„Wie ein Kind“

Trauerfeier für eine sehr alte Frau, die sich in ihrer seelischen Krankheit oft wie ein Kind verhielt.

Wie ein Kind: Ein frech blickendes Kind unter einer strahlenden Sonne

Nur wer wie ein Kind ist, kommt ins Himmelreich, sagt Jesus (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir haben soeben ein Lied von der Orgel gehört, das Frau J. bei unseren Andachten in der Klinik oft mitgesungen hat (EG 391):

1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

2. Solls uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen nicht nur über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o, so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nötge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Frau J. ist gestorben, [über 90] Jahre alt ist sie geworden. Wir sind hier, um ihr ein letztes Geleit zu geben auf dem Weg zu ihrem Grab. Wir sind hier, um Worte der Hoffnung im Angesicht des Todes laut werden zu lassen, Worte der Hoffnung im Blick auf ihr und unser Leben, im Blick auf das, was Gott mit uns Menschenkindern vorhat.

Wir beten mit Worten aus Psalm 30:

2 Ich preise dich, HERR; denn du hast mich aus der Tiefe gezogen und lässest meine Feinde sich nicht über mich freuen.

6 Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.

11 HERR, höre und sei mir gnädig! HERR, sei mein Helfer!

12 Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude gegürtet,

13 dass ich dir lobsinge und nicht stille werde. HERR, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.

Liebe kleine Trauergemeinde,

wir nehmen Abschied von einer Frau, die sehr alt geworden ist. Noch im vergangenen Jahrhundert ist sie geboren worden. Doch nach allem, was wir wissen, war es keine schöne Kindheit und Jugend, in die sie hineingeboren wurde. Ihre Lebensumstände in der Familie und im weiteren Umfeld müssen furchtbar gewesen sein, und es war ihr nicht vergönnt, ein normales bürgerliches Leben in körperlicher, geistiger und seelischer Gesundheit zu führen. Wenig nur wissen wir aus der ersten Hälfte ihres Lebens, im Grunde nur, dass auch ihr Vater und ihre Geschwister an schweren psychischen Erkrankungen litten; wir wissen nicht einmal etwas von ihrer Ehe, außer dass ihr Mann wohl bereits vor langer Zeit gestorben sein muß.

In die Nervenklinik kam Frau J. vor Jahren in geistig verwirrtem Zustand und mit Lähmungserscheinungen; sie zählte zu den Langzeitpatienten, die nicht entlassen werden konnten. Ein Zuhause gab es außerhalb der Klinik für sie schon lange nicht mehr, und die Unterbringung in einem Altenheim war offenbar nie möglich gewesen.

Auf den Stationen, wo Frau J. in all den Jahren wohnte, führte sie ein im Wesentlichen unauffälliges Leben. Dennoch war sie eine der Frauen, an die zum Beispiel ich als Seelsorger mich von Anfang gut erinnern konnte. Und das ging offenbar nicht nur mir so. Frau J. hatte so eine besondere Art, durch die sie einem unvergesslich wurde. Ich wurde immer unwillkürlich an einen kleinen Lausbub erinnert, wenn sie bei der Begrüßung meine Hand gar nicht losließ, als ob sie mit mir rangeln wollte. Manchmal zwickte sie einen in den Arm oder sie knuffte einen in die Seite. Sie konnte herzlich lachen wie ein junger Backfisch, aber manchmal auch schimpfen wie ein Rohrspatz. Bei unseren Stationsandachten hatte ich meistens den Eindruck, dass sie eher in ihrer eigenen inneren Welt blieb, aber wenn Lieder gesungen wurden, die sie von früher her kannte, nahm sie manchmal den Text auf und sang ihn immer und immer wieder, selbst wenn wir anderen mit dem Lied schon fertig waren: „… und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen…“, so klingt mir ihre Litanei noch im Ohr.

Als ich nach einem Text aus der Bibel suchte, der Frau J. gerecht wird, fiel mir ein Vers aus dem Evangelium nach Markus 10, 15 ein. Da spricht Jesus:

Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

In vielem verhielt sich Frau J. in den letzten Jahren ihres Lebens wie ein Kind. Sie war auf Hilfe und Pflege angewiesen wie ein Kind. Sie wirkte oft wie so eine kleine freche Göre, die eine rauhe Schale hat, aber zugleich einen großen Charme, und die sich nach nichts mehr sehnt als nach Wärme und Liebe in einer oft so kalten und unbarmherzigen Welt. Vielleicht gehörte sie zu den Menschen, die durch die seelische Kälte anderer über die ganze Zeit ihrer Kindheit und Jugend hinweg innerlich hungrig bleiben müssen, die niemals seelisch reif und richtig erwachsen werden dürfen. Wie in so vielen ähnlichen Fällen standen wir machtlos davor, wir konnten das Schicksal von Frau J. nicht wesentlich verändern. Aber es war nicht sinnlos, wenn man versuchte, in der Klinik ihre Erkrankung zum Stillstand zu bringen, ihre Symptome zu lindern, wenn sie von den Schwestern und Pflegern liebevoll umsorgt wurde, wenn wir alle versuchten, ihr in menschlicher Weise zu begegnen.

Und über eines bin ich mir vollkommen gewiss: Frau J. gehört zu den Kindern Gottes. Er hat sie lieb, so wie ein guter Vater auch ein trotziges Kind, auch einen kleinen Lausbub liebhat. Für Gott zählt nicht vorzeigbare Leistung, nein, niemand von uns hätte mehr vorzuweisen als Frau J., um sich den Himmel zu verdienen. Wir alle stehen ja vor Gott mit leeren Händen und können nur bitten: Schenk uns deine Liebe, erfülle unser Leben, alles, was wir sind und was wir haben, haben wir ja von dir! In diesen Sinne geben wir das Leben von Frau J. in Gottes Hände zurück. Amen.

Lasst uns beten mit einem Gebet für Kinder aus unserer Zeit (EG 408):
Meinem Gott gehört die Welt

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