Erinnerungen an Riemberg in Schlesien

Gertrud Schütz, geb. Kretschmer, hat aus den ersten 35 Jahren ihres Lebens viel zusammengetragen, was die Zeit zwischen den Weltkriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg lebendig werden lässt. Sie erinnert sich an viele alltägliche Dinge, aber auch an die Bekennende Kirche, an Zwangsarbeit und Vertreibung.

Im Krankenhaus in Oelde

Seit dem 16.6.1978 liege ich hier. Ich habe einen Fersenbeinbruch. Beim Kirschenpflücken bin ich von der Stehleiter gefallen. Nun ist mein Bein in Gips, aber ich werde noch eine Zeit hier sein müssen. Zu Hause sind wir am neue Fenster einsetzen. … Rudi kommt mich fast jeden Tag besuchen. Und ich liege so faul hier. … Nun will ich versuchen etwas aufzuschreiben.

Das Bild zeigt Gertrud Kretschmer auf dem elterlichen Hof in Riemberg, Schlesien.

Gertrud Kretschmer als junge Frau in Riemberg

Kindheit

Da Ihr nun den Wunsch habt, ich sollte Erinnerungen aus meinem Leben aufschreiben, so will ich mit meiner Geburt anfangen. Ich selbst war wohl dabei, aber ich kann nur das schreiben, was mir meine Mama erzählt hat. Ich bin am 8.8.1916 in Riemberg, Krs. Wohlau, in Schlesien geboren. Es war mitten im ersten Weltkrieg. Mein Vater war im Kriege. Wir hatten zu Hause eine kleine Landwirtschaft. Damals musste das Getreide und Gras noch mit der Sense geschnitten werden. Eigentlich sollte ich erst zwei Monate später zur Welt kommen. Vielleicht war ich so neugierig und konnte es nicht erwarten. Es war Erntezeit und meine Mama musste auch die schwere Arbeit machen, die sonst Männer machen. Ich wog drei Pfund und zuerst war Mama bange beim Baden. Sie konnte mich nicht lange stillen. Milch habe ich schlecht vertragen und so gab es schlecht was zu kaufen im Krieg. Sie sagte, sie hat Kakaoschalen gekauft und ausgekocht mit Mondamin.

Als ich geboren wurde, war meine älteste Schwester Meta drei Jahre, meine zweite Schwester Martha zwei Jahre alt. Ich will nur damit sagen, was damals die Frauen leisten mussten, war schon eine ganze Menge. Die Wäsche wurde auf dem Waschbrett gewaschen. Das Wasser musste aus dem Brunnen geschöpft werden. Das Vieh wurde bei uns im Stall gefüttert. Da musste jeden Tag Gras geschnitten werden. In normalen Zeiten ging das wohl, aber wenn die Männer weg waren…

Zu der Zeit lebte meine Großmutter noch, sie starb, als ich vier Jahre war. Sie hatte in unserm Haus ein Zimmer mit extra Eingang, die sogenannte „Auszugsstube“. Was es an Essbarem am Hof gab, bekam sie. Ich kann mich noch dunkel erinnern, dass ich ihr manchmal Milch brachte. Vielleicht hat sie damals, als ich klein war, auf uns Kinder aufgepasst.

Als meine älteste Schwester zur Schule ging und schon auswendig lernen musste, da hab ich manchmal schon mit gelernt. Zum Beispiel:

Mein Vaterhaus

Wo‘s Dörflein dort zu Ende geht,
wo‘s Mühlenrad am Bach sich dreht,
da steht im duft‘gen Blütenstrauß
ein Hüttlein, s‘ist mein Vaterhaus.
Da schlagen mir zwei Herzen drin
voll Liebe und voll treuem Sinn,
der Vater und die Mutter mein,
das sind die Herzen fromm und rein.
Darin auch meine Wiege steht,
darin lernt‘ ich mein erst‘ Gebet,
darin fand Spiel und Lust stets Raum,
darin träumt ich den ersten Traum.
Drum tausch ich für das schönste Schloss,
wär‘s felsenfest und riesengroß,
mein liebes Hüttlein doch nicht aus,
denn‘s gibt ja nur ein Vaterhaus.

Wenn meine beiden Schwestern zur Schule waren und ich allein zu Hause, soll ich immer im Hof hin und her spaziert sein und laut das Gedicht gesagt haben. Wir hatten ein Brettertor vor unserm Hof. Wenn auf den Wiesen die Margueriten blühten, habe ich manchmal einen Strauß gepflückt und mich vor das Tor gestellt, wenn dann Fremde vorbei kamen, fragten sie, ob sie die Blumen haben könnten. Ich bekam dann entweder Süßigkeiten oder einen Groschen (10 Pfennig).

Bei uns etwas seitwärts von Riemberg war der Warteberg, eine Kinderheimat, „Heimat für Heimatlose“, dahin kamen Samstag oder Sonntag manchmal Ausflügler aus Breslau mit dem Zug bis Bad Obernigk und dann 5 km durch den Wald nach Riemberg. Der Warteberg war früher ein Schloss und ist eine Zweigstation vom Friedenshort in Mechtal bei Beuthen / Oberschlesien. Schwester Eva von Thiele-Winkler, die Gründerin des Friedenshortes, bekam den Warteberg geschenkt, damit die vielen Waisenkinder eine Heimat haben sollen. Er lag auf einem Berg. Später ist ja meine Schwester Meta als Diakonisse im Friedenshort eingetreten.

Im Wald bei uns gab es viel Blaubeeren. Im Sommer, wenn sie reif waren, gingen wir viel Blaubeeren pflücken. Jeder nahm sich ein Körbchen oder Eimer und ein kleines Töpfchen erstmal zum Reinpflücken. Da freuten wir uns, wer zuerst das Töpfchen voll hatte. Wir wussten dann auch schon, wieviel in unsern Korb oder Eimer passte. Wir waren dann immer mehrere, die zusammen gingen. Wir haben auch Blaubeeren verkauft, das Pfund für 5 Pf. Ich hab mir von dem Geld mal ein Paar hohe Schuhe gekauft für den Winter.

Bei uns gab es im Winter mehr Schnee als hier: Weihnachten fing‘s meistens richtig an, den ganzen Januar blieb er meistens liegen, im Februar gab‘s oft Tauwetter. Bei uns im Dorf war ein Teich. Wenn wir zur Schule gingen, mussten wir da vorbei. Im Winter war er meistens zugefroren. Am Anfang, wenn er noch nicht ganz fest war, oder wenn es anfing zu tauen, da kam es schon mal vor, dass Kinder eingebrochen sind. Deshalb hatte uns unser Vater verboten, drauf zu gehen, ich habe mich dann auch nicht getraut. In den Straßengräben, die zu beiden Seiten der Straße waren, haben wir „gekaschelt“, hier sagt man schlindern. Bei uns hinten im Garten war eine Wiese, da floss ein Bach durch. Im Winter war aber manchmal auch Wasser auf die Wiese, das dann zugefroren war. Da hatten wir auch eine große Fläche zum Kascheln oder Schlittenfahren. Auf der Straße haben wir manchmal mehrere Schlitten zusammen gebunden und einige setzten sich drauf und welche mussten ziehen. Manchmal, wenn Pferdeschlitten kamen, versuchten wir uns auch da anzuhängen. Die Pferde hatten eine Schelle und bimmelten. Wenn viel Schnee war, fuhr der Schneepflug auf der Straße. An den Seiten lag dann hoher Schnee. Wenn wir auf dem Schulweg waren, haben wir manchmal Schneeballschlacht gemacht oder uns in den Schnee gestoßen. An kleinen Anhöhen haben wir auch gerodelt.

Gertrud Kretschmer vor dem elterlichen Grundstück in Riemberg/Schlesien

Gertrud Kretschmer vor dem elterlichen Grundstück in Riemberg/Schlesien

Vor unserm Haus stand eine Kastanie, da drunter war immer ein Sandhaufen. Da haben wir dann immer Kuchen und Brot gebacken. Daneben war der Blumengarten vor dem Haus, ein Fliederstrauch stand da auch. Wenn im Mai die Kastanien blühten und so laue Abende waren, hörte man dann die Frösche quaken, die im Teich waren. Wenn es im Sommer regnete, haben wir nachher immer so gern barfuß in den Pfützen geplantscht, das Wasser war dann so lauwarm.

Wir hatten auch ein Backhaus. Mutter hat früher das Brot selbst gebacken. Vielleicht so sechs runde große Brote. Der Sauerteig wurde den Abend vorher eingeweicht. Morgens früh wurde der Teig geknetet. In einen Trog von Holz kam Mehl, der aufgeweichte Sauerteig und dann lauwarmes Wasser, soviel nötig war, dass es ein fester Teig wurde, er wurde mit beiden Händen geknetet, er musste sich gut lösen. Dann musste er erst eine Zeit gehen. Dann wurde er ausgerollt und kam in runde mit Mehl ausgestreute Strohschüsseln. Da standen sie noch etwas und inzwischen wurde der Backofen geheizt. Wir hatten große Gebunde Reisig, was da rein kam, der Ofen musste ziemlich heiß sein. Dann wurde die Glut vorn an die Seite gefegt, in der Mitte sauber gefegt, dahin wurden die Brote auf einer Schippe geschoben, aber ohne die Strohkörbe. Kurz bevor sie fertig gebacken waren, holte Mama sie einzeln mit der Schippe raus und bestrich sie mit kaltem Wasser und kamen nochmal kurz in den Ofen. Dadurch wurde die Kruste so schön glänzend braun und knusprig. Zu Ostern haben wir unsre Nester meistens im Backhaus gemacht. Es kam schon mal vor, dass in den Nestern Kohlenstückchen waren und die Eier woanders versteckt waren.

Als unser Vater aus dem Kriege kam, hatte ich erst Angst vor ihm, weil ich ihn nicht kannte. Vater war klein und schlank, aber er hat viel und schwer müssen arbeiten. Zu uns war er streng. Vielleicht habe ich manches nicht gewagt zu tun aus Furcht. Ich wüsste nicht, dass er mich mal geschlagen hat, aber wenn er schon sagte, ihr bekommt was mit dem Gürtel, das genügte mir schon.

Als ich vier Jahre alt war, bekam Mama wieder ein Kind. Es war ein Junge, aber er war tot geboren. Ich kann mir denken, dass es ein großer Schmerz für die Eltern war. Ein Jahr später kam ein Mädchen zur Welt, es war ebenfalls tot geboren. Wieder nach zwei Jahren ist Gretel geboren. Sie wurde nur dreiviertel Jahr. Sie war immer krank, sie hatte so eitrigen Ausschlag und konnte mit dreiviertel Jahren noch nicht sitzen, wahrscheinlich waren die Knochen zu schwach.

Unsre Mama war damals auch lange krank. Da kam uns Tante Emma aus Breslau helfen. Es war die Frau von Onkel Oskar, dem Bruder von Vater. Trotzdem Tante von der Großstadt war, hatte sie melken gelernt und auch alle Arbeiten auf dem Feld mitgemacht. Sie hat uns auch später noch viel geholfen und uns auch meist was mitgebracht.

Wenn jemand krank war, war unser Vater immer sehr besorgt. Als ich klein war, war ich viel krank. Ich bekam auch die Krämpfe, ich blieb weg und wurde ganz blau, nach einer Weile kam ich wieder zu mir. Als ich aber zur Schule ging, hab ich es nicht mehr gehabt. Ich bin gern zur Schule gegangen und habe gern auswendig gelernt. Es waren damals sehr wenig Kinder, weil es die Kriegszeit war. Wenn unsre Mama auch oft wenig Zeit hatte, so spürte ich doch immer ihre Liebe. Wie oft habe ich an ihrem Schürzenzipfel gehängt.

Im Winter ging unser Vater in die Holzarbeit. Es waren immer zwei Männer zusammen, die Bäume fällten und dann zersägten. Dann wurden Kubikmeter-Haufen gesetzt. Von den Nadeln und dünnen Ästen wurde draußen ein Feuer gemacht. Mama brachte oft Mittagessen in den Wald, weil sie den Tag durcharbeiten mussten, weil die Tage im Winter kurz waren. Abends im Dunkeln kam Vater nach Hause. Er hatte schwere Arbeit leisten müssen. Oft nahm Mama mittags einen größeren Schlitten mit, wo an den Seiten Stäbe waren, und brachte ihn voll beladen mit Holz nach Hause. Das dünnere Holz konnten wir zum Heizen brauchen. Wir Kinder hatten die Aufgabe, jeden Tag genügend Holz in die Küche zu bringen und hinter dem großen Kachelofen, der fast bis zur Decke reiche, aufzustapeln. Der Ofen hatte einen großen zuhen Bratkasten. Da passten so fünf große Töpfe rein. Wir haben damals auch jeden Tag paar große Töpfe Kartoffeln für die Schweine gekocht. Vor dem Ofen war eine Ofenbank, da stand immer der Kaffeetopf, wenn er gekocht war. Wir haben damals für alle Tage den „Schüttbodenmokka“ getrunken. Das war Roggen und Gerstekörner, die selbst gebrannt wurden. Es gab auch das Lied in schlesischer Mundart:

Im Winter, wenn‘s oft stermt und schneit,
wenn‘ watern tut wie nie gescheit,
wenn‘s Wind‘s Weher schmeest bis ons Fanster ran,
doas ma oft nich raus seha kann,
ja da is am schienster uff der Ufabank,
wenn‘s Pfeifla brieht, wird die Zeit nicht lang,
wenn‘ Feier prasselt, is eim Stiebla warm,
da kann‘s watern, doas es Gott erboarm.

Ich habe mich mal verbrüht mit kochendem Kaffee. Ich wollte ihn von der Platte nehmen, als er anfing zu kochen, und auf die Ofenbank stellen, denn der Kaffee sollte nur eben mal aufkochen. Da rutschte er mir aus und ich goss ihn vorn auf mich drauf. Arme, Hals und Oberkörper waren verbrüht. Ich lief schnell in den Stall, wo Mama melkte. Die riss mir schnell die Sachen runter, aber ich hatte schon lauter Brandblasen. Dann wurde die Krankenschwester gerufen, die wir im Dorf hatten, die hat mich dann behandelt. Die Blasen aufgeschnitten und ich glaube mit Brandsalbe und Puder behandelt. Ich konnte eine Zeit nicht zur Schule gehen. Nachher wuchs neue Haut nach, heut sieht man nichts mehr davon. Als ich wieder zur Schule ging, haben mir meine Schwestern oder andre Kinder helfen den Tornister tragen, denn die Schultern waren noch so empfindlich.

Bei uns wurde damals viel der Streußelkuchen gebacken. Da gibt es auch das Lied vom schlesischen „Sträßelkucha“:

Schläschjer Kucha, Sträßelkucha,
doas is Kucha, sapperlot,
wie‘s uff Herrgott‘s weiter Arde
nerrnt nich su woas Gudes hoat.
Wär woas noch so leckerfetzig,
eim Geschmack ooch noch so schien,
übrer schläschjer Sträßelkucha
tut halt emol nischt nich giehn.

Es sind noch mehrere Strophen, aber ich kann sie hier nicht alle aufschreiben.

Es gab bei uns welche, die, wenn sie mal kurze Zeit woanders waren, dann so fein taten:

Bin auch schon in Berlin gewesen,
kann auch Berlinersch sprechen –
„Geiß de rim, du alde Schecke!“

Wir hatten in unserm Garten viel Pflaumenbäume. Da haben wir oft von einem Zentner Pflaumenmus gekocht, bei uns hieß er „Kallex“. Die Pflaumen wurden entsteint und in den Kessel getan und ohne Zucker paar Stunden gekocht. Es musste da aber dauernd einer rühren, da gab es einen ganz großen Rührlöffel aus Holz. Der Kallex musste dann ganz dick eingekocht sein. Dann wurde er in Steinguttöpfe getan und oben drüber heißes Talg gegossen. Wenn das kalt wurde, war es oben luftdicht abgeschlossen. Ganz oben wurde noch Pergamentpapier gebunden, so hielt er sich bis zum nächsten Jahr.

Im Winter haben wir auch Sirup gekocht von Zuckerrüben, wir bauten immer für den eignen Bedarf an. Die Rüben wurden gereinigt und klein geschnitten und gar gekocht. Dann hatten wir eine Presse, wo der Saft ausgepresst wurde. Der wurde dann in großen Töpfen oder im Gänsebräter so lange gekocht, bis er ganz dick war. Wir Kinder mussten da auch mit helfen.

Im Winter wurde auch das Getreide gedroschen. Ganz zuerst hatten wir eine Maschine, da mussten zwei Männer drehen. Dann kaufte mein Vater einen Göpel. Da musste ich oft treiben, immer rund herum. Vater hat eingelegt, eine Schwester zugereicht und eine das ausgedroschene Stroh weggeharkt und Mutter das Stroh gebunden. Danach musste das Getreide gereinigt werden. Da hatten wir eine „Wurfmaschine“. Einer musste einschaufeln  und einer drehen. Später hat unser Vater einen Motor gekauft zum Dreschen.

Für unsre Milch hatten wir eine Zentrifuge. Da wurde die Milch entrahmt. Wenn früh und abends gemolken war, wurde gleich zentrifugt. Aber die Zentrifuge musste auch jedesmal sauber gewaschen werden, das mussten wir Kinder auch oft tun. Von der Sahne wurde Butter gemacht. Zuerst hatten wir ein Butterfass, wo gestampft wurde. Dann hatten wir schon eine „Miele“ Buttermaschine hier von Westfalen. Da musste gedreht werden, ungefähr eine Stunde, bis Butterklumpen waren. Es waren Flügel drin. Dann hat Mama die Butter mehrmals gewaschen, bis alle Milchreste raus waren. Wir hatten dann Formen, wo ein halbes Pfund rein passte, mit schönem Muster, und mehrere Bretter, wo sie dann drauf kam. Es musste aber alles schön heiß gescheuert sein und kalt nachgespült. Wir haben Butter verkauft. Mehrere feste Kunden hatten wir. Von der Magermilch haben wir auch oft Quark gemacht, wo wir auch welchen verkauften. Was übrig war an Magermilch, Buttermilch oder Molke, das bekamen die Schweine.

Ungefähr 30 Hühner hatten wir, da wurden auch Eier verkauft. Im Frühjahr hatten wir ein oder zwei Glucken dann gab‘s kleine Küken, die waren immer so süß, wenn sie erst einen Tag alt waren, da hatten wir sie manchmal erst in der Küche, wenn noch nicht alle auf einmal ausgekrochen waren. Mama tat sie in einen großen Steinguttopf mit warmen Tüchern und neben den Ofen wurden sie gestellt. Dann bekamen sie zuerst Hirse und etwas Milch. Wir konnten dann auch manchmal so ein kleines weiches Küken in die Hand nehmen.

Das Melken habe ich ungefähr mit neun oder zehn Jahren gelernt. Wenn es nötig war, habe ich vor der Schule schon zwei Kühe gemolken. Als ich achteinhalb Jahre war, ist unser Bruder Oskar geboren. Das war natürlich eine Freude für unsre Eltern. Die Geburten waren bei uns zu Hause, da kam die Hebamme. Während der Geburt von Oskar musste ich zu unsrer Nachbarin gehen, Frau Franz. Herr Franz war Briefträger. Den Sommer über musste ich oft auf den Kleinen den Nachmittag aufpassen, während meine Eltern und Schwestern auf dem Feld arbeiteten. Mama hatte auch ein Fläschchen fertig gekocht für Nachmittag und in einen Topf heißes Wasser gestellt. In den Kachelöfen hielt es sich warm. Wenn es Zeit war, hab ich es dann gegeben, erstmal ans Backe halten, damit es nicht zu warm war, da wurde es etwas ins kalte Wasser gehalten. Einmal ist mir die Flasche aus der Hand gerutscht und kaputt geschlagen, da weinte der Kleine natürlich und ich hab ihn hin und her gefahren und mit geheult, bis die andern nach Hause kamen. Ich musste meistens erst auch noch abwaschen und Holz reintragen. Manchmal sagte ich, ich möchte lieber mit aufs Feld gehen und nicht immer zu Hause bleiben und auf den kleinen Bruder aufpassen. Aber wenn sie es mir mal erlaubten und ich sollte dann schwere Feldarbeit tun, merkte ich, dass meine Kräfte nicht ausreichten.

Zwei Jahre später ist dann noch meine jüngste Schwester Liesbeth geboren. Kurz vorher war die Konfirmation von meiner Schwester Meta. Zur Konfirmation kam dann von der Verwandtschaft immer ein Teil zusammen. Da wurde oft viel gesungen. Wenn Tante Martha, die jüngste Schwester von Vater, kam, die sang gern „Sah ein Knab ein Röslein stehn“. Oft brachte sie uns selbstgebackene Plätzchen mit. Unser Vater konnte auch gut singen, er hat auch oft während der Arbeit gesungen. Im Schlafzimmer der Eltern hingen über den Betten an zwei Seiten zwei Sprüche, die auf Holzplatten eingebrannt waren. „Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen.“ – „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“ Ich glaube, diese beiden Sprüche haben unsrer Mama oft Kraft gegeben in ihrem schweren Alltag.

Den Acker haben wir mit Kühen bearbeitet. Wir hatten vier Kühe, die dazu angelernt wurden, immer zwei zusammen als Gespann. Wenn Vater am Pflügen war, wollte er nicht, dass sie zu lange hintereinander ziehen mussten, da wurden sie alle vier mit rausgenommen, und wenn wir Kinder Zeit hatten, mussten zwei inzwischen gehütet werden. Das heißt, sie waren zusammengebunden mit Stricken, und wir mussten sie halten am Strick und dass sie auf unsrer Wiese fressen konnten. Sie durften aber nicht auf Nachbars Wiese. Wir hatten unsern Acker und die Wiesen nicht alles zusammen, sondern mehrere kleine Stücke. Auch im Herbst mussten wir oft „Kühe hüten“. Unser Cousin Gerhard aus Breslau mochte Tiere gerne. Wenn er zu Besuch da war, da holte er sich sogar am Sonntag sämtliche Kühe und Jungvieh aus dem Stall, band sie aneinander und führte sie auf die Wiese. Heut wohnt Gerhard in Bad Köstritz in Thüringen. Er hat Schafe, Schweine, Kaninchen und Tauben. Für mich war das „Kühe hüten“ etwas langweilig.

Die meisten Landwirte hatten bei uns auch Gänse. Von den Federn wurden dann die Betten gemacht für die heranwachsenden Töchter. Die Federn wurden bei uns geschlissen. Da musste jede Feder einzeln in die Hand genommen und die Feder von beiden Seiten des Kiel abgezogen werden. Der Kiel kam weg und man hatte schöne weiche Daunen. Schade, unsre Betten sind uns damals bei den Russen, bis auf eins, was Martha gehörte, weggenommen worden. Das „Federschleißen“ war auch ein besonderes Erlebnis. Es taten sich immer drei oder vier Familien zusammen. Da gingen wir abwechselnd mal zu dem und dann zum andern. Es wurde an den langen Winterabenden gemacht. Es wurde zeitig zu Abend gegessen und das Vieh versorgt, so dass man so um 6 oder ½ 7 Uhr bis 12 Uhr nachts Federn schleißen konnte. Meist wurden paar Tische aneinandergestellt und es war eine große Runde. In die Mitte vom Tisch kamen die Federn. Wenn viele Hände schafften, dann sah man zuletzt doch etwas. Dabei wurde viel erzählt und Spaß gemacht. Nur durfte man nicht zu viel husten, da flogen die Federn in der Gegend herum. Ein Mann saß meist auf der Ofenbank und musste aufpassen, dass das Feuer nicht ausging. Um 12 Uhr gab es dann noch Kaffee und belegte Brote. Wenn bei einem fertig war, gab es die Federkirmes. Da wurden Pfannkuchen gebacken, hier sagt man dafür Berliner. Die wurden mit viel Kallex gefüllt. Wenn wir nachts nach Hause gingen, knirschte der Schnee unter den Füßen. Aus Scherz wurde manchmal auch ein Pfannkuchen mit Senf gefüllt. Alle lachten über den, der ihn erwischte.

Meine Schwester Meta kam dann schon bald nach der Konfirmation in den Haushalt in der Gärtnerei Korsig. Das war nur bei uns schrägüber. Zum Schlafen kam sie nach Hause, weil sie nicht so viel Platz hatten. Dann blieb die Arbeit für uns zu Hause.

Die Pfarrkirche zu Riemberg

Am 30.3.1930 bin ich dann konfirmiert worden. Es war an Sonntag Lätare. In Schlesien war es der „Sommersonntag“. Da gingen Kinder von Haus zu Haus, entweder mit einem geschmückten Wacholderbäumchen oder einem Stecken mit bunten Bändern und Papierrosen und sangen z. B.

Sommer Sommer meier,
gib mir Geld und Eier
Geld und Eier is zu wing,
gib mir noch ein Pfefferding.

Oder:

Rotgewand, Rotgewand,
schöne grüne Linden
suchen wir, suchen wir,
wo wir etwas finden,
gehn wir in den grünen Wald,
da sing‘n die Vögel jung und alt,
sie singen ihre Stimme,
Frau Wirtin, sind Sie drinne,
sind Sie drin, so komm‘n Sie raus
und teil‘n Sie uns die Gaben aus.

Dann wurden Plätzchen, Pfennige, Äpfel oder auch manchmal Eier verteilt.

Nun noch etwas zu meiner Konfirmation. Bei uns war es üblich, dass die Kirche mit Girlanden geschmückt wurde. Wir Konfirmanden gingen in den Wald, Tannengrün zu holen, und dann wurde bei einem gemeinsam gebunden. Da waren Girlanden um die Tür, den Altar, die Kanzel, so über kreuz über das ganze Mittelschiff, auch an den Emporen entlang. Für unsre Haustür zu Hause wurde auch eine Girlande gebunden. Herr Pastor Than hat meine Konfirmation gehalten.

Am nächsten Tag, dem 31.3.1930 war die Schulentlassung. Da hat uns unser Kantor Klose eine „Gardinenpredigt“ gehalten, wie man bei uns sagte. Dass wir in den Ernst des Lebens gehen und so fort. Ich hatte damals oft unter Schwermut gelitten, so dass ich hätte weinen mögen, wenn andre fröhlich waren. Und so möchte ich überleiten zu dem Abschnitt:

Jugend

Unsre Gemeindeschwester war eine Diakonisse vom Friedenshort. Sie hat damals den Jungmädchenverein geleitet. Wir hatten einmal in der Woche abends eine Zusammenkunft. Dahin ging ich sehr gern. Wer wollte, konnte Handarbeiten machen, es wurde viel gesungen, auch manchmal was vorgelesen und besprochen, oder auch Spiele gemacht. Im Sommer wanderten wir auch manchmal. Schwester Gertrud Stedter kam auch meistens dazu, die konnte sehr gut singen und Gitarre spielen, vom Warteberg und brachte zwei Haustöchter mit. Da haben wir neue Lieder gelernt mit mehr Rhythmus als die üblichen Kirchenlieder. Z. B.

Frohe Wanderlust füllt die junge Brust,
Wandervögel ziehen ins Weite,
ob die Sonne scheint, ob die Wolke weint,
ob der Sturm uns gibt‘s Geleite.
Trala la la la…

Oder zu Advent:

Kommt, lasst uns singen,
seliger Advent,
kommt und frohlocket,
wer den Heiland kennt,
singet und jauchzet,
jubelt, dass es schallt,
lasst uns ihm den Weg bereiten,
Christ kommt bald.

In der Adventszeit haben wir auch manchmal alte Leute besucht. Wir nahmen einen Adventszweig mit und eine Kerze und sagen dann von den Liedern.

Da den einen Sommer, ich glaube es war 1931, unsre Mutter sehr krank wurde und operiert wurde, so konnte ich mit Vater die Erntearbeit nicht allein schaffen, denn meine Schwester Martha war auch inzwischen nach Gellendorf zu dem Bauer Tschipke gekommen. Da sollte Meta wieder nach Hause kommen und die Stelle bei Korsig aufgeben. Meta war damals bedeutend kräftiger als ich. Da sie bei Korsigs gerne Ersatz dafür haben wollten, wurde beschlossen, dass ich dafür hingehen sollte. Es war körperlich nicht so schwere Arbeit wie die Erntearbeit, aber es gab doch allerhand zu tun. Von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends ging es. Es waren meist zehn Personen, die zum Haushalt gehörten. Gemüse putzen, Kartoffeln schälen, abwaschen, morgens und abends zwei Kühe melken und zentrifugen, zwei Schweine füttern und im Hause putzen. Am Wochenende die vielen Schuhe putzen. In der Spargelzeit musste ich auch helfen Spargel waschen und in der Erdbeerzeit Erdbeeren sortieren und abpinseln. Es wurde jeden Tag Markt gemacht und abends zur Bahn nach Obernigk gefahren, damit es morgens früh dann in Breslau war zum Verkauf. Wenn sie Schnittblumen hatten, habe ich auch oft mit Blumen geschnitten und gebündelt. Das hab ich sehr gerne gemacht. Ich war aber doch oft sehr müde.

In dieser Zeit fing Meta an, auf den Warteberg zu gehen und nahm mich mit. Am Sonntagnachmittag waren „Stunden“, die von Predigern gehalten wurden. An eine Stunde erinnere ich mich, die Herr Gelke hielt. Er sprach: „Lass doch die Traurigkeit aus deinem Herzen.“ Es war, als ob er persönlich zu mir sprach. Ich habe von da an um ein fröhliches Herz gebeten, denn ich war manchmal so verzweifelt.

Lang habe ich mühevoll gerungen,
geseufzt unter Sünde und Schmerz,
doch als ich mich IHM überlassen,
da strömte Freude in mein Herz.
Sein Kreuz bedeckt meine Schuld,
sein Blut macht hell mich und rein,
mein Wille gehört meinem Gott,
ich traue auf Jesum allein.

Zwei Menschen waren mir damals eine besondere Hilfe. Schwester Margarete Schubert vom Warteberg aus der Nähstube, die so schwer hören konnte, dass sie nur mit Batterie was hörte. Und Frau Vogt, eine Witwe, die bei Kernkes wohnte und bei uns auch Butter, Milch und Quark kaufte. Da konnte ich mich aussprechen und ich wusste, dass sie für mich beteten. In der Zeit haben auch Frau Vogt und Meta bei uns zu Hause den Kindergottesdienst angefangen. Wir haben in unsrer Stube immer zwischen zwei Stühlen Bretter gelegt, da hatten wir genügend Sitzplätze. In der Kirche wurde damals kein Kindergottesdienst gehalten. Unsre Kirche war verhältnismäßig groß und schon alt, früher war sie katholisch. Sie ging nicht zu heizen und war im Winter ziemlich kalt. Nur in der Sakristei war ein kleiner Ofen. Später wurde der Kindergottesdienst in der Sakristei gehalten.

Es war dann auch die Zeit, wo Hitler zur Macht kam. Da kamen manchmal welche von der SA in die Kirche, nur um zu hören, ob der Pastor etwas aus dem Alten Testament vorlas oder etwas sagte, was ihnen nicht gefiel. Damals wurde bei uns die „Bekennende Gemeinde“ gegründet. Unser Pastor Than war auch Mitglied. Ich selbst auch und überhaupt alle, die in den Jungmädchenverein gingen. Pastor Hoppe aus Wohlau hatte den Vorsitz in unserm Kreis. Wir fuhren manchmal mit dem Bus nach Wohlau (19 km) zu solchen Zusammenkünften. Im BDM bin ich nicht gewesen. Aber die Jüngeren, die dann in die Schule kamen, die kamen nicht drum herum, die mussten dann alle in die HJ und den BDM. Als in Breslau 1934 unser Cousin Gerhard konfirmiert wurde, waren unsre Eltern dabei. Herr Konsistorialrat Bunzel hat die Konfirmation gehalten, es wäre so ergreifend gewesen, aber direkt von der Kanzel haben sie ihn abgeholt. Es bekamen manche Redeverbot oder wurden eingesperrt. Manche wurden auch dann im Kriege eingezogen und an vorderste Front gestellt.

Meta hatte damals den Entschluss gefasst, Diakonisse zu werden. Die Eltern mussten aber die Zustimmung geben. Da sie noch sehr jung war, wollten sie, dass sie noch paar Jahre warten sollte, wenn sie dann noch wollte, dann hatten sie nichts dagegen. Als sie 23 Jahre alt war, ist sie „Schwester“ geworden. Sie war vorher noch paar Jahre im Haushalt in Gellendorf. Wenn sie Schwester wurde, muste sie erste eine bestimmte Menge Wäsche mitbringen, nachher bekam sie Kleidung und Essen frei und ich glaube ein kleines Taschengeld. Sie hat sich dnn erst selbst verdient, was sie brauchte.

Ich war vier Jahre bei Korsigs und dann ein Jahr zu Hause. Da ging ich im Winter paar Monate in die Nähstube auf den Warteberg. Durch den Warteberg bekam ich eine Stelle vermittelt in Hünern bei Breslau. Weil ich im Frühjahr wieder eine Stelle annehmen sollte. Ich war da bei dem Tierarzt Dr. Grosser. Sie hatten ein 12jähriges Mädchen, eine schöne Villa mit großem Garten. Die Praxis ging gut. Ich musste da viel das Telefon bedienen. Er sagte immer, wo er zu erreichen wäre, wenn aus der Gegend ein Anruf kam, musste ich Bescheid sagen, damit er den Weg nicht doppelt fahren brauchte. Frau Dr. Grosser hat alles mitgemacht und ich habe da erst richtig das Kochen gelernt. Sie legten Wert auf gutes Essen. Sonntags kamen oft Gäste, daher hatte ich nicht Sonntag frei, sondern bekam alle 14 Tage einen Tag in der Woche. Ich fuhr mit dem Fahrrad die 23 km meistens nach Hause. Nur wenn ich nach Hause kam, waren alle am Arbeiten, so dass ich dann auch oft im Heu oder der Ernte half. Aber dennoch zog es mich doch immer wieder nach Hause. Einmal hab ich Tante Anna in Peterwitz zu ihrem Geburtstag besucht, das war nicht ganz so weit. Aber wenn ich vier Wochen nicht zu Hause war, hatte ich doch Sehnsucht.

Karte von Niederschlesien, gezeichnet von Rudi Schütz

Karte von Niederschlesien, gezeichnet von Rudi Schütz

Es waren die Jahre 1936 und 37. In Breslau wurden die großen Feste gefeiert, das Sängerfest und Turnerfest. Breslau wurde auf Hochglanz gebracht. Es sollten auch Trachtengruppen kommen und Hitler. Hünern war 8 km von Breslau entfernt, da bin ich mit dem Fahrrad gefahren zu Tante Berta, die in Scheitnig wohnte. Die Straßen waren dann voll Menschen, wenn es soweit war. Ich habe die Trachtengruppe gesehen und dann auch Hitler. Abends waren im großen Stadion Vorführungen und zum Schluss ein großes Feuerwerk. Für die damalige Zeit schon etwas Besonderes.

Einmal bin ich auch mit dem Fahrrad zu Onkel Oskar in Breslau gefahren. Der wohnte aber auf der andern Seite von Breslau, als wo ich von Hünern kam. Ich musste quer durch Breslau fahren. Es waren damals noch die Verkehrspolizisten an den Kreuzungen, die den Verkehr regelten. Als ich auf die Gartenstraße und Schweidnitzer Straße kam, die Hauptverkehrsstraße, bekam ich‘s mit der Angst zu tun und wollte absteigen und das Rad schieben, da bekam ich gleich eine Verwarnung und ich musste fahren. Ich fuhr mit dem Strom und war froh, als ich wieder in ruhigere Straßen kam. Ich hab auch hingefunden, aber es doch nicht wieder gemacht.

Man konnte auch mit der Kleinbahn nach Breslau fahren und dann mit der Straßenbahn. Als ich in Hünern war, musste ich in die „Arbeitsfront“ eintreten, das mussten alle Berufstätigen. Wir hatten da auch Zusammenkünfte, da wurde auch gestrickt oder gehäkelt für Kinderreiche. Wir machten auch Ausflüge. Einmal haben wir ein Emaillierwerk besichtigt in Rosenthal, einem Vorort von Breslau. Da sahen wir auch, wie sie die glühenden Eimer aus dem Brennofen holten. Ich habe dann später daran gedacht, als Rudi (mein Mann) hier in Oelde am Ofen im Emaillierwerk arbeitete.

Einmal im Sommer, als Herr und Frau Dr. Grosser und Christa in Ferien fuhren, war für die Vertretung in der Praxis ein andrer Doktor. Da musste ich für ihn kochen und sonst alles in Ordnung halten, auch den großen Garten. Ich bekam dann eine schöne Kette mit einem Bernsteinanhänger, der mir dann aber in der Russenzeit weggenommen wurde.

Herr Dr. Grosser aß gerne gut und auch ich bekam gutes Essen. Ich musste immer, wenn ich die Tür aufmachte, eine weiße Schürze umhaben. Er liebte auch so Extrasachen, wie Krebse, Schleien, Brathähnchen. Aber die Zubereitung machte oft viel Arbeit.

Ich bin so 1938 dann auf eignen Wunsch dort weggegangen. Ein Grund war, dass ich Sonntag nicht frei hatte.

Das Bild zeigt das Schloss von Obernigk in alten Zeiten

Das Bild des Schlosses von Obernigk wurde mir im Jahr 2007 von Joachim Bomhard zur Verfügung gestellt. Das Schloss war das Elternhaus seiner Mutter gewesen. Helmut Schütz

Ich kam dann nach Obernigk zu Frau von Hedemann. Da habe ich auch selbständig kochen müssen. Es war eine große Villa mit mehreren Erkern, vorn ein Ziergarten und hinten auch etwas Gemüsegarten. Zum Haushalt gehörten Herr und Frau von Hedemann und die alte Dame, die Mutter von Herrn von Hedemann. Sie war damals schon 84 Jahre alt und ist in der Zeit, als ich da war, gestorben. Ich war sechs Jahre dort im Haushalt. Herr von Hedemann lebte an sich sehr zurückgezogen, weil er im ersten Weltkrieg eine Kopfverletzung hatte, ein Auge verloren und auch schwer hörte.

Frau von Hedemann hatte mehr gesellschaftliche Verpflichtungen durch den Offiziersbund und dann war sie auch in der Evangelischen Frauenhilfe sehr tätig. Sie hat manchmal in der Adventszeit Theaterstücke eingeübt mit Frauen der Frauenhilfe und Mädchen vom Jungmädchenverein. Herr von Hedemann war der Bruder von Schwester Friede von Hedemann, die damals Oberin vom Friedenshort war. Oft musste sie da unterwegs sein und auch die Außenstationen besuchen, so auch den Warteberg, der in Riemberg war. So machte sie auch Rast bei ihrer Mutter und bestellte auch manchmal Schwestern zu Besprechungen dorthin. Dann hieß es oft: „Gertrud, machen Sie mal ne Tasse Tee oder Kaffee.“ Es war oft ein „Haus der offnen Tür“. Zu Weihnachten haben wir viel Plätzchen gebacken und die Kinder vom Warteberg beschenkt. Manchmal hat sogar Herr von Hedemann Spielzeug gebastelt für die Kinder. Ich habe damals eine Zeit im Kindergottesdienst geholfen als Helferin. Ich hatte eine Gruppe ungefähr 15 Mädchen von zehn Jahren, das hab ich abwechselnd mit einer andern immer alle 14 Tage gemacht.

Das Essen musste ich mir Samstag soweit vorbereiten, dass es dann nicht mehr so lange dauerte, denn um halb 10 Uhr war Gottesdienst und anschließend Kindergottesdienst, so war es dann auch halb 12 Uhr, wenn ich kam. Frau von Hedemann ließ mir darin sehr viel freie Hand. In den letzten Jahren bekam die alte Dame oft Asthmaanfälle. Wenn ich manchmal allein war mit ihr, musste ich oben bei ihr im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, damit man ihr dann gleich helfen konnte.

Es war damals ja auch die Kriegszeit. Da gab es Lebensmittelmarken. Oft musste man erfinderisch sein, wenn immer was auf dem Tisch stehen sollte. Als es dann in Berlin oft gefährlich war wegen der Bomben, da kam die Tochter von Herrn von Hedemann, Frau von Oettinger mit ihren beiden kleinen Kindern Nicki 2 ½ und Bolko ½ Jahr zu uns. Sie brachte auch eine Kinderschwester mit. Der kleine Nicki sagte mal, als ich im Garten Mohrrüben säte: „Gartrud, was machst du da?“ Ich sagte: „Mohrrüben säen, die aß er gern.“ Den nächsten Tag dachte er, sie sind schon groß. Dann hatte er mal ein Zehnpfennigstück, das wollte er in die Erde legen, damit es wächst.

Im Jahr 1941 war Oskar dann schon bei der Post beschäftigt. Er hatte auch eine Zeit in Obernigk auf dem Postamt gearbeitet. Manchmal hatte er früh Dienst und eine Stunde Mittag und dann Nachmittag wieder. In der einen Stunde lohnte es sich nicht, die 5 km nach Hause zu fahren, da hab ich für ihn mitgekocht. Er kam dann unten in die Küche. Frau von Hedemann sagte, ich sollte es mal tun. Unsre Mama gab dann manchmal ein Stück Speck und Kartoffeln mit. Es gab bei dem Fleischer Jungfer, der nur schrägüber wohnte, einmal in der Woche Wellwurst, die bekam man ohne Fleischmarken. Da gab es gebratne Wellwurst, Sauerkraut und Kartoffelpüree. Ich weiß nicht mehr, wieviel wir damals auf die Lebensmittelmarken bekamen, aber man musste doch sehr einteilen, damit immer was da war.

Es war wohl im Jahr 42 oder 43, da bekam ich einen Spritzenabszess. Die Drüsen arbeiteten nicht richtig, da sollte ich fünf Spritzen bekommen. Bei der dritten Spritze bekam ich einen entzündeten Arm. Er war von oben bis unten geschwollen. Ich bekam Ichthiolsalbe, damit sich alles zusammenziehen sollte. Dann wurde die Stelle geschnitten und es kam eine Menge Eiter heraus. Der Ellbogen war erst ganz steif. Ich bekam damals eine Kur von der Versicherung. Ich war drei Wochen im Riesengebirge in Krummhübel. Ich bin auch bis zur Schlesierbaude gekommen bei Wanderungen. Es war im März und da oben war noch viel Schnee. Dabei habe ich auch die Kirche Wang gesehen. Das war eine Holzkirche mit vielen Schnitzereien, die die Schweden geschenkt hatten. Von uns sind oft Brautpaare dorthin gefahren und haben sich dort trauen lassen. Es war schön, dass ich dadurch das Riesengebirge kennengelernt habe.

Einmal im Sommer, als ich Ferien hatte, bin ich 14 Tage nach Dahmen in Mecklenburg gefahren, wo Meta als Schwester tätig war. Zu der Zeit fing es an, dass auch Hausangestellte Ferien bekamen. Bei der Kinderheimat war ein großer See in der Nähe. Mecklenburg ist ja das Land der Seen. Es war damals meine erste größere Reise. Ich musste über Berlin fahren. Vom Schlesischen Bahnhof zum Bahnhof Friedrichstraße musste ich mit der U-Bahn, das war auch etwas Neues für mich.

Es war wohl Ende 1942, als Oskar ein halbes Jahr zum Arbeitsdienst musste und anschließend gleich zum Militär. Beim Arbeitsdienst war er in Militsch. Einmal hab ich ihn besucht. Man musste mit der Bahn bis Trachenberg und dann mit der Kleinbahn bis Militsch. Beim Militär bekam er paar Wochen Ausbildung und dann musste er nach Frankreich an die Front. Unser Cousin Gerhard aus Breslau war schon länger beim Militär und in Russland. Da bekamen sie die Nachricht von ihm: „vermisst“. Er ist aber dann nach Jahren, ich glaube es war 1949, wiedergekommen zu seinen Eltern nach Bad Köstritz in Thüringen. Damals haben wir an die Soldaten viel Feldpostbriefe geschrieben und Päckchen geschickt. Oskar kam dann nach Weihnachten 1943 über Neujahr 1944 auf Urlaub ganz unverhofft. Als er mit der Bahn in Obernigk ankam, kam er erstmal zu mir. Von Hedemanns wohnten auf der Bahnhofstraße nur paar Minuten vom Bahnhof. Ich hab ihn gleich bewirtet mit Kaffee und Mohnkuchen, den ich noch von Weihnachten hatte. Er hatte dann noch paar Tage zu Hause verlebt. Ende 1944 ist er dann bei La Rochelle eingeschlossen gewesen und wir bekamen ganz selten Post. Er ist Ende 1947 dann aus französischer Gefangenschaft nach Wiedenbrück gekommen. Dadurch dass die Adresse von Schwester Meta geblieben ist, haben wir auf Umwegen dann erfahren, wo er ist, und er, wo wir waren.

Die beiden Brüder von Mutter waren Ende des Krieges eingezogen worden. Onkel Hermann hatte in Schönbrunn eine Landwirtschaft und kam zum Volkssturm nach Breslau und ist dort gefallen. Wenn Herr Gnichwitz aus Riemberg ihn nicht gekannt hätte, so hätte Tante Gretel wohl nur bekommen: „vermisst“. Zuletzt war alles etwas durcheinander. Onkel Willi, der in Schlannowitz wohnte, kam auch Ende des Krieges zu den Soldaten. Er ist auch nicht mehr zurückgekommen.

Bei uns wurden damals auch die Juden verfolgt. In den kleineren Orten hat man es nicht so gemerkt. Onkel Oskar von Breslau erzählte, dass welche, die ein Geschäft hatten und vorher nicht nach Amerika ausgewandert sind, abgeholt wurden und die Wohnungen geplündert wurden. Wo sie damals hinkamen, war den meisten nicht bekannt.

Im Sommer 1944 mussten eine ganze Menge Mädchen aus Obernigk, die im Haushalt tätig waren, zur Untersuchung zum Kreisarzt nach Trebnitz. Auch ich war mit dabei, es war nicht gerade angenehm. Viele sind dann in Rüstungsbetriebe zur Arbeit gekommen. Bei mir sagten sie, ich wäre nicht tauglich. Ich sollte erst in zwei Haushalten arbeiten. Das wollte ich aber auch nicht, denn dann blieb die schwere Arbeit nur mir. Ich musste von Frau von Hedemann weg, weil die keine Kinder hatten. Ich kam zu Ingenieur Glodny auf die Lindenallee. Es war ganz entgegengesetzt von Obernigk am Rande von Obernigk. Zum Haushalt gehörten Herr und Frau Glodny, die Mutter von Frau Glodny und Frl. Marthel (etwa 52 Jahre) als Sekretärin, also Kinder waren da auch nicht. Es war ein Landhaus mit Garten. Kleinvieh hatten wir Ziegen, Kaninchen, Gänse. Es war wieder etwas anders, aber im Ganzen hatte ich es nicht schlecht. Mit Essen war‘s noch etwas besser durch das Kleinvieh. Frau Glodny und ihre Mutter konnten Polnisch sprechen. Sie sind erst nach dem ersten Weltkrieg nach Obernigk gekommen.

In der Zeit musste ich an manchen Sonntagen zum „Schanzen“ gehen. Es sollten um Obernigk herum Schützengraben gegraben werden. Von früh um 7 Uhr bis Nachmittag mit dem Spaten immer zu Hundertschaften antreten und dann graben. Auch musste ich ein oder zwei Tage in der Woche Landhilfe machen. Ich kam zu Frau Herzog in Lindenwaldau bei Obernigk. Ihr Mann wurde eingezogen, sie hatte fünf kleine Kinder. In der Landwirtschaft hatte sie einen Polen und ein Polenmädchen, aber wenn sie nicht selbst dabei war, dann wurde es auch nicht immer was Rechtes. Ich musste dann die Kinder verwahren und den Haushalt machen, da gab‘s genug zu tun. Frau Herzog stammte aus Marienfeld hier bei Gütersloh. Sie hatte damals mit ihrem Mann in Schlesien gesiedelt, als sie heirateten. Ich habe sie dann hier wiedergesehen, als ich 1946 in Wiedenbrück war.

Bei Glodnys war ich also ungefähr ½ Jahr, als die große Wende kam. Von Obernigk gab‘s übrigens ein Sprichwort, das auch in unsern Lesebüchern stand:

Obernigk
liegt zwischen Sorge und Kummernik,
wer sich dort will ernähren,
der muss suchen Pilze und Beeren,
wer diese nicht kann finden,
der muss Besen binden.

Sorge und Kummernik waren zwei kleine Dörfer und dazwischen lag Obernigk. Es wurden früher dort viel die Rutenbesen gebunden, auch in Riemberg gab‘s Besenbinder. Die wurden von Weidengerten gebunden. Nach dem ersten Weltkrieg wurden auch in Breslau noch die Straßen mit Rutenbesen gefegt. In der Landwirtschaft wurden die Besen gebraucht zum Hof- und Stallfegen. In Bad Obernigk gab‘s auch eine Lungenheilstätte, das Waldsanatorium.

Die Familie meiner Freundin

Auf der andern Seite der Straße neben Korsig wohnte die Familie Kernke. Er war Tischler und Sargmacher. Seine beiden ältesten Söhne haben bei ihm gelernt und dann bei ihm gearbeitet. Es waren acht Kinder. Meta, die sechste von den acht, war ein Jahr älter als ich. Wir sind aber viele Jahre zusammen in eine Schulklasse gegangen und waren Freundinnen. Als Meta aus der Schule kam, ist sie, wie es so üblich war, in einen Haushalt auf ein Gut in einem andern Dorf gekommen. Aber dann bekam sie plötzliche epileptische Anfälle. Sie kam wieder nach Hause. In der Sommerzeit hat sie dann stundenweise bei Korsig mitgearbeitet, beim Spargelwaschen oder in der Erdbeerzeit. Erst kamen die Anfälle nicht so oft, aber sie merkte es nicht, wenn sie kamen. Einmal habe ich einen Anfall miterlebt. Wir saßen zusammen im Keller beim Spargelsortieren. Auf einmal bäumte sie sich auf und schlug lang hin auf den Beton, schlug und schäumte. Wir schnell ihren Bruder geholt. Dann wurde sie auf den Rasen, eine Decke drunter, gelegt, bis es vorbei war. Wenn sie wieder zu sich kam, wusste sie von nichts. Das war ja das Schlimme, dass sie sich dadurch oft sehr schlug. Später wurden die Anfälle häufiger. Als ich dann nach Jahren in Obernigk war, hab ich sie manchmal besucht, wenn ich sonntags nach Hause kam. Sie ist auch mehrmals weggekommen, aber es war ja damals in der Zeit bei Hitler, wo sie lebensunwertes Leben oft vernichten wollten, nur wusste es die Bevölkerung oft nicht. Es wurde immer schlechter mit ihr, bis sie dann nicht mehr aufstehen konnte. Dann war auch ihre Mutter gestorben. Herr Kernke hatte mit dem Rücken etwas. Eine Schwester von Meta war meistens zu Hause und hat den Haushalt geführt.

Das Wohnhaus hatten sie neu gebaut. Oben hatten sie noch vermietet an Frau Vogt. Die Werkstatt hatten sie im Hof extra. Im Jahr 1945, als alles auf den Treck sollte, kam Meta zu Verwandten nach Neurode, sie soll aber dann kurze Zeit drauf gestorben sein. Herr Kernke blieb allein in Riemberg, die Söhne waren zum Militär gekommen. Unser Vater hat mir dann erzählt: Es war gleich am Anfang, als die Russen kamen, da haben sie das Wohnhaus von Kernke in Brand gesteckt, die Deutschen, die noch da waren, durften nicht  Löschen gehen. Vater dachte erst, Herr Kernke wäre in den Flammen umgekommen. Kurze Zeit drauf wollten die Russen mal Handwerkszeug von Vater, das er nicht hatte. Er dachte, bei Kernkes in der Werkstatt, die nicht mit abgebrannt war, wäre etwas. In der Werkstatt stand ein fertiger Sarg. Als Vater da rein kam und was suchte, richtete sich Herr Kernke im Sarg auf und sagte: „Hermann, was suchst du denn?“ Unser Vater war natürlich sehr erschrocken. Herr Kernke hatte sich, als das Haus abgebrannt war und er kein Bett mehr hatte, in den Sarg zum Schlafen gelegt. Er ist dann kurze Zeit drauf gestorben, und sie haben ihn im Garten begraben.

In Riemberg, am Anfang des Dorfes, war das Grab eines unbekannten Soldaten, er hatte keine Erkennungsmarke mehr, Vater hat auch ihn helfen begraben.

Das Jahr 1945

Es war wohl am 12. Januar 1945, da haben sie zu Hause noch Schwein geschlachtet. Ich war noch einen halben Tag mit helfen. Ich glaube, ich und auch meine Eltern haben noch gar nicht geahnt, dass es bald anders kommen sollte.

Es war wohl am 18. oder 19. Januar, da hieß es auf einmal, die Zivilbevölkerung muss auf den Treck gehen. In den Dörfern die Bauern, die Pferd und Wagen hatten, bepackten einen Wagen und fuhren los. Die Straßen waren voller Fahrzeuge. In Bad Obernigk dagegen hatten nur wenige eignes Fahrzeug. Es hieß vor allem zuerst, Frauen mit Kindern sollten raus, und zwar mit der Bahn. Aber die Bahn konnte die vielen Menschen auf einmal gar nicht fassen. Und viele standen mit Kinderwagen und warteten, bis sie mitkamen. Es war Schnee und Frost bei uns. Es wurde auch gesagt, es sollten noch Rote-Kreuz-Autos kommen, aber es kamen keine. Von den älteren Leuten sind dann doch ein Teil dageblieben. Manche hatten auch gehofft, es würde dann deutsches Militär kommen, da könnten sie noch mit, aber es kam auch kein deutsches Militär, sondern am 25. Januar kamen die Russen.

Herr und Frau Glodny wollten nicht weg, weil sie meinten, das Ganze würde nur paar Tage dauern, so wie es wohl nach dem ersten Weltkrieg in Oberschlesien war. Und weil Frau Glodny Polnisch sprechen konnte, fühlte sie sich irgendwie sicher. Wir haben in den paar Tagen noch Verschiednes vergraben und Zucker unter Koks versteckt. Aber das hat dann alles nichts genützt.

Es war wohl Sonntag, der 21. Januar, da hatte ich noch versucht, nach Riemberg bei Korsig zu telefonieren, die sagten, die meisten Leute sind weg, aber die Eltern sind noch da. Ich habe dann das Fahrrad genommen und wollte nach Hause fahren, aber die Straßen waren noch immer voll Trecks von den umliegenden Dörfern. Frau Herzog habe ich da auch gesehen mit dem Wagen und ihren Kindern. Ich musste das Rad meist schieben, denn an den Seiten lag viel Schnee. Meine Eltern sagten, meine Schwester Liesbeth ist mit dem Nachbar Mischke mitgefahren, das heißt, sie hat einen Sack mit Betten und Sachen drauf tun können, und sie musste laufen. Vater wollte nicht weg, wir hatten auch keine Pferde, und mit den Kühen in Schnee und Glätte traute er wohl auch nicht, und er konnte sich auch schlecht von zu Hause trennen. Er wollte erst, dass Mutter auch mit Liesbeth auf den Treck ginge, aber das wollte sie nicht. Ich sagte, dass ich auch in Obernigk bliebe mit Glodny, und ich wollte in paar Tagen wieder mal sehen, aber dazu kam ich nicht mehr, weil dann inzwischen die Russen kamen.

Ich hatte vorher noch gar nicht recht begriffen, was es auf sich hatte, und dass vor allem die Frauen dadurch sehr bedroht waren. Es war ja immer noch Krieg. Als ich hörte, die Russen marschieren in Obernigk ein und auf Wohlau zu, da wusste ich, dass ich mich nun nicht mehr auf die Straße trauen durfte, und hab erstmal geheult. Dann sagte ich mir, jetzt musst du hart sein, sonst kommst du nicht durch. Das Schlimmste war, sie hatten die Stromleitung kaputtgemacht und wir hatten kein elektrisches Licht. Bis August 1946 haben wir ohne Strom gelebt. Die Wasserleitung war auch kaputt. Und in Obernigk gab es nicht mehr viel Brunnen oder Pumpen. Wir mussten ein ganzes Stück laufen bis zum nächsten Brunnen. Wir haben uns Schnee in die Badewanne getan und andre Gefäße und aufgetaut. Nun wurde es auch zeitig dunkel, da haben wir Frauen uns auf dem Heuboden versteckt die Nacht über. So eine Nacht kann sehr lang werden. Wir hatten uns doppelt und dreifach angezogen. Aber ich hatte trotzdem Husten, auch durch den Staub vom Heu. Um nicht laut zu husten, hab ich mir den Schal in den Mund gesteckt, denn oft hörte man Patrouille hinter der Scheune gehen. Denn abends kamen sie in die Häuser und suchten, wo jemand war, oder plünderten. Taschenlampen und Kerzen nahmen sie zuerst weg. Einmal kamen sie, als wir uns noch nicht versteckt hatten, da hatte ich unheimlich Angst, aber es ist mir dann doch nichts passiert. Einmal, als wir uns Brot holen wollten, kamen welche mit Karabinern hinter uns her. Wenn wir Wasser holen wollten, mussten wir sehen, wenn es mal etwas ruhig war. Es wurden auch verschiedne Häuser abgebrannt, so auch die Konservenfabrik.

Es war wohl der 31. Januar, als wir hörten, dass die Russen ein Schnapslager gefunden hätten, da fürchteten wir uns vor der Nacht. Auf derselben Straße paar Häuser weiter hatten sich Polen niedergelassen, die damals in Deutschland gearbeitet hatten. Die waren am Feiern. In diesem Haus versteckten wir uns in einem Raum. Die Flugzeuge flogen auch, weil damals um Breslau gekämpft wurde. Manchmal drückten welche die Klinke herunter, aber wir hatten abgeschlossen. Trotzdem war ich froh, als die Nacht um war. Am Morgen, als es ruhiger war, gingen wir in unser Haus. Da sah es wüst aus. Sie hatten manches zum Fenster herausgekippt oder die Kellertreppe runter. Oben in meinem Zimmer waren die Betten aufgeschlitzt und die besten Sachen weggenommen. Frau Glodny hatte dann auch schon die Nerven verloren und wollte nicht mehr in Obernigk bleiben. Sie besprach mit einer Polenfamilie, die nach Polen ziehen wollte, ob wir mitkönnten. Mich wollte sie erst da lassen, ich sollte allein auf ihr Haus aufpassen. Er sagte aber, das wäre doch nicht gut möglich. Da wir uns als Polen ausgeben wollten, habe ich mein Sparkassenbuch und Personalausweis im fremden Haus, wo wir übernachteten, hinter den Kachelofen ganz hinten in die Ecke geworfen. Ich habe es nach paar Monaten wiedergefunden.

Damals habe ich meine Bibel aufgeschlagen und das Wort gelesen: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Ich muss sagen, dieses Wort hat mir oft Kraft gegeben. Auch manche Psalmen, die ich in der Schule auswendig gelernt habe, wie: „Der Herr ist mein Hirte.“ Die Stelle: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Oder: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“ Wir hatten dann oft nicht viel Zeit übrig, oder abends gab‘s kein Licht, dann kam es mir zugute, was ich auswendig gelernt hatte.

Wir sind den Tag noch von Obernigk weggegangen. Die Mutter von Frau Glodny war damals 87 Jahre, die haben wir in einen Handwagen gesetzt und Herr Glodny und ich gezogen. Ich hatte noch paar Teile aus meinem Zimmer zusammengesucht und in einem Tischtuch verknotet. In der Handtasche hatte ich einen Kamm, eine Zahnbürste und Pasta und meine Bibel. Am nächsten Morgen hatte keiner einen Kamm außer mir.

Nun ging es in Richtung Polen. Frau Glodny wollte nach Oberschlesien. Wir kamen durch Prausnitz, eine Kleinstadt, dort wurden wir von russischen Soldaten kontrolliert. Die Polen und Frau Glodny redeten mit ihnen. Aus manchen Häusern kam Feuer. Wir durften aber dann weiter.

Als wir nach Klein Ellguth kamen, einem kleinen Bauerndorf, wurde es dunkel. Es war ja damals noch Krieg, und da durfte die Zivilbevölkerung abends nicht auf der Straße sein. Wir übernachteten in einem leerstehenden Bauernhaus. In dem Dorf war schon eine russische Kommandantur. Als wir nächsten Tag weiterwollten, durften wir nicht. Sie hielten uns zur Arbeit fest. Sie hatten schon einige Polen auch da behalten. In den Ställen standen noch überall die Kühe und Schweine, die mussten gefüttert und gemolken werden. Das war dann unsre Arbeit.

Nach paar Tagen hieß es, sie wollten das Dorf anzünden, weil sie in einer Scheune eine deutsche Uniform gefunden hatten. Wir mussten das Vieh in den Nachbarort treiben, Klein Peterwitz, dort war auch ein Dominium, so nannte man in Schlesien die Güter. Verschiedne Häuser brannten schon. Es war gar nicht so einfach, denn die Tiere wollten immer wieder zurück in ihre Ställe. Es fing dann auch an zu tauen und es war matschig. Wir mussten auch nach Klein Peterwitz umziehen. Wir bekamen alle fünf Tage eine Zuteilung an Lebensmitteln. Die melkenden Kühe kamen auf das Dominium, und in den Hof, wo wir dann wohnten, kamen die nichtmelkenden Kühe. Ich hab dann noch probiert zwischendurch, ob die nichtmelkenden Kühe nicht doch noch etwas gaben, und es kam noch was zusammen. Da hatten wir Milch zu trinken. Ich hab auch Quark gemacht, und von abgeschöpfter Sahne haben wir in einem Weckglas Butter geschüttelt. Wir bekamen Fleisch zugeteilt, aber damals bekamen die Schweine Rotlauf. Und wenn das Fleisch nicht so schön aussah, mochten wir es nicht essen und haben es im Garten vergraben, denn wir dachten, dass es von kranken Tieren war.

Ich musste damals auch mit melken. Früh, mittags und abends so 15 Kühe hintereinander, das war ein bisschen viel, und ich spürte meine Hände und Arme manchmal nicht. Wenn ich was sagte, da sagten sie, sie hätten keine Ursache, mit Deutschen Mitleid zu haben. Wenn ich in leeren Häusern noch was fand als Salben, hab ich es genommen und die Arme und Hände eingerieben. Wir konnten ja nicht einfach zum Arzt oder zur Apotheke gehen, das gab es zu der Zeit nicht.

Wir waren nur wenige Deutsche und Polen da, und wir waren von allem abgeschnitten. Wir wussten nicht, was in der Welt vor sich ging und wie weit es mit dem Krieg war. Wir hatten keine Zeitung, kein Radio. Wir waren vogelfrei. Außer der Familie Glodny war noch Frau Dolezol, eine Studienratswitwe mit ihrem 15jährigen Sohn mit bei uns. Sie wohnte früher in der oberen Etage von der Villa von Frau von Hedemann. Als die Russen kamen, haben sie sich gleich in der Villa niedergelassen, die Offiziere, und Frau Dolezol musste raus. Sie kannte die Familie Glodny und hat sich uns angeschlossen.

Es war Anfang März. Frau Glodny hatte wohl mit dem Kommandanten gesprochen, sie wollte ja nach Oberschlesien. Anfang März durften sie weiterziehen. Ein Tag vorher sagte sie zu mir, was ich machen werde, wenn sie nach Oberschlesien weiterziehen. Alle wollten ja auch die Russen nicht weglassen. Mir lag auch gar nichts daran, denn ich dachte ja nach Möglichkeit zu meinen Eltern zu gehen.

So blieb ich mit Frau Dolezol und Theo dort und wir haben weiter dort gearbeitet. Frau Dolezol musste auch, obwohl sie solche Arbeit gar nicht gewöhnt war, Kühe füttern und Schweine und mit ausmisten. Die Polen sagten: „Gneu tschepatsch“, das heißt: „ich werfe Mist“. Ein paar Wörter Polnisch konnte ich dann auch, damit man sich etwas verständigen konnte. In unser Haus zogen dann noch paar Polen ein und Frau Maria, eine Polin, sie sagten Maruschka. Wir drei in einem Zimmer, ich schlief in einem Kinderbett und Frau Dolezol mit Theo in den Ehebetten, die da standen. Viele dachten, wir wären eine Familie.

Theo wollte sich ein Radio zusammenbasteln, wenn er mal ein bisschen freie Zeit hatte. Das wollte er mit dem Dynamo von einem Fahrrad antreiben. Er hatte es auch schon bald so weit. In der Scheune haben wir es gemacht. Ich hab den Dynamo gedreht. Es fing schon an Töne zu geben. Aber da bekamen wir über Ostern Einquartierung: russisches Militär. Unsre Betten mussten wir frei machen für Offiziere und in der Scheune im Stroh schliefen noch Mannschaften. Natürlich haben sie unsre Bastelei gefunden und es war weg. Wir mussten sehen, dass wir ein Plätzchen fanden im Stall im Gang. Wir mussten auch für sie kochen. Kuchen wollten sie auch, da haben wir so eine Art Pfefferkuchen gebacken, so aufs Blech ausgerollt, weil uns der Zucker fehlte. In dem Bauernhof war auch ein Backofen. Den habe ich fertig gemacht und gebacken.

Es war im April, da hatten sie die Männer, die da waren, weggeholt, so auch Theo. Sie meinten immer, er wäre schon 17 Jahre, weil er so groß war. Und damals waren oft 17jährige schon zum Volkssturm gekommen. Sie hatten sie nach Trachenberg gebracht. Als sie nach paar Tagen nicht wiederkamen, ist Frau Dolezol zu Fuß nach Trachenberg gelaufen und hat ihn auch wiedergebracht, sonst wär er wohl noch weiter weggekommen, sie sollten dann noch woanders eingesetzt werden. Frau Dolezol konnte auch Polnisch sprechen, weil sie früher mal in Oberschlesien gewohnt hatte. Nun sollte sie aber einen Beweis bringen, dass Theo erst 15 Jahre alt ist, aber sie hatte nichts. Ihr Koffer war ihr schon in Obernigk weggenommen worden, und ihre Papiere hatte sie auch in dem fremden Haus versteckt wie ich, aber in ein Sofa so zwischen die Ritzen. Nun wollte sie Erlaubnis haben, nach Obernigk zu gehen um zu sehen, ob in ihrer Wohnung noch ein Beweisstück war. Der Kommandant gab einen Erlaubnisschein für Frau Dolezol und mich, der Theo musste da bleiben, damit wir auch wiederkommen sollten. Wir gingen früh weg und sollten abends zurück sein. Bis Obernigk waren es wohl so 20 km. Wir gingen erst in das Haus, wo wir die Papiere versteckt hatten, es wohnten Polen drin. Frau Dolezol fand ihre Papiere nicht, sie waren weg. Ich hab meine wiedergefunden hinter dem Ofen. Dann gingen wir in die Wohnung von Frau Dolezol, dort wohnten noch russische Offiziere. Frau Dolezol konnte sich mit ihnen verständigen. Die Russen wohnten aber nur in der Wohnung, wo früher von Hedemanns gewohnt hatten. Oben sah es noch kunterbunt aus. Ein großer Müllhaufen in der Mitte des Wohnzimmers. Wir suchten nach irgendeinem Beweisstück. Mehrere Russen standen um uns herum. Ich fand dann ein Schulheft von Theo, wo auf dem Deckel das Geburtsdatum stand, das war auch alles. Damit mussten wir aber erst auf die Kommandantur und die Erlaubnis haben, dass wir es mitnehmen durften. Frau Dolezol hätte noch gern paar Wäscheteile mitgenommen, aber das durfte sie nicht.

Nun wollte ich aber noch gern sehen, wie es meinen Eltern ging, so sind wir noch die 5 km nach Riemberg gelaufen. In Riemberg waren viele Häuser abgebrannt, aber unsres stand, aber es war leer. Wir gingen weiter im Dorf, da kamen Volksdeutsche, die sagten uns dann, die Deutschen wohnen alle in einer kleinen Nebenstraße, weil die Hauptstraße dauernd Militär durch kam. Es war ja noch immer Krieg, es wurde um Breslau gekämpft. Wir fanden die Eltern, die waren sehr erstaunt, als ich kam. Sie sagten auch, es wäre gut, dass ich die Zeit nicht zu Hause war. Mutter musste jeden Tag für die Russen kochen. Unsre Nachbarin hatten sie erschossen, weil sich die Tochter und Schwiegertochter versteckt hatten. Unser Vater hatte sie noch helfen vergraben im Garten. Wir hatten nicht allzu lange Zeit. Ich sagte nur, wo ich jetzt war und dass sie sich nicht sorgen sollten.

Dann machten wir uns auf den Rückweg. Es war schon spät, eh wir ankamen. Das letzte Stück mussten wir Feldwege gehen, weil wir schon mal angehalten wurden. Theo war sehr froh, als wir wieder da waren. Für den Weg hatten wir uns Kopftücher umgebunden und das Polenabzeichen, ich glaub das war ein rotweißes Band um den Arm, so wie die Polenflagge war. Wenn uns Militär begegnete, konnte Frau Dolezol auf Polnisch antworten.

Dann am 8. Mai hieß es, der Krieg ist aus. Nun wollten sie feiern. Es wurde von Brettern so eine Tanzdiele hergerichtet, Essen und Schnaps sollte es geben. Auch uns hatte der Kommandant eingeladen. Wir hatten aber keine Lust zu gehen, denn so etwas artet meistens aus. Wir haben zum Teil noch Arbeit übernommen von Polen. Nachher lagen viele herum total betrunken.

Nachher fingen sie an, Vieh nach Russland zu treiben. Oft nahmen sie junge Menschen zum Viehtreiben mit. Die kamen dann nach Russland oder Sibirien. Frau Dolezol hatte wieder Angst um Theo und mich. Wir überlegten schon, ob wir in einem solchen Fall ausreißen könnten. Aber nun ist ja alles noch gutgegangen.

Ich hatte mir inzwischen auch eine Glucke gesetzt, die hat auch paar Küken ausgebrütet. Es war Mitte Juni, da fragten wir, ob wir nach Hause könnten, weil auch nicht mehr so viel Vieh da war. Wir bekamen dann die Erlaubnis. Der Kommandant ließ einen Wagen anspannen und ein Pole fuhr uns, erst Frau Dolezol nach Obernigk und mich nach Riemberg. Ich hab mir sogar die Glucke mitgenommen, da hatten wir später mal ein Ei.

Etwas hatte ich noch vergessen, was vorher war. Es war an Himmelfahrt. In Prausnitz sollte ein katholischer Gottesdienst sein. Wir hatten ja seit Januar keinen Gottesdienst gehabt. Es war da auch noch eine deutsche Familie aus Klein Ellguth. Er und sie, ein gelähmter Sohn, die Tochter Marga 21 Jahre und noch ein einjähriger Sohn. Marga musste zentrifugen und dann Butter machen, bei der Buttermaschine drehen musste ich oft helfen. Suchantke hießen sie, sie waren katholisch. Nun gingen wir zur Kirche. Frau Dolezol, Theo, ich, Marga und wohl noch paar Polen. Die Messe war lateinisch, aber die Predigt deutsch. Er sprach, wie Jesus bei der Himmelfahrt die Hände ausbreitete und die Erde segnete, trotz allem. Es hat uns gestärkt. Als wir nach Hause kamen, meinte der Kommandant: Es ist nicht erlaubt, in den nächsten Ort zu gehen ohne Erlaubnisschein. Er wollte uns in den Keller sperren. Herr Suchantke hatte sich dann für uns eingesetzt, und so ist uns nichts passiert. So muss ich wohl sagen, dass die ganze Zeit wohl oft Engel um uns waren, die uns bewahrt haben.

Ja, und nun kommt die Zeit, als ich in Riemberg war. Meine Eltern wohnten zu der Zeit in der Siedlung mit Korsigs zusammen. Sie hatten damals noch eine Kuh, die die Russen ihnen noch gelassen hatten. Inzwischen waren noch mehr Familien nach Riemberg zurückgekommen. Sie waren mit dem Treck nach der Tschechoslowakei gekommen, und als dort die Russen kamen, mussten sie wieder raus. Nun dachten viele, weil der Krieg nun aus war, sie wollten nach Hause, sich noch paar Kartoffeln anbauen, damit sie dann was zu essen haben. Es waren auch Frauen mit kleinen Kindern dabei. Unsre Mama hatte dann die Milch, die wir von der Kuh hatten, verteilt, jeder etwas, damit wenigstens die kleinen Kinder etwas hatten.

In Riemberg war auch russische Kommandantur, sie wohnte nicht weit weg von uns. Im Nachbarhaus wohnte eine Familie mit drei jungen Mädchen 16, 18, 20 Jahre. Eines Abends klopften sie an unsre Tür, Vater sah nach, sie bei uns rein und auf der andern Seite wieder zum Fenster raus, sie haben sich dann im Kornfeld versteckt. Sie wurden von Russen verfolgt. Nun ich aus dem Bett, hinter dem Schrank war noch ein Spalt, da hab ich mich gekauert, der Sack mit den paar Sachen stand noch da, den hab ich vor mich gestellt. Es dauerte auch nicht lange, da kamen Russen und suchten nach den Mädchen, auch in meinem Bett, unter dem Bett, im Schrank, dann im Keller, auf dem Boden, aber sie fanden nichts. Nach einer Zeit kamen sie wieder, ich wieder in mein Versteck. Im allgemeinen durften sie der Zivilbevölkerung nichts tun, aber oft wurde nichts danach gefragt.

Unser Vater musste zur Arbeit, die Straßen ausbessern und Steine klopfen. Als die Ernte anfing, es war ja noch viel Getreide angebaut gewesen von den Deutschen im letzten Herbst, da mussten wir zur Erntearbeit. Sie holten uns auch nach Obernigk zur Ernte, weil ihnen dort die Leute fehlten. Vor allem uns jüngere. Mit dem Wagen wurden wir hingefahren und Ende er Woche zurück, wir wohnten in der Kommandantur. Ein Volksdeutscher war als Dolmetscher mit. Die meisten schliefen auf der Erde auf einer Matratze. Drei Betten standen im Zimmer, in einem schlief ich mit Heidenreich Friedchen. Wir mussten Garben binden und aufstellen, dann später, als es eingefahren war, beim Dreschen helfen. Wir bekamen dreimal am Tag Essen, meist Kartoffelsuppe, manchmal mit Rindfleisch gekocht. Wenn wir mal eine Schnitte Brot dazu bekamen, haben wir es in die Schürzentasche gesteckt, damit wir zwischendurch was hatten. Zu trinken sollten wir uns einen Eimer Wasser mitnehmen, aber das war auch nicht immer gut. Wir haben uns manchmal in der Mittagspause im Nebenhaus, wo ein Ofen stand, Lindenblütentee gekocht, den es in vielen Häusern getrocknet gab, oder wenn wir noch Kaffeeersatz hatten. Für die Arbeit bekam ich dann paar Sack Weizenkörner, das hat uns dann gut geholfen. Später haben wir dann jeden Abend mit der Kaffeemühle unsre Tagesration gemahlen.

Ich weiß nicht mehr, ob es noch vor der Erntearbeit war, da hatte jemand gehört, dass in der Konservenfabrik in Obernigk, die abgebrannt war, im Keller noch was zu holen war. Wir taten uns einige zusammen, und jeder mit einem Handwagen zogen wir früh so um 4 Uhr los. Wir mussten so bis 6 Uhr raus sein, dann stellten sie Wachen auf. Wir steigen durch die Trümmer in den Keller ein. Da waren noch Büchsen mit Schnippelbohnen, Mohrrüben und Kürbis im Glas. Wir packten unsre Wagen voll. Als wir aus Obernigk raus waren, bis im Wald, haben wir erstmal Rast gemacht und etwas gegessen aus Büchsen oder Glas. Wir haben auch Pilze gesucht auf den Wiesen und im Wald, damit wir was zu essen hatten.

Nachher wollten wir auch gern wieder in unser Haus einziehen, aber da waren sämtliche Fenster und Türen raus, auch Scheunentore und Hoftor. Auch Matratzen und Chaiselongue hatten sie weggeholt, und zwar in den Wald. In der Zeit, wo sie um Breslau kämpften, haben sie viel Militär im Obernigker Wald gelagert. Sie haben so provisorisch Buden aufgebaut und sich aus den Dörfern geholt, was sie brauchen konnten. Wenn wir mal Zeit hatten, gingen wir in den Wald und suchten, was wir noch fanden, vieles war auch schon kaputt. Bis zum Herbst hatten wir unser Haus soweit hergerichtet, dass wir einziehen konnten.

Erst war aber noch Typhus ausgebrochen. Viele waren krank, auch unsre Mama. Wir hatten keinen Arzt, keine Medikamente. Zuerst ging Schwester Elsbeth vom Warteberg in die Häuser und hat etwas die Kranken betreut. Dann wurde auch sie krank und ist auch daran gestorben. Wir haben abwechselnd ihr was zu Essen gebracht. Mal bekamen wir Pferdefleisch von einem Pferd, das sich das Bein gebrochen hatte, da haben wir Fleischbrötel gemacht, da hat Schwester Elsbeth sich gefreut. Es sind damals viel an Typhus gestorben, besonders junge Menschen. Die Heidenreich Friedchen ist auch gestorben. In der Hentke Familie sind drei junge Mädchen gestorben, die Mutter und die zwei jüngsten schulpflichtigen Kinder blieben zurück, der Vater war im Krieg gefallen. Wenn jemand gestorben war, wurde von Schrankbetten ein Sarg gemacht, auf einen Handwagen geladen, und einige gingen mit. Am Friedhof haben wir ein Lied gesungen und gebetet. Einen Pastor hatten wir nicht. Ich habe damals kein Typhus bekommen, trotzdem ich in einem Zimmer mit Mama geschlafen habe.

Etwas hatte ich noch vergessen. In der Konservenfabrik in Obernigk fanden wir auch noch in großen Tonnen einen Rest in Salz eingestampft, Sellerie, Petersilie und Porree. Auch davon haben wir uns geholt, wir nahmen Eimer und Kannen mit und füllten sie. Es hat uns auch sehr geholfen, denn oft hatten wir auch kein Salz. Einmal sind wir auch „rapsen“ gegangen. In Leipe war ein großes Feld mit Raps, der fiel schon bald aus. Wir nahmen eine größere Schüssel mit und streiften Rapskörner hinein. Aber da kam ein polnischer Revierförster, der sagte, dass wir das nicht dürfen. Wir mussten dann noch für ihn graben im Garten und Holz sägen und bekamen aber wenigstens Essen. Von dem Raps hab ich in Obernigk in einer Ölmühle Öl machen lassen.

Als wir dann in unser Haus eingezogen waren, da kamen auch Polen in unser Haus. Für uns durften wir ein Zimmer und eine Kammer behalten. Wir stellten im Zimmer einen eisernen Ofen zum Kochen auf, denn wir hatten da drin nur einen Kachelofen zum Heizen. Wenn ich mal abends was lesen wollte, hab ich die Ofentür aufgemacht und im Schein des Feuers gelesen. Bis spät in den November wurden wir geholt zum Kartoffelnsammeln, auch noch in andre Dörfer. Unsre Mama hatte ein kleines Öllämpchen gefunden, das wir manchmal anzündeten. Aber oft hatten wir kein Öl oder Petroleum. Wir hatten auch Kürbisse gelegt und so riesengroße geerntet. Die wurden zerteilt und verteilt, da gab es oft Kürbissuppe. Unsre Kuh hatten sie uns dann aber auch eines Nachts weggeholt. Zuerst hatten Tiroks und Fiebig auch noch eine, aber so nach und nach hatten sie alle weggenommen.

Es war im Oktober, da sollten wir das erste Mal in unserer Kirche Gottesdienst haben. Wir haben die Kirche geschrubbt und etwas ausgebessert. Herr Pastor Jäkel aus Auras kam und hielt den Gottesdienst. Als Kollekte gaben wir paar Kartoffeln oder was im Garten gewachsen war. Wir feierten Erntedankfest. Der Pastor konnte ja auch nicht bezahlt werden. Er hat sechs Gemeinden betreut. Sonntagvormittag zwei Gottesdienste und Nachmittag ein Gottesdienst. Wir hatten von da an alle 14 Tage Gottesdienst. Er kam mit einem alten Fahrrad, denn bis Auras musste man eine Stunde laufen. Meistens schon Samstagabend und hat Konfirmandenstunde gegeben. Er hat abwechselnd bei den Leuten gegessen. Pastor Jäkel war schon zeitig aus Gefangenschaft gekommen, er war noch jung und hatte kleine Kinder. Die meisten kamen ja erst viel später nach Hause. Von da an kamen auch mal einzelne Briefe durch, die mit welchen über die Grenze mitgegeben wurden. Ich glaube es war damals schon dort, wo jetzt die Grenze von der DDR zum Polnischen ist. Wenn einer einen Brief bekam, der wurde nach der Kirche an alle vorgelesen. Wir haben auch versucht an Meta zu schreiben, und haben auch mit jemandem mitgegeben.

Es war Samstag vor Totensonntag, ich ging nochmal in den Wald, ob ich noch paar Pilze finden würde. Unter Moos unter niedrigen Nadelbäumen wuchsen manchmal noch Graureizker. Ich fand noch paar, aber da fand ich auch ein Glas Schweinefleisch, wie es bei uns die Bauern eingekocht haben, es war noch zu und der Gummring abgerissen, weil es ein Rillenglas war. Nun hatten wir einen schönen Sonntagsbraten.

Dann kam Weihnachten. Wir hatten paar Zweige im Wald geholt. Eine Kerze hatten wir in einen Blumentopf in Sand gestellt. Einen Mohnkuchen, aber anstatt Zucker Sirup drin, haben wir gebacken. Am Nachmittag war eine Christvesper. Am Abend kamen auf einmal paar Polen, die mit einem Auto am Anfang des Dorfes in den Graben gefahren waren. Wir sollten helfen herausschieben. Vater und ich gingen mit und Mutter sollte zeigen, wo noch andre Deutsche wohnten. Ich weiß es nicht, wie es kam, ob Mutter sie nicht recht verstanden hat, sie haben Mutter so geschlagen, dass sie lauter blaue Flecke am Rücken hatte. Es tat mir so leid. Es kamen dann noch andre helfen, und wir waren froh, als wir das Auto rauskriegten und sie weiterfuhren. Für uns waren es aber traurige Weihnachten.

Es war im Herbst, als ich mal wieder in Obernigk war mit anderen, kamen wir auch bei Glodnys Haus vorbei. Es wohnten Polen drin, die Polenflagge wehte. Hinter der Scheune war ein großer Müllhaufen, da entdeckte ich einzelne Blätter von Büchern, die mir mal gehörten. Wir stocherten weiter, da fand ich meine Invalidenkarte, die zuletzt Glodnys in Verwahrung hatten. Sie war wohl etwas dreckig, aber man konnte noch alles lesen und die eingeklebten Marken waren auch drin. So hatte ich hier dann einen Beweis, dass ich geklebt hatte und brauchte nicht erst Zeugen suchen, die es bestätigten.

Das Jahr 1946

Im Januar 1946 wurde ich vom polnischen Revierförster eingeteilt zum Stämmeschälen. Zwei Männer haben Bäume gefällt im Pathendorfer Wald. Es wurde Kahlschlag gemacht. Marga Wandel, Elsbeth Ratzka und ich, wir mussten die Baumstämme schälen. Wir hatten einen Spaten, der schön scharf war, es waren große Baumstämme. Wir gingen früh und blieben den ganzen Tag, wir nahmen uns Essen mit. Wir sollten dafür auch was bezahlt bekommen. Da mussten wir zum Revierförster nach Heinzendorf gehen. Zuerst hatte er paarmal kein Geld, dann bekam ich mal 400 Zloty für vier Wochen Arbeit.

Bei uns in Riemberg war ja noch kein Geschäft. Wir mussten nach Wohlau 19 km gehen was kaufen. Ein Brot kostete 90 Zloty, ein Pfund Salz 20 Zloty, Butter 100 Zloty, Hering und Stück Wurst hatten wir glaub ich gekauft, aber wir mussten auch anstehen in den Geschäften. Frau Ratzka war damals noch mitgekommen. Aber ein Tag ging damit hin.

In der Zeit hatte uns der Pole bei uns den Kellerschlüssel weggenommen, wo wir die Kartoffeln drin hatten. Er hatte zwar für uns gegeben, was wir brauchten, aber wir wollten gern Frl. Erfurth was geben, sie hatte uns im Herbst helfen sammeln. Sie wohnte allein in ihrem Haus und war ungefähr 60 Jahre alt, aber ihr wurde immer alles gleich weggenommen, wenn sie mal was hatte. Früher hatte sie ein Kolonialwarengeschäft, wir sind als Kinder schon zu ihr einkaufen gegangen, da hat sie uns auch immer ein Bonbon gegeben. Wenn ich in den Wald ging zur Arbeit, musste ich durchs ganze Dorf an ihrem Haus vorbei, manchmal hatte ich ihr paar Kartoffeln zum Fenster rein gegeben, die ich mir in die Tasche gesteckt hatte. Ich musste nur aufpassen, dass von den Polen mich keiner sah. Die andern jungen Mädchen und Frauen mussten auf dem Dominium beim Dreschen helfen.

Es war dann kurz vor Ostern, da kam Martha zu uns, zu Fuß. Sie war ja 1945 im Friedenshort in Michowitz bei Beuthen als Helferin. Wie dann dort die Russen kamen und der Krieg aus war, sollten sie für Polen optieren und mussten aber Polnisch sprechen. Martha konnte nicht Polnisch sprechen und wollte es auch nicht gern. Sie ist dann mit einigen andern bis ins Gebirge nach Mittelschlesien gegangen, da hatte der Friedenshort auch eine Zweigstation. Sie blieb dort bis Frühjahr 1946. Von da war es bis zu uns nicht mehr ganz so weit, ich weiß aber auch nicht mehr, wie lange sie unterwegs war. Sie haben sie auch mal unterwegs kontrolliert. Etwas bange war sie auch, ob unser Pole das überhaupt haben wollte, wenn sie bei uns war. Wir rückten wieder ein bisschen zusammen.

Unser Pole hatte auch inzwischen seine Frau und den vierjährigen Jungen nachgeholt. Eine Kuh und paar Schweine und Hühner hatte er. Er fing an etwas Land zu bestellen, die bauten viel Hirse an. Martha hatte dann bei unserm Polen geholfen. Wir hatten für uns auch wieder ein Stück Land mit dem Spaten mit Kartoffeln gepflanzt, damit wir dann wieder was zu Essen haben wollten. Aber im August mussten wir ja dann unsre Heimat verlassen.

Ich hab im Sommer auch noch im Wald Stämme geschält, und ein Stück mussten wir neu anpflanzen, junge Bäumchen. Mit der Bezahlung war es immer schlecht, man musste lange drauf warten. Als es dann Pilze und Beeren hab, haben wir  manchmal zwischendurch Blaubeeren gepflückt. Wenn wir was zusammen hatten, sind wir nach Obernigk gegangen und wollten sie gegen Lebensmittel eintauschen. In Obernigk wohnten dann schon eine ganze Menge Polen, die auch schon mehr hatten als die in Riemberg. Unser Pole durfte nicht merken, wenn ich nach Obernigk ging, da bin ich manchmal zum Fenster rausgestiegen, denn wenn ich durch den Hausflur ging, konnten sie mich sehen, die Küchentür hatte eine Glasscheibe. In Obernigk sollte ich dann mal in einer Familie arbeiten kommen, Wäschewaschen und Gartenarbeit, sie wollten mir Brot und Mehl und Speck geben. Das hab ich auch dann mehrmals gemacht. Ich ging aber abends immer zurück nach Hause, denn ich wollte nicht, dass wir wieder getrennt würden. Es gingen schon immer Parolen um, dass wir Deutschen wieder raus müssen.

Einmal war ein schweres Gewitter, ein richtiger Wolkenbruch kam herunter, ganz schwarz wurde es, das Wasser stand in Obernigk so kniehoch auf den Straßen, ich ging aber doch, als es vorbei war, nach Hause, die Schuhe in die Hand und barfuß. Als ich nach Hause kam, war bei unserm Nachbar Tirok der große Birnbaum vom Blitz getroffen. Er lag so schräg zu uns und gerade an unserer Hausecke vorbei.

Als ich einmal abends nach Hause ging, sah ich von weitem einen Lastwagen mit Russen auf der Straße stehn, ich war dann bange vorbeizugehn, da machte ich einen Umweg und ging Nebenwege. Nun kam ich dadurch ziemlich spät nach Hause, sie hatten schon gewartet, und Vater wollte mir entgegen kommen. Er stand dann am Anfang von Obernigk und wartete auf mich und ich war inzwischen schon zu Hause, aber dann kam er doch, da hatten wir auf ihn gewartet. Ich sagte dann, er sollte es lieber nicht mehr machen, weil ich ja nie wusste, ob ich die Straße kam.

Es war wohl den 15. oder 16. August, da mussten wir raus. Einen Tag vorher wurde es gesagt. Wir sollten nach Wohlau in unsre Kreisstadt. Was wir auf einen Handwagen tun konnten, nahmen wir mit. Für jeden ein Federbett in einen Sack gesteckt. Ein paar Töpfe, auch Teller und Tassen und so, was wir grad noch hatten, denn die Russen hatten uns ja schon das meiste genommen. Wir haben nachts noch Brot gebacken für unterwegs, zwei Säckchen Mehl hatten wir auch noch. Der Weg bis Wohlau dauerte auch paar Stunden. In Wohlau auf dem Kasernenhof haben wir dann noch eine Nacht gelagert, wir bekamen eine Mehlsuppe zu essen. Es waren auch aus andern Dörfern vom Kreis Wohlau Leute da. Meine Cousine Gerda Winkler haben wir da getroffen, sie war in Heidersdorf im Haushalt, als die Russen kamen. Einen Tag ging ein Transport ab, der soll in die Lüneburger Heide gekommen sein. Dann kamen wir dran, erst durch die Kontrolle mit unserm Gepäck, der Handwagen musste da bleiben. Dann musste alles schnell gehen, alles zogen sie aus den Säcken und Taschen, dann wieder schnell einpacken und schon schoben sie uns auf der andern Seite raus. Ein Säckchen Mehl haben sie uns genommen, die Teller haben wir in der Eile vergessen einzupacken. Nachher hatten wir noch zwei Teller, die wir in der Tasche hatten, zwei Teller für vier Personen, und es gab nichts zu kaufen. 35 Personen mit Sack und Pack kamen in einen Viehwaggon. Setzen konnten wir uns auf unsre Säcke. Wir wussten nicht, wo wir hinkommen werden.

Manchmal hielt der Zug auf freier Strecke. Wir waren vier Tage unterwegs. Wir waren auch bange, dass sie uns nochmal ausplünderten, aber wir hatten noch Glück. In Cottbus kamen wir über die erste Grenze, da bekamen wir so ein komisches Puder in den Nacken gestreut, weil sie dachten, wir hätten Läuse. Dann kamen wir über die zweite Grenze und wurden auch ausgeladen in Marienborn. Es war Abend, da mussten wir in das Siedlungs-Durchgangslager. Wir wurden registriert, bekamen auch was zu essen. Geschlafen haben wir in Kästen mit Stroh, das schon mehr Häcksel war. Wir waren hier im Westen.

Am nächsten Morgen kamen wir in einen Personenwagen der Bundesbahn. Wieder kamen wir nachts an, in Wiedenbrück am Bahnhof. Nun wollten wir aber bis morgens warten, und dann kamen Busse, die uns in Lager brachten. Zuerst wurden ein ganz Teil nach Gütersloh gefahren. Auch von den Riembergern sind viele dahin gekommen, dort waren zwei Lager.

Wir blieben in Wiedenbrück, im Gasthaussaal von Klein wurde ein Lager eingerichtet. 150 Betten, sie waren zweistöckig, immer zwei Betten zusammen. Unsre Eltern schliefen unten, und Martha und ich schliefen oben. Ein Stuhl stand daneben, sonst musste man auf der Bettkante sitzen. Unsre Säcke standen in der Ecke. Dann kam schon wieder das nächste Bett. Es waren meistens aus andern Dörfern vom Kreis Wohlau welche. In der Mitte vom Saal war eine Reihe Tische und Stühle, wenn wir unsre Mahlzeiten bekamen. Mittagessen und ein paarmal in der Woche abends warmes Essen kam von einer Großküche. Wir stellten uns an mit einem Gefäß und jeder bekam einen Schlag. Brot und Belag wurde so verteilt. Kaffee wurde in einem Kessel im Gasthof gekocht. Es war nicht allzuviel, aber zur Not ging‘s schon. Manchmal haben wir uns von dem Mehl, was wir noch hatten, in der Küche etwas Mehlsuppe gekocht. Waschen mussten wir uns in einem großen Waschraum, da waren ringsherum mehrere Wasserkräne angebracht und provisorische Becken. Aber wenn 150 Menschen sich waschen müssen, so war es nicht immer einfach. Wenn wir unsre Wäsche waschen wollten, haben wir so in einer Schüssel ausgewaschen, ein Waschkessel mit heißem Wasser stand meistens da. Dann haben wir draußen am Hof zwischen den Bäumen jeder ein Stück Schnur gespannt und aufgehängt.

Abends haben wir manchmal in den Betten gesungen, die Heimatlieder, eins war damals neu gedichtet auf unsre besondre Situation. Ich kann es nicht mehr ganz auswendig, ein Stückchen daraus war so:

Den schönsten Platz, den ich auf Erden hab,
das ist die Rasenbank am Elterngrab,
ja, auch diese ist mir nicht vergönnt,
weil ich so weit, so weit von ihr getrennt.

Wir waren vier Wochen im Lager. Damals kam einer, von dem ich erfuhr, dass Frau Herzog, die ich von Schlesien aus kannte, hier in Marienfeld bei ihrem Bruder wohnte. Ich bin dann mal hingefahren. Mit dem Bus bis Gütersloh und dann mit der Teutoburgerwaldbahn. Ich hab da noch paar Tage geholfen, dafür bekamen wir etwas Lebensmittel.

Damals fragten sie, ob Männer da sind, die auf der Straße arbeiten wollten, da hat sich Vater dazu gemeldet, obwohl er damals schon 65 Jahre war. Er hat dann noch paar Jahre dabei gearbeitet. Vielleicht hat er durch die Arbeit es besser überwunden, dass er von zu Hause weg musste.

Wir haben in der ersten Zeit erst versucht, Wiedenbrück kennenzulernen. Sonntag sind wir auch in die kleine evangelische Kirche gegangen. Ehe die Vertriebnen kamen, war Wiedenbrück Diaspora. Aber nun kamen eine ganze Menge Evangelische. Wir hatten dann zwei Mal Gottesdienst, um 8 Uhr und ½ 10 Uhr. Nach dem Gottesdienst standen wir meistens noch etwas zusammen. Der Zusammenhalt war damals noch größer als es heute ist. Dadurch dass alle vor dem Nichts standen, ließ es sich auch leichter ertragen. Im Gottesdienst haben wir das Lied damals viel gesungen:

Harre meine Seele, harre des Herrn,
alles ihm befehle, hilft er doch so gern,
in allen Stürmen, in aller Not
wird er dich beschirmen, der treue Gott!

 

Harre meine Seele, harre des Herrn,
alles ihm befehle, hilft er doch so gern,
wenn alles bricht, Gott verlässt dich nicht,
größer als der Helfer ist die Not ja nicht.

Ein Wort ist mir auch noch sehr in Erinnerung, was wir damals im Gottesdienst hörten: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.“

Nach vier Wochen Lager kamen wir in eine Wohnung. Wir kamen auf die Heidbrinkstraße zu Frau Steuernagel. Sie hatte eine Mietswohnung im Hause von Kathöfers. Ihr Mann war gefallen und sie war mit dem 7jährigen Karlheinz allein. Sie behielt für sich das Schlafzimmer und Wohnküche, und wir bekamen ihr Wohnzimmer. Es war leer. Die Eltern sollten da schlafen und für uns vier Personen kochen und wohnen. Wir bekamen zwei Feldbetten, die grad unter der schrägen Wand Platz hatten. Einen ganz einfachen Tisch bekam ich von Bresser und zwei Schemel ohne Lehne, die konnte man unter den Tisch schieben. Ein Bett diente als Sofa. Einen kleinen eisernen Ofen bekamen wir. Herr Kathöfer hat uns von Sperrholzplatten einen Kleiderstock gemacht und ein Regal für Töpfe und Geschirr. Kartons schoben wir unter die Betten. Ich sollte unten bei dem Hauswirt schlafen im Wohnzimmer, aber da musste auch der achtjährige Sohn auf der Couch schlafen. Zuerst wollten sie es nicht, die Polizei kam, und sie ließen es dann zu. Ich hab ein Bett beantragt, aber als ich es bekam, da hatte es nicht Platz hinter der Tür. Ich habe dann längere Zeit auf einem Liegestuhl geschlafen, eine Kindermatratze drauf.

Ich habe am 1.10. bei der Firma Bresser, einer Sperrholzfabrik, anfangen zu arbeiten. Meine Schwester Martha fing am 1.11. dort an, weil sie erst einen entzündeten Finger hatte. Wir waren auf dem alten Bau und mussten Furniere kleben. Wir machten Wechselschicht, morgens von ½ 6 Uhr bis 2 Uhr, nachmittags von 2 Uhr bis ½ 11 Uhr. Wir hatten es nicht weit bis zur Fabrik. Trotzdem wir Fabrikarbeit nicht gewöhnt waren, haben wir uns schnell eingearbeitet. Zu jeder Maschine gehörten drei Mädchen oder Frauen. Eine musste legen, eine einschieben und die andre abnehmen, dabei drücken und schneiden, damit immer kurze Stücke geklebt wurden. Wir haben uns immer abgewechselt, damit es nicht zu langweilig wurde. Es waren damals viel Vertriebene bei der Firma Bresser beschäftigt.

… Zu Weihnachten wollte meine Cousine Gerda ihre Angehörigen mal besuchen, sie fragte, ob sie paar Tage Urlaub bekäme. Sie war damals erst so 16 Jahre alt und sie wollte nicht so gern allein fahren so eine weite Strecke, da hab ich gefragt, ob ich auch Urlaub bekäme. Wir sind dann am 12.12. gefahren bis nach Neujahr. Zu essen haben wir was mitgenommen für unterwegs. Die Züge waren meist sehr voll, besonders der D-Zug von Kassel nach München, da wären wir bald nicht reingekommen. Es fuhr nur einer am Tag. Wir standen dichtgedrängt. … Dann mussten wir noch ein ganzes Stück laufen, denn Tante wohnte bei einem Bauern ziemlich abgelegen. Wir sind dann doch noch, eh es richtig dunkel wurde, hingekommen. … So haben wir Weihnachten dort verlebt. Dort war Schnee und etwas kälter als hier.

Wir sind einen Samstag zurückgefahren, als wir abends 10 Uhr in Lippstadt ankamen, erfuhren wir, dass von Lippstadt bis Wiedenbrück kein Zug mehr fuhr. Auch am nächsten Tag, den Sonntag, fuhr kein Zug. Man hatte uns in Bayern nicht richtig gesagt. In Lippstadt auf dem Bahnhof kamen welche von der Bahnhofsmission, denn der Bahnhof wurde dann geschlossen. Wir konnten bei der Bahnhofsmission übernachten. Jeder konnte eine Decke für 10 Mark leihen und in Kästen mit Stroh konnte man schlafen. Morgens bekamen wir noch warmen Kaffee und dann mussten wir wieder raus. Aber was sollten wir den ganzen Tag in Lippstadt, wir kannten niemand und viel Geld hatten wir auch nicht mehr. Zu essen hatte Tante uns ja was mitgegeben. Da nahmen wir unser Gepäck und sind zu Fuß die 20 km gelaufen. Es war Frost, aber kein Schnee. Es war so gegen Mittag, da kamen wir in Batenhorst bei Familie Bröckelmann an, wo Gerda wohnte. Bis zu uns war es dann nicht mehr weit.

Die erste Weihnacht in Westfalen und bei der Firma Bresser, da bekamen wir 1 Teller, 1 Schüssel, 1 Tasse und 1 größere Tasse und 1 Arbeitskittel mit Ärmeln, den man auch als Kleid anziehen konnte. Das war eine Freude, denn damals bekam man so etwas in den Geschäften nicht zu kaufen. Nun hatte wenigstens jeder einen Teller zum Essen.

,1947-1951

1947 war es auch noch sehr schlecht mit Lebensmitteln. Wir bekamen wohl Lebensmittelkarten, auch die kleinste Zusatzkarte, die haben wir meistens abgegeben für Mittagessen in der Firma. Es war ja auch nicht besonders, aber man war froh, wenn man was hatte. Freitags, wenn es Kartoffeln und Fisch mal gab, da freuten wir uns, denn Kartoffeln waren immer nicht viel zu finden im Essen.

Ostern 1947 bekam ich ein Fahrrad durch die Firma zu kaufen, aber auch nur einige. So gab es auch keine. Unser Vater hatte dann auch ein Herrenrad bekommen, vom Straßenbau, wo er arbeitete. Nun konnte man schon mal eine Radtour machen. Wir bekamen dann auch mal Stoff für Nachthemden. Da gab es dort eine Baracke, wo eine Nähmaschine stand, da konnte man nähen und musste eine Kleinigkeit bezahlen. Ich hab mir auch mal ein Kleid von Resten genäht, eine Frau konnte gut zuschneiden, das hab ich mir machen lassen. Wegen Brot und Fleisch mussten wir oft anstehen, da haben wir uns manchmal abgewechselt.

Im November 47 kam Oskar aus Gefangenschaft nach Hause. Da die Eltern von ihm noch Papiere hatten, konnte er gleich in Wiedenbrück bei der Post anfangen zu arbeiten. Ich hatte vorher noch vergessen, dass Martha in einem andern Haus geschlafen hat. Jetzt, da Oskar kam, hab ich mit Martha zusammen geschlafen und Oskar bei Kathöfers.

Im Jahr 1948 war die Währungsreform. Die Reichsmark verlor ihren Wert, wir hatten ja nicht viel übrig, denn was wir verdienten, brauchten wir zum Leben. Bei der Währungsreform bekam jeder 40 DM Kopfgeld. Danach waren auf einmal Sachen in den Geschäften zu sehen, die es vorher nicht gab, nur hatte man nicht immer genug Geld, es zu kaufen. Kostgeld mussten wir ja zu Hause auch abgeben. Mit Frau Steuernagel haben wir uns gut verstanden. Wir konnten auch ihre Waschmaschine benutzen, sie war aber mit der Hand zu drehen.

Im Jahr 1949 haben wir versucht, eine größere Wohnung zu bekommen. Es war Anfang 1950, da konnten wir umziehen. Wir zogen zu Familie Kathöfer auf die Siechenstraße. Es war ganz entgegengesetzt. Wir hatten dann zur Arbeit etwas weiter. Die Wohnung aber war aber schön. Eine schöne Wohnküche, zwei Zimmer, ein Vorrat, aber da konnte auch noch ein Bett drin stehen. Der Spülstein war darin, aber Wasser mussten wir unten auf der Deele holen. Es war die ganze obere Etage, aber keine schrägen Wände. Nun mussten wir Gardinen für vier Fenster haben, da haben wir Stoff gekauft und ich hab genäht. Bei dem Umzug hab ich mich erkältet und lag mit Grippe dann im Bett gleich in der neuen Wohnung.

Es war auch 1950, da hab ich Rudi kennengelernt. Rudi wohnte in Oelde und arbeitete bei der Firma W. + H. Frieling. Rudi stammte aus der Danziger Niederung. Er hatte seit 1935 eine eigne Siedlung in Güttland. Er hat damals das erstemal geheiratet. Im Jahr 1945 ist seine Frau und auch die kleine Helga an Typhus in Dänemark gestorben. Die Eltern von Rudi hatten in Grebinerfeld eine größere Landwirtschaft, welche Reinhard, der älteste, übernehmen sollte. Für Werner hatte Opa dann auch eine Siedlung in Stüblau gekauft. Rudi war von 1940 bis zum Ende im Krieg und bis 1946 in russischer Gefangenschaft, so dass seine Frau den Hof allein mit fremden Leuten bearbeiten musste. Für die Frauen war es auch eine schwere Zeit. Rudi ist durch die Anschrift eines Kriegskameraden hier nach Oelde gekommen, denn er wusste in der letzten Kriegszeit von seinen Angehörigen nicht, wo sie waren. Aus der Danziger Gegend, die kamen alle mit dem Schiff nach Dänemark. Die Eltern von Rudi waren auch in Dänemark bis 1947. Von da kamen sie nach Oberbayern bei Wasserburg am Inn. Rudi hatte so nach und nach durch Suchstellen erfahren, wo die Angehörigen sind. Auch dass seine Frau und das Kind nicht mehr lebten.

Als Rudi nach Oelde kam, hat er durch das Arbeitsamt eine Stelle bei dem Bauer Schulze Weppel bekommen. Er war drei Jahre da. Dann hat er aber doch versucht, in der Fabrik zu arbeiten. Nun kam er in das Emaillierwerk. Nur eine Wohnung zu kriegen für ihn, war auch schwer. Frau Hagelüke, die als Mädchen bei Schulze Weppel war und inzwischen in einen Kotten geheiratet hatte, gab ihm ein kleines Zimmer auch mit Kost. In der Freizeit hat er noch etwas mitgeholfen.

Als wir uns 1950 schon eine Weile kannten, sagte Rudi, er hätte vor, im August, wenn er Ferien hat, nach Kronach (Oberfranken) zu fahren zu seinen beiden Brüdern Reinhard und Werner. Die Eltern wollten von Oberbayern auch hinkommen. Ich hatte zur gleichen Zeit Ferien. Da fragte mich Rudi, ob ich nicht mitkommen wollte, damit ich seine Familie kennenlernte. Nun fuhren wir zusammen. Rudi und ich wohnten bei Werner, dem jüngsten Bruder. Die Eltern wohnten bei Reinhard, dem älteren Bruder. Bei Werner war damals Gerhard 3 Jahre. Bei Reinhard war Hans-Dieter 1 ¼ Jahr. Sie hatten damals auch sehr kleine Wohnung, aber trotzdem, es ging alles. Ich muss sagen, dass sie mich alle gleich akzeptiert haben.

Am 10.9.1950 haben wir uns verlobt. Rudi war dann zum Wochenende meistens in Wiedenbrück. Wir hatten dann vor, im April 1951 zu heiraten. Es war noch schwer, eine Wohnung zu bekommen. Rudi hörte, ein Arbeitskollege wollte bauen und musste die obere Wohnung vermieten, da wollten wir uns eintragen lassen, damit sie uns sicher war. Da aber Rudi Witwer war, stand ihm keine Wohnung zu. So um Weihnachten sagte Rudi, ob wir nicht schon bald standesamtlich heiraten wollen, damit wir Anspruch auf eine Wohnung hätten. Wir meldeten uns an und wurden ausgehängt. Am 16.1.51 war die standesamtliche Trauung hier in Oelde. Nun haben wir aber dann schon schneller eine Wohnung bekommen bei Frau Brinkmann. Sie kannte Rudi, als er bei dem Bauer Schulze Weppel war. Vom Wohnungsamt aus sollte sie jemand anderes nehmen, aber sie hat es dann doch durchbekommen, dass wir die Wohnung bekamen. Es waren zwei kleine Räume, Küche und Schlafzimmer. Wir konnten sie schon vor unsrer Hochzeit fertig machen, so dass wir gleich einziehen konnten. Ich habe noch bis Ende März in der Fabrik bei Bresser gearbeitet. Ich hatte mit meiner Schwester, als wir in Wiedenbrück die größere Wohnung bekamen, zusammen ein Schlafzimmer gekauft. Als ich heiratete, hab ich meiner Schwester den Teil bezahlt und das Schlafzimmer mit nach Oelde genommen. Rudi hatte inzwischen die Kücheneinrichtung gekauft.

… Es war damals die Zeit, wo es an Lebensmitteln noch nicht so gut war. Mein Vater wollte, weil es die erste Hochzeit war, die er ausrichten konnte, es nun besonders gut machen. Er kaufte ein Schwein. Und es gab „Schweineschlachten“. Das Beste vom Fleisch wurde als Hochzeitsbraten gemacht. Herr Kasper, der früher in Riemberg Fleischer war und damals in Isselhorst bei Gütersloh wohnte, hat geschlachtet. … Die Hochzeit wurde in unsrer Wohnung bei Kathöfers gefeiert. Ein Tag vor der Hochzeit war Polterabend und es wurde gekränzt. Das wurde unten bei Kathöfers in der Küche gemacht. Frau Kathöfer hat viel geholfen. Die Nachbarn waren alle beteiligt. Wir haben auch noch Nachtquartier bei den Nachbarn besorgt.

Die Trauung war noch in der alten kleinen Kirche in Wiedenbrück. Unser Trauspruch war: „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Herr Pastor Cyrus hat uns getraut. Ja, für mich begann damit ein neuer Abschnitt, die Ehe.

Wir haben damals viele praktische Geschenke bekommen, die wir gut gebrauchen konnten. Vieles hab ich heute noch. Meine Schwester Liesbeth hat sich z. B. mit einem Essservice für sechs Personen abgeschleppt von der DDR aus. Onkel Oskar ein Kaffeeservice. Blumenvasen, Tortenplatten und andres mehr.

Am 17.4.51 bin ich nach Oelde gezogen. Onkel Oskar kam mit und passte auf, damit der Spiegel nicht kaputt gehen sollte vom Schlafzimmer. …

Ich muss sagen, es folgten glückliche Jahre. Wenn es zuerst auch noch sehr bescheiden bei uns war. …

Gertrud Schütz im Schrebergarten

Gertrud Schütz im Schrebergarten in Oelde (Bild von Rudi Schütz)

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