Lass los, was dich nicht glücklich macht!

Jesus und der reiche Mann auf der Suche.

Jesus sagt: „Niemand muss verloren gehen. Vielleicht fädelt Gott sogar ein Kamel durchs Nadelöhr“. Wirst du als Reicher nicht glücklich, versuch es als Armer. Wenn dir im Leben alles zerrinnt, vertraue Gott die Scherben deines Lebens an. Wenn du innere Leere spürst – frag das Kind in dir, wonach es sich sehnt.

Zwei Dromedar-Umrisse aus Draht am Ufer von Lanzarote

Passt ein Kamel durch ein Nadelöhr? (Foto einer Skulptur von Dromedaren auf Lanzarote: pixabay.com)

Konfirmation am Sonntag Kantate, den 13. Mai 2001, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Schriftlesung aus dem Evangelium nach Markus 10, 17-27:

(Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart)

17 Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

18 Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.

19 Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!

20 Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.

21 Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!

22 Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

23 Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!

24 Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!

25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.

26 Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?

27 Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Es gibt ein altes Vorurteil: Die jungen Leute heute lassen sich nur wegen der Geschenke konfirmieren! Das hat man schon zu meiner Zeit gesagt. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Es könnte ja auch ein Zeichen der Wertschätzung für dieses kirchliche Fest sein, dass man sich ausgerechnet zu diesem Anlass besonders große Geschenke einfallen lässt.

Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Junge in der Schule ganz begeistert, was sein älterer Bruder alles zur Konfirmation kriegt. Ich glaube, er nimmt sich jetzt schon vor: „Ich muss mich im Konfirmandenjahr gut benehmen, damit ich am Ende auch konfirmiert werde.“

Es ist ja auch schön, wenn man Geschenke kriegt. Ich verstehe sogar, warum Geldgeschenke manchmal noch besser ankommen als sehr gut gemeinte persönlich ausgesuchte Geschenke. Man möchte sich doch seine ganz persönlichen Herzenswünsche erfüllen können.

Schön und gut. Aber ich bin überzeugt, das ist nicht alles.

Nur, was man sonst noch von der Konfirmation hat, lässt sich nicht so leicht in Worte fassen. Da geht es um ein Stück Erwachsenwerden, man ist auf einmal nicht mehr nur das Kind, und die Eltern sehen es mit Stolz und ein bisschen Wehmut. Es geht um Wünsche, die man sich nicht mit Geld erfüllen kann – man möchte im Erwachsenenleben bestehen, die Schule gut abschließen, eine gute Ausbildung und Arbeit haben, Freunde finden, vielleicht sogar den Freund oder die Freundin fürs Leben.

Das Leben soll gelingen – und das, obwohl man so viele scheitern sieht. Heiraten – bei der Scheidungsziffer? Sich für einen guten Schulabschluss anstrengen – bei der Arbeitslosigkeit? Ich glaube, die sogenannte Spaßgesellschaft gibt es nur, weil das Leben für viele gar nicht so spaßig aussieht. Wenn ich niemanden habe, der mir sagt: „Ich glaube an dich, du kannst im Leben bestehen!“, dann begnüge ich mich vielleicht mit ein bisschen Spaß, und irgendwann hänge ich nur noch rum oder ab…

… hat vorhin die Geschichte von einem jungen Mann vorgelesen, der eines Tages ganz aufgeregt auf Jesus zurennt. Er benimmt sich echt komisch, fällt sogar vor Jesus auf die Knie. Was ist das für einer? Er hat kein schlechtes Leben, erfahren wir nachher, ein Kind reicher Eltern, er kann sich materielle Wünsche erfüllen, und gut erzogen ist er auch.

Aber trotzdem sucht er noch mehr. So wie er bisher gelebt hat, findet er sein Leben noch nicht gelungen. Das reicht ihm nicht – das ist irgendwie leer. Leben, das müsste mehr sein als Arbeiten und Essen und Schlafen und ein bisschen Spaß und dann kommt am Ende das kühle Grab. Er will alles aus dem Leben herausholen, und am besten sollte das Leben nie aufhören, er kann den Gedanken nicht ertragen, dass einmal alles zu Ende sein könnte.

Da kommt ihm dieser Jesus gerade recht. Alle sagen, das ist ein guter Mann, der sagt dir, wo es lang geht. So spricht er ihn an: „Ich will ewig leben – was muss ich dafür tun? Du bist doch ein guter Mensch! Du musst das doch wissen.“

Ich weiß nicht, was Jesus denkt, als der Junge sich vor ihm in den Staub wirft. Ich glaube, er stellt ihn erstmal auf die Füße, dann redet er ernsthaft mit ihm.

„Nenn mich nicht gut“, sagt Jesus. „Nenn keinen Menschen gut, denn gut ist nur Einer, der im Himmel.“ Es ist eigentümlich, das aus dem Mund Jesu zu hören, denn wir Christen sehen Jesus doch als den Gottessohn – muss er dann nicht auch gut sein?

Jesus, der Sohn Gottes, ist kein Halbgott, ist auch kein zweiter Gott neben dem Vater im Himmel. Er ist ganz Mensch, so wie Gott den Menschen geplant hat: geschaffen zu seinem Ebenbild. Er muss nicht perfekt sein, kein Supermann, kein Halbgott, muss nicht einmal vollkommen gut sein – er lebt aus Liebe, er ist barmherzig, offenbar auch mit sich selbst. Darin liegt sein Geheimnis – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Darum kann Jesus dem jungen Menschen nicht sagen: „Ja, ich bin gut, und ich werde im Handumdrehen alle deine Probleme lösen.“ So gut will Jesus gar nicht sein, so sieht der Weg zum guten Leben nicht aus.

Aber wie dann?

Was Jesus als nächstes sagt, ärgert den jungen Mann. Fängt der doch tatsächlich mit den langweiligen Zehn Geboten an. „Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“ „Klar“, meint der Junge, „kenn ich doch, an die Gebote halte ich mich längst. Aber das macht doch jeder. Ich will mehr tun!“

Jesus hätte jetzt ja sagen können: „Das glaubst du ja selber nicht. Du willst alle Gebote befolgen? Ich sag‘s dir doch: Nobody is perfect, niemand ist gut. Außer Gott.“ Aber Jesus tut etwas ganz anderes. Er sieht ihn an, den jungen Mann. Und er gewinnt ihn lieb. Wie einen Konfirmanden, der sich Mühe gibt, wie eine Konfirmandin, die einen Vater sucht.

Jesus ist ein Mann, der sein Herz spürt und auf sein Herz hört. Gerade eben noch sind kleine Kinder bei ihm gewesen, die haben sich bei ihm geborgen gefühlt. Jetzt spürt er, wie auch dieser junge Mensch auf ihn zählt, sich nach Orientierung sehnt. Der möchte raus aus den Bahnen, die ihm vorgezeichnet sind, was alle tun, das reicht ihm nicht, leer erscheint ihm sein Leben, obwohl er so viel hat und obwohl ihm schon viel gelungen ist.

Da fühlt Jesus, was dem jungen Mann fehlt. Er braucht nicht noch mehr. Er muss nicht noch mehr tun. Das Loch in seinem Leben, die leere Stelle in seiner Seele kann er nicht selber ausfüllen, indem er noch mehr hat oder noch mehr tut. Jesus spürt: Vor ihm steht einer, der hängt sein Herz an die falschen Dinge. Der kann nicht loslassen. Der meint, er wird unglücklich, wenn er nicht alles kriegt. Wenn er zu früh stirbt. Wenn ihm in seinem Leben nicht alles gelingt.

Liebevoll sagt Jesus zu ihm: „Eins fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen. Lass los, was du hast – lass dich merken, dass diese Dinge dich nicht wirklich glücklich machen.“ Einen Schatz im Himmel verspricht ihm Jesus und damit meint er nicht die verdiente Belohnung für einen harten Verzicht, sondern er meint: „Wenn du dein Herz nicht mehr an das hängst, was du hast, dann spürst du mehr, worauf es wirklich ankommt – wer dich liebhat, dass du nicht allein bist in der Welt, dass du ein kostbarer Mensch bist, wertvoller als alles Geld der Welt, und dass dein Leben einen Sinn hat – egal, wieviel Erfolg du im Leben haben wirst.“ Jesus sagt das nicht nur, er macht ihm zugleich ein großes Angebot. Er weiß, dass es nicht leicht ist, loszulassen, und will ihm dabei begleiten. „Komm und folge mir nach!“ sagt er – nimm meine Begleitung an, ich kann dir helfen, ich kann dich aber auch gut gebrauchen, ich habe genug Aufgaben für dich.

Leider hat diese Geschichte kein Happy End. „Der junge Mann war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg.“ Warum? Hat er nicht gemerkt, was Jesus für ihn übrig hat? Doch, das hat er wohl, deswegen wird er ja traurig. Jesus trifft genau seinen wunden Punkt. Er kann sich nichts mehr vormachen: Es geht gar nicht darum, noch mehr zu tun, noch mehr zu kriegen. Was er braucht, hat er schon, genug bekommt er schon, geliebt ist er schon, ewiges Leben kriegt er nicht erst, wenn er sich noch mehr anstrengt. Er kriegt es hier und jetzt – geschenkt. Nur kann er‘s nicht annehmen, seine Hände sind zu voll, sein Herz ist überfüllt, er ist einfach zu reich.

Auch Jesus bleibt erschüttert zurück. Er ist kein Halbgott, gewinnt den jugendlichen Menschen nicht mit Zaubermacht für sich. Er ist wahrer Mensch, ihm tun Enttäuschungen weh. Er kann nur hoffen – vielleicht kommt der junge Mann irgendwann doch noch zur Einsicht, entscheidet sich anders.

Nun sieht Jesus seine Freunde an. Sie denken: „Was guckst du?“ und er seufzt: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ Die Freunde sind bestürzt. Jesus wiederholt dasselbe noch einmal, doch beim zweiten Mal redet er diese Erwachsenen als Kinder an: „Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Liebe Mädchen, liebe Jungen, die ihr erwachsen werdet, und liebe Erwachsenen, Jesus erinnert uns daran, dass wir in unserem Herzen wie ein Kind fühlen, egal, wie alt wir werden, wir freuen uns und fühlen Schmerz, wir haben Wünsche und manchmal Angst. Je klarer wir einsehen, dass wir fühlen und Liebe brauchen, desto erwachsener sind wir: verantwortlicher, liebevoller, stärker. Desto weniger haben wir es nötig, uns an das zu klammern, was man kaufen oder in der Quiz-Show gewinnen kann.

Jesus hat nicht von jedem Reichen verlangt, alles zu verkaufen. Reiche Frauen unterstützen ihn, die nicht alles weggegeben haben. Doch er weiß, dass man unmöglich durch den Reichtum glücklich werden kann. Auf dem Weg zum guten Leben wird man nur gebremst durch das Mehrhabenwollen, durch den Stolz auf das, was man mehr hat, was man besser kann, was man vorzuweisen hat. Auch frommer Reichtum ist Jesus ein Greuel – wenn einer meint, er sei ein besserer Christ als ein anderer. Erinnern wir uns, nicht einmal er selbst lässt sich „gut“ nennen.

Erschrocken sagen Jesu Freunde zueinander: „Dann sind alle verloren!“ Aber Jesus guckt sie wieder an, wie eine Konfirmandengruppe, die immer noch nicht verstanden hat: „Nein, niemand muss verloren gehen. Für Gott ist alles möglich. Vielleicht fädelt Gott sogar ein Kamel durchs Nadelöhr“. Wenn du als Reicher nicht glücklich wirst, versuch es doch einfach als Armer. Wenn dir im Leben alles zerrinnt, wenn du scheiterst, dann vertraue Gott die Scherben deines Lebens an. Wenn du nicht weißt, wie du die Leere deines Herzens füllen kannst – frag das Kind in dir, wonach es sich sehnt. Verlass dich darauf: Gott hat dich längst liebgewonnen, so wie Jesus den jungen Mann, und er traut dir zu, dass auch dein Leben voller Liebe sein wird.

Darum ist es gar nicht verkehrt, wenn die Konfirmation mit Geschenken zu tun hat. Ich bin auch sicher, es sind Geschenke dabei, bei denen spürt ihr, wie lieb euch diejenigen haben, die euch beschenken, und was sie euch zutrauen. Und das müssen nicht immer die teuersten Geschenke sein. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

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