Stolpersteine – bei Jesaja, Paulus und in Gießen

Der Prophet Jesaja hatte gesagt, dass Gott selbst ein Stolperstein für Israel sein würde. In der Tradition Jesajas redet Paulus dem eigenen Volk ins Gewissen: Dieser Stolperstein ist Jesus. Er ist der Grundstein des Glaubens, indem er klar und deutlich macht, was schon immer im Zentrum des jüdischen Glaubens stand: dass Gott selbst sein Volk rettet und dem einzelnen vergibt.

Stolpersteine in Gießen, aufgenommen am Tag der Aktion "Gießen bleibt bunt", die sich gegen eine NPD-Demonstration richtete

Zwei Stolpersteine in Gießen, die an ermordete Juden erinnern, aufgenommen am Tag der Aktion „Gießen bleibt bunt“

#predigtGottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, 12. August 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag trägt den Namen „Israelsonntag“. Er erinnert in besonderer Weise daran, was eigentlich selbstverständlich ist, aber doch leicht vergessen wird: dass im Judentum die Wurzeln unseres christlichen Glaubens liegen und dass wir Christen mit dem Volk Israel in besonderer Weise verbunden sind und bleiben.

Zu diesem Sonntag gehört als Wochenspruch Psalm 33, 12:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Wir singen das Lied 296. In dieser Nachdichtung des Psalms 121 wird Gott der treue Hüter Israels genannt:

1. Ich heb mein Augen sehnlich auf und seh die Berge hoch hinauf, wann mir mein Gott vom Himmelsthron mit seiner Hilf zustatten komm.

2. Mein Hilfe kommt mir von dem Herrn, er hilft uns ja von Herzen gern; Himmel und Erd hat er gemacht, hält über uns die Hut und Wacht.

3. Er führet dich auf rechter Bahn, wird deinen Fuß nicht gleiten lan; setz nur auf Gott dein Zuversicht; der dich behütet, schläfet nicht.

4. Der treue Hüter Israel‘ bewahret dir dein Leib und Seel; er schläft nicht, weder Tag noch Nacht, wird auch nicht müde von der Wacht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Nach der Umsetzung des Psalms 121 in ein christliches Kirchenlied wollen wir auch die ursprünglichen Worte dieses alten Liedes aus dem Volk Israel miteinander im Wechsel beten. Der Text steht im Gesangbuch unter der Nr. 749:

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.

4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, bist du wirklich ein Hüter Israels, der niemals einschläft? Hast du genug auf dein Volk der Juden aufgepasst? Tust du es heute? Damals, als Juden in Deutschland gedemütigt, bestohlen, vertrieben und wie Ungeziefer vernichtet wurden. Heute, wenn Israelis in ihrem eigenen Staat sich niemals mehr demütigen lassen wollen und mit einer harten Politik der Stärke ebenfalls zu Mitteln der Unterdrückung und Ausgrenzung greifen. Wir kommen nicht zu einem befriedigenden Ergebnis, wenn wir darüber nachdenken, aber wir können das Nachdenken über Israel auch nicht immer beiseite schieben. Schenke uns Einsichten, indem wir nicht aburteilen, sondern Wege des Friedens und der Gerechtigkeit suchen. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, in der ganzen Bibel machst du uns klar, warum du der Hüter Israels bist. Warum du aufpassen willst auf dieses kleine Volk. Nicht weil Juden besser sind als andere Völker. Sondern weil sie sich von dir ansprechen ließen und wussten: „Ohne deine Hilfe und ohne das Vertrauen auf dich gehen wir unter.“ Sie haben dir nicht immer gehorcht, wie auch wir dir nicht immer gehorchen. Aber du hast sie immer wieder angesprochen, mahnend und tröstend, durch Engel und Propheten, wie du auch uns ansprichst, durch Worte der ganzen Heiligen Schrift.

Wir müssen uns nicht ärgern oder eifersüchtig sein auf Israel, weil dieses Volk deine erste Liebe ist und bleibt. Wir dürfen dankbar bekennen, dass wir durch unseren Herrn Jesus Christus ebenfalls deine herzliche Liebe erfahren.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, Vater des Volkes Israel und Jesu Christi und durch ihn auch unser Vater: Mach uns offen für den Gedanken, dass Israel in deinem Plan immer noch eine Rolle spielt und dass du die Juden nie aufgeben wirst. Wenn wir darüber stolpern, dass unser Glaube mit Israel zu tun hat, dass unser Glaube an dem einen Menschen Jesus hängt, dann lass uns dabei nicht zu Fall kommen, sondern aufschrecken aus unserer Gleichgültigkeit. Lass uns neugierig werden auf dich, einen zugleich fremden und doch nahen Gott. Ohne das Volk Israel würde wir dich nicht kennen, und ohne Jesus Christus wärest du nicht auch unser Gott geworden. Darum danken wir dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Brief des Paulus an die Römer 9 und 10:

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist,

2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch,

4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen,

5 denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat das Gesetz nicht erreicht.

32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes,

33 wie geschrieben steht: »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

1 Liebe [Geschwister], meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden.

2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht.

3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.

4 Denn Christus ist des Gesetzes [Ziel und] Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 290:

1. Nun danket Gott, erhebt und preiset die Gnaden, die er euch erweiset, und zeiget allen Völkern an die Wunder, die der Herr getan. O Volk des Herrn, sein Eigentum, besinge deines Gottes Ruhm.

2. Fragt nach dem Herrn und seiner Stärke; der Herr ist groß in seinem Werke. Sucht doch sein freundlich Angesicht: den, der ihn sucht, verlässt er nicht. Denkt an die Wunder, die er tat, und was sein Mund versprochen hat.

3. O Israel, Gott herrscht auf Erden. Er will von dir verherrlicht werden; er denket ewig seines Bunds und der Verheißung seines Munds, die er den Vätern kundgetan: Ich lass euch erben Kanaan.

4. Sie haben seine Treu erfahren, da sie noch fremd und wenig waren; sie zogen unter Gottes Hand von einem Land zum andern Land. Er schützte und bewahrte sie, und seine Huld verließ sie nie.

5. Gott zog des Tages vor dem Volke, den Weg zu weisen, in der Wolke, und machte ihm die Nächte hell; ließ springen aus dem Fels den Quell, tat Wunder durch sein Machtgebot und speiste sie mit Himmelsbrot.

6. Das tat der Herr, weil er gedachte des Bunds, den er mit Abram machte. Er führt an seiner treuen Hand sein Volk in das verheißne Land, damit es diene seinem Gott und dankbar halte sein Gebot.

7. O seht, wie Gott sein Volk regieret, aus Angst und Not zur Ruhe führet. Er hilft, damit man immerdar sein Recht und sein Gesetz bewahr. O wer ihn kennet, dient ihm gern. Gelobet sei der Nam des Herrn.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wer durch Gießen läuft, ist vielleicht schon einmal auf einen Stolperstein gestoßen. Man stolpert nicht buchstäblich drüber, sie sind in den Bürgersteig eingelassen, damit sie eher unsere Gedanken zum Stolpern bringen. Auf einem Stolperstein steht zum Beispiel: „Hier wohnte Maier Levi, Jahrgang 1881, deportiert 1942, Treblinka, ermordet“. Seine Frau Berta, geb. Ackermann, Jahrgang 1887, ebenso: „deportiert 1942, Treblinka, ermordet“. Solche Stolpersteine erinnern an Menschen, die aus unserer Stadt von Staats wegen herausgerissen, verschleppt und getötet wurden, nur weil sie Juden waren, als seien Juden wie bösartiges Ungeziefer zu behandeln. Möglich wurde das auch deshalb, weil Christen viele Jahrhunderte lang meinten: die Juden sind ja die Mörder unseres Herrn Jesus Christus, sie erkennen ihn nicht als Sohn Gottes an, also sind jetzt nur wir Christen das Volk Gottes, die Juden sind von Gott enterbt worden.

Paulus spricht im heutigen Predigttext auch von einem Stolperstein. Er beruft sich auf das Buch Jesaja. Da hatte der Prophet Jesaja gesagt (Jesaja 28):

16 Darum spricht Gott der HERR: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist. Wer glaubt, der flieht nicht.

Gemeint war damals, dass das Volk Israel seine Zuversicht auf den Glauben an Gott setzen sollte und nicht auf geschickte Machtpolitik. Für Paulus gibt es den Glauben an den Gott Israels nur noch auf dem Weg über Jesus Christus.

Anderswo (Jesaja 8) hatte Jesaja gesagt, dass Gott selbst ein Stolperstein für das Volk Israel sein würde:

14 Er wird ein Fallstrick sein und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses für die beiden Häuser Israel, ein Fallstrick und eine Schlinge für die Bürger Jerusalems,

15 dass viele von ihnen sich daran stoßen, fallen, zerschmettern, verstrickt und gefangen werden.

Paulus sieht sich ganz in der Tradition des Propheten Jesaja, wenn er dem eigenen Volk ins Gewissen redet, und zwar in diesem Sinne: Schon damals, meint Paulus, redet Jesaja eigentlich von dem, der jetzt gekommen ist, nämlich von Jesus. Er ist der Grundstein des Glaubens, er hat klar und deutlich gemacht, was schon immer im Zentrum des jüdischen Glaubens stand: Dass nicht menschliche Kraft und menschliche Taten ein Volk retten und einen einzelnen Menschen zu einem guten Menschen machen, sondern dass Gott selbst sein Volk rettet und dem einzelnen vergibt.

Diese Einsicht, sagt Paulus, ist in Israel verlorengegangen. Er sagt (Römer 9):

31 Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat das Gesetz nicht erreicht.

32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken.

Der Glaube ist wichtig, das Vertrauen auf Gott, das war schon im Gesetz, in der Tora der Juden so. Die Tora, das war ja mehr als die Zehn Gebote, mehr als die Gesamtheit aller jüdischen Rechtsvorschriften. Tora ist Wegweisung durch Gott, zu ihr gehören auch die Geschichten, wie Gott Abram zum Glauben ruft, wie Gott mit Jakob streitet und ihn Israel, Gottesstreiter, nennt, wie Mose mit Gottes Hilfe das Volk aus Ägypten in die Freiheit führt. Tora bedeutet: Gott ist es, der sein Volk in die Freiheit führt. Und wo sein Volk auf ihn vertraut und sich führen lässt, da erreicht es die Tora. Und das, so sagt Paulus, hat Israel in seiner Mehrheit vergessen, als Jesus erneut einen Weg in die Freiheit zeigen will. Die Zeit, in der Jesus und Paulus leben, ist ja davon geprägt, dass die ganze Welt zu einem einzigen großen Ägypten geworden ist. Ja, so empfinden die ersten Christen die Welt: als ein einziges Sklavenhaus unter einem erzwungenen römischen Frieden.

Ein Auszug aus Rom in ein Land der Freiheit ist für Jesus und Paulus nicht mehr so möglich wie zu den Zeiten der Vorväter und Vormütter, denn Rom ist überall, weltweit streckt es seine Macht aus. Und Israel, das ein Land der Freiheit sein sollte, ist nicht nur besetzt von den Römern, nein, die jüdischen Mächtigen arbeiten mit ihnen zusammen. Doch als jüdische und römische Machthaber gemeinsam Jesus ans Kreuz bringen, da vergibt er beiden und öffnet die Liebe Gottes für alle Menschen. Sie gilt nicht mehr nur den Juden, sondern allen Völkern. Mag der römische Staat äußerlich seine Macht behalten; Paulus und die Seinen nehmen sich das Recht heraus, diesen Staat und seine Götter nicht anzubeten. Als Gott den gekreuzigten Jesus vom Tod auferweckte, da zeigte er auch einen neuen Weg in die Freiheit. Eine Welt, die die Menschen total erfasst und überall zu versklaven droht, verliert ihre Macht, wenn nicht alle an die absolute Macht dieses Systems glauben. Paulus verherrlicht nicht etwa den Tod als solchen. Er predigt den Glauben an Jesus, der wie Gott ist, indem er unendlich liebt. Und diesen Jesus können die Mächtigen zwar hinrichten und um sein Leben bringen. Aber damit ist sein Leben nicht verloren, es bleibt aufbewahrt bei Gott. Es bleibt sogar so sehr aufbewahrt bei Gott, dass die Christen sagen: Dieser Jesus, der da oben am Kreuz gehangen hat, der sitzt jetzt noch viel höher, nämlich im Himmel. Einen Ehrenplatz neben Gott selber hat er im Himmel, und dort entscheidet er darüber, wer auf dieser Erde es richtig macht und wer ein Unmensch ist. Und jetzt kommt es: Für Jesus und so auch für Paulus ist es im Grunde einfach, kein Unmensch zu sein: Wer auf Gott vertraut, auf den Gott der Liebe, der schon das kleine Volk Israel geliebt hat, der kann gar nicht anders, der muss gute Früchte bringen. Der ist ein dankbarer, ein liebevoller, ein friedensbereiter Mensch, einer, der Gerechtigkeit sucht, obwohl das in dieser Welt immer schwierig und kompliziert ist.

Ich denke, Paulus will sich gar nicht wirklich vom Judentum und von Israel entfernen, will keine neue Religion gründen, ähnlich wie Martin Luther später durch die Reformation keine neue Kirche gründen will. Beide wollen keinen neuen Glauben, sondern sie verkünden den alten Glauben neu, damit in einer neuen Zeit das, was die Menschen früher geglaubt haben, wieder neu zur Geltung kommen kann. Ausdrücklich spricht Paulus davon, wie er für seine jüdischen Geschwister betet:

1 Liebe Geschwister, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden.

Allerdings sieht Paulus zugleich, dass die meisten Juden seinen Weg der Nachfolge Jesu nicht mitgehen wollen.

2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht.

3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.

4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Für Paulus gibt es keinen Glauben an den Gott Israels mehr, der an Jesus vorbei führt. Da ist er ganz hart. Er wirft seinen Mitjuden vor, dass sie keine Einsicht haben. Das haben umgekehrt sicher auch die Juden dem Paulus vorgeworfen. Ich denke inzwischen, dass es im Kern gar nicht darum geht, dass die Juden aus eigener Kraft zu Gott kommen wollten. Das dürfte ein Missverständnis sein. Auch Juden wissen, dass wir nur aus Gnade vor Gott bestehen können und auf Vergebung angewiesen sind. Was die Juden damals am Weg des Paulus nicht mitmachen wollten, war die Öffnung des Glaubens an den Gott Israels für die Heiden, ohne dass die anderen Völker die gesamte Tora mit sämtlichen Vorschriften, die dem Volk Israel galten, erfüllen mussten. Diesen Weg hat Gott in Christus beschritten, davon ist Paulus überzeugt, und diesen Weg nicht mitzugehen, zeugt für Paulus von mangelnder Einsicht.

Dass Christus das Ende des Gesetzes ist, bedeutet übrigens nicht, dass die jüdische Tora überhaupt nicht mehr gilt. Wörtlich steht im griechischen Text ein Wort, das Ende oder auch Ziel bedeuten kann. Jesus ist, genau genommen, derjenige Mensch, in dessen Liebe sich der ganze Sinn der jüdischen Tora erfüllt. Die Tora wird also nicht aufgehoben, sondern durch Jesus als Gottes Wegweisung erneuert: als Weg zur Freiheit in Liebe. Ausdrücklich sagt Paulus:

4 [Sie sind] Israeliten…, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen,

5 denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Das alles bleibt nach Paulus bestehen. Israel bleibt das Kind Gottes. Die Herrlichkeit wird nicht von den Juden genommen, das griechische Wort, das Paulus hier verwendet, „doxa“, heißt auf Hebräisch „schekhina“ und meint, dass Gott mitten unter den Menschen wohnt oder zeltet. Der Bund, den Gott mit Noah, mit Abraham und Sara, mit Mose und dem ganzen Volk Israel geschlossen hat, wird ebenso wenig aufgelöst wie das Gesetz, das Gott den Israeliten gegeben hat. Nicht zuletzt hören Christen auch auf die jüdischen Stammväter und Propheten, wenn es um ihren Glauben geht, und Paulus hält daran fest, dass auch Jesus Christus einer ist, der uns mit den Juden mehr verbindet als von ihnen trennt, stammt er doch von Geburt und Tradition her aus dem Volk Israel. Aber in einem Atemzug damit preist Paulus diesen Jesus als den, „der da Gott über alles ist“. Das machen die meisten Juden nicht mit. Ein Gekreuzigter als Messias, als Christus Gottes, der mit Macht ein Friedensreich auf Erden aufrichten soll? Das kann die jüdische Gemeinde bis heute nicht glauben. Und so geht zum Leidwesen des Paulus die Mehrheit seiner jüdischen Geschwister seinen Weg nicht mit. Für sie wird Jesus zu einem Stolperstein nicht im Sinne eines Denkanstoßes, sondern als eines absoluten Ärgernisses:

Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes,

33 wie geschrieben steht: »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

Wie ich sagte, argumentiert Paulus als Jude gegen Juden, mit Worten des Jesaja zieht er seine Mitjuden zur Rechenschaft. Er ist kein Judenfeind. Man kann ihn eher mit einem Propheten vergleichen, der sowohl dem eigenen Volk als auch den heidnischen Völkern ins Gewissen redet. Für Paulus war es ja auch noch selbstverständlich, die Synagogen aufzusuchen, um zuerst dort die Botschaft von Jesus zu verkünden. Erst als die Mehrheit der Juden die neue Gruppierung der Christen aus den Synagogen ausschließt, beginnt die getrennte Geschichte von Judentum und Christentum als zwei getrennten Religionen, die sich bis zum Zweiten Weltkrieg meist feindselig gegenüberstanden. Erst in der Zeit nach dem schrecklichen Völkermord an den Juden, für den unser deutsches Volk verantwortlich war, haben wir Christen angefangen, die Bibel aufmerksamer zu lesen und nicht nur das Trennende zwischen Juden und Christen, sondern auch vieles Gemeinsame entdeckt. Zum Beispiel auch in unserem Predigttext. Paulus schreibt seine Mitjuden nicht einfach ab. Ihm tut es weh, dass die meisten sich Christus verschließen, aber er wendet sich nicht im Hass gegen sie. Vielmehr legt er ein sehr gefühlsbetontes Bekenntnis zu ihnen ab:

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist,

2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Geschwister, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch.

Hier hat Paulus nicht einfach mal seine sentimentalen fünf Minuten; nein, ganz bewusst spricht er „in Christus“, in der Gemeinschaft mit Jesus, die Wahrheit. Ein großer Schmerz, ja, ein Gewissenskonflikt ist es für ihn, dass die Juden nicht den Weg mit Jesus mitgehen, den Paulus gewagt hat. Am liebsten würde Paulus selber von Christus getrennt sein, wenn dadurch die anderen bei ihm sein könnten. Auch damit befindet sich Paulus in guter jüdischer Gesellschaft. Schon Mose hatte, als Gott sein Volk wegen des Goldenen Kalbes strafen wollte, zu Gott gebetet (2. Buch Mose – Exodus 32, 32):

32 Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.

Letzten Endes muss Paulus es Gott selber überlassen, wie er zu seinem Volk steht, aber darüber hat er keinen Zweifel, dass Gott sein Volk nicht einfach vergessen und enterben kann.

Was fangen wir heute mit all diesen Gedanken an?

  1. Wir kommen nicht umhin zu sehen, dass wir nicht dasselbe glauben wie die Juden. Wir müssen es hinnehmen, dass gerade sehr gläubige Juden uns sagen: „Euer Weg zu Gott mag über Jesus führen, wir müssen nicht zu diesem Vater bekehrt werden, wir wissen uns bereits in seiner Hut als Volk und Kind, das er sich auserwählt hat. Und ermahnen lassen müssen wir uns auch nicht von euch, die ihr so viel Leid über uns gebracht habt; wir haben unsere Propheten, die uns ins Gewissen geredet haben und auf die wir immer wieder neu hören wollen.“
  2. Von Paulus können wir lernen, dass uns gerade deswegen die Juden nicht egal sein können. Sie sind unsere älteren Geschwister im Glauben, auch wenn sie anders glauben. Und wenn wir Juden ernstnehmen, mit dem, was wir mit ihnen gemeinsam haben, und mit dem, was uns von ihnen trennt, können wir hier und da auch gemeinsam mit ihnen fragen, was heute dieser Welt, diesem Land, dieser Stadt zum Frieden dient. Dabei werden wir merken, dass es auch unter den Juden unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie der Staat Israel mit den Palästinensern umgeht oder welche Politik den Nahostkonflikt entschärft oder eher verschärft. Gerade wenn wir Juden mit Respekt begegnen, dürfen wir auch kritische Fragen stellen, so wie wir uns ihre kritischen Fragen gefallen lassen müssen.
  3. So wie Paulus als Jude seinen Mitjuden ins Gewissen redet, spricht er zugleich als Nachfolger Christi uns Christen auf unsere Verantwortung an. Stoßen wir uns nicht auch manchmal an Jesus, dass er so wichtig in unserem Leben sein soll? Bauen wir wirklich unser ganzes Leben auf Gottvertrauen auf? Ich denke, manche Juden und Muslime können uns Christen in puncto Gottvertrauen durchaus etwas vormachen. Also nicht darum geht es, Mauern zwischen Menschen, die verschieden glauben, noch höher zu bauen. Das Herzensanliegen des Paulus ist gerade, dass Christus den Weg zu Gott allen Menschen eröffnet hat – und damit meinte er nicht, unseren Glauben anderen aufzuzwingen. Gott allein bewirkt in uns Glauben und gute Taten.
Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 625: Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit

Barmherziger Gott! Wir beten für Christen und Juden, dass wir uns begegnen im gegenseitigen Respekt und Dialog und dass die Wunden und Verletzungen, die Christen Juden in vielen Jahrhunderten zugefügt haben, langsam verheilen können. Mach uns wachsam gegen jede Form von Antisemitismus, lass uns aber auch nicht einfach darüber hinwegsehen, wenn in Israel Menschenrechte verletzt werden. Für Muslime, Christen und Juden im Nahen Osten bitten wir, dass der Hass nicht immer weiter wächst, sondern wirksame Schritte zum Frieden gegangen werden.

Für die Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen, Gewalt und Terror bitten wir dich, besonders in Syrien und im östlichen Kongo und in allen vergessenen Kriegsgebieten der Welt, heile ihre Wunden und nimm die Toten auf in deinen ewigen Frieden.

Für die Kinder, deren Schulzeit in den nächsten Tagen beginnt oder die in eine neue Schule gehen, bitten wir dich: Lass sie voll Neugier ans Lernen gehen und schenke ihnen Lehrer, bei denen der Unterricht Freude macht.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 640: Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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