Petrus, Jesus und die Depression

Vortrag in der Evangelischen Frauenhilfe Gundersheim.

Jesus hängt am Kreuz - mit leidendem, aber entschlossenem Blick

Jesus stellt sich dem Leiden, das unausweichlich ist (Foto: pixabay.com)

Vielen Dank für die Einladung zu Ihrem Frauenhilfsnachmittag! Einige von Ihnen kenne ich bereits; wir haben ein paar Nachmittage miteinander verbracht zum Thema „Besuchsdienst in der Gemeinde“.

Sie haben mich gebeten, diesen Vortrag unter das Thema „Depressionen“ zu stellen, da ich in der Landesnervenklinik Alzey viel Kontakt mit Menschen habe, die an Depressionen leiden. Da ich kein Arzt und kein Psychologe bin, sondern Seelsorger, möchte ich nun aber nicht von der rein psychologischen oder ärztlichen Seite auf dieses Thema eingehen, sondern ich möchte das, was ich sage, mit einer Bibelarbeit verknüpfen und auch mit Liedern, die wir zwischendurch singen.

Damit wir uns nicht durch das Thema „Depressionen“ in unserem Gefühl hinunterziehen lassen, möchte ich zu Beginn ein Loblied mit Ihnen singen – ein Lied übrigens, das wir auch bei unseren Andachten im Haus Alsenztal in der Nervenklinik regelmäßig singen: „Großer Gott, wir loben dich!“ (Evangelisches Gesangbuch 331) Das Haus Alsenztal ist übrigens das Haus der älteren Patienten (über 65 Jahre), wo u. a. auch viele Patienten behandelt werden, die an Depressionen leiden.

Großer Gott, wir loben dich

Ich beginne meinen Vortrag mit dem Predigttext des vorvorigen Sonntags aus dem Evangelium nach Markus 8, 31-38:

31 Und Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. 34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.

Liebe Zuhörerinnen!

„Der Menschensohn muss viel leiden“, das ist das erste, was die Jünger in diesem Text hören, das erste, was Jesus hier von sich selbst sagt. Die Jünger dürfen ein wenig vorausschauen in die Zukunft: Jesu Leidensweg beginnt, auf lateinisch: seine Passion. Auch im Kirchenjahr stehen wir am Anfang der Passionszeit.

Wir befassen uns eigentlich gar nicht so gern mit dem Leiden. Wenn im Fernsehen immer nur vom Krieg die Rede ist, wenn uns die Bekannten immer nur von ihren Krankheiten erzählen, wenn uns jemand immer nur sein Leid klagt, dann wird es uns oft zu viel. Aber wir können nicht immer ausweichen. Spätestens, wenn uns selbst eine Krankheit trifft, wenn es uns selbst schlecht geht, dann sind wir ja direkt betroffen. Aber auch die Leiden anderer Menschen nehmen uns seelisch mit, vor allem, wenn wir sie gut kennen, oder auch wenn wir die Bilder von grausam leidenden Menschen im Fernsehen mit ansehen.

Eine Form des Leidens soll das Thema dieses Nachmittags sein: ein Leiden mit dem lateinischen Namen Depression. Welche Beschwerden sind mit diesem Wort eigentlich gemeint? Das Wort „Depression“ heißt eigentlich: Niederdrücken, unterdrücken. Und gemeint ist eine niedergedrückte Stimmung, die den ganzen Menschen erfassen kann, die auch den Körper in Mitleidenschaft ziehen kann. Das sieht nicht bei jedem Menschen gleich aus, sondern es können sehr unterschiedliche Symptome auftreten. Zum Beispiel: „Stimmungsschwankungen von Tag zu Tag…, Augenblicke, in denen (man) ein Gefühl der Sinnlosigkeit erlebt, empfindlicher ist als sonst und leicht zu Tränen neigt… eine Verdüsterung der Laune, Schlafstörungen, ein Verlust der Selbstachtung und des Überblicks. …Müdigkeit, Energieverlust, der Wunsch, das Zusammensein mit anderen zu vermeiden, …geringer Appetit und Gewichtsverlust, Überempfindlichkeit, Furchtsamkeit und Reizbarkeit sowie körperliche Beschwerden ohne irgendeinen diagnostizierbaren Grund“ (aus Frederic Flach, Depression als Lebenschance, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 13f.).

Aber bevor wir uns fragen, woher denn solche Beschwerden kommen mögen, möchte ich wieder einen Blick zurück auf den biblischen Text werfen.

Die Jünger Jesu kannten das Leid der kleinen Leute, das Leid des Volkes, das von den Steuereintreibern ausgebeutet und den römischen Soldaten unterdrückt wurde, das Leid der Armen, die betteln gehen mussten, das Leid der Kranken, die aus der Gemeinschaft ausgestoßen waren. Ob es damals auch schon Depressionen gab? Man könnte vielleicht an das Leid der Menschen denken, die sich von bösen Mächten gefangen fühlten, von den Dämonen des Bösen oder von den Gespenstern der Furcht und Angst oder der Schwermut.

Wie dem auch sei – die Jünger Jesu hatten angesichts all diesen Leides eine neue Hoffnung. Sie hatten sich Jesus angeschlossen. Sie spürten, dass von ihm eine Kraft ausging, die von Gott kommen musste. Petrus sprach es aus, es wird berichtet kurz vor unserem Text: „Jesus, du bist der Christus, der Messias, auf den wir warten, der uns von allem Leid retten soll!“

Mit dem, was wir im Bibeltext gehört haben, antwortet Jesus auf diese Erwartung. „Und er fing an, sie zu lehren.“ So fängt unser Text an. Jesus will ihnen etwas Neues sagen. Es ist eine schwere Lektion, die er ihnen erteilen will. Er will ihnen etwas beibringen, mit dem sie nicht sofort einverstanden sein werden. Sie sind ja schon eine ganze Zeitlang bei Jesus in der Lehre, aber es wird ihnen schwerfallen, überhaupt zu verstehen, was Jesus jetzt meint.

Er widerspricht Petrus nicht in dem Punkt, dass er, Jesus, der Messias sei. Ja, er kommt von Gott, er ist der Christus, der Messias, der Retter von allem Leid. Nur dass Jesus dafür einen schlichteren Namen wählt: „Menschensohn“ nennt er sich. Aber die Art, wie er das Leid besiegen wird, ist ganz anders als sich die Jünger das vorstellen. „Der Menschensohn muss viel leiden.“ So beginnt Jesus sein neues Lehrstück für die Jünger. Jesus kündigt an, dass er selber leiden muss, um das Leiden zu besiegen. Ja, er sagt denen, die in ihm den starken Retter in der Not sehen, ganz klar und deutlich: Seht zu, ob ihr euch nicht in mir täuscht! Seid ihr auf der Suche nach einem Gott, der alle Probleme mit einem Schlag aus der Welt schafft? Sucht ihr einen Messias, der immer nur stark ist? Aber ihr werdet nur einen Gott finden, der leiden muss, sagt Jesus, denn das ist mein Weg, daran führt nichts vorbei. Es ist so, als ob man zu einem Arzt kommt, um behandelt zu werden, und der Arzt sagt: Ich bin selber auch krank.

Jesus nennt auch Namen, er sagt, von wem ihm Gefahr droht. Es sind die, die etwas zu sagen haben. Die politischen und religiösen Anführer des Volkes, sie sehen in ihm nicht den Messias, sondern einen Unruhestifter und Aufrührer. Ja, der Menschensohn muss, so sagt Jesus, „verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten.“

Mit anderen Worten: Jesus sieht klaren Auges, dass er vor der Welt scheitern wird. Er wird es nicht schaffen, alle Menschen auf den Weg des Friedens und der Liebe zu führen. Er will ja niemanden zwingen, und die Menschen werden ihn zum größeren Teil ablehnen, selbst seine Jünger werden ihn verlassen vor lauter Angst. Jesus rechtfertigt nicht dieses Leiden. Er sagt nicht, dass es irgendeinen Sinn hat. Er sieht nur, dass es unvermeidlich ist. Es führt kein Weg daran vorbei. Bis zum bitteren Ende wird Jesus leiden müssen, so sieht er es voraus; zum Schluss wird er sogar „getötet werden“.

Besonders betont wird nun, wie Jesus hier zu den Jüngern redet: „Und er redete das Wort frei und offen.“

Das ist wirklich etwas Besonderes. Wer von uns redet schon gern darüber, dass wir mit etwas nicht fertig werden, dass wir zu schwach sind, um irgendetwas zu schaffen, dass wir uns innerlich elend fühlen? Jesus tut das; er spricht offen von seinem Weg ins Leiden. Auch später, im Garten Gethsemane, hofft er eigentlich darauf, dass seine Jünger seine Verzweiflung mitbekommen, dass sie mit ihm wach bleiben und in seiner Angst vor dem Tod einfach bei ihm sind.

An diesem Punkt können wir nun vielleicht etwas begreifen vom Wesen der Depression. Der amerikanische Psychiater Frederic Flach sagt von der Depression: Sie ist „auf manche Situationen des Lebens… die einzig gesunde Reaktion“ (S. 13). Er meint damit: All die Symptome, die ich vorhin aufgezählt habe, sind oft das normalste von der Welt.

Wenn z. B. ein Kind zum Jugendlichen heranwächst, dann reagiert es oft mit Depressionen, mit Launen, mit schwankenden Stimmungen. Denn es will zwar erwachsen werden, aber es ist nicht leicht, von der Kindheit Abschied zu nehmen, sich von den Eltern zu lösen und mit der größeren Verantwortung fertigzuwerden, die man jetzt aufgebürdet bekommt. Irgendwann sind diese depressiven Verstimmungen dann auch wieder vorbei.

Umgekehrt, wenn Eltern erleben, dass die Kinder erwachsen geworden und aus dem Haus sind, dann stehen auch sie vor einer neuen Situation. Eine Lebensaufgabe liegt hinter ihnen, die Erziehung der Kinder, die Gestaltung eines Lebens zu zweit oder allein, ohne die Kinder, muss nun bewältigt werden. Auch da ist es zunächst ganz normal, mit einer Depression zu reagieren, sich schlecht zu fühlen. Nach mehr oder weniger langer Zeit kann auch diese Depression überwunden sein.

Man kann auf einen Verlust, z. B. auf den Tod eines geliebten Menschen, mit einer Depression reagieren, manchmal kann es aber auch ein Zuviel des Guten sein, das einen völlig überlastet und schließlich depressiv macht, z. B. wenn jemand beruflich befördert wird, zugleich ein Haus fertigstellt, während der Sohn das Abitur macht und die Tochter gerade Mutter wird.

Solche akuten Depressionen sind nichts Schlimmes, sie sind oft sogar notwendig, um mit einem Verlust, einer erhöhten Belastung, einer entscheidenden Veränderung im Leben fertig zu werden. Ja, wir können sogar sagen: Wenn jemand allzuleicht mit einer Belastung fertig wird, wenn einer alles einfach so wegsteckt, dann ist das gar kein so gutes Zeichen. Es kann nämlich sein, dass sich die verdrängte Belastung später doch noch meldet – und dann weiß man oft gar nicht mehr, warum jemand jetzt krank wird. Eine Frau sagte mir z. B.: „Ich habe gar nicht geweint, als ich zehn Jahre alt war und mein Vater starb“. Das war kein Zeichen von besonderer seelischer Robustheit und Gesundheit gewesen, sondern das kleine Mädchen hatte damals einfach niemanden gehabt, bei dem es sich hätte ausweinen können, es konnte über Jahrzehnte hin keine Tränen vergießen und musste später wegen einer chronischen Depression behandelt werden.

Viele Menschen nehmen gar nicht wahr, dass sie depressiv sind. Sie schämen sich ihrer Schwachheit. Sie finden es peinlich, sich schlecht zu fühlen, nicht gut drauf zu sein, in ihrer Leistung nachzulassen, nicht mehr so zu können wie früher. Aber gerade dann, wenn man eine gesunde depressive Reaktion verdrängt, dann kann aus der harmlosen akuten Depression leicht eine chronische werden, die ärztlich behandelt werden muss. Dann ist es oft nicht leicht, die ursprünglichen Ursachen herauszufinden.

Manche Menschen, die eigentlich depressiv sind, die sich ihre Schwäche aber nicht eingestehen wollen, werden mit der Zeit körperlich krank. Das finden sie vielleicht sogar weniger schlimm, als wenn sie wegen einer Depression behandelt werden müssen. Wenn ein Organ versagt, das ist wenigstens eine anerkannte Krankheit; da würde niemand sagen: „Ach, nur eine Depression, das bildest du dir nur ein.“

Was tut man nun, wenn man merkt, in mir steckt so ein depressives Gefühl?

Am besten ist es, wenn man dem Beispiel Jesu folgt: frei und offen darüber sprechen. Nicht unbedingt mit jedem, aber mit jemandem, zu dem man wenigstens ein bisschen Vertrauen hat. Das kann ein Arzt sein, ein Pfarrer, ein Psychologe, aber auch ein Freund, eine Freundin, jemand aus der Verwandtschaft. Bei Jesus waren es auch zunächst die Jünger, die vertrautesten Menschen, zu denen er von seinem Leiden spricht. Vielleicht ist es auch bei Jesus so, dass er erst einige Zeit mit ihnen zusammen sein musste, bis er „frei und offen“ mit ihnen über dieses Thema reden konnte. Das wissen wir ja auch, dass wir uns nicht mit jedem aussprechen können über das, was uns bedrückt, viel Vertrauen ist nötig, um das zu wagen.

Bei diesem freien und offenen Sprechen sagt Jesus aber nun noch etwas, was ich vorhin ausgelassen hatte. Ein kleines Wörtlein, das man wohl auch leicht überlesen kann, das aber sehr wichtig ist: Im gleichen Atemzug, in dem Jesus sagt: „Der Menschensohn wird leiden und getötet werden“, spricht er von einer fast unglaublichen Hoffnung: „Und nach drei Tagen“ wird er „auferstehen.“

Leiden ist für Jesus nicht das Letzte. Leiden ist ein Weg, und am Ende steht nicht als Letztes der Tod, sondern „Auferstehung“. Jesus wird also leiden müssen, wird verworfen werden, wird getötet werden, und nach drei Tagen auferstehen. So beschreibt er den Weg, der vor ihm liegt. Es wird ein harter Weg sein, ein trauriger, ein Weg voller Schmerzen; doch auch ein Weg voller Hoffnung, denn das letzte Wort heißt nicht Tod, sondern „auferstehen“.

Das war für die Jünger schwer zu begreifen (und vielleicht auch für uns): Durch Leiden zum Leben? Der Weg zum Glück soll durch großes Unglück hindurchführen? Ein Schmerz muss erlitten, muss gefühlt werden, damit man gesund wird?

Ich möchte an dieser Stelle mal eine Pause machen in meinem Vortrag, um mit Ihnen gemeinsam ein Lied zu singen, das genau davon handelt. Es ist eine alte christliche Weisheit, dass man gerade durch Trübsal zu Gott kommt, und sie wird in dem Lied „Jesu, geh voran“ vielleicht am deutlichsten ausgesprochen (Evangelisches Gesangbuch 391).

Jesu, geh voran

Manche verstehen auch jetzt noch nichts, nach Jesu offenem Wort. Petrus wird als Beispiel dafür genannt, Petrus, der Draufgänger, der sich immer stark fühlt, der von Angst und Schwachheit und Leiden nichts wissen will. Was tut Petrus nach der kurzen Predigt, die er von Jesus gehört hat? „Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.“ Ist doch klar. Petrus kann es nicht haben, überhaupt nur an das Leiden zu denken. Sein Meister soll leiden müssen? Jesus, den er gerade als Messias angeredet hat, soll getötet werden? Dann müsste ja Gott selber schwach sein. Das geht dem Petrus einfach nicht in den Schädel hinein. Also widerspricht er Jesus. Aber nicht etwa so offen und frei, wie Jesus mit ihnen geredet hatte. Nein, Petrus nimmt Jesus beiseite. Er will ihn nicht offen zur Rede stellen. Unter vier Augen will er diese Sache mit Jesus klären. Vielleicht hat er sich ja doch verhört.

Können wir den Petrus nicht gut verstehen? Können wir einen Gott ertragen, der leidet? Hätten wir nicht lieber einen Gott, der stark auftritt, der die Krankheiten ein- für allemal aus der Welt schafft, der es den Schurken einmal zeigt, der Saddam Husseïn beseitigt, der überall für Frieden sorgt? Viele Einsprüche gibt es gegen einen Gott, der scheinbar nicht eingreift, wo Unrecht geschieht oder wo Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen.

Was ist dieser Petrus für ein Mensch? Er wirkt doch so stark. Er ist später der, der die Gemeinde leitet. Er ist immer vorneweg bei den Jüngern, vor allem mit dem Mund, aber er setzt sich auch ein, z. B. will er Jesus mit dem Schwert verteidigen, als die Soldaten im Garten Gethsemane kommen.

Ich möchte die Behauptung wagen, dass genau dieser Petrus im Grunde ein depressiver Mensch ist. Es ist die Sorte Depression, die manchmal genau ins Gegenteil umschlägt, nämlich in eine Überdrehtheit oder Manie. Auch wenn man ihm das lange Zeit nicht anmerkt, kommt doch irgendwann der Zeitpunkt, wo er zusammenbricht und wo von seiner scheinbaren Stärke nichts mehr zu merken ist. Am klarsten wird das in der Geschichte beschrieben, wo wie in einem Traumbild Jesus auf dem Meer wandelt – wir mögen an ein Meer von Angst oder Tränen oder Verzweiflung denken, und wo Petrus zu ihm sagt: „Herr, bist du es, wo befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ Petrus schafft es auch, ein paar Schritte zu gehen auf diesem Meer, aber dann sieht er den starken Wind, erschrickt und beginnt zu sinken. Petrus hat sich immer dagegen gesträubt, schwach zu sein und schwach zu erscheinen. Aber er musste da hindurch. Niemand ist immer nur stark. Es war für ihn sicher die furchtbarste Erfahrung in seinem Leben. Doch zugleich macht er auch die schönste Erfahrung, als er endlich zugibt, schwach zu sein und Hilfe zu brauchen. Er schreit: „Herr, hilf mir!“ – und Jesus „streckt sogleich die Hand aus und ergreift ihn!“

Was tut Jesus in der anderen Geschichte, an der wir heute entlanggegangen sind? Wie geht er auf den Einwand des Petrus ein? „Er aber wandte sich um.“ Er macht die Geheimnistuerei von Petrus nicht mit, wendet sich von ihm ab, wendet sich wieder allen Jüngern zu. Das ist eine Sache, die nicht nur Petrus angeht, sondern auch die anderen. Er „sah seine Jünger an“. Offen und frei steht er ihnen gegenüber, wie schon zuvor, „und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan!“ So eine harte Reaktion hätten wir wohl doch nicht von Jesus erwartet. Wie kann er seinen Jünger „Satan“ nennen? Wie kann er ihn fortschicken? Und wenn wir selbst genau wie Petrus gegen das Leiden Jesu Einwände erheben, wenn wir mit diesem Gott nichts anfangen können, der sich so schwach und klein macht? Sieht Jesus dann auch in uns das Böse am Werk? Würde er uns dann auch „Satan“ nennen? Würde er uns auch fortschicken?

Jesus will dem Petrus etwas klarmachen, was ihm so wichtig ist, dass er diese harte Sprache gebraucht. Er will sagen: Wer einen starken Messias will, der mit Gewalt Frieden schafft, der ist auf einem falschen Weg. Frieden gibt es nur mit friedlichen Mitteln, Liebe unter Menschen kann man nicht erzwingen. Also führt kein Weg darum herum, der Gottessohn wird leiden müssen, er wird sich nicht mit Gewalt oder durch Flucht dem Leiden entziehen können. Gott in Jesus ist ein leidender Gott. Wer den nicht will, betet einen falschen Gott an, ja, er wendet sich gegen den wahren Gott. Das sagt Jesus dem Petrus auch ganz deutlich: „Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“

Petrus will nämlich einen scheinbar selbstverständlichen, einfacheren Weg gehen: Er sucht einen Ausweg, der um das Leiden herumführt. Ich sehe den Petrus vor mir, ein paar Tage später im Garten Gethsemane, als Jesus von den Soldaten festgenommen wird. Da will er Jesus helfen und schlägt wild mit dem Schwert auf die Soldaten ein. Er richtet nicht viel aus, trifft nur einen Soldaten am Ohr. Und als Jesus ihm Einhalt gebietet und sogar dem Soldaten hilft, da weiß Petrus gar nicht mehr, was er machen soll. Er läuft weg, und wenig später wird er dreimal sagen: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ – der Tiefpunkt der Schwäche des Petrus, für die er sich um so mehr schämt, als der Hahn dreimal kräht.

Daher also schon hier das scharfe Wort Jesu an Petrus: „Geh weg von mir, Satan!“ Petrus scheint ihm wie besessen von einer bösen Macht. Es ist im Grunde der Glaube an die eigene menschliche Stärke, der Glaube, dass man schon alles schaffen kann, wenn man sich nur ordentlich zusammenreißt und sich durchsetzt. Von dieser Haltung soll Petrus sich freimachen, damit soll er Jesus fortbleiben, dass er nur an einen Messias glauben kann, der nur ein Spiegelbild der natürlichen menschlichen Stärke ist.

Ich glaube nicht, dass Jesus in Petrus buchstäblich einen Teufel sieht. Er schickt ihn ja auch nicht wirklich weg. Er übt allerdings eine sehr harte Kritik an seiner Lebenshaltung. Er will Petrus auf einen anderen Weg führen. Viel später, erst nach Jesu Tod, erst nachdem Petrus Jesus dreimal verleugnet haben wird, dann erst wird Petrus aufgehen, dass der Weg Jesu auch für ihn ein guter Weg ist. Da spürt Petrus endlich, dass Jesus nicht zu ihm sagen würde: „Mit so einem Feigling will ich nichts mehr zu tun haben!“ Obwohl er Jesus enttäuscht hat, liebt Jesus ihn immer noch. Jesus trägt ihm nichts nach und vertraut ihm sogar die Leitung seiner Gemeinde in Jerusalem an.

Wenn also Petrus insgeheim ein depressiver Mensch ist, der immer alles allein schaffen will und der sich dabei maßlos überfordert, der schwankt zwischen: „Ich kann alles!“ und „Ich schaffe gar nichts!“ – dann hat Jesus für ihn genau das richtige Rezept: Jesus macht ihm klar, dass er gar nicht immer alles schaffen muss, dass er auch einmal schwach sein darf. Jesus vergibt ihm, dass er ihn verleugnet hat. Und er traut ihm etwas zu, was er durchaus schaffen kann, er soll die Gemeinde leiten, und er wird es tun – gemeinsam mit anderen.

Noch einmal unterbreche ich meinen Vortrag, und wir singen aus dem Lied im Evangelischen Gesangbuch „Kommt, Kinder, lasst uns gehen“ die drei sehr schönen Strophen 6 bis 8.

Kommt, Kinder, lasst uns gehen

Auf einen Satz in dem Bibeltext von vorhin will ich noch eingehen, und zwar auf das Wort Jesu: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Falsch verstanden, kann man sich mit diesem Wort erst recht deprimieren. Denn – „sich selbst verleugnen“ – normalerweise verstehen wir darunter, dass man nicht an sich selbst denkt, sondern nur an die anderen. Sicher: Ein Leben mit anderen, ein Leben für andere, ist ein reicheres Leben, als wenn man einsam und egoistisch nur um sich selber kreist.

Aber in diesem Sinne sich selbst verleugnen, das kann eigentlich nur jemand, der sich selbst lieb hat, der sich selbst geliebt weiß. Erst dann weiß er: ich komme nicht zu kurz, wenn ich auf etwas verzichte.

Es gibt aber auch Menschen, die sind sozusagen von Natur aus immer nur für andere Menschen da, nicht weil sie sich geliebt fühlen, sondern umgekehrt, weil sie eine bedingungslose Liebe nie erfahren haben. Stattdessen haben sie die Erfahrung gemacht: Wenn ich nur genug für die anderen tue, wenn ich Rücksicht auf Mama und Papa nehme, wenn ich immer für meine Geschwister da bin, wenn ich immer alles allein schaffe, dann bekomme ich vielleicht auch mal ein bisschen Anerkennung, dann habe ich auch ein Recht, da zu sein. Diese Menschen sind auch in verborgener Weise depressiv, weil sie irgendwann innerlich ausbrennen.

Richtig verstanden, heißt „sich selbst verleugnen“ für diese Menschen etwas ganz anderes, als wir normalerweise annehmen: Anzuerkennen, dass auch sie selber bedürftig sind, dass auch sie selber Liebe brauchen.

Ich meine: Sich selbst verleugnen – das kann man auch so übersetzen: Ich kenne mich selbst nicht. Ich kenne mich selbst vielleicht noch nicht ganz. Ich bin vielleicht gar nicht nur so, wie ich es mir immer eingeredet habe. Vielleicht schlummern noch andere Seiten in mir, die ich bisher nicht wahrgenommen habe, vielleicht bin ich manchmal schwach und depressiv und das ist gar nicht so schlimm…? Vielleicht liegen große Chancen darin, mich so zu akzeptieren, wie ich bin!

Verborgene Seiten in mir, die ich gar nicht so gerne habe – vielleicht sind sie auch so etwas wie ein Kreuz, das ich auf mich nehmen muss. Ich habe vielleicht schon lange meinem „Kreuz“ ausweichen wollen, meiner Lebensaufgabe, die mir gestellt ist, meinem Lebensproblem, meiner schwachen Stelle, meinem blinden Fleck, mit dem ich mich auseinandersetzen muss oder mit dem ich leben muss. Nur wenn ich mein Kreuz auf mich nehme, komme ich wirklich zu mir selbst. Nur wenn ich mein Kreuz auf mich nehme, werde ich dem gerecht, was Gott mit mir vorhat.

Sein Kreuz auf sich nehmen: Das kann für einen Menschen, der immer gern alles unter Kontrolle hat, bedeuten: Endlich akzeptieren, dass er auch einmal schwach ist. Jemand, der sich für wertlos hält, kann sein „Kreuz“ darin finden, endlich einmal Ja zu sich selbst zu sagen, sich nicht mehr kleiner zu machen, als er ist, die Liebe anzunehmen, mit der Gott ihn liebt. Sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen, das kann also für jeden Menschen anders aussehen. Von dem einen wird erwartet, dass er endlich seine Trägheit überwindet und etwas tut. Und ein anderer muss gerade das Gegenteil lernen: sich in sein Schicksal fügen, eine Beeinträchtigung in seinem Leben annehmen, z. B. mit einer Krankheit leben, weil er daran beim besten Willen nichts ändern kann. In jedem Fall geht es aber darum, einen Teil seines Lebens, den man bisher nicht gelebt hat, zu leben. Ich wollte doch nie schwach sein – und jetzt muss ich akzeptieren, dass ich nicht immer stark bin. Dass ich vielleicht nie wieder so bin wie früher. Und doch kann mein Leben sinnvoll sein. Ich konnte mich doch nie durchsetzen, habe nie gewagt, Nein zu sagen. Und jetzt muss ich lernen, dass ich mich doch wehren kann, weil ich mich sonst über meine Kräfte ausnutzen lasse.

Jesus fordert uns nicht zur Selbstverleugnung auf, um uns kleinzukriegen und selber groß dazustehen. Er will uns vielmehr diese Lehre erteilen: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Also noch einmal betont er: Gerade wenn man jedem Schmerz und jeder Depression ausweichen will, dann reitet man sich immer tiefer in Probleme hinein. Aber wenn man sich den Schmerzen und Problemen des Lebens stellt, wenn man akzeptiert, dass man auch einmal schwach ist und Hilfe braucht, dann wird man erfahren: das Leben geht doch weiter, und zwar ein erfülltes Leben. Man muss manchmal von liebgewordenen Dingen Abschied nehmen, man muss manche Tränen weinen, die man nie weinen wollte, man kann manchmal nur mit kleineren Kräften weitermachen als zuvor. Und dann gewinnt man neues, reicheres Leben.

Wir singen das Lied 611 im Evangelischen Gesangbuch:

Harre, meine Seele

So weit erst einmal dieser Vortrag über Depressionen – anhand biblischer Worte von Jesus über das Leiden des Menschensohnes, über die Gestalt des Petrus, über das Sich-Selbst-Verleugnen und über das Kreuz, das man auf sich nehmen muss. Ich hoffe, dass es nicht allzu unverständlich war und möchte Sie bitten, alle Fragen, die Sie haben, „offen und frei“ zu äußern.

Wenn Sie von sich aus keine Fragen mehr haben, können wir im Gespräch noch näher darauf eingehen, welche unterschiedlichen Formen der Depression es gibt (Jammer-Depression und manisch-depressive Haltung), wie man mit jemandem umgeht, der depressiv ist (Frederic Flach, S. 182), und mit welchen Methoden Depressionen behandelt werden können.

Gebet, Vaterunser und Segen

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