„Du segnest die Gerechten“

Trauerfeier für einen Mann, der sich als von Gott geliebt und gesegnet erfuhr, trotz und wegen aller Schicksalsschläge und Zufallsfügungen, die ihm in seinem wechselvollen Leben widerfahren sind.

Du segnest die Gerechten: Die Christusstatue von Maratea in Italien mit segnend ausgebreiten Armen

Wer erfährt den Segen Gottes? (Bild: valtercirillo – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Familie S., wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn S., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam an sein Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 5:

2 HERR, höre meine Worte, merke auf mein Reden!

3 Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott; denn ich will zu dir beten.

4 HERR, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

9 HERR, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen; ebne vor mir deinen Weg!

13 Du, HERR, segnest die Gerechten, du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Liebe Trauergemeinde!

Man könnte wohl einen Roman über Herrn S. schreiben – so wechselvoll und ereignisreich war sein Leben. In einer kurzen Trauerfeier kann ich nur andeuten, was für ein Mensch er gewesen ist, was er Ihnen bedeutet hat und welche Lücke er in Ihrem Leben hinterlässt.

Herr S. stammte aus einer deutschen Familie in Osteuropa, die durch das kommunistische Regime all ihrer Privilegien beraubt wurde. Er saß als Deutscher immer wieder zwischen den Stühlen. Dankbar war er dafür, dass er im Krieg nicht gezwungen war, Menschen zu töten. Wie viele Fügungen und Bewahrungen waren es wohl, die letzten Endes das Ehepaar S. zusammengeführt haben? Auf jeden Fall müssen Sie füreinander bestimmt gewesen sein, so wie Sie die ganzen Jahre hindurch eine glückliche Ehe geführt haben. Die Geburt eines Kindes machte Ihr Glück vollkommen. Und man hielt zusammen in der kleinen Familie, auch wenn das Schicksal wieder hart zuschlug und es schwer fiel, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Die Frage, was für ein Mensch Herr S. gewesen ist, kann nur jemand beantworten, der ihn geliebt hat. Als ernsthafter, korrekter Mann war er die ideale Ergänzung für seine Frau, die sich selbst als Schmetterling voller Lebensfreude beschreibt. Wenn er gebetet hat, dann für seine Frau, nicht für sich selbst. „Mich mag der liebe Gott, so wie ich bin“, meinte er. Und damit hatte Herr S. einfach Recht. Gott liebt uns, wie wir sind, und auch das letzte Wort über uns spricht der Vater im Himmel. Er kennt uns besser, als wir selbst uns kennen, und er fällt ein liebevolles Urteil, gerecht und gnädig zugleich.

Das Wort aus Psalm 5, 13 passt zum Leben und Sterben von Herrn S.:

Du, HERR, segnest die Gerechten, du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Sein Leben war so, dass er oft besonderen Schutz und Bewahrung brauchte – und das auch erfuhr. Sein Sterben war so, dass er während seiner lange andauernden Krankheit von Gott ganz plötzlich und ohne großes Leiden abgerufen wurde. Wenn er schon nicht wieder ganz gesund werden konnte, war dies doch eine Gebetserhörung, dass er sich wenigstens nicht noch länger quälen musste.

Als Gerechter wird ein Mensch gesegnet, wenn er dankbar empfängt, was Gott ihm schenkt, und zum Segen für andere wird.

Nun nehmen wir Abschied von Herrn S. und können ihn getrost loslassen, denn er verschwindet im Tod nicht in einem unergründlich finsteren Abgrund, sondern er bleibt gehalten und bewahrt von Gottes Händen.

Das mag uns trösten, doch natürlich nimmt es den Schmerz nicht einfach weg. Die langen gemeinsamen Jahre binden so eng aneinander, dass der Tod einfach weh tut.

Man kann davor nicht fliehen; es ist nicht gut, die Trauer zu verdrängen; man kann einander nur – so gut es geht – dabei begleiten und unterstützen, die Traurigkeit auszuhalten und durchzustehen. Wer das tut, wird merken: Trauer kann auch ein Weg sein, der reich macht.

Die Erinnerung an den Verstorbenen kann ein reicher Schatz werden, der nicht nur traurig macht, sondern auch dankbar stimmt und dazu anleitet, mit Zuversicht das eigene Leben neu zu beginnen, ganz im Sinne des geliebten Menschen, der von uns gegangen ist und nicht gewollt hätte, dass wir verzweifeln.

Dann ist die Begleitung durch Menschen wichtig, auf die man vertrauen kann. Man spürt, wer wirklich zu einem hält: Vor allem die Familie, die für einen da ist und für die man unendlich wichtig ist, in der man einander braucht. Und dann wenige Menschen außerhalb der Familie, die echt Anteil nehmen.

Hilfreich kann schließlich auch das Gespräch mit „dem da oben“ und mit seinen „guten Mächten“ sein, um sich wieder zurechtzufinden, wenn man seinen Weg verloren hat.

Das ist nicht einfach eine fromme Aufforderung, zu beten und sich in Gottes Ratschlüsse zu fügen. Sondern man darf mit Gott im Gebet durchaus auch schimpfen und klagen. Manchmal ist ein zorniger Schrei zum Himmel oder sogar der Hass auf Gott ein ehrlicheres Gebet als lammfromme, aber leere Sprüche.

Wer es nicht glaubt, mag im Buch Hiob nachlesen, wie ein außerordentlich gottesfürchtiger Mensch Gott selbst anklagt und ihm schwere Vorwürfe macht (Hiob 10):

8 Deine Hände haben mich gebildet und bereitet; dann hast du dich abgewandt und willst mich verderben?

9 Bedenke doch, dass du mich aus Erde gemacht hast, und lässt mich wieder zum Staub zurückkehren?

Und genau so massiv, wie Hiob Gott anklagt, ruft er wenig später den gleichen Gott als Bürgen und Anwalt an, um doch noch zu seinem Recht zu kommen (Hiob16):

11 Gott hat mich übergeben dem Ungerechten und hat mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen.

12 Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert. Er hat mich als seine Zielscheibe aufgerichtet;

13 seine Pfeile schwirren um mich her. Er hat meine Nieren durchbohrt und nicht verschont; hat hat meine Galle auf die Erde geschüttet.

16 Mein Antlitz ist gerötet vom Weinen, auf meinen Wimpern liegt Dunkelheit,

17 obwohl kein Frevel in meiner Hand und mein Gebet rein ist.

19 Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel, und mein Fürsprecher ist in der Höhe.

20 Meine Freunde verspotten mich; unter Tränen blickt mein Auge zu Gott auf,

21 dass er Recht verschaffe dem Mann bei Gott, dem Menschen vor seinem Freund.

2000 Jahre christliche Dogmatik und Frömmigkeit haben im Bewusstsein der Menschen Verheerendes angerichtet, indem die Gottesbeziehung nur noch brav und angepasst sein darf und die drastischen Worte der Bibel nicht mehr gehört werden.

Aber gerade der liebende Gott ist einer, mit dem man streiten kann. Ein Gegenüber, das versteht und konfrontiert, herausfordert und ermutigt. Ein ehrliches Gebet ist ihm lieber als Heuchelei. Und selbst wer nicht mehr beten kann und seine Liebe nicht mehr spürt, ist nicht von Gott verlassen. Amen.

Wir beten mit den Worten des Liedes EG 276:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Amen.

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