Gott zählt unsere Tränen

In einer Trauerfeier denke ich darüber nach, welche Worte der Bibel uns Trost geben können, vor allem darüber, dass Gott unsere Tränen zählt und sie, wenn wir sie geweint haben, abwischt.

Gott zählt unsere Tränen: Ein Bach, der schnell und schäumend über Steine fließt

Was ist, wenn unsere Tränen laufen wollen wie ein übervoller Bach? (Bild: sunawang – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn B., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Ihnen stehen die Erinnerungen an den Verstorbenen vor Augen; Sie kennen ihn, der so plötzlich von Ihnen genommen worden ist. Er selber wollte nicht, dass viel Aufhebens um seine Person gemacht wird, aber wir sind es ihm schuldig, ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Wer um ihn trauert, muss den Weg der Trauer gehen. Das ist ein Weg, den wir zum großen Teil allein bewältigen müssen; aber wir brauchen auch Beistand, um nicht in der Trauer zu versinken. Wir werden aus der Bibel Worte hören, die uns vielleicht auszudrücken helfen, was wir empfinden. Sie weisen uns einen Weg, auf dem in der Trauer Trost finden können.

So beten wir mit Worten aus Gebeten, die in der Bibel stehen, in den Psalmen 6, 39 und 56:

7 Ich bin so müde vom Seufzen; ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager.

8 Mein Auge ist trübe geworden vor Gram und matt…

9 Der HERR hört mein Weinen.

10 Der HERR hört mein Flehen; mein Gebet nimmt der HERR an.

8 Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

11 Wende deine Plage von mir; ich vergehe, weil deine Hand nach mir greift.

13 Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter.

9 Zähle die Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.

Liebe Trauergemeinde!

„Wessen sollen wir uns trösten?“ fragt der Psalmbeter der Bibel und gibt selbst die Antwort: „Ich hoffe auf dich!“ Er betet zu Gott, von dem wir unser Leben für eine kurze, aber wertvolle Zeit empfangen. Nur Gäste sind wir hier auf Erden, als ob wir Fremdlinge wären; um so kostbarer sind die Tage unseres Lebens, in denen wir Liebe suchen und Liebe erfahren und Liebe verschenken. Am Ende unserer Tage auf Erden kehrt unser Leben in Gottes Hände zurück; dieses Ende seiner Tage hat nun Herr B. erreicht. Unseren Augen und unserem Wissen ist verborgen, wohin er nun geht; unserem Gottvertrauen wird die Gewissheit geschenkt, dass er im Tode nicht verlorengeht.

Früher sprach man selbstverständlich vom Himmel, in den die geliebten Verstorbenen aufgenommen werden, heute fragen sich viele, wo dieser Himmel denn sein soll, denn über uns und um unsere Erde herum nehmen wir ja nur ein kaltes großes Weltall wahr. Aber die Rede vom Himmel über uns, in dem Gott wohnt, war schon immer nur ein Bild für die Unermesslichkeit der Größe Gottes. Schon dem König Salomo in der Bibel war bewusst, dass Gott größer ist als der Himmel, den wir sehen können (1. Könige 8):

27 Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.

Den Himmel über uns, das Weltall, in dem unsere Erde ein winzig kleiner Planet inmitten von Milliarden von Himmelskörpern ist, er ist von Gott geschaffen und umschlossen; wie der Himmel aussieht, in dem Gott wohnt und in den er uns aufnimmt, wenn wir sterben, das ist für uns unvorstellbar. Auch die Bibel kann davon nicht anders als in Bildern reden. Eins dieser Bilder steht in der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 21):

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Ich habe vom Bild des neuen Himmels, der auf die Erde herabkommt, so ausführlich geredet, weil es am Ende auf etwas ganz Schlichtes hinausläuft: Himmel ist da, wo Gott selber uns die Tränen von unseren Augen abwischt – Himmel ist da, wo Leid und Schmerz aufhören, wo sogar der Tod nicht mehr ist.

Wenn Himmel da ist, wo die Tränen abgewischt werden, dann ist Herr B. jetzt an einem Ort, wo nicht mehr geweint werden muss. Wie auch immer es dort aussieht – wir müssen uns um ihn keine Sorgen machen.

Aber hier auf Erden werden Tränen geweint, auch um ihn, denn Sie vermissen ihn. Es tut weh, sich so allein zu fühlen, den geliebten Menschen nicht mehr bei sich zu haben und durch alles an ihn erinnert zu werden. Ein Mensch, der uns kostbar war, ist wie ein Stück von uns selber; wenn wir ihn verlieren, haben wir Mühe, uns selbst wiederzufinden.

Wir weinen unsere Tränen, und manchmal haben wir Angst, niemals aufhören zu können. Zumal jeder neue Abschied auch alte Wunden wieder aufreißt. Sie kennen das: Manchmal genügen Erinnerungen, bestimmte Orte und Klänge, um den Fluss der Tränen neu in Gang zu setzen. Wie sollen wir das aushalten?

Ich stelle noch einmal die Frage des Psalmbeters der Bibel: „Wessen sollen wir uns trösten?“ Vorhin habe ich von dem Trost gesprochen, der darin liegt, dass wir den Verstorbenen in Gottes Hand legen. Gott, der die Welt in seiner Hand hält, der lässt auch die Verstorbenen nicht aus seiner Hand fallen. Jetzt frage ich noch einmal nach dem Trost für uns Lebende: „Wessen sollen wir uns trösten?“ Der Psalmbeter hofft auf Gott. Wenn wir ihm das nachmachen wollen, welche Hoffnung haben wir zu erwarten, hier in unserem Leben, hier auf Erden?

Einen kleinen Satz lesen wir da im Psalm 56:

9 Zähle die Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.

Eine eigenartige Vorstellung ist das: Gott zählt Tage der Flucht, und Gott zählt Tränen. Er zählt die Tage der Flucht: Ist damit der Versuch gemeint, dem übergroßen Schmerz zu entfliehen?

Martin Buber übersetzt diese Stelle in seiner Verdeutschung der Schrift etwas anders: „Selber zählst du mein Schleichen“, als ob man nicht wirklich lebt, sondern kraftlos und ohne Ziel nur durchs Leben schleicht.

Diese Tage, die schwer auf uns lasten, leidet Gott mit uns mit, sie müssen gegangen werden, bis wir wieder anfangen, neue Kraft zu schöpfen und neu zu leben mit neuen Lebenszielen. Vielleicht kann Herr B. selbst für Sie in diesem oft auch ruhelosen Warten und Ausharren ein Vorbild der Geduld sein; er war es ja durch sein Hobby als Angler gewohnt, die Kraft zu gewinnen, die in der Ruhe liegt.

In unserem Vers aus dem Psalm 56 sind die Tage des „Schleichens“ gezählt, weil Gott auch unsere Tränen zählt. Was gezählt wird, ist nicht unendlich.

Wenn wir um Menschen trauern, die wir sehr geliebt haben, dann haben wir viele, viele Tränen in uns und die meisten davon wollen geweint werden. Sicher nicht alle auf einmal, manche, wenn wir allein sind, andere, wenn uns jemand beim Weinen in den Arm nimmt, manche nach Jahren, wenn eine Erinnerung alten Schmerz in uns wachruft.

Gott zählt unsere Tränen, und am Ende wischt er sie ab. Diese Bilder der Hoffnung stellt die Bibel uns vor Augen, damit wir vor unseren Tränen nicht so viel Angst haben, auch wenn der Schmerz, der uns weinen lässt, so sehr weh tut.

Vielleicht ist es mit unseren Tränen so wie mit einem Bach. In der Regel fließt so ein Bach ruhig dahin, er gibt den Wiesen Feuchtigkeit, so wie unsere Tränenflüssigkeit das Auge feucht hält, damit es nicht austrocknet.

Aber dann kommen Unwetter, die den Bach über die Ufer treten lassen; Stürme des Lebens, traurige Ereignisse, der Tod geliebter Menschen nehmen uns so sehr mit, dass der Bach unserer Tränen über die Ufer tritt; sie laufen uns aus den Augen, sie wollen geweint werden, wo sollen sie denn sonst hin? Es ist normal, dass ein Bach hin und wieder über die Ufer tritt; ebenso normal ist es zu weinen, wenn wir Schmerz und tiefe Trauer empfinden.

Halten wir Tränen zurück, vielleicht weil wir meinen, nicht aufhören zu können oder keinen Trost zu finden, dann ist es so, als ob wir einen Bach mit hohen Dämmen umbauen, so dass er überhaupt nicht mehr über die Ufer treten kann. Mag sein, der Bach läuft nicht mehr über. Aber er versorgt die Wiese nicht mehr mit Wasser. Sein Bachbett ist übervoll mit all dem Wasser, das nicht abfließen kann. Von Zeit zu Zeit bricht ein Damm, unvorhergesehen, aus geringem Anlass; die Überschwemmung, die dann geschieht, erscheint wie ein großes Unglück.

Tränen wollen geweint werden, das will ich damit sagen, sie müssen nicht zurückgehalten und aufgestaut werden. Nicht Tränen selbst sind ein Unglück; Tränen können ein Signal von Unglück sein. Sie zeigen an, dass Schmerz bewältigt werden will. Was weh tut, darf gefühlt werden, kann getragen werden, denn unsere Tränen sind gezählt, und sie werden abgewischt werden.

Aber wann wird es soweit sein? Wird das Gefühl, allein zu sein, jemals aufhören?

Vielleicht dann, wenn wir im Weinen, im Erinnern, im Fühlen des Schmerzes und der Trauer irgendwann auch loslassen können. Nicht in dem Sinne, dass unsere Liebe zu einem verstorbenen Menschen aufhört. Aber so, dass wir aus der Dankbarkeit, dass dieser Mensch unser Leben geteilt hat, neue Kraft auch für die Zukunft schöpfen.

Für ihn können wir nichts mehr tun, und es ist im Sinne auch des Menschen, den wir geliebt haben, wenn unser eigenes Leben hier auf Erden weitergeht und wir irgendwann auch wieder neue Freude finden.

Ein erster Schritt des Loslassens ist eine solche Trauerfeier. Ein weiterer Schritt wird die Beisetzung seiner Urne sein, wenn wir den letzten Weg mit ihm zum Grab gehen werden. So kehrt ein Mensch zurück zur Erde, von der sein Leib genommen ist. Aber in der Hoffnung bleiben wir Menschen bei Gott, zu Ihm kehrt unser Leben im Tode zurück.

Unser Weg, der Weg der Lebenden hier auf Erden, geht weiter. Weitere Schritte des Trauern und Loslassens werden folgen. Vieles, was weh tut. Dieser Weg will gegangen werden; Sie wissen heute noch nicht, wohin er führt. Aber Sie sind auf diesem Weg nicht allein. Sie helfen einander, ihren eigenen Weg zu gehen, und Sie dürfen gewiss sein: Gott zählt auch Ihre Tränen. Es sind nicht unendlich viele. Sie dürfen die Erfahrung machen, dass sie abgewischt werden. „Zähle die Tage meiner Flucht, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“ Amen.

Wir beten mit einer Strophe aus dem Lied 376:

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Gott, du siehst die Tage unserer Unruhe; lass uns neu zur Ruhe finden, in der Kraft liegt für unser zukünftiges Leben. Gott, du sammelst und zählst unsere Tränen wie kostbare Perlen, die ein Ausdruck sind für unsere Trauer und Dankbarkeit und Liebe. Lass uns weinen, wenn uns danach zumute ist, und wische unsere Tränen ab, wenn wir genug geweint haben. Hilf uns, den Verstorbenen loszulassen und ihm zugleich unsere Liebe zu bewahren. Amen.

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