Engel auf dem Weg Jakobs

Eine bewegte Familiengeschichte wird da erzählt, die mich an so manchen Lebenslauf von Menschen erinnert hat, die ich aus meiner Gemeinde kenne: Konflikte zwischen Verwandten, Ausgenutztwerden bei der Arbeit oder unter Freunden, ein ganz normales Leben mit guten und schlechten Zeiten. Das Besondere an der Geschichte von Jakob ist nun, dass er immer wieder den Engeln Gottes begegnet.

Michael Willmann, Landschaft mit dem Traum Jakobs [Public domain], via Wikimedia Commons

#gedankeTurmgebet am Freitag, 18. Oktober 2013, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören die fortlaufende Bibellese für den heutigen Tag aus dem Evangelium nach Lukas 12, 13-21:

13 Es sprach aber einer aus dem Volk zu Jesus: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.

14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?

15 Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.

16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.

17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.

18 Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte

19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!

20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?

21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Du Gott der Liebe, du sorgst für uns als guter Vater. Bewahre uns davor, dass wir uns zu viele Sorgen machen, die unser Herz verzagt, schwermütig, hart und bitter machen. Wir rufen zu dir (EG 178.11):

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Du Gott der Barmherzigkeit, wir könnten dankbar leben. Doch oft sind wir unzufrieden: mit anderen Menschen, mit den Umständen, unter den wir leben, mit uns selbst. Hilf uns, dass wir uns von deiner Barmherzigkeit eine Scheibe abschneiden. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Du Gott der Gerechtigkeit, manchmal sind wir zufrieden, weil es uns gut geht, aber wir vergessen andere, die es schwer haben. Hilf uns, auf Wegen der Gerechtigkeit zu gehen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

In der Stille besinnen wir uns auf das, womit Gott uns beschenkt.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Als gute Gedanken möchte ich Ihnen heute eine Geschichte ans Herz legen, über die ich am letzten Sonntag gepredigt habe. Sie handelt von Jakob, dem Stammvater des Volkes Israel.

Von Jakob wissen viele, dass er seinen etwas älteren Zwillingsbruder Esau um den Segen des Vaters Isaak betrogen hat und vor dem Bruder fliehen muss. Als er bei seinem Onkel Laban fast 1000 km weiter im Norden Zuflucht und Arbeit findet, erfährt er selber, wie es sich anfühlt, betrogen zu werden. Als Lohn für sieben Jahre Arbeit gibt der Onkel ihm nämlich nicht die versprochene Tochter Rahel zur Frau, sondern deren ältere Schwester Lea. Weitere sieben Jahre muss er für seine geliebte Rahel arbeiten. Später wird sein Lieblingssohn Joseph nach Ägypten verkauft, und der holt später als mächtig gewordener Mann während einer Hungersnot die Familie nach Ägypten.

Eine bewegte Familiengeschichte wird da erzählt, die mich an so manchen Lebenslauf von Menschen erinnert hat, die ich aus meiner Gemeinde kenne: Konflikte zwischen Verwandten, Ausgenutztwerden bei der Arbeit oder unter Freunden, ein ganz normales Leben mit guten und schlechten Zeiten.

Das Besondere an der Geschichte von Jakob ist nun, dass er immer wieder den Engeln Gottes begegnet. Im 1. Buch Mose – Genesis 28, heißt es:

11 [Jakob] kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

An dieser Engelgeschichte ist vieles bemerkenswert, zum Beispiel, dass die Engel entweder keine Flügel haben oder sie nicht benutzen, denn sie steigen auf einer Leiter oder Treppe zum Himmel hinauf und wieder herunter. Diese Himmelsleiter sollten wir uns eher wie einen Treppenturm nach Art des Turms von Babel vorstellen, nur dass hier nicht Menschen den Himmel stürmen wollen, sondern Gott von sich aus eine Verbindung zwischen Himmel und Erde schafft. Und zwar soll Jakob nicht hinauf zum Himmel steigen, sondern hier unten auf der Erde wissen, dass Gott immer bei ihm ist und ihn behütet auf allen seinen Lebenswegen.

Bevor ich weiter erzähle, singen wir ein Lied von den Engeln, das auf dem Liedblatt steht:

1. Manche Engel können wir überhaupt nicht sehen. Aber trotzdem sind sie hier, wollen mit uns gehen. Trösten, kämpfen, machen Mut, haben lieb und tun uns gut. So stehn Gottes Engel uns zur Seite.

2. Und auch manche Menschen sind wie ein lieber Engel. Vielleicht war ein Engelkind vorher noch ein Bengel. Engelmenschen helfen gern und vertrauen Gott, dem Herrn. Gott ist lieb zu uns durch liebe Menschen.

Nach dem Erlebnis mit der Himmelsleiter breitet die Bibel die ganze dramatische Lebensgeschichte Jakobs vor uns aus, und man könnte oft denken: Da hat Gott den Jakob aber schon schwere Wege gehen lassen! Muss er sich nicht verlassen fühlen, wenn sein Onkel ihm so übel mitspielt? Oder nimmt er es als angemessene Strafe Gottes an, dass er sozusagen ein betrogener Betrüger ist?

Wie auch immer: viele Jahre nach dem Traum von der Himmelsleiter hat Jakob ein zweites Mal einen Traum, in dem er von einem Engel Gottes träumt. Es ist die Zeit, als Jakob mit seinem Onkel um einen gerechten Lohn für seine Arbeit verhandelt hat. Er hatte vereinbart, dass er aus den Schaf- und Ziegenherden des Onkels alle schwarzen Schafe und alle gefleckten Schafe und Ziegen bekommen sollte. Wieder versuchte der Onkel, ihm den Lohn möglichst zu schmälern, aber trotzdem hatte Jakob am Ende eine große eigene Herde mit gespenkelten Tieren, was dem Onkel Laban gar nicht gefiel. Es hätte sogar sein können, dass ihm der Onkel mit Gewalt seinen Lohn wieder wegnehmen wollte. Und da hört Jakob Gott zu ihm sprechen, so wie Gott zwei Generationen zuvor zu Abraham gesprochen hatte (1. Buch Mose – Genesis 31):

3 Zieh wieder in deiner Väter Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will mit dir sein.

Und seinen Frauen Lea und Rahel erzählt Jakob, wie es ihm gelungen ist, mit Gottes Hilfe reich zu werden:

11 Und der Engel Gottes sprach zu mir im Traum: Jakob! Und ich antwortete: Hier bin ich.

12 Er aber sprach: Hebe deine Augen auf und sieh! Alle Böcke, die auf die Herde springen, sind sprenklig, gefleckt und bunt; denn ich habe alles gesehen, was Laban dir antut.

13 Ich bin der Gott, der dir zu Bethel erschienen ist…

Die Geschichte geht dramatisch weiter, weil Jakob dann heimlich vor seinem Onkel flieht, der verfolgt ihn mit einer kriegerisch ausgerüsteten Schar seiner Verwandten. Aber dann träumt Laban von dem Gott Jakobs.

24 Aber Gott kam zu Laban, dem Aramäer, im Traum des Nachts und sprach zu ihm: Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich.

Daraufhin verhandeln beide und schließen einen Friedensvertrag. Und danach begegnet Jakob ein drittes Mal den Engeln Gottes (1. Buch Mose – Genesis 32):

2 Jakob aber zog seinen Weg. Und es begegneten ihm die Engel Gottes.

3 Und als er sie sah, sprach er: Hier ist Gottes Heerlager, und nannte diese Stätte Mahanajim.

Eine schwierige Zeit liegt hinter Jakob. Gott hat bewiesen, dass er auf krummen Linien gerade schreiben kann. Trotz schwerer Familienkonflikte und eines drohenden Stammeskrieges ist alles noch einmal friedlich ausgegangen. Im Rückblick wird Jakob bewusst, dass ein ganzes Heerlager von Gottes Engeln ihm beigestanden hat, damit es nicht zum Krieg mit seinem Onkel kommt und er ihm die Früchte seiner Arbeit lässt. Wenig später muss Jakob dann noch am Fluss Jabbok mit einem Engel Gottes kämpfen, bevor er es wagt, seinem Bruder Esau gegenüberzutreten, und er lässt im Kampf mit dem Engel nicht locker, bis der ihn gesegnet hat – diesen Segen hat er sich nicht erschlichen, Gott hat ihn ihm geschenkt nach hartem Lebenskampf (1. Buch Mose – Genesis 32, 25-33).

Wer weiß, wie oft auch auf unseren Wegen, in unseren Familien ganze Scharen von Engeln am Werk sind, um uns auf guten Wegen zu führen und dafür zu sorgen, dass wir füreinander da sind, alle zu unserem Recht kommen und im Frieden miteinander auskommen.

Lied: Gottes Engel wird dich leiten

Großer barmherziger Gott, wir danken dir für die Engel, die uns behüten und auf guten Wegen leiten. Lass uns auf unser Gewissen hören, aber auch barmherzig mit uns sein. Im Vertrauen auf deine Vergebung dürfen wir auch hinter uns lassen, was wir falsch gemacht und bereut haben.

Entsetzt sind wir, wenn wir davon hören, dass Menschen das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen missbrauchen, um eigene Bedürfnisse in widerwärtiger Weise zu befriedigen. Warum hören sie nicht auf ihr Gewissen? Ziehe sie zur Rechenschaft und hilf dabei, dass sie mit allen Mitteln unseres Rechtsstaates daran gehindert werden, weitere Verbrechen zu begehen.

Denen, die zu Opfern geworden sind, stelle deine Engel zur Seite. Hilf ihnen, dass sie mit dem Chaos ihrer Gefühle nicht allein bleiben und dass die seelischen Wunden, die ihnen geschlagen wurden, heilen können.

In der Stille bringen wir vor dich, was uns persönlich bewegt:

Stille und Vater unser

Empfangt Gottes Segen:

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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