Bilder zur Abgewöhnung des Todes

Aufstehen – Zurechtfinden – Umkehren - zur rechten Zeit.

Sind wir auch manchmal wie der Hengst, der einfach immer weiterrennt – auch wenn es ein falscher Weg ist? Es kann Gefühle geben, mit denen wir uns immer mehr in die Verzweiflung ziehen, voller Selbstmitleid. Und wir hören nur noch auf böse Stimmen, die uns keine Chance mehr geben.

Silhouette eines Hengstes in vollem Galopp

„Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.“ (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), den 19. November 1989, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, den wir auch als Volkstrauertag begehen. Volkstrauertag, das bedeutet: An vielen Orten, auf vielen Friedhöfen, an vielen Ehrenmalen wird heute der Toten gedacht, die im Krieg umgekommen sind. Hier in der Klinik werden wir an diesem Tag, der die Trauer in seinem Namen trägt, aus der Bibel einiges über Traurigkeit hören – und darüber, wie Menschen aus der Traurigkeit herausgezogen werden. Denn Gott will nicht, dass wir uns an den Tod gewöhnen, er will nicht, dass wir den Tod für besser halten als das Leben.

Lied 298, 1+5-7:

1) Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

5) Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist und dass ihm der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glücke speist. Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.

6) Es sind ja Gott sehr leichte Sachen und ist dem Höchsten alles gleich, den Reichen klein und arm zu machen, den Armen aber groß und reich. Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.

7) Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 69:

2 Gott, hilf mir! / Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

3 Ich versinke in tiefem Schlamm, / wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, / und die Flut will mich ersäufen.

4 Ich habe mich müde geschrien, / mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, / weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

6 Gott, du kennst meine Torheit, / und meine Schuld ist dir nicht verborgen.

11 Ich weine bitterlich und faste, / und man spottet meiner dazu.

14 Ich aber bete zu dir, HERR, zur Zeit der Gnade; / Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

15 Errette mich aus dem Schlamm, / dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, / und aus den tiefen Wassern;

16 dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge / und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir haben zu dir mit Psalmworten gebetet, mit Worten voller Bilder. Bilder vom Versinken im tiefen Wasser der Traurigkeit und Depression, Bilder vom Schlamm der Schuld, in der man stecken bleibt. Es sind alte Worte, alte Bilder, aber sie rühren uns heute noch an. Gott, steh uns bei, wenn unsere Gefühle uns überwältigen! Zieh uns heraus, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht! Hilf uns, zu dir Vertrauen zu haben! Das erbitten wir von dir durch Jesus Christus, unsern Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Brief des Paulus an die Römer 8, 18-25. Paulus hat sich an dieser Stelle über das Leiden der Menschen, vor allem auch sein eigenes Leiden Gedanken gemacht – er war ja selbst krank und wurde von Menschen verfolgt:

18 Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;

21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.

23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

24 Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?

25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 296, 1+6-10:

1) Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübtes Seele! Warum liegst du Gott zum Spott in der Schwermutshöhle? Merkst du nicht des Satans List? Er will durch sein Kämpfen deinen Trost, den Jesus Christ dir erworben, dämpfen.

6) Ich bin Gottes, Gott ist mein; wer ist, der uns scheide? Dringt das liebe Kreuz herein dem bittern Leide: lass es dringen, kommt es doch von geliebten Händen, und geschwind zerbricht sein Joch, wenn es Gott will wenden.

7) Kinder, die der Vater soll ziehn zu allem Guten, die gedeihen selten wohl ohne Zucht und Ruten; bin ich denn nun Gottes Kind, warum will ich fliehen, wenn er mich von meiner Sünd auf was Guts will ziehen?

8) Es ist herzlich gut gemeint mit der Christen Plagen; wer hier zeitlich wohl geweint, darf nicht ewig klagen, sondern hat vollkommne Lust dort in Christi Garten, der wohl um sein Leid gewusst, endlich zu erwarten.

9) Gottes Kinder säen zwar traurig und mit Tränen, aber endlich das Jahr, wonach sie sich sehnen. Denn es kommt die Erntezeit, da sie Garben machen; da wird all ihr Gram und Leid lauter Freud und Lachen.

10) Ei so fass, o Christenherz, alle deine Schmerzen, wirf sie fröhlich hinterwärts, lass des Trostes Kerzen dich entzünden mehr und mehr! Gib dem großen Namen deines Gottes Preis und Ehr! Er wird helfen. Amen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Abschnitt aus dem Prophetenbuch Jeremia 8, 4-7. Der Prophet Jeremia soll dies alles seinem Volk Israel sagen – und wir können diese Worte auch auf das Gottesvolk der Christen, auf uns selber, anwenden:

4 Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?

5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.

6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.

7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

Liebe Gemeinde!

Ein Prophet spricht diese Worte, die wir gehört haben, der Prophet Jeremia aus dem Ort Anatot im Gebiet des Stammes Benjamin im Land Israel. Ein Prophet ist ein Mann Gottes, einer der weitersagt, was Gott ihm gesagt hat. Meist war das so, dass dem Propheten Gott im Traum erschien, oder er hörte einfach die Stimme Gottes, und was er hörte, das sagte er dann den anderen Leuten weiter.

Aber die Leute hörten oft nicht gerne, was Jeremia ihnen zu sagen hatte. Zum Beispiel sagte er einmal (Jeremia 22, 13):

Weh dem, der sein Haus mit Sünde und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht.

Und er wurde nicht müde zu sagen: „Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Ihr dürft nicht auf Kosten anderer leben.“ Man kann doch gut verstehen, dass er deshalb auch Ärger mit den Leuten bekam. Sogar den König des Landes klagte Jeremia an, als der König in seinen Palast ganz teure Fenster einbauen und die Räume mit kostbarem Zedernholz vertäfeln ließ (Jeremia 22, 14).

Jeremia ist ein Prophet, der viel Ärger bekommt. Die Leute wollen ihn nicht mehr hören. Immer redet er von Gerechtigkeit und vom Frieden. Immer redet er vom Teilen und vom Abgeben an die Armen, und dass man nicht so viel Vertrauen auf die eigene Stärke haben, sondern mehr auf Gott vertrauen sollte, auch in der Politik. Keiner will das hören. Keiner sagt ihm einmal: „Wir danken dir, Jeremia. Es ist gut, dass du uns nicht nach dem Mund redest. Es ist gut, dass du uns zeigst, was wir falsch machen, und dass du uns auch den richtigen Weg zeigst, den Weg zu Gott.“ Nein, der Prophet kommt bei den Leuten nicht an mit seiner Botschaft. Die Nachbarn wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sogar die Freunde des Propheten ziehen sich von ihm zurück. Vom König kommen Drohungen, Jeremias Bücher werden verbrannt, und Jeremia selbst wird immer wieder eingesperrt. Wenn wir Jeremia fragen würden: „Macht dir dein Beruf eigentlich Freude?“ – dann würde Jeremia vielleicht antworten: „Nein, am liebsten wäre ich gar nicht geboren worden, immer sehe ich nur Jammer und Herzeleid, und alle verachten mich.“

Können wir nicht gut verstehen, wenn es Tage gibt, an denen der Prophet Jeremia am liebsten alles hinwerfen möchte? Dass er manchmal am liebsten aus seinem Prophetenamt aussteigen und in Ruhe gelassen werden möchte?

Vielleicht kennen wir auch solche Tage, solche Stimmungen, ich als Pfarrer, auf den die Leute auch nicht immer hören, oder jemand anders unter uns, der am Ende ist mit seinen Kräften. Ist die Versuchung nicht manchmal groß, zu sagen: „Es hat ja doch alles keinen Zweck?“

Aber Jeremia will trotzdem nicht aufgeben. Er will sich nicht an den Tod gewöhnen. Denn das weiß er: „Wenn ich den Mut sinken lasse, dann gewinnt der Tod. Wenn ich nicht mehr für Gerechtigkeit und Frieden eintrete, dann lasse ich den Tod herrschen. Wenn ich selber nicht mehr leben will, dann glaube ich nicht mehr an Gott, sondern an den Tod.“

Doch wie schafft es Jeremia, sich nicht an den Tod zu gewöhnen? Denn das ist eine sehr große Anstrengung. Und wie schafft es Jeremia, andere Menschen für diese große Anstrengung zu gewinnen? Wie kann er in einem ganzen Volk die Sehnsucht nach Leben wecken?

Jeremia versucht es mit Bildern. Vier Bilder stellt er vor uns hin, vier Bilder, die er uns beschreibt; wir haben diese Beschreibung eben gehört, ich will das nochmal wiederholen:

  1. Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde?
  2. Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
  3. Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.
  4. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

Vier Bilder für das Leben, vier Bilder, um sich nicht an den Tod zu gewöhnen.

1. Hinfallen und Aufstehen

Schauen wir uns das erste Bild genauer an: „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde?“ spricht der Herr. Nun, wie ist es mit diesem Bild? Sind wir nicht alle schon einmal hingefallen? Und haben wir uns nicht alle auch gern wieder aufgerappelt, wenn es eben möglich war? Keiner würde sagen: „Nun, da ich hingefallen bin, bleibe ich erstmal gemütlich liegen!“ Wir stehen auf. Oder wir rufen um Hilfe, damit man uns aufstehen hilft, wenn wir es allein nicht können.

Aber Jeremia deutet nun auf dieses Bild und sagt: „Es gibt auch Menschen, sogar ganze Völker, die fallen hin und stehen nicht wieder auf, die reden sich ein, Liegenbleiben sei besser als Stehen, Aufstehen hat ja doch keinen Zweck.“ Denken wir auch manchmal so? „Ich bleibe lieber im Dreck liegen. Dann brauche ich mich nie wieder anzustrengen. Ich habe so viel falsch gemacht. Das kann ich nicht wieder gutmachen. Deshalb versuche ich es erst gar nicht. Ich will nicht mehr aufstehen. Dann ist für mich wenigstens alles vorbei.“

Aber dann gewinnt der Tod, dann verliert das Leben. Doch das muss nicht so sein. Gott möchte, dass wir wieder aufstehen. Eigentlich steht jeder gern wieder auf, wenn er hingefallen ist, denn eigentlich will jeder gern leben. Eigentlich will jeder gern wieder neu anfangen, es doch noch einmal versuchen, er braucht nur die Hoffnung, dass er es wirklich schaffen kann und dass ihm vielleicht jemand dabei hilft.

2. Sich wieder zurechtfinden

Nun zum zweiten Bild, das Jeremia beschreibt: „Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“ Wer von uns hat sich nicht schon einmal verirrt? Ich kann mich erinnern, dass ich mich in Frankfurt verfahren habe, als ich dort jemanden besuchen wollte. Lange irrte ich mit dem Auto durch die Straßen, bis ich endlich das Haus doch noch gefunden hatte, das ich suchte. Und ich denke an eine Ärztin hier aus der Klinik, die mich einmal fragte, ob ich eine bestimmte Frau gesehen hätte, sie war spazierengegangen und nicht zum Essen auf ihre Station zurückgekommen, und alle machten sich Sorgen um sie. Wie froh waren alle, als sie dann doch wiedergefunden wurde! Sie hatte sich nur verirrt, sich im Gelände nicht mehr allein zurechtgefunden.

Jeremia deutet auf dieses Bild und sagt: „So merkwürdig es klingt, manche Menschen wollen anscheinend nicht auf den richtigen Weg zurückgeführt werden.“ Er ärgert sich über die Leute in der Hauptstadt seines Landes. „Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für?“ sagt er. „Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden.“ Sie sagen nicht die Wahrheit. Sie belügen sich selbst. Falsche Götter beten sie an. Vielleicht ist ihnen das Geld zu wichtig; vielleicht sind sie zu stolz, um sich von Gott helfen zu lassen, von Gott einen anderen Weg führen zu lassen; jedenfalls haben sie kein Vertrauen zu dem einen wahren Gott. Sie wollen nicht umkehren zu Gott. Und sie tun dabei noch so, als hätten sie Recht. „Wer glaubt schon noch an Gott“, sagen sie vielleicht. „Der kann ja doch nicht helfen. Ist es nicht besser, allein mit sich zurechtzukommen? Ist es nicht besser, wenn man zuerst an sich selbst denkt? Ist es nicht besser, wenn alles nichts mehr hilft, seinen Kummer im Alkohol zu ersäufen? Oder vielleicht gleich mit allem Schluss zu machen?“

Doch das muss nicht so sein. Gott möchte, dass wir wieder zurechtkommen, dass wir wieder auf den rechten Weg zurückkommen, wenn wir uns einmal verirrt haben. Er weiß, dass wir uns das eigentlich auch wünschen. Auch wenn wir manchmal so tun, als sähen wir nur noch die falschen, die scheinbaren Auswege. Aber Gott will für uns das Leben; wir brauchen nicht zu verzweifeln, wir brauchen nicht die Droge, nicht den Alkohol, nicht die Gewalt und nicht den Selbstmord. Auch wenn wir uns zeitweise verirrt haben, Gott zeigt uns einen neuen, guten Weg.

3. Umkehren aus vollem Galopp

Ein drittes Bild malt uns Jeremia vor Augen, ein Bild aus der Welt des Krieges: „Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.“ Ist das nicht schrecklich? Ich sehe das gejagte Tier, höre es schnauben; weit aufgerissen die Augen. Was mich erschreckt, ist, dass es für dieses Tier kein Halten mehr gibt, kein Zurück, kein nochmaliges Überdenken. Und so sieht Jeremia auch sein Volk? Rennt es blind in sein Unglück? So sieht Jeremia auch uns? Gibt es das auch bei uns, dass wir blindlings immer tiefer ins Unglück hineinrennen?

Von den Leuten in Jerusalem sagt Jeremia: „Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan!“ Wenn sie nicht bereuen, was sie getan haben, dann kann ihnen auch nicht geholfen werden. Gott würde ihnen vergeben, aber es tut ihnen nicht leid, was sie getan haben. Sie machen sogar immer weiter mit ihrem Unrecht, sie nehmen weiter den Armen das Geld weg, sie sind hässlich zu ihren Mitmenschen.

Und wir? Sind wir auch manchmal wie der Hengst, der einfach immer weiterrennt – auch wenn es ein falscher Weg ist? Anhalten, Bremsen, Umkehren – das ist manchmal so schwer, das ist etwas so Neues, das fällt uns nicht leicht, wenn wir schon lange auf einem Weg laufen, der uns ins Unglück führt. Eine Sucht kann so ein Weg des Unglücks sein. Es kann sogar bestimmte Gefühle geben, in die wir uns sozusagen verlieben, mit denen wir uns immer mehr in die Verzweiflung ziehen, voller Selbstmitleid. Und wir hören gar nicht mehr auf das, was gute Menschen uns sagen, wir hören nur noch auf die bösen Stimmen, die uns keine Chance mehr geben.

Aber das muss nicht so sein. Gott möchte, dass wir still werden, dass wir anhalten aus dem vollen Galopp. Für viele ist der Aufenthalt hier in der Klinik wie ein erzwungenes Anhalten. Aber sie haben erst etwas davon, wenn sie allmählich selber ruhiger werden, umdenken, neue Hoffnung gewinnen, einen neuen Weg sehen, neue Kräfte sammeln.

4. Die Zeit zur Umkehr wissen

Im letzten Bild stellt uns Jeremia Zugvögel vor Augen: Storch, Turteltaube, Kranich und Schwalbe. Wir würden hier in Alzey vielleicht noch die Stare hinzunehmen, die sich im Herbst jeden Abend hier im Klinikgelände versammeln. Die Zugvögel wissen genau, sie müssen im Herbst aus dem kalten Norden in den warmen Süden fliegen, sonst kommen sie in der Kälte um. Und sie wissen genau, wann sie wieder zurückkommen müssen, um hier wieder etwas zum Fressen zu finden, was es für sie im Süden nicht gibt. „Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen,“ sagt Jeremia. Er weist auf diese Vögel hin und meint: „Sie sind klüger als das Gottesvolk. Mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“ Die Menschen gehen weg von Gott, weil sie meinen, allein zurechtzukommen, und sie kehren nicht wieder zurück, wenn es dann doch nicht klappt.

Aber muss das wirklich so sein? Gott möchte, dass wir zu ihm zurückkehren. Dass wir nicht an das Böse glauben, sondern an das Gute. Dass wir nicht an den Tod glauben, sondern an das Leben. Dass wir an Gerechtigkeit glauben und nicht an das Unrecht. Dass wir – mit einem Wort – wieder an ihn glauben, den lebendigen, guten Gott, der es auch gut mit uns meint, mit jedem von uns, und der jedem von uns das Leben gönnt.

Es ist traurig, wenn wir meinen, Gott kann uns doch nicht helfen. Und es ist schon sehr gut, wenn wir diese Traurigkeit spüren. Wenn wir traurig werden darüber, was wir bisher an Liebe entbehrt haben, und wenn wir spüren, wonach wir uns eigentlich sehnen.

Zurückkehren zu Gott, umkehren von Wegen, die nur immer tiefer ins Unglück führen, das ist nicht leicht. Es ist anstrengend. Manchmal tut es weh, wenn man es wagt, zu vertrauen. Denn man kann auch enttäuscht werden. Aber in allem, was uns passiert, hält Gott uns fest. Deshalb lohnt sich das Leben, deshalb lohnt sich der Glaube, deshalb lohnen sich auch die Tränen, durch die sich ein Kummer löst und durch die eine Sehnsucht frei werden kann. Denn Gott ist auch der, der uns wie eine Mutter tröstet. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 294, 1-2+6-7:

1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

2) Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

6) Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7) Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

Lasst uns beten.

Gott im Himmel, Tröster in Krankheit, Not und Kummer, hilf uns, dass wir nicht in unser Unglück rennen, sondern zu dir zurückkehren, um uns von dir helfen zu lassen. Hilf uns, auf dem beschwerlichen Weg unseres Lebens wieder aufzustehen, wenn wir fallen, wieder den rechten Weg zu suchen, wenn wir in die Irre gegangen sind. Hilf uns, um Vergebung zu bitten, wenn wir im Unrecht waren, wenn wir Fehler gemacht haben, oder eine schlimme Verzweiflungstat getan haben. Und vor allem hilf uns, Vergebung auch anzunehmen, zeige uns den neuen Weg, der vor uns liegt, gib uns Mut und Kraft für den nächsten Schritt, der vor uns liegt. Schenke uns das Vertrauen zu dir, denn du lässt uns nicht allein, du stehst uns bei, in der Trauer und wenn wir uns freuen, im Zorn und im Liebhaben, in der Angst und im Aufbau von Vertrauen. Insbesondere, Gott, beten wir heute für Herrn …, der über die Hälfte seines Lebens hier in der Klinik gelebt hat, zuletzt im Haus Rotenfels, der nach schwerer Krankheit gestorben und der in der vergangenen Woche von der Klinik aus in Alzey beerdigt worden ist. Du nimmst ihn auf in dein ewiges Reich; steh allen bei, die um ihn trauern. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Lied 141:

3) Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit selgem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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