Gelobtes Land oder Höhle des Löwen?

Was hat der Palmsonntag mit der Auskundschaftung des Landes Kanaan zu tun? Das Volk Israel sucht damals ein Land, wo es in Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden leben kann, nachdem es die Gebote Gottes erhalten hat. Jesus und seine Jünger wollen mit ihrer Predigt vom Reich Gottes die Menschen in Jerusalem dazu bringen, wieder nach dieser Wegweisung des Friedens zu leben.

Eine Handvoll Weintrauben

Trauben im Überfluss brachten die Kundschafter aus Kanaan zurück (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Palmsonntag, 1. April 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen am Palmsonntag in der Pauluskirche!

Die Palmen am Palmsonntag erinnern an Jesu umjubelten Einzug in Jerusalem und werfen die Frage auf: Kann Jesus einer Stadt Frieden und Gerechtigkeit bringen, wo die Menschen ihn zwar im Triumphzug empfangen, aber ihn wenige Tage später kreuzigen? Können sich Träume von Frieden und Gerechtigkeit niemals gegen die Mächte der Selbstsucht und des Unrechts durchsetzen? In der Predigt wird Pfarrer Schütz heute das Evangelium vom Palmsonntag auf dem Hintergrund einer alten Geschichte aus dem Volk Israel auslegen.

Die Palme war im Volk Israel ein Sinnbild für einen gerechten Menschen, der im Gottvertrauen lebt und seine Stärke von Gott bekommt. Wir singen das Lied 284, 1-4, in dem der Palmbaum in der letzten Strophe besungen wird:

Wie ein Palmbaum grün und kräftig werd ich stehn
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten Psalm 92 (EG 737). Ich lese die linksbündigen Verse; lesen Sie bitte die nach rechts eingerückten Teile:

2 Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster,

3 des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.

5 Denn, HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände.

6 HERR, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind sehr tief.

7 Ein Törichter glaubt das nicht, und ein Narr begreift es nicht.

8 Die Gottlosen grünen wie das Gras, und die Übeltäter blühen alle – nur um vertilgt zu werden für immer!

9 Aber du, HERR, bist der Höchste und bleibest ewiglich.

13 Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.

14 Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen.

15 Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein,

16 dass sie verkündigen, wie der HERR es recht macht; er ist mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum.“ Davon ist das alte Volk Israel überzeugt. Wer auf Gott vertraut, der ist voller Leben wie ein Baum, der jetzt im Frühling ausschlägt und im Laufe des Jahres Früchte bringt.

Gehören wir zu den Gerechten? Möchten wir überhaupt zu ihnen gehören? Oder haben wir resigniert? Eintreten für Gerechtigkeit, was bringt das schon? Immer gerecht zu handeln, nach den Geboten zu leben, wer schafft das schon? Wir klagen dir, Gott, unsere Resignation, unsere Verzagtheit, unsere Mutlosigkeit und rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Im Vertrauen auf Jesus können wir überwinden, was uns lähmt, können wir Mut finden, um Gerechtigkeit zu wagen. Wir rufen zu unserem Herrn Jesus Christus (EG 11, 2):

Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Herr Jesus Christus, mach uns bewusst, dass die Macht in unserem Leben, in unserer Welt im Grunde allein in deiner Hand liegt, auch wenn es oft so scheint, als sei dir keine oder nur wenig Macht gegeben. Mach uns aufmerksam auf die Art, in der du deine Macht ausübst in dieser Welt, in unserem Leben: die stille Macht der Liebe, die zarte Gewalt der Sanftheit, die beharrliche Durchsetzungskraft der Gerechtigkeit. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Johannes 12, 12-19:

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,

13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht:

15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, daß dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Nun singen wir das Lied 314 und tun so, als würden wir Jesus in Jerusalem mit Palmzweigen und dem Jubelruf „Hosianna“ begrüßen. In dem Lied sehen Sie in der dritten Zeile über dem Wort „Hosianna“ in der Mitte eine „I“ und rechts eine „II“. Singen bitte Sie hier auf der der Seite zum Saal das erste Hosianna, und Sie hier an der Fensterseite bite das zweite Hosianna, und gemeinsam singen wir alles übrige.

Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, als Jesus in Jerusalem einzieht, da halten die Leute Palmzweige in der Hand. Andere Evangelisten erzählen von dem grünen Teppich aus Palmzweigen und eigenen Kleidern, den die Menschen vor Jesus ausbreiten, um ihn als den neuen König in der Hauptstadt Israels zu empfangen. Für politische Zyniker ist das eine lächerliche Szene: Wie können die Menschen damals annehmen, ein hergelaufener Prediger aus dem galiläischen Hinterland, der auf einem jungen Esel in die Stadt reitet, soll dem König Herodes und des Statthalter Pilatus ihre Macht entreißen, die selber nur die verlängerten Arme der römischen Weltmacht sind? Am Karfreitag wird ja Pilatus zeigen, wie eine globale Weltmacht mit solchen Möchte-gern-Königen kurzen Prozess macht.

Der Einzug Jesu in Jerusalem mit seiner kleinen Schar von 12 Jüngern erinnert mich an eine alte Geschichte in der Bibel. Sie spielt in der Zeit, als das Volk Israel die Sklaverei in Ägypten hinter sich hat und wenig später an der Grenze zum Land Kanaan steht. Dieses Land hat Gott den Israeliten versprochen, es ist das Gelobte Land, wo sie in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit leben sollen. Die Frage ist nun: Schenkt Gott ihnen wirklich ein freies Leben in diesem Land? Oder würden sie dort in die Höhle des Löwen geraten und müssen weiter in der Wüste umherirren, wo sie nur mühevoll überleben können? In der Bibel steht die Geschichte im 4. Buch Mose – Numeri 13 und 14. Herr von Weyhe liest sie Stück für Stück, und ich lege sie im Zusammenhang mit dem Einzug Jesu in Jerusalem aus (4. Buch Mose – Numeri 13):

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

2 Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen Mann, lauter Älteste.

3 Da entsandte Mose aus der Wüste Paran nach dem Wort des HERRN lauter Männer, die Häupter waren unter den Israeliten.

Kann es sein, dass die 12 Jünger, die mit Jesus in Jerusalem einziehen, sich so fühlen wie die 12 Stammesältesten, die damals von Mose als Kundschafter ins Land Kanaan entsandt werden? Die Bibel zählt ihre Namen im Folgenden auf wie eine Litanei; ich erspare uns die Einzelheiten ihrer genauen Herkunft, weise aber darauf hin, wie wichtig es den Erzählern der Bibel ist, diese Personen in Erinnerung zu behalten: Schammua, Schafat, Kaleb; Jigal, Hoschea, Palti; Gaddiël, Gaddi, Ammiël; Setur, Nachbi und Gëuël. Zwei dieser Männer spielen später eine eigenständige Rolle, Kaleb und Hoschea. Und Hoschea erhält von Mose einen interessanten neuen Namen:

16 Das sind die Namen der Männer, die Mose aussandte, um das Land zu erkunden. Aber Hoschea, den Sohn Nuns, nannte Mose Josua.

Hoschea, dem Sohn Nuns, wird nun Joschua genannt. Dieser Name hat es in sich. Er heißt auf Deutsch: „Befreiung, Rettung“; man kann ihn auch „Jeschua“ aussprechen. So heißt auch Jesus auf Hebräisch. Wir Christen unterscheiden in unserer Bibel zwischen Josua im Alten Testament und Jesus im Neuen. Aber im alten Griechisch stand für beide Personen der Name „Jesus“. Schon damals im alten Israel zieht also ein Jesus ein ins Gelobte Land, hier zunächst als einer von 12 Kundschaftern.

17 Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge

18 und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist;

19 und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen;

20 und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes. Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben.

Was hat dieser Auftrag der Kundschafter mit dem Einzug Jesu in Jerusalem zu tun? Damals braucht Mose Informationen, die wichtig sind, um die Besiedelung eines Landes zu wagen, von der Fruchtbarkeit des Landes bis hin zur Zahl und Stärke der bereits ansässigen Bevölkerung. Jesus und seine Jünger scheinen etwas anderes vorzuhaben: sie wollen in der Hauptstadt Jerusalem laut und offen vom Reich Gottes predigen.

Es gibt aber doch einen gemeinsamen Nenner für beide Vorhaben: Das Volk Israel sucht damals ein Land, wo es in Gerechtigkeit und Frieden leben kann, nachdem es Befreiung erfahren und am Sinai die Gebote Gottes erhalten hat. Jesus und seine Jünger wollen mit ihrer Predigt vom Reich Gottes die Menschen in Jerusalem dazu bringen, wieder nach genau dieser Wegweisung zu leben und sich in den Frieden und die Gerechtigkeit Gottes mit hineinnehmen zu lassen.

21 Und sie gingen hinauf und erkundeten das Land…

22 Sie gingen hinauf ins Südland und kamen bis nach Hebron; da lebten … die Söhne Anaks…

23 Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit einer Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen.

25 Und nach vierzig Tagen, als sie das Land erkundet hatten, kehrten sie um,

26 gingen hin und kamen zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde der Israeliten in die Wüste Paran nach Kadesch und brachten ihnen und der ganzen Gemeinde Kunde, wie es stand, und ließen sie die Früchte des Landes sehen.

Nach runden 40 Tagen bringen die Kundschafter handgreifliche Ergebnisse mit, unter anderem eine riesige Rebe mit Weintrauben, die nur zwei Männer gemeinsam tragen können. Das Gelobte Land ist also ein Ort, wo man nicht nur einigermaßen satt wird, sondern auch Lebensfreude findet; dafür ist der Wein von jeher ein Symbol.

27 Und sie erzählten ihnen und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das ihr uns sandtet; es fließt wirklich Milch und Honig darin, und dies sind seine Früchte.

Als die Kundschafter zu erzählen beginnen, weisen sie auf die mitgebrachten Früchte hin und benutzen eine uns vertraute Redewendung: im Land „fließen Milch und Honig“. Damit verbinden wir in der Regel ein herrliches Land, wo man im Luxus lebt. Schaut man genauer hin, sind Milch und Honig eher Produkte einer bescheidenen, einfachen Weidehaltung von Schafen oder Kühen, verbunden mit der Imkerei; es gibt Archäologen, die darauf hinweisen: genau so sahen die Anfänge der Besiedlung Kanaans durch die Israeliten aus; sie bewohnten zunächst ärmere Landstriche abseits der bereits existierenden großen Städte und der reichen Ackerbaugebiete. Mit Einzelheiten über die Möglichkeiten einer friedlichen Besiedlung des Landes halten sich die Kundschafter in ihrer Erzählung allerdings nicht auf; andere Aspekte erscheinen ihnen wichtiger.

28 Aber stark ist das Volk, das darin wohnt, und die Städte sind befestigt und sehr groß; und wir sahen dort auch Anaks Söhne.

29 Es wohnen die Amalekiter im Südland, die Hetiter und Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und am Jordan.

Sehr schnell richtet sich der Blick der Kundschafter auf die Gefahren im Gelobten Land. Da mag man ja satt werden und gut leben können, aber die dortigen Bewohner werden uns kaum dort dulden. Vier feindliche Volksstämme werden genannt, die das ganze Land in allen vier Himmelsrichtungen besetzt halten; von einem starken Volk mit gut befestigten großen Städten ist die Rede, und insbesondere von Anaks Söhnen, die von den Israeliten offenbar besonders gefürchtet wurden.

Im Vergleich dazu hat sich die Lage zur Zeit Jesu kaum geändert: Zwar leben nicht mehr verschiedene feindliche Völker im Land. Aber es ist eine einzige feindliche Weltmacht, die sich in ganz Israel festgesetzt hat wie eine Spinne im Netz: die Römer. Sie kontrollieren alles und haben sogar die mächtigen Familien und die Hohenpriester der Juden auf ihre Seite gebracht. Es ist diese Höhle des Löwen, in die Jesus sich traut, mit seinen Jüngern wie ein Befreiungskönig einzuziehen.

Damals aber beginnt das Volk gegen Mose aufzubegehren. In ein so gefährliches Land will er sie hineinführen?

30 Kaleb aber beschwichtigte das Volk, das gegen Mose murrte, und sprach: Lasst uns hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir können es überwältigen.

31 Aber die Männer, die mit ihm hinaufgezogen waren, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk, denn sie sind uns zu stark.

Kaleb scheint der einzige zu sein, der sich der Herausforderung stellen will, Israel ins Gelobte Land hineinzuführen; später werden wir sehen, dass auch Josua an seiner Seite steht. Alle anderen scheinen zu denken: Seien wir realistisch: Dieser Übermacht starker Volksstämme im Land sind wir nicht gewachsen. Wir wären ja verrückt, wenn wir dieses Wagnis eingehen würden! Bald schon wird unerheblich, wie realistisch diese Einschätzung ist; sie verstärken die bereits vorhandenen Ängste durch massive Übertreibung:

32 Und sie brachten über das Land, das sie erkundet hatten, ein böses Gerücht auf unter den Israeliten und sprachen: Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner, und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von großer Länge.

33 Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unsern Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich diese ganze Geschichte der alten Israeliten vor Ihnen ausbreite. Ich meine sie erklärt einiges von dem, was zwischen dem Palmsonntag und dem Karfreitag passierte.

Auch da gibt es ja die Volksmenge, die mit Jesus und seinen Jüngern begeistert in Jerusalem einzieht, in der Hoffnung, das fruchtbare Land mit Milch, Honig und Weintrauben wieder selber in Besitz zu nehmen und die römische Besatzungsmacht wegzujagen. Ein Leben im Frieden mit gerechten Verhältnissen scheint in greifbarer Nähe zu sein!

Aber wiederum sieht auf der anderen Seite die Realität anders aus. Jesus zieht zwar ein in Jerusalem, Jesus empört sich zwar über die Geschäftemachereien im Tempel und jagt die Geldwechsler mit Peitschen hinaus. Doch dann greift Jesus nicht konsequenterweise zu den Waffen, sondern lässt sich widerstandslos festnehmen. Sofort kippt die Stimmung im Volk gegen ihn um! Die Masse wünscht sich den Messias als einen Wunscherfüller, ohne dass man selber eigene Beiträge zum Frieden und zur Gerechtigkeit leisten muss. Wo es unbequem oder gefährlich wird, seine Stimme für den in Bedrängnis geratenen Messias zu erheben, wo sogar seine eigenen Freunde zu müde sind, um im Garten Gethsemane nur eine Stunde mit ihm wachzubleiben und seine Ängste mitzutragen, da siegt eigene Angst über alle Träume von einer besseren Welt. Die Volksmassen laufen zu denen über, die die Macht immer noch unangreifbar in Händen halten. „Lieber mit den Wölfen heulen, als mit den Schafen umkommen“, so scheinen sie zu denken, als sie von Pilatus die Kreuzigung Jesu fordern.

In der Wüste, an der Grenze zum Gelobten Land, ist ebenfalls die Stimmung im Volk plötzlich gegen Mose gerichtet – und auch gegen den Gott, der sie durch Mose auf den Weg geschickt hat (4. Buch Mose – Numeri 14):

1 Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte die ganze Nacht.

2 Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach dass wir in Ägyptenland gestorben wären oder noch in dieser Wüste stürben!

3 Warum führt uns der HERR in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden? Ist’s nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten?

4 Und einer sprach zu dem andern: Lasst uns einen Hauptmann über uns setzen und wieder nach Ägypten ziehen!

Warum führt uns Gott in Gefahren hinein? Warum lässt er Böses und Unrecht zu in unserer Welt? Diese Fragen werden ja auch in unserer Zeit immer wieder gestellt, auch ganz unabhängig von Auseinandersetzungen um Befreiung und Kämpfen für Gerechtigkeit und Frieden. Die Antwort der jüdischen Tora und die Antwort des christlichen Evangeliums stimmen darin überein, dass Gott auf andere Weise in unsere Welt eingreift, als wir Menschen uns das gewöhnlich vorstellen. Gott tut das nicht über unsere Köpfe hinweg. Er spricht konkrete Menschen an, um Befreiung, Rettung, Gerechtigkeit, Frieden herzustellen. Das ist nur möglich auf einem Weg, den wir im Vertrauen auf Gott mitgehen. Es scheinen aber immer nur wenige zu sein, die einen solchen Weg des Gottvertrauens wirklich wagen wollen. Nur zwei von zwölf Kundschaftern sind damals dazu bereit und setzen sich dafür ein, dass das Volk sich weiterhin durch Mose und Aaron von Gott in die Freiheit führen lässt.

5 Mose aber und Aaron fielen auf ihr Angesicht vor der ganzen Versammlung der Gemeinde der Israeliten.

6 Und Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, die auch das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider

7 und sprachen zu der ganzen Gemeinde der Israeliten: Das Land, das wir durchzogen haben, um es zu erkunden, ist sehr gut.

8 Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in dies Land bringen und es uns geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt.

An dieser Stelle ist die alte Erzählung noch nicht zu Ende. Es wird noch sehr dramatisch; wer möchte, kann das im 4. Buch Mose – Numeri 14 weiterlesen. Am Ende bringt Gott das Volk wirklich hinein in das Gelobte Land, aber erst nach 40 Jahren, und es werden Josua und Kaleb sein, die dieses Befreiungswerk vollenden.

Für uns heute ist der Satz entscheidend, den Josua und Kaleb hier dem Volk Israel ans Herz legen: „Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in dies Land bringen und es uns geben“. Im Vertrauen auf diese Gnade Gottes predigt Jesus vom Reich Gottes, das mitten unter uns anbricht. Im Vertrauen darauf, dass Gott immer noch ein Befreier ist, wagt es Jesus, in Jerusalem einzureiten, obwohl er genau weiß, dass er dieses Wagnis selber nicht überleben wird. Aber auf seine Weise trägt er den Frieden Gottes und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, mitten hinein in die von Geschäftemachern und skrupellosen Machtpolitikern beherrschte Stadt Jerusalem. Und der Gott, der gnädig ist, steht uns noch heute bei, wenn wir seinen Frieden und seine Gerechtigkeit hineintragen in eine Welt, die immer noch von Ungerechtigkeit geprägt ist und in der das Vertrauen zu einem befreienden Gott immer mehr abzunehmen scheint.

Pilatus lässt Jesus kreuzigen und gibt ihn mit der Inschrift auf dem Kreuz, INRI, der Verspottung preis: „Jesus von Nazareth, König der Juden“, aber ungewollt behält er Recht. Jesus ist der Messias, was auf Griechisch Christus heißt, der das Reich Gottes in Form von kleinen Schritten der Liebe und Gerechtigkeit und des Friedens unter uns anbrechen lässt. Da Gott selber die Liebe ist und niemals die Machenschaften ungerechter und selbstsüchtiger Menschen gutheißt, überträgt er Jesus tatsächlich alle Macht im Himmel und auf Erden.

Wenn wir heute manchmal Angst haben, in einer Welt, die von Jesus und Gott nicht mehr viel wissen will, als Christen zu leben, dürfen wir darauf vertrauen: Der Herr wird auch uns gnädig sein! Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Vor dem Abendmahl singen wir das Lied 224, 1-4:

Du hast zu deinem Abendmahl als Gäste uns geladen

Wir bereiten uns vor auf das Heilige Abendmahl und bringen im Beichtgebet vor Gott, was uns daran hindert, auf ihn und seine Vergebung zu vertrauen.

Wir bringen zu dir unsere Angst, die du verstehst, mit der du uns annimmst. Du kannst sie überwinden. Wir bringen zu dir unsere Wünsche nach Heilung, nach Frieden, nach Gerechtigkeit. Du bist auf unserer Seite. Wir bringen zu dir unser Versagen und unsere zu hohen Ansprüche an uns selbst und andere. Du lehrst uns, mit uns und anderen barmherzig zu sein. In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich als Last auf dem Herzen haben:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den, der die Liebe ist und Jesus als Befreier und Retter in die Welt gesandt hat. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben und für bestimmte Aufgaben in unserer Welt. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

In Jesus lebt Gottes Liebe, in Jesus wird Gott eins mit uns Menschen. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

So sehr liebt uns Gott, dass er sein Leben für uns hingibt. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Jesus Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Gehet hin im Frieden!

Fürbitten

Zum Schluss singen wir gemeinsam das Lied 580, 1-4:

Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel, o Herr
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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