Warten können

„Immer muss man warten, warten, das will ich nicht.“ Ich hatte den Eindruck, da steckt ein kindlicher Trotz dahinter, vielleicht auch ein Stück Verwöhnung. Man kriegt alles gleich, weil den Eltern die Kraft und auch die Geduld fehlt, übertriebenenen kindlichen Wünschen ein Stück Vernunft entgegenzusetzen – und so lernt man es nie, Geduld zu üben.

Ein Mädchen steht einem übermäßig großen schmutzigen Wecker gegenüber - kann es warten?

Warten können muss man wohl auch lernen (Bild: Linus_Picture – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Freitag, 14. Dezember 2007, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm mitten in der Adventszeit 2007!

Wir lesen die Bibellese des heutigen Tages im Buch Jesaja 45, 1-8. Da geht es um einen anderen Gesalbten, einen anderen Christus als den, auf den wir im Advent warten, nämlich den Perserkönig Kyros, der den Juden nach der Verbannung in Babylon die Rückkehr ins Land Israel ermöglichte:

1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben:

2 Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen

3 und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode, damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels.

4 Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest.

5 Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest,

6 damit man erfahre in Ost und West, dass außer mir nichts ist. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr,

7 der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.

8 Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen.

Im Namen Gottes, der als Schöpfer unser aller Vater ist, im Namen Jesu, der als Sohn des himmlischen Vaters unser Erlöser wurde, und im Namen des Heiligen Geistes, der als die göttliche Liebe des Vaters vollkommen im Sohn wohnte.

Wir singen jetzt im Eingangsteil als Kyriegebet das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“, zunächst die erste Strophe:

Maria durch ein Dornwald ging, Kyrie eleison! Maria durch ein Dornwald ging, der hat in siebn Jahr kein Laub getragn. Jesus und Maria.

Menschen gehen durch ihr Leben wie durch einen Dornwald. Kein Laub, keine Früchte. Wo liegt der Sinn von dem, was wir tun? Wo sind Ergebnisse, Erfolgserlebnisse? Die Dornwälder unseres Lebens bringen wir vor dich, Gott, und vertrauen sie dir an – Herr, erbarme dich!

Wir singen die zweite Strophe des Liedes:

Was trug Maria unter ihrem Herzen, Kyrie eleison? Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen. Jesus und Maria.

Eine Frau und ein Kind in ihrem Leib. War sie wirklich ohne Schmerzen? Vielleicht doch nicht, vielleicht auch nicht ohne Sorgen, immerhin musste der Vater erst lange überlegen, ob er das Kind als sein eigenes anerkennen sollte. Ein Engel musste all seine Überredungskünste aufbieten, um in Josef den liebevollen Vater zum Leben zu erwecken. Jesus und Maria – Hoffnung für die Dornwälder unseres Lebens.

Und die dritte Strophe folgt:

Da haben die Dornen Rosen getragen, Kyrie eleison, als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen. Jesus und Maria.

Kaum zu glauben, dass die Gegenwart des göttlichen Kindes die Dornen zum Blühen bringt. Doch das Wunder wird geschehen: Gottes Sohn lässt allein durch seine Existenz in den Dornwäldern unseres Lebens Rosen wachsen: Trost im Leid, Mut in der Angst, Vergebung in der Schuld, Freude im Grau des Alltags. Gott wird ein Kind.

In der Stille besinnen wir uns auf das, was wir im Advent zu erwarten haben.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Einen guten Gedanken im Advent möchte ich Ihnen weitersagen, heute wird es ein ganz kurzer sein.

Ich kam auf diesen Gedanken, als ich Anfang Dezember mit einer jungen Frau über die Frage diskutierte, ob man den Weihnachtsbaum schon am Anfang der Adventszeit aufstellen und schmücken solle oder erst zum Heiligen Abend. Sie meinte, dass man doch nicht so viel davon hätte, wenn der Baum nur an Weihnachten geschmückt wäre.

Aber am Ende kam heraus, dass sie doch einfach Mühe damit hatte, warten zu können. Sie mochte nicht so viel Geduld aufbringen. „Immer muss man warten, warten, das will ich nicht.“ Ich hatte den Eindruck, da steckt ein kindlicher Trotz dahinter, vielleicht auch ein Stück Verwöhnung. Man kriegt alles gleich, weil den Eltern die Kraft und auch die Geduld fehlt, übertriebenenen kindlichen Wünschen ein Stück Vernunft entgegenzusetzen – und so lernt man es nie, Geduld zu üben.

In diesen Zusammenhang passt ein guter Gedanke von Pierre Stutz, den ich kürzlich las und der mir den Sinn der Adventszeit noch einmal sehr klar gemacht hat:

Warten können

Unglücklichsein beginnt damit, nicht warten zu können. Wir möchten alles haben und möglichst sofort. Erfülltes Leben lehrt eine andere Sprache. Wesentliche Grundwerte wie Liebe, Versöhnung, Sinn und Glück sind weder käuflich noch wie ein Eigentum zu besitzen, sie werden geschenkt. Der Alltag besteht dann im achtsamen Erwarten, in der Offenheit für den Geschenkcharakter des Lebens.

Das spricht doch dafür, den Weihnachtsbaum mit seinen vielen Lichtern, wenn man ihn denn überhaupt zu Hause bei sich aufstellt, wirklich erst zum Heiligen Abend zu schmücken. Vorher muss man sich an das helle Licht der Weihnacht erst langsam gewöhnen: erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann erst ist Weihnachten. Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen mit dieser besinnlichen Geduld in den verbleibenden zehn Tagen bis Weihnachten!

Wir singen das Lied 6:

1. Ihr lieben Christen, freut euch nun, bald wird erscheinen Gottes Sohn, der unser Bruder worden ist, das ist der lieb Herr Jesus Christ.

2. Der Jüngste Tag ist nun nicht fern. Komm, Jesu Christe, lieber Herr! Kein Tag vergeht, wir warten dein und wollten gern bald bei dir sein.

3. Du treuer Heiland Jesu Christ, dieweil die Zeit erfüllet ist, die uns verkündet Daniel, so komm, lieber Immanuel.

4. Der Teufel brächt uns gern zu Fall und wollt uns gern verschlingen all; er tracht‘ nach Leib, Seel, Gut und Ehr. Herr Christ, dem alten Drachen wehr.

5. Ach lieber Herr, eil zum Gericht! Lass sehn dein herrlich Angesicht, das Wesen der Dreifaltigkeit. Das helf uns Gott in Ewigkeit.

Lasst uns beten!

Wir beten für Menschen, die auf dem Weg sind. Für Menschen, die auf guten Wegen gehen, dass sie nicht von ihnen abirren. Für Menschen, die auf Abwege geraten sind, dass sie sich wieder zurechtfinden. Für Menschen, die wandern im finsteren Tal, dass du bei ihnen bist, dass dein Stecken und Stab sie trösten. Für Menschen, die im Finstern wandeln, dass sie wieder Licht sehen. Denn dein Licht weist den Weg, der zur Hoffnung führt.

Wir beten für Menschen, die schnell auf ihrem Weg voraneilen, dass sie die Einsicht finden, auch einmal innezuhalten, zu prüfen, ob sie auf dem richtigen Weg sind, ob die Richtung noch stimmt, ob auch die Begleiter das Tempo noch mithalten können. Denn auf dem Weg nach Bethlehem muss man nicht der Schnellste sein, auf dem Weg zum Jesuskind bleibt niemand auf der Strecke, auf dem Weg zu dem Gott in der Krippe kommt jeder ans Ziel.

Wir beten auch für Menschen, die müde geworden sind auf ihrem Weg, dass sie es sich ruhig gönnen, hin und wieder eine Rast einzulegen, dass sie nicht zu stolz sind, um sich ein Stück des Wegs mitnehmen zu lassen, und dass sie einmal überprüfen, ob sie nicht längst am Ziel angelangt sind. Denn der Weg nach Bethlehem ist gar nicht so weit, wie wir denken. Der Weg zum Jesuskind ist nicht weiter als der Weg zum Herzen eines anderen Menschen. Bei dem Gott in der Krippe kommt der, der am Ende ist, als allererster an.

Schließlich beten wir für Menschen, die auf ihrem Weg in eine Sackgasse geraten sind, dass sie den Mut finden, innezuhalten, sich umzuschauen, umzukehren. Denn wer in die falsche Richtung gelaufen ist, braucht sich dafür nicht zu schämen. Wer sich noch auf den Weg nach Bethlehem machen will, muss keine Angst haben, zu spät zu kommen. Der Gott, der ein Kind wurde, stößt niemanden zurück, der sich nach ihm sehnt.

Gott, zeige uns das Licht deiner Weihnacht. Denn dein Licht weist den Weg, der zur Hoffnung führt. Amen.

Vater unser

Wer möchte, kann noch Kerzen anzünden oder etwas in das Buch schreiben oder einen Stein auf dem Altar loswerden, der ihm auf der Seele lastet.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

Geht mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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