Abschied von der Klinikseelsorge in Alzey

Die Arbeit hier in der psychiatrischen Klinik hat tatsächlich „abgefärbt“ – und ich bin dankbar dafür. Ich habe gelernt, Menschen zu akzeptieren, vor denen ich früher eine Scheu gehabt hätte. Viele seelisch Kranke gehen normaler mit sich selbst und ihren Gefühlen um als manche sogenannte Gesunde in ihrer hektischen Betriebsamkeit. Unsere Gefühle, unser Aufeinandereingehen sind wichtiger als alles andere.

Die Klinikkapelle in Alzey nach der Renovierung im Jahr 2011

Die Klinikkapelle in Alzey nach der Renovierung im Jahr 2011

#predigtGottesdienst am Sonntag, den 20. September 1998, um 16.00 Uhr in der Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey
Begrüßung durch Pfarrer Michael Schüßler
Eingangslied 316, 1+4+5:

1) Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören!

4) Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.

5) Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen. Lob ihn mit allen, die seine Verheißung bekamen. Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht. Lob ihn in Ewigkeit. Amen.

Eingangsliturgie: Michael Schüßler
Lesung aus dem Römerbrief 8:

35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?

38 Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 620: Gottes Liebe ist wie die Sonne
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde! Als ich vor zehn Jahren ein Dorfpfarramt verließ, um die Krankenhauspfarrstelle in Alzey anzutreten, warnte mich die Frau unseres Hausarztes ganz besorgt: „Wenn du in einer Nervenklinik arbeitest – pass nur auf, dass das nicht abfärbt!“ Nach fast zehn Jahren in der Krankenhausseelsorge muss ich sagen: Doch, die Arbeit hier hat tatsächlich abgefärbt – und ich bin dankbar dafür. Ich bin anders geworden. Ich habe gelernt, Menschen zu akzeptieren, vor denen ich früher eine Scheu gehabt hätte. Ich habe gespürt: viele seelisch Kranke gehen normaler mit sich selbst und ihren Gefühlen um als manche sogenannte Gesunde in ihrer hektischen Betriebsamkeit. Ich habe im Umgang mit Patienten gelernt: unsere Gefühle, unsere Seele, unser Aufeinandereingehen sind wichtiger als alles andere. Von den anderen, die hier arbeiten, habe ich gelernt, noch genauer zu erkennen: wo liegen meine eigenen Grenzen – und wo meine besonderen Stärken. Mir ist zum Beispiel deutlich geworden, wie sehr sich manchmal die Arbeit eines Therapeuten und eines Seelsorgers überschneidet, und das ist gar nicht schlimm, wenn wir nicht als Konkurrenten gegeneinander arbeiten, sondern uns ergänzen. Zeitweise bin ich außerhalb der Krankenhausseelsorge auch selber psychotherapeutisch tätig gewesen, und gerade dabei habe ich erkannt: Mein Herz schlägt bei der Seelsorge; mir würde etwas fehlen, wenn ich ausschließlich als Therapeut arbeiten würde.

Doch was ist das Besondere an der Seelsorge? Ein altes Wallfahrtslied aus der Bibel gibt Antwort auf diese Frage, der Psalm 121. Ich lasse ihn zunächst Ihnen und mir zusprechen, und zwar von Frau …, die mich eine ganze Reihe von Jahren lang bei den Lesungen im Gottesdienst unterstützt hat und dies heute ein letztes Mal tut:

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. / Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, / der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, / und der dich behütet, schläft nicht.

4 Siehe, der Hüter Israels / schläft und schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; / der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche / noch der Mond des Nachts.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, / er behüte deine Seele.

8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang / von nun an bis in Ewigkeit.

Mit diesem Psalm, liebe Gemeinde, frage ich als Seelsorger gemeinsam mit Menschen, die mir anvertraut sind:

Woher kommt mir Hilfe?

Viele Formen ärztlicher, therapeutischer, pflegerischer und begleitender Hilfe werden in einer Klinik angeboten – Hilfe von Mensch zu Mensch, die immer notwendigerweise begrenzt bleibt. In all dem und darüber hinaus spüre ich immer wieder eine Sehnsucht nach einer Hilfe, die keine Grenzen kennt, die nicht verzweifelt an der Grenze des Todes, nicht scheitert an menschlicher Lieblosigkeit, nicht untergeht in den Ungewissheiten des Schicksals. Mit unserem Psalm spreche ich diese Sehnsucht so aus:

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Die Berge, das waren Orte, auf denen man Gott näher zu sein hoffte, ganz hoch oben, fern von der Menge der Menschen. Die Berge, das waren Orte, wo man Heiligtümer errichtet hatte. Für alle möglichen Götter übrigens – die Sehnsucht nach Gott garantiert noch nicht, dass man sofort den richtigen findet.

Aber welcher Gott ist der richtige? Unser Psalm gibt sich nicht mit kleinen Göttern zufrieden, mit Fruchtbarkeits- und Regengöttern, mit Sonnen-, Mond- oder Planetengottheiten, mit Kriegs-, Liebes-, oder Wettergöttern. Nein, daher kommt keine Hilfe – auch nicht von Astrologie und Okkultismus, die bis in unsere Zeit hinein das Schicksal zu kontrollieren versprechen, und auch nicht von modernen Göttern, ob sie nun zum Beispiel Selbstverwirklichung oder Coolness heißen. Sondern:

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, / der Himmel und Erde gemacht hat.

Mit diesem HERRN ist kein übergroßer Mann gemeint, der die Welt beherrscht, sondern die Macht, die alles ins Leben gerufen hat, was es gibt. Diese höhere Macht ist weder männlich noch weiblich, sie ist unsichtbar und hat sich für uns Menschen trotzdem immer wieder ein Gesicht oder eine Stimme gegeben, in Visionen, in der Stimme des Herzens, in der Gestalt Jesu – nur deshalb wissen wir überhaupt von ihr. Ist dieser Gott für uns da oder nicht? Das ist die entscheidende Frage in der Seelsorge.

Ich selber brauche den Zuspruch immer wieder, dass dieser barmherzige Gott da ist und dass ich für diesen Gott so wichtig bin, dass er sich um mich kümmert – und wenn ich genau diesen Zuspruch weitergebe, das ist Seelsorge. Auch im Psalm spricht einer dem anderen das zu, was man sich nicht immer nur selber sagen kann:

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, / und der dich behütet, schläft nicht.

4 Siehe, der Hüter Israels / schläft und schlummert nicht.

Ein Behüter ist über uns, der Hüter Israels. Da steckt das Wort „Hut“ drin – ein Hut schützt vor Regen oder vor zu viel Sonne, Behütung brauchen wir vor allem als Kinder, aber auch als Erwachsene sehnen wir uns nach Schutz vor Verletzungen und nach der Möglichkeit, zuversichtlich zu leben, ohne verzweifeln zu müssen.

Als Jesus einmal auf dem Meer in einen gefährlichen Sturm gerät, schläft er hinten im Boot. Seine Jünger wecken ihn voller Angst, und er fragt sie: „Warum habt ihr so wenig Vertrauen?“ Wir müssen nicht immer wach sein, wir haben nicht alles in der Hand, wir sind nicht für alles allein verantwortlich – das können wir von Jesus lernen. Er konnte sich doppelt anvertrauen – dem Vater im Himmel, der niemals schläft noch schlummert – und dem seemännischen Können seiner Jünger, die bestimmt schon viele gefährliche Situationen auf dem See gemeistert hatten. Ähnlich gilt ja auch hier in der Klinik: Mit ärztlicher, pflegerischer, therapeutischer oder seelsorgerlicher Kompetenz tun wir unser Möglichstes, um Menschen zu helfen – und zugleich wissen wir um unsere Grenzen, und wir können eigentlich unsere Arbeit nur tun, wenn wir wissen, dass nicht wir selbst die Heilenden sind, sondern der da oben, der uns behütet.

Aber vielleicht haben manche auch Angst vor einem behütenden Gott, weil sie nicht überbehütet werden wollen. Im Bibelkreis fiel uns in unserem Psalm ein Bild auf, das genau diese Angst aufnimmt:

5 Der HERR behütet dich; / der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche / noch der Mond des Nachts.

Gott übt sein Behüten ganz behutsam aus – so wie wir in den Schatten gehen, damit wir keinen Sonnenbrand kriegen. Der Schatten über der rechten Hand ist der Schutz unserer aktiven Hand (Linkshänder dürfen hier die linke Hand einsetzen). Gottes Behüten hilft uns also, dass wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen – ohne den Sonnenbrand des Burn-Out. Überbehüten würde Gott uns, wenn er unsere Hand umklammern und führen und gängeln würde.

Eigentümlich ist die Formulierung mit dem Mondstich – aber wir kennen Einflüsse des Mondes auf unser Wohlbefinden, zum Beispiel auf unseren Schlaf. Wenn der Mond Ebbe und Flut in Bewegung setzt, dann mag er auch manches in unserem Körper durcheinanderbringen, was wir modernen Menschen vielleicht noch weniger durchschauen als unsere naturverbundenen Vorfahren. „…dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts“ – so hat Luther in seiner Übersetzung sehr einfühlsam die Zuversicht ausgedrückt, dass kein Gestirn und keine Macht in der Welt mehr Einfluss auf uns hat als der behütende Gott.

Aber behütet uns Gott wirklich genug? Viele Menschen wachsen unbehütet auf, erleiden Gewalt, müssen lebenslang mit einer quälenden Krankheit leben. Es gehört viel Zuspruch und geduldiger Umgang mit hartnäckigem Widerstand dazu, um gegen jahrzehntelanges Unbehütetsein andere Erfahrungen zu setzen. Manchmal geschieht dann ein Wunder: Jemand hat überlebt, um endlich nach vielen Jahren wirklich leben zu können – getrost und zuversichtlich, mit sei­nem persönlichen Anteil an Glück und Zufriedenheit.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele

– mit diesem Wunsch vertrauen wir einander einem Gott an, der versprochen hat, niemanden verloren gehen zu lassen. Das gilt auch für die Verzweifelten. Für die Menschen, die in ihrer Kindheit fast nichts Schönes erlebt haben. In manchen Fällen wird vielleicht auch für unsere Augen sichtbar, wie Gott einen Menschen behütet hat, in vielen Fällen wohl auch nicht. Ich bin dankbar, dass ich gerade an meinem Arbeitsplatz in Klinik und Krankenhaus immer wieder erfahren durfte, dass Gott wirklich ein Behüter unserer Seele ist.

Bleibt noch ein Vers auszulegen:

8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang / von nun an bis in Ewigkeit.

Normalerweise nennen wir erst den Eingang, dann den Ausgang. Aber es gibt viele Erfahrungen, bei denen etwas zu Ende gehen muss, damit etwas neu anfangen kann. Zum Beispiel wenn Kinder eine neue Entwicklungsstufe erreichen, wenn Patienten in ihrer seelischen Therapie vorangehen. Und bei mir ist es jetzt auch so: Ich will noch einmal woanders eine neue berufliche Herausforderung in Angriff nehmen – doch zuvor muss ich hier aufhören, obwohl es mir hier sehr gefallen hat.

Wer aus der vertrauten Wohnung ins manchmal ungewisse Draußen hinausgeht, der freut sich, unbeschadet wieder heimzukommen und ins Haus einzugehen. In Fall meiner Familie ist das Hinausgehen jetzt ein Umzug in ein Haus in einer ganz anderen Stadt – wobei sich noch einiges andere ändert, nur zu zweit ziehen meine Frau und ich nach Gießen, die Kinder bleiben hier bzw. sind schon anderswo. Viel Neues kommt auf uns zu, viel Spannendes, Schönes,vielleicht auch Belastendes. Darum ist es gut zu wissen, dass einer da ist, der seine Hand behütend über uns hält – und auch über denen, die zurückbleiben.

Ein letzter Gedanke: Kein Ausgang ist nur Ausgang – wo wir am Ende sind, schenkt Gott uns den Eingang in etwas Neues. Selbst wenn wir einmal sterben werden, beginnt Neues: das ewige Leben. Über das Jenseits müssen wir uns daher keine Sorgen machen. Um so getroster können wir im Diesseits leben und hier unser Leben meistern, mit unseren kleinen Kräften und mit der Hilfe, die uns geschenkt wird. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 296, 1-3+8:

1) Ich heb mein Augen sehnlich auf und seh die Berge hoch hinauf, wann mir mein Gott vom Himmelsthron mit seiner Hilf zustatten komm.

2) Mein Hilfe kommt mir von dem Herrn, er hilft uns ja von Herzen gern; Himmel und Erd hat er gemacht, hält über uns die Hut und Wacht.

3) Er führet dich auf rechter Bahn, wird deinen Fuß nicht gleiten lan; setz nur auf Gott dein Zuversicht; der dich behütet, schläfet nicht.

8) Der Herr dein‘ Ausgang stets bewahr, sind Weg und Steg auch voll Gefahr, bring dich nach Haus in seim Geleit von nun an bis in Ewigkeit.

Verabschiedung durch Dekanin Sigrid Holzbrecher
Lied 590: Herr, wir bitten: Komm und segne uns
Fürbitten mit Diakon Peter Schreiber

Guter Gott, ich danke dir: für fast zehn Jahre, in denen ich in Alzey gern gewohnt, gelebt und gearbeitet habe, für viele Erfahrungen und Begegnungen, in denen ich Deinen Segen spüren konnte, für Aufrichtung in Stunden des Zweifels und der Mutlosigkeit, für Kraft und Ausdauer im Mitgehen schwerer Wege, für fruchtbaren Gedankenaustausch über die Bibel und den Glauben, für Spaß und Freude am Gitarrenspiel, das ich erst hier in Alzey gelernt habe.

Und ich bitte dich, Gott: für alle, die ich hier begleiten durfte, dass sie sich nicht alleingelassen fühlen, sondern auch in Zukunft Menschen haben, denen sie sich anvertrauen können.

Behüte alle, die auf der Suche sind – dass sie nicht vergeblich suchen und Ruhe finden für ihre Seele. Behüte alle, die daran zerbrechen, dass sie ihren Stolz nicht aufgeben können – lass sie merken, dass man nicht immer alles allein schaffen muss und dass es keine Schande ist, Hilfe anzunehmen. Behüte alle, die verzweifelt sind – schenke Ihnen Lichtblicke der Hoffnung, Gesten der Zuwendung, Gespräche des Vertrauens.

Gott, ich stehe heute vor dir mit gemischten Gefühlen – ich nehme Abschied von vertrauten Gesichtern, Tätigkeiten und Räumen, und bin zugleich voll gespannter Erwartung auf den neuen Lebens- und Arbeitsbereich. Ich brauche Dich, Gott, als den Schatten über meiner rechten Hand, damit ich weder in die Gefahr gerate, leerzubrennen noch in Routine zu erstarren. Amen.

Mit Jesu Worten beten wir:

Vater unser
Lied 352, 1+2+4:

1) Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.

2) Der mich bisher hat ernähret und mir manches Glück bescheret, ist und bleibet ewig mein. Der mich wunderbar geführet und noch leitet und regieret, wird forthin mein Helfer sein.

4) Hoffnung kann das Herz erquicken; was ich wünsche, wird sich schicken, wenn es meinem Gott gefällt. Meine Seele, Leib und Leben hab ich seiner Gnad ergeben und ihm alles heimgestellt.

Segen: Michael Schüßler

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