Das Gebet des Jabez

„Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.“

Jabez bittet: „Segne mich!“ Ohne Sinn für falsche Bescheidenheit. So gut geht es ihm einfach nicht. Er braucht Gottes Segen. Warum bittet er nicht: „Gib mir, was ich will“? Er lässt offen, auf welche Weise das Gute zu ihm kommt. Er vertraut darauf, dass Gott besser weiß, was gut für ihn ist.

Betende Frau mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen

Das Gebet des Jabez beten heute viele Beterinnen und Beter (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtÖkumenische Vesper am Sonntag, den 3. Februar 2002, um 17.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Begrüßung und Votum

Herzlich willkommen in der evangelischen Pauluskirche zur Ökumenischen Vesper der Kirchengemeinden St. Albertus, Stephanus und Paulus!

Zu Beginn danke ich allen Mitwirkenden in den drei Kirchenchören und auch denen, die nebenan einen Imbiss bereitstellen, damit wir nachher, wenn wir durch den Saal die Kirche verlassen, noch eine Weile zusammen bleiben können. An der Vesperliturgie beteiligt sind die evangelische Stephanusgemeinde, die katholische Gemeinde St. Albertus und die evangelische Paulusgemeinde.

„Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.“ (1. Chronik 4, 10)

So endet die kurze Mitteilung über einen völlig unbekannten Mann, der in der Bibel nur ganz kurz erwähnt wird. Jabez heißt der Mann, und sein erhörtes Gebet soll uns heute zum Gotteslob anregen. Denn nicht in unserem eigenen Namen feiern wir diese Ökumenische Vesper, sondern:

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen“.
Albertus-Chor: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“
Psalm 113:

1 Halleluja! Lobet, ihr Knechte des HERRN, lobet den Namen des HERRN!

2 Gelobt sei der Name des HERRN von nun an bis in Ewigkeit!

3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN!

4 Der HERR ist hoch über alle Völker; seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist.

5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, im Himmel und auf Erden?

6 Der oben thront in der Höhe, der herniederschaut in die Tiefe,

7 der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz,

8 dass er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes;

9 der die Unfruchtbare im Hause zu Ehren bringt, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird. Halleluja!

Paulus-Chor: „Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.“
Kollektengebet
Stephanuschor: „In dir ist Freude – Lobt Gott den Herrn“
1. Chronik 4, 9-10: „Das Gebet des Jabez“

(Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal – mit eigener Vereinfachung der kursiven Stellen)

9 Und Jabez war angesehener als seine Brüder;
und seine Mutter gab ihm den Namen Jabez,
denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren.

10 Und Jabez rief den Gott Israels an und sagte:

Segne mich!

Erweitere mein Gebiet!

Lass deine Hand mit mir sein!

Halte Schmerz und Unglück von mir fern!

Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.

Antwortgesang GL 687: „Dein Wort ist Licht und Wahrheit“

Liebe Gemeinde! Kaum jemand wird je die Bücher der Chronik in der Bibel ganz genau durchgelesen haben – Abstammungslisten ohne Ende, sehr unübersichtlich und nicht sehr spannend. Kürzlich wurde ich aufmerksam auf einen dieser vielen Namen, den ich bis dahin nicht gekannt hatte: Jabez. Seine Ahnenreihe wird auf Juda zurückgeführt, einen der zwölf Söhne Jakobs. Ein Urururenkel des Juda mit Namen Koz habe außer seinen eigenen Kindern auch noch andere Nachkommen gezeugt, nämlich die Sippen Aharhels, des Sohnes Harums. Das klingt nicht sauber: als ob die Kinder der Großfamilie Aharhel nicht die leiblichen Kinder dieses Vaters wären, sondern uneheliche Kinder von Koz. Man kann sich jedenfalls denken: Hohes Ansehen genießt eine solche Familie nicht.

Zu genau dieser Familie gehört Jabez. Von ihm persönlich erfahren wir als erstes: „Jabez war angesehener als seine Brüder.“ Mitten in einer langen Namensliste erfahren wir plötzlich eine Einzelheit über einen ansonsten völlig unbekannten Mann. Vielleicht weil es ungewöhnlich ist, dass er, der einer verachteten Familie entstammt, nicht genau so schlecht beurteilt wird wie alle seine Brüder.

So ein Satz macht neugierig – wie hat er sein Ansehen erwerben können? Dabei verstärkt das Zweite, was von ihm erzählt wird, noch den Eindruck, dass er es sehr schwer gehabt haben muss. Seine Mutter gab ihm den Namen Jabez, das hebräische Wort für „Schmerz“, denn sie sprach: „Mit Schmerzen habe ich ihn geboren.“ Nicht wenige Menschen leben mit einer solchen Bürde – sie schleppen unbewältigte Lasten der Herkunftsfamilie mit sich herum, leiden darunter, dass Mutter oder Vater ihre Probleme nicht allein bewältigen, sondern den Kindern vermitteln: „Du bist schuld! Wenn du nicht gekommen wärst, hätten wir es leichter gehabt!“ Der Name Jabez spiegelt ein hartes Schicksal wider, die leidvolle Auseinandersetzung mit der familiären Herkunft und schlechte Aussichten für sein eigenes Leben.

Trotzdem – Jabez findet einen Ausweg aus seinem vorprogrammierten Schicksal. Er betet zu Gott.

Der Verfasser der Chronik fand dieses Gebet mit seinen nur vier Zeilen so beeindruckend, dass er es in seine Namensliste schrieb.

Vier Bitten richtet Jabez an Gott. Erstens: „Segne mich!“ Jabez hat den Mut, für sich selbst zu bitten. Er hat keinen Sinn für falsche Bescheidenheit, so gut geht es ihm einfach nicht. „Segne mich!“ wagt er zu bitten. Ohne Gottes Segen kann er nicht leben. Warum bittet er nicht: „Gib mir, was ich will“? Er lässt offen, auf welche Weise das Gute zu ihm kommt. Er vertraut darauf, dass Gott besser weiß, was gut für ihn ist.

„Erweitere mein Gebiet!“ bittet Jabez als zweites. Ist das nur eine Bitte um mehr Weideland, um mehr Wohlstand und Besitz? Das wäre oberflächlich gedacht, hätte ihn sicher nicht glücklich gemacht. Was er braucht, ist ein Ausweg aus familiärer Enge, sozialer Verachtung, persönlichem Leid. Er muss aufhören, sich in sich selbst zu verkriechen, sich in seinem Elend abzuschotten. Mit seinem Gebet öffnet er sich für neue Erfahrungen. Sein Blick weitet sich, neue Begegnungen werden möglich, eigene Gaben werden ihm bewusst. Gottes Liebe hilft Jabez, die vorgezeichneten Grenzen seines Lebens zu überschreiten. Wie das Volk Israel, als es – befreit aus der Knechtschaft in Ägypten – das Rote Meer durchquert.

Dritte Bitte: „Steh mir bei!“ Wörtlich: „Lass deine Hand mit mir sein!“ Wer Grenzen überschreitet, verlässt die Zone der Bequemlichkeit. Es war vorher nicht leicht, aber das Leiden war vertraut gewesen. Man hatte sich daran gewöhnt. Auf neuen Wegen kommt man oft genug durch Durststrecken, die schwer zu bewältigen sind – so wie das Volk Israel in der Wüste, als es sich zurücksehnt nach den Fleischtöpfen Ägyptens.

Darum ist es so wichtig, um Beistand zu bitten. Durststrecken sind unvermeidlich – und wir müssen sie nicht allein durchstehen. Gottes Hand steht uns bei, wie die Hand der Eltern, an der das kleine Kind zum ersten Mal zum Kindergarten geht. Gottes Hand darf bei uns sein, auch wenn wir schon lange groß sind. Am stärksten sind wir nicht dann, wenn wir alles ganz allein schaffen, sondern wenn wir auch um unsere schwachen Seiten wissen und uns mit unseren Schwächen Gott anvertrauen.

Das führt zur vierten Bitte des Jabez: „Halte Schmerz und Unglück von mir fern!“ Große geschichtliche Ereignisse sind aus seiner Zeit nicht zu berichten, und er sehnt sich nicht nach ruhmvoller Bewährung in Kampf oder Krieg. Er wünscht sich sehnlich ein Leben ohne Schmerz und Unglück. Aus eigener Erfahrung weiß er wohl, dass das nicht selbstverständlich ist, und er bittet Gott: „Lenke meine Schritte weg von allem, was mir schadet.“

So, wie Jabez es sich gewünscht hat, so ist es auch gekommen. Er bleibt nicht zeitlebens an seine verachtete Herkunft gebunden, sondern er gewinnt Achtung unter seinen Mitmenschen. Aber das Schönste, was man von ihm berichten kann, ist der abschließende Satz, den die Chronik von ihm vermerkt: „Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.“ Ein Mann mit schlichtem Gottvertrauen – und Gott erhört sein Gebet. Sein Leben wird gesegnet, er wird ein weitherziger, angesehener Mann. Von Gott begleitet, weiß er sein Leben bewahrt vor allem Übel.

In Amerika sind viele Christen auf das Gebet des Jabez aufmerksam geworden. Sie heften sich einen Zettel an den Badezimmerspiegel, sprechen es jeden Morgen, sprechen es in vielen kleinen und großen Krisen des Tages, erzählen anderen davon. Sie sprechen es für sich und für andere, und sie verlassen sich darauf, dass es bei ihnen so erhört wird wie damals bei Jabez: „Segne mich! Erweitere mein Gebiet! Lass deine Hand mit mir sein! Halte Schmerz und Unglück von mir fern!“ Amen.

Gemeindelied GL 289: „Herr, deine Güt ist unbegrenzt“
Fürbitten
Paulus/Stephanus-Chor: „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen (EG 266)“
Gebet und Vaterunser
Alle drei Chöre: „Mache dich auf und werde licht“
Segen

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