„Dienet der Zeit“

Zeitgemäßheit ist keine Anpassung an den Zeitgeist.

„Der Zeit dienen“ heißt: den Menschen in einer bestimmten Zeit dienen. Was brauchen wir? Klärung unserer Glaubens- und Lebensfragen, Stützung und Entscheidungshilfe in einer Krise, Trost in der Trauer? Oder einfach einen Ort, wo man sich trifft – im Tanzkreis, Frauenkreis, Bibelkreis, beim Seniorennachmittag, in Kinder- und Jugendgruppen?

Foto nach der Amtseinführung von Pfarrer Helmut Schütz (Mitte) mit Dekan Wobbe, Kirchenvorsteherin Fremuth, Kirchervorsteher Cramer und Pfarrer Frank-Tilo Becher

Dekan Henning Wobbe, Heidi Fremuth und Gottfried Cramer von Kirchenvorstand sowie Pfarrer Frank-Tilo Becher bei der Amtseinführung von Pfarrer Helmut Schütz (Mitte) in der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

#predigtGottesdienst zur Einführung von Pfarrer Helmut Schütz am Sonntag, den 25. Oktober 1998, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel und Einzug
Kirchenchor: „Morgenlicht leuchtet“
Begrüßung: Cramer
Lied 262, 1-3 und 6:

1) Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr.

2) Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt. Erbarm dich, Herr.

3) Schaue die Zertrennung an, der sonst niemand wehren kann; sammle, großer Menschenhirt, alles, was sich hat verirrt. Erbarm dich, Herr.

6) Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft. Erbarm dich, Herr.

Eingangsliturgie: Pfarrer Frank-Tilo Becher
Sonata IV von William Corbett, Teil 1: d’Amour, Marquard, K. Meyer, A. Stomps
Vorstellung des neuen Pfarrers und Ansprache: Dekan Henning Wobbe
Lied 295, 1-4:

Chor: Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss‘ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

Gemeinde: Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

Chor: Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

Gemeinde: Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich, so weit der Himmel gehet, der stets beweget sich; dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit‘.

Dekan Henning Wobbe, Pfarrer Helmut Schütz, Pfarrer Frank-Tilo Becher sowie Maria Strauch und Gottfried Cramer vom Kirchenvorstand

Dekan Henning Wobbe, Pfarrer Helmut Schütz, Pfarrer Frank-Tilo Becher sowie Maria Strauch und Gottfried Cramer vom Kirchenvorstand

Einführung von Pfarrer Schütz
Glaubensbekenntnis
Schriftlesungen
Frage an Pfarrer Schütz
Frage an den Kirchenvorstand
Fürbitte
Sendung und Segnung
Wort an die Gemeinde
Sonata IV von W. Corbett, Teil 2
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde! Als ich mir den für heute vorgesehenen Predigttext ansah, sagte ich zu meiner Frau: „Darüber kann ich bei meiner Einführung nicht predigen!“ Und sie meinte: „Dann predige doch einfach über unseren Trauspruch!“ Sie wusste ihn noch auswendig – ich musste ihn erst nachschlagen. Es war ein Satz aus der Übertragung des Römerbriefs von Jörg Zink – Sie finden ihn auf Ihrem Liedblatt auf der Seite mit dem Kreuz unten im Kasten an dritter Stelle:

Lebt nicht an den Aufgaben vorbei, die eure Zeit stellt, und freut euch, dass ihr über sie hinaus eine Hoffnung habt!

Dann suchte ich diesen gleichen Text, Römer 12, 11-12, in meiner Lutherbibel; und ich wunderte mich. Da standen nämlich zwei kleine Sätze, die ganz anders klangen:

Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung.

Wie können zwei Übersetzungen so unterschiedlich ausfallen? Um das herauszufinden, schaute ich auch noch in eine dritte Übersetzung, und siehe da: Im Jahre 1912 stand auch in der Lutherübersetzung ein ähnlicher Satz wie später bei Jörg Zink:

Schicket euch in die Zeit.

Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz

Nun dachte ich: Wozu habe ich vor 27 Jahren im Theologiestudium ein halbes Jahr Griechisch gelernt? Und im griechischen Neuen Testament kam ich der Lösung des Rätsels näher. Irgendwann einmal muss jemand in unserem Text ein Wort falsch abgeschrieben haben. Es gab ja in den ersten 1500 Jahren der Verbreitung unserer Bibel noch keinen Buchdruck, jede Bibel musste man mit der Hand abschreiben. Da gab es gelegentlich schon mal Fehler. Und so steht zwar in den meisten Bibelhandschriften der Satz: „Dient dem Kyrios“, also: „dem Herrn!“ – aber in einigen Handschriften steht es anders, nämlich: „Dient dem Kairos“ – und das heißt: „Dient der Zeit!“

Aber wer hat jetzt von wem falsch abgeschrieben? Was stand bei Paulus ursprünglich da? Es ist gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten, das haben wir in unserem Bibelgespräch letzten Mittwoch gemerkt, denn wir können leider nicht im Original-Römerbrief nachschauen, der ist nicht bis heute erhalten geblieben.

Was wäre dem guten Paulus denn am ehesten zuzutrauen? Könnte er geschrieben haben: „Dient der Zeit – dient dem Gebot des Augenblicks“? So hat Karl Barth in seinen Kommentaren zum Römerbrief 1918 und 1921 unsere Stelle übersetzt. Aber klingt das nicht wie: „Ordnet euch dem Zeitgeist unter!“ „Macht alles mit, was alle machen!“ „Passt euch eurer Zeit an!“ – ? Vielleicht ist ja genau das der Grund dafür, dass irgendein Abschreiber gemeint hat: Da muss ein Fehler vorliegen, und er verändert den Text in die christlich korrekte, aber reichlich allgemeine und blasse Ausforderung: „Dienet dem Herrn!“

Langer Rede kurzer Sinn: Ich meine, dass Paulus wirklich sagen wollte: „Dient der Zeit!“ Wer in dieser Woche den „Anzeiger“ gründlich gelesen hat, weiß ja schon, dass ich Wert auf eine zeitgemäße Predigt lege. Aber nun stellt sich die Frage: Was ist das eigentlich – Zeitgemäßheit?

Pfarrer Schütz vor dem Gottesdienst

Pfarrer Schütz vor dem Gottesdienst

Am klarsten wird es vielleicht mit einem bekannten Wort von Martin Luther. Der hat gesagt: Man muss den Leuten aufs Maul schauen, nur dann spricht man eine Sprache, die auch verstanden wird. Aber eins hat Luther nicht getan: Er hat niemandem nach dem Mund geredet. Ein gewaltiger Unterschied liegt zwischen der Unterordnung unter den Zeitgeist und einer recht verstandenen Zeitgemäßheit.

Im Dritten Reich feierten die „Deutschen Christen“ Adolf Hitler als den Vollender des wahren Christentums im Kampf gegen gottfeindliche Mächte – eine schlimme Anpassung an den Zeitgeist. Menschen der Bekennenden Kirche wie Dietrich Bonhoeffer oder Karl Barth waren damals zeitgemäß, gerade indem sie Widerstand gegen den unchristlichen Nationalsozialismus leisteten.

Und heute? Viele haben der Kirche den Rücken gekehrt, weil sie ihnen zu altmodisch ist. Sie fühlen sich in den altüberlieferten Frömmigkeits- und Gottesdienstformen nicht zu Hause. Sie tun sich schwer mit den Wunderberichten, die in der Bibel stehen. Sie meinen, dass die Kirche eine veraltete Moral vertritt.

Andere wiederum beklagen, dass die Kirche um jeden Preis modern sein will, nur um Kirchenmitglieder zurückzugewinnen – was dann aber doch nicht klappt. Wenn die Pfarrer den heutigen Werteverfall auch noch unterstützen, wenn sie Zweifel an der Wahrheit der Bibel wecken, vertreiben sie dann nicht auch noch die letzten treuen Kirchgänger aus der Kirche? Was bedeutet es für mich als Pfarrer heute, zeitgemäß zu sein?

Zunächst einmal unterscheide ich: Ich glaube wie viele moderne Menschen zum Beispiel nicht daran, dass Jesus oder Petrus buchstäblich auf dem Wasser gelaufen sind. Aber ich könnte nicht leben ohne Erfahrungen des Vertrauens, ich muss nicht versinken in einem Meer von Angst oder im Sumpf einer deprimierten Stimmung. Solche Glaubenserfahrungen spiegeln sich wider in den Wundergeschichten der Bibel. So nehme ich die Bibel sehr ernst, auch wenn ich sie nicht in allen Teilen als Tatsachenbericht verstehe. Ihre Bilder und Geschichten und Weisheiten sprechen direkt in unser Leben hinein.

Denn „der Zeit dienen“, das heißt: den Menschen in einer bestimmten Zeit dienen – uns selber eingeschlossen. Genau hinschauen, wie es ihnen geht, wo sie leben, wie sie leben, was ihr Lebensinhalt ist. Und dann auch zu überlegen: Was brauchen wir Menschen hier und heute – Klärung unserer Glaubens- und Lebensfragen – Stützung und Entscheidungshilfe in einer Krise – Trost in der Trauer – oder vielleicht einfach einen Ort, wo man sich mit Gleichgesinnten trifft, Spaß hat, über die Bibel spricht – im Tanzkreis, Frauenkreis, Bibelkreis beim Seniorennachmittag, in Kinder- und Jugendgruppen.

Jugendpfarrer Christian Heimbach überreicht einen Stadtplan von Gießen

Jugendpfarrer Christian Heimbach überreicht beim anschließenden Empfang einen Stadtplan von Gießen

In der Kirche zeitgemäß sein, das heißt also: Gott ist gerade heute und gerade hier für uns da. Im Konfirmandenunterricht habe ich mit meinem ersten Kurs angefangen zum Thema: „Gott in der Gießener Nordstadt“. Wir fangen an zu suchen, wo kommt Gott hier vor, mitten in unserem Stadtteil. Die Konfirmanden haben zum Beispiel Bilder von Wohnblocks gemalt, mit den Menschen, die darin wohnen. Ein Schüler, der über seinen Hausaufgaben stöhnt, ein Mann, der aus dem Fenster schaut und sich seines Lebens freut, ein anderer, der vom Fernseher nur aufsteht, wenn er zur Arbeit geht, eine Frau, die ihren Mann anschreit: „Du hast schon wieder getrunken!“, Kinder, die auf dem Fensterbrett spielen, ohne dass die Mutter eingreift, ein Ehepaar, das zur Beerdigung des Schwagers aus dem Haus geht – und viele mehr. Was haben sie alle mit Gott zu tun? Wenn sie nichts mit ihm zu tun haben – ist Gott dann nicht nur eine Erinnerung aus ferner Vergangenheit? Aber wie bekommen wir es heute zu tun mit Gott?

Pfarrer Schütz beim anschließenden Empfang

Pfarrer Schütz beim Empfang

Vielleicht indem wir Erfahrungen machen mit Hoffnung – davon ist im zweiten Teil unseres Bibeltextes die Rede: „Freut euch, dass ihr – über diese Zeit hinaus – eine Hoffnung habt!“ Es mag ja sein, dass wir Gott oft nicht wahrnehmen in unserem Alltag. Es mag sein, dass Gott uns vorkommt wie eine verstaubte Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Aber viel mehr als mit der Vergangenheit hat Gott mit der Zukunft zu tun. Gott will, dass unser Leben aus einem Engpass herauskommt, Gott will, dass wir uns nicht das Leben schwer machen, sondern einander ein Segen sind. Gott will, dass wir uns keine Sorgen machen müssen um das, was nach dem Tod kommt. Und so hat Hoffnung nichts mit Flucht zu tun, nichts mit einer Vertröstung auf später. Sondern: Wer sich um das Jenseits keine Sorgen machen muss, der kann sich mutig im Diesseits einsetzen. Wer die Zukunft getrost in Gottes Hand legen kann, der ist frei für die kleinen Schritte, die er hier und heute gehen kann.

Auch in der Paulusgemeinde ist Gott zum Beispiel da, wo Hoffnung ist. Dafür mag es viele Beispiele geben. Vielleicht lernt die Mutter, die solche Schwierigkeiten mit der Erziehung ihrer Kinder hat, im Krabbelkreis der Kirche andere Mütter kennen, mit denen sie sich austauschen kann. Vielleicht findet das trauernde Ehepaar Trost in der Ansprache des Pfarrers. Vielleicht findet die Frau des alkoholkranken Mannes in einer Angehörigengruppe der Anonymen Alkoholiker Hilfe. Vielleicht traut sich jemand neu in unseren Bibelkreis, um mit seinen Glaubenszweifeln zurechtzukommen.

Wenn wir über die Gegenwart hinaus eine Hoffnung haben, dann sehen wir nicht nur den Berg von Aufgaben, den unsere Zeit uns stellt, sondern wir bekommen immer wieder neue Kraft, um unser Leben zu meistern. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 395, 1-3: Vertraut den neuen Wegen

Ewiger Gott, du bist Mensch geworden in Jesus Christus, in einer ganz bestimmten Zeit dieser Welt, damit wir als Menschen leben und Hoffnung haben in unserer Zeit. Lass uns deinen Zuspruch spüren, damit wir uns nicht überfordert fühlen, wenn du uns in Anspruch nimmst. Gib uns Hoffnung, überall da, wo wir nicht weiterwissen, gib uns neue Anfänge, wo wir am Ende sind, schenke uns Mut, wo wir ängstlich sind. Bewahre uns auch, wenn wir Trauer tragen um einen uns nahestehenden Menschen. Insbesondere beten wir heute für Frau Charlotte Sterneborg, geb. Petermann, die fast vier Jahrzehnte lang der Paulusgemeinde angehört hat und im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Schließlich bitten wir dich für unser Beisammensein im Anschluss, dass wir Kontakte knüpfen, die weiterführen, dass wir in unserer Gemeinde gemeinsam neue Anfänge wagen. Amen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser
Einladung zum Empfang: Frank-Tilo Becher

Empfangen Sie Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Pfarrer Helmut Schütz mit Kirchenvorsteherin Heidi Fremuth und Dekan Henning Wobbe

Pfarrer Helmut Schütz mit Kirchenvorsteherin Heidi Fremuth und Dekan Henning Wobbe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.