„Angst essen Seele auf“

Eine Trauerfeier für eine Frau, die sich das Leben nahm, nachdem sie ein langes Leben hindurch unter quälenden Ängsten gelitten hatte. Aber die Erinnerung an ihr Leben bleibt nicht reduziert auf diesen einen Blickwinkel, der sich von ihrem Lebensende her nahelegt.

Ein nur mäßig erleuchtetes Zimmer mit Stuhl vor einem Kamin ohne Feuer mit Schatten von Menschen und Händen auf dem Fußboden und an der Wand

Erinnerungen und äußere Umstände können in manchen Menschen Ängste auslösen, die nicht zu bewältigen sind (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Frau A., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. Betroffen und erschüttert von den Umständen ihres Todes versammeln wir uns im Namen des Herrn Jesus Christus, der zu uns spricht (Matthäus 11, 28):

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Barmherziger Gott, wir kennen dich durch deinen Sohn Jesus, den du als den Christus, deinen Beauftragten, für uns in unsere Welt gesandt hast. Zu dir können wir kommen, mit allem, was uns beschäftigt, was uns belastet, aber auch mit dem, was uns dankbar macht. Unsere Trauer bringen wir vor dich, unsere Erinnerungen an Frau A., unsere Gedanken über ihr Leben und über ihren Tod. Wir fragen uns: Was hat sie dazu bewegt, auf diese Weise aus dem Leben zu scheiden? Was hätten wir tun können, um es zu verhindern? Wir können nicht anders, als uns diese Fragen zu stellen, doch es kann sein, dass wir es hinnehmen müssen, keine endgültige Antwort zu finden.

Hilf uns, dass wir in unserem Erinnern der Verstorbenen gerecht werden; lass uns nicht in aufreibenden Selbstvorwürfen stecken bleiben; gib uns Kraft, einander in der Trauer zu begleiten und auch selbst unsere Traurigkeit zu spüren und auszuhalten. Schenke uns das Vertrauen auf deine gnädige Zuwendung und Vergebung und zeige uns den Weg, auf dem wir gehen können und unser Leben, das du uns geschenkt hast, sinnvoll führen. Amen.

Liebe Trauerfamilie, liebe Gemeinde!

Wir haben einen schweren Gang vor uns. Wir müssen eine von Ihnen sehr geliebte Frau begraben, nachdem sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Niemand konnte es verhindern. Nun sind wir hier, mit unseren Gedanken und zwiespältigen Gefühlen, versuchen, ein wenig Ordnung in das hineinzubringen, was uns durcheinandergebracht hat, und suchen Trost bei dem Herrn, der wirklich trösten kann.

Zu allererst wird wohl jeder unter uns die Frage in sich tragen: Warum hat sie es getan? Wie konnte sie so verzweifelt sein, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah? Wenn wir zu antworten versuchen, können wir nur ahnen, vermuten, einen Versuch machen, Frau A. zu verstehen, ihr gerecht zu werden. Nicht indem wir so tun, als könnten wir über sie urteilen oder als könnten wir nachträglich Dinge ungeschehen machen. Sondern indem wir wissen, dass wir Frau A. einem gnädigen Gott anvertrauen, der in ihr Herz geschaut hat und auch unser aller Herz kennt und dessen Wege zuweilen für uns undurchschaubar sind.

„Angst essen Seele auf“, dieser Titel eines Films, der im Gespräch mit Ihnen genannt wurde, drückt sehr gut aus, worunter Frau A. zeitlebens immer wieder gelitten hat, unter einer Angst, die hin und wieder überwältigende Ausmaße annahm und die ihr niemand nehmen konnte. Sie wurde manchmal geschürt durch äußere Anlässe, zum Beispiel Erfahrungen im Dritten Reich oder Krankheit in der Familie, zum Teil blickte sie aber auch auf viele Dinge nur noch durch die Brille ihrer Angst und konnte sie dadurch nicht mehr in ihrer wahren Bedeutung wahrnehmen. So weckte eine Auslandsreise von Familiengliedern in ihr die Angst, die Betreffenden nie wiederzusehen, und ein geschlossenes Fenster deutete sie fälschlich als Zeichen, dass sich jemand von ihr abwende.

Alle Bemühungen der Familie, Frau a. in ihren Ängsten zu verstehen und zu beruhigen, hatten immer nur vorübergehenden Erfolg, reichten nicht bis an die Wurzel ihrer Angst, die sozusagen ihre Seele immer mehr angriff und verzehrte. Ich fand den Vers eines Beters in einem Psalm der Bibel, der vielleicht annähernd wiedergibt, was in Frau A. vorgegangen sein mag (Psalm 143, 4):

Mein Geist ist in Ängsten, mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe.

Vermutlich reicht die Geschichte ihrer Angst zurück bis in die Zeit, als die kleine A. schon im Kleinkind-Alter ihre Mutter verlor. Zwar ist das eine Zeit, an die man in der Regel keine bewussten Erinnerungen mehr hat, aber verletzende Erfahrungen in dieser frühen Kindheit können sich tief in die Seele eingraben.

Zwar hat A. nach der Wiederheirat des Vaters dann eine herzensgute Stiefmutter und -großmutter bekommen, aber lange Monate lagen dazwischen, in denen alles für sie verloren schien, das Nest ihrer Geborgenheit zerstört war, das ein Kind so nötig braucht, um Vertrauen zum Leben und zu anderen und auch Selbstvertrauen aufzubauen. Denn sie kam zunächst von zu Hause weg und musste durch die Not der Umstände so auch den Vater und die Geschwister entbehren. Das Mädchen, die heranwachsende junge Frau und auch die erwachsen Gewordene hat schon von damals an nie gern ihre vertraute Umgebung im Elternhaus und in ihrem Heimatort verlassen. Vieles, was anderen selbstverständlich ist, kostete sie große Überwindung.

Wenn man davon weiß und etwas ahnt von dem, was in der nun Verstorbenen vorgegangen sein mag, dann muss man erstaunen vor der Tatsache, dass sie ein so langes Leben hindurch mit dieser Grundstimmung der Angst doch leben und fertig werden konnte. Sie fand Sinn und Ziel ihres Lebens vor allem darin, für ihre Familie da zu sein, für den Ehemann, die Kinder, die Enkel und Urenkel. Über die Familie ging ihr nichts, und so lange sie hier zu sorgen und zu walten vermochte, ließ sie es niemanden an etwas fehlen.

Es war auch nicht so, dass man ihr die innere Angst ständig abgespürt hätte, und bestimmt hat sie sie auch selber nicht ständig empfunden. Und daher gehören zu den Erinnerungen an Frau A. auch all die Dinge, die ihr Freude gemacht haben: der Zusammenhalt mit ihrem Ehemann in einer sehr langen Ehe; dann auch all die Beziehungen, die zwischen ihrund ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln bestanden. Sie hat zum Beispiel gern für die ganze Familie gekocht und für einen Enkel auch schon mal extra. Hierher gehört auch ihr Interesse an der Musik und ihre Freude an Familienfesten.

Nicht zu vergessen sind ferner all die Kontakte zu den Nachbarn, Freunden und Verwandten im Dorf, die sie gern gepflegt hat, auch wenn es ihr schwer gefallen ist, von sich aus auf jemanden zuzugehen. Die Älteren wissen noch, wie sie geholfen hat, zum Beispiel wenn es eine Entbindung gab bei Mensch oder Tier.

Familie, Nachbarschaft, in diesen verhältnismäßig engen Lebenskreisen bewegte sich das ganze Leben von Frau A. Durch die Fernsehnachrichten allerdings blickte sie bewusst auch über den eigenen Lebenskreis hinaus in die Welt der Politik. Dort fand ihre Angst auch immer wieder Nahrung.

Je mehr sie nun in den letzten Jahren Abstriche machen musste an ihren Fähigkeiten, anderen zu helfen, desto mehr sah sie sich wohl wieder schutzlos ihren inneren Ängsten ausgesetzt, die sie bis hin zu einer manchmal offen ausgesprochenen Todessehnsucht trieben. Sie fühlte sich nicht mehr gebraucht, auch wenn man sie ins Leben der Familie einzubinden versuchte, und sie vermochte es nicht zu akzeptieren, dass sie einfach das Recht haben könnte, da zu sein und sich umsorgen zu lassen, ohne selber etwas dafür tun zu müssen.

Ich habe Frau A. nicht persönlich gekannt, und ich hoffe, dass ich das Bild, das Sie in Ihrer Erinnerung von ihr in sich tragen, nicht völlig falsch gezeichnet habe. Sicher legen wir in dieser Stunde eine besondere Betonung auf die Frage, woher ihre tief sitzende Angst gerührt haben mag; zugleich gehört es aber auch zum Abschiednehmen dazu, sich über all das noch einmal klar zu werden, was jeder einzelne der Verstorbenen verdankt und was uns dankbar machen kann auch im Blick auf das, was ihr in ihrem Leben geschenkt war.

Was bleibt uns in dieser Stunde zu tun? Zunächst, dass wir Frau A. ganz bewusst unserem Gott anvertrauen, zum Beispiel indem wir mit einem Psalmdichter die Gebetsworte sprechen (Psalm 143, 1-4):

Herr, erhöre mein Gebet, vernimm mein Flehen um deiner Treue willen, erhöre mich um deiner Gerechtigkeit willen, und geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele und schlägt mein Leben zu Boden, er legt mich ins Finstere wie die , die lange schon tot sind. Und mein Geist ist in Ängsten, mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe.

Und ich bin mir dessen gewiss, ich kann es mir gar nicht anders vorstellen, dass Frau A. nun Ruhe gefunden hat für ihre Seele, auch wenn wir ihren Schritt bedauern und nicht gutheißen.

Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

So heißt es in dem bekannten Kirchenlied (EG 85, 9) von Paul Gerhardt.

Offen muss die Frage bleiben, ob irgendetwas, irgendjemand Frau A. in ihrer Angst doch hätte helfen können. Sicher kennt die Psychotherapie und die Seelsorge manchen Weg, um mit Angst umzugehen, aber nicht jeder Weg ist für jeden gangbar; und vor allem kann uns jetzt kein solcher Gedanke helfen, die Vergangenheit ungeschehen zu machen.

Ich erwähne dies nur aus einem einzigen Grund: dass wir uns dort, wo wir selber in Ängsten leben oder Menschen begegnen, die so schwer belastet sind, vielleicht weniger davor scheuen, aufeinander zu zu gehen und uns Hilfe in Gesprächen zu suchen oder anzubieten. Der Schritt, den Frau A. getan hat, ist ja ein Signal, das unübersehbar etwas anzeigt, was sonst oft verborgen bleibt: Wie viele Sorgen, wie viel Schwermut, wie viel unausgesprochene Angst oder Verzweiflung, Traurigkeit oder Schmerz in manchem Menschen verborgen sind, dem man es gar nicht so ansieht.

Was kann uns nun wirklich helfen, mit alle dem fertigzuwerden, den Erinnerungen, den Selbstvorwürfen, der Traurigkeit, auch den Gedanken an andere Menschen, die „mühselig und beladen“ sind?

In Ihrer Todesanzeige für Frau A. haben Sie den Vers aus Psalm 39, 8 zitiert:

Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

Knapper kann man es nicht ausdrücken: Wir können uns letztlich nicht selbst trösten. Die eigenen Versuche, sich selbst zu trösten, werden leicht zu Beschwichtigungs- oder Verdrängungsbemühungen, bei denen wir unsere Gefühle bald gar nicht mehr spüren, sondern herunterschlucken. Damit werden sie aber nicht weniger belastend, sondern sie machen uns im Extremfall sogar krank.

Wirklicher Trost besteht darin, dass wir ein Gegenüber finden, bei dem wir geborgen sind, so geborgen, dass wir uns da ausweinen können und uns unserer Schwachheit nicht schämen müssen. Ein solches Gegenüber finden wir in Gott, wenn wir uns ihm öffnen im Gebet. Genau so gut kann uns aber Gottes Liebe auch in einem anderen Menschen begegnen, bei dem wir uns aussprechen können und vor dem wir uns ehrlich so zeigen können, wie wir sind, auch mit unseren Tränen oder mit Gedanken an Verantwortung und Schuld, mit denen wir nicht fertig werden.

Gott lässt uns nicht allein mit unseren Ängsten und Nöten, auch wenn wir es manchmal nicht merken, so wie es Frau A. zum Schluss nicht mehr gespürt hat. Er begegnet unserer Verzagtheit mit seiner Ermutigung, unserer Gleichgültigkeit mit dem Feuer seiner Liebe, unserer Schuld mit seiner Vergebung, unseren Zweifeln mit seiner Treue zu uns. Gott begegnet uns so, und – wie gesagt – er beauftragt uns auch, nun anderen Menschen ebenso zu begegnen, als seine Stellvertreter, seine Zeugen, Menschen, die von ihm geliebt sind und seine Liebe weitergeben können.

Darum geht es heute und in den Tagen, die vor Ihnen liegen: Abschied zu nehmen von Frau A., in der Erinnerung alles durchzuarbeiten, was belastend auf der Seele liegt, aber auch auf das zurückzugreifen, was zur Dankbarkeit herausfordert. Es geht aber nicht darum, stecken zu bleiben in fruchtlosem Grübeln über Fragen, die wir letztlich nicht lösen können.

Wir sind beschenkt von Gott mit Lebenszeit, über die wir nun im jeweiligen Augenblick verfügen. Weder Vergangenheit noch Zukunft haben wir in der Hand. Aber über den Augenblick werden wir von Gott gefragt: Wie hast du dein Leben genutzt? Ist dir bewusst, dass der Sinn deines Lebens darin besteht, im Vertrauen auf die Liebe Gottes dankbar und liebevoll zu leben? In diesem Sinne vertrauen wir nicht nur Frau A., sondern auch uns alle, die wir noch irdische Lebenszeit vor uns haben, der gnädigen Fürsorge und Führung Gottes an. Wir beten mit Psalm 39, 8 und 13:

Nun, HERR, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen.

Amen.

Herr, unser Gott, daran lass uns festhalten, dass unser Leben nicht umsonst ist vor dir. Lass uns im Vertrauen auf deine Gnade unsere Verstorbene loslassen in deine Hände und unser Leben führen. Lass uns über unserer Trauer und unseren schweren Gedanken das Gute nicht vergessen, das uns mit dem Leben von Frau A. gegeben war, und auch das, was wir ihr geben konnten. Lass uns nicht allein mit Traurigkeit und Schuld, mit Fragen und Klagen. Die Beter der Bibel, vor allem in den Psalmen und auch im Buch Hiob, haben uns vorgemacht, dass wir vor dich alles bringen können, was uns bewegt. Du bist stark genug, uns auszuhalten, auch wenn wir dich nicht begreifen, wenn wir dich anklagen, wenn wir uns von dir abwenden wollen. Wir irren manchmal umher mit unseren verzehrenden Zweifeln und unseren zaghaften Hoffnungen. Wir begreifen nicht alles, was uns geschieht. Lass unseren Lebensmut und unseren Glauben nicht zerbrechen. Hilf uns, dass wir einander zur Seite stehen und uns trösten, so gut wir können, wenn wir auch manchmal nicht mehr vermögen, als einfach schweigend zuzuhören. Amen.

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