„Es werde Licht!“

Diese Trauerfeier steht unter einem hoffnungsvollen Wort aus der ersten Schöpfungserzählung der Bibel. Trauer und Tod können durch Gottes Schöpfermacht überwunden werden; Dankbarkeit für ein erfülltes Leben kann in den Vordergrund treten.

Es werde Licht: Licht in der Dunkelheit in der Form eines Kreuzes

Wie am Beginn der Schöpfung kann Gott auch in der Trauer Licht neu aufscheinen lassen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn B. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. So spricht der Herr (Jesaja 43, 1):

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Eingangsgebet

Liebe Familie B., liebe Trauergemeinde!

Herr B. hat schon einen ziemlich langen Leidensweg hinter sich gehabt, als er jetzt gestorben ist, obwohl man ihm kaum angesehen hat, wie es um ihn stand. Er selbst schwankte zwischen dem Wissen um sein nahes Ende und trotzdem immer noch der Hoffnung auf Besserung. Man sah ihn noch in letzter Zeit mit dem Fahrrad durch den Ort fahren, ein Zeichen dafür, wie wenig er der Mann war, sich vorzeitig aufzugeben und zu resignieren. Dass ihn jetzt der Tod doch verhältnismäßig rasch ereilte, können wir als Gnade verstehen, durch die ihm noch längeres schmerzhaftes Leiden erspart blieb. Besserung oder gar Heilung wäre nicht mehr möglich gewesen.

So tröstlich es allerdings ist, den Tod auch als Erlösung vom Leiden zu verstehen – die Traurigkeit kann damit nicht einfach weggedrängt werden, und das soll ja auch nicht sein. Wer einen Menschen verliert, den er geliebt oder geschätzt hat, mit dem er eng verbunden war und von dem er geprägt worden ist in vielen Begegnungen, der hat ja allen Grund zur Trauer und muss einen längeren Weg antreten, um das alles zu verarbeiten, was an Erinnerungen und Gedanken und Gefühlen sich nun aufdrängt.

In der einleitenden Betrachtung habe ich gesagt, dass beides nebeneinander möglich ist, zu klagen und zu danken. Beides braucht seinen Platz und seine Zeit. Aber wie können wir zugleich klagen und danken? Oft fehlen uns die Worte, um die widersprüchlichen Empfindungen auszudrücken, die uns bewegen. Dann mag es sein, dass uns Bibel oder Gesangbuch bei solchem Beten helfen können. Zum Beispiel mit diesen Worten eines Liedes aus der hebräischen Bibel, aus dem Psalm 103, 2-4.13-18.22:

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

Lobe den Herrn, meine Seele!

Dass Ihnen, liebe Frau B., dieser Gedanke wohl nicht abwegig erscheinen wird, auch angesichts des Todes nicht des Lob Gottes zu vergessen, entnehme ich auch Ihrem Wunsch, als Text für diese Ansprache Ihren Trautext zu Grunde zu legen. Es ist nämlich ein Vers voller Hoffnung aus den ersten Zeilen der Bibel, der vordergründig gesehen dem Anlass einer Beerdigung zu widersprechen scheint (1. Buch Mose – Genesis 1, 3):

Und Gott sprach: Es werde Licht!

Zunächst einmal scheint dieser Spruch mehr mit der Schöpfung unserer Welt im Ganzen zu tun zu haben, als damit, eine Ehe zu führen oder Trost in der Trauer zu suchen. Gott ist der Schöpfer des Lichtes – das steht am Anfang des Bildes, das die Bibel von der Entstehung unserer Welt gemalt hat, sehr gut vereinbar übrigens mit der modernen Urknalltheorie, nach der gewaltige auseinanderstrebende Energie, zum Beispiel in Form von Licht, am Beginn unserer Schöpfung stand. Uns geht es aber heute nicht um diese naturwissenschaftlichen Zusammenhänge, sondern darum, dass Gott der Ursprung auch des Lichtes für unsere Seele ist. Gott selbst kommt in unsere Welt, als das „Licht der Menschen“, wie es am Anfang des Johannesevangeliums heißt; Jesus ist das Licht der Welt, der in die Finsternis unseres Gefangenseins in Leid und Tod und Sünde das Licht der Erlösung hereinscheinen lässt. Und so ist dieser Bibelvers, den Ihnen Herr Pfarrer C. damals als Trauspruch gegeben hat, für Sie ein Leitwort gewesen, das Ihnen in ihrer Ehe immer wieder geholfen hat, dunkle Stunden durchzustehen und die Hoffnung auch in schweren Lebenslagen nicht zu verlieren.

Wenn Sie nun heute zurückgehen in der Erinnerung an das Leben vun Herrn B., dann werden helle und auch dunkle Tage dieses Lebens an Ihrem inneren Auge vorüberziehen.

Erinnerungen aus dem Lebenslauf

In der Zeit seit dem Krieg ist Herr B. ein Einheimischer geworden, der hier vielfältige Kontakte geknüpft hat, überall mitgeholfen hat, wo Not am Mann war. Sein Pflichtgefühl und seine Tatkraft gingen so weit, dass er noch in der Zeit seiner Krankheit, wenn er einmal wieder zu Kräften kam, gleich wieder zupacken und helfen wollte. Arbeitsreich war sein Leben, allerdings sorgten unter anderem die Enkel dafür, dass die Arbeit nicht sein einziger Lebenszweck blieb.

All diese Erinnerungen finden nun ihren Abschluss dadurch, dass Herrn B.s Leben zu Ende gegangen ist. Wir müssen alles so hinnehmen, wie es gewesen ist und können nichts mehr ändern. Dankbar kann sein, wer das Gute sieht, das ihm in seinem Leben vergönnt war, und auch für des Gute, das er anderen Menschen erweisen konnte. Wenn aber einer dem andern etwas schuldig geblieben ist, dann soll des niemanden mehr belasten und quälen, denn Gott ist ja ein Gott der Vergebung, der Vater dessen, der gesagt hat (Matthäus 11, 28):

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Indem wir nun aber in diesem Sinne als Christen Abschied von ihm nehmen und ihn den gnädigen Händen Gottes anvertrauen, müssen wir zugleich auch noch einen Blick nach vorn werfen. Denn nicht die Auseinandersetzung mit dem Tod ist oft das Schwerste, sondern die Frage, ob man neuen Mut zum Leben finden wird. Hilfreich ist es immer, wenn eine Aufgabe da ist, die einen fordert; gut ist es auch, nicht allein zu sein, wenn man sich einmal aussprechen will; die Gemeinschaft der Familie, aber auch die Gemeinschaft der Christen im Dorf ist durchaus ansprechbar, um hier hilfreich zu wirken. Und nicht zuletzt hilft das Gebet, sich dessen zu vergewissern, dass man nie ganz alleingelassen ist und dass man zumindest Gott alles sagen kann, was man auf dem Herzen hat. Auch wenn man wie durch ein finsteres Tal geht, lässt Gott einen nicht allein (Psalm 23, 4):

Ich fürchte kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Gott kann auch in der ganz dunklen Nacht der Seele wieder neues Licht entfachen, so dass der Bibelvers von vorhin schließlich vollständig seine Wahrheit erweist (1. Buch Mose – Genesis 1, 3):

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

Sie haben es erlebt: es kann noch so dunkel aussehen in einem Menschenleben, und doch wird es immer wieder licht werden.

Das hellste Licht in unserem Herzen scheint auf, wenn wir unseres Glaubens gewiss sind, wenn uns klar ist, dass wir von Gott geliebt sind, wie von einem guten Vater oder einer guten Mutter. Wo dieses Licht aufscheint, da strahlt es auch nach außen, so dass auch andern das Licht leuchtet, das man selbst als innere Gnadengabe geschenkt bekommen hat. Überall, wo wir die Sinnfrage stellen, kommen wir uuletzt auf diese Antwort zurück: Sinnvoll ist unser Leben, wenn wir es bewusst leben – bewusst in Dankbarkeit gegenüber Gott, der uns unsere Lebenszeit geschenkt hat, und bewusst in liebender Verbundenheit mit unserem Nächsten, für den Gott uns mitverantwortlich macht. Wichtig ist aber immer: Liebe können wir in uns selber nicht erzwingen. Liebe entsteht dadurch in uns, dass wir selber geliebt werden und Liebe annehmen können. Nicht erst im Tode, sondern schon hier auf der Erde können wir uns in Gottes Liebe geborgen fühlen. Aber wir dürfen auch wissen, dass Gottes Macht nicht an der Todesgrenze Halt macht; seine Liebe reicht weit darüber hinaus.

In diesem Sinne können wir nun Herrn B. getrost seinem ewigen Vater im Himmel anvertrauen; und wir können einander helfen, auch durch die Zeit der Trauer hindurch ein von Liebe erfülltes Leben zu führen. Amen.

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