Traumhaft

Für Johannes fallen Ostern und Pfingsten auf einen Tag.

Das übernatürliche Wunder spricht unser inneres Kind an. So wird unser Herz aufgeschlossen für etwas Neues – aber dieses Neue spielt sich nicht in der Welt der äußeren Tatsachen ab, sondern in der inneren Welt des Fühlens, des Verzweifelns oder Hoffens, des Lebensmüde-Seins oder Lebens-Wollens.

Ein Osterei mit schönem Kreuzsymbol, im Hintergrund etwas verzerrt und schattenhaft die Kreuze von Golgatha

Wie kann es nach Karfreitag Ostern werden? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti, den 6. April 1997, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am ersten Sonntag nach Ostern! Ostern ist zwar vorbei, aber die nachösterliche Freudenzeit dauert noch einige Wochen, und deswegen werden wir auch heute noch Osterlieder singen, und wir werden in der Predigt eine Geschichte vom auferstandenen Jesus hören. Und nicht nur von ihm, auch von dem berühmtesten Zweifler der Kirchengeschichte, von Thomas.

Als erstes Lied singen wir das Lied 100, 1-5:

Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; denn unser Heil hat Gott bereit‘. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 116:

1 Ich liebe den HERRN, denn er hört die Stimme meines Flehens.

2 Er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

3 Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not.

4 Aber ich rief an den Namen des HERRN: Ach, HERR, errette mich!

5 Der HERR ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.

6 Der HERR behütet die Unmündigen; wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

7 Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.

8 Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.

9 Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, manchmal zweifeln wir mit dem Kopf. Wir fragen uns, ob das sein kann, dass ein Toter aufersteht. Ob das sein kann, dass Jesus nach seinem Tode den Jüngern erschienen ist. Manchmal zweifeln wir, ob Jesus unsichtbar bei uns ist oder ob es Gott überhaupt gibt.

Manchmal zweifeln wir auch mit dem Herzen. Wir fühlen uns leer, mutlos, ungeliebt, ungetröstet. Ver-zweiflung greift nach unserem Herzen und schnürt uns den Hals zu.

Gott, wir wünschen uns, dass du uns mit unseren Zweifeln ernstnimmst – und sie von uns wegnimmst. Wir wünschen uns neuen Mut, neue Hoffnung, Trost und Liebe, damit wir nicht verzweifeln müssen.

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Prophetenbuch Jesaja 40, 26-31. Da fordert der Prophet zweifelnde Menschen auf, sich vor Augen zu halten, dass Gott doch sogar die Sterne am Himmel geschaffen hat – und der gleiche Gott wird auch Menschen beistehen, die am Ende sind, müde geworden sind, dem Tode nahe sind:

26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Wir singen das Lied 112, 1-3:

Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht; wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht! Mein Heiland war gelegt da, wo man uns hinträgt, wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist.

Er war ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei; eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei und ruft Viktoria, schwingt fröhlich hier und da sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält.

Das ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel; nun soll mir nicht mehr grauen vor allem, was mir will entnehmen meinen Mut zusamt dem edlen Gut, so mir durch Jesus Christ aus Lieb erworben ist.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, wenn wir Ostern feiern, wenn wir von der Auferstehung reden, dann nehmen wir das selbstverständlich so hin: Jesus ist auferstanden, das haben wir so gelernt, das verkündigt die Kirche seit 2000 Jahren.

Und zugleich haben wir doch auch Zweifel. Ob das wohl wirklich so geschehen ist? Die Geschichten des Leidens Jesu sind zwar schrecklich, aber sie wirken realistisch. Die Geschichten von der Auferstehung wirken seltsam unwirklich, so als würde von Träumen erzählt und nicht vom wirklichen Leben. Hören wir den Anfang des heutigen Predigttextes aus dem Evangelium nach Johannes 20 ab Vers 19. Da wird auch so eine traumhafte Geschichte erzählt:

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Verschlossene Türen, verschlossene Herzen – als eine geschlossene, äußerlich und innerlich verschlossene Gesellschaft sind die Jünger Jesu da versammelt am Abend des Ostertages. Und da plötzlich taucht Jesus aus dem Nichts zwischen ihnen auf und sagt die vertrauten Grußworte: „Friede sei mit euch!“ Unmöglich, sagt mein Verstand – unmöglich, dass Verstorbene real einem Menschen erscheinen können, unmöglich, dass ein Mensch durch verschlossene Türen oder Wände geht. Nur im Traum oder im Märchen geht das, unsere menschliche Phantasie lässt solche Möglichkeiten zu.

Nun würden die einen sagen: So darf man nicht zweifeln. Es ist eben so passiert, sonst würde man das nicht so erzählen, und deshalb muss man als Christ auch daran glauben.

Andere halten dagegen, und das tue auch ich: Ob das so passiert ist, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Denn was hätten wir davon, wenn Jesus damals ein für kurze Zeit wiederbelebter Toter war oder durch verschlossene Türen gehen konnte? Überhaupt nichts.

Viel wichtiger ist mir etwas anderes: Ob es in dieser Geschichte gelingt, die verschlossenen Herzen der mutlosen Jünger wieder aufzukriegen! Und ob es der Erzähler schafft – unsere zweifelnden Herzen getrost und froh zu machen!

Der Erzähler macht das so: er schildert ein übernatürliches Wunder. Und dieses Wunder spricht unser inneres Kind an, das gerne bereit ist, auch an Unmögliches zu glauben. Und so wird unser Herz aufgeschlossen für etwas Neues – aber dieses Neue spielt sich nicht in der Welt der äußerlichen Tatsachen ab, sondern in der inneren Welt des Fühlens, des Verzweifelns oder Hoffens, des Lebensmüde-Seins oder Lebens-Wollens.

Die Jünger sind ja voller angestauter Traurigkeit und Furcht. Die Trauer über Jesu Tod und die Angst, selber auch noch gefangengenommen zu werden, hält ihre Herzen gefangen. Und umgekehrt lässt ihr Herz auch die Traurigkeit und Angst nicht nach draußen. Die Jünger verkriechen sich und sind für niemanden zu sprechen. Sie sind einfach zu. Für sie ist alles aus. Es gibt keine Hoffnung mehr.

Und diese Stimmung wird plötzlich durchbrochen. Es ist, als ob auf einmal jemand etwas Tröstliches sagt. Als ob sich jemand erinnert: „Aber er hat doch gesagt: Am dritten Tage werde ich auferstehen!“ Es ist, als ob plötzlich einer den anderen ansieht, so wie Jesus es so oft getan hatte, und die Tränen in den Augen des anderen wahrnimmt und abwischt. Es ist, als ob einer sich aus seiner Erstarrung löst und einen der anderen in den Arm nimmt, so wie Jesus die Kinder geherzt und gestreichelt hatte, und beide fangen wieder an, die Nähe des anderen zu fühlen und auch das eigene Fühlen zu fühlen.

Und da ist mitten in ihrer Trauer um Jesus und mitten in ihrer Furcht plötzlich etwas ganz anderes entstanden: Trost und Vertrauen. Abgewischte Tränen und die Zuversicht, dass doch nicht alles aus ist. Sie spüren einfach: Jesus ist da, ist gekommen und mitten unter uns getreten, und in all dem, was wir von ihm wissen und von ihm gelernt haben und was wir jetzt einander geben, schenkt er unseren müden Herzen Ruhe und unserer gequälten Seele Frieden. Es ist, als ob er leibhaftig wieder da wäre, und so spricht er zu uns: „Friede sei mit euch!“

Und bei all dem bilden sich die Jünger nicht etwa ein, dass alles so wäre wie früher, so als ob nichts Schlimmes geschehen wäre. Nein, sie wissen sehr wohl, dass Jesus gekreuzigt worden ist, dass seine Hände und Füße von Nägeln durchbohrt sind und seine Seite durchstochen. Nein, Jesus lebt nicht so wieder bei ihnen wie ein wiederbelebter Toter, wie einer, der nur klinisch tot war. Sein irdischer Leib ist wirklich tot, sein Leben nach dem Fleisch, wie Paulus später einmal sagen wird, ist wirklich zu Ende. Das ist den Jüngern auch in diesem Augenblick bewusst, als sie Jesus in einer Erscheinung vor Augen haben – denn sie sehen sogar ganz deutlich seine Wunden. Und gerade indem sie ihn so sehen, werden die Jünger froh. Sie können endlich ihre Trauer zulassen – und wer innerlich eine Verkrampfung loslassen kann, der wird auch offen für Trost und neue Freude. Es mag merkwürdig sein, dass man sich freuen kann, wenn man den Gekreuzigten mit seinen Verletzungen sieht – aber wir müssen bedenken: die Jünger hatten sich nicht wirklich von Jesus verabschieden können. Dass heißt, wenn Jesus mit ihnen über seinen bevorstehenden Tod gesprochen hatte, hatten sie davon gar nichts wissen wollen – sie waren total zu für solche Gedanken und Empfindungen bis zur jetzigen Stunde. Und es ist schon ein Wunder nötig, dass die Jünger jetzt plötzlich Zugang finden zu dem Frieden, den ihnen Jesus schon lange angeboten hatte für ihre Herzen – den Frieden, der darin besteht, dass man in der Trauer getröstet wird, dass man in der Verzweiflung neue Hoffnung bekommt, dass einem die Tränen, die man weinen kann, auch wieder abgewischt werden.

Und sobald dieser Trost, diese Freude, diese Hoffnung auf die Jünger übergreift, da ist es ihnen, als ob Jesus noch einmal zu ihnen spricht, als ob sie auch etwas anderes, was Jesus ihnen bereits vor seinem Tod gesagt hatte, nun erst wirklich kapieren:

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen er sie behaltet, denen sind sie behalten.

Noch einmal empfinden die Jünger den Frieden, den Jesus ihnen zugesprochen hat und der nicht zerstört worden ist durch Jesu Tod. Und nun spüren und hören sie Jesu Worte nicht nur als Trost für sich selbst, sondern auch als neue Herausforderung an sie: Das müssen wir weitersagen! „So wie mich mein Vater gesandt hat“, sagt uns Jesus, „so sende ich euch!“ Jesus kann nicht mehr persönlich, leibhaftig zu den Menschen gehen, jetzt müssen wir das tun.

Und so wie am Anfang der Bibel das Wunder der Schöpfung des Menschen beschrieben wird, dass er einem Erdenkloß den Atem einhaucht, so fühlen die Jünger hier den Hauch des Atems Jesu, der sie anbläst. Er schenkt ihnen den heiligen Geist, das ist für den Evangelisten Johannes gleichbedeutend mit Leben – und das heißt, hier fällt Ostern und Pfingsten zusammen, bereits am Abend des Ostertages werden die Jünger vom heiligen Geist, von neuem inneren Leben erfüllt. Eine besondere Pfingstgeschichte erzählt ja auch nur Lukas – für Johannes ist nicht so wichtig, dass die Jünger vielleicht noch lange auf den Geist warten mussten, sondern für ihn ist wichtig, dass unmittelbar nachdem die Jünger spüren: Jesus lebt, wir dürfen wieder froh werden, wir müssen nicht verzweifeln, auch wir dürfen leben – dass sie das nun auch weitertragen möchten, dass sie sich zu anderen Menschen hingetrieben fühlen.

Und was wollen sie den anderen Menschen sagen? Sie wollen, ja sie sollen nichts anderes tun, als was Jesus auch getan hatte: Menschen ihre Sünden vergeben, die dafür offen sind, ihnen die Frohe Botschaft zu bringen, dass Gott uns alle liebhat und niemanden verdammen und verloren gehen lassen will.

Bevor die Predigt weitergeht, singen wir das Lied 432. Es drückt etwas von dem aus, was die Jünger damals empfunden haben mögen, als Jesus ihnen mitten in ihrer Verschlossenheit erschien und als sie auf einmal wie ausgewechselt waren:
Gott gab uns Atem, damit wir leben

Aber, liebe Gemeinde, trotz allem mögen Sie sagen: Wer weiß, ob der Pfarrer nicht doch nur dummes Zeug erzählt! Das mit der Auferstehung kann ich immer noch nicht glauben, nach dem Tod kommt nichts mehr, und die Geschichten, die von der Auferstehung erzählt werden, sind eben einfach nur Märchen, und Märchen sind was für Kinder und nicht für erwachsene Leute.

Interessant ist, dass es genau solche Zweifel schon damals gab und dass in der Bibel davon sogar erzählt wird:

24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Thomas ist der Zweifler. Er sagt wie so viele Menschen heute: Ich glaube nur, was ich sehe! Er hat nicht miterlebt, was die anderen erlebt haben, er hat nicht das Gefühl mitgefühlt, was sie gefühlt haben, nicht die innere Verwandlung mitgemacht, die sie mitgemacht haben. Darum ist es ganz verständlich, dass er sagt: Ihr könnt mir viel erzählen, ich glaube es euch nicht, wenn ich es nicht am eigenen Leibe auch spüre und mit meinen eigenen Augen sehe. Ich stelle mir vor, dass Thomas noch verschlossener war als die anderen, dass er sich sogar von den anderen abgeschlossen hatte, dass er es in seiner abgrundtiefen Verzweiflung nicht einmal ausgehalten hatte, mit den anderen zusammenzusein. Und so konnte er auch nicht so schnell wie die anderen für etwas ganz Neues offen werden: für den Glauben an die Auferstehung, an neues Leben nach dem Tod, an Trost in der Trauer, an Mut mitten in der Furcht – solch ein neues Vertrauen kann ja wirklich nur wachsen im eigenen Erleben, im eigenen Hören oder Sehen, und das geht nur, wenn man Kontakt hat mit anderen Menschen und wenn man sich in diesem Kontakt auch ansprechen und anrühren lassen will.

Ich finde es toll, dass die Geschichte vom Thomas in der Bibel steht. Würde sie fehlen, würde man Zweiflern sicher noch viel öfter sagen: wer zweifelt, ist kein guter Christ. Aber Thomas ist es erlaubt zu zweifeln. Er darf sehen wollen, er darf sich auf sein eigenes Gefühl verlassen wollen. Jesus persönlich erlaubt es ihm. Johannes erzählt das so:

26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Eine Woche nach Ostern ist damals alles noch einmal fast genauso wie vorhin beschrieben. Mit einem Unterschied: Diesmal ist Thomas mit dabei. Und jetzt sind alle gespannt – wie wird es Thomas ergehen?

Nun – auch er erlebt nun, was die anderen schon erlebt hatten. Nur noch hautnäher als die anderen. Er sieht die Verletzungen Jesu nicht nur mit seinen Augen, er darf sie sogar anfassen. Die Nägelmale an den Händen darf er mit dem Finger sehen, wie Jesus wörtlich sagt, und er darf die Hand in die Seite Jesu legen. Aufgepasst: Das beweist immer noch nicht, dass hier auf der Ebene der Tatsachen etwas Übernatürliches geschieht. Man kann auch in einer Vision den Eindruck haben, dass man jemanden anfasst, und genau das geschieht hier. Thomas, der nur glauben will, was er sieht und fühlt, der bekommt eine solche Erfahrung geschenkt. Und genau wie für die anderen Jünger ist es eine innere Erfahrung, eine Erfahrung seines Gefühls, seiner Seele, seiner inneren Verwandlung. Indem er den Jesus, von dem er Abschied nehmen musste, in der Phantasie noch einmal handgreiflich berührt, sich klarmacht, welche Wunden man ihm geschlagen hat, wird auch ihm endlich klar, was geschehen ist: Dieser Mann, den man gekreuzigt hat, ist keineswegs gescheitert, und es ist absolut nicht nötig, sich jetzt zurückzuziehen und alles zu vergessen, was Jesus jemals gesagt hat. Sondern dieser Mensch, der so sehr leiden musste, ist Gott selber gewesen, Gott in Menschengestalt, Gott in der Gestalt des leidenden Gottesknechtes, und aus Liebe zu uns Menschen nahm er das Leiden auf sich.

Was Johannes äußerlich als ein Anfassen des wiederbelebten Jesus beschreibt, ist seelisch gesehen eine viel größere Erfahrung. Nie zuvor hatte Thomas sich seinem Herrn Jesus so nahe gefühlt wie jetzt, als er sich ganz und gar in die Qual seines gekreuzigten Leibes und seiner erniedrigten Seele einfühlt. Und nie zuvor hatte Thomas begriffen, dass sie genau in diesem gequälten Menschen Gott selber offenbart. All das fasst Thomas in einem einzigen Stoßseufzer zusammen:

28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

So ist der größte Zweifler auch der erste, der Jesus direkt als Gott anspricht. Er fühlt, dass er Jesus selbst als Gott anbeten darf, dass er ihn mit seinem Vater im Himmel gleichsetzen darf. Auch für ihn ist nun Pfingsten angebrochen, auch er ist nun vom Geist Gottes erfüllt.

Ein Vers fehlt noch in unserem Predigttext, die Antwort Jesu auf Thomas. Wird hier nun doch noch der Zweifel des Thomas kritisiert?

29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Hätte Thomas also doch nicht zweifeln dürfen? Darf nach Thomas niemand mehr zweifeln, weil ja jetzt dieses Wort Jesu gilt? Nein, das kann nicht sein. Es darf Zweifler geben, und es darf auch Menschen geben, die einfach glauben ohne zu sehen, und es darf Zweifler geben, die sich nach Beweisen sehnen und schließlich merken: der Glaube ist keine schlichtere Art des Wissens, sondern er steht auf einem ganz anderen Blatt. Der Glaube ist zwar an Erfahrungen gebunden, aber es gibt keine äußerlichen Beweise für den Glauben. Sicher sehe ich etwas, spüre ich etwas im Glauben, aber es ist Wärme, Liebe, Vertrauen, was ich da spüre. Nur Anzeichen dafür kann ich sehen oder hören oder auf andere Weise wahrnehmen. Wenn ich mich für all das verschließe, dann kann mir niemand beweisen, dass es so etwas gibt.

So gesehen gilt für jeden Zweifler: Du hast recht, nicht gleich alles zu glauben, wenn du innerlich eben nicht so empfindest. Du hast das Recht zu fragen: wie ist das gemeint? was soll das heißen? was kann ich damit anfangen? Denn in der Bibel heißt es nicht: Friss, Vogel, oder stirb! Allerdings, wer sich einlässt auf Jesus, auf das, was von ihm erzählt wird, auf Menschen, die in seinem Sinne leben, der wird irgendwann merken: ich muss wohl doch selber anfangen zu vertrauen, mich einzulassen auf die Nähe anderer Menschen und darauf, dass Gott unsichtbar uns ganz nahe ist – sonst bleibe ich zu für Gott – und Gott bleibt mir fremd.

„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ – diese Entscheidung muss Thomas selber treffen, nachdem er gute, neue Erfahrungen gemacht hat. Er hat im Kreise der Jünger den Trost der Gemeinschaft erfahren, hat eine sehr lebhafte Vision geschenkt bekommen und hat in sehr bewegender Weise Abschied von Jesus nehmen können. Immer noch kann er sich auch dafür entscheiden, nicht zu glauben, nicht zu vertrauen. Thomas allerdings bleibt nicht ungläubig, er fängt an zu vertrauen.

Er wird überwältigt von dem Vertrauen, das Gott in ihn setzt, in ihn, den Zweifler. Und so erkennt Thomas, dass Gott, der Vater im Himmel, für alle Zeiten das Gesicht seines Sohnes tragen wird. Und er erkennt, dass Jesus, gerade weil er zum Opfer wurde, der Herr ist, der größer ist als alle anderen Herren. Er hat auch ihm neue Hoffnung gegeben und sein Leben auf wunderbare Weise verändert. Aus Zweifel und Verzweiflung steht Thomas auf und wird zum gläubigen Thomas. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied 579, 1-4, ein Lied vom Geheimnis des Glaubens an die Auferstehung und zugleich ein Lied zur Vorbereitung auf das Abendmahl:

Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein

Und nun feiern wir das heilige Abendmahl miteinander – mit Brot und Traubensaft. Wer daran teilnehmen will, kommt nach vorn, wenn es so weit ist, die anderen mögen auf ihrem Platz bleiben und gehören auch zu uns dazu. Nach den Einsetzungsworten singen wir das Lied 190.2.

Gott im Himmel, du trägst das Gesicht deines Sohnes Jesus Christus. Du trägst in der Herrlichkeit des Himmels die Narben seiner Wunden. Und gerade so bist du der Allmächtige, denn deine Allmacht ist die Macht deiner Liebe zu uns Menschen.

Nimm uns in deiner Liebe an, so wie wir sind! Mit unserem Vertrauen und mit unseren Zweifeln. Mit unserem Mut und mit unserer Verzweiflung. Mit unserer Liebe und mit allem, was an Groll und Zorn in uns ist. Nimm uns an – und verwandle uns, so dass wir leben wollen und können. Gib uns Kraft für die nächsten Schritte, die vor uns liegen. Stärke uns nun durch die Gaben deines Abendmahls. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Herr Jesus Christus, wir dürfen dich anbeten, und so rufen wir zu dir, der du auf dem Thron Gottes sitzt: Hab Dank, unser Herr und unser Gott, dass du uns nicht unterdrückst und bevormundest, sondern dass du uns deine Liebe schenkst, dass du so viel Verständnis für uns hast! Hab Dank dafür, dass wir leben und atmen dürfen, frei und verantwortlich vor dir leben dürfen! Lass uns niemals allein, der du gesagt hast: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser

Wir singen das Lied 115, 1-2 und 5:

1) Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.

2) Jesus lebt! Ihm ist das Reich über alle Welt gegeben; mit ihm werd auch ich zugleich ewig herrschen, ewig leben. Gott erfüllt, was er verspricht; dies ist meine Zuversicht.

5) Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesus scheiden, keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Seine Treue wanket nicht; dies ist meine Zuversicht.

Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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