7 und 70 mal rächen oder 70 mal 7 mal vergeben?

Lamech stellt Gott als Schwächling dar. Der wollte Kain ja nur siebenmal rächen. Aber sein, Lamechs eigener Tod, soll siebenundsiebzig Mal gerächt werden. Welch einen Gegensatz finden wir dazu in den Worten Jesu! Wie oft sollen wir uns rächen? Überhaupt nicht, sondern Vergebung üben, siebzigmal siebenmal, und die Rache allein Gott überlassen, wenn sie denn sein muss.

Statue zweier Menschen, die einander umarmen - erfahren sie Vergebung?

Wie oft soll man einander vergeben? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 22. Sonntag nach Trinitatis, den 28. Oktober 2007, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (ursprünglich am 21. Sonntag nach Trinitatis, den 19. Oktober 1997, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum Gottesdienst in der Pauluskirche begrüße ich alle herzlich mit dem Wort zur Woche aus dem Brief des Paulus an die Römer 12, 21:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Es geht in diesem Gottesdienst um die Frage, wie das möglich ist: das Böse mit Gutem zu überwinden. Es geht um Gottes Vergebung für uns und unsere Vergebung für andere Menschen. Wie können wir Gott auf seinem Weg der Barmherzigkeit nachfolgen?

Lied 450:

1. Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

2. Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebens-Au lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

3. Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Um das Böse und die Überwindung des Bösen geht es in diesem Gottesdienst, und zwar ganz konkret: Wie ist es möglich, dass ich dem Menschen, der mir Unrecht antut, vergebe? Wie schaffe ich es, ihm nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen? Jesus sagt: „Liebe deinen Feind!“ Du musst ihn nicht mögen, aber behandle ihn als Menschen, er ist ein Mensch wie du. Gott achtet ja auch unsere Menschenwürde, sogar wenn wenn wir ihn wie einen Feind behandeln.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir beten zu Gott mit Worten aus Psalm 130:

1 Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

3 Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?

4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir halten uns Worte aus dem Psalm 103, 6-8, vor Augen:

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, du bist gerecht und barmherzig. Aber wie geht das? Bist du gerecht, müsstest du dann nicht die Bösen bestrafen und Rache üben für alles Unrecht, das geschieht? Bist du aber barmherzig, bleibt dann das Unrecht ungesühnt, können böse Menschen weitermachen, als sei alles nicht so schlimm? Lehre uns begreifen, was das heißt: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte!“ Das wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 18, 21-22:

21 Da trat Petrus zu [Jesus] und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?

22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 614: Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, Petrus hätte auf seine Frage an Jesus sicher eine andere Antwort erwartet (Matthäus 18):

21 Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?

Sicher hat Petrus gedacht, dass er doch schon sehr großzügig ist und überhaupt nicht nachtragend. Da ist ein Bruder, ein Mensch, der ihm nahesteht, mit dem er oft zu tun hat, und der tut ihm immer wieder weh, der enttäuscht ihn immer wieder, der ändert sich einfach nicht. Und Petrus ist bereit, ihm bis zu siebenmal alles nachzusehen, alles zu entschuldigen, alles zu vergeben.

Doch statt ihn dafür zu loben, antwortet Jesus: Nein, das genügt nicht.

22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Heißt das: Genau 490 Mal soll Petrus vergeben, und dann ist Schluss? Dann darf er dem andern doch mit gleicher Münze heimzahlen?

Nein, ganz bestimmt will Jesus dem Petrus keine Rechenanleitung dafür geben, wie lange er seine Rachegelüste im Zaum halten muss. Die hohe Zahl soll dem Petrus vor Augen führen, dass man beim Verletztwerden und Vergeben überhaupt nicht Buch führen und nachrechnen soll. Wenn Petrus weiterfragen würde: „Aber wenn ich mir alles merke, was der andere mir angetan hat, dann darf ich also beim 491. Mal zurückschlagen?“ dann würde Jesus ihm sagen: „Ach Petrus, du hast überhaupt nichts gelernt.“ Ob man vergibt oder nicht, das hängt nicht davon ab, wie oft der andere rückfällig wird.

Aber dass Petrus und Jesus gerade diese beiden Zahlen „siebenmal“ und „siebzigmal“ gebrauchen, das hat noch einen anderen Grund. Denn die beiden kennen ihre Bibel – das Gotteswort des Volkes Israel. Und da kommen diese beiden Zahlen auch einmal in einem ähnlichen Zusammenhang vor. Ganz am Anfang der Bibel, im 1. Buch Mose – Genesis 4, wird ja berichtet, wie Kain seinen Bruder Abel totschlägt. Als Strafe von Gott erfährt Kain nun aber nicht etwa seinerseits die Todesstrafe, sondern er muss heimatlos, unstet und flüchtig auf der Erde umherstreifen – immer auf der Flucht vor seiner Schuld, immer in der Angst davor, dass andere Menschen seine Schuld rächen und nun auch ihn selber einfach totschlagen.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

Diese Geschichte schildert beispielhaft, wie es um Menschen steht, die schwere Schuld auf sich geladen haben. In Kain können wir selber uns wiederfinden, wenn wir Schuld empfinden für etwas Schlimmes, das wir getan haben, das wir nicht wieder gut machen können, mit dem wir nicht fertig werden. Diesem Kain, der wegen der Folgen seiner Schuld verzweifelt, macht Gott ein Angebot:

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Hier taucht zum erstenmal die Zahl „sieben“ auf. Kain erfährt Schutz vor der Rache seiner Mitmenschen durch das Gesetz der Blutrache – wer ihn tötet, soll siebenfach gerächt werden. Uns erscheint die Blutrache grausam, natürlich ist sie ein inzwischen völlig überholtes Gesetz. Aber in alten Zeiten, lange bevor Gott den Israeliten die Zehn Gebote gab, da erschien sie dazu geeignet, um zwischen den Großfamilien der Menschen ein Mindestmaß an Sicherheit zu schaffen: Wer einen Menschen umbringt, tut das nicht ungestraft. Es gab ja noch keinen Staat, der die Menschen beschützt, keine Polizei, keine Staatsanwälte und Richter, die für Recht und Ordnung sorgen.

Aber erreicht Gott mit der Androhung der Blutrache sein Ziel, noch Schlimmeres zu verhüten? Nein, denn die gute Absicht Gottes wird verdreht. Menschen, die das Vertrauen zu Gott verloren haben, leben in Angst voreinander und versuchen verzweifelt, so groß und stark wie möglich zu werden. Die Bibel erzählt die Geschichte eines Mannes, auch im 1. Buch Mose – Genesis 4, der das Gesetz der Blutrache ganz in ihre eigene Hand nimmt, es ist der Ur-Ur-Ur-Enkel von Kain und heißt Lamech:

19 Lamech aber nahm zwei Frauen, eine hieß Ada, die andere Zilla.

23 Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Weiber Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.

24 Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.

Hier kommt Gott überhaupt nicht mehr vor. Die Blutrache dient dem Lamech nur noch zum Protzen und Angeben vor seinen Frauen, er ist sogar stolz darauf, dass er sich nichts gefallen lässt und schon wegen einer Beule einen Gegner totschlägt.

Und hier taucht nun die Zahl „siebenundsiebzig“ auf. Man kriegt ein Grausen, wenn man sich diesen Lamech vorstellt, der sozusagen Gott als Schwächling darstellt. Der wollte Kain ja nur siebenmal rächen, er, Lamech dagegen, wie ein Rambo des Altertums, gibt sich mit solchen Kleinigkeiten nicht zufrieden, sein eigener Tod soll siebenundsiebzig Mal gerächt werden.

Welch einen Gegensatz finden wir dazu in den Worten Jesu! Wie sollen wir auf Unrecht reagieren? Wie oft sollen wir uns rächen? Nicht etwa siebenmal, nicht etwa siebenundsiebzigmal. Nein, überhaupt nicht rächen sollen wir uns, sondern Vergebung üben, die Rache allein Gott überlassen, wenn sie denn sein muss. Und als Petrus ihn fragt, ob es nicht genügt, wenn man siebenmal hintereinander dem gleichen Menschen vergibt, bekommt er die überraschende Antwort (Matthäus 18):

22 Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Lamech hatte die Rache Gottes für Kain in seinem Sinne ausgeweitet: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Jesus weitet die Vergebung, die Petrus gerade noch zu leisten bereit war, im Sinne Gottes aus: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Jesus vertraut darauf, dass die vergebende Liebe viel, viel stärker ist als die rächende Gewalt.

Heute hat die Predigt drei Teile. Vor dem zweiten Teil singen wir das Lied 236:
Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht

Liebe Gemeinde, wir hatten gehört, wie Jesus den Petrus anstiften will zur Vergebung ohne Grenzen. Und er belässt es nicht dabei, sondern schiebt als Begründung ein Gleichnis hinterher. Er vergleicht die Art, wie Gott zu den Menschen steht und wie Gott sich unseren Umgang miteinander vorstellt, mit

23 einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.

24 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig.

In diesem Beispiel geht es zwar nicht um Mord und Totschlag, aber um einen Millionenbetrag an Schulden. Vielleicht erkennen wir uns in diesem „Einen“ wieder: Wenn wir Gott alles zurückgeben sollten, was er uns je geschenkt hat, dann stünden wir genauso da wie dieser Mann – nie und nimmer könnten wir alle Gaben Gottes, seine ganze Liebe durch unsere Liebe, durch unseren Glauben, durch unsere Taten ausgleichen. Erst recht nicht dann, wenn wir daran denken, wie oft wir etwas falsch machen oder sogar schwere Schuld auf uns laden. Wenn wir so vor Gott stehen, dass wir uns denken: irgendwann wird uns die Abrechnung präsentiert, irgendwann kommt das Gericht, und wir uns fragen: sind wir dann gut genug für Gott, dann müssten wir verzweifelt den Schluss ziehen: Nein, niemals können wir Gott unsere Schuld bezahlen, niemals können wir uns seine Liebe verdienen. Dann erscheint uns Gott wie einer, der uns nur bestrafen kann. Genau so, wie Jesus den König in seinem Gleichnis schildert:

25 Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen.

Ist es nicht so, dass Gott vielen Menschen so erscheint – ein absoluter Herrscher, der mit uns machen könnte, was er wollte, der auch jedes Recht dazu hat, weil wir vor ihm ein Nichts sind? Viele Menschen kommen sich böse vor und fühlen sich so wie dieser Knecht in der Geschichte: als Sklaven an Mächte verkauft, über die sie keine Kontrolle haben. Allerdings – muss es wirklich so weit kommen? Muss es bei diesem harten Urteil bleiben? Müssen wir mit diesem Bild von Gott leben, das uns einen harten Richter zeigt und nichts anderes? Der Knecht jedenfalls wagt noch einen letzten Versuch, sich zu retten:

26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen.

Der Knecht bittet nur um einen Aufschub. Er macht Versprechungen. Es sind leere Versprechungen. Niemals wird er so viel zurückzahlen können. Sein Herr weiß das genau. Und doch lässt er sich umstimmen:

27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch.

So ist Gott – das will Jesus sagen – er ist gar nicht der grausame Richter, sondern er ist der gute Vater, der Gnade vor Recht ergehen lässt. Er will seine Kinder nicht vernichten, er hat uns lieb und hört nie damit auf, auch wenn wir nicht perfekt sind, auch wenn wir vieles falsch machen, auch wenn wir aus Verzweiflung nicht immer bei der Wahrheit bleiben. Auch wir dürfen uns das gesagt sein lassen: Unsere Schuld ist uns erlassen, keine Sünde muss zwischen uns und Gott stehen. Jeden Tag können wir ohne die Last der Vergangenheit neu anfangen, unser Leben zu führen, in dem Bewusstsein: ich bin ein geliebtes Kind Gottes, Gott traut mir viel zu, ich darf leben, ich darf Verantwortung übernehmen, und Gott wird mich nicht überfordern.

Das war der zweite Teil der Predigt. Vor dem letzten Teil singen wir aus dem Lied 355 die Strophen 1 und 3:

1. Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; das zähl ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

3. Das muss ich dir, mein Gott, bekennen, das rühm ich, wenn ein Mensch mich fragt; ich kann es nur Erbarmung nennen, so ist mein ganzes Herz gesagt. Ich beuge mich und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

Liebe Gemeinde, dem Knecht in Jesu Gleichnis ist seine Schuld erlassen worden. Er muss nicht mehr gebeugt gehen unter einer großen Last, die er sowieso nicht tragen kann, sondern er muss sich nur der kleinen Verantwortung stellen, die dieser Tag mit sich bringt. Mit dem Leben und der Freiheit ist er noch einmal davongekommen, nur hat er kein Geld. Er könnte sich freuen über das Geschenk der Vergebung und sich nun auch wieder Geld zum Leben verdienen. Wie geht der Knecht mit dieser Verantwortung um?

28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist!

29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen.

30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

Leuchtet das nicht unmittelbar ein? Dieser Mann hat nichts gelernt. Er handelt abscheulich! Eben noch wurde ihm eine unermesslich große Schuld erlassen – und jetzt ist er so unbarmherzig zu seinem Mitknecht wegen einer im Vergleich verschwindend geringen Summe! Genau so verhalten wir uns oft Gott gegenüber: Gott ist bereit, uns unendlich viel zu vergeben, doch wir nehmen gar nicht wahr, dass er uns wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter lieb hat. Und nicht nur uns – auch alle anderen Menschen sind Gottes Kinder, sie liegen ihm ebenso am Herzen.

Das einzige, was Gott auf den Tod nicht ausstehen kann, ist eine solche Unbarmherzigkeit, wie sie der Knecht in der Geschichte an den Tag legt. Darum hat die Geschichte, wie sie Jesus erzählt, leider einen traurigen Schluss:

31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte.

32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast;

33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?

34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.

Und eindringlich ermahnt Jesus noch einmal seine Zuhörer, allen voran Petrus, der ihn gefragt hatte, ob es genügt, seinem Bruder siebenmal zu vergeben:

35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.

Gott vergibt alles außer der Unbarmherzigkeit, die selber nicht zu vergeben bereit ist. Gott vergibt jedem außer dem Unbarmherzigen, der Gottes Liebe einem anderen nicht gönnt. Es gibt die Barmherzigkeit Gottes, und darüber dürfen wir froh sein. Und leider lassen manche Menschen diese Barmherzigkeit nicht an sich heran, obwohl sie ihnen angeboten wird. Vielleicht sehen sie in Gottes Erbarmen sogar eine Art Schwäche.

So erhalten wir übrigens zu guter Letzt in dieser Geschichte auch noch eine Antwort auf die Frage, ob man wirklich jedem Menschen vergeben kann. Offenbar kann das nicht einmal Gott selber immer. Die Vergebung ist nämlich nicht nur die Handlung eines einzelnen; der andere muss sie auch wollen, und Vergebung kommt erst an ihr Ziel, wenn sich der, dem vergeben wurde, in seiner Haltung ändert. Wir nennen das auch Reue oder Umkehr. Manchmal ändert sich ein Mensch, bevor man ihm vergibt, manchmal auch erst nachher. In der Geschichte aber hören wir vor der Vergebung durch den Herrn nur leere Versprechungen und nachher sehen wir ein Verhalten, das selber absolut nicht zur Vergebung bereit ist. Das führt dazu, dass diesem Knecht auch Gott nicht verzeihen kann – er zieht seine Vergebung zurück.

Von Bedeutung ist in unserem Bibeltext das Stichwort „Bruder“, womit im Griechischen der Mensch im Kreis seiner Geschwister gemeint ist, also die „Schwester“ ist mitgemeint: „Ein jeder soll seinem Bruder, seiner Schwester vergeben.“ Vergeben kann ich nur einem Menschen, zu dem ich eine menschliche Beziehung habe oder wieder aufbauen kann. Wenn eine solche Beziehung besteht oder möglich erscheint, dann würde ich sie ja von mir aus aufs Spiel setzen, wenn ich nur darauf warte, dass das Fass endlich überläuft: „Aber beim achten Mal, dann zahle ich es dir heim!“ So ein Abrechnen macht Jesus nicht mit.

Ist der andere allerdings nicht bereit, seine Schuld einzusehen, tritt er mich weiterhin mit Füßen, dann verlangt auch Gott nicht von mir, dass ich mich ihm gegenüber aufgebe oder ihn gar mögen muss. Vergebung kann in diesem Fall nur darin bestehen, dass ich darauf verzichte, ihn mutwillig zu verletzen oder ihm Schaden zuzufügen.

Ich kann auch Rachegefühle verstehen, die sich zum Beispiel gegen Mörder und Kinderschänder richten. Jesus hat selbst solche Gefühle gekannt. Es besteht jedoch ein Unterschied zwischen Rachegefühlen und Rachetaten. Rachetaten überlassen wir am besten Gott, wenn sie denn sein müssen. Gerade weil er barmherzig ist, lässt er auf seine Weise jedem Menschen seine Gerechtigkeit widerfahren. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 412, 1+6+8:

1. So jemand spricht: »Ich liebe Gott«, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.

6. Vergibst mir täglich so viel Schuld, du Herr von meinen Tagen; ich aber sollte nicht Geduld mit meinen Brüdern tragen, dem nicht verzeihn, dem du vergibst, und den nicht lieben, den du liebst?

8. Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist, der nicht die rettet, die ihn flehen. Drum gib mir, Gott, durch deinen Geist ein Herz, das dich durch Liebe preist.

Barmherziger Gott, lass uns von dir lernen, was Barmherzigkeit ist. Als erstes: die Barmherzigkeit mit uns selbst. Dass wir deine Liebe an uns heranlassen. Dass wir uns selber so annehmen, wie wir sind. Dass wir uns nicht überfordern, sondern barmherzig mit uns umgehen. Dass wir uns aber auch nicht unterfordern, sondern den nächsten Schritt wagen, den wir gehen können.

Und Gott, lass uns dann auch lernen, barmherzig mit anderen Menschen umzugehen. Dass wir von anderen nicht mehr verlangen als von uns selbst. Dass wir Verständnis aufbringen für die besondere Situation eines anderen. Dass wir aber auch jedem seine besondere Verantwortung zutrauen. Schließlich, dass wir Menschen, die Unrecht tun, nicht mit gleicher Münze heimzahlen wollen. Behüte uns und begleite uns auf unserem Weg! Halte uns fest in Angst, zähme unseren Zorn, tröste uns in unserer Traurigkeit und lass Vertrauen, Liebe, Hoffnung und Freude in uns wachsen. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir noch auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 320, 1+6-8:

1. Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.

6. Durch ihn ist uns vergeben die Sünd, geschenkt das Leben. Im Himmel solln wir haben, o Gott, wie große Gaben!

7. Wir bitten deine Güte, wollst uns hinfort behüten, uns Große mit den Kleinen; du kannst’s nicht böse meinen.

8. Erhalt uns in der Wahrheit, gib ewigliche Freiheit, zu preisen deinen Namen durch Jesus Christus. Amen.

Abkündigungen

Bevor wir das Nachspiel hören und im Saal vielleicht noch ein wenig beim Kirchencafé zusammensitzen, geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.