Das Goldene Kalb: Vom Tanz zum Bürgerkrieg

Wir können es nicht aus der Bibel wegdeuteln: Ein ehrwürdiger Mann wie Mose ruft dazu auf, „den Bruder, Freund und Nächsten“ zu erschlagen, weil im Volk keinerlei Respekt vor Gottes Geboten existiert. Mit dem, was wir von der Barmherzigkeit Gottes an anderen Stellen der Bibel erfahren, hat dieses Strafverfahren nichts zu tun. Die Bibel ist nicht immer einfach zu lesen.

Modell eines Goldenen Kalbes in einer Marburger Kirche

Das Modell eines Goldenen Kalbes in einer Marburger Kirche

#predigtGottesdienst am Sonntag Rogate, 25. Mai 2014, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag trägt den Namen „Rogate“, das heißt auf Deutsch: „Betet!“

Ich begrüße alle mit dem Wort zur Woche aus dem Psalm 66, 20:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet!

Um ein schwieriges Kapitel der Bibel geht es heute in der Predigt, nämlich um die Anbetung des Goldenen Kalbes. Kaum haben die Menschen die Zehn Gebote bekommen, brechen sie schon das Erste Gebot und machen sich einen Gott aus Gold. Wir werden sehen, was diese Geschichte, in unsere Zeit übertragen, bedeuten kann.

Lied 259:

1. Kommt her, des Königs Aufgebot, die seine Fahne fassen, dass freudig wir in Drang und Not sein Lob erschallen lassen. Er hat uns seiner Wahrheit Schatz zu wahren anvertrauet. Für ihn wir treten auf den Platz, und wo’s den Herzen grauet, zum König aufgeschauet!

2. Ob auch der Feind mit großem Trutz und mancher List will stürmen, wir haben Ruh und sichern Schutz durch seines Armes Schirmen. Wie Gott zu unsern Vätern trat auf ihr Gebet und Klagen, wird er, zu Spott dem feigen Rat, uns durch die Fluten tragen. Mit ihm wir wollen’s wagen.

3. Er mache uns im Glauben kühn und in der Liebe reine. Er lasse Herz und Zunge glühn, zu wecken die Gemeine. Und ob auch unser Auge nicht in seinen Plan mag dringen: er führt durch Dunkel uns zum Licht, lässt Schloss und Riegel springen. Des wolln wir fröhlich singen!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Der Vater Jesu Christi ist schon der Vater des Volkes Israel. Er sieht das Leid seines auserwählten Volkes im Reich des Pharao von Ägypten und befreit es aus Sklaverei und Todesnot. Auch heute sieht Gott, wo Menschen leiden, wo sie Auswege suchen aus Gewalt und Sinnlosigkeit. Auch uns zeigt er Wege, auf denen wir Freiheit finden und bewahren können.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Vater im Himmel, bewahre uns davor, die Geschichte vom Goldenen Kalb selbstgerecht zu lesen, als könnten wir mit dem Finger auf das jüdische Volk zeigen, als ob wir das bessere Gottesvolk seien. Mach uns bewusst, dass wir mit Israel in einem Boot sitzen. Durch Jesus Christus hast du ja auch uns auserwählt, um in den Fußstapfen Jesu auf deinen Wegen der Freiheit zu gehen.

Vater im Himmel, bewahre uns auch vor Zynismus, als ob deine Gebote sowieso unerfüllbar seien und die Menschen als solche unverbesserlich. Du traust uns erstaunlicherweise mehr zu, als wir denken, und wir tun gut daran, um dein herzliches Erbarmen zu bitten:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Danke, Gott, dass du uns Freiheit schenkst. Und zwar nicht nur die Befreiung aus Zwängen, sondern auch die Freiheit zur Verantwortung. Du schenkst uns eine Tora der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens, eine Wegweisung, die uns dabei hilft, auch die Freiheit und Würde des anderen Menschen zu achten.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Vater im Himmel, hilf uns zu erkennen, wo wir in der Gefahr stehen, Goldene Kälber anzubeten. Lass uns deine guten Wege erkennen und auf ihnen gehen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem 2. Buch Mose – Exodus 31 und 32:

18 Und als der HERR mit Mose zu Ende geredet hatte auf dem Berge Sinai, gab er ihm die beiden Tafeln des Gesetzes; die waren aus Stein und beschrieben von dem Finger Gottes.

1 Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.

2 Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir.

3 Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron.

4 Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!

5 Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest.

6 Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 231 die Strophen 1 bis 2, 6, 8 bis 9 und 11 bis 12:

1. Dies sind die heilgen zehn Gebot, die uns gab unser Herre Gott durch Mose, seinen Diener treu, hoch auf dem Berg Sinai. Kyrieleis.

2. Ich bin allein dein Gott, der Herr, kein Götter sollst du haben mehr; du sollst mir ganz vertrauen dich, von Herzensgrund lieben mich. Kyrieleis.

6. Du sollst nicht töten zorniglich, nicht hassen noch selbst rächen dich, Geduld haben und sanften Mut und auch dem Feind tun das Gut. Kyrieleis.

8. Du sollst nicht stehlen Geld noch Gut, nicht wuchern jemands Schweiß und Blut; du sollst auftun dein milde Hand den Armen in deinem Land. Kyrieleis.

9. Du sollst kein falscher Zeuge sein, nicht lügen auf den Nächsten dein; sein Unschuld sollst auch retten du und seine Schand decken zu. Kyrieleis.

11. All die Gebot uns geben sind, dass du dein Sünd, o Menschenkind, erkennen sollst und lernen wohl, wie man vor Gott leben soll. Kyrieleis.

12. Das helf uns der Herr Jesus Christ, der unser Mittler worden ist; es ist mit unserm Tun verlorn, verdienen doch eitel Zorn. Kyrieleis.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, dass wir uns ausgerechnet heute am Tag der Europawahl mit dem Kapitel 32 aus dem 2. Buch Mose auseinandersetzen sollen, wie es die Ordnung unserer Predigttexte vorschlägt, ist vielleicht ganz passend. Denn beim Goldenen Kalb geht es um die Frage: Welchem Gott will ein ganzes Volk hinterher gehen? Was soll bestimmend sein, wenn ein ganzer Erdteil schwierige politische und wirtschaftlichen Probleme lösen muss? Keine Angst, ich werde in der Predigt keine Wahlpropaganda machen, werde auch nichts über die heutige konkrete Europapolitik erzählen. Ich hoffe, dass wir im Nachdenken über ein Kapitel der Bibel auch Anregungen für uns Menschen der Neuzeit finden.

Was wir in der Schriftlesung gehört haben, ist der Beginn der Geschichte vom Goldenen Kalb. Gott hat soeben fertig geredet mit Mose; wie kostbar die Worte sind, die er ihm anvertraut hat, um sie als Wegweisung an das Volk weiterzugeben, zeigt ein wunderbares Bild: die beiden Steintafeln, von Gottes Finger beschrieben. Aber noch bevor Mose sich auf den Rückweg zum Volk gemacht hat, geschieht der Rückfall des Volkes – weg von dem unsichtbaren Gott, der sie in die Freiheit geführt hat, hin zu einem Gott, den sie sich selber machen.

Hat Gott überhaupt eine Chance, solche Menschen auf einen Weg der Freiheit zu führen? Ist Gottes Wegweisung nicht schlicht unrealistisch, oder umgekehrt gefragt: Ist der Weg, den die Gebote Gottes uns weisen wollen, überhaupt für uns Menschen begehbar?

Wir werden sehen, ob wir darauf Antworten finden im weiteren Verlauf der Geschichte im 2. Buch Mose – Exodus 32. Es ist dramatisch und nicht leicht zu begreifen.

7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.

Gott ist enttäuscht von seinem Volk. Er scheint dermaßen enttäuscht zu sein, dass er Israel nicht einmal mehr als sein Volk anredet, sondern als das des Mose: „Dein Volk hat schändlich gehandelt“, wörtlich steht da: es ist verdorben, verrottet. Hast „du“ es nicht „aus Ägyptenland geführt“? Warum benehmen sie sich wie die Ägypter und basteln sich eigene Götter?

8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.

Was wirft Gott den Menschen seines Volkes vor? Sie sind doch sehr religiös. Sie beten und opfern. Aber sie verlassen die Wege des wahren Gottes. Sie wollen sich nicht auf einen unsichtbaren Gott einlassen, sondern einen kontrollierbaren, selbstgemachten Gott anbeten. Sie machen ein Stierbild aus Gold, es soll ein Sinnbild für Macht und Potenz sein, für Fruchtbarkeit und Wohlstand, für eine Stärke, die sich gewaltsam alles unterwerfen und erobern kann, alles im Griff hat. OK, es wird nur ein Kälbchen daraus, so viel Ironie erlaubt sich der biblische Erzähler, aber die Absicht ist, einen Gott zu haben, den man irgendwie berechnen und für berechenbare Ziele einspannen kann. Und dann behaupten sie noch: dieses Kalb hat uns aus Ägypten geführt. Dabei merken sie gar nicht, dass dieser falsche Gott nicht frei macht, sondern sie in eine neue Versklavung hineinführt. Aber das macht der unsichtbare, lebendige, wahrhaft mächtige und befreiende Gott Israels nicht mit.

9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist.

Halsstarrig nennt Gott sein Volk, wörtlich „hart von Nacken“. Als ob der Kopf unbeweglich wäre, festgetackert nur in die falsche Richtung, von Gott weg, blicken könnte und in alten Gewohnheiten und Abhängigkeiten feststeckte.

10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.

An dieser Stelle wird mir das Gespräch Gottes mit Mose unheimlich. Kann es sein, dass Gott so schnell die Geduld mit seinem Volk verliert? Kann es sein, dass der große Gott den kleinen Menschen Mose um Erlaubnis bittet, sein Volk Israel vernichten zu dürfen? Kann es sein, dass Gott dem Mose dieses verlockende Angebot macht, selber der Stammvater eines neuen auserwählten Volkes zu werden, nachdem ein erster Versuch mit Abrahams, Isaaks und Jakobs Nachkommen gescheitert ist?

11 Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?

Zum ersten Mal ergreift Mose in diesem Gespräch mit Gott das Wort. Er betet, indem er Tacheles redet. Er würdigt das Angebot Gottes an ihn mit keiner Silbe. Er erinnert Gott an seine starken und mächtigen Befreiungstaten und fragt ihn: „Warum?“ Kannst du nicht anders, als deinem Zorn freien Lauf zu geben? Es ist doch „dein Volk“, es sind nicht nur einfach meine Landsleute.

Irgendwie erscheinen die Rollen in diesem Gespräch merkwürdig vertauscht. Ein gekränkter, beleidigter, jähzorniger Gott steht einem nachdenklichen und besonnenen Menschen gegenüber, der vernünftige Argumente vorbringen kann:

12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.

Mose möchte Gott davor bewahren, dass ihn seine Feinde auslachen. Erst befreit er seine Leute, dann bringt er sie selber um! Und buchstäblich darf Mose es wagen, Gott um Reue und Umkehr zu bitten, als wenn Gott sich gegen sich selbst versündigt hätte, als ob Gott vergessen hätte, dass er ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit ist.

13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.

Wichtiger noch ist das zweite Argument: Mose erinnert Gott an die Versprechen, die er den Stammvätern Israels gegeben hat. Gott würde sich unglaubwürdig machen, wenn er seine Versprechen bräche!

14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

Gott lässt tatsächlich mit sich reden. Er lässt sich erinnern an seine Verheißungen, er ist fähig zur Reue, zur Umkehr, sogar dort, wo es keine Chance zu geben scheint, dass ein Volk noch auf einen grünen Zweig oder einen guten Weg kommen kann.

So weit, so gut, könnte man sagen. Unser Predigttext ist hier zu Ende. Und auch die Predigt könnte zu Ende sein. Aber Sie kennen mich ja. Ich kann keine kurzen Predigten. Und in unserem Kapitel fängt es jetzt erst an, so richtig spannend zu werden.

Die Geschichte mit dem Goldenen Kalb ist nämlich noch lange nicht ausgestanden. Dass Gott barmherzig ist, bedeutet nicht, dass falsche Entscheidungen von Menschen und falsche Wege, auf denen ganze Völker gehen, keine Folgen hätten. Unser biblisches Kapitel erzählt weiter, was geschieht, als Mose selber erfährt, was in seiner Abwesenheit im Volk Israel geschehen ist.

15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten.

16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.

Ausführlicher als zuvor werden noch einmal die Tafeln des Gesetzes beschrieben; die Bibel betont, dass Gott sie selber angefertigt und die Schrift eigenhändig eingraviert hatte, als ob Gott ein Bildhauer und Graveur wäre. Damit ist nicht gemeint, dass Gott buchstäblich Hände hat, mit denen er meißelt und schreibt; uns wird ein anschauliches Bild vor Augen gestellt, in dem wir erkennen, wie wichtig dem unsichtbaren, lebendigen, starken Gott die Gebote sind, die er seinem Volk gibt. Es sind keine toten Buchstaben, die da stehen, keine lebens- und menschenfeindlichen Gesetze; Gott will letzten Endes den Menschen ins Herz schreiben, was ihnen den Weg zum Leben weist; darum werden die Gebote in der Bibel auch „Tora“ genannt, Weg-Weisung. Wer zum Volk Gottes gehört, soll einen Weg gehen, auf dem man in Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden miteinander leben lernt.

17 Als nun Josua das Geschrei des Volks hörte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager.

Auf einmal ist Josua als Begleiter bei Mose. Dass er plötzlich hier auftaucht, hat vielleicht damit zu tun, worüber er sich wundert: Er hört Lärm im Lager der Israeliten und vermutet: Das Volk ist überfallen worden, es hat Krieg gegeben! Josua ist ja der spätere Nachfolger des Mose, der das Volk Israel in das Land Kanaan hineinführen wird. Ihm wird des öfteren Kriegsgeschrei im Lager Israels zu Ohren kommen.

18 Er antwortete: Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg, und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz.

Mose widerspricht dem Josua. Es ist eine andere Art Schreien oder Singen, die er hört. So jubelt man nicht bei einem Sieg, so klagt man nicht, wenn man einen Krieg verloren hat. Er hört einen Gesang, den er nicht einordnen kann. Das Wort „Tanz“ hat Luther in seiner Übersetzung eingefügt; im Original steht es noch nicht in diesem Vers.

19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn, und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge

20 und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken.

Als Mose mit eigenen Augen sieht, was im Lager los ist, entbrennt nun doch sein Zorn. Zuvor hat er Gott daran gehindert, seinen Zorn entbrennen zu lassen. Im Nachhinein ahne ich, was das bedeuten kann. Gott ist offenbar doch mehr als uns Menschen zuzutrauen, den eigenen Zorn, so gerecht und heilig er sein mag, zu kontrollieren, also nicht sofort in die Tat umzusetzen, zumal wenn es gute Gegenargumente gibt. Das ist ja auch gut so, denn Gottes Zorn hat weitaus stärkere Mittel als wir Menschen und könnte sich wirklich vernichtend auswirken. Mose tut zwei Dinge in seinem Zorn, anscheinend ohne lange zu überlegen: Erstens schlägt er Gottes Gesetzestafeln kaputt. Damit will er wohl allen anschaulich vor Augen führen, was es bedeutet, einen selbstgebauten Gott anzubeten: damit zerstört man die Basis für ein gutes Miteinander mit Gott und auch mit den anderen Menschen. Außerdem ergreift Mose das Goldene Kalb, um es nicht nur zu zerstören, einzuschmelzen und zu Pulver zu zermahlen, sondern er rührt den Goldstaub sogar in Wasser ein und lässt es die Leute trinken. Sie wollen einen Gott zum Anfassen und zum Bestaunen, den sie gut im Griff haben. Mose zwingt sie dazu, ihn regelrecht aufzuessen und in sich aufzunehmen. Drastisch zeigt er ihnen, wie machtlos das Goldene Kalb seiner eigenen Zerstörung ausgeliefert ist; und zugleich dürfte der Goldstaub auch den Israeliten schwer im Magen liegen.

21 Und er sprach zu Aaron: Was hat dir das Volk getan, dass du eine so große Sünde über sie gebracht hast?

Als nächstes nimmt Mose seinen älteren Bruder Aaron ins Gebet. Aaron kann ja besser reden, Mose hatte ihn immer gern als Unterstützung dabei, wenn er mit dem Pharao verhandelt hatte. Aber kaum ist Aaron einmal allein mit dem Volk, da versagt er auch schon.

22 Aaron sprach: Mein Herr lasse seinen Zorn nicht entbrennen. Du weißt, dass dies Volk böse ist.

Aaron redet seinen Bruder als Herrn an, obwohl Mose der jüngere Bruder ist. Aaron ist es offenbar durchaus bewusst, dass Mose im Recht ist, dass er mehr zu sagen hat als er, weil Mose im engeren Kontakt zu Gott steht. Das hindert Aaron nicht daran, sich gegenüber Moses Vorwürfen herausreden zu wollen. Mose wollte nicht, dass Gottes Zorn über das Volk entbrennt. Aaron versucht, sich selbst gegen den Zorn des Mose zu schützen. Als erstes Argument dafür führt er die Bosheit des Volkes an. „Dies Volk ist böse“, sagt er, als ob das eine unabänderliche Tatsache sei. Wäre das so, hätte Gott im Dialog mit Mose zuvor keinen Grund gehabt, diesem Volk doch noch eine Chance zur Umkehr zu geben.

23 Sie sprachen zu mir: Mache uns einen Gott, der vor uns hergehe; denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.

24 Ich sprach zu ihnen: Wer Gold hat, der reiße es ab und gebe es mir. Und ich warf es ins Feuer; daraus ist das Kalb geworden.

Aaron erzählt haargenau, was geschehen ist, nur an einer Stelle lässt er weg, was er selber tatsächlich getan hat. Er hat nur das Gold der Leute ins Feuer geworfen – und da ist ganz von selbst das Kalb herausgekommen! Er ist nicht schuld daran, er konnte nichts dafür, er tat doch nur, was das Volk in demokratischer Abstimmung von ihm wollte. So wie unser deutsches Volk sich einmal demokratisch für Hitler entschied, so wie Befehlsempfänger sich für unmenschliche Taten entschuldigen, indem sie sagen: Ich habe nur getan, was mir gesagt wurde.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Demokratie etwas Falsches ist. Im Gegenteil: Wenn einzelne Machthaber ohne den Willen des Volkes ihre Macht ausüben, ist die Gefahr noch größer, dass sie dies zu ihrem eigenen Vorteil tun oder ein Volk ins Verderben führen. Aber bei jeder demokratischen Wahl müssen sich die Wähler gut überlegen, wen sie wählen, damit nicht diejenigen das Sagen bekommen, die mit unserem Geld ein Feuer schüren, aus dem am Ende ein Goldenes Kalb herausspringen soll. Im Klartext: Das Goldene Kalb steht für Wünsche, die man sich erfüllt, ohne auf die gute Wegweisung Gottes zu achten. Wollen wir heute ein Europa wählen, das stark wird auf Kosten anderer und einigen wenigen immer größeren Wohlstand sichert? Oder soll Europa stark gerade darin sein, dass soziale Gerechtigkeit und ein gutes Miteinander zwischen verschiedenen Nationen und Kulturen angestrebt wird? Oder haben wir vergessen, wie schlimm es war, als die europäischen Völker einander noch als Todfeinde gegenübergestanden haben, und wählen aus Ärger über einige Politiker in Brüssel europafeindliche Parteien? Jeder muss das selbst entscheiden; sogar wer nicht zur Wahl geht, trifft eine Entscheidung; letzten Endes lässt er zu, dass andere vielleicht etwas ins Feuer werfen und dass dabei etwas herauskommt, was man so dann doch nicht will.

In unserem Bibeltext kommt jetzt ein Abschnitt, den ich am liebsten überlesen würde. Aber er zeigt, wohin es führen kann, wenn in einem Volk nicht mehr Gottes gute Gebote gelten, wenn Liebe und Treue, Gerechtigkeit und Frieden in den Hintergrund treten, und stattdessen Egoismus und Ellbogenmentalität um sich greifen. Da ist von einer Verwilderung der Sitten die Rede, von Menschen, die jeden guten Maßstab verloren haben.

25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war – denn Aaron hatte sie zuchtlos werden lassen zum Gespött ihrer Widersacher -,

26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi.

27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten.

28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann.

Ja, dieser Text steht in der Bibel. Es ist einer der Texte, der dem Alten Testament den Ruf der Grausamkeit eingebracht hat. Wie kann das sein? Gott hatte doch den Beschluss, sein Volk zu vernichten, bereut. Ist er nun doch nicht barmherzig? Ich habe Schwierigkeiten mit diesen Worten und frage mich, ob Mose hier wirklich den Herrn hat reden hören, den er doch eben noch angefleht hat, sein Volk zu verschonen.

Eine Wahrheit scheint mir hinter diesen Versen deutlich zu werden: Da, wo ein Volk alle guten Maßstäbe verlässt, wo nur noch Egoismus herrscht, da ist es nicht weit zum Bürgerkrieg oder zum Ausbruch fanatischer Gewalt.

Und: ein solcher Text in unserer Bibel sollte uns zur Selbstprüfung anregen. Fanatische Tendenzen entdecken wir normalerweise eher in anderen Religionen und Weltanschauungen, zum Beispiel dort, wo weltweit Christen verfolgt werden, zum Beispiel von fanatischen Hindus oder Muslimen oder Kommunisten. Aber wir können es nicht aus der Bibel wegdeuteln: ein ehrwürdiger Mann wie Mose ruft dazu auf, „den Bruder, Freund und Nächsten“ zu erschlagen, zwar aus guten Gründen, nämlich weil im Volk keinerlei Respekt vor den Geboten Gottes existiert, aber mit dem, was wir von der Barmherzigkeit Gottes an anderen Stellen der Bibel erfahren, scheint dieses Strafverfahren dennoch nichts zu tun zu haben.

Die Bibel ist nicht immer einfach zu lesen; Menschen ziehen aus dem, was sie von Gott hören, wie sie mit ihm ringen, oft auch widersprüchliche Schlüsse. Und manche Dinge können wir vermutlich auch gar nicht hundertprozentig verstehen, weil sich die Zeiten eben doch geändert haben.

Damit will ich nicht sagen, die Menschheit sei seit der Proklamierung der Menschenrechte tatsächlich menschlicher geworden; Weltkriege mit Millionen Toten gibt es erst in der Neuzeit, und die Gefahr eines dritten Weltkriegs ist längst nicht gebannt. Dafür gibt es zu viele Konflikte und zu viel Ungerechtigkeit auch in unserer Zeit. Gottes gute Wegweisung hat es heute wie damals schwer, sich soweit durchzusetzen, dass jeder Mensch auf dieser Erde zufrieden und im Frieden leben kann.

29 Da sprach Mose: Füllet heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen -, damit euch heute Segen gegeben werde.

Nach dem in unseren Augen grausamen Strafzug durch das Lager lässt Mose ein Ritual vollziehen. Alle Überlebenden sollen sich die Hände füllen, um Gott zu dienen. Sie sollen sich Gott zuwenden, damit die Wunden des Bürgerkriegs geheilt werden können und im Volk wieder Segen erfahren werden kann. Wir fragen: Wie kann die einzelne Familie wieder Glück erfahren, deren Sohn oder Bruder getötet worden ist? Anscheinend hat man damals noch nicht so gefragt. Es ging mehr darum, ob das Volk als Ganzes überleben kann.

30 Am nächsten Morgen sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde getan; nun will ich hinaufsteigen zu dem HERRN, ob ich vielleicht Vergebung erwirken kann für eure Sünde.

Merkwürdig ist, dass Mose noch einmal auf den Berg steigen will, um bei Gott Vergebung für die Sünde des Volkes zu erbitten. Das hat er doch schon getan. Er war doch auch erfolgreich damit. Gott hatte seine Vernichtungsabsicht doch bereut. Aber inzwischen war ja Mose selbst zu einer Art Rächer der Tora geworden. Er hatte ja selber seinen Zorn entbrennen lassen, zwar nicht gegen das ganze Volk, aber doch gegen 3000 Mitbrüder und Nächste, die nun nicht mehr lebten. Vielleicht sollen wir uns bewusst machen, dass die Vergebung von Sünde ein schwieriger Prozess sein kann; denn es geht ja darum, die Sünde, also den Widerspruch gegen Gott, zu überwinden, und nicht einfach zu sagen: War alles nicht so schlimm! Doch, es war und ist schlimm, wenn Menschen beim Bau von Goldenen Kälbern und bei der Pflege ihres Egoismus die guten Gebote Gottes vergessen.

31 Als nun Mose wieder zu dem HERRN kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große Sünde getan, und sie haben sich einen Gott von Gold gemacht.

Mose spricht mit Gott, und er sagt ihm, was Gott längst weiß, was Gott ihm ja selber gesagt hatte. Ich sehe darin eine Ermutigung für unser eigenes Beten: Wenn wir mit Gott sprechen, dürfen auch wir Gott all die Dinge sagen, die er längst weiß. Das kann uns dazu helfen, uns bewusst zu machen, wie wir vor Gott dastehen.

32 Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.

Nun verhandelt Mose mit Gott noch einmal mit einem neuen Argument. Er sagt noch einmal deutlich, dass er auf keinen Fall auf das Angebot eingehen will, dass Gott mit ihm noch einmal neu anfängt. Nein, wenn Gott sich wirklich entschließen sollte, sein Volk Israel aus dem Buch des Lebens zu streichen, dann will Mose davon nicht verschont bleiben, auch er gehört ja zu diesem Volk und bleibt solidarisch mit ihm.

33 Der HERR sprach zu Mose: Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt.

34 So geh nun hin und führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Siehe, mein Engel soll vor dir hergehen.

Gott gibt eine Antwort, in der sowohl seine Gerechtigkeit als auch seine Barmherzigkeit deutlich wird. Einerseits sagt er: Strafen wird er nur den, der auch wirklich Strafe verdient. Aber trotzdem straft er sein Volk nicht mit sofortiger Vernichtung. Mose soll sein Volk weiter auf den Wegen Gottes führen. Gott steht treu zu seinem Volk und traut ihm zu, die Wege der Sünde zu verlassen. Und da Gott weiß, wie schwer das ist, sendet er seinen Engel zur Unterstützung vor dem Volk her.

Ich werde aber ihre Sünde heimsuchen, wenn meine Zeit kommt.

Zum Schluss des Kapitels hören wir noch einmal Worte, die auf den Ernst der Sünde gegen das Erste Gebot eingehen. Wo Menschen den Gott verlassen, der sie in die Freiheit führt; wo sie sich Götter machen, die bequemer sind, die ihre eigensüchtigen Wünsche befriedigen, größer, besser, reicher, mächtiger zu sein als andere, da müssen sie damit rechnen, dass irgendwann der Tag der Abrechnung oder Heimsuchung kommt. Aber: in dem Wort „Heimsuchung“ steckt auch Hoffnung; Gott hat sich ja dazu entschlossen, nicht vernichtend zu strafen, sondern Menschen, die Sünder waren, zu sich zurückzuholen. Er wartet voll Geduld auf jeden, bis er sich entschließt, zu ihm und seinen guten Geboten umzukehren.

35 Und der HERR schlug das Volk, weil sie sich das Kalb gemacht hatten, das Aaron angefertigt hatte.

Zusammenfassend hören wir noch einmal: Gott hat Grund genug, einem Volk einen Schuss vor den Bug zu versetzen, damit es nicht vollends in den Abgrund gerät. Das ist uns gesagt, um Vertrauen und Hoffnung zu bewahren. Denn Gott will uns auf seinen guten Wegen führen, angeleitet durch gute Gebote. Und: Gott lässt mit sich reden, wenn wir zu ihm beten. Wo wir als einzelne oder als ganze Völker auf Abwege geraten, also zu Sündern werden, gibt Gott uns neue Chancen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 587, 1-3 und 6-8: Gott ruft dich, priesterliche Schar
Fürbitten und Stille und Vater unser
Lied 428, 1-3: Komm in unsre stolze Welt
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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