„Herr, du bist unsere Zuflucht!“

Es ist entscheidend für unser Leben, in welche Richtung wir laufen: von Gott weg oder zu ihm hin. Ob wir auf der Flucht sind vor ihm oder ob wir Zuflucht nehmen zu ihm.

Herr, du bist unsere Zuflucht: Ein Haus in den Bergen vor weißen Wolken, die über einem Tal unter einem blauen Himmel liegen

Wo finden wir Zuflucht mit unseren schweren Gedanken und Gefühlen? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

So spricht der Herr (Psalm 46, 11):

Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!

Wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn F., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. Vom Tod betroffen beten wir mit Worten aus Psalm 90:

1 Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.

2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,

6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

7 Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen.

8 Denn unsre Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.

9 Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.

10 Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

11 Wer glaubt‘s aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm?

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

13 HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig!

14 Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

15 Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden.

16 Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

17 Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!

Liebe Frau F.! Liebe Angehörige! Liebe Trauergemeinde!

Herr F. ist so schnell von uns genommen worden, dass es noch gar nicht recht zu fassen ist. Gewiss, er war schwer krank; doch so rasch hat man nicht mit seinem Tod gerechnet. Nun hinterlässt er bei denen, die ihn geliebt, die ihn gekannt haben, eine schmerzliche Lücke, die erst allmählich zum Bewusstsein kommt.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Die Gedanken der Trauernden gehen heute zurück; Erinnerungen steigen auf an Tage, die schön waren, aber auch an schwere Zeiten. An die Zukunft mögen wir nicht so gern denken, wir sehen sie nur wie durch einen Tränenschleier. Was können wir tun mit unseren Erinnerungen und Gefühlen?

Wir dürfen eins wissen: Wir sind nicht allein. Wir dürfen uns an das Wort halten, das einst ein Psalmdichter des Volkes Israel gebetet hat, das wir vorhin im Gebet nachgesprochen haben und das damals Herr Pfarrer C. bei Ihrer kirchlichen Trauung seiner Ansprache zugrundegelegt hat, das Wort aus dem Psalm 90, 1:

Herr, du bist unsere Zuflucht für und für.

Wenn die Übermacht der Gefühle, des Schmerzes, der Angst vor der Leere, uns übermannen wollen, brauchen wir nicht VOR diesen Gefühlen zu fliehen, nicht alles herunterzuschlucken, nicht ziellos hin- und herzuirren, nicht abzustumpfen, sondern wir können ZU Gott hin fliehen, unsere Zuflucht bei ihm suchen, zu ihm hinkommen MIT unserer ganzen inneren Aufgewühltheit, mit allem, was uns bewegt oder was uns lähmt.

Es ist entscheidend für unser Leben, in welche Richtung wir laufen: von Gott weg oder zu ihm hin. Ob wir auf der Flucht sind vor ihm oder ob wir Zuflucht nehmen zu ihm. Auf der Flucht vor Gott sind wir immer dann, wenn wir ihn nicht ernst nehmen, wenn wir unser Urteil über ihn schon gesprochen haben, wenn wir fertig mit ihm sind, wenn wir ihm nichts mehr zutrauen, wenn wir von ihm bequeme Hilfe erwarten, ohne uns zu fragen, was er denn von uns erwartet und was er uns schon längst geschenkt hat. Doch auch wenn wir auf der Flucht vor ihm sind, lässt Gott uns nicht los, er verfolgt uns gleichsam und überholt uns, wartet immer wieder darauf, dass wir uns doch zu ihm kehren und bei ihm unsere Zuflucht suchen.

Wenn wir das tun, zu Gott fliehen, dann müssen wir uns nicht verstellen. Gott weiß ohnehin, wie es in uns aussieht. Und er hält es aus, wenn wir unser Herz vor ihm ausschütten, ja sogar wenn wir vor ihm unsere Anklage gegen ihn laut werden lassen und wenn wir unser Schicksal beklagen. Unser Weinen, unsere Traurigkeit, unsere Angst und Verzweiflung sind keine Schwäche, derer wir uns vor Gott und den Menschen schämen müssten, sondern wir müssen da hindurch und können uns mit dem allen Gott anvertrauen. Gut ist es, wenn wir auch Menschen haben, bei denen wir in diesem Sinne unser Herz ausschütten können und die uns nicht vorschnell und billig über unseren Schmerz hinwegtrösten wollen.

Herr, du bist unsere Zuflucht!

Wenn wir so beten können, dann wissen wir, dass wir nirgendwo anders einen Sinn finden können für unser Leben und unser Sterben. Dann werden wir auch voll in Anspruch genommen von diesem Gott, werden in seinen Dienst gestellt, werden beauftragt mit der Liebe zu unserem Nächsten, werden dazu berufen, in unserer Welt für die Hoffnung und für das Leben einzutreten. Wenn wir fliehen zu diesem Gott, werden wir manchmal feststellen, dass wir uns eine falsche Vorstellung von ihm gemacht haben, dass wir ihn allzusehr nach unseren Maßstäben beurteilt haben. Wir werden möglicherweise auch Bekanntschaft machen – so wie es der Beter des 90. Psalms getan hat – mit dem heiligen Zorn Gottes. Der Zorn Gottes ist die Kehrseite seiner Liebe, ist DIE Form seiner Liebe, in der er reagiert auf unsere Gleichgültigkeit ihm gegenüber, auf unsere Lieblosigkeit, auf unseren Egoismus, auf unser mangelndes Zutrauen zu ihm. Zorn Gottes bedeutet nicht, dass Gott uns vernichten will, sondern dass er uns zurechthilft, dass er uns zutraut, uns anders zu verhalten. Zorn Gottes bedeutet nicht, dass Gott uns mit Drohungen und Strafen zum Glauben zwingen will, sondern dass es eine ernste Frage ist, die über Sinn oder Sinnlosigkeit unseres Lebens entscheidet, wie wir uns zu Gott verhalten.

Sie, liebe Frau F., haben mit Ihrem Mann damals zur Hochzeit diesen Trauspruch bekommen:

Herr, du bist unsere Zuflucht für und für.

Der Spruch hat Sie begleitet durch alle Höhen und Tiefen Ihres gemeinsamen Lebens. Er sagt auch etwas darüber, dass auch das Sterben Ihres Mannes ihn nicht von Gott trennen kenn: auch im Tode bleiben wir bei Gott geborgen, werden wir vollkommen in seine Liebe hineingenommen. Für Sie selbst, die Sie nun allein in diesem Leben zurückgelassen worden sind, mag dieser Bibelvers wie ein Geländer sein, an dem Sie sich Tag für Tag festhalten und ausrichten können:

Herr, du bist unsere Zuflucht für und für!

Amen.

Wir beten mit den Worten eines Gesangbuchliedes (EG 361):

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Amen.

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