Jüdische Kultur, die prägend bleibt

Acht Aufsätze von Wilhelm Kaltenstadler zur jüdisch-christlich-islamischen Kultur Europas.

In seinem Buch „Altes Testament, jüdische Kultur und deutsches Judentum“ beleuchtet der Historiker Wilhelm Kaltenstadler aus verschiedenen Blickwinkeln die prägende Kraft, die das Judentum seit biblischen Zeiten in verschiedenen Regionen Europas ausgeübt hat – vom mittelalterlichen Al-Ándalus bis zum neuzeitlichen Franken. Schwerpunktmäßig geht er auf den jüdischen Universalgelehrten Moses Maimonides ein.

Skulptur des jüdischen Univeralgelehrten Moses Maimonides in Cordoba

Skulptur des jüdischen Universalgelehrten Moses Maimonides in Cordoba (Bild: 7753727 auf Pixabay)

Inhaltsverzeichnis

Sehr geehrter Herr Kaltenstadler

1. Das Wertesystem im Alten Testament und Talmud – ein neuer Ansatz zur Nachhaltigkeit

2. Die jüdisch-islamische Kultur von Al-Ándalus im Mittelalter

Lebten in Iberien ausschließlich arianische Christen?

War der kulturelle Islam in Iberien der Erbe Roms?

Was ist von dem Islamwissenschaftler Günter Lüling zu halten?

Wie weit zurück reicht eine protosemitische Kultur in Iberien?

Geht die Kollektivschuldthese der Juden am Tode Jesu auf Petrus Alfonsi zurück?

Hat Petrus Alfonsi wirklich Schwachstellen im Alten Testament aufgedeckt?

Ist die alternative Bibelauslegung im Werk zur „Urmatrix“ ernstzunehmen?

Islamisch-christlich-jüdische Kooperation – multikulturelles Modell und Vorbild für die Gegenwart

3. Gesundheit, Hygiene und Krankheit bei Maimonides

4. Das Medizinsystem des Moses Maimonides

5. Maimonides – Wege zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst

6. Judentum, Christentum und Kulturtransfer

Waren Roger Bacon das Römische Recht und das Kanonische Recht unbekannt?

Zum Thema „Todesstrafe“ und „Mord im Auftrag Gottes“ im Alten Testament

Bezug auf Davidson und Schweisthal ohne Quellennachweis

Lässt sich „Jesus“ von „ius“ oder gar „Gaius Julius“ ableiten?

Wie überzeugend argumentiert Roman Landau zur „Geburt des Rechts aus dem Geist des Judentums“?

Oberflächlicher, entjesuanisierter, etatisierter christlicher Glaube?

War das Heidentum noch im Mittelalter und bis in die Neuzeit wirksam?

Baiern – ursprünglich mehr osteuropäisch-asiatisch als römisch-katholisch geprägt?

Ralph Davidson und der Kulturtransfer durch ein kosmopolitisches Judentum

Zhabinsky, Topper und die christlich-heidnische Ambivalenz des Mittelalters

Toppers bogumilisch-langobardischer Kulturtransfer und die Rolle der Juden

Christentum und Heidentum im Wettbewerb

War das Judentum in Nordwestafrika und Iberien älter als dasjenige in Palästina?

Christlicher Religionstransfer nach Europa aus Gründen der Zivilisation

Christliche Klöster als Pioniere der Wirtschaft und der Bildung

Die Bedeutung der Juden für die europäische Bildung

Druckte Gutenberg zuerst mit einem 18-buchstabigen phonetischen Alphabet?

Die Rolle der alten Griechen für die europäische Kultur

7. Jüdisch-jiddische Kultur im neuzeitlichen Franken

8. Deutsche Juden zwischen jüdischer Identität und deutscher Anpassung

Anmerkungen

↑ Sehr geehrter Herr Kaltenstadler,

ich habe Ihr Buch „Altes Testament, jüdische Kultur und deutsches Judentum. Aufsätze zur jüdisch-christlich-islamischen Kultur Europas“ (Nordhausen 2018), das als Band 21 der „Jerusalemer Texte“ von Hans-Christoph Goßmann im Verlag Traugott Bautz herausgegeben wurde, mit großem Interesse und Gewinn gelesen. Ich hoffe, es ist Ihnen recht, wenn ich mich in den folgenden Kommentierungen dazu äußere. Dabei möchte ich vor allem sehen, ob ich die wesentlichen Aussagen Ihrer Ausführungen angemessen verstanden habe, allerdings auch kritische Anmerkungen einfließen lassen. Eine solche Würdigung – in beiden Richtungen – finde ich schon deswegen angebracht (S. 7), da sich Ihr Buch ja nicht nur für die „Aus- und Weiterbildung von lutherischen Pastoren“, sondern auch für den „gymnasialen und universitären Geschichtsunterricht“ eignen soll.

Alle Zitate in meiner Buchbesprechung, die nach einer bloßen Seitenzahl ohne weitere Quellenangabe aufgeführt werden, stammen aus Ihrem Buch, dabei sind längere Zitate blau hinterlegt.

↑ Das Wertesystem im Alten Testament und Talmud – ein neuer Ansatz zur Nachhaltigkeit (S. 9-25)

Gleich Ihren ersten Aufsatz zu den Werten der Nachhaltigkeit in AT und Talmud finde ich sehr aufschlussreich und spannend.

Sie weisen mit Recht auf Besonderheiten der jüdischen Gesetzgebung hin, die vom Prinzip der Nachhaltigkeit ausgehen, etwa (S. 10f.) ökologische Gesichtspunkte bei der Kriegführung, die (S. 13f.) Freistellung von Neuvermählten vom Kriegsdienst oder (S. 14) ein Sabbatjahr auch für den Ackerboden. In der Spannung (S. 10f.) zwischen den Geboten der Nachhaltigkeit in der Tora (5. Mose 20 und 22) und ihrer Verletzung (2. Könige 3,25) zeigt sich sowohl der Realismus der Bibel als auch die auf Gottes Wegweisung (= Tora) gegründete Hoffnung, Fehlentscheidungen überwinden zu können.

Das (S. 11) „Prinzip der Unverträglichkeit“, das man, wenn man von außen auf das Judentum blickt, meist nur dort wahrnimmt, wo etwa orthodoxe Juden „Milchiges“ und „Fleischiges“ nicht vermischt zubereiten und zu sich nehmen dürfen, verliert möglicherweise etwas von seiner Befremdlichkeit, wenn man es unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit interpretiert.

Die (S. 11ff.) Bestimmungen über zeitlich begrenzte Schuldsklaverei und einen Schuldenerlass nach sieben Jahren in 5. Mose 15 und 23,16f. haben schon oft Gruppen inspiriert, die für soziale Gerechtigkeit eintreten (hinzuzufügen wäre das Kapitel 3. Mose 25). Nicht ganz richtig ist es (S. 12), wenn Sie diese Gebote „der Herrschaft des Königs Josia im südlichen Königreich Juda“ zuordnen (leider ist Ihnen dabei der Schreibfehler „Josua“ statt „Josia“ unterlaufen). Sie spielen wahrscheinlich darauf an, dass zur Zeit des Königs Josia im Jerusalemer Tempel eine Tora-Rolle aufgefunden wurde, die viele Bibelwissenschaftler mit dem 5. Buch Mose (Deuteronomium) oder einem Teil desselben identifizieren. Aber die Darstellung von Josias Kulturrevolution in 2. Könige 22f. spricht nicht ausdrücklich von einer Umsetzung der Gebote des Erlassjahres, und es ist auch umstritten, ob nicht spätere Vorstellungen von der Tora in die Zeit Josias zurückprojiziert wurden. Erst von Nehemia wird berichtet, dass er nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Verbannung als Beauftragter der persischen Oberherrschaft einen Schuldenerlass in der Provinz Jehud durchführt (Nehemia 5). In welchem Umfang und Zeitraum allerdings die Tora-Gebote über Schuldsklaverei und Schuldenerlass wirklich geltendes Recht waren, kann kaum gesagt werden. Trotzdem sind sie einmalig in der Antike und nach wie vor zukunftsweisend!

Ihren Ausführungen (S. 13) über das Zinsverbot als Stütze der Freiheit des Einzelnen und der Menschenrechte möchte ich zustimmen, auch Ihrer Einschätzung, dass das „Zinsverbot der Kirche in Mittelalter … so gut wie nie eingehalten worden“ ist. Damit widersprechen Sie Ralph Davidson (auf den Sie sich häufig berufen), der in seinem Buch über den Kapitalismus behauptet, dass gerade das liberale Judentum das Zinsverbot überwunden hätte, das von ihm den Dogmen der katholischen Kirche des Mittelalters zugeschrieben wird, und der den liberalen Kapitalismus als das Allheilmittel für sämtliche politischen Probleme einschätzt. Allerdings war er (bzw. sein Verleger Roman Landau) leider nicht bereit, auf meine Frage zu antworten, wie das damit zusammenpasst, dass das Zinsverbot doch schon, worauf Sie mit Recht hinweisen, in der jüdischen Tora verankert ist.

Ich bin auch voll und ganz Ihrer Meinung (S. 14), dass die „Grenzen des Wachstums“ ernst genommen werden müssen und „dass die Agrarchemie nicht alles kann“. Allerdings stört mich in diesem Zusammenhang ein wenig die verallgemeinernde Wortwahl, wenn Sie pauschal behaupten, dass die „amtlichen Politiker“ es vermeiden, „den ‚Club of Rome‘ mit Namen zu nennen“. Natürlich fühlen sich viele Politiker mehr ihren Interessengruppen verpflichtet als dem Wohl der ganzen Bevölkerung in seiner globalen und ökologischen Vernetzung. Aber ihr Amt erhalten Politiker ja auf Grund einer demokratischen Wahl. Insofern wäre zu fragen, warum es ökologisch und sozial kompetenten Parteien noch immer nicht gelingt, Wählermehrheiten für sich zu gewinnen.

Dass Sie die „globale Friedensidee“ des Propheten Jesaja mit dem jüdischen Glauben an den Einen Gott in Verbindung bringen, der den unter sich zerstrittenen Kriegsgöttern anderer Völker mit befreiendem Gelächter gegenübertritt, finde ich angemessen. In Ihrer Betonung (S. 15) des jüdischen Ein-Gott-Glaubens widersprechen Sie (mit Recht) Roman Landau, der in seinem Buch über den Aufstieg Europas von einem Zwei-Götter-Glauben der Juden spricht.

Auch dass Sie in diesem Zusammenhang die Bedeutung der schon frühen weltweiten Verbreitung des Judentums hervorheben und Gewalt und Krieg als Randphänomene in der jüdischen Kultur ansehen. Die „Gottebenbildlichkeit (und Gotteskindschaft)“ gilt im Alten Testament, wie Sie betonen, tatsächlich für jeden einzelnen Menschen und nicht nur für die Könige eines Landes als Göttersöhne, die das Recht haben, ihre Untertanen auszubeuten und zu unterdrücken.

Das Zitat mit dem göttlichen Gelächter finde ich allerdings nicht in Hesekiel 39, wohl aber in Psalm 2,4 im Blick auf die Könige der Erde und in Psalm 37,13 im Blick auf die Unterdrücker der Gerechten und Elenden. Dafür lese ich in Hesekiel 39,9-10, von einem erfrischenden Beispiel göttlichen Humors, wenn sieben Jahre lang mit den Waffen der übermächtigen Feinde geheizt werden soll!

Dass Sie weiterhin (S. 16ff.) das „Prinzip der Gerechtigkeit“ in der Bibel beider Testamente betonen, entspricht in vollem Umfang meiner Einschätzung. Wenn sie in diesem Zusammenhang allerdings (S. 16) „zur Feindesliebe“ in Lukas 6, 12-26 schreiben: „Ein solches Kapitel fehlt bei Matthäus“, so haben Sie leider Matthäus 5, 38-48 übersehen. Gerade diese Verse enthalten die zentrale Aussage der Bergpredigt, über die immer wieder gestritten wurde, ob sie nämlich auch politische Relevanz hat oder nur für die persönlichen Beziehungen innerhalb der christlichen Gemeinde Geltung beanspruchen darf.

Zu Ihren Ausführungen (S. 18) über den „angeblich erst von Immanuel Kant erfundene[n] Kategorische[n] Imperativ“, der in Wirklichkeit auf die von Rabbi Hillel vertretene Zusammenfassung der Tora „Was dir verhasst ist, tue Deinem Nächsten nicht an“ zurückgehe, möchte ich ergänzen, dass eine Version dieser in allen Religionen zu findenden Goldenen Regel auch im Neuen Testament überliefert ist (Matthäus 7, 12):

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Eine kleine Unrichtigkeit hat sich in Anmerkung 13 eingeschlichen, wo Sie schreiben, dass die Tora „jeweils“ 613 Ge- und Verbote enthalte; tatsächlich sind es insgesamt 613 Ge- und Verbote.

Ihren Seitenhieb (S. 18) auf „Ethiklehrstühle und -kommissionen“ finde ich im Zusammenhang mit dem Verweis auf die zwei Säulen der jüdischen Ethik (10 Gebote und Goldene Regel) nicht angebracht. Die Juden hielten es doch für unerlässlich, die 613 Gebote der Tora einschließlich der Zehn Gebote und der Goldenen Regel immer wieder neu auf konkrete Situationen und Lebensbedingungen hin auszulegen. Das betont besonders der von Ihnen zitierte Rabbi Hillel mit seiner Aufforderung zu lebenslanger Bildung: „Geh und lerne!“ Sicher kann man konkrete Ergebnisse der Forschung von Ethik-Professoren und Kompromisse von Ethik-Kommissionen kritisch betrachten, aber grundsätzlich ist es sinnvoll, einzeln oder gemeinschaftlich über Ethik nachzudenken – zumal in einer Gesellschaft, die weltanschaulich und religiös nicht so einheitlich geprägt ist wie in Kulturen früherer Zeiten oder anderen Weltgegenden der Gegenwart. Sie wollen doch auch (S. 20) aus einem immer wieder bedrohten „humanen Primärgleichgewicht … die Sekundärgleichgewichte in Gesundheitswesen, in der Gesellschaft, der Wirtschaft etc. ableiten“. Geht das so ganz ohne wissenschaftliche Institutionen?

Für Ihren Hinweis (Anmerkung 16) im Zusammenhang des Lernens „im Gleichgewicht von Egoismus und Altruismus“ auf den Aphorismus von Friedrich Nietzsche, in dem er den Selbsthass ablehnt und zur Selbstliebe aufruft, bin ich Ihnen dankbar. Dazu frage ich mich, ob die Kritik Nietzsches am Christentum also diejenigen Christen treffen sollte, die sich selbst zu hassen schienen. Aber wie passt dazu Nietzsches Hochschätzung der Starken gegenüber den Schwachen und Lebensunfähigen, die später vom Nationalsozialismus so schändlich ausgenutzt (oder missbraucht) wurde?

Hundertprozentig Recht haben Sie (S. 21) mit Ihrer „Erkenntnis, dass die Nächstenliebe keine Erfindung des Christentums, sondern bereits als ‚Biblische Nächstenliebe‘ im AT grundgelegt ist“. Auch viele christliche Theologen, Frank Crüsemann, Klaus Wengst, Ton Veerkamp, auch schon Cornelis Miskotte und Karl Barth, legen Wert darauf, dass der christliche Glaube im jüdischen wurzelt. Ich selber bin auch schon in vielen Predigten davon ausgegangen, z.B. über Das Doppelgebot der Liebe und die Flüchtlinge oder zum Thema Die andere Wange hinhalten.

Einer Ihrer Sätze über den Sabbat als Tag der Freiheit „für meine Angehörigen und Freunde und für mich selbst“ enthält ein nicht ganz stimmiges Urteil: „Es war ein Fehler, dass ein allzu reformeifriger römischer Kaiser (Konstantin) meinte, diesen von Gott gegebenen Ruhetag durch den Sonntag, den Tag des sol invictus, des unbesiegten Sonnengottes, ersetzen zu müssen.“

Nein, es war nicht erst Konstantin, der den Sabbat durch den Sonntag ersetzte. Bereits im 2. Jahrhundert wurde der Sonntag von Christen gefeiert, und zwar zunächst (ähnlich wie später der Freitag bei den Muslimen) als Tag der religiösen Besinnung, nicht der Arbeitsruhe, und als politisches Zeichen, dass nicht der Kaiser, sondern der auferstandene Christus als Herr angebetet wird. Damit passt zusammen, dass auch nach der Anerkennung des Christentums als tragender Religion des römischen Kaiserreichs der Kaiser es nicht immer leicht hatte, sich mit seinen Wünschen gegen die Bischöfe der Kirche durchzusetzen und die Streitigkeiten der unterschiedlich denkenden Christen zu schlichten (dazu bietet das Buch von Hartmut Leppin, Die frühen Christen, sehr aufschlussreiche Fakten und Einsichten).

Richtig ist, dass Konstantin dann mit seiner Festsetzung des Sonntags als Ruhetag sowohl die Wünsche der sich vom Judentum abgrenzenden Kirche als auch des Mithraskultes bediente, der sich mit dem Kult des Sonnengottes (sol invictus) verbunden hatte.

Aber falsch ist es wiederum, das nachkonstantinische Christentum voll und ganz auf einen Kult des sol invictus zurückzuführen. Jesus wurde schon lange zuvor als göttlich angebetet, aber nicht als zweiter Gott neben dem Einen jüdischen Gott, sondern als Verkörperung des Geistes der Liebe dieses Einen Gottes. Zwar verbanden sich mit einer solchen jüdischen Gottessohn-Theologie auch hellenistisch-heidnische Gottessohn-Vorstellungen, das ging aber nie so weit, dass man in Jesus einen zweiten Gott neben Gott-Vater anbetete oder ihn gar mit dem heidnischen Sonnengott identifizierte. Eher übertrug man umgekehrt die Vorstellung von der Macht des unbesiegbaren Sonnengottes auf den Sohn des biblischen Einen Gottes.

In der Tendenz Ihrer Aussage bin ich allerdings mit Ihnen einig, wie sehr es zu beklagen ist, dass in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten das Judentum und das Christentum als rivalisierende Religionen entstanden sind, die wie feindliche Geschwister miteinander umgingen. Ein Aspekt dieser Rivalität wurde die Abgrenzung der Christen von den Juden durch den Sonntag als alternativen Ruhetag. Wenn es aber heute möglich ist, dass Juden und Christen einander im Geist eines respektvollen interreligiösen Dialogs auf Augenhöhe begegnen, dann kann es völlig in Ordnung sein, dass in beiden Religionen ein anderer Wochentag als Tag der Ruhe begangen wird.

Im letzten Abschnitt Ihres Aufsatzes (S. 22) erwähnen Sie im Zusammenhang mit einer abschließenden Wertschätzung von Nachhaltigkeit und Bildung, dass es im Lateinischen „erstaunlicher Weise für Spiel und Schule noch ein einziges Wort [gibt], nämlich ludus“. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die etymologische Ableitung des Wortes „Schule“ vom griechischen „scholē“ = Muße? Ralph Davidson hatte ja „Schule“ vom hebräischen „Schulchan“ statt vom lateinischen „schola“ ableiten wollen und Elias Levitas Übertragung (nicht wörtliche Übereinstimmung!) von „Schul“ mit „synagoga“ als Argument für die nicht-lateinische Etymologie des deutschen Wortes „Schule“ verwendet.

↑ Die jüdisch-islamische Kultur von Al-Ándalus im Mittelalter (S. 27-63)

Ihren zweiten Aufsatz über Al-Ándalus finde ich äußerst interessant, da ich mich in der Geschichte der iberischen Halbinsel überhaupt nicht auskenne. Geographisch grenzen Sie dieses Gebiet folgendermaßen ab (S. 28):

Der Begriff Al Ándalus ist weiter zu fassen als das heutige Andalusien. Es reichte nicht nur weiter nördlich als heute, sondem umfasste auch Territorien in Nordafrika und auf den Balearen.

Ich fühle mich durch Ihre Ausführungen gut informiert, habe allerdings auch einige Einwände und kritische Nachfragen zu den im Folgenden aufgeführten Punkten:

↑ Lebten in Iberien ausschließlich arianische Christen?

Al Ándalus im frühen Mittelalter schildern Sie als einen Raum (S. 29), indem es „drei Religionen, aber nur eine Kultur“ gibt. Dabei nehmen Sie an, dass eine Symbiose von Judentum und Islam wohl eher mit dem arianischen Christentum möglich gewesen sein muss als mit dem römisch-katholischen, da die Arianer nicht an die Wesensgleichheit von Jesus als dem Sohn Gottes mit Gott, dem Vater, glaubten. Weiterhin schreiben Sie:

Es gibt immer deutlichere Anzeichen dafür, dass das arianische Christentum sich in lberien und anderen Teilen Europas länger gehalten hat, als die amtliche Mediävistik zugestehen will. Das römisch-katholische Christentum hat also in Iberien … viel später Fuß gefasst, als man bisher glaubte.

Aber sind Sie sicher, dass in Iberien für lange Zeit ausschließlich Arianer lebten, die die im Konzil von Nicäa beschlossene Wesensgleichheit von Jesus mit Gott ablehnten? Nach Wikipedia sollen es eher Homöer gewesen sein, also Christen, die eine Wesensähnlichkeit Jesu mit Gott vertraten, die in Iberien neben lateinisch-nicänischen Christen existiert haben. Später schreiben Sie (S. 41):

Eine christliche Synode musste schließlich das mutwillige Martyrium verbieten, womit der religiöse Friede wieder hergestellt war.

Muss eine solche Synode nicht eine katholische Synode gewesen sein? Das würde bestätigen, dass es auf jeden Fall auch lateinisch-nicänische Christen neben den ketzerischen Homöern (die Sie Arianer genannt haben) gegeben haben muss.

↑ War der kulturelle Islam in Iberien der Erbe Roms?

Weiterhin zitieren Sie E. G. Ferrín mit einer Behauptung, die ich für durchaus plausibel halte (S. 29):

„Die neue kulturelle Ordnung im südwestlichen Mittelmeer beerbte gewissermaßen Rom“, „der kulturelle Islam präsentierte sich als Erbe Roms mit viel mehr Legitimität als das so genannte Heilige Reich, das in Aachen erstanden war, wobei es vorgab, wiederauferstanden zu sein.“

Aber wie verträgt sich das mit der von Ihnen in anderen Büchern unterstützten These von Lucas Brasi, dass es die griechisch-römische Antike überhaupt nicht gegeben habe?

↑ Was ist von dem Islamwissenschaftler Günter Lüling zu halten?

Sodann beziehen Sie sich auf islamwissenschaftliche Außenseiter und auf die von Chronologiekritikern angenommene mittelalterliche Phantomzeit-Hypothese, derzufolge das Mittelalter um drei Jahrhunderte kürzer als nach der offiziellen Chronologie sein soll (S. 30):

Seit den Forschungen von Lüling, Luxenberg und Olagüe steht neben der für die christliche Historiographie relevanten Phantomzeit auch die Geschichte des frühen Mittelalters der Moslems und der Juden auf dem Prüfstand.

An dieser Stelle möchte ich nicht auf die Spekulationen über die Phantomzeit eingehen, allerdings ein wenig Wasser in den Wein Ihrer Hochschätzung des angeblich von der Islamwissenschaft verkannten Günter Lüling gießen. Ich habe mich inzwischen auch mit mehreren seiner Bücher intensiv auseinandergesetzt, aber seine Beweisführungen, die über das hinausgehen, was Hans-Joachim Schoeps, „Theologie und Geschichte des Judenchristentums“, Tübingen 1949, über eventuelle Zusammenhänge des Urchristentums mit der Entstehung des Islam vermutet, haben mich im Ganzen nicht wirklich überzeugt, zumal Lüling seine Sicht des Islam in die Wertschätzung eines ursprünglich paganen Höhenkults einbaut, den er in massiv polemischer Weise eigentlich gegen alle Formen des Judentums, Christentums und Islams als die einzig wahre und anerkennenswerte Religion in Stellung bringt. Aus den folgenden Seiten 276-277 in seinem Buch „Die Wiederentdeckung des Propheten Muhammad. Eine Kritik am ‚christlichen‘ Abendland“, Erlangen 1981, geht deutlich hervor, wie abwegig seine Vorstellungen letztendlich sind (schon seine diametrale Entgegensetzung von Israel und Juda hält keiner historischen Überprüfung stand):

Tatsächlich: Jesus stand weder in der jüdischen alttestamentlichen Tradition noch in der hellenistischen, sondern in der semitischen volksreligiösen Tradition. Und das Herz dieser semitischen volksreligiösen, besonders im israelitischen Nordreich lebendig gebliebenen Tradition war sehr natürlicher Weise die steinzeitliche pagane Tradition des Höhengrabeskultes, in dem der Blutrechtsgedanke vom für Gerechtigkeit leidenden und sterbenden und wiederauferstehenden Stammesfürsten in zeitbedingter Abwandlung weitergelebt hatte. Diese volksreligiöse Tradition war nicht nur israelitisch sondern auch aramäisch und deshalb auch abrahamitisch, denn der Stammvater Abraham war ein Aramäer.

Es sollte also klar sein, warum sich das hellenistisch-römische Reichs-Christentum die Traditionen Judas einverleibte und sie weiterpflegte, während die Judenfeindlichkeit der peripheren israelitischen Stämme Samariens, Galiläas und Transjordaniens sich über das Urchristentum bis in den Islam fortpflanzte. Es ist die Zentralstaatsideologie einerseits und das Festhalten an der volksreligiösen stammes-, sippen- und familiengebundenen Ordnung andererseits, die für diese Jahrtausende währende Polarisation den Mutterboden boten.

In der Gegnerschaft zwischen dem großstaatsideologischen Südstaat Juda und dem volksreligiösen Nordstaat Israel liegt auch begründet, daß man bis heute von der „jüdischen Religion“ spricht und nicht von der „israelitischen Religion“. (Und man mache sich klar, daß die jüdische Religion entstanden ist als die Religion einer Minderheit Gesamtisraels!) Denn die „israelitische Religion“, die Religion des antijüdischen Nordreichs Israel, mündete in das Urchristentum (und schließlich in den abrahamitischen Islam), und deshalb hat man in der alten christlichen Kirche immer davon gesprochen, daß das Christentum „das wahre Israel“ sei. Nie hat man „das wahre Juda“ {277} sein wollen. Und dennoch, – so widersprüchlich entwickelt sich Geschichte! – , hat das schließlich aus allem innerchristlichen dogmatischen Streit siegreich hervor-gehende hellenistische Christentum diese semitisch-volksreligiösen Traditionen der Stämme Altisraels und des Urchristentums verraten. Denn es hat einerseits das dem eigenen römischen staatsideologischen Wesen entsprechende schriftprophetische Alte Testament, die religiöse Urkunde des großstaatsideologischen Südstaats Juda, dem hellenistisch-imperialistisch interpretierten Neuen Testament stützend an die Seite gestellt und andererseits die apokalyptischen Schriften des Urchristentums (s.S.74f) verdrängt samt der Erinnerung, daß und warum und wie sehr im Nordreich Israel und später im Urchristentum aus alter Tradition eine grundsätzliche Opposition gegen die „jüdische Religion“ und ihre Urkunde, das Alte Testament, bestanden hatte.

↑ Wie weit zurück reicht eine protosemitische Kultur in Iberien?

Indem Sie sich unter anderem auf sprachwissenschaftliche Forschungen berufen, nehmen Sie an, dass es in Iberien schon lange vor Christi Geburt eine jüdische oder zumindest protosemitische Kultur gegeben hat (S. 31 und 39f.):

Nach Theo Vennemann und Jacques Touchet gab es in Iberien eine protosemitische Kultur, selbst der Name „lberien“ ist semitisch (ibrit = hebräisch).

[Die] für Ándalus so ausgeprägte Nähe der Juden zu den Moslems/Arabern lässt sich vielleicht durch das wohl weit in die Antike zurückreichende semitidische bzw. protosemitische Erbe lberiens, auf welches Theo Vennemann und Jacques Touchet immer wieder hinwiesen, erklären. Sie deuten Iberien als das Land der „Ibrit“, also hebräisch, sprechenden Menschen. Die klassische Ableitung des Begriffes Iberien vom Fluss Ebro greift auf jeden Fall zu kurz.

Hierzu würde mich interessieren, wie genau Vennemann und Touchet ihre Etymologie des Wortes Iberien belegen und ob es genauere Belege darüber gibt, auf welche Weise hebräisch-sprechende Völker oder Juden nach Iberien gekommen sein können.

↑ Geht die Kollektivschuldthese der Juden am Tode Jesu auf Petrus Alfonsi zurück?

Zu Ihren Ausführungen (S. 57ff.) über Petrus Alfonsi habe ich zunächst die Frage, ob er tatsächlich identisch ist mit Peter von Toledo – nach Wikipedia wird diese Gleichsetzung zumindest von James Kritzeck bestritten. Abgesehen davon geben Sie seine Lebensdaten mit 1062-1110 an. Das passt weder damit zusammen, dass Petrus Alfonsi im Jahr 1115 sein Werk Disciplina clericalis herausgegeben hat, noch damit, dass Peter von Toledo in den Jahren 1142-43 an einer Koranübersetzung beteiligt gewesen sein soll. Wichtiger ist mir aber, dass Sie behaupten (S. 59):

Nur wenigen Menschen von heute, nicht einmal Historikern ist wirklich bekannt, dass die lange Zeit bis ins 20. Jahrhundert hinein praktizierte Kollektivschuldthese der Juden am Tode von Jesus auf den jüdischen Konvertiten Petrus Alfonsi zurückgeht.

Diese Aussage ist definitiv falsch. Marcel Simon, Verus Israel, S. 208, weist nach, dass die Kollektivschuldthese bereits von vielen christlichen Autoren der ersten Jahrhunderte als Baustein eines christlichen Antijudaismus verwendet wird, z. B. von „Eusebius, Gregor von Nyssa, Asterius von Amasa und besonders Johannes Chrysostomus“, indem sie sich u.a. auf das Johannesevangelium berufen:

Die Juden waren hassenswert, weil sie Christus töteten, seine Jünger verfolgten und seine Lehre zurückwiesen. „Pilatus trachtete danach, ihn freizulassen, aber die Juden schrien… ‚Weg mit ihm! Weg mit ihm! Kreuzige ihn!“ (Joh 19,12.15). Die Verantwortung für das Verbrechen fällt daher auf das ganze Volk, und es ist ein Verbrechen, dass die christlichen Autoren als Gottesmord darstellen.

↑ Hat Petrus Alfonsi wirklich Schwachstellen im Alten Testament aufgedeckt?

Weiter schreiben Sie unter Bezug auf Petrus Alfonsi (S. 59f.):

Bei der Verteidigung der christlichen Lehre in den Dialogi VI bis XII entdeckt er zugegebenermaßen auch einige Schwachstellen im Alten Testament, auf welche inzwischen auch neuere Forscher wie Langbein aufmerksam machten, z.B. das nicht wirklich geklärte Phänomen verschiedener Namen für Gott, bei Elohim sogar im Plural. Seine berechtigte Kritik richtet sich auch gegen die Erschaffung Evas aus dem Fleisch Adams.

Widersprechen Sie hier nicht Ihrer Aussage im ersten Aufsatz über den Einen Gott der Juden? Warum sollte es ein Problem sein, verschiedene Bezeichnungen oder Namen für Gott zu verwenden? Allah hat im Islam sogar 99 Namen. Abgesehen davon ist „Elohim“ kein Gottesname, sondern der hebräische Allgemeinbegriff für Gott bzw. Gottheit (als Plural von „El“), während JHWH der unaussprechliche Name des Gottes Israels war. Dass es Götter gab, ist für das Alte Israel selbstverständlich, aber es gab nur einen wahrhaft lebendigen Gott, der ihre Anbetung verdiente und der nicht in einem Bild dargestellt und angebetet werden durfte, weil er „nur Stimme“ war und im Gegensatz zu den Göttern anderer Völker nicht unterdrückte, sondern befreite.

Auch Alfonsis Kritik an der Art der Erschaffung der Frau kann ich nicht als berechtigt ansehen. Denn Eva wird nicht aus dem Fleisch Adams, sondern aus seiner Seite geschaffen. Genau genommen entsteht sie nicht einmal aus dem Mann, sondern aus dem Erdling = Menschen (unisex) = ADAM, und erst nach ihrer Erschaffung wird aus Adam ein ISCH (Mann) im gleichrangigen Gegenüber zur ISCHA (Frau – Luther versucht das Wortspiel mit dem Wort „Männin“ aufzugreifen).

↑ Ist die alternative Bibelauslegung im Werk zur „Urmatrix“ ernstzunehmen?

Nebenbei erwähnen Sie während Ihrer Beschäftigung mit Petrus Alfonsi ein Werk des 21. Jahrhunderts (S. 60):

„Dass man bei der Interpretation der Genesis des Alten Testaments auch zu anderen Ergebnissen als die Schulwissenschaft gelangen kann, zeigen Vogl und Benzin in ihrem Werk zur ‚Urmatrix‘. Vogl und Benzin halten sich anders als Petrus Alfonsi mit ihrer exakten buchstabengetreuen Auswertung strikt an den Buchstaben der Genesis.“

Dazu möchte ich hier nur kurz fragen: Ist Ihnen bewusst, dass Vogl und Benzin in ihrem Buch „Die Entdeckung der Urmatrix“ mit Ihrer Bibelauslegung bewiesen zu haben glauben, dass mit „Elohim“ nicht etwa der Eine Gott Israels gemeint sein soll, sondern außerirdische Menschen, die in der Urzeit die irdischen Menschen geschaffen und mit ihrer eigenen DNS ausgestattet haben? Würde das nicht Ihrer gesamten eigenen religiösen Einstellung widersprechen, wie Sie sie in Ihrem Aufsatz über das Alte Testament und in Ihrer Wertschätzung von jüdischen und christlichen Autoren wie Maimonides und Papst Benedikt XVI. ausgedrückt haben?

↑ Islamisch-christlich-jüdische Kooperation – multikulturelles Modell und Vorbild für die Gegenwart

Wie gesagt, die eben aufgeführten kritischen Anmerkungen und Fragen beziehen sich nur auf einen kleinen Teil Ihres im Übrigen hochinteressanten und aufschlussreichen Aufsatzes über das durch kulturelle und religiöse Vielfalt geprägte Iberien bzw. Al-Ándalus im Mittelalter, den ich zur eingehenden Lektüre nur empfehlen kann.

↑ Gesundheit, Hygiene und Krankheit bei Maimonides (S. 65-115)

In Ihren drei Beiträgen über Maimonides (hier stehen die Seitenangaben aus Ihrem Buch hinter den jeweiligen Zitaten) beweisen Sie Ihre grundlegenden Kenntnisse über diesen großem jüdischen Gelehrten des Mittelalters und Ihre sorgfältige Auswertung historischer Quellen. In meinen Bemerkungen möchte ich unterstreichen, was mich an der Gedankenwelt des Maimonides besonders beeindruckt hat, und einige Fragen stellen, die zum weiteren Nachdenken anregen.

Wie so viele Muslime und dem Islam nahe stehende Juden leistete auch Maimonides einen überwältigenden Beitrag dazu, das Wissen der alten Ägypter und Griechen, nicht zuletzt von Aristoteles, Hippokrates und Galen, ins Arabische, Hebräische und Lateinische zu übertragen. (S. 67)

In seinen religiösen und philosophischen Vorstellungen ist Maimonides nicht nur von den heiligen Schriften der Juden (Thora, Talmud, Mischna etc.), sondern auch von den griechischen Klassikern, nicht zuletzt Aristoteles, und Ärzten geprägt. Der Arzt Maimonides weitet als Quellen für seine medizinischen Schriften neben den jüdischen Schriften und der jüdischen Tradition auch die Werke der antiken griechischen Ärzte Hippokrates und Galen aus. (S. 108f.)

Nochmals stelle ich eine schon oben geäußerte Frage: Wenn Sie auf diese Weise der andalusischen islamisch-jüdischen Mischkultur eine wichtige Überträgerfunktion des antiken Wissens zuschreiben und Maimonides auch als Erben der griechischen philosophischen und medizinischen Tradition betrachten, müssten Sie dann nicht folgerichtig Lucas Brasis These von der erfundenen Antike rundweg ablehnen?

„Der Arzt muß … immer die Jahreszeit berücksichtigen, denn sie beeinflußt die Körpersäfte. Schleim, der kälteste Saft, nimmt im Winter zu. Darum herrschen im Winter Schleimkrankheiten vor, und man sieht die Leute niesen und sich schnäuzen. Im Frühjahr ist der Schleim im Körper noch stark, aber das Blut nimmt zu; denn es ist feucht und warm wie der Frühling. Darmkatarrhe und Nasenbluten treten in dieser Zeit nicht selten auf. Der heiße und trockene Sommer regt die Gallenabsonderung an, und die Galle beherrscht den Körper bis zum Herbst. Die Menschen erbrechen Galle, ihr Stuhlgang enthält gallige Bestandteile, und die Haut färbt sich oft gelb. Der Herbst ist eine trockene Jahreszeit, es wird kälter, und die schwarze Galle gewinnt die Oberhand. So sind also die vier Körpersäfte im Menschen immer vorhanden, genau wie die Eigenschaften heiß, kalt, trocken und feucht in der Natur, aber nicht immer in der gleichen Mischung, und das erklärt die ungleiche Empfänglichkeit des Menschen für Krankheiten, je nach der Jahreszeit.“ (S. 71)

Zu dieser jahreszeitabhängigen Lehre von den vier Körpersäften frage ich mich, ob Maimonides auch berücksichtigt hat, dass die Jahreszeiten im mediterranen Raum anders ausgeprägt sind als etwa in Mittel- und Nordeuropa oder in den Tropen. Schlagen sich auch solche geographischen Unterschiede in seiner Lehre nieder?

„Hippocrates sagte: Das Leben ist kurz, lang die Kunst, die Zeit knapp, Erfahrung gefährlich und das Urteil schwierig. Du sollst dich nicht damit begnügen, allein das zu tun, was angemessen ist, ohne dass der Patient und seine Bediensteten auch das Gleiche und auch die externen Angelegenheiten erledigen“.

Maimonides interpretiert das kurze Leben und die lange Kunst in dem Sinne, dass selbst ein langes Leben für einen Wissenschaftler nicht ausreicht, um eine Perfektion in seiner Wissenschaft, z.B. in der Medizin, zu erlangen. (S. 72f.)

Maimonides bringt das im folgenden Satz, der sich übrigens ganz allgemein auf jede Wissenschaft anwenden lässt, auf den Punkt: „Das Leben eines Individuums reicht nicht aus, um alle diese Disziplinen der Medizin vollständig zu beherrschen.“ (S. 74)

Dazu fällt mir ein, dass Sie Ralph Davidson ja zubilligen, der letzte Universalgelehrte zu sein. Aber wenn der Satz des Maimonides schon damals für die Medizin galt, wie viel unmöglicher muss es heute sein, wirklich universal gebildet zu sein! Ich denke, es zeigt sich bei Davidson eher, dass es eben nicht ausreicht, auf vielen Gebieten ein paar kluge Intuitionen und kritische Anfragen zu haben, sich in Wirklichkeit aber auf keinem Gebiet wirklich auszukennen.

[Es] gelingt … Maimonides in seinen eigenen Aphorismen, die „General Rules of Health“, ein schwieriges geradezu uferloses Gebiet der allgemeinen Medizin, in einer lockeren Art und Weise zu behandeln und dem Leser, ohne dass er medizinisch vorgebildet sein muss, zu vermitteln. Die Aphorismen des Maimonides wenden sich – anders als die hippokratischen Aphorismen – mindestens genauso eindringlich an die Patienten wie an die Ärzte. (S. 76f.)

Bei diesen allgemeinen Gesundheitsregeln des Maimonides, die Sie ausführlich referieren, enthalten Sie sich jeden Kommentars. Ich vermute mal, dass Sie nicht jede seiner Regeln einfach ungeprüft in die heutige Zeit übertragen würden, sondern sie in ein Gespräch mit heutigen medizinischen Ratschlägen bringen wollen.

Das oberste Ziel des gesundheitsbewusst lebenden Menschen ist also die seelische Harmonie mit Gott. (S. 90)

Körper und Seele bilden bei ihm eine untrennbare Einheit, man kann darum in ihm auch einen frühen Vertreter der Psychosomatik und in Ansätzen sogar der Psychotherapie sehen. … Diese Verbundenheit von Seele und Körper ist jedoch kein Selbstläufer. Um diese Harmonie und das seelisch- körperliche Gleichgewicht aufrechtzuerhalten bzw. dieses – als Folge von Krankheit und falschem Lebenswandel – wiederherzustellen, muss der gesundheitsbewusste Mensch, der über die Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse hinausstrebt, also nicht nur seinen Körper bewegen und trainieren, sondern auch durch sein Verhalten und nicht zuletzt durch seine religiöse und sittliche Einstellung dafür Sorge tragen, dass Geist und Seele nicht verkümmern und im Gleichgewicht bleiben. Bei Maimonides bilden somit auch Religion und Ethik eine untrennbare Einheit. (S. 109)

Hier weisen Sie auf besondere Stärken von Maimonides‘ Gesundheitslehre hin, die in ein Wissen um psychosomatische und geistliche Zusammenhänge eingebettet ist – sehr beeindruckend und modern anmutend!

Ein wichtiger Aspekt der Hygiene in Antike und Mittelalter war auch das regelmäßige Baden. Öffentliche Bäder – meist mit Hypokaustenheizung – gab es in der Antike nicht nur in Großstädten wie Rom und Alexandria, sondern sogar in kleineren römischen Siedlungen sogar an den Grenzen des Reiches. Diese antike Badekultur übernahmen die Muslime und brachten sie auch nach lberien. (S. 95)

Wenn man bedenkt, dass eine solche Kultur der Volksbäder in unseren Breiten erst wieder um 1900 entstanden ist (oder irre ich mich?), sind diese damaligen Errungenschaften erstaunlich.

Erstaunlich ist, dass der Mann mit seiner Frau in der Freitagnacht sexuell verkehren soll. Es ist jedoch zu befürchten, dass der Verkehr sich in den Sabbat hinein erstreckt. An diesem Tag der Ruhe sollte ein frommer Jude weder schwere Arbeiten verrichten noch mit einer Frau verkehren. (S. 103)

Diese Befürchtung erweist sich als gegenstandslos, wenn Sie beachten, dass der jüdische Tag mit dem Sonnenuntergang des Vortages beginnt. So heißt es in 1. Mose 1,31:

Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Aus diesem Vers wird erstens deutlich, dass nach jüdischem Verständnis der Tag mit dem Abend beginnt, und zweitens, warum gerade der der Freitag für den Beischlaf empfohlen wird – immerhin ist der Freitag der sechste Tag, an dem nach den Landtieren auch Mann und Frau erst erschaffen wurden. Die Freitagnacht geht also gar nicht in den Tag der Sabbatruhe über, sondern ist definitionsgemäß die Nacht von Donnerstag auf Freitag – so gibt es keinen Konflikt mit der jüdischen Tora.

Maimonides, der hier voll in der jüdischen Tradition steht, [behandelt] zumindest in der Sexualität Mann und Frau als gleichwertige Partner… Die Frau ist für ihn kein Sexualobjekt und darf auch nicht zum Sex gezwungen werden. … Der Hinweis, dass beide glücklich sein sollen, lässt vermuten, dass nicht nur der Mann auf seine Kosten, sondern auch die Frau zum Orgasmus kommt. Man gewinnt auch aus diesen wegweisenden Worten des Maimonides den Eindruck, dass, anders als im Christentum, im Judentum des Mittelalters weder die Sexualität im Allgemeinen noch die Sexualität der Frau im Besonderen verteufelt werden. (S. 103f.)

Für den Hinweis auf diese einfühlsame Sexualpädagogik des Maimonides bin ich Ihnen besonders dankbar. Sie mag letzten Endes auf Einstellungen zurückgehen, die sich auch in den Liebesliedern des Hohenlieds der Liebe Salomos niedergeschlagen haben und die heutzutage auch im Christentum selbstverständlich geworden sind.

Der kluge Mann behandelt einen anderen mit Diplomatie und berücksichtigt auch dessen Gemütsverfassung, z.B. wenn einer zornig ist. Nicht reden soll er auf der Straße mit einer Frau, nicht einmal mit seiner eigenen, seiner Schwester und Tochter. Diese für uns heute seltsam anmutende Zurückhaltung mag sicher damit zusammenhängen, dass die sog. anständigen Frauen aus guten Familien das Haus nur selten oder in Begleitung eines Dieners oder Sklaven verlassen und dass zahlreiche Dirnen und anderes übel beleumundetes Volk auf den Straßen verkehrt haben. Mit diesem Ansprechverbot wollte Maimonides wohl auch erreichen, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht belästigt worden sind. Diese Bestimmung darf man also nicht als einen Akt der Frauenverachtung auslegen. (S. 105f.)

Was Sie hier in verständnisvoller Weise bei Maimonides interpretieren, erinnert mich daran, dass in ähnlicher Weise auch im Koran die Vorschrift zur Bedeckung der Frau ursprünglich begründet wird.

Im Zweifelsfall sollte er [ein weiser Mann] nicht auf der Seite der Verfolger, sondern eher der Verfolgten, nicht auf Seiten der Erniedriger, sondern der Erniedrigten stehen. Die Ansätze der modernen jüdischen Underdog-Mentalität reichen also schon weit zurück. (S. 108)

Damit greift Maimonides zentrale Anliegen der Tora und der Propheten auf.

Es gibt eine wichtige Stelle bei Maimonides, welche die immer wieder von christlicher Seite behauptete Devise des jüdischen „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ Lügen straft, nämlich das Gespräch zwischen Reuben und Simeon. Reuben zu Simeon: „Vermiete mir dieses Haus oder leihe mir diesen Ochsen.“ Simeon lehnt ab. Nach einer Weile kommt Simeon zu Reuben, „von ihm zu borgen oder zu leihen“. Da spricht Reuben zu ihm die klassischen Worte: „Das hier ist für dich. Beachte, dass ich dir das leihe, denn ich bin nicht so wie du. Ich werde dir nicht nach deinen Taten vergelten.“ Maimonides findet jedoch im Verhalten des Reuben noch einen Makel, weil er durch seine Kritik, dass er nicht so sei wie Simeon, noch Groll und Neid in seinem Herzen trage und damit noch nicht in vollem Maße wie ein wahrhaft Gerechter gehandelt habe. (S. 111f.)

Auch für diesen Hinweis bin ich Ihnen sehr dankbar. Inzwischen ist im Übrigen auch vielen Christen bewusst, dass schon dem biblischen Grundsatz „Auge und Auge, Zahn um Zahn“ keine Vergeltungsmentalität entsprach, sondern ein rechtliches Verfahren angemessener Schadenersatzleistung im Falle von Körperverletzungen. Ursprünglich ging es wohl darum, dass ausufernde Blutrache dadurch eingedämmt werden sollte, dass eine Körperverletzung nicht mit dem Tode, sondern einer gleichwertigen Verletzung bestraft werden sollte. Aber in der Praxis hat man auch kaum ein Volk von einäugigen oder verkrüppelten Männern haben wollen, sondern schon früh traten materielle Ersatzleistungen an Stelle von Körperstrafen, was zum Beispiel eine Stelle wie 2. Mose 21, 26f. deutlich macht:

Wenn jemand seinen Sklaven oder seine Sklavin ins Auge schlägt und zerstört es, der soll sie freilassen um des Auges willen. Desgleichen wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er sie freilassen um des Zahnes willen.

Und in 3. Mose 24, 17-18 heißt es:

Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. Wer aber ein Stück Vieh erschlägt, der soll‘s ersetzen, Leben um Leben.

Zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen, ist nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondem auch der Gerechtigkeit, im Grunde auch angewandte Nächstenliebe. Damit er auf diesem Wege nicht erlahmt, wird er immer wieder aufgefordert, Kontakte zu ungebildeten Menschen weitestgehend zu vermeiden, mit weisen Männern zu essen und zu trinken wie auch mit ihnen in allen Arten von Beziehungen zu verkehren. … Die Folgerungen, welche Maimonides aus seinem geradezu radikalen Bildungsideal zieht, sind sehr weitgehend. Wer wirklich weise sein will, soll sich sogar darum bemühen, die Tochter eines Gelehrten zur Frau zu nehmen und seine eigene Tochter einem Gelehren zur Frau zu geben. (S. 112f.)

An dieser Stelle finde ich die Einstellung des Maimonides aber doch reichlich elitär. Dieses Bildungsverständnis entspricht ja einem Mehrklassensystem. Und ob die Ehefrauen bzw. Töchter der Gelehrten tatsächlich auch an der Bildung ihrer Ehemänner und Väter aktiven Anteil haben dürfen, bleibt auch offen.

Maimonides ist sich bewusst, dass Bildung und überhaupt das Zusammenleben der Menschen ein infrastrukturelles Fundament benötigen. Die Kultur des Geistes braucht somit als Basis die materielle Kultur, den materiellen Unterbau nach Karl Marx. Maimonides hält es darum für notwendig, „der Verbesserung von Luft und Wasser und danach der Verbesserung der Nahrungsmittel Aufmerksamkeit zu schenken.“ … Maimonides hat schon lange vor unserem umweltbewussten Zeitalter erkannt, dass Luft und Wasser, die in den muslimischen Großstädten und Ballungs­räumen des Mittelalters, welche die sephardischen Juden des Mittelalters bevorzug­ten, bereits damals verschmutzt und verseucht waren, sich auf die drei Grundpneu­mata der Menschen auswirken und durch die Störung des Gleichgewichts zwischen diesen alle möglichen Arten von Krankheiten entstehen. Ökologische Vorstellungen fließen darum logischer Weise auch in seine medizinische Therapie ein. (S. 113f.)

Nochmals vielen Dank für diese Hinweise auf einen zukunftsweisenden Gelehrten!

↑ Das Medizinsystem des Moses Maimonides (S. 117-130)

Ihren Vortrag über das Medizinsystem des Maimonides verbinden Sie mit einem Überblick über Leben und Werk dieses universalen Forschers, der sich nicht nur als Arzt, sondern auch als Philosoph, Theologe und Seelsorger verstand – Letzteres vor allem in seinem Buch „More Nevuchim“ = „Führer der Unschlüssigen“. Wegweisend im Blick auf seine Integration philosophischer und theologischer Einsichten finde ich Ihren Satz:

Die Anwendung der dialektischen Methode – in Verbindung mit der Dialog-Methode – zeigt ihn als Vorläufer der modernen Philosophie (Hegel, Marx). Allerdings weisen Hegel und Marx Defizite in der Humanitas auf! (S. 120)

Beeindruckend ist weiterhin die „aus Theologie und Philosophie“ abgeleitete (S. 125) ganzheitliche Sicht von Gesundheit und Krankheit des Menschen bei Maimonides. Er verstand Medizin „als Kunst“, nicht als bloß mechanisch anzuwendendes „Handwerk“ (S. 121), wusste von „Nebenwirkungen“ von Medikamenten („auch sog. Naturpräparate“) (S. 122) und legte Wert auf „Vorbeugung“ in vielerlei Hinsicht (S. 123), insbesondere auf „gesunde Ernährung“ (S. 124). Krankheit war für ihn nicht „nicht immer und überall eine Strafe Gottes“; er wusste um die „Bedeutung der Infektion“ (S. 125). Zur Heilung griff er sowohl auf „medizinische Werkzeuge und Geräte“ wie z. B. „Inhalationsgeräte bei Atembeschwerden“ zurück als auch auf den Grundsatz, dass der „Körper … mit der Seele im Gleichgewicht sein“ muss. „Es genügt nicht, sich entweder auf ein physisches oder auf rein psychisches Gleichgwicht zu beschränken.“ (S. 125)

Mit Recht weisen Sie abschließend darauf hin, in welch vielfältiger Hinsicht „Maimonides heute noch aktuell“ ist (S. 128)!

↑ Maimonides – Wege zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst (S. 131-147)

In Ihrem dritten Beitrag über Maimonides gehen Sie auf „wichtige Schriften (More Nevuchim, Aphorismen, Acht Kapitel, Asthma“ ein, die er als „Theologe, Philosoph und Arzt“ verfasst hat (S. 131). Dazu sind mir folgende Gedanken gekommen.

Der Jude Maimonides wurde erstaunlicherweise massiv durch die islamisch-muslimische Kultur und Wissenschaft … geprägt. Seine Haltung zum Islam war überwiegend positiv (Hasselhoff, S. 101-103) – Maimonides hat das Andere zum Eigenen gemacht! (S. 133)

Damit korrigieren Sie eine einseitige Einschätzung aus Ihrem Buch „Antijudaismus, Antisemitismus, Antizionismus, Philosemitismus – wie steht es um die Toleranz der Religionen und Kulturen?“, Nordhausen 2011, wo Sie auf S. 73 schreiben:

Ich erinnere hier an den Brief von Moses Maimonides aus dem 12. Jahrhundert, „daß es für Juden kein größeres Unglück gebe, als unter den Moslems zu leben.“

Dort haben Sie dieses Maimonides-Zitat aus Ralph Davidsons Buch „Der Zivilisationsprozess“, Hamburg 2002, S. 197, übernommen, der es wiederum mit einer vollständigen Ablehnung des Gedankens einer islamischen Toleranz verbindet („Daß es diese islamische Toleranz im Mittelalter gegeben haben soll, kam als Idee überhaupt erst gegen Ende des 19. Jhds in Europa auf. Beweise dafür gibt es jedoch keine.“)

Vielleicht interessiert es Sie, in welcher differenzierten Weise Bernhard Lewis in seinem Buch „Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert“, München 1987, auf S. 96f. die von Davidson und Ihnen zitierte islamkritische Äußerung des Maimonides darstellt:

Zur Zeit der Kreuzzüge und danach gab es eine spürbare Verschlechterung in der Stellung der Juden, wie auch anderer religiösen Minderheiten. Der Arzt und Philosoph Maimonides, dessen wissenschaftliche Schriften in arabischer Sprache und dessen Werk zur jüdischen Religionsphilosophie auf arabisch und hebräisch zu den größten Leistungen der arabisch-jüdischen Symbiose zählen, war selbst ein Opfer der neuerlichen Intoleranz. Daher beruhte der briefliche Rat, den er 1172 den Juden im Jemen erteilte, als auch sie sich dem Problem der Zwangsbekehrung gegenübersahen, ebenso auf persönlicher Erfahrung wie auf wissenschaftlicher Erkenntnis und religiöser Sorge. Es besteht ein eklatanter Gegensatz zwischen dem Brief des Maimonides an seinen hebräischen Übersetzer in Europa, in dem er vom Reichtum der arabischen Sprache und der Überlegenheit der arabischen Naturwissenschaft spricht, und jenem an die verfolgten Juden im Jemen, in dem er den elenden Zustand der Juden unter muslimischer Herrschaft bitter beklagt: „Ihr wißt, meine Brüder, daß Gott uns um unserer Sünden willen mitten unter dieses Volk zerstreut hat, das Volk des Ismail, das uns unnachsichtig verfolgt und auf Wege sinnt, uns zu schaden und uns zu entwürdigen … Kein Volk hat jemals Israel mehr Leid zugefügt. Keines hat es ihm gleichgetan, uns zu erniedrigen und zu demütigen. Keines hat es vermocht, uns so zu unterjochen, wie sie es getan haben.“

Diese kritischen Bemerkungen, die sicherlich unter dem Einfluß seiner eigenen, durch die jüngsten Nachrichten aus dem südlichen Arabien wiederaufgelebten Erinnerungen an Spanien und Marokko geschrieben wurden, lassen sich nicht als exaktes, allgemeingültiges Bild werten. Die Stellung, die Maimonides selbst innehatte, sein Stolz und sein Erfolg als Leibarzt und Führer der Gemeinde in Kairo bezeugen das Gegenteil. Doch unzweifelhaft ist an seinen Worten auch manch Wahres.

Maimonides hat einige Vorbehalte gegenüber dem Christentum – er zweifelt am Messias-Jesus (Hasselhoff S. 97-101). Er ist überzeugt, dass die wahre christliche Lehre durch die Nachfolger von Jesus verfälscht worden ist! Diese Auffassung vertrat dann im 19. Jahrhundert mit großer Radikalität auch der deutsche Philosoph und Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche. (S. 133)

Hier würde es mich interessieren, in welcher Weise Maimonides die christliche Lehre als verfälscht ansieht und ob Nietzsche sich in seiner Kritik auf Maimonides beruft bzw. ob Nietzsches Kritik überhaupt dieselbe Stoßrichtung hat.

Die Aufgabe der Ärzte bestünde eigentlich darin, dafür zu sorgen, dass ihre Patienten weder körperlich noch seelisch erkranken (Präventionsmedizin). Doch Maimonides ist sich bewusst, dass eine solche Gesundheitsvorsorge aus vielerlei Gründen nicht machbar ist (Erbsünde, Schwäche der menschlichen Natur, Mangel an Vernunft etc.). Auch der jüdisch-arabische Gelehrtenarzt kommt um das Heilungsgeschäft nicht herum. (S. 137)

Dass Sie das Stichwort „Erbsünde“ in diesem Zusammenhang erwähnen, wundert mich. Vertritt Maimonides denn tatsächlich die Erbsündenlehre, die doch eigentlich eher dem Christentum seit Augustinus eigen ist?

↑ Judentum, Christentum und Kulturtransfer (S. 149-192)

In diesem Aufsatz behandeln Sie Themen, die sowohl für Sie als auch für mich von zentralem Interesse sind, und Sie stützen sich zum Teil auf Vorarbeiten anderer Autoren, von deren Kompetenz ich weniger überzeugt bin als Sie. Ich versuche, Ihren Ausführungen nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden, stelle aber auch meine Bedenken so klar wie möglich heraus.

Zu Beginn spricht mich an (S. 149), wie hoch Sie „die Rechtsvorstellungen des Alten Testaments und des Talmud“ einschätzen. Ja, „jüdisches Leben“ war in der Tat sehr stark „von minutiös festgelegten rechtlichen Regelungen geprägt“, die sogar „in den Intimbereich des Familienlebens hinein“ reichten.

Wie passt es aber mit Ihrer Einschätzung zusammen (S. 150), dass in Europa „noch im Hohen Mittelalter das Römische Recht weitestgehend unbekannt war“, wenn doch bereits am Anfang des Hochmittelalters die Glossatorenschule von Bologna auf das klassische Römische Recht zurückgriffen?

↑ Waren Roger Bacon das Römische Recht und das Kanonische Recht unbekannt?

Eindeutig falsch ist Ihre Behauptung, dass auch „ein Universalgelehrter wie Roger Bacon … nur das jüdische Recht“ kennt und dass ihm das „Römische Recht … genau so unbekannt [ist] wie das sog. Kanonische Recht“.

Sie berufen sich dafür in Anm. 228 auf das Buch eines Autorenkollektivs „Antisemitismus in der Geschichtswissenschaft“ aus dem Jahr 2004, das im UBW-Verlag von Roman Landau erschienen, allerdings vergriffen ist. Landau selbst hat in seinem Buch „Der Aufstieg Europas. Wie modern war das mittelalterliche Christentum?“ (Hamburg 2006), S. 45f., diese Aussage folgendermaßen begründet:

Wie klärt man Unstimmigkeiten der Überlieferung? Man blickt in die Quellen. Vor mir liegt das Werk des wichtigsten europäischen Intellektuellen des 13. Jhds. Das ,Opus Majus‘ des Roger Bacon (R.B. Burke). Bacon scheint keine dieser beiden Legenden zu kennen, er verweist lediglich auf das jüdische Recht. Ihm scheint jede andere Rechtstradition völlig unbekannt zu sein, denn er versucht auch nicht andere Rechtstraditionen zu widerlegen. Nun ist ja allgemein bekannt, daß das sog. kanonische Recht 1140 von Gratian in Bologna gesammelt worden ist: „Um 1140 versuchte der Kamaldolensermönch Gratian .. die verstreuten Rechtsnormen (= canones) der Kirche zu sammeln und zu sichten. Sein Decretum Gratiani .. wurde der Grundstock des Corpus Juris Canonici, das bis 1918 das maßgebliche Rechtsbuch der Kirche geblieben ist.“ (Franzen, 209)

Aber auch davon scheint Bacon nichts zu wissen. Er sagt: „Es gibt nur eine perfekte Weisheit, und zwar die Weisheit der Schriften. Und diese muß durch Phi{46}losophie und das kanonische Recht erforscht (unfolded) werden.“ (Bd. 1, S. 36) Er läßt keinen Zweifel daran, daß er mit den Schriften das Alte Testament meint; Theologie ist für ihn die philosophische Auslegung der kanonischen Schriften. Wörtlich schreibt er:

„Die Bücher des Alten Testaments werden kanonische Schriften genannt. (..) weil ,canon‘ in Griechisch dasselbe bedeutet wie ,regula‘ in Lateinisch.“ (37) Der Eindruck, den viele Historiker gern vermitteln, daß es nämlich im Mittelalter eine eigenständige europäische Rechtstradition gegeben habe, ist falsch. Tatsächlich scheint das Mittelalter völlig unter dem Eindruck nicht nur der jüdischen Geschichte, sondern auch unter dem Einfluß des jüdischen Rechts gestanden zu haben.

Darauf bin ich in meiner Kommentierung zu Landaus Buch folgendermaßen eingegangen; ich möchte diese Ausführungen hier nur wiederholen:

In die Quellen zu blicken, ist ein löbliches Unterfangen. Aber wie Sie das tun, klärt überhaupt keine der von Ihnen unterstellten Unstimmigkeiten.

Zunächst einmal blicken Sie nicht in „die“ Quellen, sondern nur in eine, nämlich in ein Buch von Roger Bacon. (Welche Bedeutung der Name R.B. Burke haben soll, den Sie in Klammern anführen, ist mir nicht ganz klar – war er es, der Bacon als wichtigsten europäischen Intellektuellen des 13. Jahrhunderts bezeichnet hat? Wenn ja, in welcher Veröffentlichung?)

Und wenn man nun wirklich nur wenige kurze Blicke in das Opus Majus des Roger Bacon hineinwirft, dann stellt man auch noch fest, dass Sie in mehrfacher Hinsicht falsch liegen.

1. Es stimmt nicht, dass Roger Bacon nur das jüdische Recht kennt. Auf das Alte Testament bezieht er sich als mittelalterlicher Christ, der die christliche Religion höher einschätzt als das Judentum und den Islam und diese wiederum höher als heidnische bzw. polytheistische Religionen (so Bridges in seiner „Analysis of the ,Opus Majus‘“, S. clcvii-clxxi). Auf den Talmud scheint sich Bacon nirgendwo zu beziehen. Stattdessen schätzt er die Philosophie des Aristoteles sehr hoch ein und beklagt, dass viele Lateiner falsch aus der von ihm intensiv erforschten griechischen Sprache übersetzt hätten. In seinen moralphilosophischen Ausführungen bezieht er sich allerdings auch auf römische Autoren wie Cicero und Seneca.

2. Das Römische Recht ist Roger Bacon nicht etwa unbekannt; vielmehr ist er, der in Paris lehrte, wo Systeme philosophischer Theologie aufgebaut wurden, strikt gegen die Haltung der Universität von Bologna eingestellt, wo in der Nachfolge von Irnerius und anderen das zivile Römische Recht gleichberechtigt neben dem kirchlichen Kanonischen Recht gelehrt wurde. John Henry Bridges zitiert in seinem Vorwort des Opus Majus (S. lxxxiii) und in einer Fußnote zum lateinischen Text des Roger Bacon (S. 34) den Autor Rashdall, Mediaeval Universities, i. p. 133, mit den Worten: „Everything in the Canon Law was Roman which was not of directly Christian or Jewish origin.“ Man kann Bacon also nicht als Beweis dafür anführen, dass die Römische Rechtstradition zu seiner Zeit insgesamt nicht gepflegt worden wäre; das Gegenteil ist der Fall.

3. Roger Bacon kennt auch sehr wohl das kirchliche Kanonische Recht; genau an der Stelle, auf die Sie sich beziehen, zitiert er sogar aus dem Decretum Gratiani (das er Ihnen zufolge angeblich gar nicht kennt) – „Decretorum parte prima distinctione nona“ – und weiß also, dass es in Partes und Distinctiones eingeteilt ist. Und eben in diesem Zusammenhang besteht Bacon darauf, dass dieses kirchliche Recht sich vom „Kanon“ (griech.) der biblischen Schriften herleitet, nicht von den „Regula“ (lat.) des Römischen zivilen Rechts. Sie haben den lateinischen Satz Bacons missverstanden:

„Canonicum vero jus a scriptoris sacris nominatur, non ab alliis, sicut ipsum nomen demonstrat; quae scripturae canonicae dicuntur libri Veteris Testamenti, sicut Decretorum parte prima distinctione nona habetur, aut canones nuncupantur. Nam Canon Graece, Regula Latine dicitur.“

Da steht nämlich nicht einfach, wie Sie annehmen, die Selbstverständlichkeit: „Die Bücher des Alten Testaments werden kanonische Schriften genannt“, als ob der Ausdruck „kanonisch“ nur für die Bibel und nicht auch für das „kanonische“ Kirchenrecht verwendet würde, sondern: „Das kanonische Recht freilich wird von den heiligen Schriften her benannt, nicht von anderen, wie selbst ihr Name beweist; die Bücher des Alten Testaments heißen kanonische Schriften, wie es im Dekret, Teil 1, Abschnitt 9, heißt, oder werden Canones genannt. Denn Canon heißt es auf Griechisch, Regula auf Lateinisch.“ Das heißt, das Wort „kanonisch“ = „regelgerecht“ wird von Roger Bacon genau darum auf das Kanonische Kirchenrecht bezogen, weil es sich von den kanonischen Schriften der Bibel herleitet.

Auch Lars-Arne Dannenberg bestätigt in seinem Buch Das Recht der Religiosen in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts, S. 50, dass Roger Bacon das kanonische Recht gekannt hat:

„Dieses ius canonicum, erklärte der Franziskaner Roger Bacon, erläutert dem Menschen die göttliche Weisheit, die Theologie, wie sie sich in der Bibel offenbart. Das heißt seiner Meinung nach, wenn die Menschen nach der Erkenntnis des göttlichen Willens strebten, dann seien Rechtsstudium und Studium der Philosophie nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu Fundament einer künftigen pax universalis der Christenheit.“

Nun schreiben Sie (S. 150f.):

Die Bibel und die jüdischen Schriften haben also auch in rechtlicher Hinsicht wohl die europäische Kultur des Mittelalters und der Neuzeit mehr geformt und geprägt als das Römische Recht und die griechische Philosophie. Natürlich hat auch die römische Kultur Europa geprägt, aber weniger direkt, sondern mehr auf dem Umweg über die Katholische Kirche.

Aber eben Roger Bacon und seine Pariser Kollegen beklagen, dass in Bologna das weltliche Recht Seite an Seite mit dem Kirchenrecht gelehrt wird; das spricht gegen den letzteren Satz.

Und was die Bibel betrifft – wird sie nicht erst recht nur durch die Brille eines katholisch-christlichen Vorverständnisses gesehen und aufgegriffen? Jedenfalls – wie gesagt – nirgends bei Roger Bacon habe ich gefunden, dass er sich auf andere jüdische Schriften, etwa auf den Talmud bezieht.

In Roger Bacons „Compendium studii philosophiae“, S. 8 und 11, ist mir allerdings aufgefallen, dass er sich für ein Studium der „Sprachen der Weisheit: Hebräisch, Griechisch, Chaldäisch, Arabisch“ einsetzt, und zwar unter anderem aus folgendem Grund: „Latein ist aus hebräischen und griechischen Wörtern zusammengesetzt“. In diesem Zusammenhang beklagt er, dass „die Lateiner“ daran „kein Interesse“ haben und dass die „lateinischen Übersetzungen der Werke des Aristoteles … alle nichts wert [seien], weil die Übersetzer die Sprachen zu schlecht verstünden“.

Es dürfte sich also durchaus lohnen, sich mit Roger Bacon intensiver auseinanderzusetzen. Allerdings ist es nicht ratsam, falsche Erwartungen an ihn zu richten bzw. von völlig unzutreffenden Einschätzungen der Rolle des Römischen den Kanonischen Rechts im beginnenden Hochmittelalter auszugehen.

↑ Zum Thema „Todesstrafe“ und „Mord im Auftrag Gottes“ im Alten Testament

In Ihrer Darstellung (S. 151) der jüdischen Beeinflussung der „Sphäre des Rechts und des menschlichen Zusammenlebens“ gehen Sie konkret unter Rückgriff auf Walter-Jörg Langbeins „Lexikon der biblischen Irrtümer“ (München 2003) auf zwei heikle Themen ein, die man nur bei sehr differenzierter Betrachtungsweise angemessen einschätzen kann (Langbein, Kap. „Todesstrafe: Was die Bibel alles fordert!“, S. 137-140, und Kap. „Mord – im Auftrag Gottes“, S. 101-103):

Die Weisung des 5. Gebotes „Du sollst nicht töten“, ist im Alten Testament durchaus vereinbar mit der Todesstrafe in besonderen Fällen, welche allerdings die Frauen weitaus mehr treffen als die Männer. Mord wird zwar im Alten Testament mit der Todesstrafe belegt, er ist aber erlaubt, „wenn er den Zielen Jahwes dient. Selbst heimtückische Bluttat wird dann offensichtlich als gottgefällig angesehen.“

Ich habe mich mit Langbeins Buch intensiv auseinandergesetzt und muss sagen, dass die beiden von Ihnen zitierten Beispiele typisch für seine oft sehr zugespitzte Art zu urteilen sind.

Zum Thema Todesstrafe ist schon umstritten, ob die oft vorkommende Wendung „der soll des Todes sterben“ überhaupt jemals geltenden israelitisches Recht war. Der Alttestamentler Erhard S. Gerstenberger hat gute Gründe dafür vorgelegt, dass es kein apodiktisches Todesrecht im Alten Testament gegeben hat, sondern dass die entsprechenden Formulierungen vielmehr als drastische Ermahnungen zu verstehen sind. Wie viele Todesurteile tatsächlich vollstreckt wurden und ob davon mehr Frauen als Männer betroffen waren, lässt sich jedenfalls nicht herausfinden, und wenn Letzteres der Fall war, dann liegt das nicht am jüdischen Recht als solchem, sondern an den allgemeinen Bedingungen des altorientalischen patriarchalen Systems.

Dass im Alten Testament selbst „heimtückische Bluttat“ als „gottgefällig“ angesehen wird, wenn sie „den Zielen Jahwes dienst“, klingt reißerisch. Ein solcher Satz ohne einen Hinweis auf den Kontext, in dem solche Taten in der Bibel beschrieben werden, kann nur missverstanden werden, als ob es um Terrorakte im Namen eines eifersüchtig auf sein Recht pochenden tyrannischen Gottes ginge. In Wirklichkeit geht es in der Bibel bei den Taten etwa der Jaël (Richter 4,21) um gesellschaftliche Strukturen brutaler Unterdrückung und Ausbeutung (Richter 4,2-3), gegen die Teile des Volkes Israel auch mit den Mitteln subversiver Gewalt vorgehen.

↑ Bezug auf Davidson und Schweisthal ohne Quellennachweis

Weiterhin berufen Sie sich (S. 152) mit Ihrer Erklärung der „Geburt des modernen europäischen Rechts primär aus dem Geist des Judentums“ auf Davidson und Schweisthal (Anm. 232):

ln Großbritannien war nicht nur das „Jewish money“ im Umlauf, sondem es wurde dort noch lange aschkenasisches Recht, sog. germanisches Recht, angewendet (mündlicher Hinweis von Herrn Dr. Schweisthal).

Leider finde ich dazu im Internet keinen einzigen Hinweis; und da Sie selbst weder zu Davidson noch zu Schweisthal einen Quellennachweis bieten, kann ich Ihr Argument nicht nachprüfen, ja, nicht einmal genau verstehen, was Sie damit meinen.

↑ Lässt sich „Jesus“ von „ius“ oder gar „Gaius Julius“ ableiten?

Abwegig ist Zarnacks und Pfisters Versuch (S. 152), den „Namen Jesus … vom lateinischen ius (Recht)“ oder umgekehrt (Anmerkung 233) den „Begriff jus (Recht)“ von dem „Wort Juden“ abzuleiten. Das Wort Jude kommt vom Stammvater Jehuda, griechisch ioudaios und hat nichts mit dem lateinischen Wort ius zu tun. Und die Römer hatten ihr Recht sicher nicht von den Juden übernommen, sondern parallel eigenständig entwickelt.

Christoph Pfisters Ableitung des Begriffs jus aus dem Wort Juden finde ich übrigens in seinem von Ihnen in Anm. 233 angeführten Buch „Die Matrix der alten Geschichte“ an keiner Stelle. Nur auf Seite 374 steht eine Parallelisierung der römischen Plebejer mit den Juden, wo er die Juden außerdem mit den lateinischen Judices identifiziert:

Am heiligen Berg Sinai erhalten die Juden durch die Vermittlung ihres Anführers Moses ihre Gesetze, auf ZEHN Tafeln geschrieben.

Die römischen Plebejer bekommen durch wiederholte Auswanderungen ihre Forderungen erfüllt; die entsprechenden Gesetze werden auf ZWÖLF Tafeln festgeschrieben.

Die Plebejer wollen Gerechtigkeit vor dem Gesetz. Die JUDEN sind die lateinischen JUDICES; die Leute, welche die Auslegung des Rechts für sich beanspruchen.

In solcher Weise ist sein ganzes Buch aufgebaut, das man nur als Abfolge einer wüsten Identifikations-Manie jeglicher geschichtlicher Personen, Völker oder Religionsgemeinschaften interpretieren kann, in deren Namen oder geographischer Verortung sich auch nur die geringsten Laut- oder Buchstabenähnlichkeiten finden (1).

Zu Zarnack weisen Sie zwar darauf hin (S. 152), dass er „ohne tragbare historische Belege“ den Namen Jesus „vom lateinischen ius“ ableitet. Aber wieso berufen Sie sich dann überhaupt auf diese unhaltbare Etymologie? Ich weiß nicht, wie Zarnack auf seine Idee gekommen ist. Pfister beruft sich in seiner „Matrix der alten Geschichte“, S. 304, für die von ihm angenommene Identität von Julius Caesar mit Jesus auf eine ähnliche Etymologie, nämlich dass für den Namen „Jesus … ein lateinischer Ursprung der Bezeichnung angenommen werden“ muss: „GAIUS JULIUS > Gais Jus > JESUS“. Diese Ableitung wiederum ist nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen, sondern er hat sie von Francesco Carotta, „War Jesus Caesar? 2000 Jahre Anbetung einer Kopie“, München 1999 (2), über den er schreibt (ebenfalls S. 304):

„Francesco Carotta gebührt das Verdienst, die Biographie Julius Caesars als Vorlage für die Geschichte Jesu erkannt zu haben. Die Evangelien sind eine oft wortwörtliche Übersetzung und Fehldeutung der Vita Caesaris. Jesus war nicht Caesar, Jesus ist Divus Julius (Carotta, 351). Anders ausgedrückt erscheint Caesar als historische Figur, die als Gott verschollen ist; Jesus dafür als Gott, der seine historische Figur nicht finden kann – eine Art komplementäre Asymmetrie (Carotta, 164).“

Carottas Buch habe ich von vorne bis hinten gelesen. Es ist in sich weitaus folgerichtiger geschrieben als Pfisters Buch und enthält einen Entwurf, dessen Faszinationskraft ich nachvollziehen kann. Allerdings sind auch Carottas Annahmen letztlich haltlos, etwa dass das Evangelium nach Markus von vorn bis hinten auf einer unübersehbaren Kette falsch verstandener lateinischer Namen und Begriffe aus der Geschichte des vergöttlichten Julius Caesar beruht, die auf die fiktive Gestalt und Geschichte eines palästinensischen Jesus übertragen werden.

Hinzu kommt, wenn man Carottas Schlussfolgerungen ernsthaft in Erwägung zieht, dass jegliche Differenzierung zwischen griechisch-römischer und jüdisch-christlicher Kultur praktisch hinfällig wird, da es kaum eine Mythologie oder Religion gibt, die nicht in den von Carotta angenommenen Sog der Verehrung des göttlichen Julius vereinnahmt werden könnte (3).

Meine Frage an Sie, Herr Kaltenstadler, ist: Wollen Sie wirklich Ihre Argumentationen in eine Reihe stellen mit solchen Entwürfen, die nicht ernstzunehmen sind?

↑ Wie überzeugend argumentiert Roman Landau zur „Geburt des Rechts aus dem Geist des Judentums“?

In einem Atemzug mit Zarnack und Pfister kommen Sie (S. 152) auf Roman Landau zu sprechen, der im Sinne von „Jesus … als Vermittler jüdischer Rechtsvorstellungen“ davon überzeugt ist,

dass bereits „das Mittelalter völlig unter dem Eindruck nicht nur der jüdischen Geschichte, sondern auch unter dem Einfluß des jüdischen Rechts gestanden zu haben“ scheint.

Landau hat in seinem kurzen Kapitel „Die Geburt des Rechts aus dem Geist des Judentums“ (4) diese Frage nur aufgeworfen, aber nicht endgültig gelöst. Seine Auffassung wäre es jedoch wert, von Historikern und Juristen – auch im gei­stesgeschichtlichen Zusammenhang und unter stärkerer Berücksichtung hebräischer Quellen auch des Mittelalters – näher unter die Lupe genommen zu werden.

Dieses Buch von Landau kenne ich nicht; aber Sie wissen ja, dass mich seine Ausführungen zu diesem Thema in seinem drei Jahre später erschienenen Buch „Der Aufstieg Europas“ nicht überzeugt haben.

Leider hat er sich geweigert, zu meiner Kritik Stellung zu nehmen. Stattdessen beharrt er darauf, ich solle doch endlich ohne weitere Diskussion „schlüßig finden, daß unsere Bildungstradition eher in einer jüdischen als in einer lateinischen Tradition steht“. Ich neige dieser Auffassung ja sogar zu, meine aber, man solle sie auch mit guten und möglichst fehlerfreien Argumenten begründen können.

↑ Oberflächlicher, entjesuanisierter, etatisierter christlicher Glaube?

Unter Bezug (S. 153) auf Aaron J. Gurjewitsch stellen Sie dar,

wie rückständig die Masse der Menschen im Mittelalter und weit bis in die Neuzeit hinein vor allem in Mittel-, Ost- und Nordeuropa noch lebte und wie gering christliche Mentalität und christliches Leben selbst im Hochmittelalter in der großen Masse der Bevölkerung verankert waren.

Auf den „Humanisten Petrarca“ berufen Sie sich, um die „Oberflächlichkeit des christlichen Lebens“ in „Avignon, wo der Papst im 14. Jahrhundert residierte“, zu beschreiben.

Interessant finde ich (S. 155) den von Michael Wolffsohn (5) geprägten Begriff der „Entjesuanisierung“ des Christentums, den er mit einer seit der konstantinischen Wende eingetretenen „Etatisierung“ des römisch-katholischen Christentums verbindet (Anmerkung 239):

Er ist überzeugt, dass die Abwendung vom Weg, den Jesus ging, bereits in der späten Antike ein Rückschritt zum vortalmudischen aristokratisch-priesterlichen Judentum und die Entfremdung vom bürgerlich-pharisäischen Jesus war.

Diese Vorstellungen treffen sich zum Teil mit denjenigen von Ton Veerkamp in seinem Werk „Die Welt anders“, in dem er feststellt, dass die jüdische Große Erzählung von Freiheit und Autonomie, die von der Zeit der alttestamentlichen Propheten bis hin zur christlich-messianischen Apokalypse erzählt worden war, in der Zeit der altkirchlichen Konzilien unter kaiserlicher Oberherrschaft durch eine neue christliche Große Erzählung abgelöst wurde, die zwar die alte jüdische Überlieferung bewahrte, aber in der veränderten Situation sich als ideologische Stütze der neuen staatlichen Ordnung zur Verfügung stellen musste.

In diesem Zusammenhang griff die katholische Kirche auf priesterliche Traditionen zurück, die das pharisäisch-rabbinische Judentum nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels notgedrungen hatte hinter sich lassen müssen.

Nebenbei bemerkt widerspricht ein bürgerlich-pharisäischer Jesus vollkommen dem Bild, das Ralph Davidson von den Pharisäern als Nobilität des Judentums entwirft, gegen die Jesus und seine Bewegung angeblich gekämpft hätten.

↑ War das Heidentum noch im Mittelalter und bis in die Neuzeit wirksam?

Mit Ihren Ausführungen (S. 156f.) über den „Widerspruch zwischen kirchlicher Dogmatik und praktischem Leben“, der in einem Sittenverfall, einem Rückgriff auf heidnische Praktiken und einer „Profanierung der christlichen Kirchen und des christlichen Glaubens“ bestand, die „ein Rückfall noch hinter die heidnische Antike“ war, „in welcher Tempel sakrosankt waren“, beschreiben Sie sicher zutreffend eine Situation, in der ein freiheitlicher Drang sich Ventile gegen klerikale Zwänge sucht. Beim (S. 155) sogenannten „Eselsfest“ haben nach Wikipedia auch biblische Motive wie Bileams Eselin oder die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten eine Rolle gespielt.

Wenn Sie allerdings die Behauptung aufstellen (S. 158):

Die Kultur und religiöse Praxis des Mittelalters und selbst der Neuzeit waren demnach bis weit in die Neuzeit hinein nur in einem sehr begrenztem Maße christlich und noch stark von vorchristlichen hellenistischen und heidnischen Vorstellungen, wohl auch der keltischen und germanischen Kultur, geprägt,

und (S. 159) eine Menge Beispiele für nicht-christliche Motive „in romanischen Sakralgebäuden“ oder (S. 161) „geomantische“ und „keltische Traditionen“ im „alten Baiern und in Tirol“ beschreiben – dann frage ich mich: Wollten Sie nicht eigentlich nachweisen, dass die europäische Kultur gerade nicht hellenistisch-römisch, sondern vorwiegend jüdisch-christlich geprägt war? Belegen Sie nicht auf diese Weise eher das Gegenteil?

↑ Baiern – ursprünglich mehr osteuropäisch-asiatisch als römisch-katholisch geprägt?

In den letzten Sätzen des Abschnitts über (S. 161) „nicht-christliche Relikte im alten Bayern“ und in den sich daran anschließenden Zweifeln am (S. 163) „Römisch-Katholischen Kulturtransfer“ wird deutlicher, worauf Sie hinauswollen. In Veröffentlichungen von Hans Guggemos und Erich Zöller (6) finden Sie Nachweise (S. 162) für konkurrierende Glaubensrichtungen im alten Baiern und „die Prägung der bairischen Kultur durch die Awaren, Hunnen und Ungarn“, insbesondere „die erstaunlich starke Präsenz von awarischem Namensgut in Bayern und Österreich“.

Sie selbst sind (S. 164f.) „sicher, dass das katholische Christentum Vorgänger in Europa hatte“, weisen auf „stark orientalische Züge des irischen Christentums“ hin und darauf, dass ein „armenischer Bischof des frühen Mittelalters 1093 in Kloster Niedernburg bestattet“ wurde, erwähnen auch (Anm. 277), „dass bis ins hohe Mittelalter hinein die byzantinische Kirche in weiten Teilen Böhmens und sogar im alten Herzogtum Baiem Fuß fassen konnte“.

Auf Guggemos berufen Sie sich in seiner Argumentation (S. 165), dass „die sakralen Gebäude des Mittelalters im alten Baiern“ kaum christlichen Ursprungs sein können, da ihre Grundrisse sich an örtlich vorliegenden geomantischen Situationen („Drachenlinien“ oder „Ley-Linien“) orientieren, worin sich asiatische kulturelle Einflüsse widerspiegeln sollen, die er mit den slawisch-hunnisch-ungarischen Invasionen in Verbindung bringt. Leider zitieren Sie ihn nur auf Englisch und gehen auch nicht näher darauf ein, wie glaubwürdig die Annahmen der Geomantik sind, mit denen er seine Behauptung begründet.

Außer in „Studien von Hans Guggemos“ finden Sie unter anderem auch bei Boris Altschüler „nicht zuletzt für Baiern immer mehr Argumente für eine Prägung der bairischen Kultur und Glaubensvorstellungen aus dem Osten Europas und sogar aus Asien.“ Daraus ziehen Sie den Schluss (S. 165f.):

Man wird in Zukunft nicht darum herum kommen, auch die Epoche der Völkerwanderung aus der Sicht dieser neuen Erkenntnisse zu betrachten. Es galt lange Zeit als herrschende Meinung, dass die Grundlagen des Christentums in besonderem Maße in der Epoche der Völkerwanderung in den germanischen und romanischen Ländern gelegt worden waren. Diese These kommt aber nicht zuletzt auf Grund der zunehmend salonfähig gewordenen Phantomzeitthese nach Dr. Illig und der Studien der modernen russischen Historiker immer mehr ins Wanken. Es scheint, dass die nächsten Jahre uns eine neue Sicht der europäischen Geschichte bieten werden.

Sehr vorsichtig bringen Sie in diesem Zusammenhang alternative Sichtweisen der Geschichtsforschung ins Spiel, die von extremen Verwerfungen bzw. Verkürzungen der traditionell angenommenen Chronologie ausgehen. Hier begeben Sie sich, wie schon Ihre Formulierung „salonfähig“ andeutet, auf sehr dünnes Eis, wenn Sie mit Ihren Erkenntnissen zum Kulturtransfer in Europa wissenschaftlich ernstgenommen werden wollen. Verschwörungstheoretisch könnte man das natürlich auf eine machtpolitische Unterdrückung missliebiger Theorien zurückführen, für deren Wahrheit eine betriebsblinde Wissenschaftshierarchie (noch) nicht aufgeschlossen ist. Mir scheinen aber die chronologiekritischen Entwürfe, in die ich bisher hineingeschnuppert habe (Velikovsky, Heinsohn, Illig, Topper, Zhabinski, Korth) von derart unterschiedlichen Grundvoraussetzungen auszugehen, dass sehr genau zu prüfen ist, was daran tatsächlich tragfähig genug sein könnte, um ein in der gesamten Menschheit fest verwurzeltes chronologisches Paradigma zum Einsturz zu bringen. Das aber hier nur nebenbei, wie ja auch Sie diese Erwägungen nur nebenbei zum Ausdruck bringen.

↑ Ralph Davidson und der Kulturtransfer durch ein kosmopolitisches Judentum

Wichtiger ist Ihnen, was Guggemos und der oben erwähnte Zöller Ihnen zufolge unerwähnt lassen, nämlich (S. 162f.)

die Prägung durch das jüdische Chasarenreich und überhaupt durch das aschkenasische Judentum, welches ja von Haus aus supranational war. Auch Guggemos klammert den Einfluss des jüdischen Khasarenreiches und des Aschkenasischen Judentums aus. Dieses war nach Boris Altschüler bereits im Mittelalter supranational. (7)

In diesem Zusammenhang bringen Sie den von Ihnen sehr hoch eingeschätzten Historiker Ralph Davidson ins Spiel (S. 163):

Die Auffassung von Ralph Davidson, dass das ursprüngliche Judentum kosmopolitisch gewesen sei, vor allem in Verbindung mit der Kultur des Zweistromlandes, ist somit durchaus akzeptabel, wenn man die Aussagen des Propheten Jesaja für historisch begründet hält.

In diesem Satz steckt Wahres, aber insgesamt ist er zu undifferenziert, da nicht deutlich wird, wovon das „ursprüngliche“ Judentum denn abgegrenzt sein soll, und er impliziert unausgesprochene Thesen Davidsons über das Judentum im Zweistromland und den Propheten Jesaja, denen ich entschieden widersprechen muss.

In Anm. 271 zitieren Sie zur „Kultur des Zweistromlandes“ zwar das Buch von Roman Landau: „Anmerkungen zum Zivilisationsprozeß“, das ich nicht kenne; ich vermute aber, dass er dort auf Davidsons Buch „Der Zivilisationsprozess. Wie wir wurden, was wir sind“ aus dem Jahr 2002 zurückgreift, in dem dieser behauptet (S. 88), dass „die Propheten insgesamt bemüht sind, eine pazifistische neue Weltordnung unter der Vorherrschaft der babylonischen Juden zu propagieren“.

Diese Einschätzung geht insofern an der Wirklichkeit vorbei, als die Juden im babylonischen Weltreich die Rolle einer deportierten Minderheit darstellten und auch als Rückkehrer in der persischen Provinz Jehud ein autonomes Staatswesen mit der Verfassung der Tora nur unter der Oberherrschaft des persischen Königs aufbauen konnten. Keineswegs ist es jedenfalls den Propheten zufolge der babylonische König Nebukadnezar, der (so Davidson, S. 87) „eine neue, göttliche und gerechte Weltordnung“ bringen würde. Vielmehr wurde Nebukadnezar ganz realistisch als Gewaltherrscher gesehen, der aber von Gott beauftragt war, das Strafgericht über das Reich Juda zu vollziehen und die Israeliten ins Exil zu führen (8).

Erst recht kann keine Rede sein von einer Identität des Hauses „Jakob“ mit dem babylonischen Bankhaus „Egibi“, die Davidson (S. 91f.) vermutet. Dagegen spricht schon, dass die Händlerfamilie Egibi bereits im 7. Jahrhundert in Babylon existierte, als noch keine Juden nach Babylon deportiert worden waren. Man muss nicht aus jeder Namensähnlichkeit weitreichende Schlüsse ziehen, wenn man dafür nicht die geringsten Belege anführen kann – außer einem einzigen (J.M. Cook), aus dem allerdings hervorgeht, dass es den Namen in Mesopotamien schon lange vor den Juden gegeben hat.

Letztendlich kann Davidson (S. 91) auch mit dem Gleichnis der Feigenkörbe in Jeremia 24 nicht begründen, dass „die eigentlichen Juden nur eine kleine Rolle gegenüber den babylonischen Juden spielen“. Er verkennt nämlich, dass Jeremias Gleichnis nicht zwischen eigentlichen, also palästinensischen, und babylonischen Juden unterscheidet, sondern zwischen denjenigen Juden der Oberschicht (2. Könige 24, 8-16), die schon in einer ersten Deportation 597 v. Chr. nach Babylon gekommen waren, und denjenigen (2. Könige 24, 17 – 25, 26), die unter König Zedekia zunächst noch in Palästina verblieben oder ins ägyptische Exil gingen. Letztere macht Jeremia für das angedrohte Strafgericht der Zerstörung Jerusalems und des Tempels verantwortlich, in deren Zuge in einer zweiten Deportation im Jahr 587 v. Chr. auch viele von ihnen nach Babylon gebracht werden. Jeremia will in seinem Gleichnis also keineswegs eine „babylonische Hegemonie“ gegenüber den „eigentlichen Juden“ begründen, wobei mit diesen eigentlichen Juden dann ja wohl die in Palästina verbleibenden Juden gemeint sein müssten, die vorwiegend der Unterschicht angehörten. Gerade diese sind es aber (Nehemia 5,1-13), um deretwillen Nehemia als persischer Statthalter in der Provinz Jehud nach der Rückkehr wohlhabender Heimkehrer aus Babylon eine Bodenreform und einen Schuldenerlass durchsetzt, damit niemand ohne Land und entrechtet unter seinen Mitjuden wohnen muss.

Trotzdem bezweifle ich nicht, dass man das Judentum insofern als „weltoffen und kosmopolitisch“ einschätzen kann, als es an einen einzigen Gott glaubt, der die ganze Welt und alle Völker geschaffen hat. Recht hat Davidson mithin natürlich, wenn er unter Berufung auf Jesaja 66,18-23 darauf hinweist (S. 89), dass „der Gott des Jesaja nicht nur der Gott Jakobs, bzw. der Gott der Juden ist, sondern der Gott aller Völker“. Zu Recht weist er auch auf Visionen Jesajas in 2,2-3 und 19,24-25 hin, in denen „eine neue befriedete Weltordnung“ beschrieben wird; auch (Jesaja 25,6-8) das Festmahl des Gottes Israels für alle Völker am Ende der Zeiten, wenn er „den Tod verschlingen [wird] auf ewig“, hätte er noch mit einbeziehen können. Aber wie gesagt: Die Propheten rufen die nach Babylon deportierten Juden nicht dazu auf, diese befriedete Weltordnung politisch herbeizuführen, und schon gar nicht unter der Führung des babylonischen Königs Nebukadnezar oder des persischen Königs Kyros.

Mit Recht zitieren Sie weiterhin (Anmerkung 270) Theodor Mommsen („Das Weltreich der Cäsaren“, Lizenzausgabe Frankfurt 1955), der „die Juden außerhalb von Judäa / Palästina, vor allem die von Alexandria und Mesopotamien, als äußerst weltoffen und kosmopolitisch“ beurteilt. Es stimmt, dass die durch Vertreibung oder Emigration ins Ausland gelangten Juden gerade in der hellenistischen Zeit im Kontakt mit fremden Kulturen mannigfaltige Impulse aufgenommen haben. Allerdings muss man zugleich beachten, dass auch die Mehrheit dieser weltoffenen Juden sich weniger an die fremden Kulturen assimiliert hat, als vielmehr Elemente aus diesen Kulturen in die streng bewahrte eigene kulturell-religiöse Identität zu integrieren.

Skeptisch betrachte ich den Satz Mommsens, den Sie aus seinem Kapitel XII „Judäa und die Juden“ zitieren (Anm. 270):

Der Widerstand gegen das global agierende Römische Reich kommt von den Juden Palästinas, welche in der Auslegung des Alten Testamentes und der jüdischen Lehre überhaupt wesentlich radikaler sind und cum grano salis einen von Römern freien unabhängigen Staat anstreben. Die Juden in Judäa sind bei weitem nicht so wirtschaftlich erfolgreich und im Handel engagiert wie die Juden in der „Diaspora“.

Das klingt so, als seien die Juden Palästinas weniger global eingestellt gewesen als die Römer und die Diaspora-Juden. Da ihre Radikalität aber letztlich darin besteht, dass sie gegen die Globalität des Unterdrücker-Systems der Pax Romana die Eigenständigkeit eines jüdischen Staates anstreben, in dem die verfassungsmäßigen Grundsätze der von dem Befreier-Gott JHWH gegebenen Tora gelten, nämlich „Autonomie und Egalität“, kann man diese Juden nicht als hinterwäldlerisch abtun, sondern muss Ihnen zubilligen, dass sie letzten Endes eine globale Ordnung der Gerechtigkeit und der Freiheit unter einem messianischen Friedenskönig anstreben.

Zurück zu Ihrem Buch, in dem Sie direkt im Anschluss an den oben zitierten Satz über Ralph Davidsons Gedanken schreiben (S. 163f.):

Solche Gedanken sind mir ein Leben lang bei der Lektüre des „Babylonischen Talmud“ gekommen, ohne dass ich diese Gedanken bisher in einer Publikation zum Ausdruck gebracht hatte. Es war für mich zu selbstverständlich, um darüber schreiben zu müssen. Man kommt zu einer anderen Sicht der Geschichte, wenn man mit der Kultur des Judentums … und der hebräischen Sprache vertraut ist.

Wenn sie damit meinen, dass das Judentum alles andere als eine auf sich selbst zurückgezogene eigenbrötlerische Religionsgemeinschaft ist, die die Einhaltung einer Sammlung bizarrer Gesetze und die überholte Anbetung eines grausam strafenden Gottes vertritt, dann haben Sie natürlich Recht. Ich halte es aber für wichtig, das Judentum sowohl in seiner Weltoffenheit als auch in seinen sich von den Religionen und Kulturen der Gojim (= Fremdvölker unter der Herrschaft unterdrückender Götter und Könige) radikal abgrenzenden Tendenzen ernstzunehmen.

Ihren nächsten Satz lese ich mit noch zwiespältigeren Gefühlen (S. 164):

„Die Einflüsse der mesopotamischen Kultur auf die jüdisch-alttestamentliche Kultur werden von neueren kirchlich nicht gebundenen Autoren nicht mehr in Frage gestellt.“

Auch kirchlich gebundene Autoren bezweifeln solche Einflüsse nicht, gehen aber davon aus, dass die Impulse aus anderen Kulturen in völlig veränderter Form, eben im Sinne des jüdischen Glaubens an den Einen befreienden Gott JHWH, in die Bibel aufgenommen wurden. Zu dem von Ihnen als Beispiel für einen „kirchlich nicht gebundenen Autoren“ angeführten Paul Hengge (9) kann ich nur wiederholen, was ich Ihnen bereits früher einmal geschrieben habe:

Paul Hengge zieht zum Beispiel auf Grund von Spekulationen über den Zusammenhang der hebräischen Worte adam und adamah weitreichende Schlüsse über verschiedene Gottheiten im Alten Testament, die ich für abwegig halte.

Wohlgemerkt: Ich bestreite nicht, dass auch in Israel vor dem Exil durchaus mehrere Götter angebetet wurden, Baal und Aschera, diverse Hausgottheiten etc. Aber Hengge behauptet einfach auf Grund etymologischer Spitzfindigkeiten eine Muttergottheit „Adamah“, gegenüber der sich andere göttliche Erscheinungsformen, die sich mit den Gottesnamen Elohim und JHWH verbinden, profiliert haben und zum Beispiel den Menschen bewusst gemacht haben, dass die Kinder von ihren Vätern gezeugt wurden, so dass sich die Väter für die Kinder verantwortlich fühlen konnten. Solche Schlussfolgerungen bleiben bei ihm spekulativ und wenig belegt.

Zwar sind seine Sichtweisen nicht unsympathisch, aber er geht von modernen Anschauungen aus und zeichnet sie anachronistisch in den alten Text hinein, als ob etwa bereits die biblischen Schöpfungsgeschichten tatsächlich die heutige naturwissenschaftliche Sicht der Weltentstehung voraussetzen und ansonsten verlorengegangene Überlieferungen erdgeschichtlicher katastrophaler Klimaveränderungen andeutend widerspiegeln. Verräterisch ist seine wiederholte Abgrenzung von der gesamten „Auslegungstradition“, obwohl er sich andererseits auf den „Gesenius“, ein von eben dieser Auslegungstradition erstelltes Hebräisch-Lexikon beruft.

Auf Hanna Eislers Buch „Einführung in: Ralph Davidson / Christoph Luhmann, Evidenz und Konstruktion. Materialien zur Kritik der historischen Dogmatik“ (Hamburg 1998), S. 44-47, beziehen Sie sich mit folgendem Hinweis (S. 164):

Auch Davidson und Eisler sind davon überzeugt, dass sich das Judentum als kosmopolitische und supranationale Kultur, nicht zuletzt in Verbindung mit der aramäischen Sprache und Schrift, erst in Babylon in voller Ausprägung entwickelt hat. Der babylonische Talmud lässt dies, wie bereits erwähnt, noch heute deutlich werden.

Da ich das Buch von Eisler nicht kenne, kann ich diese Aussage nicht näher beurteilen. Richtig daran ist, dass das babylonische Exil für die Entwicklung des Judentums als Religion eine entscheidende Rolle gespielt hat, aber weniger auf Grund von Einflüssen der babylonischen Kultur, sondern weil nach dem Exil unter der Oberherrschaft zunächst der Perser ein von Priestern geführtes Gemeinwesen entstand, in dem es um die Neugestaltung der jüdischen Religion ging und nicht um eine Restauration der vormaligen Königreiche Israel und Juda, die immer in der Gefahr gestanden hatten, nichts als austauschbare altorientalische Unterdrücker- und Ausbeutungsstaaten zu sein, statt sich an der von den Propheten JHWHs verkündeten Tora der „Autonomie und Egalität“ zu orientieren.

Da der babylonische Talmud erst in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entstand, hat er mit der ursprünglichen Entwicklung des Judentums nichts zu tun, außer dass er (so Wikipedia) in den „jüdischen Siedlungsgebieten“ entstand, „die nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im judenfreundlicheren Perserreich existierten“ und die „im Judentum traditionell als ‚Babylon‘ bezeichnet“ wurden.

Mit folgendem lapidaren Satz beenden Sie Ihre Beschäftigung mit Ralph Davidson in dieser Abhandlung (S. 164):

Davidsons Argumente zum frühen Christentum und zum Christentum in Europa teile ich.

Dabei beziehen Sie sich in Anm. 276 auf das von Davidson unter dem Pseudonym Lucas Brasi verfasste Buch „Der große Schwindel. Bausteine für eine wahre Geschichte der Antike“ (Hamburg 1995), in dem er Ihnen zufolge in Kap. 11, S. 90-102 „unter Einbeziehung sozialgeschichtlicher Aspekte des alten Palästina einige kritische Argumente dafür [bringt], dass ‚der Siegeszug des Christentums … eigentlich eine orientalische Erfolgsgeschichte‘ ist und ‚mit Rom vermutlich gar nichts zu tun‘ hat.“

Warum ich die Argumente Davidsons zum frühen Christentum und zum Christentum in Europa nicht teile, möchte ich hier nicht in aller Ausführlichkeit wiederholen. Stattdessen verweise ich auf folgende Abschnitte meiner Buchbesprechungen über Davidsons Werke:

Ist die römische Fremdherrschaft über die Juden zur Zeit Jesu eine Fiktion?

Wurde Jesus ein Opfer der mächtigen Pharisäer und regionaler Konflikte in Israel?

Worin besteht der gesellschaftliche Kern des Urchristentums?

Ist das Römische Reich eine Fiktion?

Gab es in den Klöstern des frühen Mittelalters einen urchristlichen Kommunismus?

Dachten frühe Urchristen rational, hochmittelalterliche Christen dagegen frömmelnd und mystizistisch?

↑ Zhabinsky, Topper und die christlich-heidnische Ambivalenz des Mittelalters

Schwierig ist es (S. 166), sich mit dem russischen Autor Zhabinsky auseinanderzusetzen, den Sie im Blick auf die „christlich-heidnische Ambivalenz des Mittelalters“ zitieren, denn auf der Internetseite der Organisation „New Tradition“ (nicht mehr, wie Sie in Anm. 280 angeben, www.new-tradition.de), die sehr verwirrend angelegt ist, findet man zwar nach wie vor eine Leseprobe aus dem Buch „The Medieval Empire Of The Israelites“, aber nicht unter dem Autorennamen Zhabinsky, sondern „Compiled by R.Grishin, V.Melamed“.

Auf Zhabinskys Auffassung, dass Eurasien bis zum 12. Jahrhundert noch komplett heidnisch war und das Christentum erst im 14. und 15. Jahrhundert annahm, stützen Sie Ihren Zweifel daran, „ob tatsächlich Konstantin der Große ein reines Christentum auf einer rein jüdisch-christlichen Basis zur Staatsreligion erhoben hat. Denn zu seiner Lebenszeit war der Sonnenkult des sol invictus, des unbesiegten Sonnengottes, offizielle römische Staatsreligion“.

Aber es war ohnehin nicht Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat, sondern das geschah erst unter Theodosius I. im Jahr 380. Und der Kult des sol invictus unter Konstantin war nicht die römische Staatsreligion, sondern einer von vielen im Römischen Reich ausgeübten religiösen Kulten. Konstantin war zwar selbst kein Christ, aber da zuvor die Verfolgung der Christen die Einheit des Reiches nicht hatte festigen können, nutzte er zu diesem Zweck nun die christliche Kirche selbst mit ihrem wachsenden Einfluss in der Bevölkerung als Staatsideologie. Darum war er auch an der Einheit der Kirche interessiert und zwang sie durch die Einberufung von Konzilien, ihre eigenen inneren Konflikte zu überwinden.

Dass (S. 167) die christlichen Kaiser bis Theodosius I. noch „zum Gott (Divus) erhoben und kultisch verehrt“ wurden, wie Sie unter Berufung auf eine Schrift von Rainer Pudill erwähnen, spricht nicht gegen den allmählich wachsenden Einfluss der Kirche. Vielleicht bezog man das unter Theodosius verfügte Verbot heidnischer Kulte, als er selbst starb, noch nicht auf die bis dahin übliche göttliche Verehrung des Kaisers.

Wie Sie (S. 167) unter Berufung auf Michael Wolffsohn darauf kommen,

dass das aschkenasische und sephardische Judentum wohl noch viel länger, als wir bisher angenommen haben, die europäische Kultur geprägt hat und ein Wirkungsfaktor war, der dem ldeengut des Urchristentums näher stand als die von Konstantin d. Gr. eingeführte heidnisch-christliche „Mischreligion“,

kann ich mir nicht erklären. Denn selbst wenn das zu herrschen beginnende katholische Christentum noch heidnisch beeinflusst war, müsste erst noch bewiesen werden, ob das Judentum oder das Urchristentum überhaupt eine Chance hatte, die europäische Kultur zu prägen. Zwar war das Judentum seit Theodosius im Gegensatz zu heidnischen Kulten nicht verboten, aber das christlich-katholisch gewordene Römische Reich zeichnete sich nicht gerade durch Judenfreundlichkeit aus, sondern eher durch eine zunehmend antijüdische und ketzerfeindliche Gesetzgebung (10).

Wie ich schon sagte, war ein zentrales Anliegen des christlich gewordenen Römischen Staates die Einheit der Kirche; daher ist es kein Zufall, dass jede Abweichung vom einheitlichen Glauben so grausam verfolgt wurde. Dass „das Christentum“ zumindest in manchen Gegenden Europas „mit brutalem Zwang eingeführt“ wurde, ist übrigens nicht schon ein Beweis dafür, dass „das Christentum selbst noch im Hohen Mittelalter in manchen Regionen Europas, z.B. in Iberien und Nordeuropa, eine marginale Erscheinung war“. Wenn man so argumentiert, ist auch heute die Weltreligion des Christentums eine marginale Erscheinung, da „die Glaubensvorstellungen und Weltanschauung der Masse“ der Kirchenmitglieder kaum flächendeckend den offiziellen kirchlichen Dogmen entsprechen.

Mit (S. 168) Uwe Topper setzen Sie sich kritisch auseinander, weil einige seiner Aussagen über den „langwierigen Religionskrieg“, als der sich für ihn „das junge Christentum“ darstellte, „einer ausreichenden Quellenbasis“ entbehren.

Toppers von Ihnen zitierte Frage in seinem Buch „Zeitfälschung. Es begann mit der Renaissance. Das neue Bild der Geschichte“, München 2003, S. 227, wie es überhaupt möglich war,

„dass sich eine derart menschenfeindliche und kulturvernichtende religiöse Vorherrschaft durchsetzen konnte. Welche ‚angenehmen‘ Seiten hatte denn die neue Herrschaft, dass sie Anhänger finden konnte?“

zeugt allerdings von einem reichlichen naiven Bild, das sich der Chronologiekritiker von der Weltgeschichte macht. Haben sich jemals Völker ihre Herrscher so frei aussuchen können? Nicht einmal die moderne Demokratie funktioniert ja in einer so idealen Weise. Zwar können heutzutage Regierungen abgewählt werden, aber Lobbyisten verstehen es nur allzu häufig, den Mehrheitswillen des Volkes auszuhebeln. Und Diktatoren wie Hitler kamen sogar in demokratischen Wahlen an die Macht.

Abgesehen davon könnte man, wenn man schon wie Topper nach „angenehmen Seiten“ der neuen Herrschaft fragt, darauf hinweisen, dass das Christentum den Kaisern ab Konstantin als willkommenes Mittel diente, um die Einheit des Staates zu sichern. Davon profitierten die Bürger insofern, als in einer durch die Völkerwanderung unsicheren Zeit jeder Bürger wenigstens wusste, welcher Platz ihm innerhalb der Gesellschaft zugewiesen war.

Wenn Topper weiterhin tatsächlich, wie Sie ihn zitieren, im Neuen Testament „stark übertreibend eine nur langsam fortschreitende Überwindung des ‚jüdische[n] Blutrausch[es]‘“ sieht, kann ich das nur für eine antijüdische Unverschämtheit halten, zumal er in „der zwangsweisen Einführung des Christentums in Europa … ein sublimes Weiterwirken des Judentums, welches eine geheimnisvolle Katastrophe am besten überstanden und die finanziell erfolgreiche Organisation der Templer abgelöst habe, und im Grunde einen kulturellen und humanen Rückschritt“ sieht.

↑ Toppers bogumilisch-langobardischer Kulturtransfer und die Rolle der Juden

Toppers Spekulationen (S. 169) über eine vorchristliche „Lichtreligion … iranischer bzw. persischer Herkunft“, die „durch die bulgarischen Bogumilen auf dem Weg über den Balkan ins westliche Europa übertragen“ und von den „etruskisch-langobardischen[n] Städte[n]“ aufgenommen worden sein sollen, stehen Sie sehr aufgeschlossen gegenüber, zumal nach Papst Stefan III. „die vielfach rothaarigen Langobarden von einer ‚leprösen Nation‘ abstammen“ sollten. Damit könnten, so denken Sie, „auch die Juden gemeint“ sein, deren starke Anfälligkeit für die Lepra ja auch aus dem Alten Testament bekannt ist“ (ich bezweifle allerdings, dass man das aus den Erwähnungen des Aussatzes in der Bibel schließen kann). Wenn ich Sie richtig verstehe, nutzen Sie also Toppersche Argumente, um anders als er eine positive Linie von der persischen Lichtreligion über die Juden zu den Langobarden zu ziehen.

Weniger überzeugend (S. 170), weil „nicht ausreichend mit entsprechenden Quellen untermauert“ finden Sie Toppers Auffassung (zitiert nach Topper, a.a.O., S. 176), dass „von den Langobarden“ sogar eine aufklärerische Linie ausgeht, „die zum modernen Menschen“ und „zur politischen Autonomie“ führt, ein „Schritt zur Freiheit des Geistes und der Forschung“, ja zur „Renaissance“. Allerdings stimmen Sie ihm insofern voll zu (S. 171),

dass die Lombarden bereits im 13. Jahrhundert ein Wirtschaftssystem entwickelten, das sich nicht ausschließlich von den sozialen und wirtschaftlichen Prinzipien des Neuen Testamentes (Zinsverbot) leiten ließ, sondern vielmehr umgekehrt dazu beitrug, das dogmatische Christentum des Mittelalters an die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten der modernen Welt anzupassen.

In diesem Zusammenhang heben Sie hervor, dass die Langobarden durch ihre „besonders progressive Wirtschaftsgesinnung und -praxis“, durch ihr „außergewöhnliches Freiheitsbewusstsein“ und indem sie sich „nicht ans kirchliche Zinsverbot hielten, sich von den anderen Europäern abhoben und in dieser Mentalität mehr den Juden als den Christen nahe standen“. Ich vermute, dass Sie mit dieser Einschätzung auch an Ralph Davidson anknüpfen, der in seinem Buch „Kapitalismus, Marx und der ganze Rest“ (Hamburg 1995) die Entstehung des Kapitalismus mit der Aufhebung des mittelalterlichen Zinsverbotes in Verbindung bringt.

Diese Argumentation, soweit sie die jüdische Kultur ins Spiel bringt, basiert jedoch auf einem Irrtum. Das kirchliche Zinsverbot geht ja direkt auf ein jüdisches Zinsverbot zurück, das im Alten Testament fest verankert ist: 2. Mose 22,24; 3. Mose 25,36f.; 5. Mose 23,20f.; Psalm 15,5; Hesekiel 18,8.13.17. Nur in Sprüche 28,8 wird eingeräumt, dass einer, der auf Zinsen verleiht, damit eine Sozialverpflichtung zu übernehmen hat. Im Neuen Testament kommt das Zinsverbot dagegen gar nicht vor. Im Gleichnis von den Talenten – Matthäus 25,27 und Lukas 19,23 – wird die Zinswirtschaft allerdings selbstverständlich vorausgesetzt, vermutlich weil sie seit der hellenistisch-römischen Globalisierung längst eingeführt war.

Nach Wikipedia wird im Talmud „das Zinsverbot“ nicht etwa abgeschafft, sondern „weiter verschärft bzw. ausgeweitet“. Dass allerdings Juden „im mittelalterlichen Europa … zeitweise die einzige Gruppe“ waren, „die nach Kanonischem Recht gewerbsmäßig Geld verleihen durfte“, lag daran, dass ihnen umgekehrt „diverse Verbote auferlegt“ waren, „Handwerk und ähnliches auszuüben“ oder „Grundbesitz“ zu erwerben. „Daher waren vor allem die europäischen Juden häufig als Geldverleiher tätig.“ Das hatte also nichts mit einer besonderen Neigung der Juden zu einer wirtschaftsliberalen Ablehnung des Zinsverbots zu tun und wirkte sich nach Wikipedia im Übrigen negativ auf das Ansehen der Juden aus:

Da die wenigsten Kleingewerbe ohne Kredit auskamen, wurden Juden, besonders in ökonomischen Krisen, als „Wucherer“ betrachtet und beschimpft. So entwickelte sich im Antijudaismus des Mittelalters das Stereotyp des reichen, habgierigen, betrügerischen Juden.

↑ Christentum und Heidentum im Wettbewerb

Immerhin (S. 171) warnen Sie angesichts der überhöhten Einschätzung der „lombardisch-etrurischen Kultur“ durch Topper (a.a.O., S. 175f.) vor dem Eindruck,

dass es vor der endgültigen Etablierung des römischen Katholizismus und des lutherisch-protestantischen Christentums überall in Europa eine heile Welt gegeben hätte, welche dann erst durch Judentum und Christentum aus dem Gleichgewicht gebracht worden wäre.

Insbesondere hat Ihnen (S. 171f.) die Lektüre des Buches von Reinhard Sonnenschmidt, „Mythos, Trauma und Gewalt in archaischen Gesellschaften“ (Gräfelfing 1994) die Augen dafür geöffnet, dass es „auch sehr dunkle Seiten in dieser vorchristlichen Welt und überhaupt in den archaischen Gesellschaften“ gab (S. 172):

Nach der Lektüre des Buches von Sonnenschmidt und anderer Werke über die Kultur archaischer Gesellschaften stehe ich dem Gedanken, dass die vorchristlichen Kulturen Europas dem Judentum und Christentum in menschlicher Hinsicht überlegen gewesen wären, skeptisch gegenüber. Damit sollen jedoch die Rückfälle christlicher bzw. christianisierter Menschen in Mittelalter und Neuzeit in Verhaltensweisen der archaischen Gesellschaft nicht geleugnet oder beschönigt werden.

Dieser Einschätzung kann ich mich nur voll und ganz anschließen.

In diesem Zusammenhang weisen Sie auch darauf hin (S. 172), dass Topper das „vor dem Christentum in primitiven und archaischen Gesellschaften in Europa und anderen Kontinenten herrschende Gewaltpotential und das wenig entwickelte Niveau der materiellen und geistigen Kultur, auf welches immer wieder Kaufleute und Reisende aus anderen Kulturkreisen (bei Davidson, Brasi usw. zitiert) hinwiesen“, unterschlägt. Die (S. 173) von Ihnen zitierte Beschreibung einer Reise in den hohen Norden durch den muslimischen Historiker und Geographen Abu al-Hasan Ali IBn al-Husayn al-Mas‘udi steht allerdings nicht in dem von Ihnen angeführten Werk „Die Juden in der islamischen Welt“; Ralph Davidson alias Lucas Brasi gibt stattdessen in seinem Literaturverzeichnis das Buch von Lewis B., „Die Welt der Ungläubigen“, Frankfurt 1987, an.

Gegen die oben geäußerte pauschale Abqualifizierung der christlichen Kultur etwa durch Uwe Topper schließen Sie es mit Recht nicht aus (S. 174),

dass selbst dieses unterentwickelte nördliche und östliche Europa für die Aufnahme der höher entwickelten jüdisch-christlichen Kultur mit einer besser entwickelten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation, wie sich aus dem AT und NT ablesen lässt, bereit war und sich davon wohl auch Vorteile versprach.

Allerdings nehmen Sie zugleich realistisch an, dass die „‚heidnischen‘ Kräfte die Wirkungsfaktoren der jüdischen und christlichen Religion und Kultur“ immer wieder überlagten und verdrängten.

Vor allem sehen Sie in dem (S. 174f.)

im 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland eingeführte Welt- und Menschenbild der griechisch-römischen Antike in Verbindung mit einem nebulosen Indogermanismus ein[en] Weg, der von den Errungenschaften der jüdisch-christlichen Kultur wegführte und zurück zu einem Denken der Verherrlichung von Gewalt und Krieg, wie ja die dann bald einsetzende Entwicklung zu einem extremen Nationalismus, Imperialismus und Antisemitismus hin offenbarte. Gerade die Entwicklung der kulturellen Wirkungsfaktoren seit der Aufklärung zeigt, dass das friedensorientierte Judenchristentum nur mehr ein Element unter vielen war und auf keinen Fall mehr der primär prägende Faktor der kulturellen Entwicklung.

So sehr ich im Großen und Ganzen dieser Einschätzung zuneige, zweifle ich doch die darin enthaltenen Verallgemeinerungen an. Kann man das gesamte griechisch-römische Erbe im Sinne einer Verherrlichung von Gewalt und Krieg interpretieren und die gesamte jüdisch-christliche Kultur als Gegenbild dazu? War das „friedensorientierte Judenchristentum“, wie Sie es hier benennen, überhaupt jemals „der primär prägende Faktor der kulturellen Entwicklung“ gewesen? Wieder gehe ich davon aus, dass Sie hier auf Erkenntnisse Ralph Davidsons aufbauen, wie er sie in seinem Buch „Der Zivilisationsprozess“ niedergelegt hat; Sie kennen inzwischen meine Zweifel an seinen Einschätzungen, dass es in den Klöstern des frühen Mittelalters einen urchristlichen Kommunismus gab und dass frühe Urchristen rational, hochmittelalterliche Christen dagegen frömmelnd und mystizistisch dachten.

Mit Recht stellen Sie gegen Topper die Frage (S. 175f.),

ob die Übernahme einer aus Vorderasien stammenden Zivilisation und Religion wirklich gegen die Interessen des Volkes und mit Zwang erfolgte. Die Übernahme religiöser Glaubensvorstellungen ist, wie die Geschichte zeigt, fast immer in erster Linie ein zivilisatorischer und im Grunde auch ein schriftsprachlicher Aspekt, bei welchem die Übernehmer die vorgefundenen religiösen Ideen in ihr gesellschaftliches und kulturelles Schema in pragmatischer Weise transformierten.

Zur Frage, wie stark umgekehrt das Christentum durch „die vorchristliche Weltsicht“ geprägt wurde und ob „auch das Judentum und der Islam ‚auf antik-heidnischen Grundlagen‘“ fußten, berufen Sie sich auf Topper, Zarnack, Pfister und Raphael Straus, wobei ich vor allem der Art, wie Pfister argumentiert (siehe oben) keinerlei Vertrauen entgegenbringen kann. Ihre Einschätzung, dass die Übernahme und Veränderung von kulturellen und religiösen Vorstellungen mit komplizierten Prozessen der Transformation verbunden ist, sollte den Blick dafür schärfen, dass eine Übernahme älterer, heidnischer Traditionen in das Judentum oder Christentum in durchaus kritischer Weise geschehen sein mag und nicht impliziert, dass sich das Heidentum in der neuen Religion praktisch ungebrochen fortsetzt.

↑ War das Judentum in Nordwestafrika und Iberien älter als dasjenige in Palästina?

Ihre Erwägung unter Rückgriff auf Sprachtheorien von Theo Vennemann (S. 178), dass das „Judentum in Nordwestafrika und Iberien … evtl. sogar älter sein [könnte] als dasjenige in Palästina“, halte ich kaum für nachweisbar.

Die Argumentation der verfolgten Juden in Spanien, dass sie schon „lange vor Christi Geburt in Spanien gewohnt hatten“, also „zur Zeit, als Jesus seinen Leidensweg ging, nicht in Palästina waren“, verfolgt ein verständliches Interesse, nicht für ein Verbrechen ihrer Vorfahren verantwortlich gemacht zu werden, und beweist schon deswegen historisch überhaupt nichts. Trotzdem mag es sein, dass bereits vor Christi Geburt Juden nach Spanien gekommen sind, genau wie sie auch nach Babylonien und Ägypten gekommen waren und sich in vielen anderen Ländern angesiedelt hatten.

Wenn Sie den Ursprung des Judentums in Palästina anzweifeln, müssen Sie auch die Frage beantworten, ob sich mit einem so verstandenen Judentum dann überhaupt noch die mit Palästina und den umgebenden Regionen Ägypten und Zweistromland Traditionen verbinden lassen. Dann müsste ja auch die Bibel anderswo entstanden und die jüdische Kultur später nach Palästina übertragen worden sein. Der libanesische Autor Kamal Salibi, der in seinem Buch „Die Bibel kam aus dem Lande Asir. Eine neue These über die Ursprünge Israels“ (Reinbek 1985) die These vertritt, dass das Volk Israel ursprünglich in Südarabien ansässig war, versucht immerhin zu erklären, wie die jüdische Kultur dann später doch nach Palästina gekommen sein soll (obwohl ich auch seine Überlegungen für letztlich nicht nachvollziehbar halte).

Ihr Argument (S. 178), dass

der weit gereiste Herodot, der Vater der europäischen Geschichtsschreibung, in seinen im 5. Jahrhundert vor Chr. verfassten Historien in Palästina nicht Juden oder Hebräer, sondern Syrer leben lässt[,]

reicht jedenfalls nicht aus, um den nicht-palästinensischen Ursprung Israels nachzuweisen. Da die Juden zu dieser Zeit wie ihre Nachbarvölker Aramäisch sprachen, mag er sie mit den aramäisch sprechenden Syrern in einen Topf geworfen haben. Oder er hat sie gar nicht gekannt. Immerhin waren die Königreiche Israel und Juda in ihrer Eigenstaatlichkeit untergegangen, und die Juden hatten nach dem babylonischen Exil in der persischen Provinz Jehud nur eine begrenzte kulturell-religiöse Autonomie zugesprochen bekommen, die vor der Makkabäerzeit keineswegs mit größerer Machtentfaltung verbunden war. Zudem stellten die Juden erst in dieser Zeit ihre heiligen Schriften in hebräischer Sprache zusammen und grenzten sich bewusst von der Kultur aller fremden Völker (Gojim) ab. In die griechische Sprache wurden die heiligen Schriften der Juden ja erst in der Zeit des Hellenismus übersetzt.

↑ Christlicher Religionstransfer nach Europa aus Gründen der Zivilisation

Schließlich stellen Sie die Frage (179), was

die europäischen Völker bzw. die Eliten der europäischen Völker dazu gebracht [hat], sich schließlich endgültig für das Christentum – trotz des teilweisen Beibehaltens der alten vorchristlichen Glaubens- und Lebensformen – zu entscheiden und nicht den Islam und das Judentum als ihre Religion anzunehmen oder gar die alte semitidische Megalithkultur beizubehalten?

Dass dies Ralph Davidson zufolge (S. 180) „sicher nicht primär aus religiösen Gründen“ geschah, sondern „weil man sich eine Verbesserung der materiellen Kultur sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Organisation versprach“, klingt plausibel, ebenso Ihre In-Frage-Stellung der Auffassung, „dass das Christentum gesellschaftlich, wirtschaftlich und wissenschaftlich ein Rückschritt gegenüber dem angeblich bzw. wirklich höheren kulturellen Niveau der alten Griechen und Römer gewesen“ und dass der „Untergang des Römischen Reiches auf die angebliche Weltabgewandtheit des Christentums zurück[zu]führen“ sei. Stattdessen war es Ihnen zufolge so, dass auf lange Sicht „die christliche Mentalität neue materielle und geistige Fundamente [schuf], welche einen neuen Weg der Sozialökonomie auf einem höheren Niveau begünstigten.“

↑ Christliche Klöster als Pioniere der Wirtschaft und der Bildung

Spannend finde ich Ihre Ausführungen über die Rolle der Klöster als „wirtschaftliche Pioniere in Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft“ (S. 181), die zudem

ihre Erkenntnisse und Errungenschaften nicht für sich behielten, sondern bereitwillig und kostengünstig die Bedürfnisse einfacher Menschen, vor allem der bäuerlichen Bevölkerung, befriedigten. Die klösterliche Bildung und Askese kam im Grunde in der Form der gesteigerten materiellen Bedürfnisbefriedigung den von ihnen betreuten und vielfach auch rechtlich und sozial abhängigen Bauern zugute. … Bereits im frühen Mittelalter hatten Klöster und Kirche Schulen errichtet, in welche sogar die Kinder von einfachen Leuten aufgenommen und ausgebildet wurden.

Klöster spielten auch (S. 182) eine wichtige Rolle für die „wissenschaftliche Forschung“, wobei Sie bemerken: „Selbst die meist von Klöstern praktizierten Fälschungen muss man als Spiegel ihrer hoch entwickelten Kultur akzeptieren.“ In den „klösterlichen Skriptorien“ wurde „die Buchrolle durch den Codex“, also das in Seiten gebundene Buch, wie wir es kennen, ersetzt; „seit dem frühen Mittelalter [kamen] in steigendem Maße neben den Papyrus- auch Pergamentcodices“ zum Einsatz:

In diesen Codices wurde nicht nur das Wissen des Mittelalters, sondern auch das Leben der Menschen, auch das Landleben, z.B. in den klösterlichen Chroniken, Jahrbüchem und den sog. Stundenbüchern festgehalten.

↑ Die Bedeutung der Juden für die europäische Bildung

Weiter heben Sie hervor (S. 183), dass „auch die Juden im Bereich der materiellen Kultur und Infrastruktur engagiert“ waren:

So hielten auch jüdische Gelehrte in hebräischer und jiddischer Sprache ihr Wissen auf Pergament und stärker als die Klöster auch auf Papyrus fest und ließen diese vervielfachen und der gesamten Judenschaft zukommen, bei welcher Analphabeten kaum anzutreffen waren. Auch bei den Juden findet sich im Mittelalter schon der geschätzte Beruf des Buchschreibers.

Seit der „Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gensfleisch (‚Gutenberg‘)“ waren Juden auch „mit Beginn des 16. Jahrhunderts als Drucker, Verleger und Händler von hebräischen Büchern aktiv.“ Eine (S. 187) ausgeprägte „Bereitschaft der Juden, kulturell mit den Völkern und Nationen ihres Wohngebietes zusammenzuarbeiten und mit ihnen in einer kulturellen Symbiose zu leben und zu wirken“, stellen Sie allerdings bereits für das Mittelalter und die Antike fest, und Sie folgern daraus:

Das ist einer der Gründe, warum die Ideen des Alten und Neuen Testamentes weitaus wirksamer waren als die Werte des griechischen und römischen Altertums, welche nicht wirklich durch die germanischen Eroberer des Römischen Reiches angenommen und verinnerlicht wurden. … Dabei ist stets zu beachten, dass die religiös-kulturellen Ideen des Alten und Neuen Testamentes nicht revolutionär, sondern eher evolutionär, vielfach mit großen Rückschlägen, in die europäische Kultur hineinwirkten und nicht immer deutlich und offen sichtbar, sondem auf verschlungenen Pfaden zur Entstehung und Entwicklung des europäischen Werteprozesses beitrugen.

Die „Ideale des klassischen Altertums“ wurden dagegen erst im 19. Jahrhundert „durch die westeuropäische Gesellschaft übernommen“, verbunden mit einer „Glorifizierung der alten Griechen“.

Nicht ganz nachvollziehen (S. 185) kann ich Ihre Ausführungen über die Entwicklung der von den Juden verwendeten Sprache im 18. und 19. Jahrhundert. Wurde tatsächlich „aus der Sprache des religiösen Kultus … zunehmend eine säkulare hebräische Sprache“, die dann auch noch „von aramäischen Elementen gereinigt wurde“? Steht das nicht im Widerspruch dazu, dass „an die Stelle des Jiddischen … bei vielen Juden zur gleichen Zeit in Deutschland immer mehr die hochdeutsche Sprache“ trat – bei den liberalen Juden nämlich, die sich in die aufgeklärte Bildungsgesellschaft zu integrieren versuchten? Die Tatsache (S. 186), „dass schon seit vielen Jahrhunderten deutsche Literatur in hebräischen Lettern“ für „ein jüdisches Publikum“ gedruckt wurde, muss übrigens nicht unbedingt als ein „Aspekt der deutsch-hebräischen Symbiose“ interpretiert werden; entspricht es nicht eher einem Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung, auf die Besonderheit ihrer eigenen Identität Wert zu legen?

Ob (S. 188) „die Überlieferung der die hebräische Kultur betreffenden Quellen wie Altes Testament, Neues Testament, Talmud, Kabbala etc. den tatsächlichen Ereignissen und Geschehnissen wesentlich näher steht als die literarischen Quellen der Griechen und Römer“, kann ich nicht beurteilen. Es gibt jedenfalls auch Autoren wie Uwe Topper und andere, die jegliche Quellen vor dem 16. Jahrhundert für gefälscht oder jedenfalls für unzuverlässig halten, auch kirchliche und jüdische.

Ihrem Plädoyer (S. 189) für eine Überwindung der „bis heute extrem auf Europa ausgerichtete europäischen Geschichtsforschung mit ihrem sublimierten eurozentrischen Überlegenheitsdenken“ und ihrer Anregung, „die Entwicklung der europäischen Kulturgeschichte von der Antike bis zur Neuzeit mit derjenigen anderer Kontinente und Kultursysteme, z.B. lndien und China, zu vergleichen und zu konfrontieren“, kann ich mich nur anschließen.

↑ Druckte Gutenberg zuerst mit einem 18-buchstabigen phonetischen Alphabet?

Nebenbei möchte ich ausführlich (S. 184) auf ein Verdienst eingehen, das Sie mit dem Erfinder der Buchdruckerkunst verbinden (nicht auf Ihre Vermutung, dass Gutenberg „wohl jüdischer Herkunft“ war, wofür ich allerdings im Internet auch nirgends eine Bestätigung finde):

Das große Verdienst von Gutenberg besteht nicht nur darin, dass er den Buchdruck mit gegossenen beweglichen Lettern erfunden hat, sondern auch darin – und das blieb bisher weitestgehend unbeachtet -, dass er ursprünglich nicht mit den uns heute geläufigen 29 Buchstaben (mit Umlauten, aber ohne sog scharfes sz) gedruckt hat. Seine im Grunde phonetische Schrift basierte auf nur 18 Buchstaben. Für Gutenberg gab es ursprünglich also nicht die uns heute geläufige und für die Schüler so belastende Trennung in gesprochene Sprechsprache und Schriftsprache. Sprache und Schrift bildeten eine harmonische Einheit.

Ich habe im Internet nach dieser 18-buchstabigen Schrift Gutenbergs gesucht (das Manuskript von Schweisthal über die „Sprachschrift Europa“ ist mir nicht zugänglich) und nichts darüber gefunden, weiß also auch nicht, welche Buchstaben dazu gehört haben sollen.

Auch falls er wirklich zuerst nur 18 Buchstaben verwendet haben sollte, ziehe ich doch in Zweifel, dass es sich dabei um eine phonetische Schrift im engeren Sinne gehandelt hat, bei der den gesprochenen Lauten jeweils genau ein Buchstabe entspricht. Denn erstens kenne ich kein Beispiel einer solchen Schrift aus der Geschichte der Alphabete. Zweitens benutzt man die Bezeichnung „phonetische Schrift“ auch allgemein für Alphabetschriften im Gegensatz zu ideographischen Schriften. Drittens enthält Gutenbergs Bibelschrift von 1454 jedenfalls 26 Buchstaben.

Im Anschluss daran schreiben Sie (S. 184):

Der Lesevorgang erfolgte nicht still, wie ein deutsches Buch aus dem Jahre 1581 verdeutlicht, sondern es war ein Prozess mit allen Sinnen, bei welchem das Gehör nicht zu kurz kam: „Seind nicht die Buchläden vol schändtlicher Bücher und Tractätlein, in welchen die jungen Knaben, Maidlein, Weiber, auch gar die Closterfrawen, allerley spitzbübische sprüch, Gailheit unnd büberey, mit dem mund lesen, im gemüt lernen, mit augen schepffen, im Werck vollbringen? …“.

Dazu möchte ich sagen, dass das laute Lesen ja nicht mit Gutenbergs Buchdruckerkunst beginnt, sondern bis zu dieser Zeit typisch für jedes Lesen gewesen war. Vielmehr fördert der Buchdruck genau umgekehrt die Möglichkeit des stillen Lesens, da er viel mehr Menschen als zuvor den Zugang zu Büchern erlaubt.

Im Übrigen enthält der von Ihnen zitierte Satz aus einem Buch des Jahres 1581 mindestens 23 Buchstaben unseres Alphabets plus zwei Umlaute, und es handelt sich definitiv nicht um phonetische Schrift im engeren Sinne.

↑ Die Rolle der alten Griechen für die europäische Kultur

Im Blick auf die alten Griechen (S. 190) wenden Sie sich gegen die „Ideologie, dass die attischen Griechen ein Bollwerk von Freiheit und Demokratie gegen den persischen Despotismus gewesen seien.“ Stattdessen weisen Sie darauf hin, dass viele griechische Philosophen und Wissenschaftler „in den ionischen Städten Kleinasiens an der türkischen Westküste und den vorgelagerten Inseln in der Ägäis“ wirkten und „wohl genauso wie der Mathematiker Pythagoras von der iranisch-chaldäischen Wissenschaft geprägt und beeinflusst“ wurden.

Sehr interessant finde ich Ihren Hinweis auf Raoul Schrott, der in seinem Buch „Homer und das Abendland. Warum wir wurden, was wir sind“ (2008), den großen Dichter Homer „als Schreiber und Funktionär der neu-assyrischen Weltmacht“ beschreibt, „der wohl in Kilikien im Südosten der heutigen Türkei gelebt und gewirkt hat“.

Wenn Sie hervorheben (S. 191), dass „der attische Grieche Xenophon“ in seiner Kyropeideia den persischen König Kyros als vorbildlichen Herrscher darstellt und dass ihm daran gelegen war (11) „das herrschende Vorurteil gegen alles Persische … zu beseitigen, womit er zum Wegbereiter des Hellenismus wurde, in dem sich griechische und östliche Kultur verschmolzen“ (12), dann stimmt das mit der Erfahrung des jüdischen Volkes überein, dem ja (wie im biblischen Buch Esra berichtet) nach dem babylonischen Exil vom persischen König die Rückkehr nach Palästina, der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und eine religiös-kulturelle Autonomie in der Provinz Jehud gewährt wurde. Die „positive Bewertung der persischen Herrschaft beim Propheten Jesaja“ findet sich allerdings nicht in „Buch 41“, sondern in den Kapiteln 44,28 und 45,1 des Buches Jesaja.

Sie haben Recht (S. 191):

Asien wirkte … nicht nur (besonders intensiv) über die jüdisch-christliche Religion, sondern auch über die griechische Kultur auf Europa ein.

↑ Jüdisch-jiddische Kultur im neuzeitlichen Franken (S. 193-215)

In Ihrem Vortrag über jiddische Elemente in der fränkischen Sprache haben mich besonders die verschiedenen Fallstudien und die jüdischen Sprichwörter in den Abschnitten 3 bis 5 angesprochen und mir neue Einsichten vermittelt.

Was Sie im Teil 2 über die Sprache des Jiddischen als „die eigentliche Sprache der aschkenasischen Juden“ (These A) bzw. „die Sprache der Aschkenasim, also der im weitesten Sinne deutschen Juden“ (These B) ausführen, hat mich dagegen eher verwirrt, so dass ich nicht verstanden habe, worauf Sie eigentlich hinauswollen.

Nicht nachvollziehbar erscheint mir Ihre Argumentation (S. 196f.):

Gegen eine Übernahme des Jiddischen aus dem Deutschen spricht allerdings die erstaunliche Tatsache, dass die Juden Jiddisch, eine germanische Sprache, sprachen und noch sprechen, doch diese nicht mit deutschen oder lateinischen Lettern, sondern fast immer in speziellen jiddischen Lettern, einer Art hebräischen Kursivschrift, geschrieben und publiziert haben.

Es könnte doch sein, dass Juden, die es gewohnt sind, in der Synagoge die hebräische Bibel zu lesen, auch ihre Alltagssprache, unabhängig von deren Herkunft, in einer dem Hebräischen ähnlichen Schrift zu Papier bringen.

Am Ende des 1. Abschnitts irritiert es mich ein wenig (S. 194), dass Sie einerseits „das Hebräische ebenso wie das Deutsche und Lateinische“ als „eine Kunst- und Schriftsprache“ bezeichnen, andererseits aber (S. 195) ohne Quellenangabe die These Ralph Davidsons anführen, „dass das Hebräische im Jemen (bis vor wenigen Jahren) die täglich gesprochene Verkehrssprache der Juden war.“ Diese beiden Aussagen schließen doch einander aus: Entweder ist das Hebräische als Kunstsprache von Gelehrten für die Zwecke ihrer besonderen Kommunikation entwickelt worden, oder Hebräisch entstand ursprünglich als eine gewachsene Sprache zum alltäglichen Gebrauch, die erst später nur noch in liturgischen, gelehrten oder poetischen Zusammenhängen verwendet wurde. Ob im letzteren Fall allerdings der Ursprung dieser Sprache tatsächlich im Jemen zu suchen wäre, bezweifle ich stark; ein Ursprung in Palästina ist doch weitaus naheliegender.

Recht zusammenhanglos erwähnen Sie dann noch (S. 195) „eine hochinteressante Musterseite aus dem vierspaltigen Lexikon des im fränkischen Ipsheim geborenen Jiddisch-Forschers Elia Levita“ (die sich allerdings nicht in Abhandlungen von Dr. Roman Landau, sondern von Ralph Davidson findet – es sei denn, Davidson ist, wie ich vermute, tatsächlich ein alter ego von Landau), von der Sie einige deutsche und hebräische Wörter zitieren, wobei in Levitas Wörterbuch im Original für „Schulter“ nicht das hebräische Wort BeTeCh, sondern KaThePh = „Schulter“ zu lesen ist (siehe Abbildung). Zeile aus dem hebräischen Wörterbuch von Elias Levita: Schulter - Humerus - KaThePh (hebr.) - Schulter (in jiddischer Schrift)Ein mit BeTeCh umschriebenes hebräisches Wort würde auf Deutsch „Sicherheit“ bedeuten.

↑ Deutsche Juden zwischen jüdischer Identität und deutscher Anpassung (S. 217-240)

Ihren Vortrag über die drei deutschen Juden Moses Mendelssohn, Heinrich Heine und Walther Rathenau finde ich von vorn bis hinten außerordentlich lehrreich. Heinrich Heine mochte ich ja schon immer, von den beiden anderen hatte ich bisher keine genaue Vorstellung, aber auch über Heinrich Heine haben Sie mir neue Aufschlüsse vermittelt, vor allem (S. 227f.) über seine vorausschauende Analyse der Gefahren im deutschen Nationalismus. Besonders hat mich (S. 235f.) Ihre Erinnerung an Betty Rathenau angerührt, die in beispielhaft gelebter biblischer Nächstenliebe für einen der Mörder Ihres Sohnes Gottes Vergebung erbittet.

Interessant finde ich es auch (S. 222), einen Zusammenhang zwischen Moses Mendelssohns „Anpassung an deutsche Sprache und Kultur“ und der heutigen Integrations- bzw. Assimilationsdebatte herzustellen. Damals erwarteten „die meisten Elitedeutschen“, dass Juden ihre Sprache und Kultur weitgehend ablegen sollten, um dazu zu gehören:

Wer nicht Deutscher und Christ werden wollte, war in Deutschland unerwünscht, wie ‚klassische‘ Aussagen von Fichte und Treitschke belegen.

Heute wird ja ebenfalls erwartet, dass Migranten die deutsche Sprache erlernen, allerdings nicht eine Aufgabe der Muttersprache oder der mitgebrachten Kultur. Aber wie kann vermieden werden, dass Parallelgesellschaften entstehen, deren Wertesysteme allzu weit auseinanderdriften? Mit Recht weisen Sie darauf hin, dass nach wie vor ungeklärt ist (S. 223),

was man unter „europäischen Werten“ zu verstehen hat. Gehören da auch die in den religiösen Werken des Judentums und Christentums grundgelegten Werte dazu? Vor allem Ehe und Familie? Die „Zehn Gebote“?

Zur Schreibweise von Namen noch zwei Hinweise: Den „Allroundwissenschaftler Leibniz“ haben Sie auf S. 219 versehentlich mit „tz“ statt „z“ geschrieben. Und Moses Mendelssohn hat bei Ihnen durchgehend nur ein „s“ im Nachnamen; nach Wikipedia schreibt sich aber nur der Autor Moses Mendelsohn (1782–1861) auf diese Weise, während der Philosoph Moses Mendelssohn (1729–1786) wie sein Enkel Felix Mendelssohn Bartholdy mit „ss“ geschrieben wird.

Eine allerletzte Bemerkung zu Ihrem Vergleich von Moses Mendelssohn und der modernen Casting-Kultur (219f.):

Der Aufstieg des Moses Mendelsohn klingt wie eine moderne Erfolgsstory. ln unserer modernen Casting-Kultur hätte Mendelsohn den Sprung nach Berlin wohl nicht geschafft. Denn er war „ein schüchterner Mann von kleiner Statur, der zeit seines Lebens aus Verlegenheit stotterte, wenn er zu sprechen begann“. Er war zwar ein Mann „mit schön gebildetem Gesicht, klugen Augen und einem kurzen Bart, aber mit verwachsenen Schultern, die einen Höcker bildeten; ein bescheidener kranker Mann“. Seine Geisteskapazität war aber so außergewöhnlich, dass diese Defizite seinen sozialen und intellektuellen Aufstieg nicht verhindert konnten.

Dazu denke ich: Manchmal schaffen es auch in modernen Casting-Shows gerade die Menschen mit solchen scheinbaren „Makeln“, ein Publikum von ihren gesanglichen Qualitäten oder sonstigen Talenten zu überzeugen.

Mit herzlichen Grüßen
Helmut Schütz

↑ Anmerkungen

(1) So behauptet er beispielsweise (S. 68): „Um pseudogeschichtliche Ereignisse herum wurden in einer Landschaft häufig historische Namenlandschaften geschaffen“, wozu ich als besonders abstruses Beispiel seine Interpretation Martin Luthers anführen möchte (S. 70):

Nördlich des Harz liegt das Land SACHSEN = SCSM = SCTM = SANCTUM. Damit wird die Bedeutung des Gebirges als heiliges Land unterstrichen und verdoppelt.

Im heiligen Land wirken religiöse Reformer. Der erste ist HILDE-BRAND, dem die Stadt HILDES-Heim ihren Namen verdankt.

Der zweite Reformator ist der bekannte Martin Luther. Dieser ist zuerst eine Jesus-Gestalt, deshalb heißt sein Geburts- und Sterbeort EIS-Leben, richtiger IS (=JESUS)-Leben.

Und die Bibelübersetzung verfertigt Luther in EISEN-Ach, eigentlich ISEN (=JESUM)-Ach.

Jesus hatte eine geistliche Freundin namens Maria MAGDALENA. In der Landschaft von Luther als Jesus-Gestalt mußte diese Frau deshalb ebenfalls vertreten sein, hier in dem Namen MAGDE-Burg.

Martin Luther begann seine religiöse Wirksamkeit im Jesus-Alter von 33, „1517“ mit dem Thesenanschlag in Wittenberg.

444 Jahre vor Luthers reformatorischem Beginn – 1073 – war der Reformer Hildebrand als Gregor VII. Papst geworden.

In WITTEN stellt das W ein umgestürztes M dar und ergibt so die Konsonantenfolge MTT = METTIUS, der Vulkanherrscher von Alba.

Mettius ist ein Synonym für Vesuv. – Es ist unerheblich, daß Wittenberg eine Stadt und kein Berg ist. Wichtig war allein die Bedeutung, die man einem Ort zuschreiben wollte. Moses wie Luther empfingen ihre Gebote und Thesen am Fuße eines Vulkans.

LUTHER = LTR bedeutet LOTHAR. Und dieser war der weltliche Fürst, während Luther den geistlichen Fürsten darstellt. Gemeint ist Lothar von Sachsen oder Lothar von Supplinburg mit den Regierungsdaten „1125 – 1138“, eine Parallelität zu Vespasian (Tabelle 16).

Luther ist also ein geistlicher König. Deshalb heißt Lothars Grablege nördlich des Harzgebirges KÖNIGSLUTTER.

(2) Carotta erklärt die eben von Pfister angeführte Etymologie (S. 42, Anm. 90) auf folgende sehr gelehrte und sogar bestechende Weise (die aber trotzdem über Jesus nichts zwingend beweist):

Gaius Iulius als Eigenname kann sich nicht halten: Er ist zu lang. Eigennamen schrumpfen im Gebrauch zur Maximallänge von zwei Silben zusammen. Johannes wird zu Jannis, Jean, Sean, Ian oder John, und versucht man, offiziell die volle Form doch beizubehalten, so schrumpft sie in der Praxis genauso, zum deutschen Hans zum Beispiel, oder italienisch Giovanni zu Gianni; natürlich kann Johannes dem heutigen Trend entsprechend neuerdings auch zu Jo abgekürzt werden, aber kürzer muß es werden. … Gaius Iulius hat vier Silben. Die Abkürzungen, nur Gaius oder nur Iulius, verbieten sich, da es zu Verwechslungen kommen würde. Der Name muß sich kontrahieren. Zum Vergleich hilft uns hier Forum Iulii, das zu Fréjus wurde (anscheinend ging der Volksmund von der undeklinierten Grundform Forum Iulius aus: Forum Iulius > Fre-jus). Dies zeigt, daß im zweiten Glied unserer Zusammensetzung Iulius zu -ius (-jus) wird. Die unakzentuierte mittlere Silbe schwindet dann (cf. u.a. M.K.POPE, From Latin to Modern French with special consideration of Anglo-Norman, Manchester 1934: vigilare > veiller; regina > reine; nigrum > noir; legere > lire, etc.). Gaius Iulius wird daher als Zwischenstufe Gais-jus haben. Das anlautende weiche „g“ wird zu „j“, während Spirant „s“ den Halbkonsonanten „j“ des zweiten Glieds absorbiert; dann schließt sich im ersten Glied der akzentuierte Vokal zu „e“ (dies wird bei griechisch Gaios erst recht der Fall sein, da es ohnehin als dialektale Variante von gêios – Aus­sprache „ghêios“ – aufgefaßt wird: dorisch γαιος / attisch γηιος): Iêsus, griechisch ιησους.

Gaius Iulius > Gais-jus > Iêsus > ιησους.

Gaius Julius und Jesus können ein und derselbe Name sein, der eine in der ausführlichen Form, der andere in der alltäglichen.

(3) Vgl. die letzten Abschnitte in Carottas Buch, S. 374:

Nach eingehender Untersuchung dieser nur scheinbar unterschiedlichen Gebiete – Religionen, Sagen und Märchen – könnte sich herausstellen, daß Divus Iulius mit seiner Filiation Divi Filius außer dem Christentum auch die anderen außerchristlichen Monotheismen (mit)geformt hat, und nicht nur das, sondern daß er außerdem, nicht minder als Alexander, seine Legenden gehabt hat, die in unseren Sagen und Märchen nachzulesen sind.

Sind diese Sagen und Legenden aus diesem Grund in quasi religiöser Ehre gehalten worden?
Wenn dem so wäre, dann würde Divus Iulius einen längeren Schatten werfen, als wir hofften, unheimlicher, als wir befürchten konnten. Der göttliche Iulius hätte nicht nur unsere Tempel, Kirchen und Moscheen bewohnt, sondern auch die Sehnsüchte unserer Jugend und die Träume unserer Kindheit: inkognito.

(4) Roman Landau: Anmerkungen zum Zivilisationsprozeß. Weitere Beweise für die Fiktionalität unseres Geschichtsbildes, Hamburg 2003, S. 44-47.

(5) Michael Wolffsohn: Juden und Christen – ungleiche Geschwister, Düsseldorf 2008, S. 15ff. Ihr folgendes Zitat bezieht sich auf dasselbe Buch, S. 80.

(6) Hans Guggemos: Andechs and the Huosi, in: Migration & Diffusion, an International Journal, vol. 4, Nr. 15, 2003, S. 41-46, und Erich Zöllner: Awarisches Namensgut in Bayern und Österreich, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. LVIII, 1950.

(7) Dazu verweisen Sie in Anm. 266 bis 269 auf Werke von Horst Friedrich und vor allem auf Boris Altschülers Buch „Die Aschkenasim – außergewöhnliche Geschichte der europäischen Juden“, Band 1, Saarbrücken 2006.

(8) Den Perserkönig Kyros spricht Gott zwar als seinen „Gesalbten“ an (Jesaja 45, 1), auf Hebräisch „Maschiach“ oder „Messias“, auf Griechisch „Christus“ (οὕτως λέγει κύριος ὁ θεὸς τῷ χριστῷ μου Κύρῳ = „So spricht Gott, der Herr, zu meinem Gesalbten Kyros“ steht wörtlich in der Septuaginta). Aber auch er wird von Gott lediglich mit der Rückführung der Judäer in ihr Heimatland Juda beauftragt und zu diesem Zweck (sinnbildlich gesprochen!) von Gott gesalbt. Es widerspricht vollkommen der Aussageabsicht der Bibel, wenn Davidson schreibt (S. 90): „Der Gottesknecht Kyrus bedient sich demnach der Stämme Jakobs und der Verschonten Israels um Gottes Botschaft zu verbreiten.“ Nein, umgekehrt, Gott bedient sich des heidnischen Königs Kyrus, um sein Volk zurück in die Heimat zu bringen und den Tempel in Jerusalem neu aufzubauen.
Abwegig sind in diesem Zusammenhang auch Davidsons Ausführungen (S. 90) über die „Namensähnlichkeit zwischen Kyros und Christus“. Sie lösen sich in nichts auf, wenn man bedenkt, dass die Griechen eben nicht „K R“, sondern „CH R“ für Christus schrieben. Das Wort χριω = salben enthält kein griechisches Kappa = κ, sondern ein Chi = χ. Außerdem wird Kyros mit „y“ geschrieben, Christos mit „i“. Seine Spekulationen über eine mögliche Verwechslung des Kyrus mit dem 500 Jahre später lebenden Jesus Christus sind ähnlich abwegig, als wollte er beweisen, dass man seine Person wegen der Namensähnlichkeit von DAVI(DSO)N und DA(R)WIN als identisch mit dem Begründer des Darwinismus ansehen müsste. Die einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass man sowohl Kyros als auch Jesus mit dem Titel des jüdischen „Gesalbten“ bezeichnet hat – womit im jüdischen Sprachgebrauch aber jeder gemeint sein konnte, der von Gott das Amt des Königs oder auch eines Priesters verliehen bekam.

(9) Sein Buch „Auch Adam hatte eine Mutter. Spuren einer alten Überlieferung in den Fünf Büchern Moses, München 1999“ war mir allerdings nicht zugänglich; ich beziehe mich auf eine Vorgängerversion: „Die Bibelkorrektur. Auch Adam hatte eine Mutter“ aus dem Jahr 1979.

(10) Vgl. Marcel Simon, „Verus Israel. A study of the relations between Christians and Jews in the Roman Empire (135-425), Oxford 1986.

(11) Von Ihnen in Anm. 338 zitiert nach: Fritz Wille, „Führungsgrundsätze in der Antike. Texte von Xenophon Plutarch Arrian Sallust Tacitus“, Zürich 1992, S. 28.

(12) Nebenbei bemerkt widersprechen Sie damit Lucas Brasi alias Ralph Davidson, der ja die Existenz des Hellenismus leugnet und diesen Begriff als rein innerjüdisches Phänomen deutet; vgl. den Abschnitt „Waren die Hellenen des Hellenismus Juden?“ in meiner Besprechung seines Buches „Die erfundene Antike“.

 

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