Brüderliche Leitung

Evangelisches Kirchengesangbuch 159, Strophe 2: Wenn wir wie Brüder beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und der Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

Evangelisches Kirchengesangbuch 159, Strophe 2 und 3

„Wenn wir wie Brüder beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und der Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.“ So steht’s in einem Gesangbuchlied. Ja, „wenn“! Aber tun wir’s?

Da geht eine Frau seit Jahren nicht mehr in die Frauenhilfe, weil sie damals einen Änderungsvorschlag gemacht hat, und jemand anders hat hinter ihrem Rücken die Bemerkung fallen lassen: „Das hat doch bis jetzt immer unsere Vorsitzende zu bestimmen gehabt!“ Da traut sich ein Kirchenvorsteher nicht, in der Sitzung offen seine Meinung zu sagen, wenn der Meinungsführer gesprochen hat. Da bekomme ich als Pfarrer ein schlechtes Gewissen, wenn ich höre, dass jemand, der der Kirche einen Dienst erwiesen hat, beleidigt reagiert hat, weil nicht ich persönlich, sondern „nur“ ein Kirchenvorsteher ihm dafür gedankt hat.

Wohnen wir wie Brüder und Schwestern beieinander? Wenn es so wäre wie bei meinen beiden Söhnen – sechs und acht Jahre alt -, dann ginge es jedenfalls nicht so zu, dass man hinter dem Rücken redet, sich jahrelang aus dem Weg geht oder zu Konflikten lieber schweigt. Brüder müssen nun mal miteinander leben, und daher kracht es zwar häufig laut und deutlich, aber hinterher ist die Eintracht wieder um so fester, und es gibt für (fast) alle Probleme eine Lösung. Und wenn bei meinen Söhnen im Notfall vielleicht die Eltern einspringen können, so könnte ja im Kirchenvorstand der seelsorglich erfahrene und geschulte Pfarrer einen Ausweg wissen.

Wenn am 1. September 1985 die neue Amtsperiode der Kirchenvorstände in Hessen und Nassau beginnt, dann liegt darin sowohl eine Chance als auch – Grund zur Angst. Auf neue Gesichter, neue Ideen, neue Menschen müssen wir uns einstellen, von unseren Erfahrungen im alten Kirchenvorstand kommen einige von uns her; auf eine ganz neue Verantwortung müssen sich andere einrichten. Verständlich ist es, wenn wir sehr vorsichtig bleiben in unseren Äußerungen, vor allem, wenn wir das Gefühl haben, dass nicht jeder bereit ist, uns in dem, was uns wichtig ist, zu respektieren. Aber der heilige Wille unseres Herrn ist es, dass wir uns ernst nehmen wie Brüder. Wir müssen uns also nicht unbedingt immer gut leiden können, das ist unter Geschwistern auch nicht immer der Fall, aber es muss einen Weg geben, auf dem wir miteinander gehen können.

Denn nur so können wir gemeinsam die Gemeinde leiten. Das ist ja nicht der Auftrag nur des Pfarrers. Der Kirchenvorstand, der sich leiten lässt im Hören auf Gottes Wort (die Andacht wird übrigens in manchen Gemeinden reihum gehalten!), verteilt unter sich die Verantwortlichkeiten für alle Bereiche der Gemeindearbeit, so dass jeder seine Stärken einbringt, und der Pfarrer viel Zeit hat für die Aufgaben, für die er seine besondere Eignung und Ausbildung hat. „Man“ muss auch als Pfarrer nicht alles selber tun. Nach der Geschichte vom barmherzigen Samariter ist der „Nächste“ der, von dem wir am wenigsten Hilfe erwarten würden. In diesem Sinne: „Liebe deinen Nächsten – in der Gemeinde, im Kirchenvorstand, denn Gott traut ihm viel zu!“

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 31. August 1985 von Helmut Schütz, Reichelsheim, auch abgedruckt in der Wetterauer Zeitung in der Rubrik „Zum Nachdenken“ und im Schlitzer Boten in der Rubrik „Sonntagsgedanken“ am 31. August 1985.

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