Eine gefesselte Hand löst unsere Fesseln

Predigt zum Lied: „Christe, du Schöpfer aller Welt“.

Jesu Hände, ans Kreuz gefesselt, segnen die ganze Welt, bedecken mit Gnade den Zorn, „den Menschenschuld in Gott erweckt“. Gott selbst bedeckt seinen eigenen Zorn mit seiner eigenen Liebe. Gott vergisst die Übeltaten der Menschen nicht. Doch auch böse Menschen will Gott nicht einfach vernichten. Er will, dass sie sich wandeln.

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 25. März 2005, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst am Karfreitag in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 3, 16:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Unter dem Leitgedanken „Gnade bedeckt Gottes Zorn“ denken wir darüber nach, welche Bedeutung der Tod Jesu am Karfreitag für uns hat. Ist das Kreuz ein Symbol für Gottes Zorn oder für seine Liebe oder vielleicht sogar beides?

Wir singen das Passionslied 76:

1. O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß äußert und kam auf Erden; von einer Jungfrau rein und zart für uns er hier geboren ward, er wollt der Mittler werden. Den Toten er das Leben gab und tat dabei all Krankheit ab, bis sich die Zeit herdrange, dass er für uns geopfert würd, trüg unsrer Sünden schwere Bürd wohl an dem Kreuze lange.

2. So lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein, nach seinem Willen leben. Auch lasst uns sein der Sünde feind, weil uns Gotts Wort so helle scheint, Tag, Nacht danach tun streben, die Lieb erzeigen jedermann, die Christus hat an uns getan mit seinem Leiden, Sterben. O Menschenkind, betracht das recht, wie Gottes Zorn die Sünde schlägt, tu dich davor bewahren!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 34:

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

17 Das Angesicht des HERRN steht wider alle, die Böses tun, dass er ihren Namen ausrotte von der Erde.

18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

20 Der Gerechte muss viel erleiden, aber aus alledem hilft ihm der HERR.

21 Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, dass nicht eines zerbrochen wird.

22 Den Gottlosen wird das Unglück töten, und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.

23 Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, in der Bibel steht, dass du gerecht und gnädig bist. Manchmal zweifeln wir daran.

Wir beklagen, dass es bösen Menschen gut geht, und dass gute Menschen Leid tragen müssen. Ist das gerecht, Gott im Himmel?

Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit, aber manchmal haben wir auch Angst davor. Denn auch wir machen Fehler, werden schuldig, vergelten Böses mit Bösem statt mit Gutem, übertreten ein Gebot. Sollten wir uns dann nicht lieber nach deiner Vergebung sehnen, als auf Gerechtigkeit zu bestehen? Vergibst du uns wirklich? Oder wirst du ewig auf uns zornig sein?

Hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach deiner Gerechtigkeit und nach deiner Gnade, bitten wir dich: Gerechter Gott, sei uns gnädig! Gnädiger Gott, öffne uns die Tür zu deiner Gerechtigkeit!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten zu Gott mit Worten aus Psalm 145:

17 Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken.

18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.

19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

20 Der HERR behütet alle, die ihn lieben, und wird vertilgen alle Gottlosen.

Lasst uns Gott lobsingen!„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Du, Gott, Vater Jesu Christi und unser Vater! Stimmt es denn, was wir im Psalm gebetet haben? „Der HERR behütet alle, die ihn lieben, und wird vertilgen alle Gottlosen.“ Als gottlose Menschen deinen Sohn ans Kreuz schlugen, hast du sie da vertilgt und ihnen den Hammer aus der Hand genommen? Als Jesus am Kreuz starb – hast du ihn da behütet? Wir stehen entsetzt und staunend unter dem Kreuz und fragen uns, was da geschehen ist: Etwas Wunderliches oder etwas Wunderbares? Öffne uns die Augen für das Geheimnis des Todes deines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung zum Karfreitag aus dem Evangelium nach Lukas 23, 33-49:

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.

36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig

37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!

38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?

41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde,

45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.

46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!

48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.

49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Wir bekennen gemeinsam unseren christlichen Glauben, heute ausnahmsweise mit den Worten des Glaubensbekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel. Sie finden es im Gesangbuch unter der Nummer 805:

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein. Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.

Wir singen das Lied 80:

1. O Traurigkeit, o Herzeleid! Ist das nicht zu beklagen? Gott des Vaters einigs Kind wird ins Grab getragen.

2. O große Not! Gotts Sohn liegt tot. Am Kreuz ist er gestorben; hat dadurch das Himmelreich uns aus Lieb erworben.

3. O Menschenkind, nur deine Sünd hat dieses angerichtet, da du durch die Missetat warest ganz vernichtet.

4. O selig ist zu aller Frist, der dieses recht bedenket, wie der Herr der Herrlichkeit wird ins Grab versenket.

5. O Jesu, du mein Hilf und Ruh, ich bitte dich mit Tränen: hilf, dass ich mich bis ins Grab nach dir möge sehnen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, in der Predigt lege ich heute das Passionslied 92 aus: „Christe, du Schöpfer aller Welt“. Schlagen Sie es bitte auf, wir werden es während der Predigt auch singen. Ursprünglich stammt es aus dem 9. Jahrhundert, damals wurde es noch auf lateinisch gesungen. Vor 130 Jahren hat es Theodor Kliefoth ins Deutsche umgedichtet. Schauen wir uns die erste Strophe an:

1. Christe, du Schöpfer aller Welt,
du König, der die Gläub’gen hält,
weil unser Bitten dir gefällt,
nimm unser Loblied an, o Held.

Ungewöhnlich wird Christus angeredet: „Christe, du Schöpfer aller Welt!“ Ist für die Weltschöpfung nicht Gott der Vater zuständig? Der Mensch Jesus kann doch bei der Erschaffung der Welt noch nicht dabei gewesen sein. Das ist richtig. Gemeint ist: Die Weisheit, in der Gott die Welt erschaffen hat, ist die gleiche, die in Jesus Fleisch und Blut angenommen hat. Wenn aber Gottes Geist vollkommen in Jesus gewohnt hat, dann ist auch umgekehrt auch Gott, der Schöpfer, ohne den Menschen Jesus nicht denkbar. Die Welt ist für uns nur als sehr gute Schöpfung Gottes erkennbar, wenn wir sie mit den liebevollen Augen Jesu anschauen.

Im gleichen Atemzug wird Jesus als König angesprochen. Er ist allerdings kein König, der in einem Palast wohnt, Untertanen ausbeutet oder Soldaten in den Krieg schickt. Sondern ein König, „der die Gläubigen hält“. Auf ihn kann man sich verlassen. Ihm gefällt es sogar, wenn wir ihn um etwas bitten. Und die erste Bitte, die in diesem Lied an Jesus gerichtet wird, lautet einfach: „Nimm unser Loblied an, o Held!“ Wenn man auf jemand vertraut, wenn man mit jemandem gute Erfahrungen gemacht hat, dann möchte man ihn nicht immer nur mit Bitten und Klagen bestürmen, sondern ihm auch einmal zeigen, wie gern oder wie lieb man ihn hat. Loblieder für Gott oder für Jesus haben vor allem diesen Sinn – sie drücken aus, was wir für ihn empfinden, wenn wir auf ihn vertrauen.

Noch eine weitere Anrede für Jesus finden wir hier: „Held“. Aber was für ein Held ist Jesus? Einer, der möglichst viele Feinde im Krieg tötet? Nein. Auf andere Art beweist er Mut und rettet Menschen. Wie er das tut, davon erzählen die weiteren Strophen des Liedes. Zum Beispiel gleich die zweite Strophe:

2. Kein Maß hat deine Gnad gekannt,
hat in Geduld mit starker Hand
durch Leid am Kreuz gelöst das Band,
das Adams Sünde um uns wand.

Das Heldenhafte an Jesus ist nicht äußere Kraft oder Tapferkeit im Krieg. Heldenhaft ist vielmehr seine Gnade, die kein Maß kennt, die also nicht irgendwo aufhört, sondern unendlich groß ist. Diese Gnade ist so mächtig, dass sie ein gefährliches Band lösen kann. Dieses Band, so dick wie ein Schiffstau, das uns Menschen fesselt, ist Adams Sünde, die alle Menschen fest im Griff hat. Von Adam wird in der Schöpfungsgeschichte beispielhaft erzählt, dass er gemeinsam mit Eva der Versuchung erliegt, lieber ein Verbot Gottes zu übertreten, statt ganz auf Gott zu vertrauen. Die Stimme der Schlange sät Misstrauen zwischen den Menschen und Gott, und damit beginnt die Sünde, in die wir alle von Kindheit an verstrickt sind. Denn überall, wo wir Probleme haben zu vertrauen, fangen wir an, uns auf uns selbst zurückzuziehen, und wir versuchen, allein zurechtzukommen, notfalls auch auf Kosten anderer Menschen. Falscher Stolz hat hier seinen Ursprung, aber zugleich auch tiefste Verzweiflung vieler Menschen und das Gefühl, nie genug zu haben. Adams Sünde ist unsere Sünde, weil wir alle Adam und Eva sind, Söhne der Erde und Töchter des irdischen Lebens: schwach ist unser Gottvertrauen, wenn eine Versuchung zu groß ist oder wir uns bedroht fühlen.

Aber auf welche heldenhafte Weise hat Jesus das tödliche Band der Sünde gelöst? Hat er es mit einem Schwert durchgeschnitten, so wie Alexander der Große einfach den Gordischen Knoten durchgehauen hat, statt ihn aufzuknüpfen? Nein, Jesus hat es aufgeknotet: „in Geduld – mit starker Hand – durch Leid am Kreuz“. „In Geduld“, so wie man Zeit braucht, um ein verknotetes Schuhband aufzukriegen. „Mit starker Hand“ – denn: Geduld zu haben mit Menschen, die sich und andere immer wieder ins Unglück stürzen, das erfordert viel Kraft. „Durch Leid am Kreuz“ – das erscheint auf den ersten Blick unsinnig. Wie kann einer leiden – mit starker Hand? Jesus wurde an Händen und Füßen am Kreuz aufgehängt – und in dieser Haltung, völlig ohne Macht, soll er stark sein?

Bevor ich das Lied weiter bespreche, singen wir die beiden ersten Strophen:

1) Christe, du Schöpfer aller Welt, du König, der die Gläub’gen hält, weil unser Bitten dir gefällt, nimm unser Loblied an, o Held.

2) Kein Maß hat deine Gnad gekannt, hat in Geduld mit starker Hand durch Leid am Kreuz gelöst das Band, das Adams Sünde um uns wand.

Liebe Gemeinde, wie hat Jesus das geschafft – durch sein Leiden am Kreuz mit starker Hand die Sünde zu besiegen, in die wir Menschen verstrickt sind? Nicht einmal ein allmächtiger Gott kann Sünde mit Gewalt besiegen. Dann würde er Böses mit Bösem bekämpfen, und immer noch wäre Böses in der Welt. Es gilt, immer wieder neu, das Geheimnis zu begreifen, dass Gott, der Allmächtige, uns Menschen nur helfen kann, indem er selber ohnmächtig wird und leidet. Dieses Geheimnis wird in der dritten Strophe des Liedes so umschrieben:

3. Vor dem die Sterne neigen sich,
du kamst ins Fleisch demütiglich,
darin zu leiden williglich;
in Todesschmerz dein Leib erblich.

In drei Stufen steigt der Allmächtige hinab in die tiefste Ohnmacht. Denn Jesus ist eins mit dem Vater, vor dem sich die Sterne des Weltalls in Ehrfurcht verneigen.

  • Die erste Stufe führt nach unten ins Menschsein: Aus Demut kommt er ins Fleisch, also nicht weil er Menschen beherrschen will, sondern um uns zu dienen, wird er ein Mensch wie wir aus Fleisch und Blut, mit Leib und Seele.
  • Die zweite Stufe führt weiter abwärts ins Leiden: Jesus nimmt freiwillig auf sich, was Menschen ihm zufügen, obwohl er sich hätte entziehen können – sei es durch Flucht oder Gewalt oder übernatürliche Kräfte.
  • Und die dritte Stufe nach unten ist der Todesschmerz. Jesu Leib wird bleich im irdischen Tod, wie wir alle unausweichlich ihn erfahren werden.

Die vierte Strophe deutet an, wie die Hand Jesu den Knoten der Sünde löst, in die wir hineinverstrickt sind:

4. Die Hand gebunden ausgestreckt,
zu lösen, was in Banden steckt,
hast du mit Gnad den Zorn bedeckt,
den Menschenschuld in Gott erweckt.

Gefesselte Hände

Gefesselte Hände (Foto: pixabay.com)

Eine gefesselte Hand löst unsere Fesseln. Gerade indem sie nichts tut, indem sie im entscheidenden Augenblick das nicht tut, was menschlich so nahe liegt: Sich wehren, zum Schwert greifen, die Notbremse ziehen, sich losreißen und weglaufen. Jesus schlägt nicht zurück, als er geschlagen wird. Er lässt sich aufhängen am Kreuz, und seine Hände streckt man aus wie zum Segnen. Ja, seine gefesselten Hände segnen die Welt und vergeben den Menschen, die zu Gottes Feinden geworden sind, um sie zurückzugewinnen, die verlorenen Söhne und Töchter Gottes.

Das Wort Vergebung sucht man in dem Lied allerdings vergebens. Stattdessen ein weiteres Bild: Indem Jesus die gefesselten Hände wie segnend ausstreckt, deckt er etwas zu. Mit Gnade bedeckt er den Zorn, „den Menschenschuld in Gott erweckt“.

Gottes Zorn – muss Jesus den Zorn seines Vaters wirklich zudecken? Ist Gott wie ein unberechenbarer, jähzorniger Vater, den sein Lieblingssohn besänftigen muss, damit er seine anderen Kinder nicht im Zorn totschlägt? Das kann es wohl nicht sein.

Andererseits gibt es Menschenschuld, die in der Tat und mit Recht Gottes Zorn erweckt. Gott kann es nicht haben, wenn die Menschenwürde seiner Geschöpfe mit Füßen getreten wird. Und das nicht nur in Extremfällen wie bei dem Vater, der sein Kind brutal missbraucht und keinerlei Reue zeigt, und bei der Mutter, die tatenlos zusieht. Beim Mobbing im Büro, beim Hänseln auf dem Schulhof, bei scheinbar harmlosen Quälereien unter Bundeswehrkameraden fängt die Missachtung der Menschenwürde bereits an. Weiter geht es mit Wissenschaftlern, die anfangen, Lebewesen beliebig zu verdoppeln, oder mit Ärzten, die einen Computer ausrechnen lassen wollen, ob es sich noch lohnt, bestimmte Patienten am Leben zu erhalten. Ich denke, Gott hat allen Grund, auf Menschen zornig zu sein. Und es ist die Phantasie von uns Menschen, die sich immer wieder ausgemalt hat, mit welchen Höllenqualen Gott böse Menschen strafen müsste.

Das Problem dabei ist: Strafen denken wir uns immer für die anderen aus. Aber auch wir sind ja nicht vollkommen. Auch wir haben manchmal gehässige Gedanken oder reden schlecht über andere oder haben jemandem nicht geholfen, obwohl wir es konnten. Könnte ein strafender, ein zorniger Gott dann nicht auch auf uns zornig sein?

Aber Gott ist nicht blindwütig in seinem Zorn. Er vergisst nicht seine Liebe. Zorn ist eine Seite seiner Liebe, die nicht durchgehen lässt, was Opfern angetan wird und was Täter mit ihren bösen Taten auch ihrer eigenen Seele antun.

Und so ist es Gott selbst, der seinen eigenen Zorn mit seiner eigenen Liebe bedeckt. In Jesus hängt ja Gott selbst am Kreuz, lässt Gott sich selber fesseln, verzichtet er darauf, die Gottlosen buchstäblich vom Erdboden zu vertilgen.

Zwar vergisst Gott die Übeltaten der Menschen nicht. Trotzdem will er sie nicht vernichten. Gott geht das Leid der Opfer nahe und er gibt es nicht auf, Täter zur Einsicht und Umkehr zu bewegen. Jeder muss sich für das Böse, das er getan hat, vor Gott verantworten, aber nicht mit dem Ziel, vernichtet zu werden. Kann er in sich selber den von Gott geliebten Menschen entdecken, das nach Liebe bedürftige Kind, kann er zu empfinden lernen, was er anderen angetan hat? Mit Liebe den Zorn bedecken heißt also: Böses mit Gutem vergelten, aus Feinden Freunde machen, durch Vergebung Menschen dazu zu bringen, die eigene Schuld einzusehen und zu bereuen und sich zu ändern.

Vorige Woche erwähnte Prof. Gerd Hartmann in einem Vortrag vor der Gießener Dekanatssynode auch den Zorn Gottes. Er erzählte, dass Angehörige von Opfern des Zugunglücks bei Eschede einem Pfarrer gesagt hätten: „Lassen Sie Gottes Zorn aus dem Spiel! An diesem Unglück waren nur Menschen schuld!“ Und er meinte: Wenn man Gottes Zorn aus dem Spiel lässt, dann ist auch seine Gnade nicht im Blick oder man will von ihr nichts wissen. Menschlicher Zorn kann viel unbarmherziger sein als der Zorn Gottes, den es nicht ohne seine Gnade gibt.

Wir singen die Strophen 3 und 4:

3) Vor dem die Sterne neigen sich, du kamst ins Fleisch demütiglich, darin zu leiden williglich; in Todesschmerz dein Leib erblich.

4) Die Hand gebunden ausgestreckt, zu lösen, was in Banden steckt, hast du mit Gnad den Zorn bedeckt, den Menschenschuld in Gott erweckt.

Liebe Gemeinde, Jesus hängt sterbend, machtlos am Kreuz. Er scheint zu scheitern, zu versagen. Der Gott, der in die Welt kommt, um Menschen zu helfen, wird gequält und getötet. Doch Gottes Abstieg in die Tiefe ist kein Scheitern. Es hat einen erstaunlichen Aufstieg zur Folge. Unseren menschlichen Aufstieg beschreibt das Lied ebenfalls in drei Stufen:

5. Du hangst am Kreuze sterbend hier,
und doch erbebt die Erd vor dir,
der Geist der Kraft geht aus von dir,
die stolze Welt erblasst vor dir.

Der Mensch darf durch Gottes Gnade in drei Stufen herauskommen aus der Tiefe.

  • Erste Stufe: Die Erde erbebt vor Jesus – die Erde, in der unsere Toten ruhen, bleibt nicht mehr das Symbol der Leichenstarre und ewigen Totenruhe. Sie bewegt sich, bringt Unruhe in festgefügte Ansichten von Tod und Leben.
  • Zweite Stufe: von Jesus geht ein Geist der Kraft aus. Der hilft uns, auf Gott zu vertrauen und seine Liebe anzunehmen.
  • Dritte Stufe: die stolze Welt muss vor Jesus erblassen. Nicht die Totenblässe Jesu ist das Letzte, was von Jesus zu berichten ist. Der Stolz einer Welt, die meint, ohne Vertrauen und ohne Gott auszukommen, muss vor Jesus erblassen, kann vor der Liebe Jesu nicht bestehen.
Bevor ich die letzte Strophe auslege, singen wir die Strophen 5 und 6:

5) Du hangst am Kreuze sterbend hier, und doch erbebt die Erd vor dir, der Geist der Kraft geht aus von dir, die stolze Welt erblasst vor dir.

6) Jetzt um dein Siegerangesicht des ewgen Vaters Glanz sich flicht, jetzt mit des Geistes Kraft und Licht, o König du, verlass uns nicht. Amen.

Mit einem Lobpreis und einer Bitte an Jesus endet unser Lied:

6. Jetzt um dein Siegerangesicht
des ewgen Vaters Glanz sich flicht,
jetzt mit des Geistes Kraft und Licht,
o König du, verlass uns nicht. Amen.

Jesus ist Schöpfer, König, Held und auch ein Sieger in einer besonderen Weise.

Durch Liebe, Vergebung, Leiden besiegt er Zorn, Schuld, Tod. Dieser Sieger braucht keinen Lorbeerkranz wie die römischen Cäsaren, sondern die Liebe Gottes selbst spiegelt sich im Gesicht Jesu und macht seine Ausstrahlung aus.

Am Kreuz hängt also in Wahrheit ein König, der König des Himmels, den wir bitten dürfen: Verlass uns nicht – bleib bei uns mit deiner Kraft, mit deinem Licht. Die Kraft brauchen wir, um die an uns gestellten Herausforderungen bewältigen zu können und um auszuhalten, was uns auferlegt ist. Und das Licht brauchen wir, damit wir an der Wahrheit Gottes nicht irre werden, der schwach wurde, um uns zu stärken, der ohne Macht am Kreuz hing, um die Allmacht der wehrlosen Liebe zu erweisen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 87, das Adam Thebesius drei Jahre nach dem 30jährigen Krieg dichtete, in dem er seine Frau und vier seiner acht Kinder verloren hatte:

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

4. O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen und unter unsrer Last des Kreuzes nicht verzagen; hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron, wenn’s kommen soll mit uns zum Blute, Schmach und Hohn.

5. Dein Angst komm uns zugut, wenn wir in Ängsten liegen; durch deinen Todeskampf lass uns im Tode siegen; durch deine Bande, Herr, bind uns, wie dir’s gefällt; hilf, dass wir kreuzigen durch dein Kreuz Fleisch und Welt.

Lasst uns beten!

Gott im Himmel, du steigst hinab in die Tiefen des menschlichen Lebens und leidest mit an dem Unrecht, das Menschen einander antun. Du lässt dich aber nicht herabziehen in das Tun des Bösen, sondern du erleidest das Böse – und so besiegst du es. Auf diese Weise dürfen wir im Vertrauen auf dich wieder aufstehen – aus Verzweiflung, aus Angst, aus Sünde und Verantwortungslosigkeit und schließlich sogar aus dem Tod. Lass uns vor dir verantwortlich leben. Und wo wir Hilfe für unser Leben brauchen – lass uns Hilfe suchen und nicht zu stolz sein, um Hilfe anzunehmen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 79:

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut,

2. und bitten dich, wahr‘ Mensch und Gott, durch dein heilig fünf Wunden rot: erlös uns von dem ewgen Tod und tröst uns in der letzten Not.

3. Behüt uns auch vor Sünd und Schand und reich uns dein allmächtig Hand, dass wir im Kreuz geduldig sein, uns trösten deiner schweren Pein

4. und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns wirst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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