, – alles hat etwas Wohltuendes: dolce far niente.

Nichtstun regeneriert des Menschen Kreativität. Während er sich ausruht, döst, träumt, sich seinen Gedanken, seinen Phantasien überlässt, fällt ihm etwas ein, fasst er einen Plan, steigen Erinnerungen auf. Wir lernen wieder, das Lob der Faulheit zu singen, vom bloßen Faulenzen bis zum Stink-faul-sein. Es gibt viele Steigerungsstufen dieses glücklichen Nichtstuns.

Der Tag-Nacht-Rhythmus macht uns noch einmal deutlich, wie auch unter dem Aspekt, der uns hier beschäftigt, das Außen und das Innen zueinander passen müssen. Je nach unserer eigenen Verfassung kann unser Eindruck von der Zeit sehr wechseln. Für den, der sich langweilt, schleicht die Zeit nur so dahin. Man kann die Zeit „vertun“, man kann sie „totschlagen“. Das Kind ist „zeitlos glücklich“ und „dem Glücklichen schlägt keine Stunde“. Sie vergessen ihr Einordnung in die Zeit. Wer Mühe hat, alles zu bewältigen, was ihm obliegt, dem geht alles viel zu schnell. Wer noch viel vor hat, dem „läuft die Zeit davon“. Er sieht sie eilen, rennen, davonjagen. Stoßseufzer: „Wie die Zeit vergeht!“

Der reife Mensch kennt den Kampf um die rechte Koordination der eigenen und der Außen-Zeit. Er weiß, „was die Stunde geschlagen hat“. Ursprünglich mag sich eine solche reife Einstellung zur Zeit auch widergespiegelt haben in den Wendungen: „Man muss mit der Zeit gehen“, „mit der Zeit Schritt halten“. Heute ist der Sinn dieser Ausdrücke verwässert. Sie reden heute der Anpassung an Zeitströmungen und Zeiterscheinungen der Mode das Wort.

Mittwoch, 4. Juli, nachmittags, ca. 40 Grad Hitze, ein „Schlag von außen“.

Ich setze selbst die bisher von einem freundlichen Helfer geleistete Schreibarbeit fort. Ich muss stark kürzen. Will aber den gedachten Fortgang doch andeuten.

15. Bewegung

Was sich regt, das lebt. Bei Unfällen ist vielleicht die erste Erleichterung: „Er rührt sich noch. Er lebt!“

  1. Wer von Bewegungsvorgängen beim Menschen spricht, denkt in erster Linie an Gehen und Schreiten, Eilen und Hasten, an die Bewegung der Arme, das Beugen des Rumpfes und Wendung und Senken des Kopfes. Neben diesen Groß-Bewegungen gibt es aber auch die kleine der Gesichtsmuskulatur, die uns als Lächeln erfreut. Es gibt das Augenzwinkern. Das Zittern erscheint als eine Mini-Innervation der Lippen, Hände und Knie.
  2. Alle Bewegung kann den gesamten Menschen zum Ausdruck bringen. Sie ist oft für einen Mensch typisch. Der Gang wird zum Charakteristikum beim „Schleicher“, beim „Leisetreter“. Die unmutige Anrede: „Du Trampel!“ ist vom Gang her genommen. „Mit offenen Armen empfangen“ zu werden, tut jedem Gast wohl. Wieviel Güte schenkt der Vater, wenn er seinen Sohn „in die Arme schließt“.

Schütteln des Kopfes oder Nicken, Ersatz für Nein und Ja, stellen u. U. eine sehr folgenreiche Entscheidung dar. Kopf heben bedeutet: Aufmerksamkeit, Spannung, Freude, Erwartung. Das Senken Scham, Verzweiflung, Trauer, Andacht. Jesu Sterben: Er neigte das Haupt und verschied.

Aggression schlägt den einen in die Flucht. Der andere, der nicht fliehen kann, „bekommt das Zittern“. Eine Mikro-Flucht.

Aber nicht nur die Angst löst Bewegung aus. Vor Freude können noch Erwachsene „einen Luftsprung machen“. Allerdings scheint die durch Freude ausgelöste Bewegungsreaktion schon bald abgenommen zu haben: Bei Luther sollen die Christen noch „fröhlich springen“. Bei Paul Gerhardt heißt es: „Fröhlich soll mein Herze springen…“ Vom Freudentaumel, dem Benommensein vor Freude, wissen wir schon gar nichts mehr.

Ärger lässt mich „hochgehen, bringt mich auf die Pappelbäume oder lässt mich in die Luft gehen“. Oder ich brülle den anderen an: „Verschwinde!“ Dagegen möchte der, der sich schämt, „in den Boden versinken“.

Unruhe und Nervosität lassen die Finger auf den Tisch trommeln. Sie lösen eine Unruhe der Hand aus, die unsicher hier und dorthin greift. Man springt auf, geht hin und her im Zimmer, bis es einen nicht mehr im Zimmer hält, man muss sich durch einen Spaziergang abreagieren. Bei anderen hat man den Eindruck: „Sie haben Ameisen im Po“.

Der „Angeber“ bläst sich auf, er setzt sich in Positur oder „spielt sich auf“.

Diese Hinweise genügen, um ähnliche Bewegungsreaktionen zu erinnern oder zu beobachten.

16. Haltung

„Krummes Holz – aufrechter Gang“ – so wählt Helmut Gollwitzer den Titel seines Buches über den Menschen. Der aufrechte Gang unterscheidet den Menschen, erhebt ihn vom Erdboden und weitet seinen Horizont.

Äußere Haltung drückt innere Haltung unmissverständlich aus. Das Urteil: „er hat eine vorzügliche Haltung“ kann beide Seiten zusammenfassen. Die Körpersprache soll weit über 50 Prozent dessen vermitteln, was beim anderen „ankommt“. Aufrechte Haltung zeigt aufrechten Charakter, evtl. auch Unbeweglichkeit aus. Hat jemand einen „Stock verschluckt“, dann ist auch das Gespräch und die Atmosphäre steif. Für eine alte Dame ist immer ein Lob, wenn es heißt: „Sie hält sich noch kerzengerade“. Und gerade die Alten haben oft kein Verständnis für eine „nachlässige, lasche Haltung“.

Drückt uns ein schwerer Kummer, so machen wir einen „bedrückten, belasteten oder gar gebrochenen Eindruck“. Unter-würfigkeit kennzeichnet sich – wie die Sprache zeigt – in der Haltung. Der Naiv-Stolze trägt die „Nase hoch“, reckt den Hals.

Wer die Hand ständig vor dem Mund hat, hat Angst, sich seinen Mund zu verbrennen. Wer durchhalten will, „hält die Ohren steif“.

Würdige Haltung verrät ein Bewusstsein von Würde und Verachtung von „Kriecherei“.

Heuchelei und Scheinheiligkeit entlarven sich sich im Widerspruch von scheinbar „offenem Wort“ und unter-würfiger Haltung. Ist jemand ein „Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle“, so wird es aus seiner Haltung klar. Oft genügt aber schon der abgespreizte kleine Finger, um das „gespreizte Wesen“ eines Hyperästheten erkennbar zu machen.

Wieder darf ich abbrechen. Auch dann, wenn man den sprachlichen Wendungen nachgeht, zeigt sich der Mensch ganzheitlich, „aus einem Guss“. Innere und äußere „Ein-Stellung“ korrespondieren miteinander.

17. Hand und Fuß

Hand und Fuß gehören zum ganzen, brauchbaren Menschen. Von daher muss auch eine Sache, ein Plan, ein „Vor-haben“ Hand und Fuß haben. Wer sich mit seiner ganzen Person wehrt „aus Leibeskräften“, der wehrt sich „mit Händen und Füßen“. Das gilt auch für verbale Gegenwehr.

Anscheinend half die Hand zu den ersten Erkenntnissen. Habe ich einen Gegenstand betastet, hin und her gewendet, dann habe ich ihn „be-griffen“. Oft kann man es anders „nicht fassen“. Dann werden auch abstrakte Erkenntnisse „be-griffen“, ihr sprachliches Symbol zum „Be-griff“.

„Unfassbare“ Nachrichten nötigen zu dem Bekenntnis: „Ich kann es einfach nicht be-greifen.“

Vom Gewinnen „eines neuen Standorts“ durch „Verstehen“ sprachen wir anfangs bereits. „Vorstellung“ hat vielerlei Bedeutung:

Sie vermittelt Bekanntschaft, ist eine „Vor-führung“ durch ein Ensemble, drängt sich mir als geistiges Bild auf. Zunächst ist der Wortsinn sehr räumlich. Man „baut sich eine Welt auf“ in der Phantasie. „Handlungen“ – auch ohne „Hand“ vollbracht – bilden einen Tatbestand. Das Gericht prüft, ob die „Hand-lungen“ eine „Ver-gehung“ waren.

Wir stellen fest:

  1. Durch Bewegung sind offenbar die ersten Erkenntnisse gewonnen, durch Zufassen und Hin- und Herschreiten.
  2. So können rein körperlich klingende Wendungen Geistiges ausdrücken.
  3. Was Hand und Fuß tun, wirkt sich entscheidend aus für die geistige Existenz des Menschen. Das Einzelne steht zum Ganzen in Beziehung.

18. Körperteile und Organe

Hier ließe sich eine Fülle sprachlicher Wendungen zusammenstellen, die sich auf einzelne Körperteile oder Organe beziehen. Einige Beispiele:

  1. Kopf: Mit dem Kopf durch die Wand, starrköpfig, ein Dickkopf, Döskopf sein.
  2. Stirn: die Stirn haben, die Stirn bieten, mit frecher Stirn etwas be-haupten.
  3. Nase (wichtig für Supervisoren): die Nase in alles stecken, die Nase voll haben, verschnupft sein.
  4. Zunge: eine scharfe, spitze Zunge haben, doppelzüngig sein.
  5. Mundschleimhaut: mir bleibt die Spucke weg, das Wasser läuft mir schon bei dem Gedanken im Munde zusammen.
  6. Hals: Der Bissen blieb mir im Halse stecken, ich brachte kein Wort heraus, das kann ich nicht so einfach schlucken.
  7. Schulter: auf zwei Schultern tragen, eine Last auf seine Schultern nehmen, mit der Würde auch die Bürde.
  8. Achsel: mit den Achseln zucken (nicht durchschlagende, zur Tat führende Innervation der Tatwerkzeuge: der Arme).
  9. Leber: eine Laus ist ihm über die Leber gelaufen.
  10. Galle: mir ging die Galle über, galliger Humor.
  11. Magen: Das ist mir auf den Magen geschlagen.
  12. Nieren: Das geht mir an die Nieren.
  13. Bauch: Ich habe eine Stinkwut im Bauch.
  14. Ellenbogen: Sie versteht es, die Ellenbogen zu gebrauchen, Ellenbogenfreiheit.

Vor allem der Kopf, Mund- und Nasenschleimhaut, im Bereich des Magens und der anderen Organe sind Punkte, die unter dem Aspekt seelischer Vorgänge gesehen sein wollen.

19. Aggression

Bisher haben wir von körperlichen Vorgängen aus die dahinter stehenden geistig-seelischen Haltungen zu entdecken versucht. Nun wollen wir zu einer psychischen Haltung die körperlichen Korrelate aufzufinden versuchen. Wir wählen die Aggression in ihren verschiedenen Formen. Ich muss es irgendwo gelesen haben, was ich jetzt in freier Improvisation nachbilde: die Geschichte vom Rotkäppchen, das mit dem Wolf und seiner Aggression umzugehen versteht.

„Als sich der Wolf dem Rotkäppchen hinterrücks näherte, lief ihm schon das Wasser im Munde zusammen. Sein Herz klopfte vor Spannung und Erregung, wenn er an den Leckerbissen dachte, hüpfte ihm das Herz im Leib. Er schnalzte mit der Zunge, schmatzte, leckte sich die Lefzen, in Gedanken verschlang er schon das Blumen pflückende Kind, die Gier sprang aus seinen Augen. Er setzte gerade zum Sprung an, um Rotkäppchen anzugreifen.

Da richtete sich Rotkäppchen auf, sah den Wolf scharf an mit blitzenden Augen. Wenn Blicke töten könnten, wäre dem Wolf schon jetzt der Garaus gemacht worden. Rotkäppchen runzelte zornig die Stirn, blähte die Nasenflügel auf, wurde rot vor Zorn, die Lippen bebten ihm vor Erregung. „P“, dachte es, „dir werde ich was husten!“, spuckte vor dem Wolf aus und stimmte ein Hohngelächter an. Es reckte sich hoch auf, die Haare standen ihm zu Berge. Es holte tief Luft, warf sich in die Brust und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Mit scharfer Stimme fuhr es den Wolf an: „Hau ab, du Lump, du Schleicher!“ Seine Stimme bebte vor Zorn. „Du wirst dich noch umgucken!“ Mit geballten Fäusten ging es geduckt auf den Wolf zu und fixierte ihn mit seinem Blick. „Wag es nur nicht!“ fauchte es ihn an.

Dem Wolf wurde ganz unbehaglich, ihm wurde angst und bange, die Spucke blieb ihm weg, sein Fell sträubte sich, es war ihm speiübel, am liebsten wäre er im Erdboden versunken. Er kniff den Schwanz ein, streckte sich lang vor Rotkäppchen auf die Erde und winselte. Sein Herz rutschte ihm in die Hose.

Vielleicht verdeutlicht diese Märchen-Variation das Instrumentarium der Körpersprache ein wenig. Ich muss es mir leider versagen, für Freude, Erregung, Ärger, Würde, Langeweile, Neugierde und dergl. ähnliche Skizzen zu versuchen.

20. Realität des Psychischen

Sucht man dem Phänomen „auf die Spur zu kommen“, warum die Sprache mit Körpergeschehen das geistig-seelische Geschehen zum Ausdruck bringt, so erscheint mir als entscheidender Faktor, dass damit auch dem Psychischen auf diese Weise eine Realität eingeräumt wird. Eine Aggression ist eben immer ein reales Geschehen. Und so auch die anderen Affekte.

„Brennt es jemandem unter den Sohlen“, dann ist der empfundene, von außen kommende Zwang und die aufsteigende innere Unruhe nicht weniger real als eine von glühender Sonne erhitzte Metallplatte. Fasst jemand neuen Mut, dann hat er wirklich etwas gewonnen. Dagegen büßt der, der „in die Luft geht“, an Realität ein. Ist jemand von der Furcht beseelt, er könne „anecken“, dann zeigt sich das in seiner Körperhaltung, er wagt nicht recht durchzuatmen, in seiner Stimme, sie wird dünn und zurückgenommen, wie in seinem Blick, der ängstlich umhersieht, um jeden „An-stoß“ zu vermeiden.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Psychisches vollzieht sich inmitten der einen Realität dieser Welt, im Raum und in der Zeit. Dass hier kein Verlust an Realität eintrete, dafür sorgt die anschauliche, körperbezogene, oft ganz räumlich orientierte Sprache. Der Mensch handelt, denkt, nimmt wahr, leidet als einer, der auf der Grenze angesiedelt ist. Zwischen außen und innen, hoch und tief, oben und unten ist sein Ort inmitten von Raum und Zeit, im Schnittpunkt der für sein Leben wichtigen Tatsachen.

Realitätsverleugnung engt das Leben des Menschen vorzeitig ein. Sie behindert das in der Existenz gegebene und immer neu zu verwirklichende Leben. Gerade auch die Verleugnung dessen, was uns leiden lässt, belastet und beschränkt. So wird der Mensch „beschränkt“, „verrückt“, nämlich aus der Mitte, dem Schnittpunkt seiner Wirklichkeit.

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