Politikverdrossenheit und die Ehebrecherin

Die außen stehen, wollen die Frau in der Mitte zur Außenseiterin machen und aus ihrer Mitte ausstoßen. Sind diejenigen, die einen anderen zum Außenseiter machen, die wahren Außenseiter? Jesus sagt – als Lehrer Israels und der Kirche: Nur „der Sündlose unter euch“, der dürfte den ersten Stein werfen. Aber würde er wirklich jemanden treffen, der sündiger wäre als er selbst?

Eine stilisiert wie mit einem Drahtgeflecht um den Kopf gezeichnete Außenseiterin steht in einem Kreis von gleich aussehenden Figuren

Wo steht tatsächlich die Außenseiterin oder der Außenseiter – außen oder innen? (Grafik: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, den 1. Juli 2007, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie und euch alle herzlich zum Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche mit einem Wort aus Psalm 25, 10:

Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten.

Im Mittelpunkt der Predigt steht heute die Geschichte von „Jesus und der Ehebrecherin“ und damit die Frage: Was ist, wenn Menschen einander untreu sind und wenn sie auch Gott nicht die Treue halten? Gibt es Treue für treulose Menschen?

Lied 265:

1. Nun singe Lob, du Christenheit, dem Vater, Sohn und Geist, der allerorts und allezeit sich gütig uns erweist,

2. der Frieden uns und Freude gibt, den Geist der Heiligkeit, der uns als seine Kirche liebt, ihr Einigkeit verleiht.

3. Er lasse uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreun, als seiner Liebe Widerschein die Christenheit erneun.

4. Du guter Hirt, Herr Jesus Christ, steh deiner Kirche bei, dass über allem, was da ist, ein Herr, ein Glaube sei.

5. Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei, dass unsre Liebe immer neu der Einheit Zeugnis sei.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Als ich Lieder zum Thema „Treue“ suchte, gefiel mir besondern die letzte Liedstrophe, die wir eben gesungen haben und die mit den Worten beginnt: „Herr, mache uns im Glauben treu.“ Glaube IST Treue. Treue zu Gott, weil Gott niemals aufhört, treu zu uns zu stehen.

Gott, wo wir Menschen einander treu sind, erleben wir etwas von deiner Treue. Gott, wo wir Menschen Untreue erleben, lass du uns nicht fallen. Gott, wo wir Menschen uns selber nicht lieben können, halte uns fest und richte uns auf mit deiner Treue.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Die Liedzeile geht weiter: „Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei.“ Wer treu ist, bindet sich an Gottes Treue, und diese Treue ist die einzige Wahrheit, an die wir uns zu halten haben. Wir tun freiwillig, was Gott will, weil Gott uns frei macht.

Gott, wir machen uns etwas vor, wenn wir ohne dich frei sein wollen. Ohne dich bleiben wir gebunden an das Böse, an Egoismus, an unbedeutende Dinge. Ohne deine Wahrheit leben wir in einer Lüge. Ohne deine Treue müssten wir ohne Liebe leben. Gott, wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit der Liebe endet unsere Liedzeile: „Herr, mache uns im Glauben treu, dass unsre Liebe immer neu der Einheit Zeugnis sei.“ Dass wir Gott treu sind, zeigt sich in der Liebe unter uns Menschen. Zum Beispiel wo wir Menschen respektieren, die anders sind, anders glauben, anders denken, ohne dass wir uns selbst, unseren eigenen Glauben, unsere eigene Überzeugung verleugnen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, deine Wege bestehen aus lauter Güte und Treue für uns. Aber wenn wir auf deinen Wegen nicht gehen – was dann? Wenn wir deine Gebote nicht halten – was dann? Wenn einander verletzen statt zu respektieren – was dann?

Gott, bleibe uns treu, auch wenn wir treulos handeln. Lass uns hören auf die Worte deiner Treue und zwar so, dass wir sie beherzigen, dass wir im Gottvertrauen leben. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Johannes 8, 3-11:

3 Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu [Jesus], beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.

5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 235: O Herr, nimm unsre Schuld
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, der Text, den wir gehört haben, ist einer meiner Lieblingsbibeltexte. Viele Jahre lang habe ich ihn so verstanden: Jesus leitet dazu an, barmherzig mit einzelnen Menschen umzugehen, die schuldig geworden sind. Denn niemand außer Jesus selbst kann von sich sagen, dass er noch niemals etwas Böses getan hat. Nur er hat daher das Recht, die Frau zu verurteilen. Aber auch er verzichtet auf die Verurteilung der Frau, weil er sie dazu bringen möchte, ihr Verhalten zu ändern. Das heißt: er kämpft gegen die Sünde, gegen das böse Verhalten eines Menschen; er will nicht den Menschen, der ein Sünder oder eine Sünderin ist, vernichten.

Das ist eine schöne Auslegung, aber ist es die einzig mögliche Art, unseren Text zu verstehen? Dem Theologen Andreas Bedenbender verdanke ich eine etwas andere Sichtweise auf die Erzählung von der Ehebrecherin, die ich spannend und lehrreich finde.

Das größte Problem unserer Textstelle war für die Bibelausleger schon immer, dass sie in den ältesten Bibelabschriften fehlt. Irgendjemand hat sie im dritten oder vierten Jahrhundert ins Johannesevangelium eingefügt. Schade – die Geschichte passt einfach so gut zu dem Bild, das wir uns von Jesus machen.

Im Text selbst fallen bei genauerem Hinsehen viele rätselhafte Einzelheiten auf:

1. Warum wird nur die Ehebrecherin angeklagt und nicht der Ehebrecher? Sowohl nach dem Gesetz Israels als auch nach römischem Recht hätten beide bestraft werden müssen.

2. Warum taucht der betrogene Ehemann nicht auf? Wäre der Frau wirklich geholfen, wenn zwar Jesus auf eine Bestrafung der untreuen Frau verzichtet, aber der gehörnte Ehemann Selbstjustiz übt oder seine Frau verlässt?

3. Warum wird so ausführlich erzählt, dass Jesus sich mehrmals bückt und wieder aufrichtet und mit dem Finger im Sand schreibt?

Und 4. Warum gehen die Schriftgelehrten und Pharisäer eigentlich weg, ohne Steine zu werfen? Sie hätten doch zu Jesus sagen können: Wenn deine Logik stimmt, dann dürften wir, weil wir ja alle Sünder sind, niemanden verurteilen oder bestrafen, der das Gesetz übertreten hat. Sollen wir etwa jeden Dieb und Mörder und Vergewaltiger frei herumlaufen lassen? Wir Menschen im 21. Jahrhundert sehen das Problem nicht so deutlich, weil für uns der Ehebruch kein Vergehen von öffentlichem Interesse ist. Den Staat kümmert es heute nicht mehr, wenn Ehepartner ihr Vertrauensverhältnis aufs Spiel setzen und ihren Kindern die Geborgenheit einer Familie mit Mama und Papa wegnehmen. Zur Zeit Jesu waren Ehe und Familie für Menschen in einer Notlage auch praktisch das einzige soziale Netz. Wurden Kinder oder Ehefrauen verlassen, mussten sie betteln gehen oder verhungern.

Aber vielleicht geht es in der Erzählung von der Ehebrecherin gar nicht um den Ehebruch als konkreten Verstoß gegen das Gesetz, sondern um Ehebruch als Bild der Treulosigkeit überhaupt, als Symbol für die Untreue Gott gegenüber.

Eingeschoben wurde unser Text nach dem Kapitel 7 des Johannesevangeliums. Dort entbrennt im jüdischen Volk ein Streit über Jesus. Die einfachen Menschen im Volk halten Jesus für einen Propheten, ja für den Messias. Viele erwarten von ihm, dass er das Volk von der römischen Besatzung befreit. Die führenden Kreise im Volk, Hohepriester und Pharisäer, fürchten Jesus genau deswegen und wollen ihn als Unruhestifter verhaften lassen. In diesem Zusammenhang fällen sie auch ein Urteil über die einfachen Leute im Volk, die Jesus nachlaufen:

48 Glaubt denn einer von den Oberen oder Pharisäern an ihn?

49 Nur das Volk tut’s, das nichts vom Gesetz weiß; verflucht ist es.

Diese Frage steht im Raum, als die Erzählung von der Ehebrecherin beginnt: Ist das Volk der Juden wirklich von Gott verflucht, wie es die Führer des Volkes hier behaupten?

Eingeleitet wird die Erzählung mit einem scheinbar nebensächlichen Satz über das streitende Volk:

53 Und jeder ging heim.

Wenn im Alten Testament davon die Rede war, dass alle nach Hause gingen, dann war das meist ein Anzeichen für die Uneinigkeit der zwölf Stämme Israels. „Jeder ging heim“, keiner wollte mehr Verantwortung für das Ganze übernehmen – Politikverdrossenheit schon im alten Israel. Die Propheten klagten darüber und forderten das Volk auf: Denkt daran, Gott ist euch treu, er hat euch seine Weisung geschenkt, er hat etwas mit euch vor, mit euch als Volk, drückt euch nicht vor eurer öffentlichen Verantwortung!

Wir kennen das heute auch: Wozu wählen gehen, die da oben machen sowieso, was sie wollen! Warum in der Gemeinde mitarbeiten, ich habe mit meinem privaten Kram genug zu tun.

Zur Zeit, als die Erzählung von der Ehebrecherin ins Johannesevangelium hineinkam, gab es in den christlichen Gemeinden nur noch wenige Mitglieder, die ursprünglich Juden gewesen waren. Die Heidenchristen waren in der Mehrheit und fingen an, den Pharisäern recht zu geben: War das Volk der Juden nicht wirklich von Gott verflucht? Schon die Mahnungen der Propheten hatte das Volk nicht hören wollen, es ist und bleibt in Parteienkämpfen hoffnungslos zerstritten, die meisten von ihnen nehmen Jesus nicht als Messias an. Ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk nun beendet? Hat die Treue Gottes zu seinem Volk ein Ende. „Jeder ging heim.“ Nur einer nicht. Jesus tut etwas anderes (Johannes 8):

1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.

Der Prophet Hesekiel sagt, dass beim letzten Weltgericht Gott vom Osten her kommt, wo der Ölberg liegt, um in den neuen Tempel einzuziehen (Hesekiel 11, 23 und 43, 2.4). Daran erinnert hier der Erzähler. Der Messias zieht sich nicht ins private Leben zurück, sondern auf einen Berg Gottes, um von dort am frühen Morgen in den Tempel zu kommen. Hier setzt er sich, nimmt er Platz auf dem Richterstuhl. Er hat die Macht zu richten über die Lebenden und die Toten. Doch zunächst fällt er keine Urteile, sondern er lehrt. Dieser Richter gibt den Menschen Chancen. Sie sollen am neuen Tag nach Gottes Weisung leben.

Jetzt setzt die Geschichte ein, wie wir sie vorhin bereits gehört haben. Hören wir noch einmal genau hin:

3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.

5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten.

Wer ist diese Frau? Wem hat sie die Treue gebrochen? Es spricht viel dafür, sie als Sinnbild für das Gottesvolk selbst zu betrachten. Die Männer, die etwas zu sagen haben im Volk der Juden, stellen ihr eigenes Volk an den Pranger: Ihr haltet das Gesetz nicht ein, ihr seid verflucht, ihr lasst euch mit den unreinen Römern und womöglich ihren falschen Göttern ein.

Die Propheten Israels hatten oft dem eigenen Volk Ehebruch vorgeworfen, und sie meinten damit die Untreue des Volkes gegenüber dem Bund mit Gott.

Als die Christen die Kritik dieser Propheten aufnahmen und von außen gegen das Volk der Juden richteten, da sprachen sie noch heftiger als die Pharisäer in der Geschichte das Verdammungsurteil über die Juden aus: Israel ist nicht mehr das Gottesvolk, es hat den Alten Bund mit Gott gebrochen und am Ende sogar den Sohn Gottes getötet. Jetzt sind wir Christen im Bund mit Gott. Die Frau in der Mitte, sie steht als Sinnbild für Israel, angeklagt von den Pharisäern, damit sie einen Grund finden, um auch Jesus anklagen zu können. Die Frau in der Mitte, sie steht auch für das Bild, das wir Christen uns von den Juden machen, vom Gottesvolk, das dem eigenen Gott immer wieder untreu wird und die eigenen Propheten und am Ende sogar den Sohn Gottes umbringt. Wie geht nun Jesus mit dieser Anklage um?

Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Warum Jesus sich bückt, dazu komme ich noch. Er schreibt mit dem Finger, das will ich erklären. Nur noch einer schreibt in der Bibel mit dem Finger, Gott selbst, als er die Gebote aufschreibt, damit die Menschen es lernen, ihm treu zu sein, so wie er ihnen treu ist. Hier schreibt Jesus mit dem Finger, aber nicht auf Stein, sondern in den Sand. Es ist, als ob er die Sünden des Volkes Israel aufschreibt, aber nicht für die Ewigkeit, nicht auf Steintafeln, sondern in den Sand. Sie wiegen schwer in den Augen Gottes, Gott schreibt sie auf. Aber sie sind nicht unüberwindlich, nicht für Gott, sie sind nur auf Sand geschrieben.

7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

Die Szene stelle ich mir so vor: in der Mitte die Frau, die für die Juden steht, vielleicht auch für all die Menschen, die wir für schlecht halten, Randsiedler der Kirche, Fanatiker aller Religionen, Sozialschmarotzer, die auf Kosten der Gesellschaft leben. Und außen herum stehen diejenigen, die sich für den besseren Teil des Gottesvolkes oder der Gesellschaft oder der Menschheit halten. Außen herum stehen auf jeden Fall immer – wir, denn in der Mitte würden wir nicht gern stehen wollen, und außerdem: Wir gehören doch nicht zu den schlechten Menschen, jedenfalls gibt es immer noch schlechtere als uns selber, die wir an unserer Stelle in die Mitte stellen könnten.

Die außen stehen, wollen die Frau in der Mitte zur Außenseiterin machen und aus ihrer Mitte ausstoßen. Ist es wohl immer so, dass diejenigen, die einen anderen zum Außenseiter machen, die wahren Außenseiter sind? Jesus macht dieses Spiel nicht mit, er erinnert die, die außen stehen, daran, dass sie in Wirklichkeit genau so in der Mitte stehen könnten. Nur „der Sündlose unter euch“, der dürfte den ersten Stein werfen. Aber wenn er das täte, dann könnte er sich nicht sicher sein, dass er wirklich jemanden trifft, der sündiger wäre als er selbst. Die erfahrensten unter den Männern sehen das als erste ein und gehen weg.

Am Ende ist niemand mehr da außer der Frau. Wo Jesus als Richter auftritt und mit dem Finger in den Sand Sünden aufschreibt, da kann am Ende keiner mehr als Ankläger auftreten und mit dem Finger auf die anderen zeigen. Das Volk, das anklagen könnte, hat sich aufgelöst. Jesus gegenüber steht nur noch das Volk, das angeklagt ist, das untreu geworden ist, das seine gerechte Strafe verdient. Und wenn wir in dieser Frau in der Mitte heute immer noch die Juden sehen, dann sollten wir als Kirche, als moderne Menschen, als wer auch immer wir uns vielleicht besser fühlen, noch einmal nachdenken und uns fragen: Stehen wir noch immer außen und halten Argumente wie Steine in der Hand, um die in der Mitte anzuklagen?

10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Jesus verdammt sein Volk nicht, auch wenn es untreu geworden ist. Nicht das Volk der Juden, in dem er groß geworden ist, dessen Messias er geworden ist.

Und wenn wir auf uns selber schauen, auf unsere Kirche, die auch nicht gerade eine vollkommene Gemeinschaft ist, und uns selber in die Mitte und an den Pranger stellen und uns Selbstvorwürfe machen, dann stellen wir fest: Auch uns verdammt Jesus nicht. Wir, die Kirche, sind ja das erweiterte Gottesvolk aus Menschen aller Völker; wir bilden den Leib Christi, das heißt, Jesus traut uns zu, eine Gemeinschaft zu sein, in der sein Geist der Liebe herrscht. Er traut uns das zu, obwohl wir Gott genau so untreu werden wie damals das Volk Israel. Wir vergessen die Liebe Gottes, haben zu wenig Vertrauen und Hoffnung. Jesus verdammt nicht, er gibt uns neue Chancen und erwartet, dass wir sie nutzen.

Aber warum bückt sich Jesus in der Erzählung andauernd und richtet sich wieder auf? Diese Bewegung erinnert an den Gesetzgeber Mose, der am Berg Sinai ähnlich in Bewegung war. Er steigt auf den Berg, bekommt von Gott die Steintafeln des Gesetzes. Er steigt herab mit dieser Urkunde der Treue Gottes zu seinem Volk, da sieht er das Goldene Kalb, sichtbares Zeichen der Untreue des Volkes, und zerschmettert die Steintafeln. Der Bund mit Gott ist kaum geschlossen, da hat das Volk ihn schon gebrochen. Mose steigt wieder hinauf auf den Berg, wird zum Fürsprecher für das Volk, setzt sich ein, damit die Sünde ausgewischt wird, steigt wieder herab, gibt dem Volk eine neue Chance.

So ist hier Jesus der zweite Mose, der sich einsetzt für sein Volk, der die Treue Gottes auch für treulose Menschen einfordert. Jesus sagt Israel und uns im Namen dessen, der mit dem Finger auf Stein geschrieben hatte: „Ich verdamme dich nicht. Nutze deine Chance. Sieh zu, dass du in Zukunft nicht wieder herausfällst aus der Treue Gottes.“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 248, 1+3+5+7:

1. Treuer Wächter Israel‘, des sich freuet meine Seel, der du weißt um alles Leid deiner armen Christenheit, o du Wächter, der du nicht schläfst noch schlummerst, zu uns richt dein hilfreiches Angesicht.

3. Jesu, der du Jesus heißt, als ein Jesus Hilfe leist! Hilf mit deiner starken Hand, Menschenhilf hat sich gewandt. Eine Mauer um uns bau, dass dem Feinde davor grau, er mit Zittern sie anschau.

5. Andre traun auf ihre Kraft, auf ihr Glück und Ritterschaft, deine Christen traun auf dich, auf dich traun sie festiglich. Lass sie werden nicht zuschand‘, bleib ihr Helfer und Beistand, sind sie dir doch all bekannt.

7. Jesu, wahrer Friedefürst, der du Frieden bringen wirst, weil du hast durch deinen Tod wiederbracht den Fried bei Gott: gib uns Frieden gnädiglich! So wird dein Volk freuen sich, dafür ewig preisen dich.

Im Abendmahl sind wir nun eingeladen, Gottes Liebe zu uns zu schmecken, in Brot und Kelch, und die Gemeinschaft mit ihm zu erleben, im Kreis derer, die auf ihn vertrauen.

Gott, wir vertrauen auf deine Treue. Du hältst uns fest, auch wenn wir dir untreu sind, wenn wir zu wenig lieben, zu wenig hoffen, zu wenig Gottvertrauen haben.

In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen in seiner Treue zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen, denen Gott eine neue Chance gibt, um unsere Treue zu ihm zu bewähren, jeden Tag neu.

Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der ewigen Treue Gottes.

Herumreichen des Korbs

Jesus Christus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Nehmt hin den Kelch der Liebe Gottes, die uns treulose Menschen mit dem treuen Gott versöhnt.

Austeilen der Kelche

Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten. Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Geht hin im Frieden! Amen.

Lasst uns beten, indem wir nach jeder Fürbitte zu Gott rufen: Herr, erhöre uns!

Für die Menschen, die vom Terror betroffen sind und in Angst vor neuen Terroranschlägen leben, bitten wir dich um Bewahrung, Trost und Gottvertrauen. Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!

Für die Menschen, die vor lauter Sorgen um das liebe Geld viel wichtigere Dinge aus den Augen zu verlieren drohen, auch in unserer Kirche, bitten wir dich um Phantasie, Gelassenheit und Gottvertrauen. Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!

Für Menschen, die andere als Außenseiter behandeln, weil sie sich selber unbedeutend vorkommen, bitten wir dich um Selbstachtung sich selbst und Barmherzigkeit andern gegenüber. Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!

Für die jungen Menschen, die an diesem Wochenende aus Thüringen und Berlin, aus Polen und Brasilien zum Capoeira-Workshop bei uns in der Nordstadt Gießen zu Gast sind, bitten wir dich um wertvolle Erfahrungen in der Gemeinschaft für Körper, Geist und Seele. Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!

Für Menschen, die jede Selbstachtung verloren haben, weil man sie in ihrer Würde verletzt hat, bitten wir dich um neues Selbstvertrauen aus dem Vertrauen zu dir. Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns!

Lied 295, 2-3:

2. Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen in den Sonntag und in die zweite Hälfte des Jahres 2007:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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