Vom Tode zum Leben hindurchdringen

Einen schwer zu begreifenden Konfirmationsspruch hatte der Junge von seinem Pfarrer bekommen. Zu seiner Beerdigung lege ich den Spruch für den Verstorbenen aus.

Vom Tode zum Leben hindurchdringen: Links von Nebel umwaberter Wald, rechts dringen Sonnenstrahlen auf sattes Grün zwischen den Bäumen

Wie kann ein Mensch vom Tode zum Leben hindurchdringen? (Bild: pixabay.com)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet. (Psalm 68, 20-21)

Liebe Frau K., liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!

Wir müssen heute Abschied nehmen von Herrn K., der mit [über 70] Jahren nach schwerer Krankheit gestorben ist. Nach gutem altem Brauch erinnern wir uns in dieser Stunde an sein Leben, indem wir uns wichtige Stationen seines Lebensweges ins Gedächtnis zurückrufen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Lasst uns beten mit Worten aus dem Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

6 Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Dich rühme ich immerdar.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

17 Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.

18 Auch im Alter, Gott, verlass mich nicht, und wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

EG 611:

1. Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt! Bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

2. Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Wir hören Worte des Propheten Jesaja 35:

3 Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

4 Saget den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er … kommt und wird euch helfen.«

5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.

6 Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.

10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen… mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Liebe Familie K., liebe Trauernde!

Als K. damals in jugendlichem Alter vor dem Konfirmationsaltar in der Kirche stand, bekam er einen Konfirmationsspruch mit auf den Weg, der im Evangelium nach Johannes 5, 24 steht. Jesus spricht:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.

Ob K. als Jugendlicher die Tragweite dieses Spruches damals bereits erfassen konnte, sei dahingestellt. Zu jener Zeit war er möglicherweise erst einmal einfach froh, den manchmal ziemlich brutalen Erziehungsmethoden seines Pfarrers entronnen zu sein. Dennoch, heute, in der Stunde des Abschieds von Herrn K., möchte ich mit Ihnen über die Wahrheit dieses Verses aus der Bibel nachdenken.

Hören wir noch einmal den Vers Johannes 5, 24. Der Text ist sogar noch ein wenig länger, als er damals auf der Konfirmationsurkunde geschrieben stand:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Vom ewigen Leben handelt dieser Text, von der Verschonung vor dem Gericht, vom Hindurchdringen vom Tode zum Leben. Das sind Themen, über die man heute selten nachdenkt. Darüber lässt sich ja auch schwer etwas Beweisbares sagen: Gibt es ein ewiges Leben? Müssen wir damit rechnen, uns einmal vor einem Weltenrichterzu verantworten? Kann man vom Tode noch einmal wieder zum Leben gelangen, statt nur immer in der anderen Richtung vom Leben zum Tode?

Jesus war damals davon überzeugt: Ja, es gibt außer dieser irdischen Welt auch die Welt Gottes, eine ewige Welt hinter unserem zeitlichen Weltall. Und diese Ewigkeit ist nicht einfach eine ins Unendliche verlängerte irdische Lebenszeit, sondern sie ist die Erfüllung von allem, was Menschen sich nur ersehnen können.

Auch von dem anderen war Jesus überzeugt: Es gibt ein Weltgericht. Es ist dem himmlischen Vater nicht einfach gleichgültig, was seine Menschenkinder auf Erden tun oder lassen. Wir sind ihm verantwortlich, und wir haben uns für alles zu verantworten, was eben in unserer Verantwortung liegt.

Beides zusammengenommen hat nun allerdings Generationen von Christen in Angst und Schrecken versetzt. Wenn es ein ewiges Leben gibt und wenn es zugleich einen göttlichen Richter gibt, der darüber entscheidet, ob es für uns diese ewige Erfüllung auch wirklich geben soll, dann könnte es ja auch sein, dass wir auf Erden nicht vollkommen genug gewesen sind, dass wir, wie man es sich mit einem einfachen Bild vorgestellt hat, nicht in den Himmel kommen. Gut, diese Frage ist heute vielleicht etwas aus der Mode gekommen. Aber ob das Leben eines Menschen von einem Sinn erfüllt war, das fragen wir uns immer noch, und für viele Menschen ist es eine bange Frage: War es denn genug, was ich geleistet habe? Kann ein Mensch je so vollkommen sein, dass er sich sozusagen die ewige Seligkeit damit verdient hätte? Und versinkt mit dem Tod alles, was gewesen ist, in die Bedeutungslosigkeit hinab?

Auf all diese Fragen finde ich in dem Wort Jesu eine Antwort. Er möchte uns aus der Ungewissheit herausreißen. Er geht einfach davon aus: Nicht unsere eigenen Taten, nicht unsere Leistungen als solche sind entscheidend dafür, ob unser Leben gerettet ist oder nicht, erfüllt oder vergebens, ob es ewig bleibt oder für immer zunichte wird. Entscheidend ist das, was die Bibel den Glauben nennt, und was wir heute vielleicht besser mit dem Wort „Vertrauen“ umschreiben. Da geht es um eine Lebenshaltung, die ganz eng mit dem verknüpft ist, was Jesus in seiner kurzen Zeit des Wirkens gesagt und getan hat: „Wer mein Wort hört“, sagt nämlich Jesus, der gewinnt ewiges Leben. Dieses Wort ist nämlich der Inbegriff dafür, dass Gott selber uns etwas zu sagen hat. Er teilt uns in Jesus etwas mit, nein, nicht etwas, er teilt sich selber mit! Alles, was Jesus gewollt hat, lässt sich so zusammenfassen: Wendet euch zu Gott! Macht eine Kehrtwendung zu einem Gott, der euch fremd sein mag, der euch aber näher ist, als ihr denkt! Nehmt den Gott wahr, der euch liebhat, der für euch da sein will wie ein Vater und wie eine Mutter! Ja, wer sich diesem Gott anvertrauen kann, „wer dem glaubt, von dem Jesus sich gesandt wusste“, der „hat das ewige Leben“, der „kommt nicht in das Gericht“, der ist bereits „vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“.

Mit anderen Worten: Wer sich so von Gott gehalten weiß, für den ist es gar kein Thema mehr: Was muss ich tun, um Anerkennung zu erlangen, um mir den Himmel zu verdienen, um mein Leben zu meistern? Das Urteil ist längst gesprochen, und es lautet: Begnadigung, Barmherzigkeit, unverdiente Liebe für alle, die sich der Liebe Gottes anvertrauen wollen. Der Himmel, das ewige Leben, die Seligkeit, die Sinnerfüllung unseres Lebens – das bekommen wir dann einfach als ein Geschenk, das uns in den Schoß fällt.

Aus einer solchen Haltung heraus zu leben, das führt nun keineswegs zur Passivität und dazu, die Hände in den Schoß zu legen. Ich denke, wenn jemand seine eigenen Gaben entfaltet und spürt, was er alles kann, dann wird er diese Gaben, die ja ein gutes Geschenk Gottes sind, auch gern einsetzen, wo er eben kann, und zwar nicht nur, um für sich selbst zu sorgen, sondern auch um anderen Gutes zu tun. Jesus hat diese Haltung mit dem berühmten Wort umschrieben: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Und Herr K. hat es in dem Text, den er selbst für seine Todesanzeige ausgesucht hatte, so formuliert:

Was ich getan in meinem Leben, ich tat es nur für euch, was ich gekonnt, hab ich gegeben.

Ich denke, so kann man nur reden und leben, wenn man irgendwo innen drin weiß: Ich weiß, wo meine Kraftquellen sind, ich habe mein Urvertrauen in mir, ich habe meine Familie, die zu mir steht, ich habe meinen Glauben, der mir wichtig ist. Ich weiß, ich komme selber nicht zu kurz, auch wenn ich für andere da bin.

Eine ganze Reihe von Beispielen haben Sie mir erzählt, liebe Frau K., aus denen diese Lebenshaltung deutlich wurde: das Leben zu lieben, die Geselligkeit zu suchen, sich einzusetzen für die Gemeinschaft. Über all der Geselligkeit, all der öffentlichen Anerkennung und all den Verpflichtungen außer Haus soll aber nicht vergessen werden, dass die wichtigste Gesprächspartnerin für Herrn K. immer seine Ehefrau geblieben ist. Und für seine Familie fühlte er sich noch bis zum Tode so sehr verantwortlich, dass in seinem Sterbespruch auch zwei Bitten ausgesprochen sind.

Bleibt einig unter euch!

Das ist die eine Bitte, das legt er Ihnen ans Herz. Die andere Bitte wird nicht so schnell erfüllbar sein:

Weinet nicht!

Damit wollte er vielleicht sagen: ich akzeptiere jetzt meinen Tod, auch wenn es mir schwerfällt; denn der Tod erlöst mich ja von schweren Qualen. Und ich glaube, er wollte nicht, dass seine Familie nach seinem Tod nicht wieder herausfindet aus Trauer und Verzweiflung. Ich meine schon, entgegen dem Wortlaut der Bitte des Verstorbenen, dass auch die Tränen um den Toten ihren guten Sinn haben. Aber wenn sie geweint sind, und das mag auch nach längerer Zeit immer wieder einmal passieren, dann dürfen sie irgendwann auch abgewischt werden. Abschied ist ein Weg, der nicht leicht ist, der aber gegangen werden kann, indem man das tut, was Herr K. so formuliert hat:

Lasst mich in stillen Stunden bei euch sein so manches Mal!

Erinnerung wird bleiben, sie wird manches Mal weh tun, sie mag aber auch zur Dankbarkeit führen und hier und da auch neue Kräfte in Ihnen wachrufen, um Ihr Leben neu in die Hand zu nehmen, wie es der Verstorbene ja auch getan hatte, so lange es ging. Als es nicht mehr ging, konnte er zuletzt auch loslassen, sich den Händen der pflegenden Angehörigen anvertrauen und zum Schluss den erlösenden Tod aus den Händen seines Gottes ersehnen. Wir können in dieser Stunde nichts Besseres tun, als uns noch einmal daran erinnern, dass wir Herrn K. den guten Händen Gottes anvertraut haben. Er wird ihn und uns alle nicht verlorengehen lassen.

Ja, „wahrlich, wahrlich“, spricht Jesus, „ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Amen.

EG 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.

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