Das Doppelgebot der Liebe und die Flüchtlinge

Jesus würde vielleicht sagen: „Lest im 3. Buch Mose, wenn ihr wissen wollt, was Liebe zu Gott, was Nächstenliebe ist. Die Bibel ist nicht so verstaubt, wie ihr denkt. Das Alte Testament ist nicht veraltet. Es ist konkret. Es spricht in eine bestimmte Zeit hinein. Aber es kann in einer neuen Zeit, in eurer Zeit, ganz neu zu euch reden.“

Ein Herz, auf dem die Weltkarte abgebildet ist und das einen Händedruck darstellt

Nächstenliebe ist nach Jesus und dem 3. Buch Mose 19 konkrete Solidarität (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 18. Sonntag nach Trinitatis, den 4. Oktober 2015, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am ersten Sonntag im Monat Oktober feiern wir wie gewohnt einen Abendmahlsgottesdienst in unserer Pauluskirche. Herzlich willkommen dazu! In der Predigt geht es heute um das Doppelgebot der Liebe, die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe. Viele meinen, Jesus hätte die Nächstenliebe erfunden. Das stimmt so nicht. Aber als der Sohn Gottes war er die Liebe selbst, er hat sie uns vorgelebt und er will sie uns schenken. Mehr von dieser Liebe werden wir gleich in Liedern singen, in Gebeten erbitten, in Texten und in der Predigt hören.

Aus dem Lied 412 singen wir nun die Strophen 1 bis 4 und 8:

1. So jemand spricht: »Ich liebe Gott«, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.

2. Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden, der ist ein Feind der ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht.

3. Wer seines Nächsten Ehre schmäht und gern sie schmähen höret, sich freut, wenn sich sein Feind vergeht, und nichts zum Besten kehret, nicht dem Verleumder widerspricht, der liebt auch seinen Bruder nicht.

4. Wir haben einen Gott und Herrn, sind eines Leibes Glieder, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.

8. Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist, der nicht die rettet, die ihn flehen. Drum gib mir, Gott, durch deinen Geist ein Herz, das dich durch Liebe preist.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

So spricht Mose, als er Gott begegnet, bevor ihm Gott die Zehn Gebote anvertraut (2. Buch Mose – Exodus 34, 6):

6 HERR, [der du für uns da bist,] HERR[, unser] Gott, [der uns befreit: du bist] barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Zuerst sind wir beschenkt. Erst dann sind wir gefordert. Zuerst erhalten wir deinen Zuspruch, Gott, erst dann nimmst du uns in Anspruch. Zuerst sind wir geliebt. Und dann können und dürfen wir lieben, so wie wir geliebt sind.

Aber wir sind oft mäkelig mit dir, Gott. Wir können uns selbst nicht leiden. Wir können uns selbst nicht lieben. Mit uns willst du etwas anfangen? Mit unseren kleinen Kräften sollen wir etwas tun? Warum schenkst du uns nicht größere Kräfte? Mit unseren Macken nimmst du uns an? Dann müssten wir ja aufhören, uns für hoffnungslose Fälle zu halten. Dann dürften wir es ja wagen, auf dich zu vertrauen, neue Schritte mit dir zu tun.

Gott, hilf uns, barmherzig mit uns selbst zu sein. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

So schreibt Johannes in seinem ersten Brief (1. Johannes 4, 10-12):

10 Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Lasst uns Gott lobsingen!„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, schenke uns deine Liebe, schenke uns dich selbst, den Heiligen Geist, der die Liebe ist. Gieße dich in uns hinein, Geist der Liebe. Lass uns verstehen, worin die Liebe besteht, was die Gedanken und Taten deiner Liebe sind und wie sie durch uns wirklich werden können. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Markus 12, 28-34:

28 Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass Jesus ihnen gut geantwortet hatte, fragte er Jesus: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“

29 Jesus aber antwortete ihm: „Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften‘.

31 Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: „Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;

33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“

34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. Gemeinde: „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Vorhin, am Anfang, haben wir ein altes Lied darüber gesungen, dass die Liebe zu Gott, dem Vater, und die Liebe zu den Menschen, die unsere Brüder und Schwestern sind, auf jeden Fall zusammengehören. Jetzt singen wir ein moderneres Lied über dasselbe Thema: „Wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott“ – und wir können diesen Zustand auch mit dem hebräischen Wort für Frieden „Schalom“ nennen. Singen wir das Lied 627:

Schalom, Schalom! Wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott.
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, im Text zur Predigt, den uns Frau Stratil eben vorgelesen hat, geht es um ein Gespräch, das sich an einen Streit anschließt. Eben noch hat Jesus mit Leuten gestritten, die sich in der Bibel auskannten. Jetzt will einer von diesen Schriftgelehrten selber noch einmal persönlich mit Jesus sprechen. Wird es wieder Streit geben?

Der Mann stellt ihm eine gut jüdische Frage: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Wer als Jude 613 Gebote zu beachten hat, tut gut daran, zu wissen, welches davon vielleicht wichtiger ist als andere.

Jesus antwortet ihm so, wie es auch andere jüdische Rabbiner vor und nach ihm getan haben. Er zitiert zunächst das jüdische Glaubensbekenntnis zu dem einen und einzigen Gott, der Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat (Markus 12):

29 Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften‘.

Das ist ein fast wortwörtliches Zitat aus der jüdischen Tora, aus dem 5. Buch Mose – Deuteronomium 6, 4-5:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft will Gott geliebt sein, so steht es in der Tora, Jesus fügt noch ein viertes hinzu: „mit ganzem Verstand“, Luther übersetzt: „mit ganzem Gemüt“.

Das Herz ist im Judentum der Sitz des Willens. Also mit unserem ganzen Willen, mit Gefühl, Verstand und Tatkraft Gott lieben, das ist das erste Gebot.

OK. Aber wie macht man das? Will Gott, dass man ihm ständig mit ihm spricht, dass man jeden Sonntag in die Kirche geht, dass man besondere Dinge für ihn tut? Will er uns als Sklaven, als Bedienstete, die es ihm möglichst bequem machen, die er herumkommandieren kann?

Nein, um so etwas geht es gerade nicht. Denn Gott ist ein Herr, der befreit. Er will, dass wir Menschen, die er geschaffen hat, im Frieden miteinander leben, glücklich und frei leben, ohne Angst voreinander zu haben. Er will, dass wir uns trauen, so zu sein, wie wir sind. Er will uns sogar als Freunde haben, nicht als Untergebene, so haben wir es auf dem Konfi-Castle uns selbst und unseren Konfis klarzumachen versucht.

Und darum ist es kein Zufall, dass Jesus noch ein zweites allerhöchstes Gebot zitiert, um eindeutig klarzustellen, was mit dem ersten allerhöchsten Gebot wirklich gemeint ist (Markus 12, 31):

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Beide Gebote meinen genau dasselbe! Gott lieben können wir nur, indem wir die Menschen lieben. Denn Gott selber braucht keine Bedienung von uns. Er ist vollkommen, er ist allmächtig. Gott will vielmehr unser Diener sein, er will uns lieben, er will, dass wir seine Liebe allen anderen Menschen auch weitergeben.

Die Geschichte geht dann so weiter, dass der jüdische Schriftgelehrte diese Auslegung der Tora durch Jesus völlig wahr und richtig findet. Und er fügt noch einen Gedanken hinzu (Markus 12, 33): „Gott und den Mitmenschen zu lieben, das ist mehr, das ist besser als alle Tieropfer, die man im Tempel Gott darbringen kann.“

Auch dieser Gedanke steht schon im Alten Testament. Nach dem Propheten Hosea sagt Gott (Hosea 6, 6):

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.

Dasselbe hatte auch der Prophet Amos gewusst (Amos 5, 22.24):

22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

So sehr Jesus sonst oft seine schriftgelehrten Mitjuden kritisiert, mit diesem Theologen ist er völlig einer Meinung. Er sagt sogar zu ihm (Markus 12, 34):

Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

Im Kern der Botschaft der Bibel, in der Auslegung der Gebote, gibt es also keinen Widerspruch zwischen dem, was Jesus sagt, und dem, was auch jüdische Rabbiner sagen.

Aber warum wagt am Ende niemand mehr, Jesus noch eine Frage zu stellen? Sind die einen zufrieden mit Jesu Antwort, zufrieden damit, dass Einigkeit über eine der wichtigsten Fragen besteht? Sind die anderen, die Jesus ablehnen, enttäuscht von dieser Einigkeit zwischen Jesus und seiner Bibel? Hätten sie ihm lieber einen Widerspruch zu den alten überlieferten Worten der Heiligen Schrift nachgewiesen?

Niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Heute müssen wir Jesus aber vielleicht doch noch mehr Fragen stellen. „Jesus, ist das nicht ziemlich blauäugig, den Menschen einfach das Gebot der Nächstenliebe zu geben und zu meinen, damit seien alle Probleme gelöst? Liebe deinen Mitmenschen, dann ist Friede, Freude, Eierkuchen? Abgesehen davon, wie soll ich das denn schaffen, alle Mitmenschen zu lieben? Auch den, der mich beleidigt? Auch den, der mich nervt? Auch den, vor dem ich Angst habe? Wie soll das alles gehen?“

Was würde Jesus dazu sagen?

Vielleicht würde er sagen: „Ihr lieben Christen, die ihr euch nach mir nennt, ihr solltet ein wenig von meinem Freund, dem Schriftgelehrten, lernen, mit dem ich mich damals unterhalten habe. Der hat nämlich verstanden, dass ich in unserer Tora, in der heiligen Wegweisung des Vaters im Himmel, gesucht und gefunden habe, was dieser väterliche und mütterliche Gott uns sagt. Er hat mich daran erinnert, dass Amos und Hosea dasselbe meinen. Auch er hat also in der Schrift gesucht und bei den Propheten etwas gefunden, was Gott ihm sagen wollte. – Ich habe wirklich die Nächstenliebe nicht erfunden. Sie wird schon im 3. Buch Mose – Levitikus 19, 18 gefordert. Dieser Vers hat zu mir gesprochen, wie er schon zu vielen anderen jüdischen Menschen gesprochen hat, durch diesen Vers hat Gott selbst zu mir gesprochen, und er hat mir gesagt: Gott will nicht, dass wir ihm ständig zu Füßen liegen, er will, dass wir das tun, was er auch tut, nämlich uns und alle Menschen lieben.“

So könnte Jesus zu uns sprechen. Und dann würde er uns vielleicht dazu anregen: „Lest doch einmal auch noch andere Verse aus dem 3. Buch Mose. Wenn ihr wissen wollt, was Liebe zu Gott, was Nächstenliebe ist, dann findet ihr da viele Anregungen. Die Bibel ist nicht so verstaubt, wie ihr denkt. Das Alte Testament ist nicht veraltet. Es ist konkret. Es spricht in eine bestimmte Zeit hinein. Aber es kann in einer neuen Zeit, in eurer Zeit, ganz neu zu euch reden, und ihr werdet verstehen, was Gott mit euch vorhat, was Gott für euch und von euch will.“

OK, denke ich, schauen wir also hinein in dieses 3. Buch Mose – Levitikus 19 und hören wir einige der Verse, die dort stehen:

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

2 Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.

Beim Konfi-Castle haben wir ein Lied gesungen, wo immer wieder ein Kehrvers wiederholt wurde: „God is holy, holy“. Gott ist heilig. Wir verstehen das oft falsch. Heilig, das kommt uns so vor wie unantastbar, unerreichbar. Aber Gott will, dass wir in Berührung kommen mit seiner Heiligkeit. Er will uns verändern. Er traut uns seine Liebe zu. Denn er schenkt uns ja Liebe. Darin besteht Gottes Heiligkeit: in einer Liebe, die Respekt vor jedem hat, die darauf verzichtet, andere zu verletzen. Sie heilt eigene Verwundungen der Seele und hilft uns, heil und heilig zu werden, indem wir über unseren Schatten springen und auch den nicht aufgeben, mit dem wir Schwierigkeiten haben.

3 Ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater.

Diesen Vers kennen wir so ähnlich aus den Zehn Geboten. Was mir auffällt: Wir sollen die Eltern fürchten. Das heißt nicht: Angst vor ihnen haben, sondern sie so behandeln, als seien sie für uns Gott. Denn für den Respekt vor Gott wird dasselbe Wort benutzt: Gott fürchten, Mutter und Vater fürchten. Diejenigen, die uns etwas zu sagen haben, sollen wir so behandeln, als seien sie Gott. Sie haben ja auch den Auftrag von Gott, uns zu beschützen, uns aber auch Freiheit zu geben und gut mit ihr umzugehen, indem sie uns die Regeln des Lebens beibringen, ohne die es nun einmal nicht geht.

Das ist aber auch eine Verpflichtung für Mütter, Väter, Lehrerinnen, Pfarrer. Gott will uns als seine Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Wir sollen für Kinder, Schüler, Konfis eine Autorität sein, die sie anerkennen können, denen sie gerne vertrauen, auch wenn sie manchmal unbequeme Dinge gesagt bekommen.

9 Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten.

10 Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott.

So sah Sozialhilfe in alter Zeit aus. Man erntete nicht alles bis in die letzte Ecke ab, sondern ließ auch denen etwas zum Ernten, die keinen Acker besaßen, sogar dem Flüchtling, der sonst Hunger leiden müsste. Jede Zeit muss ihre eigenen Wege suchen und finden, um das, was Menschen produzieren und ernten, gerecht zu teilen – auch mit denen, die zeitweise oder dauernd auf der Schattenseite des Lebens stehen.

11 Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern.

Auch dieses Gebot kennen wir aus den Zehn Geboten. Nur wird noch ein wenig ausführlicher beschrieben, wie eng Diebstahl, Lüge und Betrug miteinander zusammenhängen. Wer keinen Respekt vor dem anderen hat, der nimmt weg, was ihm nicht gehört, der nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, der kennt und nutzt Tricks, um seinen eigenen Vorteil zu nutzen, egal wie sehr ein anderer darunter leidet.

12 Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der HERR.

Den Namen Gottes heilig halten, ihn nicht missbrauchen, das kennen wir auch aus den Zehn Geboten und aus dem Vaterunser. Hier hängt das eng mit dem Schwören zusammen. „Ich schwör“, das sagen manche gerade dann, vielleicht sogar mit einem Grinsen, wenn sie einem anderen eine Unwahrheit als Wahrheit verkaufen wollen. „Ich schwöre bei Gott“, das soll bekräftigen: Ich meine es wirklich ernst, ich lüge nicht. Und wenn es dann doch eine Lüge war? Oder nur eine halbe Wahrheit? Ist dann Gott auch ein Lügner, weil man ja bei seinem Namen geschworen hat? Dann wird Gottes heiliger Name in den Dreck gezogen, dann verliert der Name Gottes, der doch „Ich bin für euch da“ bedeutet, seine befreiende Kraft.

13 Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen.

Hier fordert die Tora Gottes, die heilige Wegweisung des befreienden Namens, zur sozialen Verantwortung auf. Keine Unterdrückung, keinen Raub im großen Stil soll es in einem Volk geben, in dem der Name Gottes heilig gehalten wird. Das bedeutet auch, dass Leute, die nur befristet arbeiten, nicht lange auf ihren Lohn warten müssen, denn sie brauchen ihr Geld schon an dem Tag, an dem sie es verdienen. Das würde für heute bedeuten, dass es einen Mindestlohn für geleistete Arbeit geben muss, dass es ein Unrecht ist, wenn Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden, nicht nur im Weltmaßstab, auch in unserem Land.

14 Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR.

Menschen, die durch eine Behinderung sowieso schon gehandicapt sind, werden oft noch zusätzlich gemobbt, geärgert, gehänselt; ihnen werden Steine, Treppen, ärgerliche Hindernisse in den Weg gelegt. Gottes Tora plädiert für Barrierefreiheit. Dass hier ausdrücklich die Furcht vor Gott erwähnt wird, macht deutlich, dass sich Gott mit behinderten Menschen ähnlich stark identifiziert wie mit den Eltern, die ja auch einmal in die Lage kommen können, gebrechlich und pflegebedürftig zu werden – und vielleicht sogar schwierig im Umgang. Denkt daran, sagt Gott uns: Ihr verflucht Gott selbst, wenn ihr einem böse Wörter hinterherruft, der sie nicht hören kann, ihr bringt Gott selbst ins Stolpern, wenn ihr einen Blinden behindert, der sich nicht wehren kann, ihr verweigert Gott selber den Respekt, wenn ihr euren alt gewordenen Eltern nicht in Würde begegnet.

17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest.

Hier unterscheidet Gottes Wort klar zwischen der Person und dem Verhalten eines Bruders, einer Schwester, eines Mitmenschen, der denselben Vater im Himmel hat wie wir selbst. Wenn einer mich beleidigt, dann soll ich ihn nicht hassen, ihm keine Gewalt antun, ihn nicht wieder beleidigen. Aber ich soll es auch nicht auf mir sitzen lassen, ich soll ihn zurechtweisen, mit Worten, nicht mit Gewalt, sonst lade ich selber Schuld auf mich.

18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

Hier finden wir nun endlich im 19. Kapitel des 3. Buchs Mose das oberste Gebot Gottes, und zwar wird es in einem Atemzug mit der Aufforderung genannt, sich nicht zu rächen, nicht nachtragend zu sein. Nächstenliebe ist also schon im Alten Testament Feindesliebe: Verzicht auf Rache, obwohl man durchaus Grund zur Rache hätte. Wer nachtragend ist, trägt immer eine schwere Last mit sich herum, wer einen Zorn in sich aufbewahrt und ihn nicht verrauchen lässt, der macht sich selber das Herz schwer. Wer dagegen Nächstenliebe übt, der begegnet Menschen offen und tut ihnen Gutes, auch wenn sie es nicht unbedingt verdienen, auch wenn man sie nicht unbedingt mag. Nächstenliebe ist Solidarität mit Menschen, sie muss nicht mit einem Gefühl der Liebe verbunden sein. Man kann jemandem Nächstenliebe entgegenbringen, auch wenn man ihn eigentlich gar nicht leiden kann.

32 Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

Ein drittes Mal kommt in diesem Kapitel das Wort „fürchten“ vor, wenn die alten Menschen erwähnt werden. Aufstehen, wenn im Bus ein älterer Mensch einen Sitzplatz braucht, sogar wenn er vielleicht nicht höflich ist, weil er sich schon zu oft über unhöfliche junge Menschen geärgert hat. Respekt vor Menschen, die das Leben gebeutelt hat und die deshalb schwierig geworden sind. Respekt kann aber auch bedeuten, dass man in höflicher Form auch Senioren bittet, ihrerseits den Jugendlichen Respekt entgegenzubringen.

33 Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.

34 Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

Noch einmal wird das Gebot der Nächstenliebe wiederholt und dieses Mal konkret auf Fremdlinge bezogen, auf Flüchtlinge, auf Migranten, auf Minderheiten in einem für sie fremden Land. Der Flüchtling soll bei uns wohnen wie ein Einheimischer, das klingt sehr anspruchsvoll. Er verdient denselben Respekt, er muss sich aber auch an dieselben Gesetze halten wie einer, der schon lange hier wohnt. Er verdient unsere Nächstenliebe, unseren Verzicht auf Hass und Rache; er hat Anspruch auf Schutz, wenn ihm jemand Gewalt antun will; er muss aber auch damit rechnen, dass wir ihn zur Rechenschaft ziehen und aus dem Land ausweisen, wenn er selber jemanden anders bedroht oder tätlich angreift. Diese Ermahnung beendet Gott nicht zufällig mit dem Satz: „Ich bin der HERR, euer Gott“, denn dieser Satz enthält den heiligen Namen Gottes, mit dem das ganze Kapitel anfing. Gott ist ein Herr, der frei macht; und Freiheit haben wir nur, wenn auch die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, frei von Angst bei uns leben können. Und wir ohne Angst vor ihnen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 227:

Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben

Im Abendmahl sind wir eingeladen, Gottes Liebe zu schmecken, in Brot und Kelch, und Gemeinschaft mit ihm zu erleben, im Kreis derer, die auf ihn vertrauen.

Gott, wir bekennen vor dir, dass wir das, was wir von dir haben, oft nicht recht würdigen. Wir nehmen es selbstverständlich, wie meckern über unsere Macken, aber wir vergessen, dankbar zu sein für so viele Gaben, die wir haben und sinnvoll einsetzen können.

Gott, wir bekennen vor dir, dass wir oft Angst haben vor anderen Menschen, aber diese Angst nicht zugeben wollen. Wir wehren uns dann lieber gegen alles, was uns fremd vorkommt, was uns überfordert, und so wird unser Herz hart, und unsere Hände ballen wir zu Fäusten. Schenke uns das Vertrauen, dass wir Menschen in Offenheit begegnen können und uns auch faustlos wehren können, in dem Respekt zum andern, den wir auch für uns selbst erwarten. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Austeilung des Abendmahls

Ihr Lieben, wie Gott uns geliebt hat, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Geht hin im Frieden! Amen.

Fürbitten

Zum Schluss singen wir das Lied 621:

Ins Wasser fällt ein Stein
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.